es die Feuerbachsche Schrift war . » Woher hat Er das ? « schrie er Schildknecht an . Der Bursche erwiderte , er habe es auf dem Bücherschrank des Herrn Leutnant gefunden . » Das ist eine widerrechtliche Aneignung , ich werde Ihn davonjagen und disziplinieren lassen , wenn so etwas nochmal vorkommt , merk Er sich das ! « donnerte Hickel . Wahrscheinlich hätte die erstbeste Seeräubergeschichte die Neugier des Tölpels ebenso gereizt , sagte sich Hickel später und erklärte sein Aufbrausen für eine Unbesonnenheit . Gleichwohl witterte er Gefahr , der Bursche war nicht nach seinem Sinn , und er beschloß , sich seiner zu entledigen . Ein Anlaß ergab sich bald . Als Schildknecht tags darauf Caspar abholte , merkte er , daß dieser verstimmt war . Er suchte ihn aufzuheitern , indem er ein paar lustige Schnurren aus dem Kasernenleben vorbrachte . Caspar ging auf die Unterhaltung ein , er fragte den zutraulichen Menschen nach seiner Heimat , nach seinen Eltern , und Schildknecht bemühte sich , auch davon möglichst gutgelaunt zu erzählen , obschon es ein trauriges Kapitel für ihn war . Er hatte eine Stiefmutter gehabt , der Vater hatte ihn in früher Jugend unter fremde Leute gegeben , kaum war er von Hause fort , so hatte ein Liebhaber der Frau den Vater im Raufhandel erschlagen . Jetzt saß der Liebhaber samt der Frau im Zuchthaus , und die Brüder hatten das Vermögen durchgebracht . Schildknecht wagte zu fragen , weshalb Caspar heute seine Freundin nicht treffe . » Sie geht ins Theater « , antwortete Caspar . Warum denn er nicht gehe , fragte Schildknecht weiter . Er habe kein Geld . » Kein Geld ? Wieviel braucht man denn dazu ? « » Sechs Groschen . « » Soviel hab ich grad bei mir , « meinte Schildknecht , » ich leihs Ihnen . « Caspar nahm das Anerbieten mit Vergnügen an . Es wurde nämlich der » Don Carlos « gegeben , auf den er sich schon lange gefreut hatte . Das Stück erregte mit Ausnahme des verrückten Frauenzimmers , das den Prinzen verführen will , sein Entzücken . Und wie ward ihm , als der Marquis zum König sprach : Sie haben umsonst Den harten Kampf mit der Natur gerungen , Umsonst ein großes königliches Leben Zerstörenden Entwürfen hingeopfert . Der Mensch ist mehr , als Sie von ihm gehalten . Des langen Schlummers Bande wird er brechen Und wieder fordern sein geheiligt Recht . Er erhob sich von seinem Platz , starrte gierig , mit funkelnden Augen auf die Bühne und enthielt sich nur mit Mühe eines lauten Ausrufs . Zum Glück wurde die Störung in der herrschenden Dunkelheit nicht weiter beachtet ; sein Nachbar , ein böser alter Kanzleirat , zerrte ihn grob auf den Sitz zurück . Das Ausbleiben über den Abend hatte zunächst ein Verhör durch den Lehrer zur Folge . Er gestand , im Schloßtheater gewesen zu sein . » Woher haben Sie Geld ? « fragte Quandt . Caspar erwiderte , er habe das Billett geschenkt bekommen . » Von wem ? « Gedankenlos , noch ganz gefangen von der Dichtung , nannte Caspar irgendeinen Namen . Quandt erkundigte sich am andern Tag , erfuhr selbstverständlich , daß ihn Caspar belogen hatte , und stellte ihn zur Rede . In die Enge getrieben , bekannte Caspar die Wahrheit , und Quandt machte dem Polizeileutnant Mitteilung . Um fünf Uhr nachmittags ertönte im Hof vor Caspars Fenster der wohlbekannte Pfiff , zwei melodische Triolen , mit denen sich Schildknecht zu melden pflegte . Caspar ging hinunter . » Es ist aus mit uns beiden , « sagte Schildknecht zu ihm , » der Polizeileutnant hat mich entlassen , weil ich Ihnen das Geld geliehen hab . Ich muß jetzt wieder Kasernendienst tun . « Caspar nickte trübselig . » So geht mirs eben , « murmelte er , » sie wollens nicht leiden , wenn einer zu mir hält . « Er reichte Schildknecht die Hand zum Abschied . » Hören Sie mal zu , Hauser , « sagte Schildknecht eifrig , » ich will jede Woche zwei- oder dreimal , überhaupt wenn ich frei bin , dahier in den Hof kommen und meinen Pfiff pfeifen . Vielleicht brauchen Sie mich mal . Warum nicht , kann ja möglich sein . « Es lag in den Worten eine über alle Maßen tiefe Herzlichkeit . Caspar richtete den aufmerksamen Blick in Schildknechts freundlich lächelndes Gesicht und erwiderte langsam und bedächtig : » Es kann möglich sein , das ist wahr . « » Topp ! Abgemacht ! « rief Schildknecht . Sie gingen durch den Flur nach der Straße . Vor dem Tor stand ein Amtsdiener , und da er Caspars ansichtig wurde , sagte er , er habe ihn gesucht , der Herr Staatsrat schicke ihn her , Caspar solle gleich hinkommen . Caspar fragte , was es gäbe . » Der Herr Staatsrat reist um sechs Uhr mit dem Herrn Polizeileutnant ab und will noch mit Ihnen sprechen « , antwortete der Mann . Caspar machte sich auf den Weg . Ein paar hundert Schritte vom Lehrerhaus entfernt konnte er nicht weiter . Ein Ziegelwagen war vor dem Einfahren in ein Tor mit gebrochener Radachse umgestürzt und versperrte die Gasse . Caspar wartete eine Weile , kehrte dann um und mußte nun durch die Würzburger Straße und über die Felder Infolgedessen kam er zu spät . Als er vor dem Feuerbachschen Garten anlangte , war der Präsident schon weggefahren . Henriette und der Hofrat Hofmann standen am Gartentor und nahmen Caspars triftige Entschuldigung schweigend auf . Henriette hatte verweinte Augen . Sie blickte lange die Gasse hinunter , wo der Wagen verschwunden war , dann drehte sie sich wortlos um und schritt gegen das Haus . Schildknecht Der Mai brachte viel Regen . Wenn das Wetter es irgend erlaubte , wanderten Caspar und Frau von Kannawurf ganze Nachmittage lang durch die Umgegend . Caspar vernachlässigte plötzlich sein Amt . Auf Vorhaltungen entgegnete er : » Ich bin der dummen Schreiberei überdrüssig . « Was ihm von den maßgebenden Personen höchlichst verübelt wurde . Der von Hickel neuaufgenommene und für die Dauer seiner Abwesenheit streng unterwiesene Bursche ward gleich zu Anfang so lästig , daß sich Frau von Kannawurf beim Hofrat Hofmann darüber beschwerte . Weniger aus Einsicht als um der schönen Frau gefällig zu sein , gestattete der Hofrat , daß Caspar seine Spaziergänge mit ihr allein unternehme . » Hoffentlich entführen Sie mir den Hauser nicht « , sagte er mit seinem fiskalisch-schlauen Lächeln zu der Sprachlosen . Nun aber machte wieder Quandt Schwierigkeiten . » Ich bestehe auf meiner Instruktion « , war sein eisernes Sprüchlein . Eines Morgens erschien daher Frau von Kannawurf in der Studierstube des Lehrers und stellte ihn kühn zur Rede . Quandt konnte ihr nicht ins Gesicht sehen ; er war vollkommen verdattert und wurde ab wechselnd rot und blaß . » Ich bin ganz zu Ihren Diensten , Madame « , sagte er mit dem Ausdruck eines Menschen , der sich auf der Folter zu allem entschließt , was man von ihm haben will . Frau von Kannawurf schaute sich mit gelassener Neugier im Zimmer um . » Wie verhalten Sie sich eigentlich innerlich zu Caspar ? « fragte sie auf einmal . » Lieben Sie ihn ? « Quandt seufzte . » Ich wollte , ich könnte ihn so lieben , wie seine achtungswerten Freunde glauben , daß er es verdient « , antwortete er meisterhaft verschnörkelt . Frau von Kannawurf erhob sich . » Wie soll ich das verstehen ? « brach sie leidenschaftlich aus , » wie kann man ihn nicht lieben , ihn nicht auf Händen tragen ? « Ihr Gesicht glühte , sie trat dicht vor den erschrockenen Lehrer hin und sah ihn drohend und traurig an . Doch sie besänftigte sich schnell und sprach nun von andern Dingen , um den ihr erstaunlichen Mann besser kennenzulernen . Ihr war jeder Mensch ein Wunder und fast alles , was Menschen taten , etwas Wunderbares . Deshalb erreichte sie selten ein vorgesetztes Ziel . Sie vergaß sich und überschritt die Grenze , die ein oberflächlicher Verkehr bedingt . Quandt ärgerte sich nachher gründlich über seine nachgiebige Haltung . Was mag denn da wieder dahinter stecken ? grübelte er . So oft die kleinen Briefchen von Frau von Kannawurf an Caspar kamen , öffnete er und las sie , ehe er sie dem Jüngling gab . Er brachte nichts heraus ; der Inhalt war zu unverfänglich . Wahrscheinlich verständigen sie sich in irgendeiner Geheimsprache , dachte Quandt und stellte gewisse wiederkehrende Phrasen zusammen in der Hoffnung , damit den Schlüssel zu finden . Caspar wehrte sich gegen diese Eingriffe , worauf Quandt ihm mit ungewöhnlicher Beredsamkeit das Recht der Erzieher auf die Korrespondenz ihrer Pfleglinge bewies . Schließlich bat Caspar seine Freundin , ihm nicht mehr zu schreiben . So unverfänglich wie die Briefe hätte der Lehrer auch , wenn er unsichtbar die beiden hätte belauschen können , ihre Gespräche gefunden . Es kam vor , daß sie stundenlang ohne zu reden nebeneinander hergingen . » Ist es nicht schön im Wald ? « fragte dann die junge Frau mit dem innigsten Klang ihrer süßen Stimme und einem kleinen , vogelhaft zwitschernden Lachen . Oder sie pflückte eine Blume vom Wiesenrain und fragte : » Ist das nicht schön ? « » Es ist schön « , antwortete Caspar . » So trocken , so ernsthaft ? « » Daß es schön ist , weiß ich noch nicht gar lange , « bemerkte Caspar tief , » das Schöne kommt zuletzt . « Ihn machte der Frühling diesmal glücklich . Mit jedem Atemzug fühlte er sich eigentümlich bevorzugt . Wahrhaftig , daß es schön war , hatte er bis jetzt noch nie bedacht . Die seiende Welt schlang sich wie ein Kranz um ihn . Solang die Sonne am blauen Himmel stand , leuchteten seine Augen in verwundertem Glück . Er ist wie ein Kind , das man nach langer Krankheit zum erstenmal in den Garten führt , sagte sich Frau von Kannawurf . Ihr gütiges Herz klopfte höher bei dem Gedanken , daß sie vielleicht nicht ohne Einfluß auf diese Stimmung war . Bisweilen wand sie junges Waldlaub um seinen Hut , und dann sah er stolz aus . Aber er war doch immer in sich gekehrt und immer so verhalten , als ringe er mit einem großen Entschluß . Eines Tages kamen sie überein , daß er sie einfach Clara und sie ihn Caspar nennen solle . Sie amüsierte sich über die geschäftsmäßige Gesetztheit , mit der er seinerseits diesen Vertrag einhielt . Er belustigte sie überhaupt oft , besonders wenn er ihr kleine Moralpredigten hielt oder etwas , was er frauenzimmerlich nannte , geärgert tadelte . Er ermahnte sie auch , nicht gar so viel herumzulaufen und ihre Gesundheit zu schonen . Nun sah es ja manchmal wirklich aus , als habe sie die Absicht , sich zu ermüden und zu erschöpfen . Eine ihrer Leidenschaften bestand darin , auf Türme zu steigen ; auf dem Turm der Johanniskirche wohnte ein alter Glöckner , ein weiser Mann in seiner Art , durch lange Einsamkeit beschaulich und sanft geworden ; sie scheute nicht die Anstrengung der vielen hundert Stufen und lief oft zweimal täglich zu dem Alten hinauf , plauderte mit ihm wie mit einem Freund oder lehnte über die eiserne Brüstung der schmalen Galerie und schaute über das Land in die Fernen . Der Glöckner hatte sie auch so ins Herz geschlossen , daß er zu gewissen Abendstunden nach der Richtung des Imhoffschlößchens verabredete Zeichen mit seiner Laterne gab . Jeden Tag machte sie neue Reisepläne , denn sie gefiel sich nicht in der kleinen Stadt . Caspar fragte , warum sie denn so fortdränge , aber darüber wußte sie im Grund keinen Aufschluß zu geben . » Ich darf nicht wurzeln , « sagte sie , » ich werde unglücklich , wenn ich zufrieden bin , ich muß immer auf Entdeckungsfahrten gehen , ich muß Menschen suchen . « Sie blickte Caspar zärtlich an , indes ihr kleiner Mund unaufhörlich zuckte . Einmal , und das war das einzige Mal überhaupt , daß davon gesprochen wurde , erwähnte sie der Feuerbachschen Schrift . Caspar griff nach ihrer Hand , die er mit sonderbarer Kraft so stark preßte , als wolle er damit das Wort zerquetschen , das er vernommen . Frau von Kannawurf stieß einen leisen Schrei aus . Es war schon Abend ; sie gingen noch bis zu der Straßenkreuzung , an der sie sich gewöhnlich voneinander trennten . Da sagte Frau von Kannawurf rasch und eindringlich , indem sie sich nah zu ihm stellte und auf seine Stirn starrte : » Also wollen Sie es auf sich nehmen ? « » Was ? « entgegnete er mit sichtlichem Unbehagen . » Alles - ? « » Ja , alles , « sagte er dumpf , » aber ich weiß nicht , ich bin ja ganz allein . « » Natürlich allein , aber etwas andres wünschen Sie doch gar nicht . Allein wie im Kerker , das ist es eben , nur nicht mehr drunten , sondern droben - « Sie konnte nicht weiterreden , er legte die eine Hand auf ihren Mund und die andre auf den seinen . Dabei glänzten seine Augen beinahe voll Haß . Plötzlich dachte er mit einer Art freudiger Bestürzung : ob meine Mutter so ähnlich ist wie diese da ? Er hatte ein durstiges und brennendes Gefühl auf den Lippen , und es war zugleich etwas in ihm , wovor ihn widerte . » Ich geh jetzt heim « , stieß er mit wunderlichem Unwillen hervor und entfernte sich voll Eile . Frau von Kannawurf sah ihm nach , und als die Dunkelheit schon längst seine Gestalt verschlungen hatte , heftete sie noch die großen Kinderaugen in die Richtung seines Weges . Es war ihr furchtbar bang ums Herz . Er ist sicher der mutigste aller Menschen , dachte sie , er ahnt nicht einmal , wieviel Mut er besitzt ; was bewegt mich doch so sehr , wenn ich mit ihm rede oder schweige ? Warum ängstigts mich so , wenn ich ihn sich selbst überlassen weiß ? Sie ging heimwärts und brauchte zu einem Weg von wenig mehr als tausend Schritten über eine halbe Stunde . Im Westen leuchteten Blitze wie feurige Adern . Caspar hatte sich frühzeitig zu Bett begeben . Es mochte ungefähr vier Uhr morgens sein , da wurde er durch einen lauten Ruf aufgeweckt . Es war auf der Straße außerhalb des Hofs , und die Stimme rief : » Quandt ! Quandt ! « Caspar , noch im Halbschlaf , glaubte die Stimme Hickels zu erkennen . Es wurde irgendwo ein Fenster geöffnet , der von der Straße sagte etwas , was Caspar nicht verstehen konnte , bald hernach ging eine Tür im Haus . Es blieb dann eine Weile ruhig . Caspar legte sich auf die Seite , um weiterzuschlafen , da pochte es an seine Zimmertür . » Was gibts ? « fragte Caspar . » Machen Sie auf , Hauser ! « antwortete Quandts Stimme . Caspar sprang aus dem Bett und schob den Riegel zurück . Quandt , vollständig angekleidet , trat auf die Schwelle . Sein Gesicht sah im Morgengrauen grünlich fahl aus . » Der Präsident ist tot « , sagte er . In einem schwindelnden Gefühl setzte sich Caspar auf den Bettrand . » Ich bin im Begriff hinzugehen , wenn Sie sich anschließen wollen , machen Sie rasch « , fuhr Quandt murmelnd fort . Caspar schlüpfte in die Kleider ; er war wie betrunken . Zehn Minuten darauf schritt er neben Quandt auf dem Weg zur Heiligenkreuzgasse . Im Garten vor dem Feuerbachschen Haus standen Leute , die halb verschlafen , halb bestürzt aussahen . Ein Bäckerjunge saß auf der Treppe und heulte in seine weiße Schürze hinein . » Glauben Sie , daß man nach oben darf ? « fragte Quandt den Schreiber Dillmann , der mit ingrimmigem Gesicht und tief in die Stirn gedrücktem Hut auf und ab ging . » Die Leiche ist ja noch gar nicht in der Stadt « , sagte ein alter Artilleriehauptmann , an dessen Schnurrbart kleine Regentropfen hingen . » Das weiß ich « , entgegnete Quandt , und er folgte etwas beklommen Caspar , der ins Haus eingetreten war . Im unteren Stock standen alle Türen offen . In der Küche saßen zwei Mägde vor einem Haufen Holz , das zu Scheiten geschlagen war . Sie schienen angstvoll zu horchen . Caspar und Quandt vernahmen eine durchdringende Stimme , die sich näherte . Sie sahen alsbald eine weibliche Gestalt mit hochgehobenen Armen durch eines der Zimmer laufen . Sie schrie vor sich hin wie rasend . » Die Unglückliche « , sagte Quandt verstört . Es war Henriette . Ihr Geschrei dauerte ununterbrochen fort , bis einige Damen erschienen , darunter Frau von Stichaner . Quandt begab sich mit Caspar an die Schwelle des Staatsgemachs . Die Frauen bemühten sich um Henriette , sie aber stieß jede mit den Fäusten von sich . » Ich habs gewußt , « schrie sie , » ich habs gewußt sie haben ihn mir vergiftet , haben ihn vergiftet ! « Ihre Augen waren blutunterlaufen , und ihr Blick war rot . Sie stürmte in ein andres Zimmer , das lose Nachtgewand flatterte hinter ihr , und immer gellender schallte ihr Geschrei : » Sie haben ihn vergiftet ! vergiftet ! vergiftet ! « Caspar hatte keinen andern Ruhepunkt für sein Auge als das Napoleonbild , dem er gegenüberstand . Es kam ihm vor , als müsse der gemalte Kaiser schon müde sein von der unablässigen majestätischen Drehung , die sein Hals machte . » Lassen Sie uns gehen , Hauser , « sagte Quandt , » es ist zuviel des Jammers . « Im Flur stand der Regierungspräsident Mieg im Gespräch mit Hickel . Der Polizeileutnant berichtete alle Einzelheiten der Katastrophe . In Ochsenfurt am Main habe Seine Exzellenz über Unwohlsein geklagt und sei zu Bett gegangen ; in der Nacht habe er gefiebert , der gerufene Arzt habe ihm zur Ader gelassen und habe behauptet , die Krankheit sei bedeutungslos . Am Morgen darauf sei plötzlich das Ende eingetreten . » Und welcher Ursache schrieb der Arzt seinen Tod zu ? « erkundigte sich Herr von Mieg und verbeugte sich gleichzeitig , da Frau von Imhoff und Frau von Kannawurf an seine Seite traten . Frau von Imhoff weinte . Hickel zuckte die Achseln . » Er glaubte an Herzschwäche « , erwiderte er . Ungeachtet des frühen Morgens war schon die ganze Stadt auf den Beinen . Über dem Dach des Appellgerichts wehten zwei schwarze Fahnen . Caspar blieb den Tag über in seinem Zimmer . Niemand störte ihn . Er lag auf dem Sofa , die Hände unterm Kopf , und starrte in die Luft . Spät nachmittags bekam er Hunger und ging in die Wohnstube . Quandt war nicht da . Die Lehrerin sagte : » Um vier Uhr ist die Leiche angekommen ; Sie sollten eigentlich hingehen , Hauser , und ihn nochmal sehen , bevor er begraben wird . « Caspar würgte an einem Stück Brot und nickte . » Sehen Sie , wie recht ich damals hatte mit den Totenweibern , « fuhr die Lehrerin geschwätzig fort , » aber die Männer denken immer , alles geht so , wie sies ausrechnen . « Der Flur des Feuerbachschen Hauses war angefüllt von Menschen . Caspar drückte sich in einen Winkel und stand eine Weile unbeachtet . Er zitterte an allen Gliedern . Der eigentümliche Geruch , der im Hause herrschte , benahm ihm die Sinne . Da spürte er sich bei der Hand gepackt . Aufschauend , erkannte er Frau von Imhoff . Sie gab ihm ein Zeichen , ihr zu folgen . Sie führte ihn in ein großes Zimmer , in dessen Mitte der Tote aufgebahrt war . Drei Söhne Feuerbachs saßen zu Häupten des Vaters , Henriette lag regungslos über die Leiche hingeworfen . Am Fenster standen der Hofrat Hofmann und der Archivdirektor Wurm . Sonst war niemand im Zimmer . Das Gesicht des Toten war gelb wie eine Zitrone . Um die Winkel des scharfen , verbissenen Mundes hatten sich große Muskelknoten gebildet . Das schiefergraue Kopfhaar glich einem kurzgeschorenen Tierfell . Es war nichts mehr von Größe in diesen Zügen , nur zähneknirschender Schmerz und eine unmenschliche , eisige Angst . Caspar hatte noch nie einen Toten gesehen . Sein Gesicht bekam einen qualvoll-wißbegierigen Ausdruck , die Augäpfel drehten sich in die Winkel , und mit allen zehn Fingern umkrampfte er Kinn und Mund . Sein ganzes Herz löste sich in Tränen auf . Henriette Feuerbach erhob den Kopf von der Bahre , und als sie den Jüngling sah , verzerrten sich ihre Züge gräßlich . » Deinetwegen hat er sterben müssen ! « schrie sie mit einer Stimme , vor der alle erbebten . Caspar öffnete die Lippen . Weit nach vorn gebeugt , starrte er das halbwahnsinnige Weib an . Zweimal klopfte er sich mit der Hand gegen die Brust , er schien zu lachen , plötzlich gab er einen dumpfen Laut von sich und stürzte ohnmächtig zu Boden . Alle waren erstarrt . Die Söhne des Präsidenten waren aufgestanden und schauten bekümmert auf den am Boden liegenden Jüngling . Direktor Wurm eilte , als er sich gefaßt hatte , zur Tür , wahrscheinlich , um einen Arzt zu rufen . Der besonnene Hofrat hielt ihn zurück und meinte , man solle kein unnötiges Aufsehen machen . Frau von Imhoff kniete neben Caspar und befeuchtete seine Schläfe mit ihrem Riechwasser . Er kam langsam zu sich , doch dauerte es eine Viertelstunde , bis er sich erheben und gehen konnte . Frau von Imhoff begleitete ihn hinaus . Damit sie sich nicht durch die Menge der Besucher im Korridor zu drängen brauchten , führte sie ihn über eine Hintertreppe in den Garten und anerbot sich , ihn nach Haus zu bringen . » Nein , « sagte er unnatürlich leise , » ich will allein gehen . « Er steckte seine Nase in die Luft und schnüffelte unbewußt . Sein Puls ging so schnell , daß die Adern am Hals förmlich flogen . Er entwand sich dem liebreichen Zuspruch der jungen Frau und ging mit trägen Schritten gegen die Hauptallee des Gartens . Vor dem Portal stieß er auf den Polizeileutnant . » Nun , Hauser ! « redete ihn Hickel an . Caspar blieb stehen . » Zur Trauer haben Sie gegründeten Anlaß , « sagte Hickel mit unheilvoller Betonung , » denn wer wird eines Feuerbach gewichtiges Fürwort ersetzen ? « Caspar antwortete nichts und schaute gleichsam durch den Polizeileutnant hindurch , als ob er aus Glas wäre . » Guten Abend « , ertönte da eine glockenhelle Stimme , die Caspar wundersam berührte . Frau von Kannawurf trat an seine Seite . Hickels Gesicht wurde um eine Schattierung bleicher . » Gnädigste Frau , « sagte er mit einer Galanterie , die sich krampfhaft ausnahm , » darf ich die Gelegenheit benutzen , Ihnen meine ungemessene Verehrung zu Füßen zu legen ? « Frau von Kannawurf trat unwillkürlich einen Schritt zurück und sah erschrocken aus . Der Polizeileutnant hatte die Miene eines Menschen , der sich in ein tiefes Wasser stürzt . Er beugte sich nieder , und ehe Frau von Kannawurf es hindern konnte , packte er ihre Hand und drückte einen Kuß darauf , und zwar mit den nackten Zähnen ; als er sich aufrichtete , waren seine Lippen noch getrennt . Ohne eine Silbe weiter zu sprechen , eilte er davon . Mit weiten Augen blickte ihm Frau von Kannawurf nach . » Grauenhaft ist mir der Mensch « , flüsterte sie . Caspar blieb völlig teilnahmslos . Frau von Kannawurf begleitete ihn schweigend nach Hause . Als er in seinem Zimmer war , bekamen seine Augen einen geisterhaften Glanz und flammten in der Dämmerung wie zwei Glühwürmer . Er stellte sich in die Mitte des Raumes , und vom Kopf bis zu den Füßen zitternd , sagte er in beschwörendem Ton folgendes : » Kenn ich dich , so nenn ich dich . Bist du die Mutter , so höre mich . Ich geh zu dir . Ich muß zu dir . Einen Boten schick ich dir . Bist du die Mutter , so frag ich dich : warum das lange Warten ? Keine Furcht hab ich mehr , und die Not ist groß . Caspar Hauser heißen sie mich , aber du nennst mich anders . Zu dir muß ich gehn ins Schloß . Der Bote ist treu , Gott wird ihn führen und die Sonne ihm leuchten . Sprich zu ihm , gib mir Kunde durch ihn . « Plötzlich ergriff ihn eine sonderbare Ruhe . Er setzte sich an den Tisch , nahm einen Bogen Papier und schrieb , ohne daß ihn die Dunkelheit hinderte , dieselben Worte nieder . Darauf faltete er den Bogen zusammen , und da er kein Wachs besaß , zündete er die Kerze an , ließ das Unschlitt aufs Papier träufeln und drückte das Siegel darauf , das ein Pferd vorstellte mit der Legende : Stolz , doch sanft . Es verging eine halbe Stunde ; er saß regungslos da und lächelte mit geschlossenen Augen . Bisweilen schien es , als bete er , denn seine Lippen bewegten sich suchend . Er dachte an Schildknecht . Er wünschte ihn herbei mit aller Kraft seiner Seele . Und als ob diesem Wünschen die Macht innegewohnt hätte , Wirklichkeit zu erzeugen , schallte auf einmal vom Hof herauf der wohllautende Triolenpfiff . Caspar ging zum Fenster und öffnete ; es war Schildknecht . » Ich komm hinunter « , rief ihm Caspar zu . Unten angelangt , packte er Schildknecht beim Rockärmel und zog ihn durch das Pförtchen auf die einsame Gasse . Dort forderte er ihn stumm auf , ihm weiter zu folgen . Bisweilen hielt er zögernd inne und spähte umher . Sie kamen beim Häuschen des Zolleinnehmers vorüber und auf einen Wiesenplan . Auf dem Rain stand ein Bauernwagen . Caspar setzte sich auf die Deichsel und zog Schildknecht neben sich . Er näherte seinen Mund dem Ohr des Soldaten und sagte : » Jetzt brauch ich Sie . « Schildknecht nickte . » Es geht um alles « , fuhr Caspar fort . Schildknecht nickte . » Da ist ein Brief , « sagte Caspar , » den soll meine Mutter bekommen . « Schildknecht nickte wieder , diesmal voll Andacht . » Weiß schon , « antwortete er , » die Fürstin Stephanie - « » Woher wissen Sies ? « hauchte Caspar betroffen . » Habs gelesen . Habs in dem Buch vom Staatsrat gelesen . « » Und weißt auch , wo du hingehen mußt , Schildknecht ? « » Weiß es . Ist ja unser Land . « » Und willst ihr den Brief geben ? « » Will es . « » Und schwörst bei deiner Seligkeit , daß du ihr selber den Brief gibst ? aufs Schloß gehst ? in die Kirche , wenn sie dort ist ? ihren Wagen aufhältst , wenn sie auf der Straße fährt ? « » Ist kein Schwören nötig . Ich tus , und wenns Knollen regnet . « » Wenn ichs tun wollte , Schildknecht , ich käm nicht bis ins nächste Dorf . Sie würden mich abfangen und einsperren . « » Weiß es . « » Wie willst dus anstellen ? « » Bauernkleider anziehen , bei Tag im Wald schlafen , bei Nacht laufen . « » Und wo den Brief verstecken ? « » Unter der Sohle , im Strumpf . « » Und wann kannst du fort ? « » Wanns beliebt . Morgen , heute , gleich , wenns beliebt . Ist zwar Fahnenflucht , macht aber nichts . « » Wenns gelingt , macht es nichts . Hast du Geld ? « » Nicht einen Taler . Macht aber nichts . « » Nein . Geld ist nötig . Brauchst viel Geld . Geh mit mir , ich hole Geld . « Caspar sprang empor und schritt in der Richtung des Imhoffschlößchens voran . Am Tor gebot Caspar dem Soldaten zu warten . Er ging hinein und sagte zum Pförtner , er müsse Frau von Kannawurf sprechen . Es war etwas in seinem Aussehen , was dem alten Hausmeister Beine machte . Frau von Kannawurf kam ihm alsbald entgegen . Sie führte ihn über eine Stiege in einen kleinen Saal , der nicht erleuchtet war . Ein wandhoher Spiegel glitzerte im Mondschein . Der Pförtner machte Licht und entfernte sich zögernd . » Fragen Sie mich nichts , « sagte Caspar mit fliegendem Atem zu der Freundin , die keines Wortes mächtig war , » ich brauche zehn Dukaten . Geben Sie mir zehn Dukaten . « Sie blickte ihn ängstlich an . » Warten Sie « , antwortete sie leise und ging hinaus . Es dünkte Caspar eine Ewigkeit , bis sie wiederkam . Er stand am Fenster und strich beständig mit der einen Hand über seine Wange . Still , wie sie gegangen , kehrte Frau von Kannawurf zurück und reichte ihm eine kleine Rolle . Er nahm ihre Hand und stammelte etwas . Ihr Gesicht zuckte über und über , ihre Augen schwammen wie im Nebel . Verstand sie ihn ? Sie mußte wohl ahnen ; doch sie fragte nicht . Ein trübes Lächeln irrte um ihre Lippen , als sie Caspar hinausbegleitete . Sie war ergreifend schön in diesem Augenblick . Schildknecht lehnte