erbrach , das von einem ernsten Lydiabriefe oder das von seines Röschens schelmischer Wochenepistel . Es war am Morgen des letzten Sonntags im Kirchenjahr , welcher dem Gedächtnis der Verstorbenen geweiht ist , als Dezimus vor der erwarteten Familienpost einen Brief von Lydia erhielt ; schon ehegestern geschrieben , hatte ein Zufall die Beförderung verzögert ; leider verzögert , da er eine zur Eile drängende Kunde enthielt : die Fieberseuche war in Talwerben ausgebrochen . Einer von den Ärmlingen des Eichsfeldes , welche im Frühling aus ihren Dörfern wandern , um tief in das Land hinein Arbeit zu suchen , hatte in Schlesien größeres Elend gefunden , als er daheim verlassen , und statt Winterbrot den bösen Krankheitsstoff zurückgetragen . Bettelnd schleppte er sich mühselig den weiten Weg entlang , bis er endlich vor der Schenke des Talgutes zusammenbrach und in einer Scheune verschied . Unerfahrenheit in der Behandlung und Bestattung mochte die Schuld getragen haben , daß das Unheil mit der Hast und Vehemenz eines bösen Zaubers sich von Haus zu Haus , von Dorf zu Dorf in der Aue verbreitete . Der zur Leichenschau berufene Gerichtsaktuar , der Küster , ein paar Knechte und Mägde des Gutshofes waren bereits erlegen . Ein panischer Schrecken hatte das Volk gepackt , man scheute sich der dringendsten Handreichungen . Lydia durfte autodidaktisch eine tüchtige Vorschule zu dem erwählten Berufe durchmachen . Auch ärztliche Hülfe tat not , da die aus den Nachbarstädten meistenteils erst gesucht wurde und gebracht werden konnte , wenn Hülfe zu spät kam . Lydia forderte Dezimus daher auf , so rasch als möglich einen jungen Mediziner für den Dienst in ihrer Gegend anzuwerben . Sie bot ihm bis zum Erlöschen der Epidemie freie Station im Schloß und neben seinen ärztlichen Gebühren ein Salär aus ihren Mitteln . Noch fügte sie hinzu , daß Hochwerben bis jetzt verschont geblieben sei , der Vater aber seines Amtes im Filial mit Jünglingseifer warte . Dezimus war entschlossen , noch heute zur Unterstützung seines Vaters und seiner Freundin nach Hause zu eilen , sobald er nur des Auftrags der letzteren sich entledigt hätte . Die natürliche Wahl fiel auf Freund Kurzen , nicht bloß weil er ein Heimatsinteresse für die Sache hatte , sondern auch weil er keinen eifrigeren und tüchtigeren jungen Mann seines Faches kannte und sein gutes Zutrauen ihm noch kürzlich von dem ersten klinischen Lehrer der Universität bestätigt worden war , als er mit ihm bei seinem alten Chaldäer zusammentraf . Er fand den Freund indessen weder in seinem unbehaglichen Dachgelaß noch in den behaglicheren Lokalen , in welchen er seinen gesunden Appetit , zumal auf » flüssiges Brot « , zu stillen pflegte . Wo hätte er ihn außerdem suchen sollen ? Auf Praxis leider nicht ; denn seit netto sechs Monaten hatte Doktor Peter Kurze in Blättern und Blättchen , zwanzig Meilen in der Runde , seine ärztlichen Dienste ausgeboten wie - sein eigenes Gleichnis - wie sauer Bier ; jedweder rationellen Kur , inklusive Zahnausziehen und Hühneraugenschneiden , würde er sich mit Hochgenuß unterzogen haben : dennoch hatte sich , etwelche akademische Kneipkumpane ausgenommen , die honoris causa behandelt werden mußten , noch kein einziges einer rationellen Kur bedürftiges Individuum in seine ausgespannten Netze verfangen . Als nach langem , vergeblichen Umherirren Dezimus nach seiner Wohnung zurückging , in der Absicht , seinen Auftrag schriftlich anzubringen , stürmte ihm von dorther der Gesuchte entgegen , indem er schon auf zwanzig Schritt Distanz die große Mär zu verkünden begann , daß heute , an dem jedes medizinische Herz bewegenden Totenfeste - obschon für seine eigene ärztliche Person an jeglichem wissenschaftlichen Verbrechen noch unschuldig wie ein neugeborenes Lamm - , der Entschluß in ihm reif geworden sei , aus der Not eine Tugend zu machen und seine Künste bei den Wasserpolacken an den Mann zu bringen . Er hatte seine akademische Legitimation bereits in der Tasche ; morgen in Tagesfrühe wollte er aufbrechen . Da , in der letzten Stunde stößt er auf den Fortunatus aus der Heimatsaue , der ihm statt der fernen Klientel , die den Bettelsack trägt , in nächster Nähe eine andere mit gefüllten Brotschränken anbietet , dazu freie Station in einem Edelhofe und ein ganz respektables Gehalt ! Wie das Elend einer Menge dem einzelnen ja häufig zum Segen wird , so wird die ansteckende Hungerseuche Doktor Peter Kurzen zu einem Schmaus . Er tut auf offener Straße einen Freudensprung in die Luft , dann einen zweiten dem hünenhaften Glücksboten an den Hals . Ade , Wasserpolackei ! Morgen mit dem Tagesgrauen ist der Retter in der Heimat ! Er würde es schon heute abend sein , wenn er nicht zuvor seinen Pflasterkasten mit Säftchen und Pülverchen für die erste Hülfe zu füllen hätte ; zum Zweck welcher Vorsichtsmaßregel auch noch in der Eile ein kleines freundschaftliches Bargeschäft erledigt werden muß . In Peter Kurzes Augen genoß der Stipendiat und Legatar von Werben das Ansehn eines Millionärs . Während Dezimus sein Bündel schnürte , wurde ihm ein zweiter Brief gebracht ; nicht der erwartete von Rosens , sondern wiederum von Lydias Hand . Er war mit citissimo bezeichnet und enthielt nichts als die Worte : » Kommen Sie ohne Verzug ! « Selbst Datum und Unterschrift fehlten . Das Herz stockte in seiner Brust . Welches Unheil hatte diesen Ruf der Todesangst eingegeben ? Er hätte sich Flügel anheften mögen und mußte warten , warten , warten bis zum Abend . Endlich brauste der Zug heran . Gegen die eine Stunde , welche die Dampffahrt währte , dünkten ihm die früheren sieben Wanderstunden ein Flug . In dunkler Nacht erreichte er die Haltestelle ; keuchend legte er den Rest des Weges zurück ; die Schritte stockten in dem vom Regen erweichten Boden . Kein Stern leuchtete am Himmel , und im Herzen - ach , verhülle dich nicht auch du , Stern aller Bangenden in dunkler Weltennacht ! Des Eilenden Blicke haften an dem lieben Hause auf der Höhe , aus dessen Fenstern je näher je mehr ein flackernder Lichtschimmer den Nebel durchdringt , so als ob angstzitternde Menschen von Zimmer zu Zimmer irrten . Wer war da oben krank , wer vielleicht - tot ? Als er um die Friedhofsmauer bog , rollte von der Pfarre her ein Fuhrwerk ihm entgegen . Doktor Brands wohlbekannte Chaise . Mit einem Satz war Dezimus am Schlag , das fahle Laternenlicht fiel auf seine qualverzerrten Züge . » Sie kommen zu spät , armer Freund , « rief der alte Familienarzt ihm zu . » Wer , wer ? « stieß Dezimus hervor . Die Pferde zogen an , Dezimus , der sich an den Schlag geklammert hatte , wurde zu Boden geschleudert ; die Antwort verhallte . Er raffte sich auf und eilte nach der Pfarre . Die Haustür stand offen , doch mochte sein Schritt gehört worden sein , denn auf dem Treppenabsatz trat Rose ihm entgegen . Die blühende , fröhliche Rose , fahl wie ein Gespenst , mit gläsernen Augen , von Schauern geschüttelt , auf den Wangen eiskalte Tränen und eiskalte Schweißtropfen auf der Stirn . Ja , krank auch sie , aber Gott sei gelobt , noch lebend . Ohne einen Laut sank sie an seine Brust . » Der Vater ? « flüsterte er . Sie schüttelte den Kopf . Die Mutter also , seine Mutter ! An den Bruder geschmiegt , von seinem Arm umfangen , trat Rose in das Krankenzimmer . Der Vater saß auf dem Bettrande , die Hände der sterbenden Gattin in den seinen . Ihre Augen waren geschlossen , die Züge friedvoll wie in der ersten Stunde nach vollbrachter Erdenqual . Doch lebte sie noch und liebte auch noch . Denn als sie das Nahen der Kinder spürte , schlug sie den Blick in die Höhe , und ein letztes Lächeln flog über ihr gutes Gesicht . Sie sanken vor dem Bett auf die Knie . Die Sterbende machte eine unruhige Bewegung , indem sie auf ihren Trauring deutete , richtete dann einen flehenden Blick zu ihrem Konstantin hinüber und senkte mit dem Ausdruck freudiger Erfüllung die Lider , als der Vater die Rechte des Sohnes und die der Tochter ineinander und die halberstarrten Mutterhände auf die Häupter der Verlobten legte . Und so im Segen tat das fröhlichste Mutterherz seinen letzten Schlag . Eine und die nämliche Minute hatte die Liebenden einander zu eigen gegeben und ihnen die älteste Liebe geraubt . Dezimus fühlte nicht seinen großen Gewinn , er fühlte nur seinen großen Verlust ; den ersten von den Schmerzen , die ein Glücklicher trägt bis in das Grab . Sein Brautstand Eine jähe Bewegung unterbrach die heilige Stille , in welcher die Verlobten , die kalten Segenshände der Mutter und die warmen des Vaters auf ihren Häuptern , dem Entatmen lauschten . Rose war ohnmächtig zusammengesunken . Als Dezimus sie in seine Arme nahm , um sie in ihre Kammer zu tragen , bemerkte er Lydia , die still zu Füßen des Sterbebettes gestanden hatte . Sie folgte ihm , um die gebotenen Belebungsmittel anzuwenden ; tröstend flüsterte sie ihm zu , daß sie keinen Anfall der herrschenden Krankheit befürchte , da diese unter anderen Symptomen aufzutreten pflege . » Sterben sehen ist schwer - und diese Mutter ! « sagte sie . Dezimus kehrte in das Totenzimmer zurück , als eben der Vater der treuen Gefährtin zum letzten Lebewohl die Hand drückte . Er war so ruhig wie alle Tage . » Ich komme bald , meine Hanna , « sagte er leise , und Dezimus las in seinen erschöpften Zügen , daß diese Zuversicht nicht trügen werde . » Nimm auch du Abschied , « wendete er sich darauf zu dem Sohn , » du darfst dieses Zimmer nicht wieder betreten . « Während der Jüngling die toten Lippen und Hände küßte , öffnete der Greis die Fenster und drängte den Widerstrebenden dann aus der Tür , die er verschloß und deren Schlüssel er zu sich steckte . » Es ist unsere Pflicht , « sprach er , » voranzugehen mit dem Beispiel der strengen Vorsicht , die wir von anderen fordern müssen , selbst wenn sie , wie hier wahrscheinlich , nicht vonnöten wäre . « Während eines Ganges durch den Garten erzählte er dem Sohne darauf den leidvollen Vorgang , der erst in der vorigen Nacht mit einem Schüttelfrost seinen Anfang genommen und dessen Ende , ohne Schmerzgefühl , schon nach zwölf Stunden eine Lähmung auf die sanfteste Weise vorbereitet hatte . Es war daher glaublich , daß , durch Sorgen und Mühen der letzten Tage beschleunigt , es lediglich der Lauf der Natur war , der sich an der Greisin erfüllt hatte . Wenn es aber auch der Beginn der Epidemie gewesen wäre , so gebührte Gott zweifach Dank für diese rasche Erlösung ohne Qual und Angst , in Klarheit und Freudigkeit bis zum letzten Augenblick . Sie hatte vollbracht ! Des Greises Sorge galt der Tochter , die erst vollbringen lernen sollte . » Sie ist dein geworden , mein Sohn , früher , als ich gedacht , wolle Gott nicht zu früh ! « sagte er , » führe sie an fester Hand treu durch das Leben ! « Mit dem Händedruck , der statt des Dankesworts des Vaters Rede erwiderte , betraten sie Rosens blumengeschmücktes Mädchenzimmer . Sie lag auf ihrem Bett in Lydias Armen . Das Leben schien ihr in Übermaß zurückgekehrt ; das Gesicht flammte , nach Atem ringend wendete sie sich ruhelos hin und wieder . Plötzlich richtete sie mit starrem Blick den Kopf in die Höhe , und ein Blutstrom entquoll ihrem Munde . So in Todesschmerz begann und in Todesängsten endete Dezimus Freys Verlobungsstunde . Spät in der Nacht kehrte er mit Doktor Brand , den er zu Hülfe geholt , aus der Stadt zurück . Die Geliebte lag einer Schlafenden gleich , doch mit nur halbgeschlossenen Augen ; Glut und Blutung waren gestillt ; die Flammen auf den Wangen erloschen . Sie gab auf keine Frage einen Laut , kein Zeichen des Verstehens , sie regte sich nicht , atmete kaum merklich . Der alte Vater war auf einem Stuhl an der Bettseite eingeschlummert . Lydia hatte die eine Hand auf die Stirn der Kranken gelegt , mit der anderen hielt sie deren beide Hände , ineinandergefügt , umspannt . Sie glaubte an das Auflegen der Hände . Man braucht aber nicht so starken Glaubens wie Lydia zu sein , um die wohltuende Wirkung zu spüren , wenn durch innige Berührung eines kraftvollen Menschen gleichsam ein Strom warmen Lebens in einen Entkräfteten übergeht , oder ein kühlender Hauch in das Blut des Fieberglühenden . Der Doktor fand keine beunruhigenden Symptome . Er kannte Rosen seit ihrer Geburt ; ihre Lungen waren heil ; der matte Puls deutete nicht auf Entzündung . Das frohlebige Kind war ekel und krankenscheu ; die schauervollen Schilderungen , die ihr nicht hatten erspart werden können , die Furcht vor Ansteckung , der Anfall der Mutter , Angst und Schmerz , das erste Totenbild im Leben hatten die Nervengeister überreizt und einen abnormen Blutandrang bewirkt , dessen Ergießung naturgemäß die Erschöpfung folgte . Unbedingte Ruhe , zweckmäßige Kost und einige leichte Tonika würden den erschlafften Lebensgeist bald wieder aufrichten , meinte Doktor Brand . Er hatte sich noch nicht aus der Pfarre entfernt , als , wie er verheißen , Doktor Kurze sich in dieser einstellte . Wenngleich ein Anfänger , konnte ihm als Verwandten und Freunde des Hauses ein Einblick in den Zustand der Kranken nicht verweigert werden . Und so gewährte - wenn auch als Braut eines anderen , wie leider , natur- und vernunftgemäß , seit Jahren vorauszusehen - Schönröschen den heißersehnten ersten kritischen Fall , über welchen Doktor Peter Kurze ein ärztliches Gutachten abzugeben hatte . Da Doktor Peter Kurze aber mit Leib und Seele zu den Erstlingsjüngern der neuen Schule zählte , die beim Abweichen von typischen Lebenserscheinungen das Pünktchen über dem i zu ergründen trachtete , wollte er von des alten Kollegen seelisch gestörtem Lebensgeist nichts wissen und suchte den Sitz des Übels in Störungen eines leiblichen Organs und einem äußerlichen Motiv . Seine erste Frage war nach Quantität und Qualität des entleerten Bluts , und als er von keiner Seite eine befriedigende Antwort erhielt , da es ununtersucht beseitigt worden war , schüttelte er mit energischer Entrüstung sein ärztliches Haupt . Er machte darauf mit der Neuigkeit des Beklopfens , Behorchens und anderer exakten Untersuchungen , allerdings nur bei den Laien in der Krankenstube , einen bedeutenden Effekt . Lächelte nun der alte Spiritualist über den modernen Hokuspokus , mit welchem kein Hund aus dem Ofen gelockt werde , so lachte der junge Naturalist über die blutspeiende Seele und die vor Olims Zeiten ausgeheckten Arkana , die nur den Apothekerkarren schmieren helfen ; nannte der Alte den Jungen - selbstverständlich hinter seinem Rücken - einen in der Wolle gewaschenen Scharlatan , so nannte der Junge den Alten - ebenso selbstverständlich hinter seinem Rücken - einen mürben Schlauch , an dem kein neuer Flicken hafte . Und da mußte es denn um der lieben Rose und derer willen , die für ihr Leben zitterten , als ein Segen betrachtet werden , daß der Antagonismus in Diagnose und Prognose sich nicht auch auf die Behandlungsweise erstreckte . Kühle Temperatur , kuhwarme Milch und Ruhe , anderes als der spiritualistische Äskulap wußte der materialistische auch nicht anzuraten , und mit der Vorschrift : » Keine Jammermienen ! lachende Gesichter ! « - einer Vorschrift , die doch auch nicht lediglich auf eine Störung deutet , die man tastet , hört und sieht , verließ Peter Kurze des geliebten Röschens Lager , um unter Führung des ungeliebten Schloßfräuleins als Held auf sein erstes Kampffeld vorzudringen . Rose lag unverändert , ohne merkbares Leiden , ohne Regung und Bedürfnis irgendwelcher Pflege . Der alte Vater wich nicht aus ihrer Nähe ; am Abend übernahm Dezimus die Wacht . Der Tag war ihm auch äußerlich ruhelos vergangen : er hatte das Begräbnis anzuordnen , das schon am anderen Nachmittag stattfinden sollte , auch die Trauerbotschaft in die Ferne mitzuteilen . Es war des Vaters ausdrücklicher Wille , und er war überzeugt , darin nach dem seiner Hanna zu handeln , daß keines der Kinder oder Enkel um dieser Feier willen die infizierte Gegend betrete . » Für die unheilvollen Folgen rechtmäßiger Handlungen gibt es keine Verantwortung , « sagte er und machte sich daher auch nicht die geringsten selbstquälerischen Gedanken , den Ansteckungsstoff vielleicht in seine Familie getragen zu haben . Eine Befriedigung des Gemüts und der Sitte , die niemand Hülfe und vielen Gefahr bringen konnte , rechnete er aber nicht zu jenen obligatorischen Handlungen . Auch die Kranzbinderin der Gemeinde hatte der Mutter nicht den letzten Schmuck reichen können , und als in der schweren Stunde ein Sonnenblick , den Herbstnebel durchdringend , auf ihr Lager fiel und ein flüchtiges Lächeln auf ihre Lippen zauberte , da ahnete sie nicht , daß er das frische Grab ihrer Mutter beschien und daß der wärmste Liebesstrahl aus ihrem Leben gewichen war . Dem Sarge folgte nur der greise Gatte , gestützt auf den Sohn und hinter beiden Lydia . Die angstzitternden Gemeindeglieder hielten sich in weitem Abstand von der Grube . Keinen der Befallenen hatte der Würgengel ja so hastig abgetan wie die alte Pastorfrau . Doch fehlte es an Tränen , an aufrichtigen Tränen nicht . Hanna Blümel hatte viel früher als ihr Konstantin und fast ohne Ausnahme die Herzen seiner Pfarrkinder zu finden gewußt . » Vater , ich danke dir für den Segen , den du mir für Zeit und Ewigkeit in diesem Weibe bescheret hast , « sagte Konstantin Blümel mit fester Stimme , sprach dann den Friedensspruch über das Grab und stand , bis dasselbe gefüllt war , in stillem Gebet auf der Stelle , die er sich dicht daneben zur letzten Ruhestatt vorbehalten . Wenige Schritte zur Seite lag der Hügel der armen Hirtenfrau , welche Dezimus das Leben gegeben hatte ; aber erst heute war ihm eine Mutter versenkt worden . Das Opfer im Pfarrhause blieb das einzige der Obergemeinde ; um so weiter verbreitete sich die Epidemie in der Aue . Doktor Peter Kurze schwamm wie ein Fischchen in seinem Element ; er gönnte sich nur wenige Raststunden im Schloß ; diese wenigen aber wußte er zu rühmen . Ein Komfort , wie er unter Frau Ottiliens Walten zur häuslichen Regel geworden , war für Doktor Peter Kurzen ein entdecktes Schlaraffenland , und daß er in der unnahbaren Schwanenkönigin , die er vor wenig Monaten reif für das Narrenhaus erklärt hatte , über einen so praktischen , unermüdlichen Amanuensis zu verfügen haben werde , das hätte Doktor Peter Kurze sich noch viel weniger träumen lassen . Lydia schaltete mit angemaßten Herrenrechten in der Untergemeinde Haus bei Haus , und Haus bei Haus ließ man in der Not den angemaßten Herrendienst sich gefallen . Peter Kurze zog aus dem physiologischen Grundsatz von den angewandten Kräften einen ihm neuen psychologischen Beweis : » Wie scharmant diese heilige Jungfrau latente Stoffe aus sich herausarbeitet , « sagte er zu seinem Freund , dem Kandidaten . Lydia dahingegen dachte still bei sich : » Wie die Tüchtigkeit in seinem Beruf doch den gewöhnlichsten Menschen zu adeln vermag ! « So blühten » Ysop und Lilie « friedfertig nebeneinander und wirkten einträchtig Hand in Hand . Bei Peter Kurzen aber datierte seit den Erstlingstagen seiner ärztlichen Praxis die Schwärmerei für eine Sprungfedermatratze und ein weibliches Ideal . Sooft er von seinen Rundgängen nach dem Schlosse zurückkehrte , sprach er in der Pfarre vor , um nach dem » herzigen Dinge « , dem Röschen , zu sehen , dessen ausschließliche Behandlung er für sein Leben gern in die Hand genommen hätte , da die andauernde Erschlaffung ihn zu beunruhigen begann . Sämtliche innere Organe hatte er nach exaktester Untersuchung - wie sein altmodischer Kollege ohne eine solche - als heil erklären müssen ; für das Sprengen etwelcher überfüllter Äderchen machte er dagegen statt heimlich empörter Nervengeister den spirituosen Inhalt eines zur Hälfte entleerten Fläschchens verantwortlich , das von dem alten Kollegen als vorbeugendes Mittel in das Haus gestiftet worden war und von welchem das arme Kind im Glauben , daß viel viel helfe , über Gebühr Gebrauch gemacht haben mochte . » Das Blut , so viel dessen noch vorhanden , ist mit Gift versetzt , « erklärte er . Indessen nur guten Muts ! Doktor Peter Kurze ist bei der Hand , und wenn alle Stränge reißen , weiß er ein heroisches Korrektiv , für dessen Wirkung , natur- und vernunftgemäß , gutzusagen ist . Einstweilen gilt es , mit gelinden Reizmitteln den Grad der Inertie auf Apathie oder Anästhesis zu untersuchen und zunächst mit dem unverfänglichsten aller Reize , dem auf die Lachmuskeln , eine Probe zu machen . Wenn freilich der kleine Schelm über einen Heidenspaß nicht mehr lachte , dann stand es bedenklich um das arme Kind , und das heroische Korrektiv mußte ernsthaft in das Auge gefaßt werden . Auf diese Probe hin betrat Doktor Peter Kurze in der Vesperstunde des Begräbnistages das Krankenzimmer , nachdem er sich außerhalb desselben wegen seines notgedrungenen Fehlens bei der Trauerfeier entschuldigt hatte . » Ich komme direkt von Ihrem großen Feinde Mehlborn , Papa Blümel , und quasi als dessen Friedensgesandter an Sie , « hob er mit seinen muntersten Trompetentönen an . » Nämlich und so , wie Vater Walbe sagt : Auf Befehl meiner hohen Prinzipalin bin ich in die sagenhafte Bärenhöhle gedrungen , nach deren Erforschung ich schon längst ein naturwissenschaftliches Lüstchen gehegt . Muhme Timpel , die Wirtschaftsdame , hatte sich am Morgen gelegt , wie ich schwarz auf weiß geben kann , indessen nicht unter den Erscheinungen des Hungertyphus , au contraire , im Gegenteil unter denen einer übervölligen Ladung von Wellfleisch und Sauerkraut . Das schmaust und zecht anjetzo im Herrenhause , als stünde man vor dem Jüngsten Tag . « » Ist der Amtmann denn krank ? « fragte Pastor Blümel , indem er den Erzähler in die Nebenstube winkte . Der drastische Erregungsversuch entheiligte ihm seines Kindes Leidensstatt . Zu des Heilkünstlers ärztlichem wie zärtlichem Bedauern hatte er sich auch als total unwirksam erwiesen . » Krank ! nichts weniger , « antwortete der Doktor lachend . » Aber rein aus dem Häuschen , sage ich Ihnen . Der Tod der Tochter mag ihm doch ärger mitgespielt haben , als er sich merken ließ , und die unerlebte Seuchennot macht ihn nun vollends toll und töricht . Gott weiß , in welcher alten Scharteke er einmal von dem schwarzen Tod , will sagen von der Pest , die vor soundso viel Jahrhunderten auch in der Werbenschen Gegend reinen Tisch gemacht haben soll , gelesen hat ; Cholerageschichten neueren Datums kommen dazu kurzum , der alte Knabe bildet sich steif und fest ein , das schwarze Gespenst sei wieder da und habe ihm , Johann Mehlborn , zur Strafe für seine Sünden den Morbus in den Leib gejagt . Besagten Morbus läßt er sich nun absolut nicht ausreden , wennschon ihm keine Ader weh tut und er lediglich vor Sterbensangst verfällt . Sein Leichnam ist heil wie der eines bemoosten Hechts . Bis auf die Augen versteht sich . Denn die sind futsch , insofern er es nicht auf eine Operation ankommen läßt . Ich habe ihm den Staarstich gratis angeboten . Was täte es , wenn er mißläng ' ? Blind ist er sowieso ; und wo fände ich eine herrlichere Gelegenheit zu einem ersten Versuch ? Aber gegen diesen Mehlwurm ist ein Stier ein Lamm . « » Welches ist denn nun aber der Auftrag , den er dir an mich gegeben hat ? « unterbrach mit merklichem Unwillen Pastor Blümel den Vortrag dieses » aufheiternden « Erlebnisses . » Daß Sie zu ihm kommen und sein Herz entlasten sollen , Papachen , « antwortete der Doktor , in seinem natur- und vernunftgemäßen Vorhaben keineswegs irritiert . » Seit die Timpel ihm dummerweise den Heimgang der guten Mutter hinterbracht hat , ächzt er , ringt die Hände und flennt wie ein geprügelter Bube . Wenn ich nur hinan könnte ! stöhnt er ein über das andere Mal ; aber kann einer sich rühren , der den Morbus im Leibe hat ? Ich schlug ihm zur Herzensergießung und eventuellen Abspeisung - in deren Folge bei derartigen Todeskandidaten regelmäßig die Genesung einzutreten pflegt - , item , ich schlug ihm den werten Amtsbruder in Bielitz vor . Aber da kam ich schön an , Papachen ! Was weiß so ein grüner Junge - er ist vorige Woche ein Sechziger geworden ! - von Werbenschen Zeiten und Mehlbornscher Not ? Hat der Bielitzer die Brigitte nur mit Augen gesehen ? hat er der Röse und dem Hannes den Sermon gehalten ? Nein , sein Werbenscher mußte es sein , sein Blümel mußte es sein . Und wenn der ' runter kam und ihm seine Sünden vergab und ihm den Lebenslauf zu halten gelobte , dann mochte es seinethalben mit dem schwarzen Morbus sein Bewenden haben . « Konstantin Blümel , der Greis , bedachte sich keinen Augenblick , wenige Stunden , nachdem er sein Weib bestattet hatte , das Krankenbett seines liebsten Kindes zu verlassen und , erschöpft von Gram und Sorge , wie er war , bei anbrechender Nacht in das Tal hinabzusteigen , um der Einbildung eines alten Toren genugzutun , des einzigen Menschen , der ihm im Leben feind geworden war . Der Sohn mochte warnen , soviel er wollte , Freund Kurze mochte sich ob seiner übel angebrachten Aufmunterung zehnmal einen Esel schimpfen - wer aber hätte natur- und vernunftgemäß einem Siebziger auch noch solchen Hitzkopf zutrauen können ? - Der Pastor hängte sein Chormäntelchen um und schritt voran . Indessen schon unter der Tür knickte er zusammen ; die jungen Männer mußten ihn zu seinem stillen Kinde zurückführen . » Geh du an meiner Statt , « sagte er zu Dezimus ; und als dieser zögerte , Vater und Braut , beide seiner Pflege bedürftig , um eines eingebildeten Kranken und auch seines einzigen Feindes willen zu verlassen , rief der Alte , als ginge es , wie Anno 13 , fort von Weib und Kind in den Kampf : » Tapfer voran , mein Sohn ! Recht trauern heißt sich selbst überwinden . « So machte der Kandidat sich denn auf den Weg zur ersten Probe in seinem seelsorgerischen Amt . Freund Kurze versprach , während seiner Abwesenheit in der Pfarre Wacht zu halten . Dezimus hatte seit seiner großen Erfahrung noch keine Viertelstunde gehabt , in welcher seine Tränen unbeobachtet fließen durften ; nun genoß er diese Wohltat auf dem abendlichen Gange . Im Kahn traf er mit Lydia zusammen , die in das Tal ging , die Nacht bei einem schwerkranken Kinde zu durchwachen . Sie reichten sich schweigend die Hände und gingen dann schweigend nebeneinander hin . In Freude oder Leid , mit Lydia fühlte Dezimus sich niemals zu zweien . Auf dem Talgute sah es wüst und öde aus . Dienstboten zur persönlichen Abwartung hatte der Amtmann niemals gehalten ; die alte Ausgeberin lag krank im Oberstock ; Knechte und Mägde taten sich gütlich auf Schlenderwegen ; keiner kümmerte sich um den blinden Greis . Sie machten sich lustig über ihn und gönnten ihm die Qual , die er sich in den Kopf gesetzt hatte , da der liebe Herrgott nun einmal mit so unverdienter Barmherzigkeit seine Geißel an dem erbarmungslosen Geizkragen und Leuteschinder vorübergehen ließ . Der alte Mann saß mutterseelenallein in seiner Bärenhöhle ; im Ofen qualmte ein halberloschenes Torffeuer , der Docht der zinnernen Öllampe blakte ; schwärzliche Dünste von Ruß und Rauch zogen gleich Wolken durch die wochenlang nicht gelüftete Stube . Auf dem vielleicht ebenso lange nicht abgestäubten Tische standen eine Kanne kalten Kamillentees und ein Napf gleichfalls kalter Roggensuppe ; beides noch gestrige Krankentraktamente Muhme Timpels . Daneben lag das Rezept , das Doktor Kurze verschrieben und für das sich noch kein Bote gefunden hatte . Es mochte wohl von dem Kaliber dessen der Muhme Timpel sein , über welches Doktor Kurze vorhin geäußert hatte : » Wäre sie eine Dame gewesen , würde ich gesagt haben : Reinen Born getrunken ! da sie eine alte Großmagd war , verschrieb ich den Born mit Sirup braun gefärbt . « Dezimus hatte seit seinen Knabenjahren den Amtmann nicht in der Nähe gesehen . Hätte er nicht gewußt , daß er keinem anderen als ihm gegenüberstehe , er würde den behäbigen Mann nicht wiedererkannt haben in der schier unheimlichen Gestalt mit dem verfallenen Leib , dem eisengrauen , struppigen Haar und Bart , der weißen Nebeldecke über den eingesunkenen , schwarzen Augen . Das ist der Mensch ! Der Kandidat hatte von seiner Adoptivfamilie angenommen , das sachsenhöfliche » schön « vor dem » guten Morgen « oder » guten Abend « fortzulassen ; als der Alte daher einen ungewohnten Tritt und die kurze » preußische « Begrüßung hörte , kreischte er vor Freude laut auf , und dann schluchzte er vor Rührung wie ein Kind : » Sie kommen , Herr Pastor ! Ach , Sie guter Herr Pastor , Sie armer Herr Pastor ! Weiß der Herr , ich habe nicht zum Begängnis ' nauf gekonnt ! Sie sehens ja , kann ich mich rühren ? Und was für eine schöne Predigt werden Sie ihr gehalten haben ! Und nun sind sie alle beieinander , die Frau Pastorin und meine Brigitte und meine Röse und mein Hannes , alle beieinander , und ich , ich habe den Tod im Leibe und muß auch fort . Herr Pastor , Herr Pastor , glauben Sie , daß ich , wenn ich fort bin , zu den Meinigen kommen werde ? « » Ich glaube ,