damals gleich gesagt « , meinte er , » der Lump will Geld . Wenn ich zäh bin , so kostet ' s nicht einmal viel . Denn nun ist er mürb , sonst hätt ' er nicht begonnen . « Aber er hatte Wolczynski unterschätzt . Zwar empfing ihn der Edelmann am nächsten Tage freundlich und bot ihm sogar einen Stuhl zum Sitzen an , aber von Geld wollte er nichts hören . » Was fällt dir ein , Senderko ? Mein Freund Strus tut mir ja gern einen Gefallen , und die vielen Offerten lesen , ist auch lästig ; könnte euer Pachtvertrag einfach zu den alten Bedingungen erneuert werden , so wäre es für alle das bequemste . Aber die Pflicht gegen den Staat ! Und zu so einer Pflichtverletzung soll ich ihn durch Geld bringen ? Da käm ' ich schön an . Und ich tät ' s auch selber nicht . Beamtenbestechung - wie kannst du einem Ehrenmann , einem Edelmann , so was zumuten ? « Sender blieb kaltblütig . » Dann behalten Sie die zwanzig Gulden , die ich Ihnen geben will , für sich selber und lassen Sie sich von Strus den Gefallen umsonst erweisen . « » Elender Jude ! « brauste Wolczynski auf . » Ich soll Geld behalten , das einem anderen gehört ? Das mag eure Moral gestatten , unsere nicht ! « Dann aber besänftigte er sich wieder . » Aber eben darum , was wißt ihr alle von Anstand und Ehrlichkeit ? ! - eben darum , weil du ein Jude bist , will ich dir verzeihen . Aber lern ' mich besser kennen . Ich erweise dir eine Gefälligkeit , die mich nichts kostet , du sollst sie mir durch eine lohnen , die dich nichts kostet und dir noch was trägt . Hundert Gulden Trinkgeld . Nämlich ich mache noch immer meine Lottoberechnungen , verstehst du , aber immer erst am Dienstag nachmittag , und da kann es ja vorkommen , daß ich mein Zettelchen zu Hause liegen lasse - verstehst du - und - « » Ich verstehe « , sagte Sender . » Es ist dieselbe Gaunerei , zu der Sie mich schon einmal haben verleiten wollen . Ob sie möglich ist , ohne entdeckt zu werden , weiß ich nicht - « » O doch ! Ich kenne einen Mann , der dadurch sein Glück gemacht hat . « » Aber daß ich es nicht tue , weiß ich . « Der Edelmann pfiff vor sich hin . » Dein letztes Wort ? « » Mein letztes .... Aber zehn Gulden will ich noch drauflegen . Also dreißig . « » Jüdisches Hundsblut ! « brach Wolczynski los . » Hinaus mit dir und danke Gott , daß ich dich nicht anzeige , weil du mich zu einem Verbrechen hast anstiften wollen . « ... » Weine nicht ! « tröstete Sender die Mutter , als sie auf seinen Bericht in Tränen ausbrach , » deshalb gehen wir noch lange nicht zu Grunde . Ich reiche die Offerte ein , nützt es nichts , so wird uns doch Gott nicht verlassen . « Er machte sich stärker , als er war . Am letzten Januar , wo das Ergebnis der Ausschreibung veröffentlicht werden mußte , wollte er jedenfalls gehen , aber wie ein Bettler das neue Leben beginnen , war hart . Er begann jeden Heller zu sparen . Es traf sich gut , daß Dovidl nun immer mehr zu tun bekam und daher seinen Lohn erhöhen mußte . Auch konnte er sich durch das Schreiben von Briefen für andere Leute etwas verdienen . Wieder mußte er die Nächte zu Hilfe nehmen , was ihm nicht leicht fiel , denn der naßkalte Spätherbst hatte ihm seinen Husten wieder gebracht . Aber es ging nicht anders , seine Studien durften durch den Broterwerb nicht leiden . Im Gegenteil , nun widmete er ihnen womöglich noch mehr Zeit und Kraft , und Pater Poczobut feuerte seinen Eifer durch sein Lob immer mehr an . Nun lasen sie » Kabale und Liebe « , dann den » Don Carlos « . Da es im großen Saal zu kalt geworden , siedelten sie in eine heizbare Zelle über . Freilich mußten sie nun ihre Stimmen dämpfen , da sie damit dem büßenden Pater Ökonom , der in einer benachbarten » Nonnenzelle « wohnte , näher gerückt waren . Aber die Furcht , von ihm gehört zu werden , war wohl überflüssig . Er verbrachte seine Tage in einer Art von Beschaulichkeit , die Fedkos stillen Neid weckte , er ließ sich des Morgens von diesem eine Flasche Slibowitz holen und trank sich einen Rausch an , der bis zum Abend vorhielt . So war der November verstrichen . Die ersten Dezembertage brachten strenge Kälte , blinkenden Schnee und wolkenlosen Himmel . Nun konnte Sender wieder leichter atmen , als in der trüben Nebelluft . Aber auch eine große Überraschung sollten ihm diese Tage bringen . Eines Abends im Dezember - der Marschallik war eben auf Besuch - erklang das Mautglöckchen am Hause , und als Sender in die bittere Kälte hinaustrat , den Schranken zu öffnen , hielt da ein kleiner , von einem Knaben gelenkter Schlitten , in dem eine Reisende saß . » Guten Abend , Sender « , grüßte sie zaghaft . Er trat näher . » Ihr , Jütte ! « rief er überrascht . » Im offenen Schlitten ! Ohne Pelz , bei der Kälte ? Und mit Eurem Koffer ? Was ist geschehen ? ! « » Gutes ! « erwiderte sie , aber es klang nicht eben fröhlich . » Ist mein Vater daheim ? « » Sogar bei uns ! Kommt herein ! Ihr müßt ja halb erstarrt sein ! « Sie zögerte . Dann kletterte sie so rasch , wie es die steifen Glieder gestatteten , aus dem Schlitten . » Ach was « , sagte sie tapfer , » erfahren muß er ' s doch . « Und ebenso tapfer ließ sie in der Stube die Flut von Fragen und Klagen , mit denen der Marschallik sie empfing , über sich ergehen . » Ja , Vater « , erwiderte sie endlich und wischte sich den Schnee aus dem braunen Haar , » fortgejagt hat mich Reb Hirsch Knall und Fall , das ist nicht zu ändern . Noch vorgestern war ich sein lieb ' Kind , sein Nüssele , und heut ' eine Verbrecherin . Aber meine Schuld ist ' s nicht ! Oder doch - ja , aber ich bereu ' s nicht ! « » Wegen Malke ? « klagte Reb Itzig . » Du hast dich für sie geopfert ? « » Geopfert ? « Die Kleine reckte sich empor , wie es ihre Gewohnheit war . » Seh ' ich aus wie eine Geopferte ? Freilich wär ' ich lieber in Frieden aus dem Haus gegangen , wo ich so lang wie ein Kind gehalten war . Aber wozu klagen ? Natürlich , Malkes wegen war ' s. Vor vierzehn Tagen kommt unter meiner Adresse ein Brief vom Bernhard , er hofft , bald als Advokat angestellt zu werden , ob er kommen und um sie anhalten soll ? Sie antwortet : ihn allein wird Reb Hirsch hinauswerfen , er soll mit seinem Vater kommen . Richtig kommen gestern die beiden - eine furchtbare Szene , Reb Hirsch wirft auch seinen Bruder hinaus . Sie reisen zum Schein ab . Aber wie ich gestern abend zum Bäcker geh ' , tritt mir jemand in den Weg , der Bernhard : Mein Vater und ich halten morgen früh um fünf am Marktplatz und nehmen Malke mit . So hab ' ich denn die Nacht mit ihr durchwacht und sie an den Wagen gebracht . Wie Reb Hirsch aufsteht und das Nest leer findet , ich hab ' geglaubt , er verliert vor Wut den Verstand . Aber das nützt alles nichts , fort ist sie , ich aber - der Hausknecht hat uns gesehen , wie wir zum Wagen geschlichen sind , aber ich hätt ' s auch sonst nicht geleugnet - ich hab ' s ausbaden müssen - « » Und nun ? « jammerte Türkischgelb . » Muß ich verhungern « , erwiderte sie lachend , » denn es gibt auf der ganzen Welt keine Wirtschaft mehr , die mich brauchen könnt ' . « Sie streckte die runden Arme . » Und so schwach bin ich nebbich ( Ausdruck des Mitleids ) auch ! ... Schämt Euch , Vater , für mich ist ' s wohl nicht schlecht , und für Malke ist ' s gut , und für den da auch . « Sie wies auf Sender . » Ich hör ' , die dummen Leut ' haben Euch ordentlich in Verruf getan . Nun sollen ' s alle erfahren , wie es damals zugegangen ist ! « Und sie erzählte es . » So verdirbt die Tochter dem Vater das Geschäft ! « rief Türkischgelb zwischen Zorn und Lachen ; Frau Rosel aber war innigst erfreut : ihre Vermutung , daß er sie eines geheimen Vorhabens wegen abgelehnt , war irrig gewesen , und wenn die Leute erst erfuhren , wie Malke war , so mußte jeder Sender beistimmen . Nach ihrer Auffassung konnte nur eine Entartete bei Nacht und Nebel mit dem Geliebten fliehen . Dann aber fand auch der Marschallik kein Hindernis mehr , wenn er für Sender eine neue Partie suchte , und sie hätte den Alten noch heute darum gebeten , wenn er minder betrübt gewesen wäre . Aber schon zwei Tage später war er die Sorge um Jütte los : Schlome Freudenthal , der Besitzer des Barnower Gasthofs , hatte sie als Wirtschafterin aufgenommen . » Für mich ist ' s gut « , sagte Türkischgelb der Freundin , » für sie schlecht . Am Ort , wo ihr Vater lebt , hat noch keines Marschalliks Tochter geheiratet . « Für Sender aber versprach er sich umzutun : » es wird gehen , nun loben ihn ja alle ! « In der Tat wußte sich dieser der Glückwünsche kaum zu erwehren . » Daß du ' s auf dich genommen hast « , hieß es , » war eine Narrheit , aber daß du sie nicht genommen hast , dein Glück . Sonst wär ' die Elende dir davongelaufen . « Er aber verteidigte sie warm und ehrlich . Wohl tat ihm noch immer leise das Herz weh , wenn er ihrer gedachte , aber redlich gönnte er ihr alles Gute . » Mag sie der Doktor so glücklich machen « , dachte er , » wie es mein Vorsatz war ! « Und mit feuchten Augen las er das Blatt , das um Neujahr an ihn gelangte . Auf die lithographierte Anzeige : » Wir beehren uns , Ihnen ergebenst unsere Vermählung anzuzeigen . Doktor Bernhard Salmenfeld und Frau Regine , geb . Salmenfeld « , hatte Malke geschrieben : » Mit tausend Grüßen innigster Dankbarkeit ihrem teuren Freunde Alexander Kurländer . « Darunter stand von der Hand des jungen Gatten : » Wie wollen wir applaudieren , wenn einst Dawison II. in unserem Wohnort Triumphe feiert . Aber in so ein Nest kommt er wohl gar nicht . Ich werde froh sein , wenn ich für Barnow ernannt werde . « Stolz zeigte er das Blatt seiner Freundin Jütte , und auch Pater Marian bekam es zu lesen . » Also doch ! « sagte der Greis lächelnd . » Darum warst du so traurig . Aber Dawison II. - damit hat ' s seine Wege . « Aber er selbst fühlte sich in diesen Tagen immer wieder an Senders berühmten Landsmann und Glaubensgenossen erinnert . Auf sein Drängen las er mit ihm den » Kaufmann von Venedig « . Hatte ihn Senders Begabung schon früher oft genug mit freudigem Staunen erfüllt , so fühlte er sich vollends durch die Art , wie er den Shylock las , tief ergriffen ; sie mutete ihn an wie ein Wunder der geheimnisvoll waltenden Natur , und als Sender die Worte sprach : » Wenn Ihr uns stecht , bluten wir nicht ? Wenn Ihr uns kitzelt , lachen wir nicht ? Wenn Ihr uns vergiftet , sterben wir nicht ? « wandte er sich ab , damit Sender nicht sehe , wie ihm die Augen feucht geworden . » Es ist ja alles noch roh « , dachte er , » und würde auf der Bühne wahrscheinlich ausgelacht werden , - die eckigen Gesten , die unreine Aussprache ! - aber welches Talent steckt in diesem Burschen , welches Gemüt ! Das kann ihm Gott der Herr doch nicht ohne Absicht geschenkt haben , er will , daß er ein Künstler wird zur Freude , zur Erbauung der Menschen . Und was ich dazu tun kann , soll geschehen . « Mit wahrer Inbrunst widmete er sich dem Unterricht , ihm war ' s , als wäre auch dies Gottesdienst . Aber dies Studium des Shylock sollte auch eine unerwünschte Folge haben . In ihrem Eifer hatten die beiden ganz ihren Nachbar , den Pater Ökonom vergessen . Und so hörte dieser , als er eines Tages - es war um die Mitte des Januar - in der ihm gewohnten Art beschaulichen Gedanken nachhing , deutlich eine fürchterliche Stimme : » Ich will ihn peinigen , ich will ihn martern ! « Und gleich darauf : » Ich will sein Herz haben ! ... Geh , und triff mich bei unserer Synagoge ! - « Entsetzt fuhr der Trunkene empor und lauschte . » Juden « , murmelte er , » Juden sind im Kloster und wollen mich töten . « Und als dieselbe Stimme noch gellender und mit geradezu blutdürstigem Ausdruck wiederholte : » Ich will sein Herz haben ! « brach er das Hausgesetz , das ihn an die Zelle fesselte , und stürzte zum Prior . Der hochwürdige Valerian schalt heftig auf ihn ein ; daß der verkommene Mönch , der einen starken Fuselduft verbreitete , im Rausch eine Halluzination gehabt , kam ihm viel wahrscheinlicher vor , als daß sich die Juden von Barnow am hellen Tage im Kloster zusammengerottet hätten , um die Mönche zu ermorden . Da jedoch der Pater mit den heiligsten Eiden beteuerte , er habe es deutlich gehört und wolle die schwerste Strafe erdulden , wenn er der Lüge überführt würde , so folgte ihm der Prior kopfschüttelnd auf den Korridor der Pönitenz . Der Bitte des Paters , einige handfeste Fratres mitzunehmen , willfahrte er nicht ; » mit diesen fürchterlichen Juden werd ' ich schon selbst fertig « , sagte er und betrat lächelnd den Korridor . Aber wie ward ihm , als er nun wirklich aus einer der Zellen eine kreischende Stimme vernahm - und offenbar die eines Juden - die in wilder Freude rief : » Ja ! das ist wahr ! Geh , Tubal , miete mir einen Amtsdiener ! « und dies wiederholte , bis eine andere einfiel : » Keine solchen Grimassen , Sender . Und leiser ! « Aber der andere brüllte : » Ich will sein Herz haben ! « Da riß der Prior die Tür auf . Es wäre schwer zu entscheiden gewesen , wer starrer vor Staunen war , die beiden , als sie den Prior erblickten , oder Valerian , als er in einer Zelle seines Klosters einen jungen Juden entdeckte , der mit erregten Mienen und blitzenden Augen dem Pater Marian zurief , daß er jemandes Herz wolle . Unwillkürlich schlug er ein Kreuz , und es währte lange , bis er sich so weit gefaßt hatte , um fragen zu können : » Was suchst du hier ? Was geht da vor ? « Aber noch länger währte es , bis ihm Marian antworten konnte , und wohl gar eine Viertelstunde , bis der Prior begriff , nicht um was es sich handelte - das war ihm noch lange nicht klar - sondern daß Pater Marian mindestens bei Vernunft war . Was er von dem Juden halten sollte , der da totenbleich , wie vernichtet mit halbgeschlossenen Augen in einer Ecke lehnte , wußte er freilich nicht , wohl aber , daß er keinesfalls ins Kloster der Dominikaner gehöre . » Geh ' « , sagte er ihm , und zu Pater Marian : » Sie kommen heut ' nachmittag zu mir . « Aber Sender konnte dem Befehl nicht sofort folgen : » Hochwürdiger Herr « , stammelte er entsetzt , » erst muß der Fedko da sein , um mich bei der Tartarenpforte hinauszulassen . Denn wenn mich die anderen aus der großen Tür treten sehen , schlagen sie mich tot ... « Zum Glück kam eben Fedko mit seinem Schlüsselbund daher . So sah der Korridor der Pönitenz nun den fünften erschreckten Mann , und vielleicht den entsetztesten von allen . Und als ihm der Prior zurief : » Also du besorgst den Büßern Schnaps und läßt Juden ein ? « sank er fast ohnmächtig in die Kniee . Mit Mühe brachte ihn Sender wieder auf die Beine und bis an die Pforte . » Es ist alles aus « , murmelte der Alte , » mit meinem Dienst , mit dem Slibowitz des Ökonomen , mit deinem Slibowitz . Die Welt geht unter ... « Es sollte glimpflicher kommen . Kopfschüttelnd hörte der Prior die lange Erzählung Marians an , was Sender anstrebte , warum er ihn gefördert , was den jungen Mann noch in Barnow festhalte ; dann aber , nach längerem Nachsinnen , sagte er : » Lieber Bruder , Sie wissen , ich bin kein Gelehrter wie Sie , sondern ein dummer Mönch . Ob dieser Sender zum Schauspieler taugt , kümmert mich nichts , ob es ein löbliches Werk ist , ihn zu fördern , will ich nicht entscheiden . Daß aber die Zellen unseres Ordens nach dem Statut unseres erhabenen Begründers , des heiligen Dominikus de Guzman , nicht dazu bestimmt sind , daß wir darin junge Juden zu Schauspielern ausbilden , dies weiß ich ganz genau . Aber andererseits kenne ich Sie und weiß , Sie können nichts Unedles gewollt haben . Durch das Vergangene also ziehen wir einen dicken Strich , aber die Fortdauer des Unterrichts muß ich verbieten . Das braucht ja Sie und ihn nicht gar so sehr zu kränken , da er ohnehin in vierzehn Tagen fort will . Damit ich ihn aber unter allen Umständen los werde , so will ich mir in den nächsten Tagen den Wolczynski und den Strus ins Gebet nehmen . Sie sind ja beide meine Beichtkinder , und namentlich der Strus , der Heuchler , schmilzt , wenn man ihm die Hölle heiß macht . Ich hoffe , die alte Jüdin behält die Pachtung . « Er kratzte sich an der Tonsur . » Ach ja , um was alles sich ein Prior kümmern muß .... Und noch eins ! Sie haben ja diesen Sender so lange unterrichtet , da werden Sie auch Abschied von ihm nehmen wollen ? Nun , zum Abschiednehmen darf er noch zu Ihnen kommen , meinetwegen jeden Tag , wo er noch hier bleibt .... So - dies ist meine Entscheidung . Verzeihen Sie , ich bin ein dummer Mönch ... « Der Greis faßte seine Hand und drückte sie . » O « , rief er . » Sie sind der Weiseste der Menschen ! « » Schmeicheln Sie mir nicht ! « brauste der Prior auf . » Sonst glaube ich , unrecht getan zu haben , und ich habe mich doch streng ans Statut gehalten - nicht wahr ? « Siebenundzwanzigstes Kapitel So trat von all den Schrecknissen , die Fedko vorausgesehen , nur eines ein : mit dem Slibowitz des Ökonomen war es wirklich zu Ende . Im übrigen verzieh ihm der Prior , und Sender entschädigte ihn reichlich . Dem jungen Manne war ' s , seit er die Entscheidung des Priors erfahren , als wären ihm Flügel gewachsen , und die Welt erschien ihm von ewigem Sonnenglanz überflutet . Nun war er endlich frei , frei - am einunddreißigsten Januar bekam die Mutter die Pacht wieder zugesprochen , am folgenden Tage wollte er nach Lemberg aufbrechen . Freilich bangte es ihm ein wenig vor der großen Stadt , den wildfremden Menschen , indes - das mußte eben überwunden werden . Aber ein gütiges Schicksal schien ihn auch dieser Sorge überheben zu wollen . Wenige Tage nach jener Überraschung durch den Prior überreichte ihm Fedko einen Brief . Er trug den Poststempel Hermannstadt in Siebenbürgen und Nadlers Handschrift auf der Adresse . Vor Aufregung zitternd las Sender die Zeilen . Der Direktor schrieb , er habe zwar seit jenem Dankbrief , der ihn sehr erfreut , obwohl da noch der Briefsteller etwas zu ausgiebig benützt gewesen , nichts von Sender gehört , hoffe aber , daß ihn dies Schreiben gesund und seinem Vorsatz getreu finde . Auch habe er hoffentlich die Bücher fleißig studiert . » Da ich im vorigen Jahr in Czernowitz gute Geschäfte gemacht habe - nur hatte ich da viel Verdruß , weil mir einige , gottlob untergeordnete Mitglieder , unter Führung meines zweiten Komikers Stickler , durchbrannten , um sich , wie ich höre , in Galizien herumzutreiben - , so gedenke ich auch dieses Jahr am 1. März dort einzutreffen . Willst Du kommen , so erwarte ich Dich also zu diesem Termin und möchte Dir raten , Dich , falls Du überhaupt noch Schauspieler werden willst , nun durch keine äußeren Hindernisse abhalten zu lassen . Denn da Du nun bald zweiundzwanzig Jahre alt bist , so ist ' s die höchste Zeit . « Unumwunden - schrieb er ferner und auf die Gefahr hin , in Senders Augen an Autorität einzubüßen - wolle er gestehen , daß ihm Zweifel gekommen , ob sein erster Rat , noch zwei Jahre in Barnow zu verbringen , ein guter gewesen . » Es sprach ja vieles dafür , aber ich bereue es doch , Du wärest , wenn ich Dich damals gleich mitgenommen hätte , wahrscheinlich viel weiter . Denn fast alle Kollegen , denen ich von Dir erzählt habe , waren dieser Meinung , darunter namentlich Dein großer Landsmann Bogumil Dawison , den ich in diesem Sommer in Dresden gesprochen habe . Meine Erzählung Deiner Schicksale hat ihn auf das lebhafteste interessiert und an seine eigene Jugendzeit erinnert . Hoffentlich triffst Du einmal , wenn auch Du ein tüchtiger Schauspieler geworden bist , mit ihm zusammen und Ihr könnt dann beide von Euch sagen , daß Euch die frühen Kämpfe und Entbehrungen nicht gebrochen , sondern gestählt haben . Dawison also war es vornehmlich , der mir sagte : Sie kennen das polnische Ghetto nicht , wohl aber ich . Sie hätten den armen Jungen sofort befreien müssen . Auch wird man nur durch Spielen ein Schauspieler , nur auf der Bühne und nicht aus Büchern . Hätte Ihr Schützling , wenn er ein Talent ist - und das bist Du , Sender - auf der letzten Schmiere zwei Jahre lang Bediente gespielt , so würde ihm das mehr genützt haben , als wenn er inzwischen eine ganze Bibliothek durchstudiert hat . Wie gesagt , lieber Sender , ich wollte Dir dies nicht verschwiegen haben , obwohl es gegen mich spricht , weil ich Dich nun wenigstens vor längerem Zögern bewahren möchte . « Der Brief schloß mit dem Rat , Wäsche , aber so wenig Kleider wie möglich mitzunehmen . » Denn Deinen Kaftan wirst Du bei mir nicht tragen . Was Geld betrifft , hast Du keins , so mach ' Dir nichts draus . Also auf Wiedersehen am 1. März . « Sender las und las immer wieder . » Der gute Mensch « , murmelte er gerührt . » Wie er sich nun gar selbst anklagt , und er hat mir doch gewiß geraten , so gut er ' s verstanden hat . Zum Glück irrt er sich obendrein , er weiß ja nicht , was für einen Lehrer ich inzwischen gehabt habe und was ich schon kann ... Freilich , nun reise ich erst gegen Ende Februar , aber an den drei Wochen kann doch mir nichts liegen und dem Herrn Prior hoffentlich auch nicht .... Aber dieser Stickler - prügeln sollt ' man ihn , solche Lügen auszusprengen : wegen fünfzig Gulden - hahaha ! « Er lachte vergnügt auf . Auch Pater Marian wünschte ihm aufrichtig Glück . » Das scheint ein redlicher und verständiger Mann « , sagte er . » Du bist in guten Händen .... Und daß sich Dawison für dich interessiert , kann dir einmal sehr nützen .... « » Gewiß « , sagte Sender . » Aber wenn er « , fügte er zögernd bei , » nur dabei bleibt , auch wenn ich berühmt geworden bin . Künstler sind oft sehr auf einander neidisch . In meinem Lesebuch steht eine Geschichte von Talma - « » Nun « , lachte der Pater , » für einige Jahre hat ja wohl Dawison noch keinen Grund dazu ... « Sender errötete . » Natürlich ... Aber ich werd ' nie neidisch sein ... « Sie lasen heute die Gerichtsszene . Sender hustete so oft , daß ihn der Pater besorgt anblickte . » Das kommt von dem Brief « , entschuldigte sich Sender . » Sobald mich etwas aufregt , ob es nun traurig oder lustig ist , spür ' ich ' s hier . « Er deutete auf die Brust . Der Pater schüttelte den Kopf . » Kein Wunder « , sagte er , » du hast ja diesen Winter wieder unvernünftig gelebt , die Nächte gearbeitet , kaum vier Stunden geschlafen . « » Aber habe ich « , wendete Sender ein , » wissen können , daß der Prior meiner Mutter hilft und Nadler mir ? Jetzt freilich bedaure ich es . Übrigens bin ich ja gesund genug . « Dieser Meinung war der Pater nicht , aber er schwieg . » Wozu ihm bange machen « , dachte er , » halten läßt er sich ja doch nicht . « Laut aber sagte er : » Du mußt dich recht schonen , auf der Reise , aber auch in Czernowitz . Mit deinen dreihundert Gulden reichst du freilich nicht allzuweit ! « » Mit dreihundert Gulden ? « rief Sender erstaunt . » Damit würd ' ich zehn Jahre auskommen . Aber ich hab ' ja nicht einmal so viel und nehm ' gar nur einen Teil mit . Von den dreihundert Gulden ist der Zehnte für die Armen abgegangen , macht zweihundertsiebzig , meine Zinsen und Ersparnisse dazu macht zwanzig , zusammen zweihundertneunzig . Davon nehm ' ich vierzig mit und zweihundertfünfzig laß ' ich der Mutter . « » Das ist zu viel ! « rief der Pater heftig . » Ich meine nur « , erwiderte Sender zaghaft , » weil er schreibt , ich brauche deutsche Kleider . « » Zu viel , was du der Mutter hinterläßt . Sie behält ja ihren Erwerb . « Sender schüttelte den Kopf . » Bedenken Sie , ich muß ja gehen , aber gegen sie ist es schlecht und herzlos . Auf andere Art kann ich ihr nicht beweisen , daß ich doch ein guter Sohn bin . « Der Kummer , den er der Mutter bereiten würde , war nun wieder wie im Vorjahr die einzige Last , die er empfand . Denn im übrigen gestaltete sich alles gut ; die Pacht wurde der Mutter zu den alten Bedingungen zugesprochen , von Nadler kam auf seinen Dankbrief ein zweites Schreiben , das ihn herzlich willkommen hieß . Mit aller Sorgfalt bereitete er nun seine Reise vor . Am Mittwoch , den 24. Februar , wollte er sie antreten , dann war er Freitag abend in Czernowitz und konnte sich Sonntag bei Nadler melden . Da die Mutter sein Reiseziel nicht ahnen durfte , so wollte er vor Tagesanbruch das Haus verlassen , bis zum Dorfe Miaskowka zu Fuße wandern und dort einen Bauernschlitten mieten , der ihn bis zum Städtchen Tluste brachte . Unter den Leuten des Ghetto wollte er von niemand Abschied nehmen , als von Jütte ; sie verriet ihn gewiß nicht , und wenn er sie recht bat , stand sie der Mutter gewiß in den ersten schweren Tagen bei . Die anderen aber , die ihm nahe gestanden , wollte er zum mindesten vor der Reise noch besuchen . Am letzten Sonnabend , den er im Ghetto verbrachte , lud er sich bei seinem einstigen Lehrherrn , Simche Turteltaub , zu Tische . Außer ihm war noch ein anderer Gast anwesend , ein » Schnorrer « , » Meyer mit dem langen Bart « genannt , der damals seiner Schnurren wegen einen guten Ruf in der Bukowina und Südrußland besaß ; Galizien bereiste er zum ersten Male . Simche ehrte ihn durch die besten Bissen , wie es die Sitte gebot , ganz besonders freundlich aber war Sender gegen ihn . Er liebte das abenteuerliche , sorglose Wesen dieser fahrenden Leute und hatte sich immer gut mit ihnen verstanden . Und Meyer sah nicht bloß stattlich und ehrwürdig aus - der Bart floß ihm silbern über die Brust nieder - , sondern war auch ein berühmter Vertreter seiner Zunft . Dieses Rufes war er sich auch stolz bewußt . » Ich bin ja zum ersten Mal in diesem Land « , sagte er , » aber ich hab ' keinen getroffen , der nicht schon meinen Namen gehört hätt ' . Kein Wunder ! So viel wie unser König , mein armer Freund , Mendele Kowner , mit dem Friede