Auf einem Beine steht nur der Storch ! « Karl wollte zeigen , daß er sich nicht lumpen lasse und rief dem Vetter zu : » Schenk ei ! Eemal rim ! Den gab ' ich ! « - » Aber richtig bedienen müssen Sie , Herr Büttner ! Sonst is es keen Spiel nich ! « meinte der Graukopf . » Ihr wart mich wuhl ' s Kartenspielen lahren , Rotzleffel , die d ' ' r seid ! « rief Karl den Mitspielern zu . Die beiden Fremden wollten etwas erwidern , aber Richard winkte ihnen mit den Augen ab . Wiederum hatte Karl verloren . Da schlug er auf den Tisch und brüllte : » Betrogne Karlen seid ' r , daß d ' ' r ' s wißt ! Betrogen hat ' r mich ! Gaht mer mei Gald raus , Hunde ! « Die Fremden waren aufgestanden . Karl fuhr fort , auf den Tisch zu hämmern und sein Geld zu fordern . Sein Vetter trat auf ihn zu . » Halt ' s Maul ! Schrei nich su laut ! Se hieren ' s sunst vorne . « » Du hast mer an Dreck zu befehlen ! « Damit hatte Richard auch schon einen Schlag von Karls Riesenhand ins Gesicht , daß er sich aufheulend die Backe hielt . Die beiden anderen Männer sprangen auf Karl zu , ihm in den Arm zu fallen . Er schleuderte sie gegen die Wand , ergriff einen Stuhl und schlug blindlings drauf los . Die Hängelampe , von einem Stuhlbeine getroffen , riß vom Flaschenzuge ab , fiel auf den Tisch , wo sie zerbrach . Inzwischen waren Leute , durch den Lärm herbeigerufen , ins Zimmer gedrungen : der Hausknecht , Gäste , der alte Kaschel . Man umringte Karl , der noch immer um sich schlug wie ein Wilder . Die neu Hinzugekommenen hatten keine Ahnung , um was es sich eigentlich handle . Man sah nur , daß es eine Rauferei gab ; das erweckte sofort die Lust , mitzutun . Richard hatte sich aus Karls gefährlicher Nähe zu retten gewußt und spornte nun die anderen vom Hintergrunde aus an , zuzugreifen und es » dem Hunde « mal ordentlich zu geben . Es wurde gerungen . Der Tisch fiel um , Gläser zerbrachen . Plötzlich dröhnte und krachte es . Karl hatte sich Platz geschafft , drang durch den schmalen Gang in die Hausflur . Dort standen auch schon Leute , die sich ihm entgegenwarfen . So von allen Seiten umringt , an Armen und Beinen von einem Dutzend Fäusten gepackt , ward er endlich wehrlos gemacht . Man wußte nicht recht , was mit ihm anfangen ! Die meisten ahnten nicht , was eigentlich der Anlaß zu dem Krakeel gewesen sei . Jemand riet , ihn vor die Tür zu schaffen . Der Vorschlag fand Beifall . Karl wurde zur vorderen Tür geschleppt . Hier gelang es ihm , ein Bein freizubekommen , das er gegen den Türflügel einstemmte . Man drängte und drückte , aber der große Körper war nicht freizubekommen . Richard Kaschel wußte Rat . Der Türflügel wurde durch eine eiserne Stange abgehalten , die hob Richard aus ; sofort gab die Tür nach . Karl stürzte mitsamt seinen Angreifern die Stufen hinab auf die Straße . In dem allgemeinen Durcheinander , das nun in der Dunkelheit entstand , wurde ein Schlag und der Fall eines schweren Körpers so gut wie überhört . Man lief ins Gastzimmer zurück , erzählte sich gegenseitig unter Geschrei und Gelächter die Heldentat , die man verübt . Kaschelernst lief umher , zeternd und klagend über den Schaden , der ihm am Mobiliar angerichtet worden sei . Um das Schicksal des Hinausgeworfenen kümmerte sich niemand . Nach einiger Zeit brannte einer der Gäste seine Laterne an und machte sich auf den Heimweg . Gleich darauf kam er mit verstörtem Gesichte wieder ins Zimmer zurück . Draußen liege einer in einer Pfütze Blut , berichtete der Mann . Man eilte hinaus . Karl Büttner lag da einige Schritte von den Stufen . Der Schnee um ihn her war dunkel gefärbt . Man untersuchte ihn ; er war bewußtlos . Das Blut floß aus einer Wunde am Kopfe . Ein Messerstich war es nicht . Es sah mehr aus , als habe ihn ein Hieb mit einem stumpfen Instrumente über den Schädel getroffen . X. Eines Tages im Februar erschien Harrassowitz auf dem ehemaligen Büttnerschen Bauernhofe . Er war in Gesellschaft eines städtisch gekleideten jungen Mannes . Der Händler fand die vordere Haustür verschlossen . Er ging daher um das Haus herum , durch den Schnee , nach dem hinteren Eingang , aber auch dort war die Tür verriegelt . Harrassowitz pochte und rüttelte an Tür und Fensterladen ; als das nichts nützte , legte er sich aufs Pfeifen und Rufen . Jemand mußte doch im Gehöft sein ; es führte ja keine Spur in dem frisch gefallenen Schnee zum Hoftor hinaus . - Endlich erschien der graue Bart des alten Büttner oben in der Dachluke . Er hatte sich seiner Gewohnheit gemäß eingeschlossen . Jetzt freilich , wo er den Eigentümer des Hauses und Gutes selbst vor der Tür sah , mußte er wohl oder übel aufmachen . Sam war wütend über das lange Warten . Bei ihm sei es wohl nicht ganz richtig im Kopfe , schrie er den alten Mann an , als er barhäuptig in der Tür erschien . Er solle mal gefälligst sofort alles öffnen ; hier sei jemand , der sich das Haus ansehen wolle . Nun ging es an eine eingehende Besichtigung des Ganzen . Vom Keller bis hinauf auf den Boden wurde jeder einzelne Raum beschritten und besehen . Der Fremde nahm es sehr genau . Er klopfte an die Wände , untersuchte das Holzwerk , blickte in die Essen und Öfen . Vielerlei fand er auszusetzen . Im Keller stand Wasser . Sam , der selbst niemals drin gewesen war , erklärte unverfroren : Den Keller habe er immer trocken gefunden bisher ; das müsse zufällig eingedrungenes Schneewasser sein . Er wandte sich an den alten Büttner mit der Aufforderung , ihm das zu bestätigen . Traugott Büttner erklärte in mürrischem Tone : Solange er lebe , habe in diesem Keller im Frühjahre stets Wasser gestanden . - Der Händler biß sich auf die Lippen und warf dem Alten gerade keinen freundlichen Blick zu . Auch sonst wurde mancherlei mangelhaft befunden . Die Öfen taugten nach Ansicht des fremden Herrn nichts , während Harrassowitz beschwor , sie heizten ausgezeichnet . Die Dielen sollten an vielen Stellen schadhaft sein . Das Dach sei reparaturbedürftig , die Treppe wackelig . Von der Holzstube wollte der Herr gar nichts wissen , die müsse er herausreißen lassen und durch Ziegelwände ersetzen . Kurz , das Haus war , wenn man den Worten des Mannes trauen durfte , » ein Loch « in das man eine junge Frau unmöglich führen konnte . Harrassowitz meinte , mit einigen hundert Mark mache er sich anheischig , aus diesem Hause ein wahres Eldorado zu schaffen , » komfortabel und hochherrschaftlich « . » Eine Hundehütte ist das Ding ! « rief der Fremde , der die starken Ausdrücke zu bevorzugen schien . » Fünftausend Mark muß ich hier gleich reinschmeißen ; bloß was das Ausmisten kostet . Natürlich geht das vom Kaufpreise ab ! « Der Händler schwor dagegen , beide Hände zur Beteuerung erhebend , dann könne kein Handel zustande kommen ; er dürfe nicht eine Mark vom Preise ablassen . So wurde hin und her gefeilscht zwischen den beiden . Auf den alten Büttner , der gesenkten Hauptes dabeistand , Rücksicht zu nehmen , schien man für überflüssig zu halten . Nachdem man Haus und Hof gründlich besichtigt , wobei der Fremde alles so schlecht wie möglich machte , während Harrassowitz seinen Besitz nach Möglichkeit herausstrich , ging es hinaus zur neu angelegten Ziegelei . Büttner wurde nicht aufgefordert , mit dorthin zu kommen . Nach Verlauf von einer Stunde etwa kamen die Herren in das Gehöft zurück . Sie begaben sich in die ehemalige Wohnstube der Büttnerschen Familie . Sam verlangte Tinte und Papier und schimpfte , als das nicht zu haben war . » Sie können derweilen rausgehen ! « sagte er zu dem alten Manne . » Aber halten Sie sich in der Nähe auf , bis ich Sie rufen werde . « Traugott Büttner ging in den Stall . Die Gesellschaft der Tiere war ihm lieber als die der Menschen . Die Tiere waren unverständig , stumpf und gutmütig . Die kaltblütig-grausame Art , seinesgleichen zu martern , hatte der Mensch vor der Kreatur voraus . - Der alte Mann saß bei den Kühen auf einem Melkschemel . Er hatte den Tieren neues Futter vorgeworfen . Gemächlich kauend standen sie da , blickten ihn während des Fressens hin und wieder an , furchtlos ; sie kannten ihn ja . Durch die offene Stalltür konnte man über den Hof her vernehmen , wie jene drüben in der Stube sprachen . Sie schienen noch nicht einig . Es ging lebhaft zu beim Handeln . Der Bauer versank tiefer und tiefer in Brüten . Eine » Hundehütte « hatte der Herr sein Haus genannt ! Daß der Mensch nicht stumm geworden war für solche Lästerung ! Er , der Büttnerbauer , mußte doch wohl sein Haus kennen und wissen , was es wert war ; es gab kein besseres im ganzen Dorfe . Die Grundmauern mußten uralt sein . Der Vater hatte einmal gehört von einem , der es verstand : die Mauern stammten aus Zeiten , die noch lange , lange vor dem großen Kriege lagen . Die Holzstube , welche der Fremde herausreißen wollte , war von Traugotts Großvater aus starken , trockenen Tannenbrettern und lärchenen Pfosten eingebaut worden , und mochte noch manches liebe Jahr überdauern . Den Dachstuhl hatte Leberecht Büttner neu zimmern lassen ; da war kein Balken , der sich gesenkt oder gebogen hätte . Er selbst , Traugott Büttner , hatte viel Arbeit , Sorge und Kosten auf das Wohnhaus verwendet . Es war stets sein Stolz gewesen , daß es so stattlich sei ; er hatte seinen Ehrgeiz darein gesetzt , das von den Vätern überkommene Heim in Ordnung und Stand zu halten . Er hatte dieses Haus lieb , wie man ein lebendes Wesen liebt . Wenn er vom Felde hereinkam , blickte es ihn schon von weitem an , freundlich und vertraut , wie eine Mutter . - Es war ja auch die Mutter von vielen Generationen , die in ihm geboren und groß geworden , denen es Obdach und Behausung gewährt hatte . Er kannte dieses Haus , wie er seine Ehefrau gekannt hatte . Er liebte es nicht nur in seinen Vorzügen und guten Seiten , er liebte es in allen seinen Eigenheiten und Heimlichkeiten , die nur ihm offenbar waren . Er liebte es nicht zum mindesten der schweren und bangen Stunden wegen , die er unter seinem Dache durchlebt hatte . Und nun kam da einer her , ein Fremder , und nannte es eine » Hundehütte « ! Es war nicht Zorn , was der Alte empfand , auch nicht Ärger . All die jäh aufwallenden heißen Gefühle waren ausgelöscht in ihm . Mehr ein Staunen war es , ein Verwundern über das , was ihm widerfuhr . Der Geist der streitbaren Auflehnung , der ihn früher oft zu seinem Schaden beseelt , hatte einer dumpfen Verdrossenheit Platz gemacht . Er war still und nachdenklich geworden . Den Leuten im Dorfe wurde er dadurch unheimlich . Wenn er in seinem Kummer gerast oder zur Schnapsflasche gegriffen hätte , würden sie sich weniger gewundert haben , als über dieses stille » Simelieren « des Bauern . Er konnte neuerdings über einem Worte , einem Erlebnisse stundenlang grübeln . Es war , als ginge er im Kreise wie ein Tier , das den Göpel drehen muß . Sein Geist klebte fest und zäh an den Dingen , konnte sich nicht aufschwingen zu Gedanken , sein Wille sich nicht mehr aufraffen zu Taten . Der ehemals so tätige Mann war imstande , halbe Tage in völligem Nichts-tun zu verbringen . Dann hielt er Selbstgespräche . Zu starkem Fluchen und Schimpfen , wie ehemals , brachte er es nicht mehr . Aber er bekam es fertig , ein und denselben Satz zehnmal und mehr vor sich hin zu sagen , immer schneller , immer lauter , bis er über sein eigenes Sprechen erschrak , sich scheu umsah , ob jemand da sei , und nach einiger Zeit in seine gewöhnliche Stumpfheit zurückversank . Auch jetzt wieder hatte er sich in einen Gedanken verbissen : jener fremde Herr , dessen Namen er nicht einmal kannte , hatte sein Haus eine Hundehütte genannt . Und nun sagte er das Wort vor sich hin mit rauher Stimme : » Hundehütte , Hundehütte , Hundehütte ... « , daß die Kühe im Fressen innehielten und sich umsahen nach dem närrischen Alten . Vom Hause her ertönte jetzt lautes erregtes Sprechen , als ob sie sich dort stritten . In der Haustür erschien der Fremde . Er war im Begriffe , seinen Pelz anzuziehen ; hinter ihm kam Sam , suchte den Mann festzuhalten . » Zwanzigtausend Mark für so eine Hitsche ist Unverschämtheit ! « schrie der Fremde . » Ich weiß ganz genau , was Sie in der Subhastation dafür gegeben haben . « » Aber was ich inzwischen hineingesteckt habe , Herr Berger ! Wollen Sie das bitte nicht vergessen . « Der Fremde stand noch immer in der Tür , er hatte inzwischen den Ärmel gefunden , schien auf dem Sprunge , fortzugehen . » Schön : reingesteckt ! Rausgenommen haben Sie , dreimal so viel , als Sie gegeben haben ! Und nun soll ich Ihnen für den Hof und das bißchen Ziegelei zwanzigtausend Mark geben ! - Verrückt müßte ich sein ! Viertausend Taler gebe ich ! Nicht einen Pfennig mehr ! « » Kommen Sie nur ins Haus , Herr Berger ! « mahnte der Händler und suchte den erregten Mann hereinzuziehen . » Wir werden schon handelseinig werden ! « Dabei klopfte er ihm auf die Schulter . » Sie sind ein Halsabschneider ! « schrie Berger , folgte aber dem Händler doch ins Haus . Es dauerte wiederum eine ganze Weile , dann erschien Harrassowitz in der Haustür und rief den Bauern herein . Er stellte ihn dem Fremden vor . » Das ist hier der alte Büttner , der frühere Besitzer . Ein braver Mann ! Ich kann ihn nur empfehlen . Wir sind stets gut miteinander ausgekommen , nicht wahr , Büttner ? « Dabei stieß er den alten Mann vertraulich an . Büttner sagte nichts . Er stand da gesenkten Hauptes und blickte auf die Diele . » Ich habe nämlich an diesen Herrn hier soeben verkauft , « fuhr Harrassowitz fort ; er schien in bester Laune , rieb sich vergnügt schmunzelnd die Hände . » Das ist also hier Ihr neuer Herr , Büttner ! Herr Berger wird die Ziegelei in Betrieb nehmen und gedenkt , hier zu wohnen . - Es wird gut sein für Sie , Büttner , wenn Sie sich mit ihm stellen . « » Das Haus entspricht durchaus nicht meinen Ansprüchen , « meinte der neue Herr , sich mißmutig umblickend . » Meine Frau kommt von der Stadt und ist ' s ganz anders gewöhnt . « » Es wird der jungen Frau mit der Zeit ganz gut hier gefallen in Halbenau ; passen Sie mal auf , Herr Berger ! Hier ist ' s ganz nett , man versteht hier auch zu leben . Und gesund ist ' s ! Die Leute werden alt hier zu Lande ! Wie zum Beispiel Herr Büttner hier ! « Der Fremde zuckte die Achseln , dann meinte er , sich an den Alten wendend : » Ich würde Sie unter gewissen Bedingungen im Hause behalten . Eine Kammer können Sie meintswegen haben , obgleich eigentlich viel zu wenig Platz ist . « » Büttner nimmt mit allem vorlieb , « sagte Harrassowitz , sich einmischend . » Sie müssen nur wissen , der Mann hat Zeit seines Lebens hier gewirtschaftet , da wäre es immerhin hart , wenn er Knall und Fall fort müßte . Ich habe auch Erbarmen gehabt mit ihm , obgleich ich ' s nicht eigentlich nötig hatte . Das ist eben schließlich eine Art von Anstandspflicht - gewissermaßen . « Der neue Besitzer machte eine ungeduldige Bewegung . » Zwingen kann Sie dazu ja niemand ! « rief der Händler . » Wenn Sie den Alten drin lassen , so ist das eben ein Akt der Barmherzigkeit und Herr Büttner muß Ihnen zeitlebens dafür dankbar sein - nicht wahr , Büttner ? « » Meintswegen ! « sagte Berger und erhob sich . » Ich will gestatten , daß der Mensch hier wohnen bleibt in einer Dachkammer . - In die Hausordnung haben Sie sich natürlich zu fügen , Büttner ! Und ich darf erwarten , daß Sie keinerlei Störung verursachen . Die Wohnung sollen Sie frei haben ; ich verlange als Entgelt , daß er den Garten versorgt und die häuslichen Arbeiten übernimmt : Holzspalten , Austragen der Grube , Kohlenklopfen und so weiter . Eventuell werde ich ihn auch in der Ziegelei beschäftigen , wenn er dazu nicht schon zu alt ist . Natürlich ist dieses Verhältnis meinerseits jederzeit kündbar . « » Das scheint mir nur billig und gerecht ! « rief Harrassowitz . » Sie können lachen , Büttner ! Machen Sie nur nicht ein so finsteres Gesicht , Mann ! So trifft ' s nicht jeder ! « » Das scheint ein alter verstockter Bursch zu sein ! « sagte Berger zu dem Händler , als sie das Haus verließen . » Was wollen Sie , « meinte Sam . » Er ist halt ' n Bauer ! « XI. Ernestine überbrachte eines Tages ihrem Bruder Gustav einen Brief von Häschke . Dabei erzählte sie , daß sie in der nächsten Zeit Halbenau verlassen werde , ihr Bräutigam habe eine Wohnung gemietet und wolle sie nun heiraten . Eigentlich hatte Ernestine gewünscht , daß die Hochzeit in Halbenau stattfinden solle ; aber Häschke hatte gemeint , da müsse man sich womöglich kirchlich einsegnen lassen , und » den Mumpitz « mache er nicht mit . Ernestine fand sich schließlich darein . Sie war schon so weit von der fortgeschrittenen Weltanschauung ihres Bräutigams angesteckt , daß sie sich aus solchen altmodischen Gebräuchen , wie kirchliche Trauung und Taufe , nichts mehr machte . Da sie außerdem praktisch war , sagte sie sich , daß man durch Weglassen dieser Zeremonien Geld ersparen könne , welches anderweit besser zu verwenden sei . Häschke berichtete in seinem Briefe an Gustav , daß er in einer Maschinenfabrik Anstellung als Schlosser gefunden habe . Er setzte dem Freunde zu , daß er ' s ihm nachmachen solle . In der Stadt sei doch ein ganz anderes Leben , als in dem langweiligen Dorfe . Auf einen grünen Zweig werde er in Halbenau doch niemals kommen . Wenn Gustav ihm Auftrag gebe , wolle er sich für ihn um einen Dienst bemühen . Gustav solle ihm sofort seine Papiere einsenden . Er werde ihm schon etwas Passendes ausfindig machen . Gediente Unteroffiziere hätten immer Aussicht , genommen zu werden . In Gustav rief dieser Brief geradezu eine Gärung hervor . Seit er neulich auf dem Rückwege aus der Rübengegend das Leben der großen Stadt wieder einmal gekostet hatte , war ihm die geheime Sehnsucht danach nicht wieder aus der Seele gewichen . Es bedurfte nicht viel Zuredens von seiten Häschkekarls , um diese Träume und Wünsche , beunruhigend und verführerisch , wie sie nun einmal für das Landkind waren , lebendig zu machen . Der Abend vor allem , wo er in Häschkes Gesellschaft jener großen Volksversammlung beigewohnt , hatte sich unauslöschlich in seinem Gedächtnisse eingeprägt . Die Tausende , welche in atemloser Spannung den Worten ihrer Führer gelauscht , die eindringlichen Worte , welche die schlichten Arbeiter gesprochen , der mächtige , sinnberauschende Applaus , wenn einer das rechte Wort gefunden , die Disziplin , die Opferwilligkeit , der Korpsgeist - nichts von den tiefen Eindrücken , die er in jenen Tagen in sich aufgenommen , war dem jungen Manne abhanden gekommen . Was er da gesammelt hatte an neuen Erfahrungen und Gedanken , was er damals , weil es zu viel auf einmal gewesen , nicht hatte verarbeiten können , war doch in ihm geblieben , hatte sich gesetzt und verdichtet zu einer neuen Weltanschauung . So wie er gewesen war , konnte er nie wieder werden ; er hatte in geistigem Sinne seine Unschuld verloren . Er fühlte es selbst bei den unbedeutendsten Anlässen , daß er mit anderen Augen in die Welt sehe . Vor allem aber war eine tiefe Sehnsucht in ihn gekommen , die ihm keine Ruhe mehr ließ , die Sehnsucht , heraus zu gelangen aus der Enge seiner bisherigen Umgebung , Neues zu sehen und zu erleben , seinen Gesichtskreis zu erweitern , teilzunehmen an dem Leben der großen Welt . Diese Sehnsucht trieb ihn aus seiner Heimat weg , in die Stadt . Dort war das wahrhaftige Leben allein ! In der Stadt fand man Anregung und Gesellschaft . Dort erfuhr man , was in der weiten Welt vorging . Da ging einem eine Ahnung auf von dem , was man selbst wollte und sollte . Da war man unter Tausenden und Abertausenden , und doch ein selbständiger , freier Mensch . Auf dem Lande glichen die Arbeiter dem Lasttiere , das seine Arbeit verrichtet , sein Futter vertilgt und nur erwacht , um von neuem zur Arbeit getrieben zu werden . So dämmerten die meisten Leute auf dem Dorfe dahin , stumpf und gelangweilt , ohne viel mehr nachzudenken als das liebe Vieh . Nein ! solch ein Leben wollte er nicht weiter führen ! Wenn man einmal starb , wollte man doch wenigstens sich sagen können , daß man gelebt habe . Er hatte ja früher die Heimat geliebt - er liebte sie noch - aber es war zu vieles vorgefallen in den letzten Jahren , was ihm die Freude an dem Heim vergällt hatte . Ja , wenn er ' s so hätte haben können wie sein Großvater Leberecht - dem er , wie die Menschen behaupteten , in vielen Stücken ähnelte - wenn er auf freiem Gute hätte selbständig schalten und walten dürfen als sein eigener Herr , da hätte er wohl jede Arbeit auf sich nehmen wollen , wäre sicher gewesen , etwas Rechtes vor sich zu bringen . Aber so , wo das Glück der Familie vernichtet war ! Wo einer hätte wieder ganz von vorn anfangen müssen ! wo ihm , dem Bauernsohne , nichts übrig blieb , als sich als Tagelöhner oder Knecht zu verdingen ! - Nein ! da wollte er doch lieber ganz von dem Orte weggehen , wo er und seine Vorfahren einstmals bessere Tage gesehen hatten . In der Stadt kannte ihn wenigstens keiner ! Da konnte ihn niemand verhöhnen , daß er hatte herabsteigen müssen , daß er , der einstmals kommandiert hatte , nun selbst dienen mußte . Was er früher nicht für möglich gehalten haben würde , der Abschied von der Heimat wurde ihm jetzt nicht einmal schwer . Die Wurzeln , die ihn einstmals so fest mit diesem Boden verbunden hatten , waren eben eine nach der anderen durchschnitten worden ; er war jetzt auch so ein loser Baum , den man leicht ausheben und verpflanzen kann . Mehr und mehr fing er an , seiner dörfischen Umgebung überdrüssig zu werden , ja , sie im Grunde seines Herzens zu verachten . Auf dem Dorfe war man wie in einem dunklen , engen , dumpfen Zimmer , in welches das Licht höchstens durch Ritzen und Klinzen eindringt . Da draußen in der Welt , in der Stadt , da winkte das große , rauschende Glück , das Vergnügen , die Freiheit , die Selbständigkeit ! - So gab er denn seiner Schwester Ernestine , als sie Halbenau verließ , seine Papiere mit , die sie Häschke übergeben sollte . Das Mädchen ging der Zukunft leichten Herzens entgegen . Sie hatte bereits der vorige Sommer der Heimat entfremdet . Sie lebte längst mit ihren Gedanken und Plänen in einer neuen Welt , die mit dem ländlichen Heim wenig gemein hatte . Ein Vaterhaus , von dem sie hätten Abschied nehmen müssen , gab es ja für die Büttnerschen Kinder nicht mehr . Um die Zukunft machte sich die leichtfertige Ernestine wenig Sorge . Häschke verdiente jetzt zwanzig Mark in der Woche . Mit der Zeit hatte er Aussicht , Monteur zu werden , so schrieb er selbst . Außerdem konnte man zur Verbesserung des Einkommens ja auch Kostgänger und Schlafburschen aufnehmen . Ein größeres Quartier war darauflos schon gemietet worden . Das Mädchen würde vielleicht nicht einmal vom Vater Abschied genommen haben , wenn nicht Gustav es ausdrücklich von ihr verlangt hätte . Der Abschied war kühl und steif . Ernestine , die doch sonst nicht gerade auf den Mund gefallen war , wußte dem Vater kein liebes Wort zu sagen . Der alte Mann brachte es auch zu keiner herzlichen Äußerung dem letzten Kinde gegenüber , das nun von ihm ging . * * * Karl war , nachdem man seine Wunde im Kretscham notdürftig gewaschen und verbunden hatte , in seine Behausung nach Wörmsbach geschafft worden . Nachdem ihm der Arzt das dichte Haar rings um die Wunde abgeschnitten hatte , fand sich , daß die Schädeldecke stark verletzt war . Es mußte geradezu ein Wunder genannt werden , daß er mit dem Leben davon gekommen war . Die Heilung ging langsam vonstatten . Seine Frau leistete in dieser Zeit Übermenschliches . Der Kranke war trotz seiner Schwäche nicht leicht zu pflegen , er delirierte stark . Die Nahrung mußte ihm auf künstlichem Wege zugeführt werden . Therese hatte sich bis dahin nie sonderlich um die Krankenpflege gekümmert ; jetzt ließ die Not sie auch diese Dienste erlernen . Sie mußte dazu die Kinder versorgen , das Hauswesen im Gange erhalten , dabei kein Geld im Hause ! Denn Karl hatte in der Periode seiner Liederlichkeit alles bis auf einen kleinen Rest vertan . Und nun kam das Frühjahr heran ; da hätte das Feld bestellt werden mögen . Wovon sollte man denn die Pacht an Harrassowitz bezahlen ? Sam war schon einmal dagewesen . Er zeigte sich sehr ungehalten . Wenn es nicht besser werde , müsse er sie heraussetzen . Säufer und Nichtstuer könne er nicht gebrauchen . Was blieb für Therese da anderes übrig , als selbst das Feld zu bestellen ! Die Kühe hatte Harrassowitz inzwischen weggenommen . Sie spannte sich also vor die Egge . Der älteste Junge , kaum sechs Jahre alt , mußte mit Hacke und Schaufel hantieren . Es galt die größten Anstrengungen , denn wenn Harrassowitz sein Wort wahrmachte , dann blieb ihnen nichts als das Armenhaus . Daß Karl jemals wieder zu vollen Kräften kommen werde , war unwahrscheinlich . Auch nachdem die Kopfwunde verheilt war und das Fieber nachgelassen hatte , blieb ein allgemeiner Schwächezustand zurück . Die Sprache hatte gelitten ; bestimmte Laute vermochte die Zunge überhaupt nicht mehr zu bilden . Das Gedächtnis war geschwächt . Karl , der sich niemals durch besondere Geistesgaben ausgezeichnet hatte , war völlig zum Trottel geworden . Eines Tages , als Therese vom Felde heimkehrte , fand sie den Kretschamwirt von Halbenau bei Karl sitzen . Kaschelernst schien bereits eine ganze Weile mit ihm gewesen zu sein . Was die beiden zusammen gesprochen , erfuhr Therese nicht . Der alte Kaschel machte einen durchaus vergnügten Eindruck . Er spielte sich ganz auf den Unbefangenen ; meinte , er sei nur im Vorübergehen mal eingetreten , um zu sehen , wie sie eigentlich lebten . Was zu essen hatte er mitgebracht - auch ganz zufällig , wie er behauptete - einige Würste und einen Schinken . Die ließ er da , damit Karl davon esse und wieder zu Kräften kommen möge . » Er is wie a bissel dumm im Koppe ! « sagte Kaschelernst zu Theresen , als er in sein Korbwägelchen gestiegen war . » Er meent , er kann sich uf nischt nich mehr besinnen , meent er . « Dabei beobachtete er , durch sein verschmitztes Lächeln hindurch , Theresens Miene genau . » Weeß er denne gar nischt mehr , wie er damals hingefallen is , in der Besoffenheet und sich das Luch in Kupp geschlagen hat ? - he ! « » Ar is ne gefallen ! « erwiderte Therese . » Ibern Kupp ha ' n se ' n gehaun . « » Soit Karl su ? « » Ne ! ar soit ' s ne , weil daß er vun nischt ne mih was weeß . « » Wer soit ' s denne ? « » Nu , was de Leite sen , die soin ' s alle , ' s hätt ' ' n eener ibern Kupp gehaun . « Kaschelernst schnalzte mit der Zunge . » De Leute raden vill , was ne wahr is . - Desderwegen ... « Vergnügt schmunzelnd fuhr er von dannen . Wenige Tage darauf erschienen zwei Herren vom Gericht bei Karl Büttner . Es handelte sich um die Voruntersuchung gegen Richard Kaschel . Karl wurde aufs eingehendste vernommen . Viel war freilich nicht aus ihm herauszubekommen . Er wußte nur noch wenig von jenem für ihn so verhängnisvollen Abend im Kretscham zu Halbenau . Darüber , wie er zu der Wunde am Kopfe gekommen , vermochte