nicht . Effendi , ich höre , du bist Kenner . Du fängst es richtig an , ganz anders als jene Virtuosen , die nur das Vieh im edlen Pferde sehen ! « » Nun , das liegt eben im Virtuosentum . Noch deutlicher im Wort Dressur ! Liebt Syrr den Stall ? « » Nein . Das Freie ist ihm lieber , sogar des Nachts . « » Hat er Eigenheiten in Beziehung auf das Wasser , auf das Futter ? « » Nicht daß ich wüßte . « » So will ich die Probe wagen . Aber ich bitte dich um Eins ! « » Um was ? « » Von diesem Augenblicke an bin ich der Herr des Pferdes . Kein Mensch darf es ohne meine Erlaubnis berühren , auch du selbst nicht ! « Da wurde er ernst . » Weißt du , was du da auf dich nimmst , Effendi ? « fragte er . » Alles ! « » Jeden Andern würde ich abweisen , denn das Pferd ist nicht mein , sogar den Ustad , den ich doch so kenne ! Dir aber will ich vertrauen . Syrr sei dein Eigentum , natürlich nur für die Zeit meines Aufenthaltes hier . Bist du zufrieden ? « » Ja , ich danke dir ! « » So geh hinab zu ihm , indessen ich es mir hier wohnlich mache ! « Das war auch für Schakara das Zeichen , sich zu entfernen . Sie nahm mein » Feierkleid « mit , um es hinauf zu mir zu tragen . Halefs Anzug wollte Dschafar selbst überbringen . » Denn ich kenne ihn aus Lindsays Erzählungen , « sagte er lächelnd . » Es hat höhern Wert für ihn , den Boten des Schah-in-Schah persönlich zu empfangen . « Unten ging ich sofort in das Gewölbe , in welchem die Pferde standen . Die Reitknechte waren da . » Weiß hier schon Jemand , daß Ihr den Syrr mitgebracht habt ? « fragte ich . » Nein , « lautete die Antwort . » Dschafar Mirza hat uns verboten , davon zu sprechen . « » So verschweigt es auch weiterhin . Niemand soll es wissen . Jetzt ist er mein . Ich werde ihn selbst bedienen ; es hat ihn von jetzt an kein Anderer zu berühren . Wie ist er gesattelt , wenn er den Schah-in-Schah trägt ? Wohl Reschma ? « » Nein , sondern arabisch . « » Wie verhält er sich zu andern Pferden ? « » Er mag sie nicht ; er ist stolz ; aber er tut ihnen nichts . Wenn sie ihm nahe kommen , geht er fort . Er hat sich noch von keinem berühren lassen , auch selbst noch keines berührt . « » Kannst du das so genau wissen ? « » Ja , denn ich bin Dschydd69 und habe Syrr von Anfang an gepflegt . « » So werde ich mich an dich wenden , wenn ich Etwas wissen will . Liebt er das kalte Wasser ? « » Es ist ihm sogar eine Wonne . Er lächelt froh , wenn man ihn wäscht . Der Beherrscher hatte ihn einmal mit am Narghis-See . Da war er noch jung und lief frei herum , das schönste Füllen , das es auf der Erde gab . Da war er fast gar nicht aus dem Wasser herauszubringen . Effendi , ich bitte dich , nimm ihn in Acht ! Ich habe ihn so lieb ! « » Sei unbesorgt ; er ist in guten Händen ! In welcher Sprache redest du mit ihm ? Persisch natürlich ? « » Nein nicht persisch , sondern meine Muttersprache . Ich bin ein Dschubeileh-Araber . « Da ließ ich mir diejenigen Worte und Ausdrücke aufzählen , welche dem Syrr geläufig waren , und nahm ihn dann aus dem Gewölbe heraus , um ihn hinter nach der Weide zu führen . Schakara hatte den Anzug hinaufgebracht und kam jetzt wieder herunter . Sie war bei meinem Gespräch mit Dschafar zugegen gewesen , hegte das lebhafteste Interesse für das Pferd und bat mich , mitgehen zu dürfen . Als wir durch den Garten kamen , pflückte ich zwei Aepfel , einen gewöhnlichen Küchenapfel und einen edlen , nach Rosinen duftenden Sib-y-Kischmisch-Apfel . Jeden in einer Hand , hielt ich dem Pferde beide zugleich vor . Es faßte nicht etwa hastig zu , sondern es beroch sie mit Bedacht und griff dann zu dem duftenden . Da sagte Schakara : » Effendi , das ist kein Vieh . Es beherrscht den Appetit ; es wählt ; es folgt nicht der Gier , sondern dem prüfenden Sinne . Und schau , wie langsam es kaut , fast wie ein Mensch , der eine Delikatesse genießt . Ein anderes Pferd hätte schon längst nach dem zweiten Apfel gelangt . - - - Nun nimmt es ihn , fast leise , zögernd , als ob es dir einen Gefallen tun wolle , indem es nun auch den weniger guten frißt . Syrr ist edel , sehr edel . Ich habe ihn schon lieb ! « Sie klopfte ihm mit der flachen Hand den Oberschenkel , so , wie man Pferde kräftig zu liebkosen pflegt . Da hob er den einen Vorderfuß und zuckte mit dem eingewickelten Schwanze . Dieses » Klatschen « war ihm also unangenehm . Für mich ein wichtiger Fingerzeig ! Als wir an die Quelle kamen , ließen wir ihn trinken . Er versuchte erst den Geschmack des Wassers und trank dann mit sichtlichem Behagen , zuweilen eine Pause machend , wie ein Weinkenner , der eine seltene Nummer nicht gleich hinunterstürzt . Dann führte ich ihn hinter in das Gras und begann , die Hülle aufzuschnallen . Da sah ich denn , daß Syrr auch ein Rappe war , aber was für einer ! Ein Rappe mit Doppelmähne ! Ohne das geringste helle Fleckchen ! Der volle , vornehm getragene Schwanz reichte fast bis zur Erde nieder . Die Behaarung war seidenweich und biberfein , fast schwärzer noch als schwarz , aber die Spitze jedes einzelnen Haares wie in eine Brillanttinktur , in lichten Fluß getaucht und darum leise , aber doch ganz deutlich schimmernd . So Etwas hatte ich noch nie gesehen . Schakara schlug verwundert die Hände zusammen und rief aus : » Ein Mischki en Nur70 ! Das Märchen hat also Recht ! Es gibt Rappen , welche dunkler sind als Kohle und doch wie Demant glänzen ! Wenn die Alten am Lagerfeuer sitzen und von jenem Wunderpferd erzählen , welches des Nachts von Stern zu Stern galoppiert , um einen Geist zu suchen , der es reiten könne , so ist es stets ein Mischki en Nur . Der Glanz der Sterne wurde seinem Haar zu eigen ; einen würdigen Reiter aber hat es bis heut noch nicht gefunden . « Diese Spitzenfärbung war umso erstaunlicher , als sie sich nicht nur bei den kurzen Härchen des Körpers sondern auch bei den langen Haaren der Mähne und des Schwanzes zeigte . Wenn er den Letzteren bewegte , so war dieses leise Flimmern , um mich so auszudrücken , eine wahre Augenfreude . Aber nun erst die Gestalt , der Körperbau des Hengstes ! Ich habe Rih beschrieben und auch Assil Ben Rih , seinen Sohn , zu beschreiben versucht . Das war ein Fehler . So wenig , wie man die Schönheit einer Blume , einer Frau , eines Kunstwerkes beschreiben kann , ebenso wenig läßt sich durch Worte eine Anschauung von der Schönheit eines Rassepferdes geben . Ich werde mich also hüten , meinen Fehler zu wiederholen , indem ich Syrr beschreibe . Zudem weiß ich sehr wohl , welche Vorurteile im Abendlande gegen den ächten Araber herrschen . Der Europäer bezeichnet den Beduinen als den größten Dieb und Lügner im Pferdehandel , verbreitet aber doch die » Lügen « , welche man ihm aufgehängt hat , und glaubt sie auch selbst ! Die Beduinen wissen sehr wohl , was es heißt , wenn fremde Völker den Europäern ihre Schätze zeigen und ihnen erklären , worin der Wert derselben besteht . Die Folgen solcher Aufrichtigkeiten liegen allüberall so zu Tage , daß sie gar nicht zu übersehen sind . Wenn der größte Reichtum des Arabers in seinen edlen Pferden liegt , so fällt es ihm gar nicht ein , jeden Franken über Alles , was diese Pferde betrifft , bereitwilligst zu unterrichten . Die bösen Erfahrungen , welche Andere gemacht haben , zwingen ihn zu Ausflüchten , Täuschungen und Unwahrheiten , durch welche er zwar seinen Ruf verschlechtert , aber fremde Gelüste von sich weist . Was man in Büchern über das arabische Pferd zu lesen bekommt , ist häufig ein Beweis für diese Täuschungen . Selbst berühmte Hippologen behaupten in ihren Schriften , daß der Araber selten Rappen züchte , weil er die schwarze Farbe für ordinär halte , daß eine volle Mähne und ein voller , langer Schweif für häßlich gelte , und was dergleichen Dinge weiter sind . Hiernach wäre Syrr als ein unschönes , gemeines Pferd zu bezeichnen . Wenn ich höflich sein und dies als Wahrheit gelten lassen will , so muß ich begeistert hinzufügen , daß der Bau seines Körpers noch viel , viel häßlicher und gemeiner war als seine Farbe ! Ich trat ein Stück von ihm zurück , um diese herrlichen Formen zu betrachten , die jeden Kenner oder Pferdefreund entzücken mußten . Ich suchte nach Fehlern , scharf und unerbittlich , fand aber keinen , keinen einzigen , nicht den allergeringsten ! Dieser Syrr war körperlich ideal . Ob auch in Beziehung auf seine innern Eigenschaften - fast hätte ich Geist oder Seele gesagt ; das ist mir aber für Tiere streng verboten worden - das hatte sich noch zu zeigen . Da sah Assil mich stehen . Er kam herbei , um mir zu zeigen , daß er auch noch vorhanden sei . Ich liebkoste ihn wie immer . Da ging er weiter , hin zu Syrr . Auch er machte niemals Gemeinschaft mit andern Pferden . Er schritt langsam , prüfend vorwärts . Er hob die sich erweiternden Nüstern , so daß die Linie von den Ganaschen zur Kinnkettengrube eine wagerechte wurde . Seine Ohren spielten . Der Schweif hob sich . So kam er näher , immer näher - - - zwei Vollbluthengste ! Was wird wohl geschehen ! Syrr stand still . Er bewegte keine Muskel . Kein Haar zuckte . Aber seine innen rosagefärbten Nüstern öffneten sich mehr und mehr , und seine großen Augen schienen noch größer zu werden . Nun war Assil da . Er legte die Ohren grad nach vorn , sog den Atem des neuen Kameraden ein , wieherte kurz und wie vor Freude auf und - - - gab Syrr einen Kuß . Ja , Pferde küssen ! Wer das nicht weiß , der hat sie noch nicht beobachtet ! Eine solche Vertraulichkeit erschien dem Rappen des Schah-in-Schah wohl unerhört . Er hob schnell auch den Kopf , legte die Ohren ganz nach hinten und öffnete die Lippen so , daß das prächtige , elfenbeinene Gebiß zu sehen war . Dann wieherte er ebenso , schloß die Lippen wieder und - - - küßte Assil Ben Rih auch . » Wie schön , wie gut , Effendi ! « sagte Schakara . » Ich befürchtete schon , es werde eine gewaltige Schlägerei beginnen . Sie haben sich aber erkannt . Edel zu edel , hoch zu hoch , echt zu echt , das gibt niemals Konflikt ! « » Möchtest du mir nicht einige weiche Lappen besorgen ? « bat ich sie . » Er ist unter der engen Hülle ganz verdunstet . Ich will ihn waschen . « » Auch Machassa und Furscha71 ? « fragte sie . » Nein . Heut nicht . Es könnte das der neuen Bekanntschaft schaden . « Sie ging , das Verlangte zu holen . Ich war nun mit Syrr allein und begann , mich bei ihm einzuschmeicheln . Fast hätte ich mit der bekannten Redensart gesagt - ihm seelisch näher zu treten . Ich strich ihm leise das Haar , nicht Mähne oder Schwanz , sondern nur das kurze , und zwar genau in der Richtung , in der es lag . Wo es einen Bogen machte , folgte auch ich ihm mit der Hand . Wo sich bei Gliederbeugen zwei verschiedene Haarrichtungen begegneten , beachtete ich das wohl und folgte mit einer Hand der einen , mit der zweiten Hand der andern . Wo ein Wirbel gebildet wurde , wirbelte ich auch . In dieser Weise ging ich über den ganzen Körper , von hinten nach vorn . Es fiel mir nicht ein , Etwas zu tun , womit ich Syrr belästigt hätte , etwa wie die Hufe zeigen zu lassen oder das Gebiß zu untersuchen . Den Kopf behandelte ich mit besonderer Aufmerksamkeit . Es gab da am Oberauge einige herabragende Borstenhaare , welche den Blick unausgesetzt belästigen mußten . Ich schnitt sie mit meiner kleinen Taschenmesserschere sofort weg . Auch ein Pferd merkt so Etwas sogleich und ist dankbar dafür ! Nur kann es leider nicht sagen » Ich danke Ihnen ergebenst , Herr Rollfuhrmann oder Herr Droschkenkutscher ! « So gab es schließlich am ganzen Körper keine Stelle , die ich nicht berührt hatte , lieb , streichelnd und alle Derbheit oder Hast vermeidend . Wäre es kein Pferd sondern ein Mensch gewesen , so würde ich sagen , Syrr sollte bei sich denken : Der hat Verstand ; der ist aufmerksam und gütig ; den muß man liebhaben ! Dann legte ich ihm die Hände an die Backen , ließ ihm meinen Atem fühlen und sprach freundlich mit ihm . Zu verstehen brauchte er kein Wort . Er sollte nur den Ton meiner Stimme hören und meine Augen betrachten dürfen , denen es nicht einfiel , sich zu einem » Pferdebändigerblick « zu verschärfen . Er hatte sich zu alledem sehr ruhig , wie abwartend verhalten - reserviert , sagt man bei Menschen . Da sah ich Schakara zurückkommen und trat einen Schritt von ihm zurück . Sofort tat er diesen Schritt auf mich zu , nahm meinen Arm zwischen die Zähne und hielt mich fest , doch ohne mir wehe zu tun . Da berührte ich zum ersten Male seine Mähne . Ich strich liebkosend an ihr herab und sagte : » Ich gehe nicht fort ; sei ruhig , Syrr ! « Aber was war denn das ? Schon während des Berührens seines Körpers hatte ich ein eigentümliches Prickeln in den Händen gefühlt , ganz leise nesselartig , wie ein feiner , wohltuender elektrischer oder galvanischer Reiz . Ich verspürte ihn jetzt noch . Er kam vom Pferde . War er nur einseitig oder gegenseitig ? Bekam ihn Syrr etwa auch von mir ? Und als ich jetzt mit der Hand an der Mähne niederfuhr , wurde er stärker , und ich hörte es in den Haaren knistern , freilich nicht etwa laut , sondern schwach , aber doch recht gut vernehmlich . » Horch ! « bat ich Schakara , als sie uns erreicht hatte , und strich etwas kräftiger . Sie lauschte einige Augenblicke . Dann fragte sie : » Fühlst du Etwas , Effendi ? « » Ja . Es ist wie irgend eine Kraft , die meine Hand berührt und in den Nerven weitergeht . « Da ließ sie die mitgebrachten Lappen fallen , legte die Hände zusammen und rief aus : » Das Knistern , das Knistern ! Weißt du noch , was ich dir von der verlorengegangenen Poesie erzählt habe ? Von dem Rosse , dessen Mähne Funken sprüht ? Wie lichtgewordene Strophen um die Stirn des Reiters ? Effendi , ich bitte dich , nimm deinen Fez vom Kopfe ! Berühre erst die Mähne und dann hierauf dein Haar ! Ich muß wissen - - - « Sie hielt inne . » Was ? « fragte ich . » Ob - - ob - - - ob du dann Etwas fühlst . « Ich tat ihr den Gefallen , nahm den Fez ab , strich einige Male mit der Hand an der Mähne herunter und legte sie mir dann auf den Kopf . Die Wirkung war eine ganz eigenartige . Das Prickeln verschwand sofort aus meiner Hand und ging auf die Kopfhaut über , wobei es in den Haaren leise , leise knisterte . Indem ich Schakara dies mitteilte , stand ich vorn bei Syrr . Dieser öffnete die Nüstern , sog die Luft laut ein , kam mit dem Kopfe zu mir herum und faßte mich am Haare , nicht mit den Zähnen , sondern ganz weich , nur mit den Lippen . Da ging über Schakaras Gesicht ein frohes , glückliches Lächeln . Sie hob die Lappen wieder auf und sagte : » Nun komm nach dem Wasser , wenn du ihn waschen willst . Ich gehe ; du aber reitest ! « Diese Aufforderung befremdete mich nicht im Geringsten . Es war auch mir ganz so , als ob sich das Pferd gegen mich nicht abweisend verhalten werde . Ich stieg also auf , vorsichtig , schmerzhaften Druck vermeidend . Kaum oben , legte ich beide Fersen an , die rechte etwas weiter vor als die linke . Syrr drehte sich sofort links um und ließ sich von mir nach der Quelle reiten . Dort sprang ich wieder ab und belohnte ihn mit einem Kusse . Da warf er den Kopf hoch in die Höhe und wieherte so triumphierend , daß Schakara , laut lachend , sagte : » Das ist Jubel ! Er tut , als habe er dich besiegt anstatt du ihn ! Also ein Doppelsieg mit gegenseitigem Wohlgefallen hinterher ! Was wird Dschafar Mirza dazu sagen ? ! « » Nichts , denn er erfährt noch nichts , « antwortete ich . » Ich bitte dich , Schakara , sei verschwiegen ! Ehe ich Etwas sage , muß ich Syrr vollständig kennengelernt haben , und das hat heimlich zu geschehen . Es ist vielleicht zu kühn , aber ich denke hierbei auch an das Rennen . Wenn Syrr das ist , was ich von ihm erwarte , so lache ich über jeden Gegner , den man ihm zu stellen wagt . « Hierauf begann die Wäsche . Schakara hätte wohl gern mitgeholfen , doch gab ich es nicht zu . Der Glanzrappe mußte erfahren , daß ich nicht nur sein Herr sein wollte , sondern auch gern mit eigenen Händen für ihn sorgte . Dieses Waschen war kein rücksichtsloses Begießen , Reiben und Scheuern ; es geschah genau so vorsichtig und schonend wie das vorhergehende Streicheln . Als Syrr abgetrocknet war , machte ich eine weitere Probe . Zu den Ausdrücken , welche er verstand , gehörte auch , wie der Stallknecht mir gesagt hatte , das Wörtchen » komm « ! » Ta ' al72 ! « sagte ich darum und ging vom Wasser fort . Er kam zu meiner Freude sogleich hinter mir her . Ich führte ihn nach der Weide , doch nicht geraden Weges . Um ihn zu prüfen , wich ich einige Male scharf ab , nach rechts oder links . Er machte diese Schwenkungen mit und blieb eng hinter mir , bis ich endlich stehen blieb . Zum Lohne hierfür holte ich ihm dann noch einige Aepfel und gab ihm auch selbst seine Abendgerste , worauf ich ihn mit der Ueberzeugung verlassen konnte , daß wir gute Freunde geworden seien . Als ich in den Hof trat , stand Hanneh oben auf der Halle und winkte mir , hinaufzukommen . Ich tat es gern . Halef lag nicht , sondern er saß , im Rücken gestützt von einigen Polstern . Das » Feierkleid « war vor ihm ausgebreitet . Auf seinem Gesichte glänzte die Freude und mit ihr neue Lebensfarbe . » Sihdi , mir ist ein großes , großes Heil widerfahren , « sagte er . » Dschafar Mirza , der Abgesandte des Schah-in-Schah , war bei mir , um mir dieses Geschenk der Ehrung zu überbringen . Ich weiß gar wohl , ich verdanke es nicht mir , sondern nur dem Umstande , daß ich dein Begleiter bin . Aber ich freue mich doch unendlich darüber und werde mich , so oft ich es trage , nach seinen ernsten Farben richten ! « Diese letzte Wendung kam mir nicht ganz unerwartet . Krankheiten machen eben ernst , und Genesungsfreude und Besserungsfreude sind zwei liebe Schwestern . Es war ihm anzusehen , daß dieses Geschenk ihn wieder einen bedeutenden Schritt vorwärts gebracht hatte . Hierauf ging ich zum Abendessen mit Dschafar , dem Pedehr und dem Chodj , den ich dazu geladen hatte . Dieser Mann war es wert , daß man ihn nicht bloß arbeiten sondern auch mit beraten ließ . Nach Tische nahm ich Dschafar mit hinauf zu mir . Wir saßen im Freien und erzählten . Von dem Mordanschlag auf ihn sagte ich ihm noch nichts . Die Gefahr war jetzt noch nicht da , und ich wollte ihm den Aufenthalt bei uns nicht gleich am ersten Tage mit Sorgen vergällen . Daß er wenigstens bis zum Rennen bleiben werde , verstand sich ganz von selbst . Er hatte zwar behauptet , von der Reise nicht ermüdet zu sein ; aber trotz der Lebendigkeit unserer Unterhaltung erklärte er gegen Mitternacht doch , nun schlafen gehen zu müssen . Ich begleitete ihn bis hinunter an seinen Wartturm und kehrte dann zu mir zurück , um mich auch niederzulegen . Der Mond schien hell , und ich sah von meiner hohen Plattform aus , daß die Pferde alle lagen , das eine etwas abseits von den andern ; das war Syrr . Als ich mich niederlegte , fiel mir ein , daß heut vor einer Woche , am Freitag , zum ersten Male vom » Feste der fünfzig Jahre « und von dem Rennen zu mir gesprochen worden war . Was hatte sich in dieser Woche Alles ereignet , und wie unerwartet schnell war es während dieser Zeit mit meiner Genesung vorwärts gegangen ! Wie vortrefflich war die Anstrengung des Sonntages und des hierauf folgenden Nachtgespräches überstanden worden ! Ich hatte dann allerdings volle vierundzwanzig Stunden fest geschlafen , aber wundersam war diese schnelle Erholung nach einer so langen Krankheit jedenfalls . Als ich früh aufstand , schlief Dschafar noch . Ich besuchte zunächst die Pferde . Die drei andern begrüßten mich von Weitem . Assil kam schnell heran zu mir , um sich an mir zu reiben . Syrr war zurückhaltender . Seine noch nassen Vorderbeine bewiesen mir , daß er trinken gewesen und dabei direkt in die Quelle gestiegen war . Ich holte ihm einige Aepfel , die er langsam und bedächtig verzehrte . Dann leckte er mir die Hand . War das , weil sie noch nach den Aepfeln rochen ? Oder war es Dankbarkeit , vielleicht schon Liebe ? Ich brachte ihm nun seine Morgengerste und suchte dann den Pedehr auf , um mit ihm über die Sicherheitsmaßregeln zu sprechen , welche wir in Beziehung auf Dschafar zu treffen hatten . Wir mußten umso besorgter sein , als er jetzt noch nichts erfahren sollte . Die Wächter des Duars hatten ihre Aufmerksamkeit von jetzt an zu verdoppeln , zumal die Zeit des Rennens immer näher rückte und der Fremdenzufluß nun bald beginnen würde . Dies brachte ihn auf die Wege , welche zum Duar führten , und auch auf den , auf welchem wir nach dem Sprunge über den Abgrund nach dem hohen Hause gebracht worden waren . » Bist du schon wieder dortgewesen , Effendi ? « fragte er . » Nein , « antwortete ich . » Wie weit ist es bis hin ? « » Nur eine Viertelstunde . « » Nur ? Hast du Zeit ? « » Ja . Wir haben zwei Wege ; einen vom Dorfe aus , und einer führt von hier aus um den Wartturm herum . Beide treffen später zusammen . Hast du Lust , zu gehen ? « » Ja . Komm ! « Das Tal der Dschamikun stand nach drei Seiten hin mit der Außenwelt in Verbindung . Ostwärts ging es nach dem Hasen- und Kurierpaß . Nordwestlich nach dem Gebiete der Takikurden , zugleich aber auch zu den im Norden halbansässigen Dschamikun . Und südwärts nach dem Daraeh-y-Dschib , dem Tale des Sackes . Durch das letztere waren wir , von Nordwesten aber Hanneh und Kara gekommen . Der Weg nach dem Tale des Sackes führte zwischen dem Tempel- und dem Ruinenberge hindurch . Beide traten hier so eng zusammen , daß sie nur durch eine schmale Schlucht geschieden wurden . Unten lief der Duarpfad , etwas höher derjenige , auf dem wir uns befanden . Er führte durch einen steil ansteigenden Wald . Tief unten eilte rauschendes Wasser nach dem See . Es kam aus dem Felsenrisse , über den wir mit unsern Pferden gesprungen waren . Nach einiger Zeit stieg der Duarweg zu uns heran , und dann hatten wir nur noch eine kurze Strecke bis zu der Stelle , wo wir unser Leben gewagt hatten , um den Massaban zu entkommen . Es war jetzt eine neue Brücke da . Als ich auf ihr stand , in die Tiefe schaute , in welche sich von drüben her das Wasser stürzte , und die Breite des Risses mit den Augen maß , überkam mich nachträglich die Angst , von der ich damals keine Spur empfunden hatte . Wie war es doch nur möglich gewesen , sich ein solches Wagnis zuzutrauen ! Der Pedehr mochte meine Gedanken erraten , denn er sagte : » Das hat Euch keiner vorgemacht und wird Euch wohl auch Keiner nachmachen ! Schau dir die Brücke an , Effendi ! Bemerkst du Etwas ? « » Natürlich ! Sie ist zum Aufziehen . « » Ja . Nach den Erfahrungen mit den Massaban konnten wir uns nicht zu einem neuen , festen Uebergang entschließen , der im Kriegsfalle immer zerstört werden muß . Der Ustad ließ von unserm Nälbänd73 Ketten machen und vom Najjar74 die starken Rollen dort an der Eiche . Jetzt genügt die Kraft eines einzelnen Mannes , die Brücke aufzuziehen . Das ist ein Wunder , welches ich nicht begreife , denn sie ist ja zehnmal schwerer als der Mann selbst . « » Es ist kein Wunder sondern sehr einfach . Diese Rollen bilden ein Suhulet75 , durch welches die Kraft des Menschen derart vervielfältigt wird , daß ein Einzelner genügt , die Brücke zu heben . Der Ustad kennt dieses Naturgesetz sehr wohl . « » Und hältst du so eine Brücke für gut ? « » Ja . Doch wie diese liegt , hat man dafür zu sorgen , daß man nicht einmal selbst auch abgesperrt wird ! « Als wir zurückkehrten , wählten wir den Weg nach dem Duar . Dort angekommen , konnten wir Dschafar beobachten , welcher nun schon unten war und uns nicht sogleich bemerkte . Er hatte gehört , daß ich mit dem Pedehr fortgegangen sei , und war darum auch gegangen , um uns vielleicht zu treffen . Er hatte das Boot am Landeplatz entdeckt und sich den Chodj-y-Dschuna holen lassen . Nun segelten sie bei gutem Winde mit einem halben Dutzend Lastkamelen um die Wette , welche , hoch mit Heu beladen , für das Wettrennen eingeübt wurden . Wie man sich erinnern wird , hatte der Pedehr auf Halefs Frage , was für Pferde laufen würden , folgendermaßen geantwortet : » Es werden nicht bloß Pferde sein . Wir lassen alle Arten der Tiere laufen , die es bei uns gibt , Schafe , Ziegen , Esel , Maultiere , Lastkamele , Reitkamele , gewöhnliche Pferde , und zum Schlusse wird es mehrere Rennen zwischen Tieren edelster Rasse geben . « Der Wettkampf sollte also scherzhaft beginnen , um ernst und würdig zu enden . Als man diese Disposition traf , hatte man nicht geahnt , daß sich aus dem beabsichtigten Rennen unter Freunden ein erbitterter Wettkampf zwischen Freund und Feind entwickeln werde , war aber trotzdem bei der ursprünglichen Bestimmung geblieben , daß der Anfang heiter zu sein habe , möge er enden , wie er wolle . Daher jetzt die Uebung mit den Lastkamelen . Es konnte hierbei nicht etwa von Tierquälerei die Rede sein . Die Dschimal76 waren zwar so hoch und so breit beladen , daß von ihnen nur die Beine zu sehen waren , aber man hatte das Heu so leicht und duftig gepackt , daß es für die starken Tiere nichts weniger als eine Last zu nennen war . Vorn gab es in dem Heuballen eine Oeffnung , aus welcher über dem sonderbaren Maule die Konvexbrillenaugen des Tieres den Weg überschauen konnten . Hoch oben war nur der Kopf des tief im Heu vergrabenen Führers zu sehen , der sein Kamel nur durch Zurufe zu leiten hatte . Es war also vorauszusehen gewesen , daß sich die Sache höchst drollig ausnehmen werde , und die jetzige , erste Probe zeigte , daß man sich hierin nicht getäuscht hatte . Wir sahen die langen Beine , die großen , plumpen Füße und sämtliche Heubündel in eiligster Bewegung , als ob es beabsichtigt sei , binnen zwei Stunden dreimal rund um die Erde zu jagen . Da blieb plötzlich eines der Kamele mitten im Laufe stehen , um in der größten Gemütsruhe sich ein Maulvoll aus der eigenen Last zu raufen und gemächlich zu verzehren . Der Kopf hoch oben begann zu bitten , zu flehen , zu jammern , zu schimpfen , zu drohen . Da besann sich das Kamel auf seine Pflicht und warf die Beine wieder vorwärts , daß der Staub nur so flog , bis es an