die Gerechtigkeit haben . Da liegt es . Iustitia fundamentum imperii . Zeigen Sie mir in der ganzen alten und neuen Geschichte so etwas wie die Mühle von Sanssouci oder wie den Müller Arnoldschen Prozeß . Das Kammergericht , meine Herrschaften . Und es gibt noch Richter in Berlin , haben selbst unsere Feinde zugestanden . Ich will nichts gegen die Franzosen sagen , aber eins muß ich sagen : sie haben keine Gerechtigkeit . Und wo keine Gerechtigkeit ist , da ist kein Maß , und wo kein Maß ist , da ist kein Sieg . Und wenn ein Sieg da war , so hat er keine Dauer und verwandelt sich in Niederlage . Und der Anfang dieser Niederlage ist da . Der Russe drängt nach , wir legen uns vor , und so zerreiben wir diese französische Herrlichkeit wie zwischen zwei Mühlsteinen . « » Sie sprechen von zwei Mühlsteinen « , lächelte Klemm , » gut , ich lasse die zwei Steine gelten , aber was dazwischen zerrieben werden wird , das werden nicht die Franzosen sein , sondern die Russen . « » Nicht doch , nicht doch « , riefen Ziebold und Grüneberg gleichzeitig und setzten dann hinzu : » Oder zeigen Sie uns wenigstens , wie . « Dieser Aufforderung hatte Klemm entgegengesehen . » Es wäre gut , wir hätten eine Karte « , sagte er ; » aber ein paar Striche tun es auch . Frau Hulen , ich bitte um einen Bogen Papier . « Frau Hulen beeilte sich , den gewünschten Bogen herbeizuschaffen , auf dem Klemm nun , mit jener Sicherheit , wie sie nur die tägliche Wiederholung gibt , dieselben Linien zu zeichnen begann , die er schon am Neujahrsabend mit Kreide auf den Tisch gezeichnet hatte . Dann hob er an : » Dieser dicke Strich also , wie ich zu bemerken bitte , ist die Grenze , rechts Rußland , links Preußen und Polen . Achten Sie darauf , meine Herrschaften , auch Polen . Hier links ist Berlin , und hier , zwischen Berlin und dem dicken russischen Grenzstrich , diese zwei kleinen Schlängellinien , das sind die Oder und die Weichsel . Nun müssen Sie wissen , an der Oder und Weichsel hin , in sechs großen und kleinen Festungen , stecken dreißigtausend Mann Franzosen , und ebenso viele stecken hier unten in Polen , in einer sogenannten Flankenstellung , halb schon im Rücken . Ich wiederhole Ihnen , achten Sie darauf ; denn in dieser Flankenstellung liegt die Entscheidung . Jetzt drängt der Russe nach ; schwach ist er , denn wenn eine Armee friert , friert die andere auch , und schlottrig geht er über die Weichsel . Und nun geschieht was ? Von den Oderfestungen her treten ihm dreißigtausend Mann ausgeruhter Truppen entgegen , während von der polnischen Flankenstellung her andere dreißigtausend Mann heraufziehen , sich vorlegen und ihm die Rückzugslinie abschneiden . Und klapp , da sitzt er drin . Das ist , was man eine Mausefalle nennt . Ich mache mich anheischig , Ihnen die Stelle zu zeigen , wo die Falle zuklappt . Hier , dieser Punkt ; es muß Köslin sein oder vielleicht Filehne . Ich gehe jede Wette ein , zwischen Köslin und Filehne kapituliert die russische Armee . Wie Mack bei Ulm . Was nicht kapituliert , ist tot . « Alles war erstaunt ; nur Schimmelpenning , der in den Weißbierlokalen der Stadt nicht viel weniger gut zu Hause war als sein Gegner , sagte mit einschneidender Ruhe : » Es ist bekannt , Herr Klemm , daß Sie diese Sätze jetzt täglich wiederholen , buchstäblich wiederholen , wobei es nichts tut , ob Sie die Weichsel mit Bleistift auf Papier oder mit Kreide auf den Tisch zeichnen . Sie werden über kurz oder lang Ungelegenheiten davon haben ; doch das ist Ihre Sache . Eins aber ist meine Sache , Ihnen zu sagen , daß ich alles , was Sie tun und sprechen , unpatriotisch finde . « » Muß ich bei Ihnen Patriotismus lernen ? « brauste Klemm auf und schlug mit der flachen Hand auf den Tisch . » Ehe Ihnen Ihre Mutter , ich bitte um Entschuldigung , meine Damen , die ersten Hosen anpaßte , war ich schon bei Torgau . Ich habe die Grenadiers gesammelt ... « » Ich weiß davon « , unterbrach ihn Schimmelpenning , » aber das waren nicht Sie , das war der Major von Lestwitz . « » Ich weiß nicht , was der Major von Lestwitz getan hat « , schrie der immer aufgeregter werdende Klemm , » aber was ich getan habe , das weiß ich . « » Und behalten es in gutem Gedächtnis « , höhnte Schimmelpenning weiter . » Auch ist es noch keinem eingefallen , Herr Klemm , daß Sie jemals eine von Ihren Großtaten vergessen hätten . « Bei dem Worte » groß « machte der Nuntius eine lange maliziöse Pause ; Frau Hulen aber , die den Streit aus der Welt zu schaffen wünschte , wandte sich an Herrn Schimmelpenning und bat ihn mit eindringlicher Stimme , die auf dem linken Flügel noch unberührt stehende Sülze herumgehen zu lassen . Es wurde nicht überhört , so hoch die Wogen auch gingen . Als das neue Gericht bei der Zunzen vorbeikam , die von Zeit zu Zeit an Hustenanfällen litt und deshalb vorsichtig mit reizbaren Sachen sein mußte , beugte sie sich zur Hulen und fragte leise : » Viel Pfeffer ? « , worauf diese antwortete : » Nein , liebe Zunz , englisch Gewürz . « Diese beruhigende Erklärung schien von der Alten richtig verstanden zu werden , denn sie nahm ausgiebig von der Schüssel , die sie noch in Händen hielt . Dem ausbrechenden Streit der Gegner aber war glücklich gesteuert . Bald darauf wurde aufgestanden , und nachdem sich , mit Ausnahme von Klemm und Schimmelpenning , alles die Hände gedrückt und eine gesegnete Mahlzeit gewünscht hatte , begab man sich paarweise in Lewins Zimmer , wo nun Punsch und Krausgebackenes herumgereicht wurde . » Und nun , liebe Laacke , singen Sie uns was ; aber nichts Trauriges , nicht wahr , Ulrikchen , nichts Trauriges ? « Ulrike stimmte bei , worauf Mamsell Laacke bemerkte , daß sie nichts Trauriges singen wolle , aber auch nichts Heiteres . Das Heitere widerstände ihr , weil es flach und unbedeutend sei ; sie liebe das Gefühlvolle , und man solle immer nur das singen , was der eigenen Natur entspräche . Denn » in unserer Stimme ruht unser Herz « . Es wurden nun Lewins Noten einer wiederholten Durchsuchung unterworfen , bis endlich ein paar Opernarien gefunden waren , in denen der vielgerühmte Tenor des Herrn Ziebold mitwirken konnte . Mamsell Laacke überreichte ihm ein himmelblau brochiertes Heft , auf dessen Titelblatt zu lesen stand : » Fanchon , das Leiermädchen , von Friedrich Heinrich Himmel , Klavierauszug , Akt II « ; darunter ein Bildnis Fanchons , kurzärmlig , mit Kopftuch und einer Art Mandoline in der Hand . Nichts konnte , alles in allem erwogen , willkommener sein als das . Ein Duett hat immer etwas von dem Reize einer dramatischen Szene . Die Laacke intonierte und begann , während Herr Ziebold seine Linke auf die niedrige Stuhllehne legte : » In heitrer Abendsonne Strahlen , Dort , wo die Alpenrose keimt , Laß ich die liebe Hütte malen , Wo meine Kindheit ich verträumt . Daß eine Grille nie dich lenke , Die nur gemeine Seelen kränkt ; Entehren jemals die Geschenke Von dem , der uns sein Herz geschenkt ? « Nachdem diese letzte Zeile nicht nur dreimal wiederholt , sondern seitens der gefühlvollen Laacke auch mit besonderem Nachdruck vorgetragen worden war , fiel der Tenor Ziebolds ein , und beide sangen nun die Schlußstrophe : » Die Liebe teilet unbefangen , Was einem nur das Glück beschied , Und zwischen Geben und Empfangen Macht Liebe keinen Unterschied . « Ziebold hatte von alter Zeit her eine Force im Tremulando und erzielte damit auch heute eine solche Wirkung , daß die bis dahin kühle Stimmung umschlug und die Gefühle allgemeiner Menschenliebe wenigstens momentan zum Durchbruch kamen . Der Abend war jetzt entschieden auf seiner Höhe . Frau Hulen empfand dies und schlug deshalb unverzüglich eine Wanderpolonaise vor , die denn auch , durch alle Zimmer hin , unter geschickter Umkreisung des stehengebliebenen Eßtisches ausgeführt wurde . Zum Schluß aber spielte die Laacke zu hastig und ließ absichtlich einige Takte aus . » Bin ich eingeladen , um auf diesem Klimperkasten dieser froschäugigen Mamsell Ulrike zum Tanze aufzuspielen ? « So drängten sich die Fragen , und der letzte Moment des Festes war wieder ein Mißakkord . Eine Viertelstunde später gingen die Paare nach verschiedenen Seiten hin die Klosterstraße hinunter , die Ziebolds links , auf den Hohen Steinweg zu . » Das ist nun das letzte Mal gewesen « , sagte Frau Ziebold , » du bringst mich nicht mehr hin . Ich habe nicht Lust , mit Mamsell Laacke auf demselben Sofa zu sitzen . Und dies alberne Ding , die Ulrike ! Sah mich an , als hätte sie mich noch nie gesehen ; ich glaube gar , sie dachte , daß ich sie zuerst grüßen sollte . Und wie steht es denn ? Sie hilft uns nicht , aber wir helfen ihr . Das gelbe Mohrkleid und die Zuckerzange lagern nun schon in die zehnte Woche . « Hier hielt die Sprecherin , denn die Luft ging scharf , einen Augenblick inne , um Atem zu schöpfen . Dann aber fuhr sie fort : » Und nun gar diese Mannsbilder ! Ich weiß wirklich nicht , wer unausstehlicher ist , dieser Klemm , der nur drei Stücke auf seiner Leier hat , oder dieser Schimmelpenning , der aussieht , als habe er die Gerechtigkeit erfunden . « Ziebold lachte und sagte : » Du vergißt Grünebergen ; war er nicht dein Tischnachbar ? « » Freilich war er das ; aber glaubst du , daß er ein Wort mit mir gesprochen hätte ? Und warum nicht ! Weil er ein alter Narr ist und immer das liebe Töchterchen angafft und auf den Prinzen wartet , der sie mit einer goldenen Kutsche abholen soll . Und dann nimm es mir nicht übel , Ziebold , die Hulen ist eine gute Frau , aber was waren das für Pielen ? Semmelstücke , und das bißchen Mohn kratzig und multrig . « Die Grünebergs hielten sich derweilen rechts . Als sie um die Ecke der Stralauer Straße bogen , sagte Ulrike : » Ich weiß eigentlich nicht recht , was der Hulen beikommt ? Immer so , als ob sie keine arme Frau wäre ; drei Gerichte und Krausgebackenes und Punsch . Mir gefällt es nicht , und ich finde es unrecht . Und dann immer in zwei Stuben , als ob ihr alle beide gehörten ! Wenn ich eine Stube vermiete , so habe ich sie vermietet ; der junge Herr von Vitzewitz , der mir das letzte Mal aufmachte , als ich klingelte , weil die Hulen nicht zu Hause war , würde sich doch sehr wundern , wenn er diese Mamsell Laacke mit ihren langen knöchernen Fingern auf seinem Klavier hätte herumhantieren sehen . Und diese Singerei ! Da hör ich doch lieber die Kurrende . Aber es soll immer so was sein . Ein bißchen Blindekuh oder ein paar Kartenkunststücke , das ist ihr nicht genug ... Und was für Menschen ! Er , Ziebold , das muß wahr sein , ist ein kulanter Mann , und man merkt es ihm an , daß es ihm nicht an der Wiege gesungen worden ist . Aber diese Person , seine Frau ! Immer in Seide und mit Korallenohrbommeln ; ich mag nicht wissen , wem sie gehören . Sie muß doch Mitte Vierzig sein , und dabei ausgeschnitten wie die jüngste . Aber das weiß ich , ich gehe nicht wieder hin . Ich will mir nicht meinen Ruf verderben . « So dachten auch die andern . Befriedigt war nur Frau Hulen selbst . Fünftes Kapitel Soiree und Ball Um die vierte Stunde des andern Tages , die Sonne war eben unter , hielten die seit einer Woche kaum noch aus dem Geschirr gekommenen Hohen-Vietzer Ponies vor dem uns aus dem Beginn unserer Erzählung bekannten Hause in der Klosterstraße . Lewin hatte die Leinen genommen und wartete geduldig auf die Rückkehr des Kutschers , der abgestiegen war , um den altmodischen , mit vielen Riemen zugeschnallten Mantelsack in die Frau Hulensche Wohnung hinaufzutragen . Das Gefährt war nicht mehr der nur für eine Nachtfahrt geeignete Sack- und Planschlitten , sondern der leichte zweisitzige Kaleschwagen , mit dem Berndt seine hier- und dorthin gehenden Ausflüge zu machen pflegte . Es wurd unserm Freunde nicht schwer zu warten , denn der ganze nordwestliche Himmel glühte noch , und die kleine , fast unmittelbar zu seiner Linken gelegene , ringsumher von Efeu umwachsene Klosterkirche stand wie ein Schattenbild in dieser abendlichen Glut und nahm seine Aufmerksamkeit gefangen . Von allen Seiten kamen Krähen heran , setzten sich auf die Zacken des Giebelfeldes und berieten sich , wie sie zu tun pflegen , für die Nacht . In der Straße war nur wenig Leben ; die Laternen wurden an ihren langen Drahtketten herabgelassen , langsam angezündet und langsam und knarrend wieder in die Höhe gezogen . Endlich kam Krist zurück , und während dieser , ohne wieder aufzusteigen , das Fuhrwerk nach dem » Grünen Baum « hinüberdirigierte , öffnete Lewin die schwere , mittelst eines innen angebrachten Steingewichts sich von selbst schließende Haustür und stieg die Treppen hinan . Auf der dritten und letzten schimmerte schon das Licht , mit dem Frau Hulen auf den Flur getreten war , teils um ihrem jungen Herrn Lewin ihren Respekt zu bezeigen , aber noch mehr , um die dicke Efeugirlande über der Tür sichtbar zu machen , die sie zu seinem Empfange geflochten . » Guten Abend , Frau Hulen . « Damit trat er erst in den Alkoven und von diesem aus in das große Vorderzimmer , das die Liebe und Sorgfalt der Alten in ähnlicher Weise festlich hergerichtet hatte . Auf dem runden Sofatische standen zwei kleine brennende Lichter , Kaffeegeschirr und ein Napfkuchen , während eine zweite Girlande , auch von Efeu , aber schmal und zierlich und aus einzelnen Blättern zusammengenäht , die damastne Kaffeeserviette einfaßte . » Aber das ist ja , als ob ein Bräutigam einzöge , Frau Hulen ; wo kommt nur all der Efeu her ? « » Kirchenefeu , junger Herr . « » Also von drüben ? « » Ja , drüben von der Klosterkirche ; ich hab ihn an dem linken Chorpfeiler gepflückt , wo Küster Susemihls Johanna mit dem kleinen Würmchen begraben liegt . All in eins , Mutter und Kind . Es sind nun drei Jahr . Können sich der junge Herr nicht mehr entsinnen ? « » Nein . Was war es denn damit ? « » Es soll ein Marschall gewesen sein ; aber Herr Kaufmann Ziebold hat mich ausgelacht ; es sei freilich ein Marschall gewesen , aber bloß ein französischer Logiermarschall , was sie bei uns einen Wachtmeister nennen . Na , lieber Gott , ich kann es nicht wissen , ich bin eine alte Frau , aber das weiß ich , Marschall oder nicht , daß er einen schweren Stand haben wird , denn es war ein gutes Kind , die Johanna , und sie hielt auf sich , und selbst die alte Zunzen , die von jedem was weiß , wußte ihr nichts nachzusagen . Es war noch ein Glück , daß das Kind gleich tot war . Einige sagen freilich , es wäre nicht tot gewesen , aber ich glaub es nicht , und man soll nicht sagen , was man nicht beweisen kann . Und nun langen Sie zu , junger Herr , und schenken sich ein , ehe der Kaffee kalt wird . « » Ja , Frau Hulen , das ist leichter gesagt als getan . Wo denken Sie hin ? So bei Gräberefeu ... « » Ach , junger Herr , da kenn ich Sie besser . Wenn die Dienstagsherren hier sind , der dicke Herr Hauptmann , der immer so spaßig ist , und der Herr von Jürgaß und der Herr Himmerlich , der solche dünne Stimme hat , und ich höre dann von nebenan zu , da weiß ich schon , je lauter sie lesen und je rührender es ist , desto mehr Tassen und Gläser muß ich bringen . Und wer dann am meisten dabei ist , das ist mein junger Herr . « » Nun , Frau Hulen , wenn die Sachen so liegen , da muß ich es schon versuchen « , und dabei schenkte er sich ein und machte sich ' s bequem , während die Alte , um ihn nicht länger zu stören , aus dem Zimmer ging . Auf dem Tische , zu einem kleinen Fächer geordnet , lagen auch die vier , fünf Briefe , die während seiner Abwesenheit eingegangen waren . Einer von Jürgaß enthielt eine kurze Anfrage , wann und wo die nächste Kastaliasitzung stattfinden solle , ein anderer , erst vor wenig Stunden geschrieben , war von Tubal . Nur wenige Zeilen . Lewin las : » 4. Januar Seit vorgestern abend sind wir wieder hier . Papa , der uns schon früher von Guse zurückerwartet hatte , hat auf heute ( Montag ) eine Soiree angesetzt . So du rechtzeitig eintriffst , laß uns nicht im Stich . Wir haben Überfluß an Herren , aber nicht an Tänzern . Die Mazurka , die vor dem Feste bei Wylichs aufgeführt wurde und in der Kathinka , wie Du gehört haben wirst , einen ihrer Triumphe feierte , soll wiederholt werden . Du fehltest damals ; sei heute da . Dein T. « Lewin legte das Blatt aus der Hand , das ihn verstimmt hatte . Während der Fahrt war er geschäftig gewesen , sich diesen ersten Abend als ein häusliches Idyll auszumalen , alles hell und licht , in dem Frau Hulens weiße Haube , die weiße Teekanne und viele quadratisch gefaltete weiße Blätter ( von denen er jedes zu beschreiben hoffte ) die seinem Auge sich einschmeichelndsten Punkte waren , und nun zerrann dieser Traum in demselben Augenblicke , in dem er ihn zu verwirklichen dachte . Er hatte weder Lust zu tanzen noch tanzen zu sehen , am wenigsten Kathinka , deren Mazurkapartner , wie er sich aus begeisterten Schilderungen der Freunde sehr wohl entsann , Graf Bninski gewesen war . Und doch war die Einladung nicht zu umgehen . Er hatte noch zwei Stunden , und müde von der Fahrt , überwand er mit Hilfe seiner Ermattung seine Mißstimmung , drückte sich in das seegrasharte Sofakissen und schlief ein . Als er erwachte , war alles dunkel im Zimmer , die kurzen Lichter niedergebrannt . Er wickelte sich aus einer Decke heraus , mit der ihn Frau Hulen , während er schlief , zugedeckt hatte ; aber es kostete ihn Mühe , sich zurechtzufinden . Wo war er ? Er tappte sich auf das Fenster zu und sah auf die Straße hinunter . Da waren die Laternen , die in trübem Lichte brannten ; drüben der Schatten mit den zwei kleinen Türmen , das war die Klosterkirche . Was war es doch damit ? Wer hatte doch davon erzählt ? Richtig , die Hulen . Da war ja die Girlande ; und Johanna Susemihl und das Würmchen ; und er fühlte nun , daß eine stickige Luft in dem Zimmer war und daß der betäubende Geruch des Efeus und der Lichterblak ihm einen dumpfen Kopfschmerz zugezogen hatten . Was tun ? Er öffnete den Fensterflügel , an dessen einem Riegel er sich mechanisch gehalten hatte , und atmete erst wieder freier , als die kalte Nachtluft in sein Zimmer zog . Dann klopfte er , und Frau Hulen kam . » Wie spät ist es ? « » Acht Uhr . « » Ei , da hab ich mich verschlafen . Und dies Kopfweh . Ein Glas Wasser , Frau Hulen , und Licht . Ich muß mich eilen . « Die Alte lief hin und her ; die Kommodenkästen flogen auf und zu , und eine Stunde später stieg Lewin die breite Steintreppe hinauf , die an Nischen mit drei , vier Perücken-Kurfürsten vorüber in das erste Stock des Ladalinskischen Hauses führte . Er warf den Mantel ab , hörte , während er in dem Garderobezimmer seine Toilette ordnete , den gedämpften Strich der Geigen und schritt dann über den mit Orangerie besetzten Vorflur in das offenstehende Entree , das , zwischen den beiden großen Gesellschaftssälen gelegen , gerade die Mitte der ganzen Zimmerflucht bildete . Es war im übrigen ein Entree wie andere mehr , schmucklos , mit einem einzigen hohen , zugleich als Balkontür dienenden Fenster , und zeichnete sich durch nichts aus als durch sein Deckenbild : Venus bei dem Untergange Trojas ohnmächtig in die Arme des Zeus sinkend . Es war das beste der alten Plafondgemälde und zugleich das wohlerhaltenste . Unser Freund , wenig heimisch in der Welt der bildenden Künste , würde zu keiner Zeit ein begeistertes Auge für die Linien dieser Komposition gehabt haben , am wenigsten hatte er es heute , wo Kopfweh , Mißstimmung und ein gerade an dieser Stelle stattfindendes Gedränge ohnehin an einer eingehenden Beobachtung hinderten . Nach links hin lag der Tanzsaal . Lewin sah hinein und bemerkte , daß zwölf oder vierzehn Paare zu einer Anglaise angetreten waren ; aber Kathinka fehlte . Wo war sie ? Und bei dieser Frage stürmten Bilder und Gedanken auf ihn ein , die dem Versuche , sie als töricht zu verbannen , nur zögernd und widerstrebend nachgaben . Er ließ nun sein Auge die Sitzreihen niedergleiten , auf der an der Längswand des Saales hin die älteren Damen Platz genommen hatten ; aber auch hier vergebens . In der Mitte dieser Reihe saß die alte Gräfin Reale , Oberhofmeisterin der Prinzessin Ferdinand , eine Dame von Siebzig oder darüber , mit einer gebogenen und doch spitz auslaufenden Nase . Alles an ihr war grau : die Robe , der Shawl , das hochaufgetürmte Haar , und sie glich einem bösen Kakadu , besonders als sie jetzt ein schwarzes Lorgnon mit zwei großen Kristallgläsern aufsetzte und Lewin , dessen hastiges Suchen ihr aufgefallen sein mochte , verwundert und beinahe strafend ansah . Dieser schlug die Augen nieder und richtete sie ziemlich verwirrt auf die Nachbarin der alten Gräfin . Dies war ein Fräulein von Bischofswerder , Tochter des ehemaligen Ministers und Dame d ' atour der Königinwitwe . Sie trug das wenige blonde Haar , das sie hatte , in zwei Locken gelegt , die jetzt aber von der Hitze des Saales ihre ohnehin spärliche Federkraft verloren hatten und in dünner , ungebührlicher Länge bis an den Gürtel hinunterhingen . Überhaupt war alles lang an ihr , der Hals und die dänischen Handschuhe , die bis zum Ellbogen hinaufreichten , und inmitten all seiner Mißstimmung überkam ihn ein Lächeln . » Mamsell Laacke ! « sagte er vor sich hin . Er gab endlich alles weitere Suchen und Forschen auf und schritt in den nach rechts hin gelegenen Saal hinüber , in dem Erfrischungen gereicht und in dicht umherstehenden Gruppen die Neuigkeiten des Tages ausgetauscht wurden . Es waren meist ältere Herren : Adjutanten und Kammerherren der verschiedenen prinzlichen , damals sehr zahlreichen Hofstaaten , Gesandte kleinerer Höfe , Exzellenzen aus dem Auswärtigen Departement und Abteilungschefs des Oberfinanzdirektoriums wie der Kriegs- und Domänenkammer . Einige davon spezielle Freunde des Hauses , so der Intendant der königlichen Schlösser und Gärten , Herr Valentin von Massow , Schloßhauptmann von Wartensleben , Generaldirektor der königlichen Schauspiele , Freiherr von der Reck , und Staatsrat und Polizeipräsident Le Coq . Auch Universitätsprofessoren , Ärzte , Geistliche und Berliner Stadtzelebritäten waren erschienen ; in der ersten Fensternische standen Hofprediger Eylert und der Oberkonsistorialrat Sack in eifrigem Gespräch , während in unmittelbarer Nähe von Lewin Professor Doktor Mursinna , der damalige berühmteste Chirurg der Stadt , und der Schauspieler Fleck ein lebhaftes Gespräch führten . Lewin verstand jedes Wort und hörte deutlich , daß Mursinna das Hinken Richards III. nicht korrekt finden wollte . Es hätte ihn unter andern Umständen auf das lebhafteste interessiert , dem Gange dieser Unterhaltung folgen zu können , aber in der Unruhe seines Gemüts fühlte er sich nur bedrückt , auch in diesem Saale keinem näher befreundeten Gesicht zu begegnen . Von jüngeren Männern war niemand da , den er kannte . Auch Bninski nicht , und bei dieser Wahrnehmung stieg ihm plötzlich wieder das Blut in die Stirn , und er wechselte die Farbe , freilich nur , um sich schon im nächsten Augenblicke wieder der Vorstellungen zu schämen , womit ihn seine Eifersucht in immer neuen Anfällen verfolgte . Endlich wurd er eines holsteinischen Baron Geertz , Hofkavaliers bei der Königinwitwe , ansichtig , der , mit Jürgaß intim und im Ladalinskischen Hause aus und ein gehend , im Laufe des Winters einigen Kastaliasitzungen beigewohnt hatte . Unser Freund näherte sich ihm und fragte nach Jürgaß und Tubal . » Ich bin eben auf dem Wege zu ihnen « , damit schritt der Baron auf eine an der entgegengesetzten Schmalseite des Saales befindliche Tür zu , schlug die Portiere zurück und ließ Lewin eintreten , während er selber folgte . Es war das uns wohlbekannte Arbeitszimmer des Geheimrats , das aber heute , um es als Gesellschaftsraum mitverwenden zu können , eine vollständige Umgestaltung erfahren hatte . Wo sonst das Windspiel und die Goldfischchen ihre bevorzugten Plätze hatten , standen Blumenkübel mit eben damals in die Mode gekommenen Hortensien , während vor den hohen , jeder Wegschaffung spottenden Aktenrealen dunkelrote , mit einer schwarzen griechischen Borte besetzte Gardinen ausgespannt worden waren . Nur das Bild der Frau von Ladalinski war geblieben . Der große Schreibtisch hatte einem vielfarbigen Diwan und einer Anzahl zierlich vergoldeter Ebenholzstühle Platz gemacht , die sich um einen chinesisch übermalten Tisch gruppierten . Hier saßen die Freunde vor einer unverhältnismäßig großen Zahl leerer Gläser der verschiedensten Form und Farbe und empfingen Lewin mit einem so freudelauten Zuruf , wie die gesellschaftliche gute Sitte nur irgendwie gestattete . Hauptmann Bummcke und Rittmeister von Jürgaß , die sich ' s auf dem Diwan selbst bequem gemacht hatten , nahmen ihn in die Mitte ; Tubal , auf einem der Ebenholzstühle , saß gegenüber ; Baron Geertz und ein Kammerherr Graf Brühl rückten ein und schlossen den Kreis . Bummcke , der vor einer Viertelstunde schon , ehe die Anglaise begann , mit Kathinka gewalzt und , dem beständigen Fächeln mit seinem Batisttuch nach zu schließen , die gehabten Anstrengungen noch immer nicht überwunden hatte , hatte das Wort . » Es will nicht mehr gehen , Tubal , und doch tanzt es sich mit Ihrer Schwester wie mit einer Fee . « » Wo sie nur sein mag « , warf Graf Brühl ein , » ich suche sie seit zehn Minuten . Aber umsonst . « » Sie kleidet sich um für die Mazurka « , erwiderte Tubal . » Und wie sie mich abgeführt hat « , fuhr Bummcke fort , einen Diener heranwinkend , der mit einem Sherrytablett eben in der Türe erschien . » Ich wollte ihr etwas Verbindliches sagen - deliziöser Sherry , Baron Geertz , lassen Sie die Gelegenheit nicht vorübergehen - , und so sagt ich ihr , mein gnädigstes Fräulein , sagt ich , wenn ich so Ihren vollen Namen höre : Kathinka von Ladalinska , da ist es mir immer wie Janitscharenmusik , ja auf Ehre , es tingelt und klingelt wie das Glockenspiel vom Regiment Alt-Larisch . « » Und was antwortete sie ? « fragte Jürgaß , während Lewin und Tubal Blicke wechselten . » Nun , sie antwortete kurz : Da passen wir ja zusammen , und als ich , nichts Gutes ahnend , etwas verlegen anklopfte : Darf ich fragen : wie , mein gnädigstes Fräulein ? , da sagte sie : Aber , Hauptmann Bummcke , es überrascht mich einigermaßen , Ihr feines Ohr auf die musikalische Bedeutung von anderer Leute Namen beschränkt zu sehen . Muß ich Ihnen wirklich das Instrument erst nennen , das sozusagen von Ihrer ersten Namenssilbe lebt ? Und dabei nahm sie meinen Arm , und ich mußte ihr schließlich noch dankbar sein , in dem eben wieder beginnenden Tanze meine Verlegenheit verbergen zu können . « Die ganze Tafelrunde stimmte lachend in die Heiterkeit des sich selbst persiflierenden Erzählers ein , und nur Jürgaß , während er sorgfältig ein Korkbröckelchen aus seinem Sherryglase herausfischte , gefiel sich in einer Haltung erkünstelten Ernstes . » Ihnen ist nicht zu helfen , Bummcke . Warum tanzen Sie noch ? Wer sich in Gefahr begibt , kommt drin um . Aber ich kenne euch , ihr Herren von der Infanterie ! Das ist die Eitelkeit aller dicken Kapitäns , durch einen raschen Walzer ihre Schlankheit beweisen oder gar wiederherstellen zu wollen . Nein , Bummcke , Sie tanzen entweder zuviel oder zuwenig . Zuviel für das Vergnügen , zuwenig für die Kur . Tanzen ist Lieutenantssache . Mit neununddreißig ist man ein Mann der Dejeuners , der kurzen und der langen Sitzungen , und wenn es eine Kastaliasitzung wäre . Apropos , Lewin , wann haben wir die nächste ? « » Wenn wir den Dienstag festhalten , morgen . « » Mir recht , und ich werd es Hansen-Grell und die andern wissen lassen . Himmerlichs und Rabatzkis sind wir sicher . Aber wie steht es mit Ihnen ,