, welche uns Angehörige betreffen , benehmen wir uns nicht lamentabel , sondern fast vom ersten Augenblicke an mit der gleichen Gefaßtheit , mit dem gleichen Wechsel von Hoffnung , Furcht und Selbsttäuschung wie die Betroffenen selbst . Doch ermahnte er jetzt seine Tochter , nicht zuviel zu sprechen , und mich fragte er , ob ich die Ursache der kleinen Reise schon kenne , und setzte hinzu : » Ja , lieber Heinrich ! meine Anna scheint krank werden zu wollen ! Doch laßt uns den Mut nicht verlieren ! Der Arzt hat ja gesagt , daß vorderhand nicht viel zu sagen und zu tun wäre . Er hat uns einige Verhaltungsregeln gegeben und anbefohlen , ruhig zurückzukehren und dort zu leben , anstatt hieher zu ziehen , da die dortige Luft angemessener sei . Für unsern Doktor will er uns einen Brief mitgeben und von Zeit zu Zeit selbst hinauskommen und nachsehen . « Ich wußte hierauf rein nichts zu erwidern noch meine Teilnahme zu bezeugen ; vielmehr wurde ich ganz rot und schämte mich nur , nicht auch krank zu sein . Anna hingegen sah mich bei den Worten ihres Vaters lächelnd an , als ob sie Mitleid mit mir hätte , so peinliche Dinge hören zu müssen . Nach dem Essen verlangte der Schulmeister , von meinen Beschäftigungen zu wissen und etwas zu sehen ; ich brachte eine wohlgefüllte Mappe herbei und erzählte von meinem Meister ; doch verweilte er nicht lang dabei , sondern machte sich bereit , einige Gänge zu tun und Einkäufe zu besorgen . Meine Mutter begleitete ihn , und ich blieb allein mit Anna zurück . Sie fuhr fort , meine Sachen aufmerksam zu beschauen ; auf dem Ruhbett sitzend , ließ sie sich alles von mir vorlegen und erklären . Während sie auf meine Landschaften sah , blickte ich auf sie nieder , manchmal mußte ich mich beugen , manchmal hielten wir ein Blatt zusammen in den Händen lange Zeit , doch ereignete sich sonst gar nichts Zärtliches zwischen uns ; denn während sie für mich nun wieder ein anderes Wesen war und ich mich scheute , sie nur von ferne zu verletzen , häufte sie alle Äußerungen der Freude und der Aufmerksamkeit allein auf meine Arbeiten und wollte sich nicht von denselben trennen , während sie mich selbst nur wenig ansah . Plötzlich sagte sie : » Unsere Tante im Pfarrhaus läßt dir sagen , du sollest mit uns sogleich hinausfahren , sonst sei sie böse ! Willst du ? « Ich erwiderte : » Ja , jetzt kann ich schon ! « und setzte hinzu : » Was fehlt dir denn eigentlich ? « - » Ach , ich weiß es selbst nicht , ich bin immer müde und leide manchmal ein wenig ; die anderen machen mehr daraus als ich selbst ! « Meine Mutter und der Schulmeister kamen zurück ; neben den fremdartigen pharmazeutischen Paketen , die er mit einem verstohlenen Seufzer auf den Tisch legte , brachte er einige Geschenke für Anna mit , gute Kleiderstoffe , einen großen warmen Shawl und eine goldene Uhr , als ob er mit diesen kostbaren und auf die Dauer berechneten Sachen eine günstige Wendung des Geschickes erzwingen wollte . Als Anna darüber erschrak , sagte er , sie habe die Dinge schon lange verdient und das bißchen Geld hätte gar keinen Wert für ihn , wenn er nicht ihr eine kleine Freude dadurch verschaffen könnte . Er zeigte sich zufrieden , daß ich mitfahre ; meine Mutter sah es auch gern und legte mir einige Sachen zurecht , indessen ich das Gefährte aus dem Gasthause holte , wo es eingestellt war . Anna sah allerliebst aus , als sie wohlvermummt und verschleiert dem Schulmeister zur Seite saß . Ich nahm den Vordersitz und hatte das Leitseil des gutgenährten Pferdes ergriffen , das schon ungeduldig scharrte ; die Mutter machte sich noch lange am Wagen zu schaffen und wiederholte dem Schulmeister ihre Anerbietungen zu jeglicher Hilfe und , wenn es notwendig würde , hinzukommen und Anna zu pflegen ; die Nachbaren steckten die Köpfe aus den Fenstern und vermehrten mein Selbstbewußtsein , als ich endlich mit meiner liebenswürdigen und anmutigen Gesellschaft die enge Straße entlangfuhr . Es glänzte ein sonniger Herbstnachmittag auf dem Lande . Wir fuhren durch Dörfer und Felder , sahen die Gehölze und Anhöhen im zarten Dufte liegen , hörten die Jägerhörnchen in der Ferne , begegneten überall zahlreichem Fuhrwerke , welches den Herbstsegen einbrachte ; hier machten die Leute die Gefäße zur Weinlese zurecht und bauten große Kufen , dort standen sie reihenweise auf den Äckern und hoben die Wurzelfrüchte aus ; anderswo wieder pflügten sie die Erde um , und die ganze Familie war dabei versammelt , von der Herbstsonne hinausgelockt ; überall war es lebendig und zufrieden bewegt . Die Luft war so mild , daß Anna ihren grünen Schleier zurückschlug und ihr liebliches Gesicht zeigte . Wir vergaßen alle drei , warum wir eigentlich auf diesen Wegen fuhren ; der Schulmeister war gesprächig und erzählte uns viele Geschichten von den Gegenden , durch welche wir kamen , zeigte uns die Wohnungen , wo berühmte Männer hausten , deren wohlgeordnete saubere Hofstätten die weise Klugheit ihrer Besitzer verkündeten . Da und dort wohnte eine hübsche Tochter oder deren zwei , von denen etwas zu erblicken wir im Vorüberfahren uns bemühten , und wenn dies gelang , so grüßte Anna mit dem bescheidenen Anstande derjenigen , welche selbst Blumen des Landes sind . Doch dunkelte es eine geraume Weile , ehe wir ans Ziel gelangten , und mit der Dunkelheit fiel es mir plötzlich ein , daß ich Judith das Versprechen gegeben , sie jedesmal zu besuchen , wenn ich ins Dorf käme . Anna hatte sich wieder verhüllt , ich saß nun neben ihr , da der Schulmeister , welcher die Wege besser kannte , die Zügel genommen ; und weil wir der Dunkelheit wegen nun schweigsamer waren , so hatte ich Zeit , darüber nachzudenken , was ich tun wollte . Je untunlicher es mir schien , mein Versprechen zu halten , je weniger ich das Wesen , welches ich mir zur Seite fühlte und das sich nun sanft an mich lehnte , auch nur in Gedanken beleidigen mochte , desto dringender ward auf der anderen Seite die Überzeugung , daß ich am Ende doch mein Wort nicht brechen dürfe , da mich Judith nur im Vertrauen auf dasselbe in jener Nacht entlassen , und ich zögerte nicht , mir einzubilden , daß der Wortbruch sie kränken und ihr weh tun würde . Ich mochte um alles in der Welt gerade vor ihr nicht unmännlich als einer erscheinen , welcher aus Furcht ein Versprechen gäbe und aus Furcht dasselbe bräche . Da fand ich einen sehr klugen Ausweg , wie ich dachte , der mich wenigstens vor mir selbst rechtfertigen sollte . Ich brauchte nur bei dem Schulmeister zu wohnen , so war ich nicht im Dorfe , und wenn ich am Tage dieses besuchte , so mußte ich Judith nicht sehen , welche sich nur meinen nächtlichen und geheimen Besuch während eines Aufenthaltes im Dorfe ausbedungen hatte . Als wir daher in des Schulmeisters Haus ankamen und dort die Muhme mit einem Sohne und zwei Töchtern vorfanden , welche uns erwarteten und mich mit dem Fuhrwerk gleich mitnehmen wollten , erklärte ich unversehens , hierbleiben zu wollen , und die alte Katherine eilte , mir ein Unterkommen zu bereiten , indessen Anna , die ganz ermüdet und angegriffen war und von Husten befallen wurde , sich sogleich zu Bett begeben mußte . Sie führte mich an einen artig eingerichteten Tisch , auf welchem ihre Bücher und Arbeitssachen , auch Papier und Schreibzeug lagen , setzte Licht darauf und sagte lächelnd : » Mein Vater bleibt alle Abend bei mir , bis ich eingeschlafen bin , und liest mir manchmal etwas vor . Hier kannst du dich vielleicht so lange beschäftigen . Sieh , hier mache ich etwas für dich ! « und sie zeigte mir eine Stickerei zu einer kleinen Mappe , welche sie nach jener Blumenzeichnung verfertigte , die ich vor mehreren Jahren in der Weinlaube gemacht und ihr geschenkt hatte . Das naive Bild hing über ihrem Tische . Dann gab sie mir die Hand und sagte wehmütig leise und doch so freundlich : » Gut ' Nacht ! « und ich sagte ebenso leise : » Gut ' Nacht ! « Einige Augenblicke nachher , als sie gegangen , kam der Schulmeister herein , und ich sah , daß er ein schön eingebundenes Andachtsbuch mitnahm , als er sich wieder entfernte , um in Annas Zimmer zu gehen . Ich hingegen beschaute alle Sächelchen , welche auf dem Tische lagen , spielte mit ihrer Schere und konnte mir gar nicht ernstlich denken , daß irgendeine Gefahr für Anna sein sollte . Viertes Kapitel Judith Da ich in dem Hause meines Liebchens zu Gaste war , so erwachte ich am Morgen sehr früh , noch eh eine Seele sich regte . Ich machte das Fenster auf und sah lange auf den See hinaus , dessen waldige Uferhöhen vom Morgenrote beglänzt lagen , indessen der späte Mond noch am Himmel stand und sich ziemlich kräftig im dunklen Wasser spiegelte . Ich sah ihn nach und nach erbleichen vor der Sonne , welche nun die gelben Kronen der Bäume vergoldete und einen zarten Schimmer über den erblauenden See warf . Zugleich aber begann die Luft sich wieder zu verhüllen , ein leiser Nebel zog sich erst wie ein Silberschleier um alle Gegenstände , und indem er ein glänzendes Bild um das andere auslöschte , daß sich rings ein Reigen von aufleuchtendem Scheiden und Verschwinden bewegte , wurde der Nebel plötzlich so dicht , daß ich nur noch das Gärtchen vor mir sehen konnte , und zuletzt verhüllte er auch dieses und drang feucht an das Fenster . Ich schloß dieses zu , trat aus der Kammer und fand die alte Katherine in der Küche an dem traulichen hellen Feuer . Ich plauderte lange mit ihr ; sie ergoß sich in zärtlichen Klagen über Annas bedenklichen Zustand , berichtete mir , seit wann derselbe begonnen , ohne daß ich jedoch über seine eigentliche Beschaffenheit klar wurde , da sie sich mancher dunklen und geheimnisvollen Anspielung bediente . Dann begann sie mit rührender , aber ganz trefflicher Beredsamkeit das Lob Annas zu verkünden und ihr bisheriges Leben zu beschauen bis in die Kinderjahre zurück , und ich sah deutlich vor mir das dreijährige Engelchen umherspringen , in genau beschriebener Kleidung , aber freilich auch ein frühes und leidenvolles Krankenlager , auf welches das kleine Wesen dann jahrelang gelegt wurde , so daß ich nun ein schlohweißes , länglichgestrecktes Leichnamchen erblickte , mit geduldigem , klugem und immer lächelndem Angesicht . Doch das kranke Reis erholte sich , der wunderbare Ausdruck der durch das Leiden hervorgebrachten frühen Weisheit verschwand wieder in seine unbekannte Heimat , und ein rosig unbefangenes Kind blühte , als ob nichts vorgefallen wäre , der Zeit entgegen , wo ich es zuerst sah . Endlich zeigte sich der Schulmeister , welcher , da seine Tochter nun des Morgens im Bette bleiben mußte und länger schlief als sonst , sich des frühen Aufstehens auch nicht mehr freute und in seiner Zeiteinteilung ganz nach derjenigen seines kranken Kindes richtete . Nach einer guten Weile erschien auch Anna und nahm ihr besonders vorgeschriebenes Frühstück , indessen wir das gewöhnliche verzehrten . Es verbreitete sich dadurch eine gewisse Wehmut über den Tisch , welche nach und nach in eine ernste Beschaulichkeit überging , als wir drei sitzen blieben und uns unterhielten . Der Schulmeister nahm ein Buch , die Nachfolge Christi von Thomas a Kempis , und las einige Seiten daraus vor , indessen Anna ihre Stickerei vornahm . Dann hob ihr Vater über das Gelesene ein Gespräch an und suchte mich an demselben zu beteiligen und nach der herkömmlichen Weise meine Urteilskraft : zu prüfen , zu mildern und zu gemeinsamer Erbauung auf einen belehrenden Vereinigungspunkt zu lenken . Aber ich hatte durch den letzten Sommer die Lust an solchen Erörterungen fast gänzlich verloren , mein Blick war auf sinnliche Erscheinung und Gestalt gerichtet , und selbst die rätselhaften Betrachtungen über die Erfahrungen , die ich mit Römer anstellte , gingen in einem durchaus weltlichen Sinne vor sich . Außerdem fühlte ich , daß ich nun die größte Rücksicht auf Anna nehmen mußte , und als ich bemerkte , daß sie sogar froh schien , mich hier eingefangen und einem angehenden Bekehrungswerke preisgegeben zu sehen , hütete ich mich , einen Widerspruch zu äußern , gab denjenigen Stellen , welche eine Wahrheit enthielten oder tief , schön und kraftvoll ausgedrückt waren , meinen aufrichtigen Beifall ; oder ich überließ mich einer reizenden Muße , die schönen Farben an Annas Seidenknäulchen beschauend . Sie hatte wohl ausgeruht und schien ziemlich munter zu sein , so daß kein großer Unterschied gegen ihr früheres Wesen während des Tages bemerklich war . Das machte mich so froh , daß ich aufbrach , um am hellen Tage , vor Judith sicher , ins Pfarrhaus zu gelangen und von da zurückzukehren . Als ich in den dichten Nebel hinausging , war ich sehr guter Dinge und mußte lachen über meine seltsame List , zumal das verborgene Wandeln in der grau verhüllten Natur meinen Gang einem Schleichwege noch völlig ähnlich machte . Ich ging über den Berg und gelangte bald zum Dorfe ; doch verfehlte ich hier des Nebels wegen die Richtung und sah mich in ein Netz von schmalen Garten- und Wiesenpfaden versetzt , welche bald zu einem entlegenen Hause , bald wieder gänzlich zum Dorfe hinausführten . Ich konnte nicht vier Schritte weit sehen ; Leute hörte ich immer , ohne sie zu erblicken , aber zufälligerweise traf ich niemanden auf meinen Wegen . Da kam ich zu einem offenstehenden Pförtchen und entschloß mich , hindurchzugehen und alle Gehöfte gerade zu durchkreuzen , um endlich wieder auf die Hauptstraße zu kommen . Ich geriet in einen prächtigen großen Baumgarten , dessen Bäume alle voll der schönsten reifen Früchte hingen . Man sah aber immer nur einen Baum ganz deutlich , die nächsten standen schon halb verschleiert im Kreise umher , und dahinter schloß sich wieder die weiße Wand des Nebels . Plötzlich sah ich Judith mir entgegenkommen , welche einen großen Korb mit Äpfeln gefüllt in beiden Händen vor sich her trug , daß von der kräftigen Last die Korbweiden leise knarrten . Das Einsammeln des Obstes war fast die einzige Arbeit , der sie sich mit Liebe und Eifer hingab . Sie hatte ihr Kleid des nassen Grases wegen etwas aufgeschürzt und zeigte die schönsten Füße ; ihr Haar war von Feuchte schwer und die Wange von der Herbstluft mit reinem Purpur gerötet . So kam sie gerade auf mich zu , auf ihren Korb blickend , sah mich plötzlich , stellte erst erbleichend den Korb zur Erde und eilte dann mit den Zeichen der herzlichsten und aufrichtigsten Freude herbei , fiel mir um den Hals und drückte mir ein halbes Dutzend Küsse auf die Lippen . Ich hatte Mühe , dies nicht zu erwidern , und rang mich endlich von ihrer Brust los . » Sieh , sieh ! du gescheites Bürschchen ! « sagte sie froh lachend , » du bist heute gekommen und machst dir gleich den Nebel zunutze , mich noch vor Nacht heimzusuchen ; das hätte ich dir nicht einmal zugetraut ! « - » Nein « , erwiderte ich , zur Erde blickend , » ich bin gestern gekommen und wohne beim Schulmeister , weil Anna krank ist . Unter diesen Umständen kann ich jedenfalls nicht zu Euch kommen ! « Judith schwieg eine Weile , die Arme übereinandergeschlagen , und sah mich klug und durchdringend an , daß mein Blick in die Höhe gezogen und auf den ihrigen gerichtet wurde . » Das wäre allerdings noch gescheiter , als wie ich es meinte « , sagte sie endlich , » wenn es dir nur etwas helfen würde ! Doch weil unser armes Schätzchen krank ist , so will ich billig sein und unsere Übereinkunft abändern . Der Nebel wird sich wenigstens eine Woche lang täglich mehrere Stunden auf dieselbe Weise zeigen Wenn du jeden Tag zu mir kommst , so will ich dich für die Nacht deiner Pflicht entbinden und dir zugleich versprechen , dich nie zu liebkosen und dich selbst zurechtzuweisen , wenn du es tun wolltest ; nur mußt du mir jedesmal auf ein und dieselbe Frage ein einziges Wörtchen antworten , ohne zu lügen ! « - » Welche Frage ? « sagte ich . » Das wirst du schon sehen ! « erwiderte sie ; » komm , ich habe schöne Äpfel ! « Sie ging mir voran zu einem Baume , dessen Äste und Blätter edler gebaut schienen als die der übrigen , stieg auf einer Leiter einige Sprossen hinan und brach einige schön geformte und gefärbte Äpfel . Einen davon , der noch im feuchten Dufte glänzte , biß sie mit ihren weißen Zähnen entzwei , gab mir die abgebissene Hälfte und fing an , die andere zu essen . Ich aß die meinige ebenfalls und rasch ; sie war von der seltensten Frische und Gewürzigkeit , und ich konnte kaum erwarten , bis sie es mit dem zweiten Apfel ebenso machte . Als wir drei Früchte so gegessen , war mein Mund so süß erfrischt , daß ich mich zwingen mußte , Judith nicht zu küssen und die Süße von ihrem Munde noch dazuzunehmen . Sie sah es , lachte und sprach : » Nun sage bin ich dir lieb ? « Sie blickte mich dabei fest an , und ich konnte , obgleich ich jetzt lebhaft und bestimmt an Anna dachte , nicht anders und sagte : » Ja ! « Zufrieden sagte Judith : » Dies sollst du mir jeden Tag sagen ! « Hierauf fing sie an zu plaudern und sagte : » Weißt du eigentlich , wie es mit dem guten Kinde steht ? « Als ich erwiderte , daß ich allerdings nicht klug daraus würde , fuhr sie fort : » Man sagt , daß das arme Mädchen seit einiger Zeit merkwürdige Träume und Ahnungen habe , daß sie schon ein paar Dinge vorausgesagt , die wirklich eingetroffen , daß manchmal im Traume wie im Wachen sie plötzlich eine Art Vorstellung und Ahnung von dem bekomme , was entfernte Personen , die ihr lieb sind , jetzt tun oder lassen oder wie sie sich befinden , daß sie jetzt ganz fromm sei und endlich auf der Brust leide ! Ich glaube dergleichen Sachen nicht , aber krank ist sie gewiß , und ich wünsche ihr aufrichtig alles Gute , denn sie ist mir auch lieb um deinetwillen . - Aber alle müssen leiden , was ihnen bestimmt ist ! « setzte sie nachdenklich hinzu . Während ich ungläubig den Kopf schüttelte , durchfuhr mich doch ein leichter Schauer , und ein seltsamer Schleier der Fremdartigkeit legte sich um Annas Gestalt , welche meinem innern Auge vorschwebte . Und fast in demselben Augenblicke war es mir auch , als ob sie mich jetzt sehen müsse , wie ich vertraulich bei der Judith stand ; ich erschrak darüber und sah mich um . Der Nebel löste sich auf , schon sah man durch seine silbernen Flöre den blauen Himmel , einzelne Sonnenstrahlen fielen schimmernd auf die feuchten Zweige und beglänzten die Tropfen , welche sich fallend ablösten ; schon sah man den blauen Schatten eines Mannes vorübergehen , und endlich drang die Klarheit überall durch , umgab uns und warf , wie wir waren , unser beider Schlagschatten auf den matt besonnten Grasboden . Ich eilte davon und hörte in dem Hause meines Oheims die Bestätigung dessen , was mir Judith mitgeteilt ; wohl aufgehoben in dem lebendigen Hause und beruhigt durch das vertrauliche Gespräch , lächelte ich wieder ungläubig und war froh , in meinen jungen Vettern Genossen zu finden , welche sich auch nicht viel aus dergleichen machten . Doch blieb immer eine gemischte Empfindung in mir zurück , da schon die Neigung zu solchen Erscheinungen , der Anspruch darauf mir beinahe eine Anmaßung zu sein schien , die ich der guten Anna zwar keineswegs , aber doch einem mir fremden und nicht willkommenen Wesen zurechnen konnte , in welchem ich sie jetzt befangen sah . So trat ich ihr , als ich abends zurückkehrte , mit einer gewissen Scheu entgegen , welche jedoch durch ihre liebliche Gegenwart bald wieder zerstreut wurde , und als sie nun selbst , in Gegenwart ihres Vaters , leise anfing von einem Traume zu sprechen , den sie vor einigen Tagen geträumt , und ich daher sah , daß sie willens sei , mich in das vermeintliche Geheimnis zu ziehen , glaubte ich unverweilt an die Sache , ehrte sie und fand sie nur um so liebenswürdiger , je mehr ich vorhin daran gezweifelt . Als ich mich allein befand , dachte ich mehr darüber nach und erinnerte mich , von solchen Berichten gelesen zu haben , wo , ohne etwas Wunderbares und Übernatürliches anzunehmen , auf noch unerforschte Gebiete und Fähigkeiten der Natur selbst hingewiesen wurde , so wie ich überhaupt bei reiflicher Betrachtung noch manches verborgene Band und Gesetz möglich halten mußte , wenn ich meine größte Möglichkeit , den lieben Gott , nicht zu sehr bloßstellen und in eine öde Einsamkeit bannen wollte . Ich lag im Bette , als mir diese Gedanken klar wurden und ich der Unschuld und Redlichkeit Annas gedachte , als welche doch auch zu berücksichtigen wären ; und nicht so bald befiel mich diese Vorstellung , so streckte ich mich anständig aus , kreuzte die Hände zierlich über der Brust und nahm so eine höchst gewählte und ideale Stellung ein , um mit Ehren zu bestehen , wenn Annas Geisterauge mich etwa unbewußt erblicken sollte . Allein das Einschlafen brachte mich bald aus dieser ungewohnten Lage , und ich fand mich am Morgen zu meinem Verdrusse in der behaglichsten und trivialsten Figur von der Welt . Ich raffte mich hastig zusammen , und wie man des Morgens Gesicht und Hände wäscht , so wusch ich gewissermaßen Gesicht und Hände meiner Seele und nahm ein zusammengefaßtes und sorgfältiges Wesen an , suchte meine Gedanken zu beherrschen und in jedem Augenblicke klar und rein zu sein . So erschien ich vor Anna , wo mir ein solch gereinigtes und festtägliches Dasein leicht wurde , indem in ihrer Gegenwart eigentlich kein anderes möglich war . Der Morgen nahm wieder seinen Verlauf wie gestern , der Nebel stand dicht vor den Fenstern und schien mich hinauszurufen . Wenn mich jetzt eine Unruhe befiel , Judith aufzusuchen , so war dies weniger eine maßlose Unbeständigkeit und Schwäche als eine gutmütige Dankbarkeit , die ich fühlte und die mich drängte , der reizenden Frau für ihre Neigung freundlich zu sein ; denn nach der unvorbereiteten und unverstellten Freude , in welcher ich sie gestern überrascht , durfte ich mir nun wirklich einbilden , daß sie mir herzlich gut war . Und ich glaubte ihr unbedenklich sagen zu können , daß sie mir lieb sei , indem ich sonderbarerweise dadurch gar keinen Abbruch meiner Gefühle für Anna wahrnahm und es mir nicht bewußt war , daß ich mit dieser Versicherung fast nur das Verlangen aussprach , ihr recht heftig um den Hals zu fallen . Zudem betrachtete ich meinen Besuch als eine gute Gelegenheit , mich zu beherrschen und in der gefährlichsten Umgebung doch immer so zu sein , daß mich ein verräterischer Traum zeigen durfte . Unter solchen Sophismen machte ich mich auf , nicht ohne einen ängstlichen Blick auf Anna zu werfen , an welcher ich aber keinen Schatten eines Zweifels entdeckte . Draußen zögerte ich wieder , fand aber den Weg unbeirrt zu Judiths Garten . Sie selbst mußte ich erst eine Weile suchen , weil sie , mich gleich am Eingange sehend , sich verbarg , in den Nebelwolken hin und her schlüpfte und dadurch selbst irre wurde , so daß sie zuletzt stillstand und mir leise rief , bis ich sie fand . Wir machten beide unwillkürlich eine Bewegung , uns in den Arm zu fallen , hielten uns aber zurück und gaben uns nur die Hand . Sie sammelte immer noch Obst ein , aber nur die edleren Arten , welche an kleinen Bäumen wuchsen ; das übrige verkaufte sie und ließ es von den Käufern selbst vom Baume nehmen . Ich half ihr einen Korb voll brechen und stieg auf einige Bäume , wo sie nicht hingelangen konnte . Aus Mutwillen stieg ich auch in die oberste Krone eines hohen Apfelbaumes hinauf , daß ich im Nebel verschwand . Sie fragte mich unten , ob ich sie liebhätte , und ich antwortete gleichsam aus den Wolken mein Ja . Da rief sie schmeichelnd : » Ach , das ist ein schönes Lied , das hör ich gern ! Komm herunter , du junger Vogel , der so artig singt ! « So brachten wir alle Tage eine Stunde zu , eh ich zu meinem Oheim ging ; wir sprachen dabei über dies und jenes , ich erzählte viel von Anna , und sie mußte alles anhören und tat es mit großer Geduld , nur damit ich dabliebe Denn während ich in Anna den bessern und geistigern Teil meiner selbst liebte , suchte Judith wieder etwas Besseres in meiner Jugend , als ihr die Welt bisher geboten ; und doch sah sie wohl , daß sie nur meine sinnliche Hälfte anlockte ; und wenn sie auch ahnte , daß mein Herz mehr dabei war , als ich selbst wußte , so hütete sie sich wohl , es merken zu lassen , und ließ mich ihre tägliche Frage in dem guten Glauben beantworten , daß es nicht so viel auf sich hätte . Oft drang ich auch in sie , mir von ihrem Leben zu erzählen und warum sie so einsam sei . Sie tat es , und ich hörte ihr begierig zu . Ihren verstorbenen Mann hatte sie als junges Mädchen geheiratet , weil er schön und kraftvoll ausgesehen . Aber es zeigte sich , daß er dumm , kleinlich und klatschhaft war und ein lächerlicher Topfgucker , welche Eigenschaften sich alle hinter der schweigsamen Blödigkeit des Freiers versteckt hatten . Sie sagte unbefangen , sein Tod sei ein großes Glück gewesen . Nachher bewarben sich nur solche Männer um sie , welche ihr Vermögen im Auge hatten und sich schnell anderswohin richteten , wenn sie ein paar hundert Gulden mehr verspürten . Sie sah , wie blühende , kluge und handliche Männer ganz windschiefe und blasse Weibchen heirateten mit spitzigen Nasen und vielem Gelde , weswegen sie sich über alle lustig machte und sie schnöde behandelte . » Aber ich muß selbst Buße tun « , fügte sie hinzu , » warum hab ich einen schönen Esel genommen ! « Fünftes Kapitel Torheit des Meisters und des Schülers Nach acht Tagen kehrte ich zur Stadt zurück und nahm meine Arbeit bei Römer wieder auf . Da es mit dem Zeichnen im Freien vorbei und auch nichts weiter zu kopieren war , leitete mich Römer an , zu versuchen , ob ich aus dem Gewonnenen ein Ganzes und Selbständiges herstellen könne . Ich mußte unter meinen Studien ein Motiv suchen und selbiges zu einem kleinen Bilde ausdehnen und abgrenzen . » Da wir hier ohne alle Mittel sind « , sagte er , » außer meiner eigenen Mappe , welche Sie mir diesen Winter hindurch in die Ihrige hinüberpinseln würden , wenn ich es zugäbe , so ist es am besten , wir machen es so Sie sind zwar noch zu jung dazu und werden noch ein- oder zweimal mit neuen Erfahrungen von vorn anfangen müssen , ehe Sie etwas Dauerhaftes machen . Indessen wollen wir immerhin versuchen , ein Viereck so auszufüllen , daß Sie es im Notfall verkaufen können ! « Mit der ersten Probe ging es ganz ordentlich ; ebenso mit der zweiten und dritten . Die frische Luft , die Einfachheit des Gegenstandes und Römers sichere Erfahrung ließen die Gründe sich wie von selbst aneinanderfügen , das Licht wurde ohne Schwierigkeit verteilt und jede Partie in Licht und Schatten vernünftig und klar ausgefüllt , so daß keine nichtssagenden und verworrenen Stellen übrigblieben . Großes Vergnügen gewährte es mir , wenn ich einen oder einige Gegenstände , zu denen die vorliegenden Studien im Licht gehalten waren , in Schatten setzen mußte oder umgekehrt , wo dann durch eigenes Nachdenken und Berechnung ein Neues und doch einzig Notwendiges bezweckt wurde , nach den Bedingungen der Lokalfarbe , der Tageszeit , des blauen oder bewölkten Himmels und der benachbarten Gegenstände , welche mehr oder weniger Licht und Farbe zurückwerfen mußten . Gelang es mir , den wahrscheinlichen Ton zu treffen , der unter ähnlichen Verhältnissen über der Natur selbst geschwebt hätte - was man gleich sah , indem ein wahrer Ton immer einen ganz eigentümlichen Zauber übt - , so beschlich mich ein stolzes Gefühl , in welchem mir meine Erfahrung und das Weben der Natur eins zu sein schienen . Allein das Vergnügen erwies sich schwieriger , als umfang- und inhaltsreichere Sachen unternommen wurden und , durch diese Tätigkeit hervorgerufen , meine Erfindungslust wieder auftauchte und überwucherte . Das gewichtige Wort Komponieren summte mir mit prahlerischem Klang in den Ohren , und ich ließ , als ich nun förmliche Skizzen entwarf , die zur Ausführung bestimmt waren , meinem Hange den Zügel schießen . Überall suchte ich poetische Winkel und Plätzchen , geistreiche Beziehungen und Bedeutungen anzubringen , welche mit der erforderlichen Ruhe und Einfachheit in Widerspruch gerieten . Römer ließ mich eine solche Skizze unbeschnitten ausführen , und als das Machwerk mir selbst nicht behagen wollte , ohne daß ich wußte warum