hinter dem Blachwagen her . Der Feldscher wollte nicht aus seinem Karrenbett heraus und wurde erst barmherzig , als die Bäuerin beteuerte , das wär ' ein herzoglicher Harnischer , den Herr Heinrich in der Nacht geküßt hätte , zum Dank für kostbare Botschaft . Jetzt bekam es der Mann im Karren eilig . Einen , den der Herzog küßte , darf man nicht sterben lassen . Es dauerte lang , bis der Feldscher , seine zwei Gehilfen und die Bäuerin den Söldner wieder zum taumelndem Leben brachten . Sie setzten ihn auf den Brunnen und ließen den kalten Strahl über seinen Kopf herunterplätschern . Unter dem Gepritschel des Wassers fing Malimmes zu lallen an : » Daß mir keiner hinein ? rennt in die Stub ! Oder ich hack das Luder auf Würst zusammen . « Die viere mußten lachen , weil dieser grimmig Drohende doch selber ein bißchen wie Wurstfleisch aussah . Sein Gewand war starr von eingetrocknetem Blut . Als sie das Wams heruntergezogen hatten , gab ' s eine Heiterkeit . Denn dieser Brocken Mannsbild stak mit seinem sehnigen , rot überronnenen Leib in einem Weibsbilderhemd , das an den Achseln gehäkelte Spitzen und vor der Brust einen himmelblauen Bändel hatte . Doch hinter dem Lachen kam ein barmherziger Schreck . Während man dem Söldner das nette Hemd über den Kopf herunterschälte , kreischte die Bäuerin : » O du heilige Mutter , das ist ja kein Pfaid nimmer , das ist doch ein Sieb ! « » Flick ' s halt wieder ! « brummte Malimmes . » Ich schenk dir ' s. Da hast du was Feines für die hohen Feiertäg . « Die Bäuerin konnte nicht lachen . Auch der Feldscher , als der diesen von der Bolzenklinge zersägten Rücken und die Wunden an Schultern und Armen sah , machte ein ernstes Gesicht . » Kerl , gegen dich ist der heilig Sebastian am Marterpfahl ein unschuldigs Kindl ! Da glaub ich freilich , daß es dich umgeschmissen hat . « » So , meinst ? « Malimmes stieß ein wildes , kurzes Gelächter vor sich hin . » Die paar Kratzer ! Viel verstehst ! Mich hat ' s umgeschmissen , weil ich gesund bin . Frag einen jungen Kapuziner , wie weh das tut , allweil zu einer Heiligen beten , die ein herzliebes Weibl ist ! « Die Bäuerin guckte verwundert drein . Und der Feldscher tuschelte : » Der weiß noch allweil nit , was er redet . « Stumm nickte Malimmes . Die Morgensonne blinzelte grell zwischen den mit Purpur gesäumten Wolkenstreifen heraus , während der Feldscher wusch und Zunder schnitt und pflasterte . Dann holte er aus seinem Blachenwagen ein richtiges Mannsbilderhemd und erbat sich dafür den Dank : » Sag deinem gnädigsten Herrn ein gutes Wörtl über mich ! « Er meinte den Herzog , der den Harnischer geküßt hatte . » Mein Herr ? « Mühsam erhob sich Malimmes vom Brunnen . Hart schnaufend , spähte er in die südliche Ferne . Man sah da keine Berge , nur dunkle Wälderkämme und grauen Dunst . » Mein Herr ? « Der hohe Blachenwagen ratterte flink davon , um den verschwundenen Kriegshaufen einzuholen . Im Flur des Bauernhauses saß Malimmes auf dem Stroh . Er lauschte . In der Stube war es still . Da sagte er leise zu der Bäuerin : » Guck durchs Fenster hinein ! Und mach die Läden zu , recht still ! « Unbeweglich blieb er sitzen , bis die Alte wieder kam . » Das Bübel schlaft wie ein Iltis im Winter . « » Vergelt ' s Gott , Weibl ! « Malimmes fiel auf das Stroh zurück . » Im Haus muß Ruh sein ! Und wenn du Zeit hast , schau nach den Gäulen ! « Er tat einen müden Atemzug und drehte sich gegen die Stubenschwelle hin . Die Bäuerin holte aus ihrer Kammer ein Kissen . Als sie es brachte , schlief Malimmes schon . Sie hob seinen Kopf und schob ihm das Kissen unter den Nacken . Während der Morgen eine dunstige Sonne bekam , klang aus der südlichen Ferne ein dumpfes Murren . Das hörte sich an , als wäre in den Bergen ein schweres Gewitter , bei dem jeder Donnerschlag hinüberrollte in den nächsten . Aber man sah im Süden kein Wettergewölk , nur einen bräunlichen Rauch , der alle Höhen umschleierte . Sehr bald verstummte das Gebrumm . Doch jenes rauchige Braun wurde um die Mittagsstunde dicker und dicker ; aus dem Tal der Saalach kroch es nach der einen Seite immer weiter gegen das Salzburger Land , nach der anderen Seite immer weiter gegen den Chiemgau hin . Unter diesen braunen Schleiern rollte der Krieg aus den Bergen heraus in das ebene Land . Als der trübe Abend dämmerte , bekam der ferne Dunst eine rötliche Färbung . Sie kam vom Widerscheine brennender Dörfer und vom Feuerglanz der flammenden Haferfelder , die am verwichenen Nachmittag zu Füßen des Untersberges noch geleuchtet , hatten wie goldene Schüsseln des Friedens . Im Dunkel zwischen Abend und Nacht wurde Malimmes , der noch immer schlief wie ein Klotz , von der Bäuerin aufgerüttelt : » Jesus , Mensch , so spring doch hinaus und guck , was da los ist in der Welt ! « Im Erwachen fuhr Malimmes mit beiden Händen nach dem Mund des Weibes . » Wirst du deinen Schnabel halten ! « Er lauschte gegen die Stube . » Komm ! « Mit starren Knochen richtete er sich auf , drehte die Gelenke und streckte die Beine . Das Gehen wurde ihm sauer . Und immer spürte er etwas an seinem Hinterkopf wie das Pochen eines kleinen Hammers . Die Kopfwunde , die ihm der Hautschneider beim Hallturm zugenäht hatte , fing zu eitern an . Das machte ihn mißmutig . Doch als er draußen unter dem dichtverhangenen Himmel stand und das Glutspiel der südlichen Ferne sah , fuhr ihm ein froher Schrei aus der Kehle : » Höia ! Mein Herr ist ledig ! Die Fall ist in Scherben geschlagen . « Das ferne Gemisch von Rauch und Wolken glutete wie Abendröte , die sich versäumt hat bis in die Nacht hinein . In der matt zerflossenen Farbe sah man kleine , hellere Glutflecken . Drei lagen dicht beisammen , die Feuermale von Marzoll , Piding und Aufham . Diese Dörfer gehörten dem Herzog Heinrich - da hatten wohl die von Salzburg , der Törring und die Chiemseer den heißen Gockel fliegen lassen . Und deutlich unterschied man unter dem Gewölk zwei lange Glutgassen : Die eine züngelte gegen die Lande des Törring hin - da war wohl Herzog Heinrich dem bayrischen Oberstjägermeister hinter den Waden und machte ihm die Lehensdächer warm ; die andere streckte sich gegen den Chiemsee - da peitschte der Seipelstorfer die Chorbrüder des heiligen Peter nach Hause und brannte die Steuerbüchsen der geistlichen Herren aus . Oder umgekehrt . Man konnte unter den rötlich angestrahlten Wolken an die dreißig von diesen kleinen , helleren Glutflecken zählen . So viel leuchtende Scheinkreise da droben am Himmel waren , so viele Dörfer brannten auf der Erde . Nur dieser rotgewordene Himmel erzählte . Den Brand in der fernen Menschentiefe verdeckten die waldigen Hügel . Aber die alte Bäuerin , deren Hausdach um der Fehden ihres gnädigsten Herzogs willen schon dreimal in Feuer aufgegangen war , sah auch diese unsichtbaren Flammen , sah tausend armgewordene , schreiende , verzweifelte Menschen und fing in Sorge und Barmherzigkeit zu klagen und zu beten an , zu fluchen und hilflos zu weinen . » Ja , Weibl ! Krieg ist in der Welt ! « sagte Malimmes hart . » Und übers Jahr ist das schöne Bayerland ein Wurmloch und Äschenhaufen . Da kannst du ein Menschenherz billiger haben als einen Hennendreck . « Er ging zur Scheune . Die jammernde Bäuerin hinter ihm her . Von ihrem gnädigsten Herzog sprach sie noch immer ehrerbietig ; doch dem Ingolstädter wünschte sie die übelsten Krankheiten an den Hals . » Sind Vettersleut , die zwei Herren ! Sollten wie Brüder sein ! « » Brüder ? So ? Brüder speien einander ins Gesicht . « Malimmes trat in den Stall , in dem die Laterne brannte . Der Burghausener Falbe und der Ingolstädter hatten sich leidlich erholt , standen auf steif gespreizten Beinen , lehnten sich mit den Schultern gegeneinander und kauten einträchtig ihr ungeteiltes Heu . » Sind Viecher nit gescheiter wie Menschen ? Guck her da ! So sollt man die gnädigen Vettern aneinander halftern , bis sie friedsam fressen lernen aus der gleichen Kripp . « Er tränkte die Gäule , wusch ihre Wunden und legte Spinnweben drauf , die ihm die Bäuerin aus den Winkeln des Stalles in reichlicher Menge herbeiholte . Dann nahm er die Laterne . » Hast du was Gutes im Haus ? Jetzt muß ich für den Buben kochen . « Die Bäuerin erbot sich gleich : Das wäre doch Arbeit für eine Weiberhand . Er lachte . » Ungekostet , ich kann ' s besser wie du ! Und mein feiner Gesell hat heut ein heikliges Mäglein . Mit dem Buben sei fürsichtig , Weibl ! Sein Vater ist so reich , daß man an seinem Erbgut den Zaun nimmer sieht . « Barfüßig trat Malimmes in die stille Stube und hängte über dem Herd die Laterne an einen Balkennagel . Lautlos ging er auf das Lager zu . Jul schlief , wie Kinder schlafen , mit den Fäusten vor den Augen . Gleich einem dicken Mäntelchen lag das schwarze Haar um die heiße Wange her . Unter den Decken machten die Beine manchmal eine zuckende Bewegung . Und die nackte Schulter hatte sich ein bißchen herausgeschoben . Malimmes zog sein Wams herunter und hüllte das linde Leder achtsam über die rosige Blöße . Dann ging er zum Herd , legte dünnes Astwerk übereinander und entzündete am Laternenlicht einen Span . Das Feuerchen züngelte . Und Malimmes schürte die Flamme nur mit Reisig . Weil die Scheite krachen . Auch die Bäuerin , als sie das Beste aus ihren Schränken : brachte , mußte barfuß gehen . Kein Wort durfte sie reden . Aber während sie zuguckte , wie geschickt und reinlich Malimmes kochte , mußte sie doch in ihrem Staunen flüstern : » Von dir kann ein Weibsbild lernen . Nit ein einzigsmal hast du beim Kochen die Näs mit der Hand geputzt . Allweil mit dem Ärmel . Und , den Kopf hast schön auf die Seit getan , daß kein Schweißtröpfel nit in die Supp fallt . « » Das hab ich dem Hofkoch des deutschen Königs abgeschaut . Der hat ' s allweil so gemacht , solang er nit allein in der Kuchl gewesen ist . « Malimmes machte es aber auch so , nachdem er die Bäuerin aus der Stube geschickt hatte . Und als der Würzwein dampfte und die reichliche Mahlzeit fertig war , ging er zum Lager hin , ließ sich etwas sperrig auf den Lehmboden nieder und schob seinen Arm unter den Nacken des schlummernden Gesellen . Jul tat die großen , blauen Augen auf und fragte : » Ist er schon da ? « » Noch nit . « Lächelnd verschluckte Malimmes einen Tag . » Ist ja noch allweil Nacht . Vor Abend kann der Bauer nit kommen . Der reitet im Häuf . Da geht ' s nit so geschwind wie bei uns . Auch mußt du dich richtig ausschlafen , eh du wieder in den Sattel kommst . Jetzt mußt du essen und trinken . Ist alles schon fertig . Und ich mein ' , nit schlecht . Ich selber hab aufgekocht . « Erschrocken fragte Jul . » Hast du denn nit geschlafen ? « » Ein lützel , freilich ! Wenn wir gegessen haben , streck ich mich gleich wieder auf die Haut . Jetzt hab ich kochen müssen . « Da legte Jul den nackten Arm um den Hals des Malimmes und schmiegte die Wange an seine Schulter . » Wie ein Bruder bist du zu mir ! « Ein müdes Lächeln . » Nit ganz . « Er wollte den halb noch Liegenden aufrichten und das lederne Wams fortschieben . Der Bub hielt es fest an seinem Hals . » Geh « , sagte Malimmes , » das ist , doch mein Kittel . Den mußt du wegtun . Ich sorg , er stinkt ein lützel nach - « Fast wäre ihm das herausgefahren : » Nach Schweiß und Blut . « Doch er sagte : » Nach meiner Reitermüh . « Jul sah den Söldner an , mit einem herzlichen Glanz in den Augen . Und plötzlich drückte er in stummer Dankbarkeit das Gesicht auf dieses mürbe Leder . Malimmes erhob sich schweigend und ging zum Herd . Seine Hände zitterten , während er die heiße Suppe aus dem irdenen Hafen in die zinnerne Schüssel goß . Dabei sagte er ruhig : » Ich mein ' , du solltest dich ein lützel anziehen . Die Nacht ist kühl . Ich rühr derweil das Ei in die Supp . « Nach einer Weile sagte Jul : » Kannst schon kommen . « Er saß auf dem Lager , in Wams und Reithosen , mit nackten Füßen . Lachend fragte Malimmes : » Was machen die Knöchelen ? « » So viel gut ist mir . « » Gelt , ja « Der Söldner zog einen dreibeinigen Schemel vor das Lager hin und stellte die Schüssel drauf . Nun hockten sie bei dem zitternden Schein des kleinen Feuers nebeneinander , löffelten die Suppe und aßen Brot und geschmortes Rauchfleisch . Da sagte Jul , ganz leise : » Die drei schneidigen Streich , die du mir auf den Rucken gegeben hast ? Wie kommt das , Malimmes ? Mir ist gewesen , als tät ich jäh wieder aufleben . « » Ja , das ist seltsam ! Gelt ? Warum das so ist , das weiß ich nit . Aber helfen tut ' s. Nie , wenn einer Wunden hat . Bloß allweil , wenn kein Blut geronnen ist , und wenn einer vor Schwäch verscheinen will . So hab ich schon oft wieder einen lebig gemacht . Das hat mir einer gewiesen einmal , im Ungerland , einer , der in Jerusalem gewesen ist . « Malimmes griff nach dem Nacken des Jul . » Spürst du das Plätzl , wo ich den Daumen hab ? « » Wohl . « » Das tu dir merken ! Von da mußt abwärts zählen um sieben Wirbel . Dort ist das Fleckl , wo man hinschlagen muß , dreimal , fest und schneidig . « Malimmes dämpfte die Stimme . » Dir sag ich ' s , Bub ! Das ist ein kostbar Ding . Ich hab ' s noch keinem verraten . Du bist der einzige , dem ich ' s gönn . « Mit großen Augen , wie berührt vom Hauch eines alten Geheimnisses , sah Jul den Söldner an und sagte tief atmend : » In dir ist viel , was stark ist . Du solltest Medikus werden und allweil helfen . « Malimmes schüttelte streng den Kopf . » Jeder ist der Hilf nit wert . « Er lachte scharf . » Oft hat ' s ein Gutes , wenn dem Erdboden leichter wird . « Staunen und Kümmernis waren in den Augen des Buben . » Du pst aber gar nit reden , wie - « » Wie wer ? « » Wie ein Christ . « » Und du nit wie ein Mannsbild . « Lächelnd faßte Malimmes das Gesicht des Jul zwischen seine schweren Hände , mit einem linden Griff , und sagte zärtlich : » Bist nit die erste , die mich schilt . Und wirst nit die letzte sein . Aber komm - « Er trug das Geschirr zum Herde . » Jetzt kriegst du den Würzwein . Nachher mußt du wieder schlafen . Aber magst du nit erst ein paar hundert Schrittlein machen draußen in der frischen Luft ? Brauchst die Reitstiefel nit antun . Da stehen der Bäuerin ihre Schlorpen . Und draußen ist trücken Wetter . « Als Malimmes dem Buben die plumpen Patschen unter die schöngeformten Füße schob , sagte er lustig : » Guck ! Da haben sich jetzt zwei weiße Mäuslein verschloffen , jedes in einem Kälberstall . « Der Bub , dem ein dunkles Erröten über die Wangen geflossen war , legte dem Söldner die beiden Hände auf die Schulten . » Wenn alle Unchristen sind wie du , so müssen sie auch in den Himmel kommen . « Er nahm den Mantel des Malimmes um , ging zur Tür und trat in die Nacht hinaus . Der Söldner blieb auf den Knien liegen , sah die Tür an und schmunzelte . Dann begann er vorsichtig an seinem Hinterkopf herumzutasten und verzog das Gesicht ein bißchen . » Ui , da ist Butter drin ! « Langsam erhob er sich , schüttelte das Lager des Buben auf , nahm einen festen Trunk von dem Würzwein , füllte die kupfernde Schale wieder und stellte sie auf den dreibeinigen Schemel hin . Mit Sorge in den Augen kam Jul zur Türe herein . » Du ! Der ganze Himmel ist rot , gegen das Bergland hin . « » So ist ' s oft am Morgen , im Flachland , wenn das Wetter umschlagen will . Du , vom Bergland , du kennst das nit . « Jul atmete erleichtert auf . » Aber komm ! Dein Bett ist wieder lind . Und trink fest ! Da schlafst du bald ein . « In den Kleidern streckte der Bub sich auf das Lager hin . Und trank . Und ließ sich zurückfallen auf das Kissen . Malimmes blieb sitzen bei ihm . Ein langes Schweigen war , während auf dem Herd das kleine Feuer in Glut versank . Plötzlich sagte der Bub wie mit erwürgtem Schrei : » Allweil muß ich denken an ihn . « » Sorg brauchst du um den Bauren nit haben . « Malimmes lächelte . » Mit der Sonn ist der Herzog in Piding . Und alles ist gut . Da sind die Feindlichen und die Bayrischen einander gleich , nehmen Vernunft an und reden den Frieden aus . « » Wenn ich seh , wie ruhig du bist , kann ich auch wieder schnaufen . « » Gelt ja ? Und komm , trink wieder ein Schlückl ! « Malimmes hob dem Buben die Schale an den Mund . Als er sie wieder auf den Schemel stellte , fragte er : » Denkst du neben dem Bauren nit auch noch an wen ? « Nach einer Weile die leisen Worte : » Wohl ! An unsere Leut ! « » Ich hab mir eh gedacht , daß du an die nit vergessen wirst . « Wieder ein langes Schweigen . Dann umklammerte Jul die Faust des Malimmes . » An alles , wie ' s gewesen ist am Abend , kann ich mich nimmer besinnen . Aber eins ist allweil in mir . Allweil hör ich einen Namen . Aschacher , Aschacher , Aschacher ! Hast du den Namen nit auch gehört ? Gestern ? Beim See von Waging ? Aschacher , Aschacher , Aschacher ! So hat in Schmerzen ein Mensch geschrien , ich weiß nit , wer . « Malimmes schüttelte den Kopf . » Ohren hab ich doch auch . « Tiefer Ernst war in seiner ruhigen Stimme . » Nein , Bub , das mußt du geträumt haben . « Leis sagte Jul : » Kann sein . Weil ich an den Namen Hartneid Aschacher allweil denken muß , derzeit ich ein Kind gewesen . « Er atmete schwer und schloß die Augen . Die Schmeerkerze in der Laterne hatte einen dicken Räuber und brannte trüb . Aber die Kohlen glühten . Und in diesem rötlichen Dunkel sah Malimmes die Tränen , die von den geschlossenen Lidern des Jul herunterkollerten über das strenge Knabengesicht . Schweigend erhob sich der Söldner , holte von der Fensterbank den zierlichen Helm mit den geknickten Reihergranen , mit der schweren Dulle und dem aufgezwickten Stirnblech - und stellte ihn neben das Kissen des Buben hin . Jul fuhr auf . Doch er schwieg . Nur die großen , erschrockenen Augen fragten . » Weißt « , sagte Malimmes , » ich stell ihn bloß her . Sonst tust du dich am End wieder sorgen drum . « Er nahm die Laterne vom Nagel , setzte sie auf den Boden hin und holte sein Wams . » Jetzt geh ich schlafen . Gut Nacht , Gesell ! « » Schlafst du nit in der Stub ? « » Die Bäurin gibt mir die Sohnkammer . Da lieg ich besser . « Er wollte in sein Wams schlüpfen , zog den Arm wieder heraus , ging auf das Lager zu , rüttelte an dem groben Linnen seines weitfaltigen Hemdärmels und sagte vorwurfsvoll : » Weil du allweil so ungläubig bist - da , greif her - ist das ein Weibsbilderpfaid , oder ist das ein Mannsbilderhemd ? « Ein Laut , kaum hörbar : » Geh , du ! « Und schweigend drehte Jul das Gesicht auf die Seite . » Also ! « Malimmes warf das Wams über die Schulter , griff nach der Laterne und nahm den Bidenhänder aus der Stube mit hinaus . Sobald die Türe geschlossen war , zog Jul mit hastigem Griff das übel zugerichtete Eisenhütel bis dicht an die Kissen her , ließ die Hand auf ihm liegen und schloß die Augen . Er schlief bereits , als Malimmes - der noch im Stall gewesen und über die finstere Straße hinausgelauscht hatte - vor der Stubentüre sein Strohlager aufschüttete . Der Söldner hatte eine unruhige Nacht . Wenn ihn die Sorge nicht weckte , machte ihn das Blutpochen an seiner schwärenden Wunde munter . Auf dem Hinterkopf konnte er nimmer liegen ; da spürte er jeden Strohhalm wie ein Messer . Noch unbehaglicher war ihm das Liegen auf dem Bauch . Als der Morgen nur ein bißchen zu grauen anfing , stand er auf und hielt den Kopf zehn Vaterunser lang unter den Brunnenstrahl . Dann musterte er den Pack , in dem die Bäuerin das neue Wehrzeug für den Buben aus des Herzogs Rüstkammer gebracht hatte . Die Bäuerin hatte kein so gutes Augenmaß bewiesen , wie es Malimmes besaß . Am übelsten gefiel ihm der plumpe Küraß . » Gotts Teufel , da wird der Bub drin ausschauen wie ein Häslein im Wolfsmagen . « Lautlos hob er das Rüstzeug durch das Fenster in die Stube hinein , auf die Mauerbank und drückte den Laden wieder zu . Während aus dem niedrig hängenden Graugewölk ein kühles Nebelreißen herunterging , trieb Malimmes den Gäulen die Starrheit aus den Gelenken . Er führte sie an den Halftern auf der Straße hin und her , zuerst im Schritt , dann ließ er sie traben und galoppieren . Es ging . Wieder in den Stall . Er legte das Sattelzeug auf die Gäule . Wo er sie anrührte , schütterten sie mit der wehleidig gewordenen Haut . Und immer ließen sie die Wunden zittern , um die Fliegen von den Blutkrusten zu scheuchen . Zuerst ritt Malimmes den Falben . Als er auf der Straße schon ein paarmal gewendet hatte , verhielt er plötzlich den Gaul und spähte scharf in die hell gewordene Ferne . Im Galopp zur Haustür hin , ein Schwung aus dem Sattel , ein Griff nach dem Bidenhänder , wieder auf den Gaul , der Straße zu - und jetzt , mit dem Eisen in der Hand , jetzt glaubte Malimmes seinen Augen . Die Reiter , die da geritten kamen , an die vierzig oder fünfzig , brachten keine mordlustige Kriegerseele mit . Sehr friedfertig ritten sie einher , bei gemütlichem Schritt der müden , reichlich verpflasterten Gäule . Keine Waffe blitzte , und kein Harnisch funkelte . Der Glanz des Eisens , das sie trugen , war erloschen unter Staub , Morast und Blutrost . Die meisten hatten ihre Eisenhüte am Sattel hängen . Und neben den bunten Farben der Mäntel und Wämser war sehr viel Weiß zu sehen : Stirnverbände , Backenbinden , Schulterwülste , Armschlingen und Kniebauschen . Die vierzig oder fünfzig , die da kamen , waren Spittelreiter , die der Herzog nach Burghausen schickte . Malimmes ließ den Falben ein paar Sprünge machen , hob den Bidenhänder und schrie mit gellender Stimme den Namen seines Herrn . Im Reiterschwarm antwortete eine rauhe Kehle , ein Arm erhob sich . Lachend warf Malimmes den Bidenhänder auf den Rasen , sprengte zum Fenster hin und rief in die Stube : » Bub ! Auf ! Der Bauer kommt . « In der Stube ein erstickter Freudenlaut . » Tu dich rüsten ! Steht alles auf der Bank , was du brauchst . Das Eisenhütl häng an den Arm ! Das mußt nit aufsetzen . Es tät dich kratzen . Tummel dich ! Ich reit dem Bauer entgegen . « Er ließ den steifbeinigen Falben im feinen Geriesel des Regens über die Straße hinausklappern . Runotter , völlig gerüstet , den rechten Arm in einer breiten Leinenschlinge , kam auf dem starr hopsenden Schimmel dem Schwarm der anderen voraus . Die erste Frage des Malimmes war : » Herr ? Sind am Arm die Flaxen noch ganz ? « » Wohl . Der Knochen hat ausgehalten . Sechs Wochen , meint der Feldscher . « Die heißen Augen des Bauern suchten . » Wo ist der Bub ? « » Der lacht . Wird gleich bei dir sein . « Runotter atmete tief . » Vergelt ' s Gott ! « Dann ritten sie nebeneinander zu dem einsamen Bauernhaus . Der brennende Glanz in den Augen des Runotter schien dem Malimmes nicht zu gefallen . Er fragte in einer seltsamen Spannung : » Herr ? Hast du heut schon wieder den Krug gelupft ? « » Heut bin ich nüchtern . Und gestern hab ich gelobt , daß ich außer lauterem Wasser keinen Tropfen nimmer trink , eh mein Krieg nit zu End ist . « Die Augen des Malimmes erweiterten sich . » Dein Krieg ? « » Mein Krieg ! Wohl ! « Das erschöpfte Gesicht des Bauern spannte sich zu einer Strenge , die wie Andacht war . Und seine Stimme dämpfte sich . » Lus , Malimmes ! Gestern , im Gefecht bei Aufham , bin ich dem Chorherren Hartneid Aschacher begegnet . « » Hab mir ' s eh schon gedacht . « » Achtzehn Jahr ist ' s her . Heut schaut er anders aus . Mir hat ' s ein Zittern in meiner Seel gesagt : Der ist ' s ! Und wie ich das Eisen auflupf , krieg ich von einem anderen den Streich auf den Arm da . Der Aschacher ist mir entronnen . Malimmes ! Jetzt weiß ich , warum Krieg ist . Daß ich den Hartneid Aschacher wieder find . « Ein Schauer des brennenden Zornes , der in dieser Stimme zitterte , faßte auch den Malimmes . Doch er zwang sich zu einem heiteren Wort : » Freilich ! Wenn nur jedes Häfelein seinen Deckel findt . Nachher ist die Welt so gut eingerichtet , daß sie der Herrgott nimmer besser hätt machen können . « Er wurde wieder ernst . » Verschweigt vor dem Buben ! Der hat ' s eh schon im Wind gehabt . Ich hab lügen müssen . « Der Bauer verhielt den Gaul . » Lügen ? « » Bei dem Schwarm , der uns fürgestern vor dem Waginger See in den Weg gerumpelt ist , muß der Aschacher gewesen sein . Ich hab einen adligen Jungherren in den Graben hinuntergeschlagen . Der hat mit einer süßen Stimm gekreistet : Aschacher , hilf mir ! - Der und der Aschacher ? Brüder sind das nit gewesen . « » Ich versteh nit . Was meinst ? « » Sei Kriegsknecht an die achtzehn Jahr lang , nachher verstehst du schon . Einmal , da hab ich auch nit verstanden . Und bin neugierig worden . Im Clevischen . « Malimmes plusterte ein bißchen den Hals . » Aber du kommst allein ? Wo sind die unseren ? « Erst nach einer Weile gab der Bauer Antwort . » Ich weiß nit . Der Altknecht ist nimmer nachgekommen . Dem Heiner haben sie im ersten Anlauf den Gaul erstochen . Kann sein , die zwei haben sich durchgeschlagen mit den Spießknechten . Kann sein , sie haben saufen müssen - von meiner Treu . Gott soll sie gnädig haben . Jetzt geht ' s über alles weg . Bis ich den Aschacher find . « Von der Bauernstube klang der heiße Schrei einer Mädchenstimme . Doch aus der Haustür kam ein schlanker Bub in schwerem Eisen heraus . Und während Runotter aus dem Sattel stieg , mußte Malimmes lustig lachen , weil Jul in diesem plumpen , unpassenden Wehrzeug aussah wie ein junger Vogel , der mit kurzem Hals aus dem Kobel guckt . Jul und Runotter standen Hand in Hand ; nur ein paar Worte sprachen sie ; ihre Augen redeten ; und das Gesicht des Buben war weiß wie Linnen , als seine Finger über die Armbinde des anderen herunterstrichen . Malimmes klaubte in Hast sein Zeug zusammen , hängte die Eisenschaller an seinen Arm , gab der Bäuerin die paar Silberbleche , die er im Hosensack hatte , und holte den Ingolstädter aus dem Stall . Auf der Straße kroch der Zug der Spittelreiter vorüber ; die meisten saßen stumm und gebeugt im Sattel ; nur wenige schwatzten ;