mal eine Grenze anzunehmen , in solchen Dingen ? Ach , jeder , der die Welt kennt , kann sich ' s ja denken . Impotenz , Rückenmarksschwindsucht oder die Charité - der kann Gott danken , wer zwischen Scylla und Charybdis heil durchschlüpft . « » Ach ja , die Männer ! « Kathi nickte mißmuthig , als fände sie diese Gefahren noch gar nicht so arg , vielmehr beneidenswerther , als das weibliche Loos . » Die können machen , was sie wollen . « » So , können sie das ? « blitzte Eugen sie an ; so hatte sie ihn noch nie gesehn . » Nun , das wollen wir sehn . Ja , wer ein Mann ist , darf den Kampf aufnehmen gegen eine ganze Welt von Vorurtheilen . Ich will endlich einen Zweck haben , einen Lebensinhalt . Es drängt mich , meinem unnützen vergeudeten vertrödelten Leben den Fehdehandschuh hinzuwerfen . Ich will kämpfen für das höchste Gut des Mannes : für die Frau , die er liebt . Kathi , ich liebe Dich , ich liebe Dich . Was können alle Dämchen der Welt mir sein neben Dir ! Du hast Dich mir hingegeben aus Liebe , ich will Dir ' s vergelten . « » Womit ? « fragte sie . Es klang schüchtern zaghaft , aber ein Zucken der Lippen und ein schlau gespanntes Aufleuchten der Augen verrieth , daß sie ihn wohl verstand . » Ich will - nun , ich will Dich heirathen . Bei allen Göttern und Teufeln ! Ich schwöre es . « V. Rother langte mit der Eisenbahn vom Randsfjord in Hönevoß an , ohne daß er irgendwo eine Spur gefunden . Vielleicht waren sie noch westlicher nach Thelemarken eingebogen . Unterwegs hatte er einen schäbig aussehenden kleinen Mann getroffen , der ihn nicht verstand , ihm aber , als sie zu Hönevoß ankamen , einen stattlichen Herrn vorstellte , der Deutsch und Englisch verstehe . Dieser Herr von sehr gentlemanliken Formen entpuppte sich als reicher Agent , der so ganz beiläufig erzählte , er habe den nächsten Wald da drüben soeben für 50000 Dollars gekauft . Und zwar von dem kleinen schäbigen Mann mit dem zerzausten Bart , den Rother für einen Schuster hielt und der sich beiläufig als ein Mann herausstellte , dem das ganze Waldterrain ( Hönevoß lebt vom Holz , wodurch es früher Unsummen verdiente ) und Mühlen und Wirthshaus gehörten . Als Rother den gebildeten Agenten , nachdem man sich umgekleidet , draußen am Wasserfall suchen ging , kam ein Mädchen aus dem Nebenhaus aus ihn zu und lud ihn in wohlgesetzter Rede zum Abendessen ein , woselbst jener Herr bei Vatern sei . Der Millionär lebte wie ein Handwerker - wenig , aber herzlich gegeben : Buttermilch und Butterbrot . Rother beneidete und bewunderte im Stillen diese Leute , so einfach und schlicht im Aeußern , anspruchslos nur einem edlen Zwecke geweiht : möglichst viel Geld zu machen , aber ohne alle Ostentation ! Hier wenigstens fehlte aller Größenwahn . Doch er irrte sich . Denn alsbald ging das Jammern los , wie das Holz , durch dessen Export nach Amerika sich früher das Land bereicherte , immer im Preise sinke und die Entholzung das Land erst recht ruiniren werde . Jaja , die heutige schlechte Zeit ! Jeder will gleich mit eins reich werden - daher die viele Schwindelhaftigkeit und der zunehmende Bankerott des Nationalwohlstandes . Früher blühte auch die Schiffahrt . Da häuften die Rheder und Großhändler manch gewichtigen Batzen . Aber heut - alles Holzschiffe , alles untauglich geworden für den modernen Verkehr , gegen die Concurrenz der Deutschen verloren . Und dabei will Jeder hochhinaus leben , viel besser wie in Deutschland . » Wir Normannen glauben nun mal , weil wir die Freisten in Europa sind , wir müßten auch die Glücklichsten sein ! « Also auch hier nationaler Größenwahn , der sich hinaufschrauben möchte über die natürlichen Verhältnisse weg ! Als Rother am andern Tag nach Drammen dampfen wollte ( ihm war endlich die Geschichte langweilig geworden und er verlangte nach Haus ) , fuhr ihm der Zug vor der Nase weg ; weil er auf ein Signal gewartet hatte , als er Limonade auf dem Perron trank , während hier alles lautlos , nur mit Wink und Pfiff , zugeht . Er langte also wieder in Hönevoß an . Da er erhitzt und müde war , beschloß er zu baden . Man wies ihm eine Natur-Badeanstalt in freier Luft , wo ein Bergquell durch eine hölzerne Rinne herabgeleitet wurde . Um Mittag bade dort Niemand . Er stieg etwa eine Viertelstunde weit auf steilem Pfad dort hinab , fand den Punkt und entkleidete sich . In der Ferne vor ihm ein reizendes Panorama . Ueber den Schindeldächern der reinlichen Bauernhöfe wirbelten bläuliche Rauchringel empor . Rings einförmiges Bewegen , eintönige Stille . Flöße schwammen den Wasserfall hinab , den man hier als eine Art Dampfwalze benutzt . Wagenfuhren , mit Reisig und Holzblöcken beschichtet , wälzten sich der nahen Sägemühle zu . Allüberall das Hämmern der Spechte , der Schlag der Aexte und das Krachen gefällter Bäume . Unten am Abfluß des Voß flickte ein Fischer in der hier üblichen phrygischen Rothmütze an einem Netz und sonnte sich wie die Florellen , die zu seinen Füßen über den Kieseln spielten . Aber diese angenehme seelische Siesta wurde unliebsam gestört . Denn grade , als er auf dem schlüpfrigen Gestein unter den eiskalten Rinnen-Sturz gelangte , glitt er aus und fiel der Länge nach hin . Rasch von der Betäubung erholt , fand er , daß der Fall ihn wunderbarerweise sonst nirgends verletzt , ihm aber aus dem rechten Knöchel ein groß Stück Fleisch herausgeschlagen hatte , ohne den Knochen zu verletzen . Das Blut floß in breiten Strömen . Dem Ammenglauben , kalt Wasser stille die Blutung , folgend , hielt er den Fuß ins Wasser und kroch mittlerweile unter die Rinne um das Bad wenigstens zu vollenden . Dann schlich er aus Ufer zurück , trocknete sich rasch mit dem Laken und wickelte dies dicht um den Fuß . Hierauf zog er sich an , und humpelte , den wunden Fuß möglichst hochhaltend und schonend , den steilen Pfad in glühender Sonnenhitze zurück . Droben im Wirthshaus lief man zusammen , war entsetzt über die tiefe Wunde , brachte ihn zu Bett und fing an mit Karbolsäure-Umschlägen zu hautiren . Es kam noch immer Blut . Man meinte , er werde ohnmächtig werden . Dies trat jedoch nicht ein . Aber wie er mit der passiven Hartnäckigkeit seines Charakters bei dem unerwarteten Unfall keinen Augenblick gejammert und mit verbissener Besonnenheit das Nöthige ausgeführt hatte , so lag er jetzt düster mit geballten Fäusten da und murrte wider sein Schicksal . Das konnte nur ihm passiren , dem ewigen Pechvogel ! Sein Leben schien dazu bestimmt , stets und immer verpfuscht zu werden . Mit dem Fährtensuchen war es jetzt aus . Er mußte wochenlang auf dem Fleck liegen . Seine ganze Reise unnütz und vereitelt ! Und als er in steigendem Trübsinn sein stetes Mißgeschick sich immer deutlicher einredete , fühlte er plötzlich wiederum den Stich in der Brust , der vom rechten Schulterknochen her durch die Brust-Weiche seitwärts in die Lunge bohrte . Er betastete die Stelle langsam und bedächtig ; dann holte er tief Athem und empfand denselben leichten Schmerz aufs Neue . Nochmals in Natura seine Brustweite mit der Hand messend , erkannte er sodann , daß er wirklich bedeutend abgenommen hatte und sein Brustkasten ordentlich verschmälert schien : So furchtbar hatten ihn die abzehrenden Aufregungen des letzten Jahres mitgenommen . Am andern Morgen erschien ein Doctor , den man herbeigeschafft . Derselbe prüfte die Wunde , schnitt ein bedenkliches Gesicht und urtheilte , der Patient habe » schlechtes Fleisch « in Folge mangelnder innerer Bluternährung . Er nähte die Wunde mit vier Nadeln zusammen . Da er als Deutschenfeind die süßsaure Bemerkung machte , der Herr aus Berlin werde gewiß als Preußischer Allesbesserkönner auch den Schmerz leichter verwinden , so ließ Rother lautlos die Eisenstäbchen durch die Wunde bohren . » Mein Complimang ! Der Herr sein ikke ( nicht ) furchsam , « gestand der Skandinave zu . In dieser dumpfen stoischen Resignation lag Rother bis zum Abend regungslos da , weil ihm verboten , das Bein zu rühren , nachdem er sich mühsam angekleidet . Das Bett stand am Fenster , er konnte hinaus blicken und sah den Schaum des mächtig rauschenden Hönevoß in die Luft sprühen . Stier und theilnahmlos verfolgten seine Augen das Spiel der Wellen , seine Lippen schienen so starr zusammengekniffen , als wollten sie wie ein bleiernes Siegel ein Geheimniß hüten . Das Sprechen fiel ihm schwer . Ein Trapist des Schmerzes , schien er ein unhörbares » Memento mori « zu murmeln . Alles Andere vergessen . Da plötzlich fuhr er auf . Was war das ? Welche Stimme ! Er hob mühsam den Kopf und starrte hinaus auf den Weg , der am Fall entlang führt . Ihm war , als erhielte er einen Faustschlag aufs Herz . Ja , da schritten sie Beide engverschlungen am Wasserfall entlang . Es war keine Spiegelung , sondern nüchterne Wahrheit . Sie , die er suchte - so nahe vor ihm - Beide ! Er wollte aufschreien , doch die Zunge klebte ihm am Gaumen . Er konnte nur sehn und hören - ganz Auge und Ohr , stumm , als habe jäher Schreck ihm die Sprache geraubt . Eine Nachtigall flötete in einem Fliederbusch am Hügel , unverschüchtert durch das rauschende Singen des Wasserfalls . Hinter den Beiden da unten wandelte ein Wald-Kater mit buschigem Schweif dahin - ein Abkömmling jener Race , die von den Warägern aus dem Morgenlande importirt wurde . Sein sanftes Minnegreinen stimmte zu dem flennenden Geschlechtsschmerz des Nachtigallmännchens , dem ab und zu das Weibchen mit lockendem Tiotö antwortete . Doch schielte der würdige Kater mit einem Schnurrbart wie ein Husarenrittmeister mit falschem Zwinkern und Blinzeln der grünschillernden Aeuglein nach dem Nest des Meistersingers , das dieser mit der üblichen Weltklugheit des Idealisten viel zu niedrig und schief am Dornengeheg gebaut hatte . O Natur , weise Lehrerin , die nach festen Gesehen das Sein aller Lebeweisen ordnet ! Die Katze schleicht und lauert , die Nachtigall singt in brünstiger Seligkeit und wird gefressen . Nur die Liebe besaitet diese Liederkehle - ist das Pärchen getrennt , so ists aus mit allem Gesang . - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - Unter dem Fenster in der Nähe stand eine Bank . Dort schienen die zwei Glücklichen sich niederzulassen . Nur abgerissene Sätze des Gesprächs drangen zu des Lauschenden Ohren . Es ergab sich daraus , daß sie aus Thelemarken zurückgekehrt , soeben hier angekommen , gleich jetzt am Abend nach Süden weiterfahren wollten . Sie warteten nur auf das Anschirren des Wagens , der sie zur Station bringen sollte . An welchen Zufällen hängt das Leben ! Hätte der Zugführer neulich Rother aufmerksam gemacht , daß der Zug sofort losdampfe , so wäre dieser wahrscheinlich nie auf die Gesuchten gestoßen , und der unglückliche Fall mit der Wunde that das Uebrige dazu . » Also , Kathi , wir reisen sofort über Jütland durch nach Hamburg und lassen uns trauen . « Sie saß abseit , halb abgewandt , den Kopf auf den Arm gestützt , ihr Busen hob sich in schweren Wallungen . » Ach , süßer Eugen , aber .. ist denn das möglich ? « » Wer soll uns hindern ! Wir sind majorenn . Civiltrauung gilt heut wie jede andere . « » Ach ich kann ' s noch kaum ausdenken ! Was wird Deine Familie ... « » Laß sie schnattern , die Muhmen ? Ich will Die als mein Weib an meiner Seite sehen , die ich zur Mutter meiner künftigen Kinder erkor . Das giebt eine Race - was , Kathi ? « Man hörte den langen vorschmeckenden Kuß durchs eintönige Rauschen des Falls . » Und ... und ... ich habe Dir nun alles gebeichtet ... die Geschichte mit dem Rother ... ich würde mich todt schämen ... « » Dies überlaß Du mir ! Der soll Dir nichts anhaben ! « » Ach , das wird er wohl gar nicht wollen . Dazu ist er zu anständig . Ich kann nicht herzlos sein , er thut mir leid . Ich fühle für ihn . « » So ? Oho ! « » Ja , freundschaftliche Gefühle . « » Larifari , werden wir schon unter uns Männern arrangiren . Holla , da hör ' das Pfeifen des Kutschers . Wir sollen kommen . Adios , Hönevoß ! « Ja , Freundschaft , Freundschaft ! Ist das genug zwischen Mann und Weib ? Liebe ist etwas Anderes , ganz Anderes , es ist das Ur-Prinzip der Schöpfungskraft . Venus Vulgivaga und Venus Urania , wahre und falsche Liebe , Sinnlichkeit und transcendentaler Idealismus - Alles verflochten in eins . Verflucht sei dieser Liebe Raserei , die mich zermalmt ! - Nach Deiner Freundschaft frag ' ich nicht . Verflucht die Stunde , da ich Dich zuerst gesehn ! Ich wußte ja , der Gram sei meine Braut . - Nach Deiner Freundschaft frag ' ich nicht . Umsonst der Kampf und der eitle Wahn . Gegen den Strom ringt nur ein Toller . - Nach Deiner Freundschaft frag ich nicht . Auch der Schmerz macht sich noch Illusionen . Ger über die Versagung der Herzenssehnsucht verzweifelt , versteckt noch einen kindlichen Optimismus . Welche Ueberschätzung eines Lebensgutes , es der Verzweiflung würdig zu halten ! Dies Leben , diese Episode , ist doch kein tragisches Epos , es ist höchstens eine Jobsiade . Und doch - welch ein grauenhaftes Gefühl des Erstickens , mit einem heimlichen allbeherrschenden Gefühl umherzuwandeln , das doch kein Anderer kennt ! Wahre Liebe ist immer einsam , wie die wahre Größe . Nur die sinnliche Leidenschaft zeigt sich offen . Seine ganze Vergangenheit zog an ihm vorüber , seine ganze Jugend . Und aus jedem Winkel derselben schien ihm entgegenzukichern : Narr ! Narr ! Verfehltes Leben ! Er war ein einziger Sohn . Sein Vater , ein Musiker voll bedeutendem Ruf , ein Idealist . Die schrecklichste aller zehrenden Krankheiten , den Idealismus , erbte er also schon von Geburt an . Die geistige Atmosphäre , in der seine Kindheit aufwuchs , Grundzug und Lebensanschauung seiner Familie : ein ästhetischer Idealismus . Gewohnheit und Umgebung bestimmen den Menschen . Der kleine Eduard fühlte gar bald in sich eine künstlerische Mission . Mit seinen Beinchen in der Luft zappelnd , arbeitete dieser niedliche Genius im Schweiß seines Angesichts auf dem Clavier herum und entlockte den Tasten unaussprechliche Töne . » Die Lorbeeren seines Vaters lassen ihn nicht schlafen ! « schmunzelte ein ironischer Kritiker , im Genuß dieses erfreulichen Anblicks . » Ja , aber andre Lorbeeren ! « dachte das Söhnchen . Denn , daß er mäßige Ohren , aber sehr gute Augen hatte , das merkte er nun schon . Die Musik erschien ihm schaal und nichtig : Man liebt gewöhnlich die Kunst nicht , die einen nicht wieder liebt , man verschmäht mit edlem Stolz , wo man verschmäht wird . Kurz , es war aus mit der Musik . Ein verfehlter Beruf mit sieben Jahren ! - Dafür schlenderte er in die Museen und lungerte in Bilderausstellungen herum . Dafür las er Erbauliches über die alten Meister , wie sie so flott und nobel lebten , selber in Palästen wohnten und die Fürsten in ihren Palästen sich vor ihnen beugten . Das gefiel ihm noch mehr . Dann stand er auch wohl in den Ecken der Soireen - sein Vater machte ein Haus - , horchte auf die klugen Reden der Männer und sagte zu sich : » Wärst Du doch auch so klug oder vielmehr , so berühmt ! « Sah er einen werden , so stellte sich der logische Gedanke ein : » Wenn Du erst solch einen hast ! « - Vornehmlich aber starrte er die Frauen an , diese Wesen einer andern Welt . Das ist so gewöhnlich bei Knaben , die keine Schwester haben . Die erste Schönheit , die sie erblicken , betrachten sie wie eine leibhaftige Aphrodite , deren Göttlichkeit aber fernhält , die einen unheimlichen Engel . Dieser ersten erotischen Regungen und der üblichen Kinderkrankheiten erinnerte er sich noch mit fabelhafter Deutlichkeit . Er absolvirte sehr früh die Schule und bezog die Berliner Akademie , um sich zum professionellen Maler auszubilden . Seine Mittel erlaubten ihm das . Da er aristokratische Manieren hatte , so wurde er alsbald von dem knotigen Kunst-Proletariat , das der Staat heranzüchtet , als Muttersöhnchen gehänselt . Wie unglücklich er war ! Er wurde von allerlei Hirngespinsten betreffs Bosheit und Verfolgungssucht der Menschen , zugleich aber von Visionen seines künftigen Ruhmes gequält . Hängen doch Größen- und Verfolgungswahn innerlich zusammen . Auf der Akademie schimpfte man ihn » das verrückte Genie « . Wäre , er einfach » verrückt « oder wirklich ein » Genie « gewesen - wieviel besser für ihn ! Beinah hätte man ihn anfangs als talentlos von der Akademie entlassen , wie dies so oft den Begabteren und Begabtesten , die sich in den Drill nicht einfügen , zu passiren pflegt . Das Talent lernt fast nie etwas auf zwangsweisem Schüler-Wege ; selbst die Technik muß es aus sich und an sich selbst studiren . In der Akt-Klasse galt Eduard Rother als der schlechteste Schüler . Allein , seine merkwürdige Produktivität nöthigte doch eine gewisse Achtung ab . Seine Mappen füllten sich mit Compositionen , aus dem Handgelenk hingeschleudert . Wenn auch sein würdiger Lehrer - einer jener tiefsinnigen » Grübler « über die Kunst , die in gelehrtklingenden Schöngeist-Brochüren alles Moderne verdammen und den großen Stil der » Alten « Preisen , weil sie selbst gar keinen Stil besitzen und ihre nüchterne akademische Formfexerei niedlich weiterputzen - erklärte das freilich für verworrenes stilloses Nicht-Können . Doch die gestaltende Phantasie darin mußte wohl oder übel anerkannt werden . Bald vollendete Rother sein erstes Bild , eine beträchtliche beklexte Leinewand : » Nero an der Leiche seiner Mutter « , natürlich . Der » Schinken « , um im Künstlerjargon zu reden , wurde in der Malklasse ausgestellt . Die Makarterei der Farbe , deren Effekthascherei jenen Meister noch zu über-makarten strebte , und die unfertige Zeichnung wurden allseitig verdammt . Der Composition konnte man jedoch nicht eine gewisse Größe absprechen . Die phrasenhafte Attitüde der todten Agripina und das Grinsen des Nero-Kopfes mochten wohl affektirt erscheinen , aber eine gewisse dämonische Kraft der Auffassung schien nicht zu verkennen . Als ihm die guten Freunde und Collegen mit augenscheinlichem Hochgenuß die vernichtenden Urtheile der akademischen Herrn Lehrer darüber hinterbrachten , lauschte Rother stumm und regungslos , nur etwas bleicher wie gewöhnlich . Dann stand er plötzlich auf , musterte sein Bild mit einem kalten » Darin liegt viel Wahres ! « und wie man es verhindern konnte , hatte er die Leinwand mit dem Malmesser durchkratzt , zusammengerollt und in den Ofen geworfen . Vielleicht erwartete er , Jemand werde das Opfer retten . Es rührte sich aber Keiner - er kannte die Menschen noch nicht , wie jugendliche Pessimisten ja stets zu optimistisch denken . Ohne sich umzusehen , trat er nun ruhig an seine Staffelei und führte einen Studienkopf aus . » Na , daß Dich nur nicht niederschlagen ! Es wird ja schon besser werden ! « tröstete ihn wohlwollend ein sogenannter » talentvoller Schüler « - einer von jenen , die im späteren Frust-Kampf des Lebens spurlos verschwinden . Rother drehte sich um und warf ihm einen vernichtenden Blick zu : » Besser zu straucheln wie ich , als zu marschiren wie Du ! « Von der Stunde an galt es als unumstößliche Wahrheit , daß er an unheilbarem Größenwahn leide . Am selben Abend kneipte er mit einigen Verbummelten bis tief in die Nacht hinein und kam taumelnd nach Hause . Der Mond , der ihn gut kannte , mußte sich über ihn wundern . Sturmnacht , die Eichen des Humboldthains bebten . Er aber schritt immer fürbaß in die Finsterniß und wünschte , daß Einer ihn anfiele . Das wäre ihm gerade recht gewesen . Früh am Morgen stand er auf und begann sofort ein neues Bild . Da er gehört hatte , es gehöre zur künstlerischen Inspiration , daß man sich ernstlich verliebe , so suchte er nach einem Objekt . Dies fand er in einem hochaufgeschossenen Mädchen mit lebhaften sinnlichen Zügen , der Tochter eines Kommerzienrath Eisenbaum , der im Hause seiner Eltern verkehrte . Sie war eine sogenannte Jugendfreundin , mit der er sich viel herumgebalgt . Aber die kluge schnippische Ella , die ihn so herzlich verspottete , als er ihr einmal auf einer Landpartie eine Wasserblume pflücken wollte und dabei ins Wasser plumpste , mußte er ja jetzt als Dame behandeln mit ihren fünfzehn Jahren , um so mehr sie weit über ihr Alter entwickelt schien und schon Brüste ansetzte . Er schnitt ihr also die Cour , nur zu sehr . Denn er besuchte Eisenbaums unter allerlei Vorwänden viel zu oft , so daß es auffallen mußte . Ella absolvirte ihren zweiten Tanz-Cursus , dieses wichtigste Stadium im Leben der Höheren Töchter . Ihr Interesse lenkte sich merklich ab . Und einmal , als sie sich leicht zankten , fragte ihn die junge Schönheit : Er sei wohl fast nie zu Hause ? Er that , als merke er diesen wuchtigen Hieb mit dem Laternenpfahl nicht ; aber er beschloß sie schrecklich zu strafen - nämlich plötzlich ganz auszubleiben . Seine harmlose Einbildung spiegelte ihm vor , daß sie das schwer empfinden und durch seine scheinbare Gleichgültigkeit ihre Liebe geweckt werde müsse . Er glaubte an diese zweifelhafte Theorie , die er mal in dem spanischen Lustspiel » Donna Diana « ( Reklam ' sche Universalbibliothek , andere Bücher über 20 Pfennig las er als echter Deutscher nicht ) gefunden hatte . Die Eisenbaum ' sche Villa , nahe der Eisenbaum ' schen Fabrik am Rosenthaler Thor , lag in der Nähe . Auf seinem Weg zur Akademie fensterpromenirte hier der schmachtende Courmacher stets vorüber . Einmal sah er auf der andern Seite Herrn Eisenbaum mit seiner Tochter spazieren gehen . Der Athem stockte ihm und das Blut trat ihm zu Herzen . Doch er richtete den Blick gradaus und ging im Sturmschritt . Auf der andern Seite der Straße hörte er leises sichern . Sein Gehör war ungewöhnlich scharf , wie es bei abnorm nervösen Naturen häufig der Fall . Obwohl er sonst kein Wort verstand , vernahm er doch genau , wie Herr Eisenbaum seiner Tochter bemerkte : » Da geht Dein genialer Courmacher ! « Ella lachte . - Er that , als sähe und hörte er nichts , beschloß aber feierlich , dies Haus nie wieder zu betreten . Diese Selbstbestrafung führte er dann auch hartnäckig durch . Wie gewöhnlich in dieser Alterszone , unter dem Wendekreis des forschen Penälerthums , glaubte er durch doppelte Ungezogenheit zu imponiren . Spazierte er mit seinem glorreichen Intimus Eugen Wolffert stolz die Straße entlang und begegnete zufällig den Eisenbaums , so grüßte er von oben herab . Traf er Eisenbaums bei seinen Eltern , so stellte er sich tief beleidigt , daß Seiner Magniferenz nicht mehr Ehre erwiesen werde . Aber was half ihm das Gefühl seiner jugendlichen Erhabenheit ! Der Traum der ersten Liebe ließ sich nicht abschütteln . Als Kind und Knabe wird ein geistreicher Mensch von der unbestimmten Sehnsucht der Pubertät erzeugt . Es gilt sich selbst erziehn . Oft deklamirte sich der drollige Kunstjüngling damals das Heine ' sche » Madame , ich liebe Sie ! « vor , ließ dabei das Buch zur Erde fallen und übte sich auf Kniefälle ein . Dabei dachte er natürlich nur an seine stolze Ella , welcher er einst mit dergleichen Kunststücken seine ewige Liebe deklariren wollte . Diese Phantasieen knabenhafter Pubertät wurzelten sich immer mehr zur fixen Idee ein . Zum Glück stirbt man nicht daran . Um diese Zeit beschäftigte ihn natürlich die sociale Frage . Er wählte zu seinen Skizzen und Compositionen wahre Rochefortstoffe , alles in » rothe « Sauce getaucht . Bekanntlich fraternisiren die Litteraturstudenten des Jüngsten Deutschland plötzlich mit dem vierten Stande , wenn sie der » Dalles « drückt , und dichten Zorn-Hymnen wider die Bourgeosie , sobald ihnen ein Pump mißglückte . Denn man verliert endlich die Geduld . So mußte sich dieser bartlose Jüngling an der Gesellschaft rächen , weil sie ihn nicht als embryonischen Kolossalkünstler erkennen wollte . Um diese Zeit reichte er eine Art Denkschrift über Michel Angelo auf der Akademie ein , in welcher erbaulich entwickelt wurde , daß eigentlich nur Er diesen Meister verstehe und nicht undeutlich durchschimmern ließ , der Geist dieses Giganten sei auf Ihn übergegangen - woran sich eine Lehre über Seelenwanderung nur so beiläufig anschloß . Shelley ' s Studentenstreich » Ueber die Nothwendigkeit des Atheismus « mochte bei den Oxforder Perrücken kaum größere Entrüstung erregen , als dieses Schriftstück Rothers bei dem Lehrer-Collegium der Akademie , dem der Director es mit allerlei kaustischen Bemerkungen vorlas . Es kam zu heftigen Auseinandersetzungen , in Folge dessen der fromme Jüngling seinen Meistern zu verstehen gab , ihre Meisterateliers für gegenseitiges Händewaschen , deren System er durchschaue , imponirten ihm nicht . Einer etwaigen Relegation zuvorkommend , empfahl er sich zu geneigtem Andenken und zog sich auf sein eigenes Privatatelier zurück . Eines Tages holte ihn sein alter Schulfreund Eugen Wolffert ab , um das Sonnabend-Abendconcert im Zoologischen Garten zu besuchen . Sie ergingen sich dort in Weltschmerz und Raubthierhäusern , bis sie sich in die » Lästerallee « einschoben . Die mondbeglänzte Zaubernacht , durch bengalische Beleuchtung und unverzeihlich gute Musik verklärt , schwirrte von dem Klatschgeschwätz der üblichen guten Gesellschaft , die tausendköpfig durcheinander wirbelte . Rother fand viele entfernte Bekannte und stolzirte , wie er wähnte , sehr gentlemanlike einher . An einer Endbiegung Arm in Arm mit Wolffert herumschwenkend , trat an diesen ein widerlicher Geck heran , den Rother auch von Ansehen kannte , und verabredete mit demselben eine Reitpartie nach Hundekehle . Eugen der Olympier , den alle Dandy ' s als Altmeister verehrten , drohte leicht mit dem Finger und neckte in seiner herablassenden Schwerenötherart : » Was treiben Sie hier ? Taugenichts ! « Der geschmeichelte Dandy schmunzelte : » Hehe , errathen ! Hurra « Damit verschwand er geheimnißvoll und stürzte tief in den Menschenstrudel . Eduard Rother wußte gleichsam instinktiv im gleichen Augenblick , welche Ella gemeint sei . Doch er wollte sich Gewißheit verschaffen . Auch nicht eine Bewegung sollte dem großen Weltkenner an seiner Seite verrathen , daß ihn das im Mindesten interessire . » Sieh doch da drüben den rothen Reflex überm Flammingo-Teich ! Wie gut das wirkt ! Du , da geht Deine heimliche Flamme , Klara Meier vom Schauspielhaus ! Ach sieh doch mal dort Frau Hagar Satzler - so was Geziertes ! « Sie schwammen immer rüstig fort durchs Gedränge . » Ah , da ist ja unser Freund Marbach wieder ! « ( Er hatte ihn die ganze Zeit über nicht aus den Augen verloren . So nachlässig beiläufig : ) » Diese Ella ist wohl sein Amour ? « » Ja , eine romantische Geschichte ! Der Vater ist ein Dickkopf . Haha , er hat uns Beiden mal den Marsch gemacht , als wir seine holde Tochter , die aus der höheren , Schule kam , etwas schneidig nach Hause begleiteten . « » Lächerbar ! Wie heißt er denn ? - Sieh doch diese Schleppe ! « » Eisenbaum ! - Nun , was ist los ? « Der geckenhafte Jüngling ( Sohn eines Millionärs in Colonialwaaren ) war plötzlich hinter uns aufgetaucht und legte seine Hand auf Wolffert ' s Schulter , indem er lispelte : » Drehen Sie sich nachher mal zufällig um ! « Er verschwand wieder . Nach kurzer Pause drehten wir uns » zufällig « um . Hinter uns flanirte Ella mit einer » Freundin « ( in Deutschland gleichbedeutend mit » Duenna « ) , lebhaft kokettirend und schmachtend , der schöne Lasse nebenher . Eduard sah sich sehr rasch wieder um , aber sie erkannte ihn doch und wurde roth . Ein unerklärlich schnippisches Hohnlächeln krümmte ihre Lippe . Er hingegen blieb ganz gemüthlich und lustig , nickte dem Dandy , den er kaum kannte , vertraulich zu und flanirte an Wolfferts Arm vor Jenen ruhig her , da ein Ausweichen in dieser wandelnden Menschenmauer unmöglich schien . » Robespierre , « begann er mit lauter Stimme - sie hatten vorhin tiefsinnigen Unsinn über die Französische Revolution ausgetauscht , deren Sphinxgeheimnisse man in den Flegeljahren bekanntlich spielend löst . Aber Wolffert , der sich lange umgedreht und fascinirend geäugelt hatte , brummte gedankenvoll : » Die ist ja aber doch sehr nett ! « Offenbar erwachte in ihm der Gedanke , ob er , der Allbesieger , nicht seinen edeln Waffenbruder ausstechen könne . Eduard hätte ihn um die Ohren schlagen mögen , wiederholte aber mit lauter schnarrender Stimme : » Robespierre « - » Jaja ! Das war ein kleiner mickriger Kerl ! « machte Eugen herablassend . » Mein Mann ist Danton , der geniale Alkibiades ! « Hinter ihnen plauderte und liebelte man - und Eduard ging ruhig schwatzend neben Wolffert her , während er auf jedes Wort hinter ihm gierig lauschte und seine Hand sich auf- und zukrampfte , als suche er eine Waffe . An der nächsten Biegung mußten sie sich