als ich . Was sagst du von ihm , Effendi ? « » Es giebt gar keinen Tod , « antwortete ich . Da schlug sie die Händchen zusammen und rief im Tone der Verwunderung aus : » Auch du ? Auch du ? Und doch habe ich gehört , daß man im ganzen Abendlande ebenso fest an den Tod glaube , wie hier bei den muhammedanischen Sunniten und Schiiten ! Der Ustad hat uns gelehrt , daß der Tod für ewig besiegt und überwunden sei . Ich glaubte , daß nur er dies sagen und beweisen könne , und nun höre ich , daß du dasselbe denkst ! Der Tod war mir ein böser , finstrer Mann , der jeden holt und keinen wiedergiebt . Ich fürchtete mich vor ihm , wünschte aber doch , daß er komme und mich zu meinem Vater führe , denn ich liebte diesen mehr , viel mehr , als ich das Sterben fürchtete . War das klug oder thöricht , Effendi ? « » Keines von beiden ! Aber du glaubst , damals über den Tod anders gedacht zu haben als jetzt ? « » Ja . « » Nun , so sag : Was glaubst du jetzt ? « » Daß es keinen giebt , ganz so wie du . « » Und damals ? « » Daß es einen giebt . « » Du irrst . - Du glaubtest schon damals nicht daran . « » Nicht ? Effendi , das muß doch ich wissen , nicht aber du ! « » Du hast es doch selbst gesagt ! « » Wann ? « » Soeben ! Du hast gewünscht , daß der Tod komme und dich zu deinem Vater führe . Kann es da einen Tod geben ? Nämlich in deinen Gedanken ! « » Gewiß ! Ich wünschte ihn ja herbei ! « » O Pekala , o Pekala ! « » Du lächelst ? - Warum ? « » Der Tod soll dich zu deinem Vater führen . Wenn er das kann , so giebt es deinen Vater noch ? « » Natürlich ! « » Und wenn er dich zu ihm bringen soll , so bist auch du noch vorhanden ? « » Ja . « » Also ihr beide , du und dein Vater , seid noch da ? « » Ja . Ich komme zu ihm ! « » So seid ihr aber doch nicht tot ! « Da machte sie eine Geberde des Erstaunens und rief aus : » Maschallah ! Das ist richtig ! Du hast mich gefangen ! « » Nicht dich habe ich gefangen , sondern etwas ganz anderes ! Denke weiter ! Wenn ihr nach dem Tode nicht tot seid , giebt es doch gar keinen Tod ! « » Diesen Gedanken begreife ich . Aber man stirbt doch ! « » Ist dieses Sterben ein Aufhören , ein vollständiges Vernichtetsein ? « » Nein . Es bringt vielmehr das wahre , rechte Leben . So sagt der Ustad . « » So sage auch ich ; so sagst auch du , und so hast du stets gesagt , auch damals , als du dich nach dem Tode sehntest . Nur dies wollte ich dir beweisen . So reden Tausende und Abertausende vom Tode , ohne zu wissen , daß sie ihn mit ihren eigenen Worten aus dem Dasein streichen . Als der Mensch zum erstenmal von dem Tode sprach , wurde er , der Tod , im Menschengehirn geboren ; aber es war das eine Totgeburt . Und die Gedankenleiche dieses Totgebornen hat man durch Millionen Gehirne und durch Jahrtausende bis auf den heutigen Tag weitergeschleppt und wird sie noch durch die folgenden Jahrhunderte zerren , ohne einzusehen , daß man alle diese lächerliche Furcht und Mühe auf einen Korkuluk114 verwendet ! « » Korkuluk ! So ähnlich sagte damals auch mein Tifl . « » Wie ? Er , der junge Mensch ? « » Warum nicht , Effendi ? Bedenke doch , daß unser Ustad sich bereits fünfzig Jahre bei den Dschamikun befindet ! Was er glaubte und dachte , davon hat er die Alten überzeugt , und diese haben es den Jungen , den Kindern , überliefert . Weißt du , in welcher Weise das geschieht ? Ganz so , wie mein Tifl mit mir that , als ich ihm sagte , daß ich sterben wolle . Es giebt im ganzen Duar kein einziges Kind , welches auf einen solchen Wunsch nicht sofort antworten würde , daß er ja gar nicht in Erfüllung gehen könne . Darf ich dir erzählen , wie Tifl zu mir sprach ? « » Ja , sage es mir ! « Da trat sie näher zu mir heran , kauerte sich in orientalischer Weise vor mir nieder , zog den weißen Schleier so um sich , daß nur ihr liebes Angesicht und die beiden Händchen aus demselben vorschauten , und begann : » Es war am Abend ; draußen vor der Küche , wo die Tarfasträucher115 ihre langen , niedlich blühenden Zweige über mich senkten , als ob sie Erbarmen mit meiner Trauer hätten , denn ich weinte leise vor mich hin und wünschte mir den Tod . Da kam Tifl , ebenso leise , leise , denn mein Schluchzen war ihm heilig . Er lehnte sich neben der Tarfa an die Mauer und sagte lange , lange nichts , kein Wort . Kein Laut war ringsum zu hören ; in mir nur sprach die Sehnsucht nach dem Tode fort und fort in trostlosen Klagelauten . Da plötzlich ertönte die Stimme des Kindes neben mir , halblaut , langsam , feierlich . Wie klang sie doch ? Ganz anders als wie sonst ! So hoch von oben ! Als ob eine gütige Fee aus Alif leïla wa leïla116 da über den Zweigen schwebe und von ihrer schönen , lichten Heimat zu mir sprechen wolle . Meine Thränen stockten . Ich lauschte . « Pekala machte eine Pause . Ihre Augen suchten das nahe Rosengebüsch . Sie sann . Welch einen Ausdruck hatte jetzt ihr Gesicht ! Als ob die Fee jetzt wieder bei ihr sei und ihr mit lieber Hand verschönernd und durchgeistigend über die Wangen gestrichen habe ! Dann fuhr sie fort : » Es kam ein Sonnenstrahl zum Monde nieder Und hielt mit seinem Glanze bei ihm Rast , Doch mit der Morgenröte ging er wieder Und wurde dann der Erde Tagesgast . Da sprach der Mond : Was soll ich um ihn trauern ? Ein Scheiden giebts im Licht , doch keinen Tod . Es wird nur wenig , wenig Stunden dauern , Da kehrt der Freund zurück im Abendrot ! « Sie schwieg und sah mich eigentümlich fragend an . Ich muß gestehen , daß ich zögerte , zu sprechen . Das war nicht , wie ich erwartet hatte , ein orientalisches Märchen , keine heidnische Sage , kein christliches Gleichnis . Wie sollte ich es nennen , wie rubrizieren ? Aber war es denn so außerordentlich notwendig für mich , der nun sofort mit irgend einem Schema herbeistürzende Abendländer zu sein ? Die Strophe wirkte ganz genau so , wie es der Dichter beabsichtigt hatte . Wer aber war dieser Dichter ? Sie hatte von der Art und Weise des Ustad gesprochen , auf seine Leute einzuwirken . Geschah es vielleicht durch solche Gedichte , welche selbst von der Jugend sehr leicht verstanden und auswendig gelernt werden konnten ? » Hast du gehört , was ich gesprochen habe ? « fragt sie , als ich so lange still war und nichts sagte . » Jawohl , meine liebe Pekala , « antwortete ich . » Und auch verstanden ? « » Gewiß . « » Ich kann es nicht so sagen , wie es damals klang . Man muß die Augen voller Thränen um einen lieben Abgeschiedenen haben , um es so zu hören , wie es gehört werden soll . Und es muß mit einer Stimme gesprochen werden , die aus einem so kindlich gläubigen Herzen klingt , wie dasjenige meines Pfleglings damals war und heute noch ist und immer bleiben wird . Er fügte nichts hinzu , kein Wort , kein einziges . Er lehnte noch einige Zeit still an der Mauer und ging dann fort , so leise , leise wie er gekommen war . Ich aber saß noch lange , lange unter den überhängenden Tarfazweigen , und es wurde ruhig und immer ruhiger in mir . Meine Thränen hatten aufgehört , zu fließen ; meine Todessehnsucht schwieg . Ich sah durch die langen , feinen Blütenrispen hindurch den Mond am Himmel stehen . Der Sonnenstrahl war bei ihm : ich sah ihn leuchten . Unten bei mir , auf der Erde , war es dunkel . Aber morgen , morgen wird alles , alles um mich her im Sonnenglanze strahlen . Auch der Strahl ist dabei , den ich liebe , nach dem ich mich sehne . Oh , Effendi , Effendi , ob mein Auge dann wohl so geöffnet ist , daß ich im stande bin , ihn zu erkennen ? « Ich sah sie an und mußte mir Mühe geben , ihr nicht merken zu lassen , daß ich über sie staunte . War das noch die » festjungfräuliche « Köchin , die mir beinahe lächerlich vorgekommen war ? In welchem Lichte erschien mir jetzt ihr ewig langer » Tifl « , den ich für einen Schwachkopf gehalten hatte ! Hatten etwa die Bewohner des » hohen Hauses « alle zwei verschiedene geistige Gestalten ? Muß man aus Europa zu den verachteten Kurden gehen , um Menschenseelen entdecken zu lernen ? Sieht man nicht , so oft man eine solche Entdeckung macht , daß jeder Mensch eigentlich zu zweien ist ? Warum wurde es mir hier so leicht , daheim aber so schwer gemacht , das zu erkennen , was der Scheik der Haddedihn » nicht den Hadschi , sondern den Halef « nannte ? Ich riß mich von diesen Gedanken los , denn ich sah , daß Pekalas Augen betrachtend auf mich gerichtet waren . » Wo hatte das Kind den Gedanken her , dir grad mit diesem Gedichte den beabsichtigten Trost bringen zu können ? « fragte ich . » Die Liebe sagte es ihm , Effendi . Hast du noch nie bemerkt , daß die wahre , wirkliche Liebe stets das Richtige trifft ? Es war nach dem Tode des Vaters nun zum erstenmal , daß ich ruhig und ununterbrochen bis zum Morgen schlief . Als ich erwachte , war ich ernst , doch weinte ich nicht mehr . Wenn eine Thräne emporsteigen wollte , dachte ich an den Sonnenstrahl , der nicht stirbt , sondern strahlend wiederkehrt . Und es geschah auch sehr bald , daß ich keine Zeit mehr hatte , mich der Trauer hinzugeben . Der Vater war tot ; man brauchte mich nicht mehr . Was sollte ich thun ? Wo sollte ich hin ? Tifl ging nun lahm . Er konnte nicht Saïs werden . Man beschloß , ihn als unbrauchbar zu den Dschamikun zurückzuschicken . Da geschah es , daß unser Pedehr nach Teheran kam , um nach seinen Leuten zu sehen , welche bei der Leibgarde des Beherrschers standen . Er schaute auch nach Tifl , und dieser erzählte ihm von mir . Da ließ er mich zu sich kommen . Hast du gesehen , wie schön , wie gut seine Augen sind ? Er richtete sie auf mein Angesicht , als ob er mir durch Leib und Seele schauen wolle . Dann fragte er mich , ob es mir recht sei , mein Kind zu den Dschamikun zu begleiten und dort zu bleiben , so lange es mir gefalle . Wie glücklich mich das machte ! Ich nahm sie an , die neue Heimat , die mir so lieb geboten wurde . Ich mag sie nicht verlassen , so lange , als ich lebe , und da es keinen Tod giebt , ist es mein allergrößter Wunsch , dann einst wie jener Sonnenstrahl zu sein , der mir gesagt hat , daß ich niemals sterben werde . « Sie schlug den Schleier wieder auseinander und stand auf . » Ich habe eine Bitte , Effendi , « sagte sie . » Wirst du sie mir erfüllen ? « » Gern , wenn ich kann . « » Du kannst es , wenn du willst . Sei ein wenig lieb und gut zu meinem Kinde ! Verzeihe ihm seinen heutigen Irrtum ! Seine allergrößte Freude ist die Dankbarkeit , und diese Freude wirst du ihm bereiten , wenn du die Güte hast , ihn freundlich zu beachten . « » Es bedarf dieser deiner Bitte nicht , meine gute Pekala . Wenn ich so weit gekräftigt bin , daß ich mich wieder in den Sattel setzen darf , werde ich hier täglich einen Ausflug unternehmen . Er kennt die Gegend und ist , wie ich gesehen habe , ein vortrefflicher Reiter . Darum soll er mich begleiten . Sage ihm das ! « » Wie wird er sich darüber freuen ! Ich sage dir meinen Dank dafür , ja , den meinigen , denn ich bin stolz darauf , daß du keinem Andern diesen Vorzug giebst , als grad dem Kinde , welches ich erzogen habe ! « Sie legte die Hände auf der Brust zusammen , verbeugte sich und ging . Ich schaute ihr nach , bis sie jenseits der Gartenthür verschwand . Welch ein eigenartiges , psychologisch höchst interessantes Verhältnis zwischen diesen beiden Menschenkindern - Pekala und Tifl ! Ist unsere sogenannte Psychologie überhaupt imstande , eine solche seelische Zusammengehörigkeit genügend zu erklären ? Was ist die Seele ? Wo ist die Seele ? Welcher Art ist ihre Verbindung mit dem Leibe ? In welcher Weise wirkt sie auf unsere körperlichen und geistigen Organe ein ? Wir sprechen täglich , ja stündlich von ihr ; aber man zähle doch einmal alles , alles auf , was man von ihr weiß ! Wer darf behaupten , daß er sie kenne ? Wer hat sie begriffen . Wer hat die Thür zum Prüfungssaale geöffnet , sie in ihrer ganzen , großen , herrlichen Identität eintreten lassen und gesagt : » Das ist die Seele des Menschen . Sie steht schon seit Jahrtausenden bereit , euch jede Auskunft zu erteilen ; ihr aber habt eure Erkundigungen nur an euch selbst , doch nicht an sie gerichtet . Ihr habt in euch selbst hineingesprochen und darum nicht ihre , sondern nur eure eigene Antwort gehört . Nun bringe ich sie euch . Woher ? Das wißt ihr nicht ? Habt ihr den Mut , sie zu fragen , wer sie ist ? Dann fragt sie nicht nach ihr , sondern nur nach euch . Sie hat nur eine einzige Antwort , die sie giebt , und diese Antwort seid - ihr selbst ! « - - - Hanneh , welche bei Halef war , ließ sich zuweilen unter den Bogen der Halle sehen , um mir lächelnd zuzunicken . Einmal aber stieg sie die Stufen herab , kam zu mir her und sagte : » Er schläft und nimmt , ohne dabei aufzuwachen , die Nahrung ein , die ich ihm von Zeit zu Zeit gebe . Ist das gut ? « » Ja , « antwortete ich . » Er schluckt den dünnen , aber stärkenden Drang ganz unwillkürlich . Bist du um etwas besorgt , so frage den Pedehr ! Seine Auskunft ist zuverlässiger als die , welche ich dir geben kann . « Als die Sonne verschwunden war , versuchte ich , mit Hilfe des Stockes die Treppe hinaufzusteigen . Es gelang . Ich brachte es sogar fertig , dann noch in die Halle hinein und bis hin zu Halef zu gehen . Dort setzte ich mich für einige Augenblicke nieder . Sein Gesicht sah nicht mehr mumienfarbig aus . Es war von jenem Lebenstone überhaucht , welcher mit Sicherheit darauf schließen läßt , daß das vorher stockende Blut seinen Kreislauf wieder begonnen hat . Sonderbar ! Liegt wirklich eine befehlende Kraft im Blicke des menschlichen Auges ? Zwei Personen : die eine schläft ; die andere schaut ihr in das Angesicht und denkt dabei , ob sie wohl erwachen werde . Der Schläfer sieht das nicht . Seine Augen sind geschlossen . Wer in ihm ist es , der aber doch den Blick bemerkt und auch den Gedanken versteht ? Denn gar nicht lange , so beginnt der Schläfer , sich zu regen . Besitzen alle Menschen diesen Einfluß ? Oder nur einige ? Halef regte sich . Er wendete mir sein Gesicht langsam zu . » Sihdi ! « hauchte er . Weiter war nichts zu hören . Ein leises , liebes Lächeln spielte um seine Lippen . » Er ahnt , daß du hier bist , « flüsterte Hanneh mir zu . » Oder meinst du , daß er dich gesehen hat ? Seine Augen sind aber doch fest geschlossen ! « » Hast du nur geahnt , daß er meinen Namen sagte ? « fragte ich sie , natürlich ebenso leise . » Geahnt ? Nein . Er sagte ihn doch wirklich . « » Von ihm aber soll es nur Ahnung sein , daß ich hier bei ihm bin ? Er weiß es wirklich ! « » Woher ? Von wem ? Er sah dich nicht ! « » Kann man nur dann sehen , wenn man die Lider öffnet ? Schließ deine Augen , Hanneh , und versetze dich in das Lager der Haddedihn ! « » Ich thue es , « nickte sie , indem sie die Augen zumachte . » Geh jetzt zu deinem Zelte ! « » Ich sehe es . « » Deutlich ? « » Ja , ganz genau so , wie es ist . Der Vorhang ist zurückgeschlagen ; der helle Teppich glänzt heraus ; mein Hündchen sitzt darauf . Im Nebenzelte bäckt man Brot . Ich sehe den dünnen Rauch , und ich rieche - - - ja , Sihdi , ich rieche , daß der Teig sich schon zu bräunen beginnt . Ich rieche es wirklich , gewiß , wahrhaftig ! Ist das nicht sonderbar ? « » Nein , gar nicht sonderbar ! Deine Seele war jetzt dort ! Wer das nicht begreift , der nennt es Phantasie . « » So war diese meine Seele jetzt nicht hier bei mir ? « » Doch ! « » Und sie soll zu gleicher Zeit auch dort im fernen Lager der Haddedihn gewesen sein ? Das begreife ich nicht ! « » Ich will es dir erklären . Schau durch den mittlern Bogen , zum See und bis zum letzten Hause des Duar . Was siehst du dort ? « » Ein Mann steigt von dem Hause hinunter nach dem Wasser . « » Steig mit ihm hinab ! « » Ich thue es . Jetzt ist er unten . Er wirft das Obergewand ab , um sich zu waschen . « » Wo bist du jetzt , Hanneh ? « » Hier . « » Warst du nicht soeben auch dort bei diesem Mann ? « » Ja , das war ich , doch aber mit dem Körper nicht . Es war mein Blick . « » Nur dein Blick ? Hast du nicht zu ganz derselben Zeit gesehen und zugleich gedacht ? « » Allerdings ! « » Wer war es , der sah ? Wer war es , der dachte ? Wo wurde gesehen ? Hier oder am See ? Wo wurde gedacht ? Dort oder in dieser Halle ? Wer ging mit dem Manne hinab ? Wer zählte vielleicht sogar die Schritte und die Stufen ? Wer fühlte es leise mit , wenn sein Fuß sie berührte ? « » Ich ! « » Aber du dachtest doch soeben , daß du nur hier , nicht aber dort gewesen seist ! « » Maschallah ! Ich war auch dort , wirklich dort ! Wenn ich die Augen offen habe , kann meine Seele nur so weit gehen , wie mein Blick reicht . Aber wenn ich sie schließe , so ist sie frei und kann so weit gehen , wie es ihr beliebt . Wie ist das zu erklären ? « » Denke selbst darüber nach ! Es giebt Dinge , über welche man nur mit sich selbst fertig zu werden hat . Ich kann dir ebensowenig helfen , sie zu begreifen , wie ich dir behilflich sein kann , daß sich dein Körper aus den Speisen bilde , welche du genießest . So gebe ich dir Nahrung für den Geist und für die Seele ; verdauen aber kannst du sie nur selbst . Du bist eine einsichtsvolle , kluge , wißbegierige Frau , meine gute Hanneh . Mit einer andern würden ich niemals über diesen schwierigen Gegenstand sprechen . Und es giebt auch noch einen andern , viel , viel triftigeren Grund , daß ich es thue . « » Welcher ist das , Effendi ? « » Errätst du ihn nicht ? « » Nein . « » Das wundert mich . « » Sage ihn nur ! « » Denke an das , worüber du mich zuletzt fragtest , ehe ich mit deinem Hadschi Halef Omar diese Reise antrat ! « » Erlaube , daß ich mich besinne ! « Sie dachte nach . Dann blickte sie schnell und überrascht zu mir her und sagte : » Jetzt weiß ich es ! Ich war betrübt über die angebliche Seelenlosigkeit der Frauen und wendete mich mit der Bitte um Auskunft an dich . Ist es das ? « » Ja . « » Halef war trotz seiner Liebe zu mir stets überzeugt , daß die Frauen keine Seelen haben und also auf die Himmel Allahs verzichten müssen . Das betrübte mich . Du aber gabst mir Trost . Ich werde dir das nie vergessen ! « » Damals gab ich dir Trost . Was aber heut ? « » Mehr , viel mehr , nämlich Ueberzeugung ! « » Sogar den Beweis ! « » Ich sagte damals , daß du mir die Seele gegeben habest . Jetzt aber hast du noch mehr gethan : du hast sie mir gezeigt . Ich weiß jetzt , daß sie da ist , in mir oder außer mir , vielleicht auch beides . Sie kann mit meinen Augen sehen ; sie kann auch sehen ohne sie . Ich bin diese meine Seele , aber ich bin sie doch nicht ganz . Und hinwiederum ist diese meine Seele Hanneh , aber sie ist es auch nicht ganz . Sie ist etwas , was ich bin , und sie ist noch etwas , was ich nicht bin . Was und wo ist das aber , was sie ohne mich ist ? Du siehst mich so verwundert an , Effendi . Warum ? « » Wegen dieser deiner Gedanken . « » Sind sie falsch ? « » Oh nein ! Aber ich habe solche Worte noch nie aus dem Munde einer Frau gehört ? « » Weil euern Frauen nicht gesagt wird , daß sie keine Seelen haben . Sie sind also nicht gezwungen , sich zu grämen und über diesen angeblichen Mangel nachzudenken . Mich aber hat die Trauer darüber , daß mir die Seele abgesprochen wurde , veranlaßt , über sie nachzudenken . Und auch dann noch , als du mich getröstet und beruhigt hattest , habe ich in jeder ungestörten Stunde und gar manche ganze Nacht hindurch in mir gesucht , ob sie sich wohl offenbaren werde . Es geschah aber nicht . Dann kam ich hierher . Mein armer , kranker Halef liegt vor mir , bald wach und bald wieder ohne Bewußtsein . Ich beobachte ihn . Ich suche nach seiner Seele . Ist sie da , wenn er erwacht ? Ist sie da , wenn er in halber Betäubung leise Worte redet ? Wo ist sie , wenn ihm für lange , lange Zeit die Besinnung fehlt ? « » Und vor allen Dingen , wo ist die deinige , Hanneh ? Wo ist sie jetzt ? « Da schaute sie mich verwundert an . » Doch wohl hier , bei mir , in mir ! « antwortete sie . » Oder ist sie es nicht , die jetzt mit meinem Munde zu dir spricht ? « » Die Antwort auf diese deine Frage ist doch leicht ! « » Für mich ist sie so schwer , daß ich sie nicht finden kann . « » So bitte ich dich , zu überlegen ! Denke dir , daß du eine Freundin suchst , welche du finden willst ! Bist du selbst etwa diese Freundin ? « » Nein . « » Oder ist sie da ? « » Auch nicht . Denn wäre sie da , so würde ich sie doch nicht suchen , Effendi . « » Du sprichst von ihr . Sind das deine oder ihre Worte ? « » Die meinigen . « » Richtig ! Nun aber suchst du nach deiner Seele . Du sprichst von ihr mit mir , eben jetzt , in diesem Augenblick . Kann sie es sein , die mit mir redet ? « » Nein . Sie ist nicht ich , sondern wir sind ich und sie . Aber wer ist es , der sich jetzt meiner Lippen bedient , um von ihr zu sprechen ? « » Das ist Hanneh , die sich nach Allahs Himmel sehnt , der keinem Menschengeiste offen steht , wenn ihn nicht seine Seele aufwärts leitet . Sie kennt den Weg , denn sie ist bei Allah daheim . Nicht so der Geist , der nichts anderes weiß und nichts weiter anerkennt als nur das , was nicht über seine irdischen Begriffe geht . « » So meinst du also , daß Seele und Geist verschiedene - - - « Sie hielt inne , denn Schakara kam zur Thür herein . Sie hatte mit ihr zu sprechen und winkte sie von Halefs Lager zu sich hin . Ich ging hinaus , vor die Säulen , wohin inzwischen meine Kissen nach dem gewohnten Platz geschafft worden waren . Dort setzte ich mich nieder . Ein Beduinenweib ! Wie rührend dieses angstvolle Suchen nach jenem geheimnisvollen Wesen , dessen Hand uns den Schlüssel zu dem Menschheitsrätsel bietet , ohne daß wir uns die Mühe geben , seinen Flügelschlägen so zu lauschen , daß wir den rechten Augenblick erfassen könnten , den Schlüssel zu ergreifen . Der Orientale besitzt mehr Hinneigung zum Metaphysischen , als der Abendländer . Es darf darum nicht wunder nehmen , daß Hanneh , die nach unseren Begriffen fast gänzlich Ungebildete , der aber neben einem ungewöhnlichen Wissensdrange der leicht und schnell auffassende Scharfsinn verliehen war , ein so lebhaftes Interesse für Dinge besaß , welche jenseits des Bereiches unserer körperlichen Sinne liegen . Sie hatte schon in äußerer Beziehung Seltenes erlebt , und darum war auch ihr inneres Leben reich gestaltet . Für eine Frau von ihren Eigenschaften lag es nahe , sich über die Gesetze dieses Innenreiches klar zu werden . Und da man Alles , was sich auf dasselbe bezieht , » seelisch « zu nennen pflegt , so hatte sie eben die » Seele « zum besonderen Gegenstande ihres Nachdenkens gemacht . Freilich waren ihre Gedankenwege ganz andere , als sie der nüchterne Occidentale einzuschlagen pflegt , der ja von seinen Zielen und Idealen verlangt , von gleicher Nüchternheit wie er selbst zu sein , doch pflegt ja wohl ein Jeder gern zu behaupten , daß nur der von ihm eingeschlagene Weg der einzig rechte sei . Wohl dem , der vorwärts kommt ! Wer aber , weil er den Wald wegen der vielen Bäume nicht sieht , vor lauter topographischer Gelehrsamkeit im Dickicht stecken bleibt , dem ist allerdings ein nüchternes Ueberlegen anzuraten , falls er wirklich wünscht , endlich einmal in das Freie zu gelangen . - Um die Kuppen der Berge spielte jener sanfte , abschiednehmende Schimmer , welcher der kurzen Dämmerung voranzugehen pflegt , weil er der Scheidegruß der fernen Abendröte ist , da lenkte der Schall von Hufschlag mein Auge dem Thore zu . Kara und Tifl kehrten zurück . Bei ihnen waren der Scheik der Kalhuran und sein Weib , die ich nicht kannte . Schakara hatte das Pferdegetrappel auch gehört . Sie kam aus der Halle . Als sie die Frau Hafis Arams erblickte , stieß sie einen Ruf der Ueberraschung aus und eilte die Stufen hinunter , um sie zu begrüßen . Der Scheik fragte , sobald er abgestiegen war , wo der Pedehr zu finden sei , und wollte sich zu ihm führen lassen . Er kam nach der Halle herauf , erreichte mich aber nicht ganz , sondern hauchte auf der Mitte der Treppe nieder und schloß die Augen . Seine Frau kniete mit Schakara erschrocken neben ihm nieder und nahm seinen Kopf in ihren Arm . » Ich kann nicht mehr ! « sagte er , ohne daß er die Augen öffnete . » Tragt mich hinein ! « Tifl eilte fort und kam sehr schnell mit einigen Kurden zurück , welche den vor unerträglichem Schmerz fast Ohnmächtigen durch die Halle in das Innere des Hauses trugen . Die andern gingen mit . Kara allein blieb da . Ich fragte ihn , wer die Beiden seien , die mit ihm gekommen waren . Er ging zunächst hinein , um nach seinem Vater zu sehen , und kam dann , mir meine Frage zu beantworten , mit seiner Mutter wieder heraus . Sie setzten sich zu mir , und dann begann er , sein interessantes Erlebnis zu erzählen . Er berichtete sehr sachgemäß und bescheiden . Es fiel