in Winnetou , dem gedankentiefsten , dem edelsten der Indianer . Nun war er tot , und die Seele seiner Rasse war gestorben . So glaubte ich , ich Tor ! « Er hielt inne , schaute eine kleine Weile durch das Fenster , welches ich geöffnet hatte , und fuhr dann fort : » Es kamen helle , sonnige Tage . Die Stimme des Lebens drang wieder zu mir herein . Und wo ich sprechen hörte , sprach man von Winnetou . Er lebte . Er kam vom Hancockberg , wo er erschossen wurde , über Prärien , Täler und Berge in seine Heimat zurück . Immer näher und näher . Er war nicht tot . War er überhaupt gestorben ? Seine Taten wachten auf . Seine Worte wanderten von Zelt zu Zelt . Seine Seele wurde laut . Sie begann zu sprechen , zu predigen . Sie schritt durch die Täler . Sie stieg auf die Berge . Sie kam zu uns herauf , zum Berg der Medizinen . Sie kam zu mir herein , und als ich sie erkannte , da war es zwar die Seele Winnetous , zugleich aber auch die Seele seines Stammes , seines Volkes , seiner Rasse . Sie ließ sich bei mir nieder . Ich hörte sie täglich und stündlich . Zu allen Türen , zu allen Luken , zu allen Oeffnungen drang der Name Winnetou zu mir herein . Er war im Munde aller roten Nationen . Er wurde zur Turmesflamme , die über die Savannen und über die Berge leuchtet . Wer Gutes , Reines und Edles wollte , der sprach von Winnetou . Wer nach Hohem , nach Erhabenem trachtete , der redete von ihm . Winnetou wuchs zum Ideal . Er ist die erste geistige Liebe seiner Rasse ! Ich lernte viel begreifen , was ich früher nicht begreifen konnte . Ich lernte , still und ruhig sein , wenn ich oft und oft Old Shatterhand neben Winnetou nennen hörte . Ich stieg zu der Erkenntnis empor , daß diese beiden unzertrennlich sind im großen Menschheitsgedanken . Trat ich dann in Stunden inneren Kampfes in dieses Zelt , in dem ich jetzt zu euch spreche , so sah ich Winnetou seelisch vor mir stehen , wie er das Kalumet in die Schale legte und seine Hand zum Schwur erhob , sie ohne seinen Bruder Shatterhand nicht wieder zu berühren . « Wieder machte er eine Pause . Wir hörten ferne Stimmen durch das offene Fenster klingen . Sie stiegen von der Stadt herauf . Es waren Begrüßungsrufe . Tatellah-Satah ging hin , schaute hinab und sagte : » Es sind Häuptlinge angelangt ; sie tragen den Federschmuck . Wer sie sind , werden wir bald erfahren . « Dann kehrte er zu uns zurück und fuhr fort : » Nie habe ich so deutlich wie jetzt , in diesem Augenblick , gefühlt , daß Winnetou noch lebt . Old Shatterhand kam über Land und Meer herüber , und es geht von ihm eine geheimnisvolle Bestätigung aus , daß es für seinen roten Bruder nicht die alten , lügenhaften ewigen Jagdgründe gibt , die nur für die Herdenmenge erfunden waren . Ich habe Old Shatterhand geschrieben . Ich habe ihn gebeten , zu kommen , um seinen Bruder Winnetou zu retten . Aber ich bin überzeugt , daß Old Shatterhand sehr wohl weiß , von wem diese Bitte ausgegangen ist : nicht von Tatellah-Satah , sondern von Winnetou , von der Seele der roten Nation , die von ihren eigenen Söhnen niedergerungen und erstickt werden soll . Sie will empor ! Sie will fliegen lernen ! Sie will nicht nur essen und trinken und daran verhungern , sondern sie will mehr . Sie will Teil haben an allem , was Manitou der ganzen Menschheit gab , nicht nur einzelnen Nationen . Sie will nicht länger Kind bleiben , denn wehe dem Volke , welches sich sträubt , mündig zu werden ! Sie will wachsen . Da aber eilt die Torheit der Unverständigen herbei , dem Kinde vorzulügen , daß es ein Mann , ein Held , ein Riese sei , und diese Lüge in Erz und Marmor zu verewigen . Das ist ein Mord , und , da er von Personen unserer eigenen Rasse ausgeht , eine Vernichtung unserer selbst . Das kann Tatellah-Satah nicht dulden , und das darf auch Old Shatterhand nicht dulden ! Ich bin so froh , so glücklich , daß er gekommen ist , uns seine Hand zu bieten . Er sitzt zu meiner Rechten , wie damals Winnetou . Es drängt mich , zu denken , er sei wirklich Winnetou . Und ebenso sei unsere weiße Schwester keine andere als Nscho-tschi , der Liebling unseres Volkes . Ich bin Tatellah-Satah , der Bewahrer der großen Medizin . Ich heiße euch willkommen . Ich fühle tief in mir die Nähe dessen , den ich liebte , wie ich keinen andern liebte . Er sehe und höre , daß heut ' sein Schwur in Erfüllung geht . Old Shatterhand ist hier . Ich habe ihn gehaßt ; nun aber liebe ich ihn . Er sei mein Bruder , wie ich der seine bin . Das Kalumet unseres Winnetou soll es bezeugen ! « Er griff nach der Pfeife , füllte sie , setzte sie in Brand , tat die sechs ersten Züge , blies den Rauch nach oben , nach unten und nach den vier Himmelsrichtungen , sprach die gebräuchlichen Formeln dazu und reichte dann mir die Pfeife . Ich stand auf und sprach : » Ich grüße meinen Winnetou , und ich lausche dem Erwachen seines Volkes . Ich war stets er , und er war stets ich . So sei es auch heut , und so bleibe es immerdar ! Dies genug der Worte ; lassen wir Taten sprechen ! Die Zeit dazu ist schon heut ! « Hierauf tat ich dieselben sechs Züge und gab dem Medizinmann das Kalumet dann wieder . Er reichte es dem Herzle und sprach : » Nimm du es hin , wie unsere Nscho-tschi ! Sie spreche jetzt zu uns aus deinem Munde ! « Das war eine große Ehre . Ich freute mich darüber , doch nicht ohne eine kleine Bangigkeit . Sie sollte sprechen ! Was würde sie sagen ? Und sie sollte rauchen ! Den scharfen , mit Sumach vermischten Tabak ! Sie hatte nur ein einziges Mal in ihrem Leben geraucht , zum Scherz , eine halbe Zigarette . Sie schaute mich an und las in meinen Augen die Warnung : » Herzle , ich bitte dich um Gottes willen , blamiere mich nicht etwa ! « Sie aber lächelte zuversichtlich , nahm die Pfeife , stand auf und sprach : » Ich liebe Nscho-tschi die Tochter der Apatschen . Ich kam an ihr Grab und betete . Da fühlte ich , daß es kein Grab , kein Tod , keine Leiche sei . Nur Ueberflüssiges verwest ; alles andere aber bleibt . So wie sie , schwand auch dein Volk ; seine Seele aber blieb . Und , seid ihr stark genug , so wird sie sich den neuen , herrlichen Körper schaffen , der ihr schon längst gebührte . Gib mir dein Herz , o Tatellah-Satah ; das meinige ist schon dein eigen ! « Sie tat mutig alle sechs Züge und gab die Pfeife dann zurück . Als sie sich wieder niedersetzte , hatte sie feuchte Augen ; aber es war nicht zu unterscheiden , ob es die Rührung oder eine Folge des Tabaks war . Hierauf bekam auch der » junge Adler « das Kalumet . Er erhob sich und sprach : » So weit die Erde reicht , ist jetzt eine große Zeit . Doch ist diese Zeit nicht vollendet ; sie steht nur erst im Werden . Sie ist noch jung ; sie hat sich zu entwickeln , und wir mit ihr . Die Menschheit steigt zu ihren Idealen auf . Steigen auch wir ! Bleiben wir nicht unten , wie bisher ! Schon regt der junge Adler seine Schwingen . Fliegt er dreimal um den Berg , so fährt der rote Mann aus dem Scheintode auf , und der Tag , der ihm gehört , bricht heran ! « Auch er tat die vorgeschriebenen sechs Züge und gab das Kalumet dann an den » Bewahrer der großen Medizin « zurück . Dieser hatte es langsam auszurauchen , ohne daß weiteres dabei gesprochen wurde . Hierauf war die Zeremonie vollendet . Tatellah-Satah geleitete uns nach dem erstbeschriebenen , großen Raume mit den vielen Friedenspfeifen . Da zeigte er auf einen dort wartenden , riesenhaften Indianer und sagte : » Das ist Intschu-inta25 , euer Diener . Er wird euch nach eurer Wohnung führen . Er sagt euch alles , was ihr wissen wollt . Er war der Liebling Winnetous . Sei er nun auch der eurige ! Nur einmal bitte ich euch , meine Gäste auch beim Essen zu sein , nur heut am ersten Tage , in einer Stunde ; dann aber seid ihr stets und in allem frei , könnt aber zu mir kommen , so oft es euch beliebt . « Er reichte uns die Hand und zog sich dann zurück . Wir gingen zunächst nach dem Hof hinab , wo wir unsere Pferde gelassen hatten . Da stand aber nur der Hengst des » jungen Adlers « und das Maultier , welches sein Paket trug . Er stieg auf und ritt davon , hinauf nach dem Wachtturm , der ihm zur Wohnung angewiesen war . Unsere Pferde und Maultiere waren , wie wir von Intschu-inta erfuhren , von Pappermann nach unserm Quartier geführt worden , wohin wir ihnen jetzt nachfolgten . Intschu-inta war , wie bereits gesagt , ein wahrer Hüne von Gestalt , gewiß schon über 60 Jahre alt , doch von noch jugendlicher Rüstigkeit . Ein wahrheitsliebender , treuer , stolzer Charakter . Wenn er als unser » Diener « bezeichnet worden war , so war er das freiwillig . Es hatte nichts mit dem Begriff der Unterordnung , der Gehorsamleistung zu tun . Er war trotzdem in jeder Beziehung sein eigener , selbständiger Herr . Er führte uns durch die schon erwähnten Tore nach dem zweiten , dritten vierten , fünften und sechsten Innenhof . Das dort stehende Gebäude war für uns bestimmt , ganz allein nur für uns . » Es ist Winnetous Haus , « erklärte uns das » Gute Auge « . » Wohnte er da ? « fragte ich . » Stets , so oft er kam , « antwortete der Diener . » Die Räume , in denen Old Shatterhand wohnen wird , sind noch ganz genau so , wie sie von Winnetou verlassen wurden , als er zum letzten Male hier war . Wenn Intschu-tschuna kam , wohnte er bei seinem berühmten Sohne . Und ebenso Nscho-tschi . Unsere weiße Schwester wohnt in den Stuben , welche von der schönen , gütigen Schwester Winnetous bewohnt worden sind . « Auch dieses Gebäude hatte Balkone vor den schmalen Schartenöffnungen der Mauerfronten . Infolge der hohen Lage mußte es da einen noch weiteren Fernblick geben als unten bei Tatellah-Satah . Unsere Pferde und Maultiere waren in einem stall- oder schuppenartigen Nebengebäude untergebracht . Wir aber stiegen die Treppe zu den Wohnräumen empor und gelangten da zunächst in eine große , indianisch ausgestattete Stube , in welcher hohe Tongefäße zum Waschen standen . Es gab da zahlreiche Sitze verschiedener Art und auch eine Platte mit Friedenspfeifen . » Das ist der Empfangssalon , « lächelte das Herzle . Die Wände waren mit allerlei Waffen ausgestattet . Ich sah einige Messer , Pistolen und Flinten , die ich kannte . Sie hatten Jagdgenossen von uns gehört . Der Diener führte uns durch das ganze Gebäude . Es hätte bequemen Raum für 30-40 Gäste gehabt , und ich müßte mehrere Druckbogen füllen , um die Einrichtung und Ausstattung auch nur einigermaßen zu beschreiben . Darum unterlasse ich das jetzt , zumal ich später , wenn ich » Winnetous Testament « veröffentliche , auf dieses Haus und seine Räume zurückzukommen habe . Mit welchen Gefühlen ich die drei nebeneinanderliegenden Stuben betrat , welche den Zweck gehabt hatten , Winnetou zum eigentlichen Gebrauch zu dienen , kann man sich wohl denken . Links lag die Schlafstube . Hieran stieß die bedeutend größere Wohnstube . Hierauf folgte die ebenso große Arbeitsstube . Aus jedem dieser drei Räume konnte man hinaus auf den Balkon treten , um die herrliche Aussicht , die sich da bot , zu genießen . In der Schlafstube gab es ein sehr weiches , sehr hohes und außerordentlich sauberes Lager von Fellen und Decken . Hierzu einige Wassergefäße zum Waschen und Trinken , weiter nichts . Die Wohnstube war halb europäisch , halb indianisch eingerichtet . Es gab niedrige und hohe Sitze , niedrige und hohe Tische . Auf diesen Tischen lag und an den Wänden hing gar mancher Gegenstand , den ich kannte , weil er von mir stammte . Darunter zwei Photographien , die ich für gut getroffen gehalten hatte . Jetzt waren sie ziemlich verblichen . An der einen Wand hingen wohl gegen 20 Blätter mit Versuchen , diese Photographien nachzuzeichnen . » Er muß dich doch sehr , sehr lieb gehabt haben ! « sagte das Herzle , indem sie diese Blätter eingehend betrachtete . » Seine Hand ist nicht talentlos gewesen . Er traf , war aber ungeübt , noch nicht einmal Schüler ! Es ist das so außerordentlich rührend ! « In der Arbeitsstube stand - - ein Schreibtisch , ja , wirklich ein Schreibtisch , mit Kästen , Federn , Tinte und vielem Papier . Die Tinte war eingetrocknet . Hier hatte er , der Herrliche , sich im Schreiben geübt . Hier war er , der Bändiger der wildesten Pferde , der Meister im Gebrauche einer jeden Waffe , auf die Jagd nach orthographischen Schnitzern gegangen ! Mein lieber , lieber , mein einziger Winnetou ! Und hier hatte er die bedeutsamsten Kapitel seines » Testaments « geschrieben , dessen Veröffentlichung mir übertragen worden ist ! Auch anderes hatte er hier gearbeitet , mit Messer und Zange , mit Hammer und Feile , sogar mit Nadel und Zwirn ! Nichts war ihm zu niedrig und zu klein gewesen . Sogar eine Ledermappe zu machen , hatte er versucht . Als ich sie öffnete , lag ein einziges Blatt darin . Darauf stand in großen Buchstaben geschrieben : » Charly , mein Charly , wie liebe ich Dich ! « Und als ich es umwendete , war auch die andere Seite beschrieben , doch klein und wie mit zitternder Hand : » Charly , ich sterbe für Dich . Ich weiß es , ich weiß es ! Dein Winnetou . « Intschu-inta stand dabei und sah , daß das Herzle , als wir das lasen , weinte . Auch mir stand ein Tropfen im Auge . Er , der starke Mann , drehte sich um und fuhr sich mit der Hand ins Gesicht . » Es ist hier alles so sauber ! Grad als ob er erst vor einer Stunde hier gewesen sei ! « sagte sie . » Wer hat hier auf Ordnung gehalten ? Wer hat gewischt ? « » Ich , « antwortete er . » Wann ? « » Jeden Tag . « » Seit wann ? « » Seit er zum letzten Male hier war . « » Diese lange , lange Zeit ? Jeden Tag ? Trotzdem er nicht mehr kommen konnte ? Trotzdem er nicht mehr lebte ? « Da schüttelte er leise den Kopf , lächelte ebenso leise und antwortete : » Er sagte stets , es gäbe keinen Tod ; das habe ihm sein Bruder Shatterhand versichert . Und ich glaubte ihnen beiden . Ich glaube es auch noch heut . « Er strich mit der Hand über den Lederanzug , der da an der Wand hing , und fuhr fort : » Diese Leggins und diese Jacke trug er stets , wenn er die Absicht hatte , die Wohnung nicht zu verlassen . Bin ich hier allein , so ist es mir oft , als höre ich die Lederfalten dieses Anzuges rauschen . War das Winnetou ? Ging er unsichtbar hinter mir vorüber ? Wenn ich hier eintrete , ist es mir oft , als stehe er da draußen auf dem Altane , die Hände gefaltet , um zu beten , wie er zu tun pflegte , wenn ihn eine Sehnsucht oder ein Leid bewegte . Er nannte mich seinen Freund ; ich aber war stolz darauf , mich seinen Diener nennen zu dürfen . Ich legte ihm die Hände unter die Füße und wäre tausendmal gern für ihn gestorben . Aber er hat sterben müssen . Denn nicht sein Leben , sondern sein Tod hat alle Stämme der Apatschen und alle roten Völker aufgeschreckt , doch endlich die Augen zu öffnen und einzusehen , wie köstlich das Leben eines einzelnen Menschen ist , um wie viel köstlicher und unersetzlicher also das Leben einer ganzen Nation , einer ganzen Rasse ! Wir waren blind . Wir sind nun sehend geworden ! Wie habe ich ihn lieb gehabt , wie lieb , wie unendlich lieb ! « Und plötzlich stand er vor mir , faßte meine Hand und bat : » Nimm seine Stelle ein ! Nimm sie ein ! Nicht nur hier im Hause , sondern auch hier bei mir ! « Er klopfte sich an die Brust . Dann nahm er auch das Herzle an der Hand und fuhr fort : » Und dich flehe ich an , sei uns Nscho-tschi ! Sprich zu den Frauen , die sich hier versammeln wollen ! Führe sie nicht zu Worten , sondern zur Tat ! Tatellah-Satah ist Priester , aber nicht Krieger . Bedenkt das wohl ! Darum war es die Sehnsucht unseres großen Winnetou , seinen weißen Bruder in dieses Haus zu leiten . Die Seele , die hier erwacht , braucht Schutz und Schirm vor ihrem eigenen Volke . Sie hofft auf euch , auf euch ! « Siebentes Kapitel Kämpfe Der Mount Winnetou liegt im südlichen Winkel zwischen Arizona und Neumexiko . Die dortigen freien Indianer erkennen keine Regierung über sich an . Das » Komitee des Denkmales für Winnetou « war so pfiffig gewesen , sich an den Vereinigten-Staaten-Kongreß zu wenden , und hatte die Erlaubnis erhalten , » am Mount Winnetou eine Stadt namens Winnetou anzulegen , dem einstigen Häuptling der Apatschen dort ein Denkmal beliebiger Höhe und beliebigen Umfanges zu setzen und alle Einrichtungen zu treffen und alle Bauten vorzunehmen , die zur Erreichung dieser löblichen Zwecke nötig sind . « So lautete die Genehmigung , welche der betreffende Delegierte ihnen erwirkte . Hierauf hin hatten sie ihr Werk begonnen , ohne sich um die Traditionen und Rechte Anderer zu bekümmern . Die Stämme der Apatschen waren leicht gewonnen , weil es sich angeblich um ihren Liebling Winnetou handelte . Auch einige Komantschenstämme dazu , denn Apanatschka war ja der Häuptling der Kanean-Komantschen . Einen Häuptling , auf den alle Stämme der Apatschen hörten , gab es seit Winnetou nicht mehr , und was den alten Tatellah-Satah betraf , dessen Einfluß sich über alle roten Stämme erstreckte , so war er zwar nicht zu bewegen gewesen , in das Projekt zu willigen , aber Old Surehand und Apanatschka glaubten , daß es ihnen doch noch gelingen werde , ihn auf ihre Seite hinüber zu ziehen . Sie rechneten hierbei auf den Zwang der Tatsachen , der unwiderstehlich ist , und begannen also , zu schaffen und zu bauen , ohne seine Einsprüche zu beachten . Ein jeder seiner Einwürfe wurde mit der allerdings sehr wahren Behauptung zurückgewiesen , daß man die Genehmigung des Kongresses habe und eine höhere Autorität nicht anerkenne . Old Surehand und Apanatschka waren nicht mehr die Indianer resp . die Westmänner , als die ich sie vor Zeiten kennen gelernt hatte . Sie waren infolge ihrer Reichtümer und weit verzweigten Geschäftsverbindungen hoch über ihre früheren Anschauungen und Verhältnisse hinausgewachsen . Sie gehörten innerlich schon längst nicht mehr zu den Roten , sondern zu den Weißen . Dafür , daß der Indianer in jedem Augenblicke bereit ist , für seine rote Farbe zu sterben , war ihnen das Verständnis abhanden gekommen . Sie wollten mit ihrem Projekte ein » Geschäft « machen , und sie wollten ihre Söhne zu einer Berühmtheit emporschrauben , aus welcher immer neue Reichtümer zu schöpfen waren . Aber Tatellah-Satah war nicht der Mann , der auf das , was er für richtig hielt , so leicht verzichtete , wie sie dachten . Er wich zunächst dem Zwange , aber nur scheinbar . Er konnte sie nicht hindern , den Wasserfall in elektrische Drähte zu fesseln , den Wald durch Steinbrüche zu entweihen und eine Menge roter Arbeiter herbeizuziehen , die sich ganz gewiß nicht hierzu hergegeben hätten , wenn sie nicht von ihren Stämmen ausgestoßenes Gesindel gewesen wären . Aber er sandte zu den Mescaleros , den Llaneros , den Jicarillas , den Taracones , den Nawachos , den Tschiriguais , den Pinalenjos , den Kojoteros , den Gilas , den Lipans den Mimbrenjos und den Kupferminenindianern . Das sind lauter Apatschenstämme , welche den » Bewahrer der großen Medizin « als den bedeutendsten Mann ihrer ganzen Rasse verehren . Er ließ ihre Häuptlinge kommen . Er sprach mit ihnen . Er erklärte ihnen , daß es sich hier weniger um die Ehrung ihres Winnetou , als vielmehr um eine Ehrung Young Surehands und Young Apanatschkas handle und überhaupt um ein ganz gewöhnliches Geschäft . Es gelang ihm sogar , ihnen klar zu machen , daß es eine Versündigung an Winnetou , dem in jeder Beziehung Bescheidenen , sei , ihn auf ein so laut hinausschreiendes Piedestal zu heben . Er bewies ihnen , daß dies den Untergang ihres Volkes nicht verzögern , sondern nur beschleunigen könne , weil es die anderen Stämme neidisch gegen die Apatschen reize . Kurz , er erwirkte sich bei den Häuptlingen einen durchschlagenden Erfolg und schickte sie zu ihren Leuten zurück , um nun ihrerseits auf diese einzuwirken . Der Clan der » Winnetous « war bereits gegründet ; der wirkte mit . Die eigentliche , offene Aktion gegen das Stadt- und Denkmal-Komitee verschob Tatellah-Satah auf die Zeit der großen Meetings , die am Mount Winnetou abgehalten werden sollten . Diese Zeit war nun fast nahe . Er wollte zunächst sondieren . Er mußte wissen , wer von den Häuptlingen für und wer gegen das Projekt war . Doch hatte er sich bis jetzt noch niemandem gezeigt . Er war auf seinem » Schlosse « verborgen geblieben und heute zum ersten Male seit langer Zeit herabgekommen , um mich zu sich hinaufzuholen . Das erzählte er uns während des Mittagessens , zu dem er uns geladen hatte . Es fiel ihm dabei gar nicht etwa ein , diese streitigen Dinge zu beklagen . Sein Blick war scharf und weitschauend . Er erkannte sehr wohl , daß es fast nur allein auf ihn ankam , die gegenwärtigen Verhältnisse zur Basis einer neuen , hoffnungsreichen Zukunft auszugestalten . Ein derartiges Zusammenströmen aller Arten von Indianern wie jetzt war wohl in Jahrhunderten nicht wieder zu erwarten , ganz abgesehen davon , daß diese Rasse überhaupt zu verschwinden hatte , wenn es nicht jetzt gelang , ihr neues , inneres Leben einzuhauchen . Darum war er fest entschlossen , diese Gelegenheit beim Schopfe zu fassen und der erwachenden Seele seiner Rasse eine breite Bahn zu schaffen . Die Eigenschaften , welche hierzu nötig waren , besaß er wohl alle , außer einer einzigen . Ich meine die initiative Offenheit , die aggressive Ehrlichkeit . Die besitzt der Indianer nicht . Er hat sie besessen , gewiß ; aber sie ist ihm im Umgange mit den niemals worthaltenden Bleichgesichtern verloren gegangen . Er war gezwungen , sich auf die heimliche List zurückzuziehen , und das ist ihm schließlich zum Charakter , zum Merkmal geworden . Nur ganz hervorragend edle Indianer , wie z.B. Winnetou , haben sich nicht gescheut , dann , wenn es nötig war , zum ehrlichen , offenen Angriff zu schreiten und dies sogar schon vorher anzukünden ; gewöhnlich aber hält der Indianer es nicht für klug , in dieser Weise zu verfahren . Darum hatte Tatellah-Satah so lange gezögert . Und darum hatte er mein Kommen erwünscht . Ich will mich eines bekannten , vulgären Ausdruckes bedienen , indem ich sage : Er traute mir den Mut zu , ganz offen das » Karnickel « sein zu wollen , » welches angefangen hat « . Darum war es ihm von größter Wichtigkeit gewesen , sobald wie möglich zu erfahren , auf welcher Seite ich zu suchen sei , auf der seinen oder auf derjenigen der Denkmalbauer . Seit er vom Nugget-tsil aus benachrichtigt worden war , daß ich treu zu ihm stehen werde , fühlte er sich von einer seiner größten Sorgen befreit . Er hatte von Tag zu Tag gehofft , daß ich kommen werde , und nun ich endlich eingetroffen war , fragte er mich , ob ich bereit sei , in Wirklichkeit sein » Shatterhand « , seine Schmetterhand zu sein , mit deren Hilfe es ihm möglich werde , seine Gegner niederzuwerfen . » Ich bin bereit , « antwortete ich . » Und ich schlage vor , daß wir sofort beginnen , womöglich gleich jetzt , noch heut . Zunächst in Güte und Liebe , dann aber , wenn das nicht wirkt , mit allen möglichen Fäusten ! « Das befriedigte ihn vollständig . Er gab mir Generalvollmacht , zu tun , was mir beliebte , und über alles zu verfügen , was mir als nötig erschien . So war ich also Herr meiner selbst und ohne jede Fessel oder Schranke , die mich beengen konnte . Das nutzte ich ganz selbstverständlich ohne Zögern aus . Es galt zunächst , das Modell der Statue zu sehen . Darum ritten wir gleich nach dem Essen hinab nach der Stadt , ich , das Herzle , Pappermann und Intschu-inta , der Diener . Der letztere bat mich , sechs junge , aber trotzdem erfahrene und rüstige » Winnetous « mitnehmen zu dürfen , die meine Leibgarde seien . Tatellah-Satah wünsche das so . Ich willigte sehr gern ein . Ich hatte sehr viel vor , wobei mir diese Leute von großem Nutzen sein konnten . Wir ritten nicht direkt nach der Stadt , sondern ich lenkte , unten im Innentale angekommen , zunächst nach dem Schleierfall ein . Wir untersuchten seine ganze Umgebung , auch die zwei Teufelskanzeln zu beiden Seiten des freien Platzes . Wir taten das so unbefangen , wie möglich , um nicht aufzufallen , und ich äußerte kein einziges Wort über die Gedanken , die ich dabei hatte . Aber der » Diener « war , wie ich sehr bald bemerkte , ein sehr scharfer Beobachter , was mich gar nicht wundernahm , da Winnetou ihn erzogen hatte . Er forschte nach jedem meiner Blicke . Er dachte nach . Er kombinierte . Er kam infolge seines wohlgeübten Scharfsinnes sehr bald auf die richtige Fährte . Als wir umkehrten , um nun auf dem schon beschriebenen , tief ausgefahrenen Talwege hinaus nach der Stadt zu reiten , lenkte er sein Pferd für einige Augenblicke neben das meinige und sagte : » Old Shatterhand wollte nicht den Schleierfall sehen . « Ich schaute ihn fragend an . » Auch nicht den angefangenen Winnetou , den man bauen will , « fuhr er fort . » Was denn ? « forschte ich . » Die zwei Ohren des Teufels , das richtige und das falsche . « Er hatte recht . Nur dieser beiden » Ohren « wegen hatte ich den Weg nach dem Innental eingeschlagen . Sie waren mir außerordentlich wichtig . Noch viel wichtiger als der herrliche Wasserfall an sich . » Hm ! « brummte ich . Das trieb ihn an , aus sich herauszugehen . » Ich kenne sie , « versicherte er . » Aber es ist nicht wahr , was man von ihnen sagt . Man kann stehen , wo man will , so hört man nichts . « » Hast du schon überall gestanden ? « » Ja , überall . Sogar hinten , wo niemand hingehen darf , weil es verboten ist . Aber auch da hört man nichts . « » Versprichst du mir , verschwiegen zu sein ? « Er legte die Hand auf das Herz und antwortete : » Dir ebenso gern , wie einst unserm Winnetou ! « » So wirst du bald hören lernen . Ich werde dir zeigen , wie man das macht . Kennst du vielleicht das Tal der Höhle am Mount Winnetou ? « » Ganz genau ! « » Vielleicht auch die Höhle ? « » Ebenso . « » Ist sie groß ? Ist sie lang ? « » Sehr groß und sehr lang ! Man reitet von hier aus fast fünf Stunden , bis man sie erreicht , und doch ist sie so lang , daß sie bis zum Schleierfall geht und erst in seiner Nähe endet . « » Wir reiten morgen früh hin , um sie zu untersuchen . Bereite alles vor . Doch sage keinem Menschen ein Wort ! « Jetzt war dieser Redewechsel zu Ende , denn wir hatten nun das Innental hinter uns , ritten durch das Felsentor und sahen die Zeltstadt vor uns liegen . Es herrschte jetzt in ihr ein regeres Leben als zur Stunde unserer Ankunft . Eine Reiterschar kam uns entgegen . Sie wollte allem Anscheine nach hinauf nach dem Schlosse . Als diese Leute uns erblickten , hielten sie an . Nur zwei von ihnen ritten weiter , bis sie