an Frankreich abgegeben . Da begannen nun geheime Verhandlungen zwischen dem König und dem französischen Kabinett . Recht so : Geheimnis ist ja der Kern aller Diplomatie . Die Völker dürfen von den Streitigkeiten nichts wissen - kommen diese erst zum Austrage , so haben sie das Recht , dafür zu bluten . Warum und wofür sie sich schlagen - das ist Nebensache . Ende März erst macht der König die Nachricht offiziell und am selben Tage , als er sein Einverständnis nach Frankreich telegraphiert , wird der preußische Gesandte im Haag davon unterrichtet . Daraufhin beginnen Unterhandlungen mit Preußen . Dieses beruft sich auf die Garantie der Verträge von 1859 , auf Grundlage deren das Königreich Holland bestand . Die öffentliche Meinung ( wer ist das , die öffentliche Meinung ? Wohl die Leitartikelschreiber ? ) in Preußen ist entrüstet , daß das alte deutsche Reichsland losgerissen werden soll ; im norddeutschen Reichstag - am 1. April - werden über diesen Gegenstand feuerige Interpellationen gestellt . Bismarck bleibt zwar über Luxemburg kalt , veranstaltet jedoch bei dieser Gelegenheit Rüstungen gegen Frankreich , was natürlich wieder französische Gegenrüstungen zur Folge hat . Ach , wie ich diese Melodie schon kenne ! Damals zitterte ich sehr , daß ein neuer Brand in Europa ausbreche . An Schürern fehlte es nicht : in Paris Cassagnac und Emile de Girardin , in Berlin Menzel und Heinrich Leo . Ob denn solche Kriegshetzer nur eine entfernte Ahnung haben von der Riesenhaftigkeit ihres Verbrechertums ? Ich glaube kaum . Um jene Zeit war es - ich habe das erst viele Jahre später erzählen gehört - daß Professor Simon dem Kronprinzen Friedrich von Preußen gegenüber über die schwebende Frage äußerte : » Wenn Frankreich und Holland bereits abgeschlossen haben , so bedeutet das den Krieg . « Worauf der Kronprinz in heftiger Erregung und Bestürzung erwiderte : » Sie haben den Krieg nicht gesehen ... hätten Sie ihn gesehen , so würden Sie das Wort nicht so ruhig aussprechen ... Ich habe ihn gesehen und ich sage Ihnen , es ist die größte Pflicht , wenn es irgend möglich ist , den Krieg zu vermeiden . « Und diesmal wurde er vermieden . In London trat eine Konferenz zusammen , welche am 11. Mai zu dem erwünschten friedlichen Resultate führte . Luxemburg ward als neutral erklärt und Preußen zog seine Truppen fort . Die Friedensfreunde atmeten auf , aber es gab Leute genug , welche sich über diese Wendung ärgerten . Nicht der Kaiser der Franzosen - dieser wünschte den Frieden - aber die französische » Kriegspartei « . Auch in Deutschland erhoben sich Stimmen , welche das Verhalten Preußens verurteilten : » Aufopferung eines Vollwerks « , » Wie Furcht aussehende Nachgiebigkeit « und dergleichen mehr . - Auch jede Privatperson , welche auf den Rechtsspruch des Gerichtes hin auf irgend einen Besitz verzichtet , zeigt solche Nachgiebigkeit - wäre es besser , sie beugte sich keinem Tribunal und schlüge mit den Fäusten drein ? Was die Londoner Konferenz erreicht , das könnte in solchen strittigen Fragen immer erreicht werden , und den Staatenlenkern wäre jene Vermeidung immer möglich , die der nachnachmalige Friedrich III. , Friedrich der Edle , die größte Pflicht genannt . Im Mai begaben wir uns nach Paris , um die Ausstellung zu besuchen . Ich hatte die Weltstadt noch nicht gesehen und war von der Pracht und dem Leben derselben ganz geblendet . Namentlich damals - das Kaiserreich stand auf seinem höchsten Glanzpunkte und sämtliche Kronenträger Europas hatten sich da zusammengefunden - namentlich damals bot Paris ein Bild fröhlichster und friedenssicherster Herrlichkeit . Nicht wie die Hauptstadt eines Landes , sondern wie die Hauptstadt der Internationalität erschien mir damals die - drei Jahre später von ihrem östlichen Nachbar bombardierte - Stadt . Alle Völker der Erde hatten sich in dem großen Champ de Mars-Palaste zu den friedlichen - einzig nützlichen , weil schaffenden und nicht zerstörenden - Kampf des Wettbewerbs versammelt ; so viel Kunstwerke und Gewerbewunder waren hier zusammengetragen , daß sich in jedem Beschauer der Stolz regen mußte , in so vorgeschrittener , immer noch weiteren Fortschritt versprechender Zeit zu leben ; und neben diesem Stolz mußte natürlich auch der Vorsatz entstehen , den Gang solcher genußspendenden Kulturentwickelung nicht mehr durch brutales Vernichtungswüten zu hemmen . Diese hier als Gäste des Kaisers und der Kaiserin versammelten Könige , Fürsten und Diplomaten konnten doch bei all ' den ausgetauschten Höflichkeiten , Freundlichkeiten , Glückwünschen nicht daran denken , nächstens mit ihren Gastgebern oder untereinander Todesgeschosse zu tauschen ? ... Nein : ich atmete auf . Dieses ganze blendende Ausstellungsfest schien mir die Bürgschaft , daß jetzt eine Ära von langen , langen Friedensjahren begonnen . Höchstens gegen einen Mongolenüberfall oder so etwas dergleichen konnten diese civilisierten Leute noch das Schwert ziehen , aber gegeneinander ? - das erlebten wir wohl nimmermehr . Was mich in dieser Auffassung bestärkte , war die Mitteilung , die mir über einen Lieblingsplan des Kaisers gemacht wurde : allgemeine Abrüstung . Ja , das stand bei Napoleon III. fest - ich habe es aus dem Munde seiner nächsten Verwandten und Vertrauten - : bei nächster passender Gelegenheit würde er sämtlichen europäischen Regierungen den Vorschlag unterbreiten , ihren Heeresstand auf ein Minimum herabzusetzen . Das ließ sich hören - das war wohl eine vernünftigere Idee , als diejenige einer allgemeinen Heeresverstärkung . Damit wäre die bekannte Forderung Kants erfüllt , welche in Paragraph 3 der » Präliminar-Artikel zum ewigen Frieden « also formuliert ist : » Stehende Heere ( miles perpetuus ) sollen mit der Zeit ganz aufhören . Dieselben bedrohen andere Staaten unaufhörlich mit Krieg durch die Bereitschaft , immer dazu gerüstet zu scheinen , reizen diese an , sich einander in Menge der Gerüsteten , die keine Grenzen kennt ( o prophetischer Weisenblick ! ) zu übertreffen , und indem durch die darauf gewendeten Kosten der Friede endlich noch drückender wird , als ein kurzer Krieg , so sind sie selbst Ursachen von Angriffskriegen , um diese Last los zu werden . « Welche Regierung konnte einen Vorschlag , wie der Franzose ihn plante , ablehnen , ohne sich als eroberungssüchtig zu entlarven ? Welches Volk würde gegen solche Ablehnung nicht revoltieren ? Der Plan mußte gelingen . Friedrich teilte meine Zuversicht nicht : » Vor Allem bezweifle ich , « sagte er , » daß Napoleon diesen Vorsatz auch aufrichtig hegt . Und wenn auch : der Druck der Kriegspartei würde ihn an der Ausführung hindern . Überhaupt werden die Throninhaber an der Bethätigung solcher , aus der Schablone fallender großer Willensmeinungen von ihrer Umgebung immer gehindert . Zweitens läßt sich einem lebenden Wesen nicht so mir nichts , dir nichts befehlen , daß es aufhöre zu sein . Da setzt es sich zur Wehr . « » Von welchem lebenden Wesen sprichst Du ? « » Von der Armee . Dieselbe ist ein Organismus und als solcher lebensentfaltungs- und selbsterhaltungskräftig . Gegenwärtig steht dieser Organismus gerade in seiner Blüte , und wie Du siehst - das allgemeine Wehrsystem soll ja auch in anderen Ländern eingeführt werden - ist er eben im Begriffe , sich mächtig auszubreiten . « - » Und dennoch willst Du dagegen ankämpfen ? « » Ja , aber nicht , indem ich hintrete und ihm sage : Stirb , Ungeheuer ! denn auf das hin würde mir besagter Organismus kaum den Gefallen erweisen , sich tot hinzustrecken . Sondern ich kämpfe dagegen , indem ich für ein anderes , noch ganz schwach aufkeimendes Lebensgebilde eintrete , welches , indem es an Kraft und Ausdehnung zunimmt , das andere verdrängen soll . Daß ich in solchen naturwissenschaftlichen Metaphern spreche - daran bist Du ursprünglich schuld Martha . Du warst es , welche mich zuerst verleitete , die Werke der modernen Naturforscher zu studieren . Dadurch ist mir die Einsicht aufgegangen , daß auch die Erscheinungen des sozialen Lebens nur dann in ihrer Entstehung verstanden und in ihrem künftigen Verlauf vorausgesehen werden können , wenn man sie als unter dem Einfluß ewiger Gesetze stehend auffaßt . Davon haben die meisten Politiker und hohen Würdenträger keinen blauen Dunst - das löbliche Militär schon gar nicht . Vor einigen Jahren wäre es mir auch nicht in den Sinn gekommen . « Wir wohnten im Grand-Hôtel auf dem Boulevard des Capucines . Dasselbe war zumeist mit Engländern und Amerikanern gefüllt . Landsleute trafen wir nur wenige : der Österreicher ist nicht reiselustig . Wir suchten übrigens auch keinen Anschluß : meine Trauer war noch nicht abgelegt und wir hegten keinen Wunsch nach geselliger Unterhaltung . Meinen Sohn Rudolf hatte ich natürlich bei mir . Er war jetzt acht Jahre alt und ein wunderbar gescheites Männchen . Wir hatten einen jungen Engländer aufgenommen , der bei dem Kleinen halb Hofmeister- , halb Kindermädchenstelle vertrat . Zu unseren langen Stationen im Ausstellungspalast , sowie auch unseren zahlreichen Ausflügen in die Umgebung , konnten wir den Rudi doch nicht immer mitnehmen und die Zeit des Lernens war ja auch schon für ihn gekommen . Neu - neu - neu war mir diese ganze hier erschlossene Welt ! All ' die von den vier Himmelsgegenden zusammengekommenen Menschen , von überall her die reichsten und vornehmsten ; diese Feste , dieser Aufwand , dieses Gewimmel ... ich war förmlich betäubt davon . Aber so interessant und genußreich es mir auch war , diese überraschenden und überwältigenden Eindrücke in mich aufzunehmen , so sehnte ich mich im Stillen doch wieder aus dem Getöse hinaus , nach irgend einem abgelegenen , friedlichen Plätzchen , wo ich mit Friedrich und meinem Kinde - meinen Kindern , ich sah ja wieder Mutterfreuden entgegen - in ruhiger Zurückgezogenheit hätte leben können . Es ist doch sonderbar - ich finde es in den roten Heften öfters bestätigt - , wie in der Abgeschlossenheit die Sehnsucht nach Ereignissen und Thaten , nach Erlebnissen und Vergnügungen entsteht und mitten in diesen wieder die Sehnsucht nach Einsamkeit und Ruhe . Von der großen Welt hielten wir uns fern . Nur bei unserem Gesandten Metternich hatten wir einen Besuch abgestattet und dabei erwähnt , daß wir unserer Familientrauer wegen keine Einführung bei Hofe und in die Gesellschaft wünschten . Dagegen suchten wir die Bekanntschaft einiger hervorragender politischer und litterarischer Persönlichkeiten ; teils aus persönlichem Interesse und zu geistiger Anregung , teils im Hinblick auf Friedrichs » Dienst « . Trotz der geringen Hoffnungen , die er auf einen greifbaren Erfolg seiner Bestrebungen hatte , verlor er diese niemals aus dem Auge , und er setzte sich mit verschiedenen einflußreichen Personen in Verkehr , von welchen er Förderung seiner Sache , oder mindestens Auskunft über deren Stand erhalten konnte . Wir haben uns damals ein eigenes Büchelchen angelegt - wir nannten es » Friedenspolitik « - in welches sämtliche , auf diesen Gegenstand bezügliche Urkunden , Notizen , Artikel u.s.w. abschriftlich eingetragen wurden . Auch die Geschichte der Friedensidee , soweit wir von derselben Kenntnis erlangten , haben wir da zu Protokoll gebracht . Daneben die Aussprüche verschiedener Philosophen , Dichter , Juristen und Schriftsteller über » Krieg und Frieden « . Es war bald zu einem stattlichen Bändchen herangewachsen und im Lauf der Zeit - ich habe diese Buchführung bis auf den heutigen Tag fvrtgesetzt - sind sogar mehrere Bändchen daraus geworden . Wenn man das mit den Bibliotheken vergleicht , die mit Werken strategischen Inhalts gefüllt sind , mit den ungezählten tausenden von Bänden , welche Kriegsgeschichte , Kriegsstudium und Kriegsverherrlichung enthalten , mit den militärwissenschaftlichen und militärtechnischen Lehrbüchern und Leitfäden über Rekrutenabrichtung und Ballistik , mit den Schlachtenchroniken und Generalstabsberichten , Soldatenliedern und Kriegsgesängen : ja dann freilich könnte einen der Vergleich mit den paar Heftchen Friedenslitteratur kleinmütig machen - vorausgesetzt , daß man die Kraft und den Gehalt - namentlich den Zukunftsgehalt - eines Dinges nach dessen Ausdehnung bemessen wollte . Wenn man aber bedenkt , daß eine Samenkapsel in sich die virtuelle Möglichkeit birgt , einen Wald entstehen zu machen , der ganze , über weite Felder ausgedehnte Unkrautmassen verdrängen wird ; - und ferner bedenkt , daß die Idee im Reiche des Geistes dasselbe ist , was das Samenkorn im Reiche der Pflanzen - dann braucht man um die Zukunft einer Idee nicht besorgt zu sein , weil sich bisher die Geschichte ihrer Entfaltung in einem kleinen Heftchen aufzeichnen läßt . Ich will hier einige Stellen anführen , wie sie unser Friedensprotokoll im Jahre 1867 aufwies . Auf der ersten Seite stand ein gedrängter historischer Überblick : Vierhundert Jahre vor Christus schrieb Aristophanes eine Komödie : » Der Frieden « , in welcher eine humanitäre Tendenz vertreten ist . Die griechische - später nach Rom verpflanzte - Philosophie vertritt das Streben nach » menschlicher Einheit « - von Sokrates an , welcher sich » Weltbürger « nennt , bis zu Terenz , dem » nichts Menschliches fremd « und zu Cicero , der die » caritas generis humani « als den höchsten Grad der Vollkommenheit hinstellt . Im ersten Jahrhundert unserer Zeitrechnung erscheint Virgil und sein berühmtes 4. Hirtengedicht , welches der Welt den ewigen Frieden voraussagt , unter dem mythologischen Gewande des wiedererstandenen goldenen Zeitalters . Im Mittelalter versuchten die Päpste öfters , sich als Schiedsrichter zwischen den Staaten einzusetzen , aber vergebens . Im 15. Jahrhundert kam ein König auf die Idee , eine Friedensliga zu bilden . Es war dies Georg Podiebrad von Böhmen , der den Kämpfen von Kaiser und Papst ein Ende machen wollte ; er wandte sich dieserhalb an Ludwig XI. von Frankreich , welcher auf diesen Vorschlag jedock nicht einging . Zum Schluß des 16. Jahrhunderts faßte König Heinrich IV. von Frankreich den Plan einer europäischen Staatenföderation . Nachdem er sein Land von den Schrecken der Religionskriege befreit , wollte er für alle Zukunft die Duldung und den Frieden gesichert sehen . Er wollte die sechzehn Staaten , welche Europa bildeten ( Rußland und die Türkei zählten noch zu Asien ) , in einen Bund vereint wissen . Jeder dieser sechzehn Staaten hätte zwei Abgeordnete zu einem » europäischen Reichstag « zu schicken gehabt ; diesem aus 32 Mitgliedern bestehenden Reichstag wäre die Aufgabe zugefallen , den religiösen Frieden zu gewährleisten und alle internationalen Konflikte zu schlichten . Wenn nun jeder Staat sich verpflichtete , den Entschlüssen des Reichstages sich unterzuordnen , so war damit jedes Element eines zukünftigen europäischen Krieges verschwunden . Der König teilte diesen Plan seinem Minister Sully mit , der denselben begeistert ausnahm und sofort mit den anderen Staaten zu verhandeln begann . Schon war Elisabeth von England , schon der Papst und Holland und mehrere Andere gewonnen ; nur das Haus Österreich würde Widerstand geleistet haben , weil ihm territoriale Konzessionen abgefordert worden wären , in die es nicht gewilligt hätte . Ein Feldzug wäre nötig gewesen , um diesen Widerstand zu brechen . Die Hauptarmee hätte Frankreich gestellt , welches von vornherein auf jede Gebietserweiterung verzichtete : einziger Zweck des Feldzugs und einzige dem Hause Österreich aufzulegende Friedensbedingung wäre der Beitritt zum Staatenbund gewesen . Schon waren die Vorbereitungen getroffen und Heinrich IV. wollte sich selber an die Spitze des Heeres stellen , als er am 13. Mai 1610 - unter der Mordwaffe eines wahnsinnigen Mönches fiel . Keiner von seinen Nachfolgern und kein sonstiger Souverän hat diesen glorreichen Plan zur Erlangung des Völkerglückes wieder aufgenommen . Die Regenten und Politiker blieben dem alten Kriegsgeist treu ; aber die Denker aller Länder ließen die Friedensidee nicht mehr fallen . Im Jahre 1647 wird die Sekte der Quäker gebildet , deren Grundlage die Verdammung des Krieges bildet . Im selben Jahre veröffentlichte William Penn sein Werk über den zukünftigen Frieden Europas , indem er sich auf den Plan Heinrichs IV. stützt . Zu Anfang des 18. Jahrhunderts erscheint das berühmte Buch » La paix perpétuelle « von dem Abbé de St. Pierre . Gleichzeitig entwickelt denselben Plan ein Landgraf von Hessen und Leibnitz schreibt einen günstigen Kommentar dazu . Voltaire macht den Ausspruch : » Jeder europäische Krieg ist ein Bürgerkrieg . « Mirabeau , in der denkwürdigen Sitzung vom 25. August 1790 , sagt folgende Worte : » Vielleicht ist der Augenblick nicht mehr entfernt , da die Freiheit , als unumschränkte Herrscherin über beide Welten , den Wunsch der Philosophen erfüllen wird : die Menschheit von dem Verbrechen des Krieges zu befreien und den ewigen Frieden zu verkünden . Dann wird das Glück der Völker das einzige Ziel des Gesetzgebers sein , der einzige Ruhm der Nationen . « Im Jahre 1795 schreibt einer der größten Denker aller Zeit , Immanuel Kant , seine Abhandlung » Zum ewigen Frieden « . Der englische Publizist Bentham schließt sich den immer zunehmenden Reihen der Friedensvertreter - Fourrier , Saint-Simon u.a. - mit Begeisterung an ; Beranger dichtet » Die heilige Allianz der Völker « ; Lamartine » La Marseillaise de la Paix « . In Genf stiftete der Graf Cellon einen Friedensverein , in dessen Namen er mit allen europäischen Herrschern in propagandistische Korrespondenz tritt . Aus Amerika , Massachusetts , kommt der » gelehrte Grobschmied « , Elihu Burritt , daher und streut seine » Oliven-Blätter « und sein » Funken vom Amboß « in Millionen Exemplaren in die Welt und führt 1849 den Vorsitz in einer Versammlung der englischen Friedensfreunde . In dem Pariser Kongreß , welcher dem Krimkrieg ein Ende machte , hielt die Friedensidee ihren Einzug in die Diplomatie , indem dem Vertrage eine Klausel beigesetzt ward , welche bestimmt , daß die Mächte sich verpflichten , bei künftigen Konflikten sich vorangehenden Vermittelungen zu unterstellen . Diese Klausel enthält ein dem Prinzip des Schiedsgerichts dargebrachte Anerkennung , - befolgt wurde sie aber nicht . Im Jahre 1863 schlug die französische Regierung den Mächten vor , einen Kongreß zu veranstalten , bei welchem die Grundlage zu allgemeiner Abrüstung und zu einverständlicher Verhütung künftiger Kriege gelegt werden sollte . Recht spärlich die Eintragungen , die zu jener Zeit mein Protokoll füllten ! Das ist später anders geworden . Sie beweisen aber , daß die Möglichkeit des Weltfriedens schon von altersher ins Auge gefaßt worden war . Nur vereinzelt , von großen Zwischenräumen getrennt , erhoben sich die Stimmen und verhallten - nicht nur unbeachtet , sondern zumeist auch ungehört . Mit allen Entdeckungen , allem Fortschritt , allem Wachstum geht ' s nicht anders : Naht von ferne sich der Frühling , Zwitschert ' s da und dort hervor , Rückt er weiter in das Land ein , Schmettert ' s laut im großen Chor . So im weiten Kreis der Zeit Flüstert ' s lang schon da und dort , Kommt der richtige Moment Stimmen Alle ein sofort . ( Märzrot ) Und wieder nahte meine schwere Stunde . Aber diesmal wie so anders , als zu jener Zeit , da Friedrich mich verlassen mußte - um des Augustenburgers willen . Diesmal war er an meiner Seite , auf des Gatten richtigem Posten : durch seine Gegenwart , durch seinen Mitschmerz der Gattin Leiden mildernd . Das Gefühl , ihn da zu haben , war mir ein so beruhigendes und glückliches , daß ich darüber das physische Ungemach beinah vergaß . Ein Mädchen ! Das war unseres stillen Wunsches Erfüllung . Die Freuden , die man an einem Sohne hat , die würde uns ja der kleine Rudolf bieten ; jetzt konnten wir dazu auch noch diejenigen Freuden erleben , welche so ein aufblühendes Töchterchen seinen Eltern verschafft . Daß sie ein Ausbund von Schönheit , von Anmut , von Holdseligkeit sein würde , unsere kleine Sylvia , daran zweifelten wir keinen Augenblick . Wie wir beide nun über der Wiege dieses Kindes selber kindisch wurden , was für süße Albernheiten wir da sprachen und trieben , das will ich gar nicht versuchen zu erzählen . Andere als verliebte Eltern verständen es doch nicht , und alle solche sind wohl selber grad ' so toll gewesen . Wie das Glück doch selbstisch macht ! Es folgte jetzt eine Zeit für uns , in der wir glücklich alles Andere - was nicht unser häuslicher Himmel war - gar zu sehr vergaßen . Die Schrecken der Cholerawoche nahmen in meinem Gedächtnis immer mehr die Gestalt eines entschwundenen bösen Traumes an , und auch Friedrichs Energie in Verfolgung seines Zieles ließ einigermaßen nach . Es war aber auch entmutigend : überall , wo man mit jenen Ideen anklopfte - Achselzucken , mitleidiges Lächeln , wo nicht gar Zurechtweisung . Die Welt will , wie es scheint - nicht nur betrogen , sondern auch unglücklich gemacht werden . So wie man ihr Vorschläge unterbreiten will , das Elend und den Jammer fortzuschaffen , so heißt das » Utopie , kindischer Traum « , und sie will nichts hören . Dennoch ließ Friedrich sein Ziel nicht gänzlich aus den Augen . Er vertiefte sich immer mehr in das Studium des Völkerrechts , setzte sich in brieflichen Verkehr mit Bluntschli und anderen Gelehrten dieses Zweiges . Gleichzeitig - und zwar mit mir in Gemeinschaft - betrieb er auch fleißig andere , namentlich naturwissenschaftliche Studien . Er plante , über den Gegenstand » Krieg und Frieden « ein größeres Werk zu schreiben . Doch ehe er sich an die Ausführung machte , wollte er durch lange und eingehende Forschungen sich dazu rüsten und schulen . » Ich bin zwar ein alter k. k. Oberst , « sagte er , » und die meisten meiner Alters- und Ranggenossen würden es verschmähen , sich mit Lernen abzugeben ... man hält sich gewöhnlich für unbändig gescheit , wenn man ein ältlicher Mann in Amt und Würden ist - ich selber , vor einigen Jahren , hatte auch solchen Respekt vor meiner Person ... Nachdem sich mir aber plötzlich ein neuer Gesichtskreis aufgethan , nachdem ich einen Einblick in den modernen Geist gewann , da überkam mich das Bewußtsein meiner Unwissenheit ... Nun ja , von alledem , was jetzt auf allen Gebieten an neuer Erkenntnis gewonnen worden , davon hat man ja in meiner Jugend gar nichts - oder vielmehr das Gegenteil gelernt . Da muß ich jetzt - trotz der Silberfäden an den Schläfen - wieder von vorne anfangen . « Den Winter nach Sylvias Geburt verbrachten wir in aller Stille in Wien . Im folgenden Frühjahr bereisten wir Italien . Weltkennenlernen gehörte ja auch zu unserm neuen Lebensprogramm . Frei und reich waren wir , nichts hinderte uns , es auszuführen . Kleine Kinder sind zwar auf Reisen ein wenig lästig , aber wenn man genügendes Personal von Bonnen und Wärterinnen mitführen kann , so läßt es sich schon machen . Ich hatte eine alte Dienerin zu mir genommen , welche einst meine und meiner Schwester Kindsfrau gewesen , dann einen Wirtschaftsbeamten geheiratet hatte und jetzt verwitwet war . Diese » Frau Anna « war meines vollsten Vertrauens würdig und in ihren Händen konnte ich meine kleine Sylvia mit voller Beruhigung zurücklassen , wenn wir - Friedrich und ich - auf mehrere Tage unser Hauptquartier verließen , um Ausflüge zu machen . Ebensogut war Rudolf bei Mr. Foster , seinem Hofmeister , aufgehoben . Doch geschah es häufig , daß wir den achtjährigen kleinen Mann mit uns nahmen . Schöne , schöne Zeiten ! ... Schade , daß ich damals die roten Hefte so stark vernachlässigte . Gerade da hätte ich so viel des Schönen , Interessanten und Heitern eintragen können : aber ich habe es unterlassen , und so sind mir die Einzelheiten jener Jahre meist aus dem Gedächtnis entschwunden : nur in großen Zügen kann ich mir noch ein Bild davon zurückrufen . In das » Friedensprotokoll « fand ich Gelegenheit , eine erfreuliche Eintragung zu machen . Es war dies nämlich ein Zeitungsartikel , gezeichnet B. Desmoulins , worin der französischen Regierung der Vorschlag gemacht wird , sich an die Spitze der europäischen Staaten zu stellen , indem sie das Beispiel gäbe , abzurüsten . » So wird sich Frankreich das Bündnis und die aufrichtige Freundschaft aller Staaten sichern , welche dann aufhören würden , sich vor Frankreich zu fürchten , dessen Mithilfe sie benötigten . So würde sich die allgemeine Entwaffnung von selber einstellen , das Prinzip der Eroberung wäre auf immer aufgegeben und die Konföderation der Staaten würde ganz natürlich einen obersten Gerichtshof internationaler Gerechtigkeit bilden , welcher im stande sein wird , auf dem Wege des Schiedsrichteramtes alle Streitigkeiten zu schlichten , welche der Krieg niemals zu entscheiden vermocht . Indem es so handelte , würde Frankreich die einzig reelle und einzig dauerhafte Kraft - nämlich das Recht - auf seine Seite gebracht , und dem Menschengeschlecht auf ruhmreiche Weise eine neue Ära eröffnet haben . « ( Opinion Nationale 25. Juli 1868 . ) Beachtung hat dieser Artikel natürlich wieder nicht gefunden . Im Winter 1868 bis 1869 kehrten wir nach Paris zurück und diesmal - auch von dieser Seite wollten wir das Leben kennen lernen - stürzten wir uns in die » große Welt « . Es war ein etwas ermüdendes , aber für einige Zeit doch recht genußreiches Treiben . Wir hatten - um ein Zuhause zu haben - uns ein kleines möbliertes Hotel im Viertel der Champs Elisées gemietet , wo wir unseren zahlreichen Bekannten , bei denen wir täglich zu irgend welchen Festen geladen waren , auch manchmal » revanche « bieten konnten . Von unserem Gesandten beim Tuilerienhofe eingeführt , waren wir für den ganzen Winter zu den Montagen der Kaiserin vergeben ; außerdem standen uns die Häuser sämtlicher Botschafter offen , so wie die Salons der Prinzessin Mathilde , der Herzogin von Mouchy , der Königin Isabella von Spanien und so weiter . Auch viele litterarische Größen lernten wir kennen - den größten freilich nicht , denn dieser , ich meine Viktor Hugo , lebte in der Verbannung ; doch sind wir Renan , Dumas , Vater und Sohn , Octave Feuillet , George Sand , Arsène Houssaye und einigen Anderen begegnet . Bei dem Letztgenannten haben wir auch einen Maskenball mitgemacht . Wenn der Verfasser der » Grandes dames « in seinem prachtvollen kleinen Hotel der Avenue Friedland eines seiner venetianischen Feste gab , so war es Gewohnheit , daß daselbst die wirklich großen Damen unter dem Schutze der Maske sich in der Nähe die » kleinen Damen « - bekannte Schauspielerinnen u. dgl. - besahen , welche hier ihre Diamanten und ihren Witz funkeln ließen . Wir waren auch sehr fleißige Theaterbesucher . Mindestens dreimal wöchentlich verbrachten wir die Abende entweder in der italienischen Oper , wo Adelina Patti - eben mit dem Marquis de Caux verlobt - die Zuhörerschaft entzückte , oder im Théâtre Francais , oder auch in einem der kleineren Boulevard-Theater , um Hortense Schneider als Großherzogin von Gerolstein oder andere Operetten- und Vaudeville-Berühmtheiten zu sehen . Es ist doch sonderbar , wie , wenn man in diesen Wirbel des Glanzes und der Unterhaltungen gestürzt ist , wie einem diese kleine » große Welt « plötzlich so schrecklich wichtig vorkommt und die darin waltenden Gesetze von Eleganz und » chic « ( damals hieß es noch » chic « ) eine Art ganz ernsthaft genommener Pflichten auferlegen . Im Theater einen geringeren Platz einnehmen , als eine Prosceniumsloge ; in den Bois mit einem Wagen sich zeigen , dessen Gespann nicht tadellos wäre ; auf den Hofball gehen , ohne eine von Worth » unterschriebene « 2000 Franks-Toillette zu tragen ; sich zu Tische setzen ( Madame la baronne est servie ... ) , auch wenn man keine Gäste hat , ohne sich von dem würdevoll amtierenden maître d ' hotel und einigen Lakaien die feinsten Gerichte und edelsten Weine auftragen zu lassen : - das wären alles arge Verstöße ... Wie leicht - wie leicht geschieht es einem , wenn man von dem Räderwerk solcher Existenz erfaßt worden , daß man alle seine Gedanken und Gefühle auf dieses im Grunde gedanken- und gefühllose Treiben verwendet ; daß man darüber vergißt , Anteil zu nehmen an dem Gang der wirklichen Welt da draußen - ich meine das Universum - und an dem Bestande der eigenen Welt da drinnen - ich meine das häusliche Glück . Mir wäre es vielleicht so ergangen - aber davor schützte mich Friedrich . Er war nicht der Mann dazu , sich von dem Strudel der Pariser » haute vie « hinreißen und verschlingen zu lassen . Er vergaß über der Welt , in der wir uns bewegten , weder das Universum , noch unseren Herd . Ein paar Vormittagsstunden blieben uns nach wie vor der Lektüre und der Familie geweiht , und so brachten wir das größte Kunststück fertig , neben dem Vergnügen auch das Glück zu pflegen . Für uns Österreicher hegte man in Paris viel Sympathie . Oft wurde in politischen Gesprächen auf eine » Revanche de Sadowa « angespielt , so gewiß als müßte die uns vor zwei Jahren geschehene Unbill wieder gut gemacht werden . Als ob sich überhaupt derlei wieder gut machen ließe ! Wenn Schläge nicht anders zu tilgen sind , als wieder durch Schläge - dann kann das Ding ja niemals aufhören . Gerade meinem Mann und mir , weil dieser beim Militär gewesen und den böhmischen Feldzug mitgemacht , gerade uns glaubten die Leute nichts Angenehmeres und Höflicheres sagen zu können , als eine hoffnungsvolle Anspielung auf die bevorstehende Sadowa-Rache , welche bereits als ein geschichtliches , das » europäische Gleichgewicht « sicherndes und durch politisch-diplomatische Vorkehrungen gesichertes Ereignis behandelt wurde . Eine bei nächster Gelegenheit den » Preußen « zu gebende Schlappe war eine völkerpädagogische Notwendigkeit . Die Sache würde nicht tragisch ausfallen ... nur so etwas den Übermut gewisser Leute dämpfen . Vielleicht genügte zu diesem Zwecke auch schon diese an der Wand hängende Peitsche : sollte der Übermütige etwa kecke Anwandlungen bekommen , so war er ja gewarnt , daß sie auf ihn heruntersausen werde - die Revanche de Sadowa . Wir lehnten natürlich solche Tröstungen entschieden ab . Altes Unglück wird durch neues Unglück nicht verwischt , ebensowenig als altes