Knarren der Haustür und Schritte im Flur . Unwillig humpelte sie über die Stiege hinunter , und als sie den Doktor sah , bekam sie einen fürchterlichen Schreck . Aber gleich die ersten Worte des Arztes ließen sie die Ausflucht erraten , die das Lieserl in der Nacht gebraucht hatte . Nun fand die Zaunerin flink ihre Sprache wieder , drückte die Hände auf den umfangreichen Magen und schilderte die » grausamen Schmerzen « , von denen sie in der Nacht geplagt worden wäre . Der Doktor fühlte der Zaunerin den Puls , ließ sich die Zunge zeigen und schien den » bösen Anfall « nicht sonderlich ernst zu nehmen . Als er am Tische saß und der Kranken das Abführmittel verschrieb , kamen Schritte über die Treppe herunter , und auf der Schwelle erschien ein Paar : Lieserl , bleich und scheu - der junge Pointner mit lachendem Gesicht . Er sah wie ein stolzer Preisstier aus , dem nur der Blumenkranz und die Hörner fehlten . Da konnte nun der Doktor Zeuge des » ehrsamen Verspruches « sein , zu dem das Zauner-Lieserl ihre kleine , weiße , zitternde Hand in die braune schwielige Riesenfaust des Pointner-Andres legte . Während die Zaunerin vor Freude in die Schürze heulte und der alte Doktor dem jungen Paar seinen Glückwunsch sagte , ging draußen vor den Fenstern ein Fischer vorüber ; er hielt die Forellengerte unter dem Arm und spießte seinen Wurm an die Angel ; dann verließ er die Straße und betrat einen schmalen Steig , der in die Seebachschlucht hinunterführte . 8 Der Zauner-Wastl erreichte auf seinem Weg zur Jagdhütte bei Tagesanbruch die Almen . Erschöpft und keuchend ließ er sich am Wegrain auf einen Baumstock nieder und drückte die Fäuste auf seine arbeitende Brust , während er den sorgenvollen Blick über den steilen , stundenlangen Weg emporgleiten ließ , den er noch zurückzulegen hatte . Auf dem Almfeld sah er ein altes , gebücktes Bäuerlein in langem Sonntagsrocke bergwärts steigen . Wer kann das sein ? Was will der fremde Bauer da droben ? Es sieht fast so aus , als ginge er den gleichen Weg - da hinauf zur Jagdhütte ? Die Jagdhütte ! Dieses Wort ließ den Zauner wieder an die eigenen Sorgen denken . Wie sollte er vor den gnädigen Herrn Grafen hintreten ? Was sagen , um den Vater , der den Sohn verloren , nicht schon mit dem ersten Wort ins Herz zu treffen ? Meister Wastl nahm den Kopf zwischen die Hände . Und während er darüber nachsann , wie er seine Unglücksbotschaft einleiten könnte , vernahm er aus der fernen Höhe einen rollenden Hall . Es war das Echo eines Schusses . Diesen Schuß hatte Graf Egge abgegeben . Und das Wild , dem der Schuß gegolten , war der » abnorme « Rehbock , dem zuliebe Graf Egge am verwichenen Morgen den Abstieg nach Hubertus unterbrochen hatte . Schipper , der das seltsame Wild ausgespürt und seinen Herrn auf dem glücklich geratenen Pirschgang begleitet hatte , gratulierte lachend , als der Rehbock im Feuer stürzte . » No also , da liegt er ! Wünsch Glück , Herr Graf ! Hab ich ' s net gsagt : Sie bleiben net umsonst heroben ! Gelt , es hat sich rentiert , daß der junge Herr Graf allein hat heimmarschieren müssen . Wären S ' mit ihm abitrappt , so hätten S ' den Bock net . Schauen S ' ihn an ! Was der für Gwichtl hat ! « Es hätte bei Graf Egge dieser Aufforderung nicht bedurft . In der Hand die rauchende Büchse , sprang er auf seine Beute zu . Als er das verendete Wild erreichte und das seltene , wertvolle Gehörn in der Nähe sah , schwang er im ersten Ungestüm seiner Jägerfreude das verwitterte Filzhütl wie ein Hüterbub , dem ein Glück vom Himmel herunter ins Herz gefallen . So groß war seine Freude , daß er den Jäger mit keiner Hand an den Rehbock rühren ließ . Er selber nahm das Messer , um den Bock » aufzubrechen « und ihn mit verschränkten Läufen in die Tragriemen einzuschnüren . Es fehlte nicht viel , so hätte Graf Egge seine Beute auch noch auf den Rücken genommen ; erst nach längerer Debatte gönnte er dem Jäger die » Ehre « , den Bock zur Jagdhütte tragen zu dürfen . » Aber ich geh hinter dir drein , Schritt um Schritt , « sagte er , » sonst gschieht am End mit dem Gwichtl wieder so eine Zauberei sie selbigsmal mit der Gamskruck . « Schipper , der den Rehbock auf den Rücken schwang , hielt es für das beste , diesen Spaß zu überhören . Mit einem Moosbüschel säuberte Graf die roten Hände , wischte sie noch ein paarmal über die Rückseite der Lederhose , steckte sein Pfeiflein in Brand und wanderte hinter dem Jäger her . Da hatte er immer das schöne Geweih vor den Augen . » Du , das sag ' ich dir , « unterbrach er das Schweigen , » auf der Stell , wie wir in d ' Hütten kommen , wird das Gwichtl runtergsägt und ausgsotten . Das kriegt kein anderer mehr in d ' Händ . Das nimm ich heut selber mit nunter . « » Wollen S ' denn heut wirklich heim ? « fragte Schipper , über alle Anzüglichkeit in Graf Egges Worten harmlos hinweggleitend . » ' s Jagdpech is vorbei und ' s Glück is wieder einzogen . Dös sollten S ' ausnutzen . « » Eigentlich hast du recht . Aber ich muß hinunter . Ich hab ' s dem Buben in die Hand gelobt . Jetzt hab ' ich den Bock , jetzt halt ich mein Versprechen . « » Freilich , den Grafen Willy , den haben S ' halt gern ! Da muß alles andre zruckstehn ! « Eine halbe Stunde waren sie gewandert , als der Graf - er wollte sich zum Räumen der ausgebrannten Pfeife einen Zweig zurechtschneiden - den Abgang seines Messers bemerkte . » Herrgott , jetzt hab ' ich den Knicker am Schußplatz liegenlassen ! « » Ich kehr gleich um . « » Nix da ! Erst trag du den Bock in d ' Hütten ! « Graf Egge zwinkerte mit dem linken Auge . » Vor allem will ich mein Gwichtl in Numro Sicher wissen . « Schipper mochte nun doch die moralische Verpflichtung einer Abwehr fühlen . » Aber Herr Graf ! Der Franzl is ja nimmer da ! « Kaum hatte er das ausgesprochen , da schien er schon zu merken , daß er eine Dummheit gemacht hatte . Ein Schatten ging über Graf Egges Gesicht , und langsam nahm er die erkaltete Pfeife aus dem Mund . » Du ! Laß du den Franzl in Ruh ' ! Im ersten Zorn über andere Dinge bin ich ungerecht gegen den armen Kerl gewesen . Das ist vorbei und nicht mehr zu ändern . Aber du laß ihn in Ruh ' ! Du Feiner ! « Länger hielt Graf Egges Ernst nicht an ; er schmunzelte schon wieder und kehrte vom Hochdeutsch , das er gestreift hatte , zum Dialekt zurück . » Und jetzt , du Gauner , paß auf , jetzt sag ich dir was ! Der Lump , der selbigsmal die Kruck hat mausen wollen , warst du ! Ja , du ! Und daß ich mir weiter aus der Sach nix mach , dafür kannst du dich bei der Kruck bedanken ! Die hat in d ' Augen gstochen ! « Graf Egge strich mit der Pfeifenspitze über den Schnurrbart und lachte . » Wärst du der Jagdherr gwesen und ich der Jäger - ich glaub , ich selber wär schwach worden . Da ich so was begreif , das is die einzig Entschuldigung für dich . Und heut der abnorme Bock dazu ! Die Gschicht is erledigt . In Zukunft schau ich dir besser auf d ' Finger . « Schipper zeigte das Lächeln eines Gekränkten , der keine Galle hat . » Der gnädig Herr Graf belieben seine Spassetteln z ' machen . Dös muß ich mir gfallen lassen . In Gotts Namen ! « Das Klirren eines Bergstockes ließ ihn talwärts blicken . » Herr Graf , da kommt der Patscheider . « » Der kommt grad recht ! Leg den Bock ab und such mir den Knicker ! « Schweigend gehorchte Schipper und sprang davon . Wenige Minuten später tauchte Patscheider aus den Latschen auf ; der steile Weg hatte sein müdes , bleiches Gesicht nicht zu röten vermocht . Er zog den Hut . » Guten Morgen , Herr Graf ! An Schuß hab ich ghört . Ah , da liegt ja der Bock . Ich gratulier ! « » Den schau dir an ! « sagte Graf Egge mit Stolz und Behagen . » Was der für a Gwichtl hat . « Pflichtschuldig bewunderte Patscheider das schöne Gehörn , und als ihm Graf Egge die Jagdgeschichte mit umständlicher Genauigkeit erzählte , schien es der Jäger aus irgendeinem Grunde gern zu bemerken , daß sein Herr in guter Laune war . Sie traten den Heimweg an . Nun ging Graf Egge voraus ; er schien um das Gehörn des Bockes , den Patscheider trug , keine Sorge mehr zu haben . Ein paar hundert Schritte waren sie gegangen ; da guckte der Jäger sich vorsichtig um , und als er den Pfad hinter sich leer wußte , sagte er halblaut : » Was Neues wüßt ich , Herr Graf ! « » Schieß los ! « » Dem Franzl is aber Posten anboten worden , mit zweihundert Mark mehr im Jahr , als er bei uns ghabt hat . Und wissen S ' , wo ? Bei dem Fabrikherrn drüben , der Ihnen die Grenzjagd weggsteigert hat . « Graf Egges Stirn wurde dunkelrot , und seine Augen funkelten . » Der Franzl hat angenommen ? « » Gott bewahr ! Abgschlagen hat er . « » Woher weißt du das ? « fragte Graf Egge verblüfft . Patscheider machte ein Gesicht , als brächte ihn diese Frage in Verlegenheit . » Jetzt muß ich ehrlich aussi mit der Sprach . Es is vielleicht net recht , daß ich mit ' n Franzl noch verkehr , seit er bei uns gschaßt worden is . Aber schauen S ' , Herr Graf , viel Jahr lang haben wir Freundschaft ghalten , und erbarmt hat er mich auch , der arme Teufel ! Gestern hab ich den Franzl heimgsucht . Und wie ' s der Zufall will , grad kommt der Brief . « Patscheider verschwieg , daß der Brief vom Grafen Tassilo war . Alles andere erzählte er , Wort für Wort , wie die Geschichte mit dem Brief im Stübchen der Horneggerin sich abgespielt hat . » Sei ' Mutter hat gweint vor lauter Freud . Und ich selber hab gmeint , ich müßt ihm zureden . « » So ? « » Was will er denn machen ? Er kann net briwatisieren . In der Not greift einer bald nach allem . Aber der Franzl ? Kasweis is er gwesen im Gsicht . Und na hat er gsagt , es müßt rein ausschauen , hat er gsagt , als ob ich unserm Herrn Grafen im Zorn an Possen spielen möcht . « Es arbeitete in Graf Egges Zügen . » Warum erzählst du mir das ? « » Ich hab gmeint , es freut Ihnen , wann S ' hören , wie der Franzl noch allweil zu Ihnen halt . « Graf Egge legte die Hand auf die Schulter des Jägers . » Ja , Patscheider ! Ich danke dir ! « Er wandte sich ab , schlug einen Sturmschritt an und wühlte mit zuckender Hand im Bart. Schon tauchte das Dach der Jagdhütte über einen Rasenbuckel hervor . Da mußten die beiden das breite Kiesbett eines ausgetrockneten Wildbaches durchschreiten . Graf Egge bekam scharfe Steinchen in die Schuhe , und das schmerzte ihn bei jedem Tritt . Als er ans Ufer gestiegen war , winkte er dem Jäger , vorauszugehen , und ließ sich nieder , um die Schuhe abzustreifen . Das Übel war behoben ; aber noch immer blieb er sitzen , ließ die Arme übers Knie hängen und spähte hinunter ins ferne Tal . Kräftig zog der Wind über das sonnbeglänzte Gehänge empor und trug verschwommene Klänge aus der Tiefe herauf - das Geläut der Kirchenglocke . Die Zeit der Messe war vorüber , bis Mittag waren noch lange Stunden . Warum läutete man da drunten ? Graf Egge erhob sich . » Vorwärts ! Und heim ! Ich hab ' s ihm versprochen ! « Als er vor dem » Palais Dippel « anlangte , sah er rechts neben der offenen Tür den Rehbock liegen und links auf der Hausbank ein altes gebeugtes Bäuerlein sitzen , im langen Sonntagsrock und mit vergrämtem Gesicht . Bei Graf Egges Anblick schien den Alten eine ratlose Erregung zu befallen ; scheu blickte er nach allen Seiten , erhob sich , nahm respektvoll das Hütl ab und strich das Haar in die Stirn . » Recht guten Morgen , gnädiger Herr Graf ! « Seine Stimme klang , als wäre ihm die Kehle zugeschnürt . Mißtrauisch betrachtete Graf Egge den Bauer . Seine Brauen furchten sich . » Wer bist du ? Was willst du ? Kommst du vielleicht wegen Wildschaden ? Da kehr ' nur gleich wieder um ! Heuer bezahl ' ich keinen Knopf mehr . Dreizehntausend Mark hab ' ich heuer schon geblecht . Das wird mir auf die Dauer zu dumm ! Jahraus , jahrein steckt die Gemeinde den schauderhaften Jagdzins ein . Und dann kommt noch jeder von euch und will mich schröpfen bis auf den letzten Blutstropfen . Wildschaden , Wildschaden , Wildschaden ! Das nimmt kein Ende mehr . Was ich an Wildschaden bezahlen soll , ist zehnmal mehr , als meine Hirsche fressen könnten , wenn jeder von ihnen zehn Mäuler hätt ' ! Ich kenne den Schwindel . Ich weiß , wie ' s gemacht wird . Jeder von euch spekuliert auf den Wildschaden wie der Jud ' auf die schlechte Ernte . Die miserabelsten Äcker , die am Wald liegen , stehen dreifach im Preis , weil sie sicheren Wildschaden tragen . Da wird kein Mist aufs Feld gefahren , verschimmelter Haber und fauler Klee wird ausgesät , schandenhalber ein paar Händ ' voll . Und wenn der Acker leer bleibt , heißt es : Die Hirsch sind dagewesen , jetzt soll der Jagdherr schwitzen ! In der Nacht holt so ein Lump die Kartoffel aus seinem Feld , drückt mit einem gestohlenen Hirschlauf den ganzen Boden voll Fährten an , und dann schreit der Schweinehund nach der Kommission ! Heiratet ein Bauer seine Tochter aus , wer bezahlt ihr die Aussteuer ? Der Jagdherr ! Sogar ins Testament wird der Wildschaden gesetzt wie das sichere Geld im Kasten ! Was meine Hirsche fressen , ist wertlos für euch . Aber was ich dafür bezahle , ist euer bester Verdienst . Ja , Bauer ! Euer bester Verdienst ! Was wäre denn in dem gottvergessenen Bergwinkel euer Dorf ohne mich und meine Jagd ? Ein Bettelnest voll Hungerleider . Meine Jagd ist ein Luxus , gut ! Ich bezahl ' ihn teuer genug . Sechzigtausend Mark jedes Jahr . Und wohin verschwindet der Haufen Geld ? In euren Sack ! Das Dorf ist reich geworden an meiner Jagd . Aber alles hat seine Grenzen . Ich laß mir nicht die Haut über die Ohren ziehen . Endlich wird mir die Geschichte zu dumm ! « Graf Egge , der über diese Frage nicht aus ungerechtem Ärger , sondern aus wohlbegründeter Erfahrung sprach , hatte sich in heißen Zorn hineingeredet . Er lehnte Gewehr und Bergstock an die Hüttenwand und lüftete die Joppe . » So red ' ! Wieviel verlangst du ? Es scheint , du bist ein ehrlicher Kerl , ich seh dir ' s am Gesicht an , daß du wirklichen Schaden hast . In solchem Fall hab ' ich mich nie geweigert , die Tasche aufzuknöpfen . Also ? Wieviel ? « Der Bauer schüttelte kummervoll den weißen Kopf . » Belieben , gnädiger Herr Graf , ich komm net wegen Wildschaden ! « Graf Egge sah den Alten verwundert an . » Was willst du ? « Der Bauer schluckte . » Belieben , gnädiger Herr Graf , ich such mein Buben . « Schweigend trat Graf Egge ein paar Schritte zurück , und zwischen seinen Brauen erschien eine tiefe Furche . » Wer bist du ? « » Wenn der gnädig Herr Graf belieben , wär ich der Mühltaler aus Bernbichl . « Im Küchenraum der Jagdhütte klapperte eine Pfanne , die zu Boden gefallen war . Über Graf Egges Gesicht ging ein Zucken des Unbehagens , nur flüchtig . Dem Blick des Alten entging das nicht , und sein Hütl , das er zwischen den Fingern drehte , fing zu zittern an . » Der Mühltaler aus Bernbichl ! « wiederholte er mit erloschener Stimme . » Der gnädig Herr Graf haben mein Namen gwiß schon ghört ? « » Nein ! « » So ? So ? Freilich , wenn ' s der gnädig Herr Graf belieben , muß man ' s glauben ! « Langsam nickte der Bauer vor sich hin ; dann hob er die umflorten Augen . » Aber an Buben hab ich ghabt - belieben , gnädiger Herr Graf - den haben S ' gwiß schon gsehen amal , mein Buben ? « » Nein ! « » So ? So ? Aber einer von Ihnere Jager ? Net ? Drum tät ich halt fragen - belieben , gnädiger Herr Graf - ob ich net a Wörtl hören könnt ? Bloß an einzigs Wörtl ! « Dem Alten kollerten zwei Zähren über die bleichen Backen . » Die ganzen Tag her such ich schon allweil . Is a harter Weg gwesen , da auffi . Aber a Vater ! Was tut a Vater net alles ? « Graf Egge bewegte die Schultern unter der Joppe . » Ich werde nicht klug aus deinem Gerede . Dir ist im Gebirg ' ein Bub verunglückt ? « » Verunglück ? « Der Bauer starrte zu Boden . » Wenn der gnädig Herr Graf belieben , sagen wir halt , verunglückt . Und so viel druckt ' s mich , daß er kei christliche Ruhstatt net haben soll . « » Du tust mir leid , Alter ! Aber ich begreife nicht , warum du zu mir kommst ? « » Nur a Wörtl ! Belieben , gnädiger Herr Graf , bloß an einzigs ! Von die Brävern is er keiner gwesen . Vielleicht bin ich selber schuld dran . Ich , der Vater ! Weil ich ' s ihm net wehren hab können , wann er in der Nacht davongschlichen is , mit ' m Büxl unter der Joppen . Aber so viel Straf hat er net verdient , daß ihn kein christlicher Gruß und kein Vaterunser nimmer findt ! « Die Stimme des Alten erstickte . » Drum tät ich halt recht schön bitten - nur an einzigs Wörtl , belieben , gnädiger Herr Graf - daß ich mein Buben find . « Graf Egge begann ungeduldig zu werden , bekämpfte aber noch immer seine wachsende Erregung . » Ich will nicht hart sein gegen dich . Aber du redest mir da einen Verdacht ins Gesicht , den ich mir verbitten muß . Sei vernünftig , Alter , und geh deiner Wege ! Ich weiß nichts von deinem Buben . « Der Bauer griff mit seiner Zitterhand nach Graf Egges Joppe . » Er ist mein Einziger gwesen - belieben , gnädiger Herr Graf ! « » Laß deine Hände von mir ! « Da klangen Schritte auf dem nahen Steig . Graf Egge sah den Zauner-Wastl auf die Hütte zukommen und fand in diesem unerwarteten Besuch eine willkommene Ausrede . » Ich will meine Leute beauftragen , daß sie Nachfrag ' halten . Jetzt muß ich dich fortschicken . Da kommt einer , mit dem ich wichtige Dinge zu besprechen habe ! « Er wandte sich von dem Alten ab , der noch immer die Hand streckte , einen flehentlichen Blick in den heißen Augen . » Grüß ' dich Gott , Wastl ! « rief Graf Egge ein bißchen unsicher . » Gut , daß du endlich kommst ! Nur gleich herein in die Stube ! « Da sah er den Ausdruck ratloser Angst in Meister Zauners Gesicht ; er stutzte , und eine Frage schien ihm auf der Zunge zu liegen , aber mit unbehaglichem Blick streifte er den alten Bauer , schüttelte den Kopf und trat in die Hütte . Auf dem Herd der Küchenstube , neben dem flackernden Feuer , saß Patscheider , regungslos , die Fäuste auf den Knien . Er hörte den Grafen in die Stube treten und hörte einen anderen kommen , der an der Hüttenschwelle den Kot von seinen Schuhen stieß . Dann klang aus der Herrenstube die laute Stimme des Grafen und ein Gestammel des anderen . Graf Egges Stimme dämpfte sich , verstummte , und nur noch ein Gemurmel des anderen war zu vernehmen . In der Stube schienen Dinge verhandelt zu werden , die jedes fremde Ohr zu scheuen hatten . Patscheider war ohne Neugier ; er lauschte wohl - nicht gegen die Herrenstube , sondern gegen die Tür , die ins Freie führte . Da draußen war manchmal ein müder Seufzer zu hören , ein leises Ächzen der Bank . Jetzt klang aus der Herrenstube ein röchelnder Schrei , das Gepolter eines fallenden Sessels und ein dumpfer Schlag , als wäre ein Mensch zu Boden gefallen . Erschrocken sprang der Jäger auf die Tür zu . Er hatte sie noch nicht erreicht , als sie von innen aufgerissen wurde und Graf Egge mit verzerrtem Gesicht und verstörten Augen über die Schwelle taumelte ; wie ein Erstickender atmend , streckte er die Arme nach freier Luft ; doch beim ersten Schritt , den er über die Hüttenschwelle tat , stand er wie gelähmt und stierte den Bauer an , der sich zitternd von der Hausbank erhob . » An einzigs Wörtl - belieben , gnädiger Herr Graf ! Schauen S ' mich an , wie ich dasteh - a Vater , der sein ' Buben sucht ! « Graf Egge machte mit der Hand eine sinnlose Bewegung . Tief gebeugt , wie unter drückender Last , wankte er in die Hütte zurück . » Herr Graf ! « stotterte Patscheider . » Um Gotts willen , was haben S ' denn ? « Ohne zu antworten , trat Graf Egge in die Stube und drückte hinter sich die Tür zu . Im Ofenwinkel stand der Zauner-Wastl , kreidebleich . Er wagte sich nicht zu rühren , als Graf Egge auf die Holzbank fiel , die Arme über den Tisch warf und das Gesicht vergrub . Einmal rückte Meister Zauner kaum merklich von der Stelle , und dabei streifte sein Ellbogen die Ofenkante . Graf Egge fuhr auf ; seine trockenen Augen waren rot gerändert , wie von einer Entzündung ; er maß den stummen Gast hinter dem Ofen , und an seinen Schläfen schwollen die Adern ; dann griff er an seine Stirn , als müßte er sich auf irgend etwas besinnen , und erhob sich mühsam ; nach Atem ringend , riß er den Hemdkragen auf und machte einen Gang durch die Stube . Vor dem Zauner blieb er stehen und sagte mit zerdrückter Stimme : » Es war gut so , wie du es gemacht hast . Dich trifft keine Schuld . Du bist ein treuer Kerl und hängst an mir . Jetzt geh ! Ich bleibe , bis sie mich holen . Lang wird ' s nicht dauern . Was stehst du noch ? Geh ! « Dieses letzte Wort klang hart und scharf . Der Zauner-Wastl schluckte schwer und schob sich aus der Stube . Graf Egge ging zur Bank , mit heißen Augen ins Leere blickend . Da hörte er draußen den Meister Zauner sagen : » Pfüe Gott mitanander ! « Und eine müde Greisenstimme antwortete : » Pfüet Ihnen Gott ! « » Patscheider ! « schrie Graf Egge wie ein Irrsinniger , und seine Hände schlossen sich zu zuckenden Fäusten . Der Jäger kam . » Schaff ' mir den Menschen fort ! Den da draußen ! « keuchte Graf Egge . » Seine Nähe bringt mich um . « Patscheider nickte und ging . Vor der Hüttentür fand er den Bauer auf der Bank , zwischen den Knien einen kurzen Stecken , den die Zitterhände umklammert hielten . » Mühltaler - « Dem Jäger versagte die Stimme . » Mit dem Herrn Grafen is jetzt kein Reden net . Sind S ' gscheit und marschieren S ' in Gotts Namen . « Der Alte schüttelte den Kopf . Patscheider spähte gegen das Stubenfenster , faßte den Arm des Bauern und zischelte : » Bloß über ' s Eck ummi ! Leben S ' Ihnen in d ' Latschen eini , daß Ihnen keiner sieht . Nachher komm ich und sag Ihnen was . « Rasch , wie um der Antwort des Bauern zu entrinnen , sprang er in die Hütte und blieb vor dem versinkenden Herdfeuer stehen . Nach einer Weile hörte er schwere Schritte , die sich entfernten . Patscheider trat in die Stube . » Jetzt is er fort . « Graf Egge atmete auf . Mit steinernem Gesicht , wie ein Schlafwandler , ging er in der Stube umher , drückte den Hut über das zerwühlte Haar und suchte die Büchse . Sie stand noch vor der Hütte draußen , und Patscheider brachte sie ihm . Mechanisch , wie vor jedem Pirschgang , öffnete Graf Egge den Doppellauf der Waffe , um nachzusehen , ob sie richtig geladen wäre . Er nickte . Und taumelte aus der Stube . » Wohin , Herr Graf ? « fragte der Jäger in Unruhe . » Heim ! « Es zuckte um Graf Egges Mund wie das Lächeln eines Verrückten . » Ich hab ' s ihm versprochen . Das muß ich halten . « » Die Tür , Herr Graf ! « Die Warnung kam zu spät . Mit rotem Fleck auf der bleichen Stirn , wortlos , ohne den üblichen Fluch , bückte sich Graf Egge , um den Hut aufzuheben , der ihm vom Kopf gefallen war . Er drückte den mürben Filz wieder über ' s Haar und ging . Sein Schritt war schleppend . Patscheider blieb unter der Tür stehen , bis er seinen Herrn im Latschenfelde verschwinden sah . Dann trug er den Rehbock in die Küche , löschte auf dem Herd das Feuer und sprang davon . Zwischen dichten Latschen blieb er stehen und räusperte sich . Langsam schob der Bauer sich aus den Stauden heraus . Patscheider vermied den Blick des Alten . » Mühltaler - ich muß enk alles sagen . A Vater derbarmt ein ' allweil . Aber net verraten därfen S ' mich ! Machen S ' mei ' Familli net unglücklich ! « Der Bauer nahm den Hut ab . » Jetzt weiß ich alles ! - Herr Gott , gib ihm die ewige Ruh ! « Er bekreuzte sich . Und nach einer Weile fragte er : » Hat ' s denn sein müssen ? « » Er hat anglegt auf mich . Man hat sein Dienst und hat Weib und Kinder . Da denkt halt jeder z ' erst an die eigene Haut . « Der Bauer nickte . » Allweil hab ich ' s ihm gsagt , und er hat net hören mögen ! Jetzt muß er büßen . Und der Vater mit ! « Langsam hob er die Augen . » Wie ich gmerkt hab , tragst die Sach a bißl hart . Mensch is Mensch . Dös is halt doch was anders als a Gamsbock . « » Ja , Mühltaler ! « Wieder standen sie eine Weile schweigend voreinander . » Wo liegt er denn ? « » Net weit von der Grenz . « » Hilfst mir ihn ummitragen ? « Patscheider zögerte mit der Antwort . » A harts Stückl für uns zwei : der Vater - und ich , der Jager ! Und gut zum Anschaun wird er auch nimmer sein . Aber in Gotts Namen ! Daß er sein christlich Begräbnis kriegt ! Unser Herrgott wird ihm ja sonst verziehen haben . Unser Herrgott is a guter Mann . « Eine Strecke waren sie schon gegangen , als der Alte vor sich hinmurmelte : » Net an einzigs Wörtl hat er mir gsagt , der gnädig Herr Graf . « » Weil er nix weiß davon . Ich hab kei Meldung gmacht . « » So ? Kei Meldung ? Bist der richtige Jager , der auf seim Herrn nix sitzen laßt ! « Patscheider zog den Bauer in den Schatten eines Latschenbusches . » Da drunten geht er grad über d ' Lichtung . Wann er umschaut , muß er mich sehen . Und wann er mich sieht , bin ich um mein Dienst . « Die Sorge des Jägers war unbegründet . Graf Egge ging seiner Wege , ohne sich umzusehen . Als er den Saum der Almen erreichte , setzte er sich zu Füßen einer Felswand auf das rauhe Geröll , legte die Büchse über den Schoß und spähte hinunter gegen den Wald , aus dem sich der vom Seedorf kommende Pfad gleich einer feinen , weißen Linie hervorschlängelte . Hier mußte er sie von weitem gewahren