alten Weise . Wie mir das neue Lied vor der Seele schwebte , sprach ich zu Zetteritz : » Nun laß mich sagen und singen , wie ich zur Gottesmutter bete , und welcher Glaube mich der wahre deucht . « Im nächtlichen Dunkel lagen die starren Wogen der Waldberge . Wie eine blumenbesäte Aue schimmerte das himmlische Gezelt von Sternen , als ich nun harfend anhub : » Marie , Gebenedeite , Mit Kind und Myrtenkrone , O bleib nicht in der Weite , Auf hehrem Sternenthrone ! Komm in dies Hüttelein Und mir im Busen wohne ! Es hat das Reich der Himmel Hier innen allen Raum . Daß fern im Morgenland Mein Eden blüht , ist Traum ! Die wache Seele fand In sich den Lebensbaum . Sei , Seele , selber du Die keusche Himmelsmaid , Vom Licht aus Sternenschoß Umflutet und umfreit , In Minne makellos Zur Mutterschaft geweiht . Zu Bethlehem die Krippe Ist jeder Herzensschrein ; Soll mich und meine Sippe Der Gottessohn befrein , Er muß aus Menschengrunde , Aus mir erboren sein . « Auf diesen Sang schwieg Zetteritz und meinte dann : » Bin ein rauher Soldat , des Geistes Geheimnisse bleiben mir verschlossen . Mir ist es am besten , wenn ich dem traue , was Gottes Kirche seit 1600 Jahren verkündet . Doch lieblich und fromm klingt deine Weise , ich danke dir . Laß mich nun eine Bitte tun . Ich vermisse meinen Rosenkranz , den ich betend noch in Händen hielt , wie ich verwundet in der Höhle lag . Er wird mir dorten entglitten sein . Ich will freilich nicht hehlen , daß ich nur mit Scheu in die Höhle zurückkehre . Indessen möcht ich doch morgen das Rosenkränzel suchen . Willst du es erlauben ? « - » Mitsammen wollen wir gleich in der Frühe hinuntergehen « , entgegnete ich , » aber nun ist Schlafenszeit . Auf Tobias können wir nicht warten . « Wir begaben uns zur Grotte , und wohl tat uns das Mooslager . Vom Schlafe fuhr ich auf , als Tobias die Laterne anzündete . Um den schnarchenden Zetteritz nicht zu stören , fragte ich leise : » Nun , Tobias , wie steht ' s ? « - » Schlimm , « raunte er , » ich war bei Hollmann . Die Feindesgefahr ist nicht vorüber . Colloredos Volk hält den Wachstein besetzt . Mein Rat ist , daß wir uns gleich morgen von hier wegbegeben . Allerdings wähnt der Feind , das ganze Goldmachernest sei ausgerottet , doch Hollmann meint , wenn mich etwan jemand gesehen habe , so könne die Abendburg leichtlich neuen Besuch erhalten . « - » Hat dich denn wer gesehen ? « - » Ich glaube nicht . Doch wenn mich der gesehen hat , den ich sahe , so stehet es schlimm . Wie ich nach meinem Häusel schaue , wandelt bei den Trümmern ein fremder Mann . Mit breitem Hut , grauhaarig , in schwarzem Spaniolenmantel , dreht mir den Buckel - ja , ein Buckel war ' s - du errätst wohl , wen ich meine . « - » Giacomini ? Also wirklich ? « fragte ich bestürzt . » Er wird ' s gewesen sein , wiewohl ich es nicht behaupte . « - » Dann fort von hier , Tobias ! Wir wollen gleich morgen zu den Iserbauden . Diese Nacht wird uns wohl niemand hier oben stören . « Der Oheim streckte sich nun gleichfalls hin , und unser Sorgen ward durch Schlummers Gnade beschwichtigt . Als der Morgen ob den Bergen glühte , rüsteten wir uns zum Aufbruch . Tobias und Zetteritz wollten erst Dreßler bestatten . Während sie den Leichnam aus dem Walde holten , vernahm ich hinter dem Felsen ein Geräusch wie von einem abgerutschten Steine . Ich ging hin und sah etwas Dunkles in die Tannen schlüpfen . Das kann doch kein Rotwild gewesen sein ? denn es war schwarz . Wie sollte aber ein Schwarzwild hierherkommen ? Derweilen ich so überlegte , brachten der Oheim und Zetteritz Dreßlers Leichnam , ich ging mit zur Bestattung . Wie wir das Grab zugeschüttet und still gebetet hatten , sagte Tobias : » Vom Ritter Zetteritz vernehm ich soeben , daß er gern seinen verlorenen Rosenkranz wieder hätte . Mich dünket zwar , solch ein Ding wäre zu missen . Doch gehet nur in die Höhle hinunter , ich halte hier oben Wache . « Nebst Zetteritz begab ich mich also in die Grotte , und wir taten die Steinplatte beiseite . Mit brennender Laterne stiegen wir in die Tiefe und kamen nicht ohne Grauen an die Stätte , wo wir etliche Tage zuvor nebeneinander mit dem Tode gerungen hatten . Gleichwohl mußten wir daselbst verweilen , denn kein Spähen machte den Rosenkranz ausfindig . Wie ich mich nun plötzlich wende , an einer andern Stelle zu suchen , lauert wenige Schritte vor mir geduckt eine Gestalt , und ich erkenne Giacominis stechende Augen , das scheue , verkniffene Gesicht , die hohen Schultern , den gepichten Spitzbart . Im selben Augenblick wird auch Zetteritz des Eindringlings gewahr und hat ihn gleich bei der Gurgel . » Giacomini ! « zische ich grimm ; » wie kommt Er hierher ? « Zetteritz schüttelt den tückischen Zwerg . » Laß ihn los ! « sage ich , » er soll uns Rede stehen . « Giacomini sinkt ächzend auf die Knie : » Gnade , ihr Herren ! Was hab ich denn verbrochen ? Daß ich hier eingedrungen bin , gibt euch kein Recht , mich anzupacken . Erdrosselt bin ich ja schier . « - » Wie hat Er es angestellt , in die Höhle zu gelangen ? « forschte ich weiter , » war denn nicht Tobias oben vor dem Eingange ? « - » O freilich « , entgegnete Giacomini und erhub sich ; » aber Kräuter-Tobias ist nicht dageblieben , ist nach dem Grabe gegangen , in das ihr eben eine Leiche getan habt . Ich sah alles vom Walde , und da ich zu Ihm wollte , Herr Johannes , so hab ich den Augenblick genutzt , hinter Seines Oheims Rücken in die Grotte zu schlüpfen . « - » Was untersteht sich der Schleicher ? « rief Zetteritz und packte ihn von neuem an . » Gnade , ihr Herren ! « heulte der Italiener , » seid nicht so streng mit einem armen Goldsucher . Oh ! Johannes ! sind wir nicht Kameraden ? Bedenk Er doch , wie wir vor 25 Jahren mitsammen den Schatz der Abendburg heben gewollt . Was folget daraus ? Ich hab ein Recht , hier zu sein ; damals haben wir ja den Pakt getan , das Gold zu teilen . So geb Er mir mein Teil , Johannes , ich bitte , ich flehe ! Dies Herz ist ausgedörrt vom Dürsten nach Golde . O wie hab ich gesucht und alles getan , nichts gescheut , den Schatz ausfindig zu machen . Vergebens ! Betrogen hat mich mein Hoffen ! Ich verschmachte , verzweifle . Rette mich , Johannes ! Du kannst es , du hast den Schatz ! Ja , leugne nicht ! Kein Goldmacher bist du , ein Schatzgräber bist du ! Und hier muß dein Gold stecken . Gib mir davon ! Wo ist es , wo ? « Und entschlüpft war er der Faust des Ritters . Wie eine schwarze Ratte rannte er im Felsendom umher . Plötzlich der steinernen Riesen vor sich gewahr , kreischte er vor Angst , und ihm schlotterten die Knie . Dann schoß er auf die steinerne Truhe los und griff hinein . Nur Gebeine aber hatten wir darin gelassen . Mit einem Laut des Abscheus warf er weg den Fund und wollte weitersuchen . Doch wieder packte ihn Zetteritz und schob ihn vor sich her dem Ausgange zu . Anfangs sträubte sich der Italiener , dann bat er , man solle ihn loslassen , ruhig werde er ja mit uns gehen . Wir wir an den Höhlenbach kamen , wich Giacomini vor der Steinbrücke zurück . » Ich werde fallen « , sprach er furchtsam . » Ratte ! « herrschte ihn Zetteritz an , » bist doch soeben herübergekommen , so mußt du auch wieder zurück . « » Seid still ! « antwortete lauernden Blickes der Mensch ; » schon gut , ich werde kommen , lasset mir nur Zeit , meinen Schwindel zu meistern . Zeiget mir , wie man hinüberschreitet . « - - » Vorwärts , Zetteritz ! Er wird schon nachkommen . « Und ich schreite mit der Laterne über die Brücke , Zetteritz folgt . Auf einmal hinter mir ein Schrei : » Schelm , verfluchter ! « Und wie ich mich wende , taumelt Zetteritz in die Felsenschlucht . Im Stürzen krallt er nach Giacominis Mantel und reißt den Aufkreischenden hinter sich drein . Mir ist , als solle mein Herz stillstehen . Es beben mir die Knie , ich hebe die Arme empor und schreie ... Wie es dann aber in mir ruft : Rette ! - so raff ich mich zusammen und leuchte hinunter . Da wälzt es sich dunkel und zappelt , umspült von Wassergischt , und ächzet , dann keucht Zetteritz halberstickt : » Ratte ! Zappele , schluck Wasser , krepiere ! « - » Zetteritz ! « ruf ich , » bist du heil ? « Dumpfes Stöhnen antwortet , und es röchelt , als halte der Tod hier Ernte . Vergebens suche ich nach einer Stelle , um die Steinwand hinabzuklettern . Ein Strick fehlt mir . Her einen Strick ! » Tobias ! Hilfe ! « Ins Felsenbett ruf ich : » Halt aus , Zetteritz , ich hole den Oheim ! « Und ich eile zum Höhlenausgang . O du scharfe Geißel des Schicksals ! Wie ich ans Tageslicht komme , liegt am Fuße des Felsens Tobias in seinem Blute . Ich rüttele ihn ; er ist unbewußt wie ein Sterbender . Am Hinterkopf hat er die Wunde , und wie ich sie befühle , ist da eine breitgedrückte Kugel , und ich hoffe nun , das Hirn werde nicht zerrissen sein . Den Wasserkrug hol ich , wasche die Wunde , unterbinde die blutende Ader und lege um den Kopf ein nasses Tuch . Dann haste ich wieder in die Höhle hinunter . Abermals leucht ich ins Felsenbett und rufe nach Zetteritz . Keine Antwort , keine Regung . Die dunkeln Menschenleiber sind vom reißenden Wasser stromabwärts getrieben zum Felsenloche , wo es in die Tiefe strudelt . Von Angst gepeitscht , will ich eine Stange oder einen Strick ausfindig machen . Da fällt mir jene Felsenkammer ob dem Höhlenbache ein , wo wir den Goldschatz geborgen und die angewandten Werkzeuge untergebracht hatten . Ich haste hinan zur Schatzkammer und finde einen starken Strick , auch eine hölzerne Rolle zum Hochwinden . An einem Steinzacken über dem Bachloche befestige ich Strick und Rolle und gleite ins Felsenbett hinab . Die mitgenommene Laterne zeigt mir die beiden Menschenkörper vom Tode erstarrt in der Umschlingung eines wütenden Kampfes . Der starke Zetteritz hat den buckligen Zwerg erdrückt , erwürgt , ersäuft , und noch immer hält seine Faust dessen Gurgel . Giacomini aber ist mit einem Dolche dem Ritter zwischen die Rippen ins Herz gefahren . Weder am einen noch am andern zeigt sich eine Spur von Leben . Ich trenne die aneinandergeklammerten Leichname und binde den Strick um Zetteritz . Emporgeklommen , mühe ich mich eine Weile , den schweren Mann heraufzuziehen . Von meiner Krankheit sind meine Kräfte noch schwach . Abermals begeb ich mich ins Felsenbett und schlinge den Strick um Giacomini , der ja leichter ist , den ich denn auch bald heraufbringe . Wie soll ich aber nunmehr Zetteritz holen , da doch niemand zu meinem Beistand vorhanden ? Da kommt mir schauerlicher Rat , und bitter lach ich auf : » Hilf du mir , Meuchelmörder , der du dies Arge angerichtet ! Hilf dein Opfer heraufziehen ! « Und mit grimmer Laune führ ich den Plan aus : Während Giacomini an des Strickes einem Ende befestigt bleibt , schling ich das andere Ende um Zetteritz . Wieder oben , geb ich dem Meuchelmörder einen Tritt , daß er in die Schlucht gleitet und am gestrafften Strick , der über die Rolle geht , als Gewicht schwebt . Ist seine Schwere auch nicht groß , so hilft sie doch , hinabsinkend , Zetteritz emporziehen . Wie ich Giacomini zum zweitenmal hoch gebracht habe , befällt mich Zittern , und ich muß niedersitzen , mich zu erholen . Endlich schleife ich die beiden Körper aus der Höhle ans Tageslicht . Auch jetzto find ich an ihnen weder Hauch noch Puls . Da brech ich Tannenzweige und decke mit Grün das grausige Bild . Den Tag brachte ich nun mit des Oheims Pflege hin . Beerenwein , den ich ihm einflößte , schluckte er , und es schien um etliches besser mit ihm zu werden . Gegen Abend sank ich in Schlaf , wachte aber mitten in der Nacht auf und lag schlummerlos . Gebieterisch verlangte etwas in mir , daß ich mein Leben überdenken und Rechenschaft ablegen solle . Auch diesmal suchte mich heim ein guter Geist . Waldhäuser war ' s ; er redete in seiner Treue : » Das liegt nun hinter dir , Johannes . Laß gut sein ! Das Beste bleibt dir ja : der Schatz der Ewigkeit ! Doch wisse : Willst du ihn haben , so mußt du ihn heben , mußt dein Teil dazu beitragen . Also ist einem jeglichen Menschenkinde verordnet . Denk an die wahre Alchymie und wandle deines Herzens Trachten zu Golde um . Warst bisher in dieser Kunst ein Stümper . Was dir noch fehlte , war Enttäuschung . Soll sich die Seele vom Nichtigen wenden , muß sie bitter davon enttäuscht sein . Nun hast du ja solche Bitterkeit . Eine Hölle hat dir das gleißende Metall bereitet . Drum sage dich los vom Götzen Mammon . « Ich schluchzte , Waldhäuser begütigte , mein Herz ward still und fest . » Ich folge dir , Meister « , gab ich zur Antwort , » ich sage mich los vom Schatz , will nur noch davon eine Spende an die armen Gebirgler tun , daß sie ihre zerstörten Hütten aufbauen können . « Waldhäuser hub abwehrend die Hand : » Nicht doch , Johannes ! Hüte dich , der Habgier Gift noch fürder in deines Nächsten Herz zu säen . Hast du denn nicht am Italiener gesehn , wie der Durst nach Golde die Seele zur Hölle bereitet ? « Sorgenvoll wandte ich ein : » Soll denn das Menschenkind gar keine Habe sammeln und dürftig bleiben sein Leben lang ? « - » Denk an des Heilands Warnung vor dem Reichtum . Den Armen fällt es leichter , selig zu werden als jenen , so ihre Seele an den gleißenden Staub verloren . « - Ich fand noch immer keine Klarheit und meinte mutlos : » Hast du denn nicht selber Geld empfangen von deinen geheilten Patienten ? « - » Freilich , mein Kind , « erwiderte Waldhäuser mit stillem Lächeln ; » aber dies Geld war nicht seelenlos . Unterscheide zwischem totem Gelde und lebendigem . Eine Seele hat jedes Gut , das du erworben hast in redlicher Arbeit für Menschenwohl . Wenn du aber einen vergrabenen Schatz findest , so ist es nicht viel besser , als habest du ihn geraubt . Kein Recht hast du darauf , es fehlt ihm ja die Seele , die dein Schaffen verleiht . Schatzgräber und Goldmacher , Diebe und Räuber erstreben ungerecht Gut , wollen Macht und Lust erlangen , ohne sie zu verdienen . An solchem Gute haftet nicht Segen , sondern Fluch . Verbanne deshalb den Dämon der Abendburg , senke das Gold in unerreichbare Tiefe . Auf , Johannes ! Es gilt ! Deines Lebens Wende ist gekommen und die Stunde , da dir die wahre Goldmacherei gelingen soll . « O schicksalreiches Jahr 1635 ! Seit deinem Johannistage hast du mir absonderlichen Anlaß gebracht , das Hinsterben der Staubgeschöpfe zu beseufzen . Bei welkenden Blumen und vergilbenden Halmen , im Birkenhain , wo schon falbe Läublein taumelten , sah ich manchen Schatten der Unterwelt , mir bekannte Menschen , vom Schnitter Tod gemäht . Und im Septembersturm , im Rauschen des geschwollenen Baches stöhnte die Losung » Vorüber ! « Gedemütigt , vom Gold enttäuscht , einsam mit dem schwerverwundeten Oheim hausete ich bei Gräbern und Ruinen . Mit ihrem Leben hatten die meisten meiner Freunde dafür gebüßt , daß sie mir gefolgt waren . Tot war Segebodo , tot Dreßler , tot der ganze Kern meiner Mannschaft . Verlaufen hatte sich der Rest , dem Verrate hingegeben ein Teil meiner Söldner . Tobias hatte nach hitzigem Wundfieber unter meiner Pflege zwar neue Rüstigkeit des Leibes gewonnen , doch aus dem Kopfschaden eine Schwäche des Verstandes davongetragen . Tot war der ungestüme Ritter Zetteritz , tot auch sein Mörder Giacomini . Zu Asche gebrannt die eifersüchtige Berthulde , wie auch das unschuldige Opferkindlein . Und du , meine Thekla ? Warum mußtest du dem Messer der Rasenden verfallen ? Keine Königin hab ich an meiner Seite ; zerbrochen ist der Thron des neuen Reiches , zerstoben mein Traum von Minneglück , von Herrschermacht und gloriosen Taten . Und hilflos weiter stöhnet das arme Vaterland , blutig , zertreten ... Vorüber , vorüber ! Ach , wo sind denn nun jene Helden , einst wie Götter von mir angestaunet ? Wo ist der königliche Leu aus Mitternacht , zu dessen Fahne ich geschworen ? Wie ein Triumphator durch Teutschland gezogen , hat er sich bei Lützen die Mordkugel geholt . Und seine Gegner , wo sind sie ? Auch Tilly , Pappenheim am Waffenhandwerk gestorben . Der reichste aller Gekrönten gar , Friedlands Herzog , so die Kurfürsten und selbst die kaiserliche Majestät von sich dependieren ließ , dieser Abgott der Soldateska , dem die Göttin Viktoria verlobt schien , dieser Cäsar , reißend wie ein Bär und listig wie ein Fuchs , - schändlich ward er umgebracht wie ein zahnloser Hund . Vorüber , vorüber ! Schließlich du , mein armer Hans Ulrich - wie mag nun dein Schicksal verlaufen sein ? Schreckensposten durchliefen das Gebirge . Erst raunte man , gefoltert sei der Freiherr . Dann hieß es , zu lebenslänglicher Einkerkerung sei er nach Wien transportiert . Zuverlässige Kunde war nicht herauszubringen . » Wo bleibet der Trompeterhansel ? « seufzete ich . » Wenn doch der Schatz der Abendburg wenigstens seinem rechtmäßigen Eigentümer , dem Grundherrn , ein Gutes brächte , ihm zur Flucht aus dem Kerker verhelfend ! Sollte denn nicht ein einziger Segen vom Golde ausgehen können ? « - Seltsam , es kam und kam kein Trompeterhansel , selbst kein Gerücht über ihn . Einmal im Regensturm , als mir beim Stöhnen des Waldes die allgemeine Vergänglichkeit das Herz abdrücken wollte , war es mir , als trabe durch den Nebel ein Reiter daher . Doch war ' s nur Spuk ; eine schwarze Krähe flog vorbei , und im Bache polterte hohl ein losgerissener Stein . Im Regengeprassel , im Windesrauschen - Vorüber , vorüber - Immer dem einen nur muß ich lauschen : Vorüber ! Wie düstere Pilger die Wolken ziehn Vorüber , vorüber . Wirbelnd des Waldbachs Wellen fliehn Vorüber . Aus kahlen Wipfeln hör ich es stöhnen : Vorüber , vorüber ! Schaurig ein Echo im Herzen höhnen : Vorüber ! Da hab ich gehastet , hoffend geharrt - Vorüber , vorüber ! Fiebertraum hat mich gehetzt und genarrt . Vorüber ! Wie Wasserwirbel mein Leben zerstieben , Vorüber , vorüber . Treu ist mir nur das eine geblieben : Vorüber . Hei , meine Geschwister Regen und Wind , Vorüber , Vorüber ! Bin ja wie ihr des Irrwahns Kind - Vorüber ! Einen Reiter seh ich in Wolken traben ; Bist du ' s , Vorüber ? Den hagern Rappen umflattert von Raben - Vorüber . Nun , dunkler Ritter , willkommen , Tröster , Du herbes Vorüber ! Mich dünkt , ich werde noch dein Erlöster , Vorüber . Wir stürmen ein Weilchen noch um die Wette , Vorüber , vorüber - Und trotten zuletzt an ein friedlich Bette - Vorüber . Da wirst du die Morgenfanfare blasen , Mein Heiland Vorüber : » Träumer , nun ist dein Reiten und Rasen Vorüber . Nur immer ins Weite langte dein Hasten : Vorüber , vorüber ! So ward dein Leben ein einzig Fasten - Vorüber . Was du im Weiten nicht fandest , die Ruhe - Vorüber , vorüber - Hat Raum genung in der schwarzen Truhe . Vorüber ! « Als ich am Sonntagmorgen zur Stelle kam , wo ich zuvor meine Predigten gehalten hatte , fand ich die Leute um einen Mann gedrängt . Ich erschrak ; denn das war der Trompeterhansel und war ' s auch wieder nicht . Dem feurigen Reiter von früher glich er nicht anders als dürres , halbverbranntes Holz dem grünen Eichbaum . Erloschen waren ihm die Augen , ausgehöhlt und fahl die Wangen , schwach alle Glieder , zerlumpt die Kleider . Auf dem Steine blieb er sitzen , als ich in den geöffneten Kreis der Leute trat , bot mir trüben Blickes die Hand und brachte kaum die Worte hervor : » Ich kann halt nichts dafür ... « . In Weinen brach er aus , und ich fragte die Leute : » Was ist geschehen ? « - » Enthauptet - enthauptet - haben sie unsern gnäidgen Herrn « , lautete eines Schreiberhauers Antwort . Der Trompeterhans nickte , es bebeten seine Lippen , und nachdem er etliche Fassung errungen , kam unter Ächzen und Husten folgender Bericht heraus : » Meine Brust ist krank - es verschlägt mir den Odem - eine Kugel sitzt innen . Wegelagerer haben sie mir zwischen die Rippen gejagt , die feigen Schelme ! Vor Regensburg war ' s , dicht an meinem Ziele mußt ich einbüßen , womit ich unsern Herrn hätte retten können . Ausgeraubt haben mich die Mausköpfe , daß ich halbtot und splitternackt im Walde gelegen bin . Endlich las mich ein reisender Edelmann auf , führte mich im Wagen nach der Stadt und ließ mich von seinem Arzte kurieren - soweit die Kur meiner zerfetzten Lunge noch angedeihen konnte . Da mein Wohltäter , begütert in Polonien , nicht zu den Parteigängern des Wiener Hofes gehörte , durfte ich ihm anvertrauen , daß ich des Herrn Schaffgotsch Befreiung habe betreiben wollen . Braver Diener , sagte der Polnische , als ich vom Krankenbette aufgestanden war - zwar nicht zur Befreiung des Gefangenen mag ich Ihm verhelfen , doch dazu , daß er Seinen armen Herrn ein letztes Mal sehen und sprechen kann . Dahin gehet auch der Wunsch des Herrn Schaffgotsch , den ich heimlich habe informieren lassen . Eile aber tut not , denn schon zimmern sie am Blutgerüst . - Ich erschrak und konnte nicht fassen , wie es so weit habe kommen können . - Ach ja , guter Trompeter - sprach der Polnische - die Wiener Politici brauchen einen gerichteten Anhänger der Friedländischen Partei , um den Meuchelmord zu Eger als eine Vollstreckung Rechtens erscheinen zu lassen . Den höfischen Tonangebern gefügig , hat nun das Kriegsgericht Herrn Schaffgotsch für schuldig erklärt , durch Verschwörung mit dem Friedländer Sedition begangen und die Kaiserliche Majestät hochverräterisch verletzt zu haben . Das Haupt vor die Füße wollen sie ihm legen und warten nur noch die kaiserliche Bestätigung des Todesurtels ab , so stündlich aus Wien eintreffen kann . - Als mir diese Schreckenskunde kam , schrieb man bereits Mitte Julii , meine Kräfte aber waren so gering , daß ich mich kaum fortschleppen konnte . Wenige Tage darauf besuchte mich Wegerer , des gnädigen Herrn Kammerdiener , der treue Konstantin . Gramvoll drückte er meine Hand und konnte zuerst kein ander Wörtlein herausbringen als immer nur : Trompeterhansel - es ist aus ! - Dann vernahm ich , wie abscheulich sie dem armen Herrn mitgespielt hatten . Sein Gefängnis war ein Stübel im Rathause , bewacht von zwei Dutzend Mann . Unten in der Erden aber war ein Gewölb , dessen Bekanntschaft dem Gefangenen nicht erspart geblieben . Ihr starret mich an - ja , Leute , gefoltert - gefoltert haben sie den edeln Schaffgotsch - haben ihm die Wippe beigebracht - zentnerschwere Steine an seine Füße gebunden und ihn mit einem Strick an den Armen hochgewunden , daß die Gelenke krachten . Dabei hat ihn ein Auditor der Obstination geziehen , weiterer Ungelegenheiten gewarnt und der Wahrheit erinnert . Ihr Schelme ! hat unser Herr geschrien - habet mich bereits verurteilt - und hinterher erst wollet ihr die Wahrheit herausbringen ? Oder vielmehr den Schein eurer Gerechtigkeit , da sie selber euch fehlet , soll ich euch geben , ihr henkermäßigen Erpresser ! Wie darf man einem schon Verurteilten noch die Tortur applizieren ? Schande über solchen Bruch des Rechtes ! - Hierauf so hat der Auditor mit der Tortur innehalten lassen und diese feige , saumäßig rechtsverdreherische Ausflucht ergriffen : Mein Herr Schaffgotsch tuet ihm selbsten unrecht , weil er nicht alle näheren Umstände seiner Missetat frei heraussaget und folglich Ursach gibt , daß man also strenge mit ihm prozedieren muß . Vermeinet vielleicht , durch Verschwiegenheit den guten Namen der Seinigen zu erhalten . Aber der Herr muß wissen , daß nicht allein Mutmaßungen , sondern Beweise für seine Schuld vorliegen . Darum ist er auch zum Tode verurteilt . Was aber diese Tortur betrifft , so soll sie Ihn zu mehrerer Heraussagung der Umstände und der Mitschuldigen anhalten . Befugt zur peinlichen Befragung ist das hohe Gericht , weil ein zum Tode Verurteilter bar des Rechtes ist , das nur Lebendigen zukommt . Drum mag der Henker mit Euer Gnaden verfahren wie mit einer toten Kreatur . Ihr seid so gut wie ein Leichnam ... « » Höllenhunde ! « schrie bei diesen Worten des Trompeterhans ein alter Schreiberhauer , und es jammerte , stöhnete , grollte die ganze Gemeinde . Nach einem keuchenden Husten fuhr der Erzähler fort : » Ja , Höllenhunde , teuflische Pharisäer sind sie alle , so auf den Wink der Pfaffen und Hofschranzen zu Regensburg das Recht verfälscht haben . So hat denn die Tortur ihren Fortgang genommen , und eilf Fragepunkte hat man dem Gefolterten vorgehalten . Der aber hat anfangs nur immer geschrien : Schelme ! Ist dann in Stöhnen verfallen und hat schließlich Antworten gegeben - als zum Exempel : Nein ! Ich weiß nichts ! Nicht doch ! Ist nicht wahr ! Ein einzig Mal ist er konfuse worden und hat gestammelt : Ja doch , ich will alles sagen - haltet ein ! Wie aber dann der Auditor gesprochen : So bekennet , Herr Schaffgotsch , - hat die Antwort gelautet : Tintenfresser ! Ich bin kein Herr mehr und bin kein Schaffgotsch mehr - ein Kadaver bin ich , den die Aasgeier zerfleischen - nehmet mir nun endlich meinen letzten Odem - je eher , je lieber - ich mag euch nimmer sehen , ihr Teufelslarven ! ... Da nun die Tortur schon drei Stunden gedauert und trotz aller Kunst des Scharfrichters nichts Neues effektuiert hatte , so wurden auf des Auditors Wink dem Opfer die Bande gelöst und die übel zugerichteten Gliedmaßen wieder eingerenket . Den Halbentblößten , der sich nicht aufrecht halten konnte , trugen sie in sein Gefängnis , wo er dem wehklagenden Konstantin die Worte zurief : Sieh , wie die Schinderknechte mich armen Wurm für meine dem Vaterlande geleisteten Dienste zugerichtet haben ! Mit Begier , ohne die Arme heben zu können , trank er dargereichtes Bier . Drei Wochen hat er die vom Scharfrichter gelieferten Salben brauchen müssen , bis endlich die Glieder wieder geschmeidiger waren und brauchbar zum allerletzten Gang . Drei Abgesandte des Kriegsgerichts traten ins Stübel und machten Komplimente , Exzellenz hin , Exzellenz her , ohne Worte für ihren traurigen Auftrag zu finden . Bis der edle Herr , ihres Kommens Ziel erratend , ihnen entgegenkam . Lieben Herren - meine Exzellenz ist mir mit Gewalt genommen , und ihr möget euren Auftrag nur geradeheraus sagen . Ich weiß ohnedies , daß mein Blut längst eingeschenket und nur noch ausgetrunken werden soll . Darauf haben sich die Offiziere ihrer Person halber entschuldiget und endlich ihm auf kaiserlichen Befehl das Leben abgesagt . Nun , o Wunder , hat des Herrn Antlitz gestrahlt . Welch angenehme Post ! so lautete seine sanfte Antwort . Wahrlich , so süß euch das Leben ist , mir ist es wie Galle , seit mich der Kaiser für meine Dienste also traktieren lassen . O balde , balde möcht ich mich scheiden vom Gelüsten und Hasten dieser eitlen , falschen Welt . Aus enttäuschtem Herzen quillet ein himmlisch Verlangen , alles Unreine hinwegspülend , bis sich am Menschenkinde das Wort erfüllt , so der Heiland bei Jakobs Brunnen gesprochen : Wer das Wasser trinket , das ich ihm gebe , den wird ewiglich nicht dürsten , sondern das Wasser , das ich ihm gebe , wird in ihm ein Brunnen ewigen Lebens . - Hierauf hat ein Offizier die Hände gefaltet und die Worte der Samariterin wiederholt : Herr , gib mir dasselbe Wasser ! Der Auditor war auch dabei und meinte herablassend : Kaiserliche Gnade wird erlauben , daß die Hinrichtung hier auf dem Zimmer stattfinde . - Nicht doch ! entgegnete aufrecht unser Herr . Mein Gewissen ist nicht scheu , und ich will nach meiner Lebensart lieber unter Gottes Himmel vor aller