sei und einen Band religiöser Gedichte veröffentlicht habe , nach denen Alles klinge , was ihr Vater jetzt in gebundener Rede sage . Seine körperliche Genesung schien zwar langsam aber sicher voranzuschreiten , doch geistig blieb er , wie er war . Er kannte uns nicht und auch nicht seine Tochter . Er hatte Alles , Alles vergessen und wußte nur noch das Eine , daß er nicht mehr der Missionar Waller , sondern der Knabe Waller sei . Tsi vermied es , sich über diesen Zustand völliger Erinnerungslosigkeit näher auszusprechen . Er beantwortete hierauf gerichtete Fragen mit der kurzen Erklärung , daß sich diese Lücke nach und nach ganz von selbst ausfüllen werde ; nur Ruhe sei vonnöten , weiter nichts . Aber grad diese Ruhe erlitt jetzt Störungen , welche immer häufiger wurden . Die kriegerischen Vorbereitungen , von denen ich bereits gesprochen habe , brachten in neuerer Zeit Truppenzuzüge , welche die bisherige Stille in ihr gerades Gegenteil verwandelten . Das wirkte derart störend auf Waller , daß Tsi bedenklich zu werden begann . Als hierauf gar auch militärische Uebungen und Exerzitien vorgenommen wurden , bei denen es lauter als laut herging , konnte es unmöglich mehr in Frage stehen , daß wir nicht nur den Kratong , sondern Kota Radscha überhaupt verlassen müßten . Aber wohin ? Unten in Uhleh-leh war es wenigstens ebenso schlimm wie hier oben ; ja es trat da auch noch die Gefahr der fieberschwangern Küstenluft hinzu , was eine Verschlimmerung anstatt eine Verbesserung ergeben hätte . Es wurde also zu einer Beratung zusammengetreten , welche folgende Betrachtungen und das aus ihnen gezogene Resultat ergab : Raffley mußte nach China ; der Governor mußte nach China ; Tsi mußte nach China ; Waller mußte nach China ; Mary mußte nach China . Und schließlich mußte auch ich nach China , denn ich hatte versprochen , mitzufahren . Es gab unter uns Keinen , der hier in Kota Radscha eigentlich etwas zu tun hatte ; wir alle waren im Gegenteile sehr gern bereit , diesen Ort so bald wie möglich zu verlassen . Allein nur Wallers Krankheit hielt uns fest . Darum war es Tsi , der Arzt , von dem wir das entscheidende Worte zu erwarten hatten . Er sagte : » Ich habe bei diesem Patienten mehr als sonstwo zwischen dem äußeren und dem inneren Menschen zu unterscheiden . Von dem äußeren hoffe ich , daß er die Seereise wohl vertragen wird , denn ich habe gehört , daß er nicht die geringste Neigung zur Seekrankheit besitzt . Nur gute Nahrung , und zwar möglichst frisch , nichts Eingemachtes oder sonstwie Präpariertes . Den innern Menschen hätte ich gern noch länger hier zurückgehalten . Er braucht Stille , Ruhe , Einsamkeit , ungestörte Beschaulichkeit . Ist das auf der Jacht zu haben ? « » Gewiß , « antwortete Raffley . » Ich werde dafür sorgen , daß es ihm in dieser Beziehung an nichts mangelt . « » Aber Seestürme , vielleicht gar ein Teifun ? Bedenken Sie die Aufregung ! « » Wir haben grad jetzt die stille , von solchen atmosphärischen Ereignissen fast stets freie Zeit . Uebrigens arbeitet meine Maschine beinahe vollständig unhörbar , und die Yin liegt selbst bei hoher See so immerfort auf leichter , glatter Linie , daß man bei geschlossenen Augen fast nichts vom Wogengang verspürt . Sie ist eben grad in dieser Beziehung ein vollendetes Meisterstück des betreffenden Architekten . « » Gut ; so können wir es wagen . Welchen Kurs gedenken Sie , zu nehmen ? « » Zunächst Singapore . Bitte , anzugeben , wenn wir die Anker heben können ! « » Nicht vor morgen Vormittag . Ich kann noch nicht auf mein Ko-su verzichten , und da es nicht auf hoher See zu wachsen pflegt , so muß ich den heutigen Tag dazu benutzen , mir einen ausreichenden Vorrat anzulegen . « » Ich sammele mit , denn ich habe schon die Uebung ! « erklärte der brave Uncle schnell . » Aber den Sejjid darf man nicht mitnehmen , denn der rauft nur Gras ! « So war also unsere nächste Zukunft bestimmt , und wir rüsteten uns alle , morgen zur Abreise fertig zu sein . Der heutige Nachmittag stand infolge dessen , was Tsi gesagt hatte , unter dem Zeichen des Ko-su . Ich wollte nach dem Mittagsessen mich dem Governor anbieten , mit ihm Ko-su suchen zu gehen ; er war schon fort . Ich klopfte bei John an ; er war Ko-su suchen gegangen . Ich ging zu Tsi ; er suchte Ko-su . Nun klingelte ich noch Sejjid Omar ; er kam nicht , denn er hatte sich entfernt , um Ko-su zu sammeln . Da ging ich allein , selbstverständlich , auch , um Ko-su zu entdecken . Ich wanderte ein Stück über den äußersten Militärposten hinaus . Da sah ich zwei Personen , welche tief an der Erde hinkrochen , um Pflanzen zu sammeln . Tsi und Omar waren es . Sie schienen sich während dieser Arbeit in sehr heiterer Laune zu befinden ; das hörte ich ihren lauten Stimmen an . Und eben jetzt richteten sich Beide aus ihrer gebückten Stellung auf und stimmten ein so lautes und so herzliches Gelächter an , daß ich , der ich den Grund dieser Lustigkeit doch gar nicht kannte , fast auch mit lachen mußte . Aus ihren Gestikulationen dabei ersah ich , daß der Gegenstand des Juxes kein gemeinsamer war , sondern daß Jeder von ihnen den Andern auslachte , der Chinese den Araber und der Araber den Chinesen . Da sahen sie mich , und indem ich mich ihnen schnell näherte , rief mir der Sejjid entgegen : » Wie schön , daß du kommst , Sihdi ! Da kannst du uns gleich sagen , wer es besser versteht , er oder ich ! « » Was ? « fragte ich . » Das Reden ! Er sagt , ich mache zu viel Arabisches in das Chinesische hinein . Und ich sage , daß sich das ja ganz von selbst verstehe . Wenn er das Chinesische so ausspricht , daß kein Mensch weiß , was er will , so muß ich ihm das doch arabisch sagen ! Und das hält er für falsch ! Denke dir , Sihdi , ich habe , während Ihr Eure Fahrt nach den Inseln machtet , beinahe die ganze , ganze chinesische Sprache auswendig gelernt ! Wir haben nur dann in einer andern gesprochen , wenn diese Sprache nicht wußte , was arabisch , deutsch oder englisch war . Dann wird diese ihre Unwissenheit , wie du soeben gesehen hast , von uns beiden so herzlich ausgelacht , wie sie es verdient . « Tsi hatte allerdings innerhalb der beiden vergangenen Wochen , teils zu seiner eigenen Unterhaltung und teils aber auch aus Interesse für Omars Eigenheiten , täglich einige Stunden mit ihm Chinesisch getrieben und in ihm einen in hohem Grade amüsanten Schüler gefunden . Auch er wunderte sich , wie er mir später sagte , über das außerordentliche Wortgedächtnis des Arabers , beklagte aber ebenso die unformale Weise , in welcher da Alles aufgestapelt wurde . In hohem Grade zutreffend , fügte er die Bemerkung bei : » Ganz wie der Islam , seine Religion ! Ein lieber , guter Mensch , im tiefsten Grunde ernst gestimmt , doch äußerlich stets heiter . Für das Hohe , Edle ungemein empfänglich , und doch stets mit dem Kleinen , Gewöhnlichen beschäftigt . Im Kopfe eine erstaunliche Fülle von Ausdrücken , von Worten , deren Sinn und Geist er aber nicht begreift . Fromm von Geburt - ich betone das ganz besonders - , religiös durch die Gewohnheit , würde er sehr leicht für den einzig wahren Glauben zu gewinnen sein , wenn dieser nicht in abendländisch enge , faltenlose Formen gekleidet wäre . Und wenn ich mich nicht irre , so befindet sich der Sejjid bei Ihnen auf dem rechten Weg dazu . Es sproßt und treibt in ihm . Stören Sie das nicht ! Leben Sie ihm , wie bisher , das , was er werden soll , durch Ihr eigenes Beispiel vor ! Er wird mit Ihnen bis an das Ende der Erde gehen , wenn Sie nicht von ihm verlangen , die Fäden , welche ihn mit seiner materiellen und geistigen Heimat verbinden , pietätlos zu vernichten . Ein derartiges Verlangen fordert , was unmöglich ist ! Auch der Europäer weiß , daß der Mensch ein Kind seiner Scholle ist , nicht nur der Acker- , sondern auch der intellektuellen Flur , welche seiner Jugend Nahrung gab . Kann man , ohne ihn zu töten , ihm das nehmen , was diese Nahrung aus ihm machte ? Nein ! Nie ! Jedermann ist davon überzeugt , sogar Eure Buchstabengläubigen , aber freilich nur dann , wenn es sich um ihr eigenes , liebes Ich handelt . Sie verlangen den Mord aller Individualität , natürlich aller anderen , nur nicht der ihrigen ! Gehen Sie doch hin in alle Welt , mein Freund , und sehen Sie die Zerstörungen , welche diese Forderung angerichtet hat ! - - - Verzeihung ! Ich bin auf untergegangene oder dem Untergange nahe Völkerindividualitäten gekommen und wollte doch nur von Ihrem Sejjid Omar , dem Muhammedaner , sprechen . Es war mir zu verführerisch , an seiner Person nachzuweisen , daß es eben nur des stummen Beispiels , nicht aber der Aggressivität bedarf , um aus einem sogenannten Ungläubigen das zu machen , was Omar unbedingt werden wird , wenn Sie nicht den unverzeihlichen Fehler begehen , seine Eigenart zur Gegenwehr zu zwingen ! « Wie fleißig mußte der Chinese während seiner Studienzeit in Europa gewesen sein ; wie herrliche Gaben waren ihm verliehen , und mit welchem Vorbedacht und welcher Treue war diesen Studien daheim von seiten seines Vaters , seiner Erzieher vorgearbeitet worden ! Vielleicht hatte das Schicksal den Händen dieses jungen Mannes Aufgaben anvertraut , welche nur auf dem Wege , den es ihn führte , zu lösen sind . Die Vorsehung pflegt sich stets im Stillen den rechten Mann heranzuziehen , um dann , wenn ihre Zeit gekommen ist , mit ihm am rechten Orte hervorzutreten . Er fuhr im Laufe des Nachmittags mit Raffley hinunter nach der » Yin « , um dort Wallers Ankunft vorzubereiten , für welche aber erst der folgende Morgen bestimmt wurde . Da wir hörten , daß der holländische Gouverneur am nächsten Tage nicht in Kota Radscha sein werde , so machten wir ihm noch heut unsere feierliche Dank-und Abschiedsvisite , bei welcher wir aber bald herausfühlten , daß dem einfachen , wackeren Mijnheer ein herzlicher Händedruck ohne alle Feierlichkeit viel lieber gewesen wäre . Den materiellen Dank , so was man Bezahlung zu nennen pflegt , in klingenden Münzen auszusprechen , das überließen wir John Raffley , weil er nicht nur das beste Talent , sondern auch mehr » Talente « 50 als wir Anderen dazu besaß . In welcher Weise er dieser silbernen oder gar goldenen Verpflichtung nachgekommen war , das sahen wir , als wir am Morgen den Kratong verließen . Die ganze , allerdings nicht sehr imponierende Heeresmacht desselben hatte Aufstellung genommen , und auf jedem einzelnen Gesichte war mit größter Deutlichkeit der wehmütige Gedanke zu lesen : Wenn doch öfters so ein Dysenteriekranker mit solchen Begleitern käme ! Die Dysenterie ist leider immer da ; aber solche Lords , die sieht man wohl nicht wieder ! Das beste und tiefste Verständnis für dieses Bedauern schien mein Sejjid Omar zu empfinden . Er ging von Mann zu Mann , um Jedem die Hand zu drücken , und tat dies mit hoch aufgerichteter Gestalt und einem so herablassenden Mäcenaslächeln , als ob er sein ganzes , bei mir angesammeltes Diensteinkommen unter sie verteilt habe . Wir hatten eine leichte Sänfte konstruiert , welche so lang war , daß der Kranke ausgestreckt in ihr liegen konnte . Acht Träger wechselten einander ab . So brachten wir ihn bequem und leicht bis auf den Landesteg , und da die See so ruhig war , wie wir nur wünschen konnten , ging auch die Einschiffung in einer Weise von statten , von welcher Waller nicht im geringsten angegriffen wurde . An Bord angekommen , sah ich nun , was Raffley und Tsi mir noch gar nicht gesagt hatten . Nämlich John , der liebe , liebe , prächtige Mensch , hatte dem Kranken seine eigene Kajüte überlassen . Sie war ausgeräumt und in ein Pflegezimmer verwandelt worden , wie man es sich besser , bequemer und gesünder gar nicht denken konnte . Nur das Porträt mit seinem duftenden Blumenrahmen war geblieben , eine Aufmerksamkeit oder vielmehr ein Opfer , dessen Größe nur mit der Herzensgüte Raffleys zu vergleichen war . Wo dieser wohnte , sah ich jetzt noch nicht ; wir Anderen aber hatten alle dieselben Räume wieder , in denen wir vorher untergebracht gewesen waren . Als Tsi sich in Penang zu uns gesellt hatte , war nicht daran zu denken gewesen , daß er für eine längere Zeit der Gast der » Yin « sein werde . Er verlor kein Wort darüber , ob seine Bereitwilligkeit ihm Störungen bringe oder gar ihm Opfer auferlege , und bat nur darum , daß wir wieder drüben anlegen möchten , damit er für kurze Zeit an das Land gehen könne , um Briefe auf die Post zu geben und seine dortigen Angelegenheiten zu ordnen . Dieser Wunsch wurde ihm natürlich erfüllt ; dann gingen wir sofort nach Singapore , wo eine reichliche Menge Masut , welches in Penang nicht zu haben gewesen war , für die Feuerung aufgenommen wurde . Hierauf ging es auf der Hongkong-Linie dem geheimnisvollen Norden zu . Ich nenne ihn geheimnisvoll , weil er es für uns war . Außer Raffley wußte Niemand , wohin wir gingen , und dieser zeigte , gegen seine sonstige offene Art , keine Geneigtheit , uns Auskunft zu erteilen . Als Mary Waller zwei Tage , nachdem wir Singapore verlassen hatten , bei Tafel eine hierauf bezügliche Frage an ihn richtete , antwortete er : » Bitte , Mylady , lassen Sie das für einstweilen noch mein Geheimnis bleiben ! Ich werde gewiß dafür sorgen , daß Jeder von uns sein besonderes Ziel erreicht ; vorher aber haben wir ein gemeinschaftliches , für welches wir hier wie von einer gütigen Fee zusammengeführt worden sind . Folgen wir ihr mit dem Vertrauen , auf welches solche höhere Wesen Anspruch haben ! « Sein Wunsch wurde natürlich beachtet und dieses Thema also nicht wieder als Gesprächsgegenstand behandelt . Umsomehr wendete sich unsere Aufmerksamkeit dem Befinden des Kranken zu , welches uns ganz selbstverständlich im höchsten Grade interessierte , zumal es sich dabei um ganz eigenartige , rätselhafte Zustände handelte . Nur der junge Arzt schien die Lösung dieser Rätsel zu kennen . Er war so froh , sie in seine Hand gelegt zu sehen , so heiter , so zuversichtlich ; er kam mir fast wie eine glückliche Mutter vor , welche mit unendlicher Liebe das körperliche und geistige Werden ihres Kindes überwacht . Sein Vertrauen teilte sich auch Mary mit . Beide waren in der Pflege des Vaters eng vereint ; sie schienen unzertrennbar zusammen zu gehören , und der Gedanke , daß sie einander früher nicht gekannt hatten , wollte mir mit jedem Tage fremder werden . Man spricht von Seelen , welche sich , und seien sie räumlich noch so weit getrennt , ganz unbedingt auf Erden finden müssen , von Wesen , welche einst vereinigt waren und sich wieder zu vereinigen haben . Wer kann wohl sagen , ob das ein Aberglaube sei ? Es ist gewißlich wahr , daß um Genesende sich eine Atmosphäre bildet , welche ethisch reinigend und veredelnd wirkt . Es gab an Bord , selbst unter der Schiffsbemannung , keinen einzigen rohen Menschen , und doch fühlte Jeder von uns in sich das Streben , recht lieb und gut zu sein , als ob er es bisher noch nicht gewesen wäre . Ich sah einmal ein Gemälde , welches einen Rekonvaleszenten zeigte , hinter dem , von ihm und seiner Umgebung ungesehen , ein Engel stand , welcher sie alle segnete . Der Künstler hatte es verstanden , der von mir erwähnten Erfahrung so , wie die wahre Kunst es will , Gestalt zu geben . Eine solche segnende Engelshand schien auch über uns zu walten . Wir sahen sie nicht , aber ein Jeder wußte , daß der warme , weiche und Allen bemerkbare Hauch der Liebe und des Friedens von der Stelle ausging , an welcher der im Rauch und Qualm und Ruß des brennenden Tempels verschwundene Geist durch einen neuen , friedlich denkenden ersetzt werden sollte . Was habe ich da gesagt ! Ein Geist sei zu ersetzen ! In einem und demselben Körper ! Durch einen neuen , einen vollständig andern ! Diese Gedanken beschäftigten nicht nur mich , sondern auch Raffley und den Uncle . Den Letzteren ganz besonders , weil es ihm als unmöglich erschien , sie zu begreifen . Er kannte nur die veraltete Ansicht der Psychologen , daß jeder Mensch einen ganz besonderen , nur ihm zugehörigen und also durchaus individuellen Geist besitze , den er nicht eher als nur erst mit dem Tode » aufgeben « könne . Er wußte zwar , daß es tausende und abertausende von Menschen gegeben hat , die anderen Sinnes , also anderen Geistes geworden sind , war aber überzeugt , daß diese Aenderung mit dem alten , bisherigen Geiste vorgegangen sei , nicht aber darin bestehe , daß sich ein vollständig anderer und neuer eingestellt habe . Er sagte da : » Das wäre ja eine wunderbar praktische und höchst vortreffliche Einrichtung , wenn sich jeder Mensch nach Belieben einen neuen Geist besorgen könnte , so ungefähr zum Beispiele , wie man sich eine neue Uhr in die Tasche steckt , wenn man sich auf die alte nicht mehr verlassen kann , weil sie nichts mehr taugt ! « Da lächelte Tsi , der bei uns saß , den lieben Alten von der Seite an und fragte : » Ist Ihnen vielleicht die chinesische Erzählung von der Taucherinsel Ti bekannt , Mylord ? « » Nein , « antwortete der Governor , welcher nicht wußte , daß Ti das chinesische Wort für Erde ist . » Was ist das für eine Insel ? Kenne sie nicht . Können ihre Bewohner etwa ihre Geister wechseln und ersetzen wie wir unsere Uhren ? « » Nein ; ebenso wenig wie wir . Ob gewechselt werden soll , darüber haben natürlich nicht die Körper , sondern die Geister zu bestimmen . Ich will mich ganz und gar populär ausdrücken : Hat etwa die Uniform zu befehlen , wer sie anlegen soll und wer nicht ? « » Nein ! « » Nun , diese Uniform ist der Menschenkörper ! Wenn er glaubt , dem Geiste Vorschriften machen zu dürfen , so irrt er sich . Die Insel Ti liegt mitten im großen Weltenmeere . Sie wird von einem Fürsten regiert , welcher jedem seiner Untertanen eine bestimmte Lebensaufgabe stellt , die er zu lösen hat . Diese Untertanen sind Taucher , welche in die Fluten zu steigen haben , um die verschiedenen Schätze des Meeres an das Tageslicht zu heben . Zu diesem Zwecke gibt es eine unzählige Menge von Taucherrüstungen , welche menschliche Gestalt besitzen . Jede dieser Rüstungen wird von einer in ihr wohnenden , sogenannten Anima in Stand gehalten , welche mit ihr entstanden ist und mit ihr wieder untergeht . Die eine Rüstung eignet sich mehr für diese , die andere mehr für jene Arbeit . Mit der einen können edle Perlen , mit der anderen nur Schwämme , mit der dritten gar nur Algen oder gemeiner Tang der Flut entrissen werden . Jede von ihnen wird demjenigen Taucher anvertraut , für dessen Aufgabe sie geeignet ist . Die Arbeit wird überwacht , sehr streng , viel strenger , als die Taucher meinen , obgleich die Regierung eine Regierung der allergrößten Liebe ist . Aber grad weil diese Liebe Alle umfaßt und sich nicht nur auf Einzelne richtet , ist diese Strenge geboten , sobald die Liebe versagt . Zeigt sich ein Taucher seiner Rüstung nicht wert , bringt er Schwämme oder Tang anstatt der Perlen , so wird sie ihm genommen und einem Würdigeren gegeben . Bringt dieser zwar Perlen , aber mit Schmutz und Algen vermischt , so hat ein noch Besserer anzutreten . Und so kommt es , daß es wohl keine einzige Rüstung gibt , von der man sagen könnte , daß sie stets nur im Dienste eines und desselben Tauchers gestanden habe . Es kommt sogar sehr häufig vor , daß ein höherer Taucher sich die Rüstung eines niederen leiht , um ihn zu unterrichten , auf welche Weise er bessere Erfolge erzielen und dadurch zu ihm emporsteigen könne . - - - Haben Sie dieses Bild verstanden , Mylord ? « » Hm ! « brummte der Governor . » Die Insel ist natürlich die Erde ; die Meeresflut ist das Leben ; die Rüstungen sind die beseelten Menschenkörper , und die Taucher sind die unsichtbaren , geheimnisvollen Intelligenzen , welche wir als Geister bezeichnen . Ich habe jetzt keine Zeit , denn ich bin nicht allein ; aber ich werde mir diese Insel Ti merken und über sie nachdenken . « » Tun Sie das ! Aber denken Sie ja nicht so tief nach , daß Ihnen dabei die Sinne vergehen . Sie haben nämlich nebenbei auch aufzupassen ! Merken Sie zum Beispiel auf , wenn Sie im Traveller-Klub mit guten , lustigen Freunden Billard spielen ; merken Sie auf , wenn Sie am Sarge eines geliebten Verwandten stehen ; merken Sie auf , wenn Sie sich auf der Fuchsjagd befinden ; merken Sie auf , wenn Sie mit Ihrem Bankier Ihr letztes Jahreseinkommen berechnen , und merken Sie auf , wenn Ihr Freund , der Heidenpriester , seine Hand auf das Haupt Miß Marys legt , um sie zu segnen ! Und dann sagen Sie mir , ob - - - « » Ja , ja , « unterbrach ihn der Governor ; » in jedem dieser Fälle bin ich natürlich ganz , ganz anders gestimmt ! « » Gestimmt ! Allerdings ein leider sehr gebräuchliches , aber außerordentlich falsches Bild ! Uebrigens sprach ich von Taucherrüstungen , nicht aber von Klavieren . Aber ich will auf diesen Ihren Vergleich eingehen . Ihr Körper sei also das Klavier ; die Nerven seien die Saiten , und vom Gehirn aus werde es gespielt . Ich brachte Ihnen fünf verschiedene Fälle , in denen Sie sich beobachten sollen , und Sie geben zu , daß Sie jedesmal anders klingen . Sie erklären das damit , daß Sie anders gestimmt worden seien . Mein Freund , welches Klavier würde es wohl aushalten , täglich zehn- bis zwanzigmal umgestimmt zu werden ? Und Sie sind jetzt wohl sechzig Jahre alt . Das ergibt , daß Ihr Klavier in dieser Zeit wohl eine halbe Million mal umgestimmt worden ist . Welcher Körper , welche Nerven , welches Gehirn würde das wohl aushalten ! Der totalste Irr- oder gar Blödsinn müßte die baldige Folge sein ! « » Richtig ! Ganz verteufelt richtig ! « rief da der Uncle aus . » Aber das ist noch das Wenigste dabei ! « fuhr Tsi fort . » An die Hauptsache haben Sie gar nicht gedacht . Nämlich wer ist denn eigentlich das geradezu diabolisch gequälte , arme Wesen , welches dazu verdammt worden ist , die unzähligen Nerven Ihres Körpers in jedem Jahre weit über siebentausendmal umzustimmen ? Sind Sie das etwa selbst ? « » Ich danke ! Fällt mir gar nicht ein ! « » Also nicht Sie selbst ? Demnach ein Wesen außerhalb Ihrer eigenen Potenz ! Merken Sie , wohin Sie kommen ? Es gibt ein außerhalb Ihrer Persönlichkeit stehendes Wesen , welches volle sechzig Jahre lang mit Ihnen herumgelaufen ist , um an jedem Augenblicke bereit zu sein , alle Ihre unzähligen Nerven in Zeit von einer Sekunde herüber- oder hinüber- , hinauf-oder herabzustimmen ! Mylord , verlangen Sie von Gott nicht , so wahnsinnig zu handeln , wie Ihre bisherige Psychologie ihm zugemutet hat ! Sie befinden sich nämlich nicht allein auf der Erde . Es gibt außer Ihnen noch fünfzehnhundert Millionen andere Menschen , denen der Schöpfer auch fünfzehnhundert Millionen Klavierstimmer zur immerwährenden Verfügung zu stellen hätte ! Und damit wären immer erst nur Ihre sogenannten Stimmungen erklärt , nicht aber auch die eigentlichen Gefühle , die Gedanken , die Worte und die Taten ! Bitte , sehen Sie doch ein , was Sie , der winzige Wurm im unendlichen All , von dem Herrgott Alles verlangen ! « » Das ist freilich horribel , horribel ! « gestand der Governor ein . » Und nun noch Eines : Wenn Sie umgestimmt worden sind , wer setzt sich dann hin , um zu spielen ? « » Ich nicht , denn ich bin ja das Klavier ! « » Nun , aber wer ? Es muß doch ein Spieler da sein , für den Sie umgestimmt worden sind ! Wer ist das ? « Da stand der Uncle langsam von seinem Sessel auf und antwortete : » Mr. Tsi , ich erkläre Ihnen , daß es mir unmöglich ist , zu antworten . Mein Verstand will absolut nicht weiter . Lassen wir ihn also hier stehen . Vielleicht besinnt er sich noch ! Wenn ich aber ganz aufrichtig sein will , so muß ich Ihnen bekennen , daß ich Sie für Denjenigen halte , der in diesem Augenblicke auf mir spielt . Ich bitte herzlich : Hören Sie einstweilen auf ; denn für Das , was Sie weiterspielen wollen , müssen erst neue Saiten aufgezogen werden ! « Die Wirkung dieser seiner Worte war eine ganz andere , als er erwartet hatte . Nämlich Tsi rief aus : » Gelöst , gelöst , wenigstens beinahe gelöst ! Mylord , Sie haben soeben Etwas gesagt , dessen Bedeutung Sie gar nicht ahnen . Ja , warten wir noch ! Aber nicht etwa , weil Ihnen die Saiten fehlen , sondern weil es zur Fortsetzung eines ganz andern Spielers bedarf . Ich bin nur Stümper ! Bleiben wir also bei dem ersten Gleichnisse stehen , nämlich bei der Taucherrüstung , nicht bei dem Klaviere ! « » In Beziehung auf Waller ? « fragte John Raffley . » Ja , « antwortete der Arzt . » Er liegt am Strand , weiß nichts von Beiden mehr , vom Wasser und vom Land . Seiner Anima ist jede Erinnerung entflogen . Nur ein einziges Wort ist ihr , ist ihm erhalten geblieben , nämlich sein Name , der Name , durch welchen sich diese Taucherrüstung von den andern unterschied . Setzen wir uns hin zu ihm , an den Strand , an welchem Land und Wasser , Begreifliches und Unbegreifliches sich berühren , und merken wir auf ! Es wird der Augenblick kommen , an dem sich der neue Taucher dieser Rüstung naht ; das weiß ich ganz bestimmt . Ich möchte diesen Moment um keinen Preis versäumen ! Er wird die Rüstung nicht sofort anlegen , um mit ihr in die Flut des Lebens zu tauchen . Er wird sie betrachten , berühren , von allen Seiten und an allen Gliedern prüfen . Er wird sich erst am Land mit ihr bewegen , um vor allen Dingen zu untersuchen , ob ihrer Verbindung mit dem Lebensquell , der höheren Atmospäre , zu trauen ist . Und hat er sich hiervon überzeugt , so wird er sich nicht sofort in die tiefste Tiefe wagen , sondern nur in fortschreitender Uebung nach und nach zu ihr hinuntersteigen . Und wenn er endlich der Rüstung so vollständig sicher ist , daß er sein Meisterwerk unternehmen kann , so wird er es vollbringen , eher aber nicht . « » Welches Meisterwerk ? « fragte der Governor . » Es ist die Aufgabe , welche jeder Taucher der Insel Ti zu lösen hat , nämlich zu zeigen und zu beweisen , daß seine Arbeit eigentlich kein Niedertauchen , sondern ein Emporsteigen sei . Sie führt nur scheinbar in die Tiefe , in Wirklichkeit aber in die Höhe . « » Und wer gelangt hinauf ? « fragte John . » Wer wird nach und nach so heimisch dort , daß er schließlich und für immer oben bleibt ? Der Taucher nur ? Der dies doch wohl auch ohne Rüstung könnte ? Was wird aus ihr , aus dem Menschen Waller ? Sie haben doch gesagt , daß beide identisch seien ! « Tsi lächelte beinahe vergnügt vor sich hin und antwortete : » Sie sind natürlich überzeugt , mir hiermit die wichtigste und schwerste aller Endanfragen vorgelegt zu haben . Man meint , sie könne von keinem Sterblichen gelöst werden . Aber bitte , haben wir doch einmal Mut ! Versuchen wir wenigstens einmal diese Lösung , obgleich wir auch nichts weiter sind als Sterbliche ! Oeffnen wir die Augen , so gelingt es uns vielleicht , den schon erwähnten Taucher von der Insel Ti bei seiner Arbeit zu belauschen . Belauschen , sage ich ? Wie falsch das ist ! Wir haben gar nicht nötig , uns dabei heimlich anzustellen , denn er wird sich ganz im Gegenteile darüber freuen , daß wir ihn kennen lernen wollen . Vielleicht bittet er uns sogar , ihm seine Arbeit durch unsere Hilfe zu erleichtern ! Würden Sie ihm diesen Gefallen tun ? « » Mit tausend Freuden ! « antwortete der Governor . » Wie das so klingt , Mr. Tsi ! Ganz wie in einem Märchen ! « » Das ist