mit den Augen zuzwinkerten : » Es ist nicht so schlimm gemeint . « » Was glauben Sie , Skelton « , fragte Willy , » zwinkern sie auch , wenn die Kugeln hin und herfliegen ? « » Sie täten ' s wohl , Willy , wenn nicht der Tod hinter ihnen stünde . Aber dieser Umstand beeinflußt nicht die Gesinnung , sondern nur die Haltung , denk ich mir . « Sie saßen noch lange Zeit zusammen und plauderten fort . Georg hörte allerlei Neuigkeiten . Er erfuhr unter anderm , daß Demeter Stanzides den Kauf des Gutes an der ungarisch-kroatischen Grenze abgeschlossen habe , und daß die Rattenmamsell einem freudigen Ereignis entgegensehe . Willy Eißler war gespannt auf das Ergebnis dieser Rassenkreuzung und vergnügte sich indes damit , Namen für das zu erwartende Kind zu erfinden , wie Israel Pius oder Rebekka Portiunkula . Später begab sich die ganze Gesellschaft ins benachbarte Kaffeehaus , Georg spielte mit Breitner eine Partie Billard ; dann ging er auf sein Zimmer . Im Bett notierte er sich eine Stundeneinteilung für den nächsten Tag und sank endlich in einen Schlaf , der tief und köstlich wurde . Am Morgen mit dem Tee brachte man ihm die abends vorher bestellte Zeitung und ein Telegramm . Der Intendant bat ihn über einen Sänger zu berichten . Es war zur Befriedigung Georgs derjenige , den er gestern als Kurwenal gehört hatte . Ferner wurde ihm freigestellt » zur bequemen Ordnung seiner Angelegenheiten « drei Tage über den bedungenen Urlaub auszubleiben , da zufällig eine Änderung des Spielplans dies gestatte . Wirklich charmant , dachte Georg . Es fiel ihm ein , daß er seine eigene Absicht , um Verlängerung des Urlaubs zu depeschieren , vollkommen vergessen hatte . Nun hab ich ja noch mehr Zeit für Anna , als ich geglaubt hätte , dachte er . Man könnte vielleicht ins Gebirge . Die Herbsttage sind schön und mild . Auch wäre man jetzt überall ziemlich allein und ungestört . Aber , wenn wieder ein Malheur passiert ! Ein Malheur passiert ! So und nicht anders waren ihm die Worte durch den Sinn geflogen . Er biß sich auf die Lippen . So stellte sich die Sache mit einem Male für ihn dar ? Ein Malheur ... Wo war die Zeit , da er , mit Stolz beinahe , sich als ein Glied in der endlosen Kette gefühlt hatte , die von Urahnen zu Urenkeln ging ? Und ein paar Augenblicke lang erschien er sich wie ein Herabgekommener der Liebe , etwas bedenklich und bedauernswert . Er durchflog die Zeitung . Durch einen kaiserlichen Gnadenakt war die Untersuchung gegen Leo Golowski eingestellt , gestern Abend war er aus der Haft entlassen worden . Georg freute sich sehr und beschloß Leo noch heute zu besuchen . Dann setzte er ein Telegramm an den Grafen auf und berichtete mit vornehmer Ausführlichkeit über die gestrige Aufführung . Als er auf die Straße trat , war es beinahe elf Uhr geworden . Die Luft war herbstlich kühl und klar . Georg fühlte sich ausgeschlafen , frisch und wohlgelaunt . Der Tag lag hoffnungsreich vor ihm und versprach allerlei Anregung . Nur irgend etwas störte ihn , ohne daß er gleich wußte , was es wäre . Ach ja , ... der Besuch in der Paulanergasse , die trübseligen Räume , der kranke Vater , die verletzte Mutter . Ich werde Anna einfach abholen , dachte er , mit ihr spazieren gehen und irgendwo mit ihr soupieren . Er kam an einem Blumenladen vorbei , kaufte wundervolle dunkelrote Rosen , und mit einer Karte , auf die er schrieb : » Tausend Morgengrüße , auf Wiedersehen « , ließ er sie an Anna senden . Als er dies getan hatte , war ihm leichter . Dann begab er sich durch die Straßen der innern Stadt zu dem alten Hause , in dem Nürnberger wohnte . Er stieg die fünf Stockwerke hinauf . Eine huschelige , alte Magd mit dunklem Kopftuch öffnete und ließ ihn in das Zimmer ihres Herrn treten . Nürnberger stand am Fenster mit leicht gesenktem Kopf , in dem braunen , hochgeschlossenen Sacco , das er daheim zu tragen liebte . Er war nicht allein . Von dem Schreibtisch aus einem alten Armstuhl erhob sich eben Heinrich , ein Manuskript in den Händen . Georg wurde herzlich empfangen . » Sollte Ihr Eintreffen in Wien mit der Direktionskrise in der Oper im Zusammenhang stehen ? « fragte Nürnberger . Er ließ diese Bemerkung nicht ohne weiteres als Spaß gelten . » Ich bitte Sie « , sagte er , » wenn kleine Jungen , die ihre Beziehungen zur deutschen Literatur bis vor kurzem nur durch den regelmäßigen Besuch eines Literatenkaffees zu dokumentieren in der Lage waren , als Dramaturgen an Berliner Bühnen berufen werden , so sähe ich keinen Anlaß zum Staunen , wenn der Baron Wergenthin , nach der immerhin mühevollen , sechswöchentlichen Kapellmeisterkarriere an einem deutschen Hoftheater , im Triumph an die Wiener Oper geholt würde . « Georg stellte zur Steuer der Wahrheit fest , daß er nur einen kurzen Urlaub erhalten , um seine Wiener Angelegenheiten zu ordnen ; und vergaß nicht zu erwähnen , daß er gestern die neue Tristaninszenierung gewissermaßen im Auftrag seiner Intendanz gesehen habe ; doch lächelte er dazu mit Selbstironie . Dann gab er einen kurzen und ziemlich humoristischen Auszug seiner bisherigen Erlebnisse in der kleinen Residenz . Auch das Konzert bei Hof berührte er spöttisch , als sei er fern davon , seiner Stellung , seinen bisherigen Erfolgen , den Theaterdingen , ja dem Leben überhaupt besondere Wichtigkeit beizumessen . So wollte er vor allem seine Position Nürnberger gegenüber gesichert haben . Dann kam das Gespräch auf die Haftentlassung Leo Golowskis . Nürnberger freute sich dieses unverhofften Ausgangs , lehnte es jedoch ab , sich darüber zu wundern , da in der Welt und ganz besonders in Österreich bekanntlich stets das Unwahrscheinlichste zum Ereignis werde . Dem Gerücht von Oskar Ehrenbergs Yachtfahrt mit dem Prinzen , das Georg als neuen Beweis für die Richtigkeit von Nürnbergers Auffassung vorbrachte , wollte er anfangs trotzdem wenig Glauben schenken . Doch gab er am Ende die Möglichkeit zu , da ja seine Phantasie , wie er seit langem wußte , von der Wirklichkeit immer wieder übertroffen würde . Heinrich sah auf die Uhr . Es war Zeit für ihn sich zu empfehlen . » Hab ich die Herren nicht gestört ? « fragte Georg . » Ich glaube , Sie haben was vorgelesen , Heinrich , als ich kam . « » Ich war schon zu Ende « , erwiderte Heinrich . » Den letzten Akt lesen Sie mir morgen vor , Heinrich « , sagte Nürnberger . » Ich denke nicht daran « , erwiderte Heinrich lachend . » Wenn die zwei ersten Akte im Theater so durchgefallen wären , wie jetzt vor Ihnen , lieber Nürnberger , so könnte man das Ding doch auch nicht zu Ende spielen . Nehmen wir an , Nürnberger , Sie seien entsetzt aus dem Parkett ins Freie gestürzt . Den Hausschlüssel und die faulen Eier erlaß ich Ihnen . « » Donnerwetter ! « rief Georg aus . » Sie übertreiben wieder einmal , Heinrich « , sagte Nürnberger . » Ich habe mir nur erlaubt , einige Einwendungen vorzubringen « , wandte er sich an Georg , » das ist alles . Aber er ist ein Autor ! « » Es kommt alles auf die Auffassung an « , sagte Heinrich . » Es ist schließlich auch nichts andres als eine Einwendung gegen das Leben eines Mitmenschen , wenn man ihm mit der Hacke den Schädel einschlägt , nur eine ziemlich wirksame . « Er deutete auf sein Manuskript und wandte sich zu Georg . » Wissen Sie , was das ist ? Meine politische Tragikomödie . Kranzspenden dankend verbeten . « Nürnberger lachte . » Ich versichre Sie , Heinrich , aus dem Sujet wäre noch immer was ganz Famoses zu machen . Sie könnten beinah die ganze Szenenführung beibehalten und eine Anzahl von Figuren . Sie müßten sich nur dazu entschließen , bei Wiederaufnahme Ihres Planes weniger gerecht zu sein . « » Das ist aber doch eigentlich schön « , sagte Georg , » daß er gerecht ist . « Nürnberger schüttelte den Kopf . » Überall mag man es sein nur nicht im Drama . « Und sich wieder an Heinrich wendend : » In solch einem Stück , das eine Zeitfrage behandelt , oder gar mehrere , wie es Ihre Absicht war , werden Sie mit der Objektivität nie was erreichen . Das Publikum im Theater verlangt , daß die Themen , die der Dichter anschlägt , auch erledigt werden , oder daß wenigstens eine Täuschung dieser Art erweckt werde . Denn natürlich gibt ' s nie und nimmer eine wirkliche Erledigung . Und scheinbar erledigen kann eben nur einer , der den Mut oder die Einfalt oder das Temperament hat , Partei zu ergreifen . Sie werden schon darauf kommen , lieber Heinrich , daß es mit der Gerechtigkeit im Drama nicht geht . « » Wissen Sie , Nürnberger « , sagte Heinrich , » es ging vielleicht auch mit der Gerechtigkeit . Ich glaub , ich hab nur nicht die richtige . In Wirklichkeit hab ich nämlich gar keine Lust gerecht zu sein . Ich stell mir ' s sogar wunderschön vor ungerecht zu sein . Ich glaube , es wäre die allergesündeste Seelengymnastik , die man nur treiben könnte . Es muß so wohl tun , die Menschen , deren Ansichten man bekämpft , auch wirklich hassen zu können . Es erspart einem gewiß sehr viel innere Kraft , die man viel besser auf den Kampf selbst verwenden dürfte . Ja , wenn man noch die Gerechtigkeit des Herzens hätte ... Ich hab sie aber nur da « , und er deutete auf seine Stirn . » Ich stehe auch nicht über den Parteien , sondern ich bin gewissermaßen bei allen oder gegen alle . Ich hab nicht die göttliche Gerechtigkeit , sondern die dialektische . Und darum ... « , er hielt sein Manuskript in die Höhe , » ist da auch so ein langweiliges und unfruchtbares Geschwätz herausgekommen . « » Weh dem Manne « , sagte Nürnberger , » der sich erdreistete derartiges über Sie zu schreiben . « » Na ja « , erwiderte Heinrich lächelnd . » Wenn ' s ein anderer sagt , kann man nie den leisen Verdacht unterdrücken , daß er recht haben könnte . Aber nun muß ich wirklich gehen . Grüß Sie Gott , Georg . Ich bedaure sehr , daß Sie mich gestern verfehlt haben . Wann reisen Sie denn wieder ab ? « » Morgen . « » Aber man sieht Sie doch noch vor Ihrer Abreise ? Ich bin heute den ganzen Nachmittag und Abend zu Hause , kommen Sie , wann es Ihnen paßt . Sie werden einen Menschen finden , der sich mit Entschlossenheit von den Zeitfragen ab und wieder den ewigen Problemen zugewandt hat : Tod und Liebe ... Glauben Sie übrigens an den Tod , Nürnberger ? Hinsichtlich der Liebe frag ich schon gar nicht . « » Dieser für Ihre Verhältnisse doch etwas zu billige Witz « , sagte Nürnberger , » läßt mich vermuten , daß Sie sich durch meine Kritik , trotz Ihrer sehr würdigen Haltung ... « » Nein , Nürnberger , ich schwöre Ihnen , ich bin nicht verletzt . Ich habe sogar eher ein angenehmes Gefühl , daß die Sache abgetan ist . « » Abgetan ? Warum denn ? Es ist doch immerhin möglich , daß ich mich geirrt habe und daß gerade diesem Stück , das ich für minder gelungen halte , auf dem Theater ein Erfolg beschieden wäre , der Sie zum Millionär machen kann . Ich wäre trostlos , wenn durch meine vielleicht ganz unmaßgebliche Kritik ... « » Gewiß , gewiß , Nürnberger , das müssen wir nun schon einmal alle und in jedem einzelnen Fall auf uns nehmen , daß wir uns geirrt haben können . Und nächstens schreib ich doch wieder ein Stück und zwar mit folgendem Titel : Mir macht niemand was weiß und ich mir selber erst recht nicht ... und Sie , Nürnberger , werden der Held sein . « Nürnberger lächelte . » Ich ? Das heißt , Sie werden einen Menschen hernehmen , den zu kennen Sie sich einbilden , werden diejenigen Seiten seines Wesens zu schildern versuchen , die Ihnen gerade in den Kram passen andre unterschlagen , mit denen Sie nichts anfangen können , und am Ende ... « » Am Ende « , unterbrach ihn Heinrich , » wird es ein Porträt sein , aufgenommen von einem irrsinnigen Photographen durch einen verdorbenen Apparat , während eines Erdbebens und bei Sonnenfinsternis . Einverstanden oder fehlt noch was ? « » Die Charakteristik dürfte erschöpfend sein « , sagte Nürnberger . Heinrich nahm Abschied in überlauter Lustigkeit und entfernte sich mit seinem zusammengerollten Manuskript . Als er fort war , bemerkte Georg : » Seine Laune kommt mir doch ein bißchen gekünstelt vor . « » Finden Sie ? Ich hab ihn in der letzten Zeit immer auffallend gut gestimmt gefunden . « » Wirklich gut gestimmt ? Glauben Sie das ernstlich ? Nach dem , was er erlebt hat ? « » Warum nicht ? Menschen , die sich so viel , fast ausschließlich mit sich selbst beschäftigen wie er , verwinden ja seelische Schmerzen überraschend schnell . Auf solchen Naturen , und wohl nicht nur auf solchen , lastet das geringfügigste physische Unbehagen viel drückender , als jede Art von Herzenspein , selbst Untreue und Tod geliebter Personen . Es rührt wohl daher , daß jeder Seelenschmerz irgendwie unserer Eitelkeit schmeichelt , was man von einem Typhus oder einem Magenkatarrh nicht behaupten kann . Und beim Künstler kommt vielleicht dazu , daß aus einem Magenkatarrh absolut nichts zu holen ist ... wenigstens vor kurzem stand das noch ziemlich fest ... aus Seelenschmerzen hingegen alles , was man nur will , vom lyrischen Gedichte bis zu philosophischen Werken . « » Es gibt doch wohl Seelenschmerzen recht verschiedener Art « , erwiderte Georg . » Und es ist doch noch etwas anderes , wenn uns eine Geliebte betrügt oder verläßt ... und selbst wenn sie eines natürlichen Todes stirbt , als wenn sie sich unseretwegen umbringt . « » Sie wissen ganz bestimmt ? « fragte Nürnberger , » daß Heinrichs Geliebte sich seinetwegen umgebracht hat ? « » Hat Ihnen denn Heinrich nicht erzählt ... ? « » Allerdings . Aber das beweist nicht viel . In Hinsicht auf Dinge , die uns selber angehen , sind wir immer Tröpfe , auch die Klügsten unter uns . « Solche Bemerkungen aus Nürnbergers Munde hatten für Georg etwas seltsam Beunruhigendes . Sie gehörten in die Reihe jener , die Nürnberger nicht ungern vernehmen ließ und die , wie Heinrich sich einmal ausgedrückt hatte , den Sinn jedes menschlichen Verkehrs , ja aller menschlichen Beziehungen geradezu aufhoben . Nürnberger sprach weiter : » Wir kennen nur zwei Tatsachen . Die eine , daß unser Freund einmal mit einer jungen Dame ein Verhältnis gehabt und die andere , daß diese junge Dame sich ins Wasser gestürzt hat . Von allem , was dazwischen liegt , ist uns beiden so gut wie nichts und Heinrich wahrscheinlich nicht viel mehr bekannt . Warum sie sich umgebracht hat , können wir alle nicht wissen , und vielleicht hat die Arme selbst es auch nicht gewußt . « Georg sah durchs Fenster , erblickte Dächer , Schornsteine , verwitterte Röhren und ziemlich nah den hellgrauen Turm mit der durchbrochenen Steinkuppel . Der Himmel darüber war blaß und leer . Es fiel Georg plötzlich auf , daß Nürnberger noch mit keinem Wort nach Anna gefragt hatte . Was mochte er wohl vermuten ? Am Ende , daß Georg sie verlassen und sie sich schon mit einem andern Liebhaber getröstet hätte ? Warum bin ich nach Wien gefahren , dachte er flüchtig , wie wenn seine Reise keinen andern Zweck gehabt hätte , als sich von Nürnberger Aufschlüsse über das Dasein erteilen zu lassen , die nun schlimm genug ausgefallen waren . Es schlug zwölf . Georg nahm Abschied . Nürnberger begleitete ihn bis an die Tür und dankte ihm für den Besuch . Mit Herzlichkeit , als hätte das frühere Gespräch über Georgs neuen Aufenthaltsort überhaupt keine Geltung zu beanspruchen , erkundigte er sich nach der Beschäftigung , den Arbeiten , den neuen Bekannten Georgs und erfuhr jetzt erst , welchem Zufall Georg seine plötzliche Berufung nach der kleinen Stadt zu verdanken hatte . » Das ist ' s ja , was ich immer sage « , bemerkte er dann , » nicht wir sind ' s , die unser Schicksal machen , sondern meist besorgt das irgendein Umstand außer uns , auf den wir keinerlei Einfluß zu nehmen in der Lage waren , ja den wir nicht einmal in den Kreis unserer Berechnungen einbeziehen konnten . Ist es schließlich ... bei aller Schätzung Ihres Talents darf ich es wohl sagen ist es Ihr Verdienst oder das des alten Eißler , von dessen Verwendung in Ihrer Sache Sie mir einmal erzählt haben , daß Sie telegraphisch nach Detmold beschieden wurden und dort so rasch Ihren Wirkungskreis gefunden haben ? Nein . Ein Unschuldiger , Ihnen Unbekannter mußte eines plötzlichen Todes sterben , damit Sie dort den Platz frei finden durften . Und welche andern Dinge , auf die Sie gleichfalls keinen Einfluß nehmen und die Sie nicht vorhersehen konnten , mußten eintreten , um Sie von Wien leichten Herzens , ja um Sie überhaupt von hier scheiden zu lassen ? ! « » Wieso leichten Herzens ? « fragte Georg befremdet . » Leichteren Herzens , als unter andern Umständen , mein ich . Wenn das kleine Geschöpf am Leben geblieben wäre , wer weiß ob Sie ... « » Sie können überzeugt sein , auch dann wär ich fortgefahren . Und Anna hätte es geradeso natürlich gefunden , wie sie es jetzt findet . Glauben Sie das nicht ? Vielleicht wär ich sogar leichtern Herzens abgereist , wenn jene Sache anders ausgegangen wäre . Anna war es ja , die mir zugeredet hat anzunehmen . Ich war durchaus nicht entschlossen . Sie ahnen gar nicht , was für ein gutes und kluges Wesen Anna ist . « » O ich zweifle nicht daran . Nach allem , was Sie mir gelegentlich von ihr erzählt haben , hat sie sich ja anscheinend auch in ihre Situation mit mehr Würde gefunden , als junge Damen aus ihren Kreisen bei solchen Gelegenheiten sonst aufzubringen pflegen . « » Lieber Herr Nürnberger , die Situation war ja nicht so furchtbar . « » Ach , sagen Sie das nicht . Wenn sie auch durch Ihre Noblesse und Rücksichtnahme sehr gemildert war , seien Sie überzeugt , das Fräulein hat gewiß öfter in dieser Zeit das Unregelmäßige in ihrer Situation empfunden . Es gibt wohl kein weibliches Wesen , und dächte es noch so kühn und überlegen , das in einem solchen Fall nicht lieber den Ring am Finger trüge . Und es spricht eben wieder für die kluge und vornehme Gesinnung Ihrer Freundin , daß sie Sie das niemals hat merken lassen und daß sie auch die bittre Enttäuschung am Ende dieser gewiß nicht ausschließlich süßen neun Monate mit Fassung und Ruhe hingenommen hat . « » Enttäuschung ist ein mildes Wort . Schmerzen wäre vielleicht das richtigere . « » Es war wohl beides . Doch wie meistens wird wohl auch hier die brennende Wunde des Schmerzes schneller verheilt sein , als die quälende , bohrende der Enttäuschung . « » Ich verstehe Sie nicht recht . « » Nun daran , lieber Georg , werden Sie doch nicht zweifeln , daß Sie sehr bald , am Ende schon heute , verheiratet wären , wenn das kleine Wesen am Leben geblieben wäre . « » Und Sie glauben , daß jetzt , weil wir kein Kind haben ... ja Sie scheinen der Ansicht zu sein , daß ... daß ... es überhaupt aus ist ? Sie sind vollkommen im Irrtum , aber vollkommen , lieber Freund . « » Lieber Georg « , erwiderte Nürnberger , » wir wollen lieber beide von der Zukunft nicht reden . Weder Sie noch ich wissen es , wo in diesem Augenblick ein Faden zu unserm Schicksal gesponnen wird . Sie haben auch in dem Augenblick , als jener Kapellmeister vom Schlag gerührt wurde , nicht das geringste verspürt . Und wenn ich Ihnen jetzt Glück wünsche zu Ihrer weiteren Laufbahn , so weiß ich nicht , auf wen ich mit diesem Glückwunsch vielleicht den Tod herabgefleht habe . « Auf dem Flur nahmen sie Abschied . Auf die Stiege rief Nürnberger Georg nach : » Lassen Sie gelegentlich was von sich hören . « Georg wandte sich noch einmal um : » Und Sie , tun Sie desgleichen ! ... « Er sah nur noch die abwehrend-resignierte Handbewegung Nürnbergers , lächelte unwillkürlich und eilte hinab . An der nächsten Ecke nahm er einen Wagen . Auf dem Weg zu Golowskis dachte er über Nürnberger und Bermann nach . Was für ein seltsames Verhältnis das zwischen ihnen war ! Vor Georg erschien ein Bild , das er ähnlich irgend einmal in einem Traum gesehen zu haben glaubte . Die zwei saßen sich gegenüber ; jeder hielt dem andern einen Spiegel vor , darin sah der andere sich selbst mit einem Spiegel in der Hand , und in dem Spiegel wieder den andern mit dem Spiegel in der Hand und so fort in die Unendlichkeit . Kannte da einer noch den andern , kannte einer noch sich selbst ? Georg wurde schwindlig zumute . Dann dachte er an Anna . Sollte Nürnberger wieder einmal recht behalten ? War es denn wirklich aus ? Konnte es überhaupt jemals enden ? Jemals ? ... Das Leben ist lang ! Aber waren schon die nächsten Monate bedenklich ? Micaela vielleicht ... Nein . Das war nicht schwer zu nehmen , wie immer es kommen sollte . Und zu Ostern war er ja wieder in Wien , dann kam der Sommer ; man blieb zusammen . Und dann ? Ja was dann ? Vermählung ? Herrn Rosners und Frau Rosners Schwiegersohn , Josefs Schwager ! Ach , was ging ihn die Familie an . Anna war es doch , die seine Frau sein würde , das gütige , sanfte , kluge Wesen . Der Wagen hielt vor einem ziemlich neuen , häßlichen , gelb angestrichenen Haus , in einer breiten , einförmigen Gasse . Georg hieß den Kutscher warten und trat ins Tor . Im Innern sah das Haus recht verwahrlost aus ; Mörtel war an vielen Stellen von den Mauern abgebröckelt , und die Stiegen waren schmutzig . Aus einigen Küchenfenstern roch es nach schlechtem Fett . Auf dem Gang im ersten Stock unterhielten sich zwei dicke Jüdinnen in einem für Georg unerträglichen Jargon , und die eine sagte zu einem Buben , den sie an der Hand hielt : » Moritz , laß den Herrn vorbei . « Warum sagt sie das , dachte Georg . Es ist ja Platz genug . Offenbar will sie sich mit mir verhalten . Als wenn ich ihr schaden oder nützen könnte . Und ein Wort Heinrichs aus einem verflossenen Gespräch fiel ihm ein : » Feindesland « . Ein Dienstmädchen ließ ihn in ein Zimmer treten , das er sofort als das Leos erkannte . Bücher und Papiere auf dem Schreibtisch , das Klavier offen , auf dem Divan eine geöffnete Reisetasche , die noch nicht ganz ausgepackt war . In der nächsten Minute öffnete sich die Tür ; Leo trat herein , umarmte den Gast und küßte ihn so rasch auf beide Wangen , daß der so herzlich Begrüßte gar nicht dazu kam , verlegen zu werden . » Das ist lieb von Ihnen « , sagte Leo und schüttelte ihm beide Hände . » Sie können sich gar nicht denken , wie ich mich gefreut habe ... « , begann Georg . » Ich glaub ' s Ihnen ... aber bitte kommen Sie mit mir weiter , wir sind nämlich noch beim Essen aber gleich fertig . « Er führte ihn ins Nebenzimmer . Die Familie war um den Tisch versammelt . » Ich glaube , meinen Vater kennen Sie noch nicht « , bemerkte Leo und stellte die beiden einander vor . Der alte Golowski stand auf , legte die Serviette fort , die er um den Hals gebunden hatte , und reichte Georg die Hand . Dieser wunderte sich , daß der alte Mann vollkommen anders aussah , als er sich ihn vorgestellt hatte ; nicht patriarchalisch , graubärtig und ehrwürdig , sondern glattrasiert und mit breit verschlagenen Mienen glich er am ehesten einem alternden Provinzkomiker . » Ich freu mich sehr , Herr Baron , Sie kennen zu lernen « , sagte er , und in seinen listigen Augen stand zu lesen : » Ich weiß doch alles . « Therese stellte hastig die üblichen Fragen an Georg , wann er gekommen wäre , wie lange er bliebe , wie es ihm ginge ; er antwortete geduldig und liebenswürdig , und sie sah ihm neugierig-lebhaft ins Gesicht . Dann fragte er Leo nach dessen Absichten für die nächste Zeit . » Vor allem werd ich fleißig Klavier spielen müssen , um mich vor meinen Schülern nicht zu blamieren . Die Leute sind ja sehr nett gegen mich gewesen . Bücher hab ich gehabt , soviel ich wollte . Aber ein Klavier haben sie mir doch nicht zur Verfügung gestellt . « Er wandte sich an Therese : » Das solltest du in einer deiner nächsten Reden unbedingt geißeln . Diese schlechte Behandlung der Untersuchungshäftlinge muß abgestellt werden . « » Gestern um die Zeit « , sagte der alte Golowski , » war ihm wirklich noch nicht zum Lachen . « » Wenn du vielleicht glaubst « , meinte Therese , » daß der Glücksfall , der dir begegnet ist , meine Ansichten ändern wird , so irrst du dich gewaltig . Im Gegenteil . « Und zu Georg gewandt fuhr sie fort : » Theoretisch bin ich nämlich absolut dagegen , daß sie ihn herausgelassen haben . « Sie sprach wieder zu Leo hin : » Wenn du den Kerl , wie es ja dein gutes Recht gewesen wäre , einfach totgeschlagen hättest , ohne diese ekelhafte Duellkomödie , wärst du nie frei geworden , säßest deine fünf bis zehn Jahre ab , heilig . Weil du dich aber auf dieses grauenvolle , vom Staat konzessionierte Hazardspiel um Leben und Tod eingelassen , weil du dich also vor der militärischen Weltanschauung geduckt hast , bist du begnadigt worden . Hab ich nicht recht ? « wandte sie sich wieder an Georg . Der nickte nur und dachte an den armen jungen Menschen , den Leo erschossen und der eigentlich gar nichts anderes gegen die Juden gehabt hatte , als daß sie ihm so zuwider gewesen waren , wie schließlich den meisten Menschen und dessen Schuld im Grunde nur darin bestanden hatte , daß er an den Unrechten gekommen war . Leo strich seiner Schwester übers Haar und sagte : » Siehst du , wenn du das , was du hier in diesen vier Wänden gesagt hast , nächstens öffentlich aussprächest , dann würdest du mir imponieren . « » Na und du mir « , erwiderte Therese , » wenn du dir morgen samt dem alten Ehrenberg ein Billett nach Jerusalem löstest . « Sie standen vom Tisch auf . Leo lud Georg ein , mit ihm in sein Zimmer zu kommen . » Stör ' ich euch ? « fragte Therese . » Ich möcht nämlich auch was von ihm haben . « Sie saßen alle drei in Leos Zimmer und plauderten . Leo schien sich der wiedergewonnenen Freiheit unbedenklich und reuelos zu freuen , was Georg sonderbar berührte . Therese saß auf dem Divan , in einem dunkeln anliegenden Kleid und sah heute zum erstenmal wieder der jungen Dame ähnlich , die in Lugano als die Geliebte eines Kavallerieoffiziers unter einer Platane Asti getrunken und nachher einen anderen geküßt hatte . Sie bat Georg Klavier zu spielen . Noch nie hatte sie ihn gehört . Er setzte sich hin , spielte einiges aus Tristan und phantasierte dann mit glücklicher Eingebung . Leo sprach seine Anerkennung aus . » Wie schade , daß er nicht dableibt « , sagte Therese und kreuzte , an der Wand lehnend , die Hände über ihrer hohen Frisur . » Zu Ostern komm ich wieder « , erwiderte Georg und sah sie an . » Aber doch nur , um wieder zu verschwinden « , sagte Therese . » Das wohl « , entgegnete Georg , und es fiel ihm plötzlich auf die Seele , daß hier nicht mehr seine Heimat war , daß er nun überhaupt keine mehr hatte , für lange Zeit . » Wie wär ' s « , sagte Leo , » wenn wir im Sommer eine gemeinsame Wanderung unternähmen ? Sie , Bermann und ich . Ich verspreche Ihnen , daß wir Sie nicht durch theoretische Gespräche langweilen werden , wie im vorigen Herbst einmal ... erinnern Sie sich noch ? « » Ach « , sagte Therese und reckte sich , » es kommt so wie so nichts dabei heraus . Taten ! meine Herren ! « » Und was kommt bei Taten heraus ? « fragte Leo . » Sie sind höchstens Privaterlösungen für den Moment . « » Ja , Taten , die man für sich selbst begeht « , sagte Therese .