aus dem Wort . Aber freilich , das richtige Wort wird nicht überall gesprochen . « Dubslav sah etwas unruhig um sich her . Es war ganz klar , daß die Prinzessin gekommen war , seine Seele zu retten . Aber woher kam ihr die Wissenschaft , daß seine Seele dessen bedürftig sei ? Das verlohnte sich doch in Erfahrung zu bringen , und so bezwang er sich denn und sagte : » Gewiß , Durchlaucht , das Wort ist die Hauptsache . Das Wort ist das Wunder ; es läßt uns lachen und weinen , es erhebt uns und demütigt uns , es macht uns krank und macht uns gesund . Ja es gibt uns erst das wahre Leben hier und dort . Und dies letzte höchste Wort , das haben wir in der Bibel . Daher nehm ich ' s. Und wenn ich manches Wort nicht verstehe , wie wir die Sterne nicht verstehn , so haben wir dafür die Deuter . « » Gewiß . Aber es gibt der Deuter so viele . « » Ja « , lachte Dubslav , » und wer die Wahl hat , hat die Qual . Aber ich persönlich , ich habe keine Wahl . Denn genauso wie mit dem Körper , so steht es für mich auch mit der Seele . Man behilft sich mit dem , was man hat . Nehm ich da zunächst meinen armen , elenden Leib . Da sitzt es mir hier und steigt und drückt und quält mich und ängstigt mich , und wenn die Angst groß ist , dann nehm ich die grünen Tropfen . Und wenn es mich immer mehr quält , dann schick ich nach Gransee hinein , und dann kommt Sponholz . Das heißt , wenn er gerade da ist . Ja , dieser Sponholz ist auch ein Wissender und ein Deuter . Sehr wahrscheinlich , daß es klügere und bessere gibt ; aber in Ermangelung dieser besseren muß er für mich ausreichen . « Ermyntrud nickte freundlich und schien ihre Zustimmung ausdrücken zu wollen . » Und « , fuhr Dubslav fort , » ich muß es wiederholen , genauso wie mit dem Leib , so auch mit der Seele . Wenn sich meine arme Seele ängstigt , dann nehm ich mir Trost und Hilfe , so gut ich sie gerade finden kann . Und dabei denk ich dann , der nächste Trost ist der beste . Den hat man am schnellsten , und wer schnell gibt , der gibt doppelt . Eigentlich muß man es lateinisch sagen . Ich rufe mir Sponholz , weil ich ihn , wenn benötigt , in ziemlicher Nähe habe ; den andern aber , den Arzt für die Seele , den hab ich glücklicherweise noch näher und brauche nicht mal nach Gransee hineinzuschicken . Alle Worte , die von Herzen kommen , sind gute Worte , und wenn sie mir helfen ( und sie helfen mir ) , so frag ich nicht viel danach , ob es sogenannte richtige Worte sind oder nicht . « Ermyntrud richtete sich höher auf ; ihr bis dahin verbindliches Lächeln war sichtlich in raschem Hinschwinden . » Überdies « , so schloß Dubslav seine Bekenntnisrede , » was sind die richtigen Worte ? Wo sind sie ? « » Sie haben sie , Herr von Stechlin , wenn Sie sie haben wollen . Und Sie haben sie nah , wenn auch nicht in Ihrer unmittelbarsten Nähe . Mich persönlich haben diese Worte während schwerer Tage gestützt und aufgerichtet . Ich weiß , er hat Feinde , voran im eignen Lager . Und diese Feinde sprechen von schönen Worten . Aber soll ich mich einem Heilswort verschließen , weil es sich in Schönheit kleidet ? Soll ich eine mich segnende Hand zurückweisen , weil es eine weiche Hand ist ? Sie haben Sponholz genannt . Unser Superintendent liegt wohl weit über diesen hinaus , und wenn es nicht eitel und vermessen wäre , würd ich eine gnäd ' ge Fügung darin zu sehn glauben , daß er an diese sterile Küste verschlagen werden mußte , gerade mir eine Hilfe zu sein . Aber , was er an mir tat , kann er auch an andern tun . Er hat eben das , was zum Siege führt ; wer die Seele hat , hat auch den Leib . « Unter diesen Worten war Ermyntrud von ihrem Stuhl an Dubslav herangetreten und neigte sich über ihn , um ihm , halb wie segnend , die Stirn zu küssen . Das Elfenbeinkreuz berührte dabei seine Brust . Sie ließ es eine Weile da ruhen . Dann aber trat sie wieder zurück , und sich zweimal unter hoheitsvollem Gruß verneigend , verließ sie das Zimmer . Engelke , der draußen im Flur stand , eilte vorauf , ihr beim Einsteigen in den kleinen Katzlerschen Jagdwagen behilflich zu sein . Als Dubslav wieder allein war , nahm er das Schüreisen , das grad vor ihm auf dem Kaminstein lag , und fuhr in die halb niedergebrannten Scheite . Die Flamme schlug auf , und etliche Funken stoben . » Arme Durchlaucht . Es ist doch nicht gut , wenn Prinzessinnen in Oberförsterhäuser einziehn . Sie sind dann aus ihrem Fahrwasser heraus und greifen nach allem möglichen , um in der selbstgeschaffenen Alltäglichkeit nicht unterzugehn . Einen bessern Trostspender als Koseleger konnte sie freilich nicht finden ; er gab ihr den Trost , dessen er selber bedürftig ist . Im übrigen mag sie sich aufrichten lassen , von wem sie will . Der Alte auf Sanssouci , mit seinem Nach-der-eignen-Façon-selig-Werden , hat ' s auch darin getroffen . Gewiß . Aber wenn ich euch eure Façon lasse , so laßt mir auch die meine . Wollt nicht alles besser wissen , kommt mir nicht mit Anzettelungen , erst gegen meinen guten Krippenstapel , der kein Wässerchen trübt , und nun gar gegen meinen klugen Lorenzen , der euch alle in die Tasche steckt . An ihn persönlich wagen sie sich nicht ran , und da kommen sie nun zu mir und wollen mich umstimmen und denken , weil ich krank bin , muß ich auch schwach sein . Aber da kennen sie den alten Stechlin schlecht , und er wird nun wohl seinen märkischen Dickkopf aufsetzen . Auch sogar gegen Ippe-Büchsenstein und die Elfenbeinkugeln , die ja schon der reine Rosenkranz sind . Und es wird auch noch so was . Eigentlich bin ich übrigens selber schuld . Ich habe mir durch den prinzeßlichen Augenaufschlag und die vier Kindergräber im Garten zu sehr imponieren lassen . Aber es fällt doch allmählich wieder ab , und ein Glück , daß ich meinen Engelke habe . « Vor Erregung war er aus seinem Rollstuhl aufgestanden und drückte auf den Klingelknopf . » Engelke , geh zu Lorenzen und sag ihm , ich ließ ' ihn bitten . Der soll dann aber heut auch der letzte sein ... Denke dir , Engelke , sie wollen mich bekehren ! « » Aber , gnäd ' ger Herr , das is ja doch das Beste . « » Gott , nu fängt der auch noch an . « Achtunddreißigstes Kapitel Lorenzen kam nicht ; er war nach Rheinsberg , wo die Geistlichen aus dem östlichen Teil der Grafschaft eine Konferenz hatten . Aber statt Lorenzen kam Doktor Moscheles und sprach von allem möglichen , erst ganz kurz von Dubslavs Zustand , den er nicht gut und nicht schlecht fand , dann von Koseleger , von Katzler , auch von Sponholz ( von dem ein Brief eingetroffen war ) , am ausführlichsten aber von Rechtsanwalt Katzenstein und von Torgelow . » Ja , dieser Torgelow « , sagte Moscheles . » Es war ein Mißgriff , ihn zu wählen . Und wenn es noch nötig gewesen wäre , wenn die Partei keinen Besseren gehabt hätte ! Aber da haben sie denn doch noch ganz andre Leute . « Dubslav war davon wenig angenehm berührt , weil er aus der persönlichen Niedrigstellung Torgelows die Hochstellung der Torgelowschen Partei heraushörte . Der Besuch hatte wohl eine halbe Stunde gedauert . Als Moscheles wieder fort war , sagte Dubslav : » Engelke , wenn er wiederkommt , so sag ihm , ich sei nicht da . Das wird er natürlich nicht glauben ; weiß er doch am besten , daß ich an mein Zimmer und meinen Rollstuhl gebunden bin . Aber trotzdem ; ich mag ihn nicht . Es war eine Dummheit von Sponholz , sich grade diesen auszusuchen , solchen Allerneuesten , der nach Sozialdemokratie schmeckt und dabei seinen Stock so sonderbar anfaßt , immer grad in der Mitte . Und dazu auch noch ' nen roten Schlips . « » Es sind aber schwarze Käfer drin . « » Ja , die sind drin , aber ganz kleine . Das machen sie so , damit es nicht jeder gleich merkt , wes Geistes Kind so einer ist und wohin er eigentlich gehört . Aber ich merk es doch , auch wenn er an Kaiser Wilhelms Geburtstag mit ' ner papiernen Kornblume kommt . Also du sagst ihm , ich sei nicht da . « Engelke widersprach nicht , hatte jedoch so seine Gedanken dabei . » Der alte Doktor ist weg , und den neuen will er nicht . Un den aus Wutz will er auch nich , weil der soviel mit der Domina zusammenhockt . Un dabei kommt er doch immer mehr runter . Er denkt : Es is noch nich so schlimm . Aber es is schlimm . Is genauso wie mit Bäcker Knaack . Un Kluckhuhn sagte mir schon vorige Woche : Engelke , glaube mir , es wird nichts ; ich weiß Bescheid . « Das war am Montag . Am Freitag fuhr Moscheles wieder vor und verfärbte sich , als Engelke sagte , » der gnäd ' ge Herr sei nicht da « . » So , so . Nicht da . « Das war doch etwas stark . Moscheles stieg also wieder auf seinen Wagen und bestärkte sich , während er nach Gransee zurückfuhr , in seinen durchaus ablehnenden Anschauungen über den derzeitigen Gesellschaftszustand . » Einer ist wie der andre . Was wir brauchen , is ein Generalkladderadatsch , Krach , tabula rasa . « Zugleich war er entschlossen , von einem erneuten Krankenbesuch abzustehen . » Der gnäd ' ge Herr auf , von und zu Stechlin kann mich ja rufen lassen , wenn er mich braucht . Hoffentlich unterläßt er ' s. « Dieser Wunsch erfüllte sich denn auch . Dubslav ließ ihn nicht rufen , wiewohl guter Grund dazu gewesen wäre , denn die Beschwerden wuchsen plötzlich wieder , und wenn sie zeitweilig nachließen , waren die geschwollenen Füße sofort wieder da . Engelke sah das alles mit Sorge . Was blieb ihm noch vom Leben , wenn er seinen gnäd ' gen Herrn nicht mehr hatte ? Jeder im Haus mißbilligte des Alten Eigensinn , und Martin , als er eines Tages vom Stall her in die nebenan gelegene niedrige Stube trat , wo seine Frau Kartoffeln schälte , sagte zu dieser : » Ick weet nich , Mutter , worüm he den jungschen Dokter rutgrulen däd . De Jungsche is doch klöger , as de olle Sponholz is . Doa möt man blot de Globsower über Sponholzen hüren . Joa , oll Sponholz , so seggen se , de is joa sowiet ganz good , awers he seggt man ümmer : " Kinnings , krank is he egentlich nich , he brukt man blot ' ne Supp mit en beten wat in ! " Joa , Sponholz , de kann so wat seggen , de hett wat dato . Awers de Globsower ! Wo salln de ' ne Supp herkregen mit en beten wat in ? « So verging Tag um Tag , und Dubslav , dem herzlich schlecht war , sah nun selber , daß er sich in jedem Punkt übereilt hatte . Moscheles war doch immerhin ein richtiger Stellvertreter gewesen , und wenn er jetzt einen andern nahm , so traf das Sponholzen auch mit . Und das mocht er nicht . In dieser Notlage sann er hin und her , und eines Tages , als er mal wieder in rechter Bedrängnis und Atemnot war , rief er Engelke und sagte : » Engelke , mir is schlecht . Aber rede mir nich von dem Doktor . Ich mag unrecht haben , aber ich will ihn nicht . Sage , wie steht das eigentlich mit der Buschen ? Die soll ja doch letzten Herbst uns ' Kossät Rohrbeckens Frau wieder auf die Beine gebracht haben . « » Ja , die Buschen ... « » Na , was meinst du ? « » Ja , die Buschen , die weiß Bescheid . Versteht sich . Man bloß , daß sie ' ne richtige alte Hexe is , und um Walpurgis weiß keiner , wo sie is . Und die Mächens gehen sonnabends auch immer hin , wenn ' s schummert , und Uncke hat auch schon welche notiert und beim Landrat Anzeige gemacht . Aber sie streiten alle Stein und Bein ; und ein paar haben auch schon geschworen , sie wüßten von gar nichts . « » Kann ich mir denken , und vielleicht war ' s auch nich so schlimm . Und dann , Engelke , wenn du meinst , daß sie so gut Bescheid weiß , da wär ' s am Ende das beste , du gingst mal hin oder schicktest wen . Denn deine alten Beine wollen auch nich mehr so recht , und außerdem is Schlackerwetter . Und wenn du mir auch noch krank wirst , so hab ich ja keine Katze mehr , die sich um mich kümmert . Woldemar is weit weg . Und wenn er auch in Berlin wäre , da hat er ja doch seinen Dienst und seine Schwadron und kann nich den ganzen Tag bei seinem alten Vater sitzen . Und außerdem , Krankenpflegen ist überhaupt was Schweres ; darum haben die Katholiken auch ' nen eignen Segen dafür . Ja , die verstehn es . So was verstehn sie besser als wir . « » Nei , gnäd ' ger Herr , besser doch wohl nich . « » Na , lassen wir ' s. So was is immer schwer festzustellen , und weil heutzutage so vieles schwer festzustellen ist , haben sich ja die Menschen auch das angeschafft , was sie ' ne Enquete nennen . Keiner kann sich freilich so recht was dabei denken . Ich gewiß nicht . Weißt du , was es ist ? « » Nei , gnäd ' ger Herr . « » Siehst du ! Du bist eben ein vernünftiger Mensch , das merkt man gleich , und hast auch ein Einsehn davon , daß es eigentlich am besten wäre , wenn ich zu der Buschen schicke . Was die Leute von ihr reden , geht mich nichts an . Und dann bin ich auch kein Mächen . Und Uncke wird mich ja wohl nicht aufschreiben . « Engelke lächelte : » Na , gnäd ' ger Herr , dann werd ich man unten mit unse Mamsell Pritzbur sprechen ; die kann denn die lütte Marie rausschicken . Marieken is letzten Michaelis erst eingesegnet , aber sie war auch schon da . « Noch an demselben Nachmittag erschien die Buschen im Herrenhause . Sie hatte sich für den Besuch etwas zurechtgemacht und trug ihre besten Kleider , auch ein neues schwarzes Kopftuch . Aber man konnte nicht sagen , daß sie dadurch gewonnen hätte . Fast im Gegenteil . Wenn sie so mit ' nem Sack über die Schulter oder mit ' ner Kiepe voll Reisig aus dem Walde kam , sah man nichts als ein altes , armes Weib ; jetzt aber , wo sie bei dem alten Herrn eintrat und nicht recht wußte , warum man sie gerufen , sah man ihr die Verschlagenheit an , und daß sie für all und jedes zu haben sei . Sie blieb an der Tür stehen . » Na , Buschen , kommt man ran oder stellt Euch da ans Fenster , daß ich Euch besser sehn kann . Es ist ja schon ganz schummrig . « Sie nickte . » Ja , mit mir is nich mehr viel los , Buschen . Und nu is auch noch Sponholz weg . Und den neuen Berlinschen , den mag ich nicht . Ihr sollt ja Kossät Rohrbeckens Frau damals wieder auf die Beine gebracht haben . Mit mir is es auch so was . Habt Ihr Courage , mich in die Kur zu nehmen ? Ich zeig Euch nicht an . Wenn einem einer hilft , is das andre alles gleich . Also nichts davon . Und es soll Euer Schaden nicht sein . « » Ick weet joa , jnäd ' ger Herr ... Se wihren joa nich . Un denn de Lüd , de denken ümmer , ick kann hexen un all so wat . Ick kann awer joar nix un hebb man blot en beten Liebstöckel un Wacholder un Allermannsharnisch . Un alles blot , wie ' t sinn muß . Un de Gerichten können mi nix dohn . « » Is mir lieb . Und geht mich übrigens auch nichts an . Mit so was komm ich Euch nich . Kann Gerichte selber nich gut leiden . Und nu sagt mir , Buschen , wollt Ihr den Fuß sehn ? Einer is genug . Der andre sieht ebenso aus . Oder doch beinah . « » Nei , jnäd ' ger Herr . Loaten S ' man . Ick weet joa , wi dat is . Ihrst sitt et hier up de Bost , un denn sackt et sich , un denn sitt et hier unnen . Un is all een un dat sülwige . Dat möt allens rut , un wenn et rut is , denn drückt et nich mihr , un denn künnen Se wedder gapsen . « » Gut . Leuchtet mir ein . Et muß rut , sagt Ihr . Und das sag ich auch . Aber womit wollt Ihr ' s rutbringen ? Das is die Sache . Welche Mittel , welche Wege ? « » Joa , de Mittel hebb ick . Un hebben wi ihrst de Mittel , denn finnen sich ook de Weg . Ick schick hüt noch Agnessen mit twee Tüten ; Agnes , dat is Karlinen ehr lütt Deern . « » Ich weiß , ich weiß . « » Un Agnes , de sall denn unnen in de Küch goahn , to Mamsell Pritzbur , un de Pritzburn , de sall denn den Tee moaken för ' n jnäd ' gen Herrn . Morgens ut de witte Tüt , un abens ut de blue Tüt . Un ümmer man ' nen gestrichnen Eßlöffel vull un nich to veel Woater ; awers bullern möt et . Un wenn de Tüten all sinn , denn is et rut . Dat Woater nimmt dat Woater weg . « » Na gut , Buschen . Wir wollen das alles so machen . Und ich bin nicht bloß ein geduldiger Kranker , ich bin auch ein gehorsamer Kranker . Nun will ich aber bloß noch wissen , was Ihr mir da in Euern Tüten schicken wollt , in der weißen und in der blauen . Is doch kein Geheimnis ? « » Nei , jnäd ' ger Herr . « » Na also . « » In de witte Tüt is Bärlapp , un in de blue Tüt is , wat de Lüd hier Katzenpoot nennen . « » Versteh , versteh « , lächelte Dubslav , und dann sprach er wie zu sich selbst : » Nu ja , nu ja , das kann schon helfen . Dazwischen liegt eigentlich die ganze Weltgeschichte . Mit Bärlapp zum Einstreuen fängt die süße Gewohnheit des Daseins an , und mit Katzenpfötchen hört es auf . So verläuft es . Katzenpfötchen ... die gelben Blumen , draus sie die letzten Kränze machen ... Na , wir wollen sehn . « An demselben Abend kam Agnes und brachte die beiden Tüten , und es geschah , was beinah über alles Erwarten hinaus lag : es wurde wirklich besser . Die Geschwulst schwand , und Dubslav atmete leichter . » Dat Woater nimmt dat Woater « , an diesem Hexenspruch - den er , wenn er mit Engelke plauderte , gern zitierte - richteten sich seine Hoffnungen und seine Lebensgeister wieder auf . Er war auch wieder für Bewegung und ließ , wenn es das Wetter irgendwie gestattete , seinen Rollstuhl nicht bloß auf die Veranda hinausschieben , sondern fuhr auch um das Rundell herum und sah dem kleinen Springbrunnen zu , der wieder sprang . Ja , es kam ihm vor , als ob er höher spränge . » Findest du nich auch , Engelke ? Vor vier Wochen wollt er nich . Aber es geht jetzt wieder . Alles geht wieder , und es ist eigentlich dumm , ohne Hoffnung zu leben ; wozu hat man sie denn ? « Engelke nickte bloß und legte die Zeitungen , die gekommen waren , auf einen neben dem Frühstückstisch stehenden Gartenstuhl , zuunterst die » Kreuzzeitung « als Fundament , auf diese dann die » Post « und zuletzt die Briefe . Die meisten waren offen , Anzeigen und Anpreisungen , nur einer war geschlossen , ja sogar gesiegelt . Poststempel : Berlin . » Gib mir mal das Papiermesser , daß ich ihn manierlich aufschneiden kann . Er sieht nach was aus , und die Handschrift is wie von ' ner Dame , bloß ein bißchen zu dicke Grundstriche . « » Is am Ende von der Gräfin . « » Engelke « , sagte Dubslav , » du wirst mir zu klug . Natürlich is er von der Gräfin . Hier is ja die Krone . « Wirklich , es war ein Brief von Melusine , samt einer Einlage . Melusinens Zeilen aber lauteten am Schluß : » Und nun bitt ich , Ihnen einen Brief beilegen zu dürfen , den unsre liebe Baronin Berchtesgaden gestern aus Rom erhalten hat , und zwar von Armgard , deren volles Glück ich aus diesem Brief und allerhand kleinen , ihrem Charakter eigentlich fernliegenden Übermütigkeiten erst so recht ersehn habe . « Dubslav nickte . Dann nahm er die Einlage und las : » Rom , im März Teuerste Baronin ! An wen könnt ich von hier aus lieber schreiben als an Sie ? Vatikan und Lateran und Grabmal Pio Nonos , und wenn ich Glück habe , bin ich auch noch mit dabei , wenn am Gründonnerstage der große Segen gespendet wird . Man muß eben alles mitnehmen . Von Rom zu schwärmen ist geschmacklos und überflüssig dazu , weil man an die Schwärmerei seiner Vorgänger doch nie heranreicht . Aber von unserer Reise will ich Ihnen statt dessen erzählen . Wir nahmen den Weg über den Brenner und waren am selben Abend noch in Verona . Torre di Londra . Was mich anderntags in der Capuletti- und Montecchi-Stadt am meisten interessierte , war ein großer Parkgarten , der Giardino Giusti , mit über zweihundert Zypressen , alle fünfhundert Jahre alt und viele beinah so hoch wie das Berliner Schloß . Ich ging mit Woldemar auf und ab , und dabei berechneten wir uns , ob wohl die schöne Julia hier auch schon auf und ab gegangen sei . Nur eins störte uns . Zu solcher Prachtavenue von Trauerbäumen gehört als Abschluß notwendig ein Mausoleum . Das fehlt aber . Im Giardino Giusti trafen wir Hauptmann von Gaza vom ersten Garderegiment , der , von Neapel kommend , bereits alle Schönheit Italiens gesehen hatte . Wir fragten ihn , ob Verona , wie einem beständig versichert wird , wirklich die italienischste der italienischen Städte sei . Hauptmann von Gaza lachte . Von Potsdam , so meinte er , könne man vielleicht sagen , daß es die preußischste Stadt sei . Aber Verona die italienischste ? Nie und nimmer . Über das vielgefeierte Venedig an dieser Stelle nur das eine . Unser Hotel lag in Nähe einer mit Barock überladenen Kirche : San Mosé . Daß es einen Sankt Moses gibt , war mir fremd und verwunderlich zugleich . Aber gleich danach dacht ich an unsere Gendarmentürme und war beruhigt . Moses geht doch immer noch vor Gendarm . Florenz überspring ich und erzähle Ihnen dafür lieber vom Trasimenischen See , den wir auf unserer Eisenbahnfahrt passierten . Woldemar , ein ganz klein wenig Taschen-Moltke , mochte nicht darauf verzichten , den großen Hannibal auf Herz und Nieren zu prüfen , und so stiegen wir denn in Nähe des Sees aus , an einer kleinen Station , die , glaub ich , Borghetto-Tuoro heißt . Es war auch für einen Laien über Erwarten interessant , und selbst ich , die ich sonst gar keinen Sinn für derlei Dinge habe , verstand alles und fand mich leicht in jeglichem zurecht . Ja , ich hatte das Gefühl , daß ich in diesem hochgelegenen Engpaß ebenfalls über die Römer gesiegt haben würde . Der See hat viele Zu- und Abflüsse . Einer dieser Abflüsse ( mehr Kanal als Fluß ) nennt sich der Emissarius , was mich sehr erheiterte . Noch interessanter aber erschien mir ein anderer Flußlauf , der , weil er am Schlachttage von Blut sich rötete , der Sanguinetto heißt . Das Diminutiv steigert hier ganz entschieden die Wirkung . Der See ist übrigens sehr groß , zehn Meilen Umfang , und dabei flach , weshalb der erste Napoleon ihn auspumpen lassen wollte . Da hätte sich dann ein neues Herzogtum gründen lassen ... « » Schau , schau « , sagte der alte Dubslav , » wer der blassen Comtesse das zugetraut hätte ! Ja , reisen und in den Krieg ziehen , da lernt man , da wird man anders . « Und er legte den Brief beiseite . Zugleich aber war ein stilles Behagen über ihn gekommen , und er überdachte , wie manche Freude das Leben doch immer noch habe . Vor ihm , in den Parkbäumen , schlugen die Vögel , und ein Buchfink kam bis auf den Tisch und sah ihn an , ganz ohne Scheu . Das tat ihm ungemein wohl . » Etwas ganz besonders Schönes im Leben ist doch das Vertrauen , und wenn ' s auch bloß ein Piepvogel is , der ' s einem entgegenbringt . Einige haben eine schwarze Milz und sagen : alles sei von Anfang an auf Mord und Totschlag gestellt . Ich kann es aber nicht finden . « Engelke kam , um abzuräumen . » Is ein schöner Tag heut « , sagte Dubslav , » und die Krokusse kommen auch schon raus . Eigentlich hab ich nich geglaubt , daß ich so was Hübsches noch mal sehn würde . Und wenn ich dann denke , daß ich das alles der Buschen verdanke ! Merkwürdige Welt ! Sponholz hatte bloß immer seine grünen Tropfen , und Moscheles hatte nichts als seinen ewigen Torgelow , und nu kommt die Buschen , und mit einem Mal is es besser . Ja , wirklich merkwürdig . Und nu krieg ich auch noch , wenn auch bloß leihweise , solchen hübschen Brief von einer hübschen jungen Frau . Noch dazu Schwiegertochter . Ja , Engelke , so geht ' s ; nich zu glauben . Und da hättest du vorhin den Buchfinken sehen sollen , wie mich der ansah . Bloß als du kamst , da flog er weg ; er muß sich vor dir gegrault haben . « » Ach , gnäd ' ger Herr , vor mir grault sich keine Kreatur . « » Will dir ' s glauben . Und du sollst sehn , heute haben wir ' nen guten Tag , und es kommt auch noch wer , an dem man sich freuen kann . Wie mir schlecht war , da kam Koseleger und die Prinzessin . Aber heute kam ein Buchfink . Und ich bin ganz sicher , der hat noch ein Gefolge . « Dubslavs Ahnungen behielten recht ; und als der Nachmittag da war , kam Lorenzen , der sich , seitdem der Alte seinen Katzenpfötchentee trank , nur selten und immer bloß flüchtig hatte sehen lassen . Aber das war rein zufällig und sollte nicht eine Mißbilligung darüber ausdrücken , daß sich der Alte bei der Buschen in die Kur gegeben . » Nun endlich « , empfing ihn Dubslav , als Lorenzen eintrat . » Wo bleiben Sie ? Da heißt es immer , wir Junker wären kleine Könige . Ja , wer ' s glaubt ! Alle kleinen Könige haben ein Cortège , das sich in Huldigungen und Purzelbäumen überschlägt . Aber von solchem Gefolge habe ich noch nicht viel gesehen . Baruch ist freilich hiergewesen und dann Koseleger und dann die Prinzessin , aber der , der so halb ex officio kommen sollte , der kommt nicht und schickt höchstens mal die Kulicke oder die Elfriede mit ' ner Anfrage . Sterben und verderben kann man . Und das heißt dann Seelsorge . « Lorenzen lächelte . » Herr von Stechlin , Ihre Seele macht mir , trotz dieser meiner Vernachlässigung , keine Sorge , denn sie zählt zu denen , die jeder Spezialempfehlung entbehren können . Lassen Sie mich sehr menschlich , ja für einen Pfarrer beinah lästerlich sprechen . Aber ich muß es . Ich lebe nämlich der Überzeugung , der liebe Gott , wenn es mal soweit ist , freut sich , Sie wiederzusehen . Ich sage , wenn es soweit ist . Aber es ist noch nicht soweit . « » Ich weiß nicht , Lorenzen , ob Sie