des Volkes zog der stattliche schöne Jüngling das Schwert und streckte es gerad vor sich auf den Richterstuhl . » Und dein Beweis ? sag ' an ... - « » Halt , Dinggraf , « scholl da eine ernste Stimme . Witichis trat vor , dem Kläger entgegen . » Bist du so alt und kennst das Recht so wohl , Meister Hildebrand , und läßt dich fortreißen von der Menge wildem Drang ? Muß ich dich mahnen , ich , der jüngere Mann , an alles Rechtes erstes Gebot ? Den Kläger hör ' ich , die Beklagte nicht . « » Kein Weib kann stehen in der Goten Ding , « sprach Hildebrand ruhig . » Ich weiß : doch wo ist Theodahad , ihr Gemahl und Mundwalt , sie zu vertreten ? « » Er ist nicht erschienen . « » Ist er geladen ? « » Er ist geladen ! Auf meinen Eid und den dieser Boten , « sprach Arahad : » tretet vor , Sajonen . « Zwei der Fronwärter traten vor und rührten mit ihren Stäben an den Richterstuhl . » Nun , « sprach Witichis weiter , » man soll nicht sagen , daß im Volk der Goten ein Weib ungehört , unverteidigt verurteilt werde ; wie schwer sie auch verhaßt sei , - sie hat ein Recht auf Rechtsgehör und Rechtsschutz . Ich will ihr Mundwalt und ihr Fürsprecher sein . « Und er trat ruhig dem jugendlichen Ankläger entgegen , gleich ihm das Schwert ziehend . Eine Pause der ehrenden Bewunderung trat ein . » So leugnest du die Tat ? « fragte der Richter . » Ich sage : sie ist nicht erwiesen ! « - » Erweise sie ! « sprach der Richter zu Arahad gewendet . Dieser , nicht vorbereitet auf ein förmliches Verfahren und nicht gefaßt auf einen Widersacher von Witichis ' großem Gewicht und kräftiger Ruhe , ward etwas verwirrt . » Erweisen ? « rief er ungeduldig . » Was braucht ' s noch Erweis ? Du , ich , alle Goten wissen , daß Gothelindis die Fürstin lang und tödlich haßte . Die Fürstin verschwindet aus Ravenna : gleichzeitig die Mörderin : ihr Opfer kömmt in einem Hause Gothelindens wieder zum Vorschein - tot : die Mörderin aber flieht auf ein festes Schloß . Was braucht ' s da noch Erweis ? « Und ungeduldig sah er auf die Goten rings umher . » Und darauf hin klagst du auf Mord im offnen Ding ? « sprach Witichis ruhig . » Wahrlich , der Tag sei fern vom Gotenvolk , da man nach solchem Anschein Urteil spricht . Gerechtigkeit , ihr Männer , ist Licht und Luft ! Weh , weh dem Volk , das seinen Haß zu seinem Recht erhebt . Ich selber hasse dieses Weib und ihren Gatten : aber wo ich hasse , bin ich doppelt streng mit mir . « Und so edel und so schlicht sprach er dies Wort , daß aller Goten Herzen dem treuen Manne zuschlugen . » Wo sind die Beweise ? « fragte nun Hildebrand . » Hast du handhafte Tat ? hast du blickenden Schein ? hast du gichtigen Mund ? hast du echten Eid ? heischest du der Verklagten Unschuldseid ? « » Beweis ! « wiederholte Arahad zornig . » Ich habe keinen als meines Herzens festen Glauben . « » Dann , « sprach Hildebrand - Doch in diesem Augenblick bahnte sich ein Sajo vom Tore her den Weg zu ihm und sprach : » Römische Männer stehen am Eingang . Sie bitten um Gehör : sie wissen , sagen sie , alles um der Fürstin Tod . « » Ich fordre , daß man sie höre , « rief Arahad eifrig , » nicht als Kläger , als Zeugen des Klägers . « Hildebrand winkte und der Sajo eilte , die Gemeldeten durch die neugierige Menge heraufzuführen . Voran schritt ein von Jahren gebeugter Mann in härener Kutte , den Strick um die Lenden : die Kapuze seines Überwurfs machte seine Züge unkenntlich : zwei Männer in Sklaventracht folgten . Fragende Blicke ruhten auf der Gestalt des Greises , dessen Erscheinung bei aller Einfachheit , ja Armut , von seltner Würde geadelt war . Als er angelangt war vor dem Richterstuhl Hildebrands , sah ihm Arahad dicht ins Antlitz und trat mit Staunen rasch zurück . » Wer ist es , « fragte der Richter , » den du zum Zeugen stellest deines Wortes ? Ein unbekannter Fremdling ? « - » Nein , « rief Arahad und schlug des Zeugen Mantel zurück , » ein Name , den ihr alle kennt und ehrt : Marcus Aurelius Cassiodorus . « Ein Ruf allgemeinen Staunens flog über die Dingstätte . » So hieß ich , « sprach der Zeuge , » in den Tagen meines weltlichen Lebens : jetzt nur Bruder Marcus . « Und eine hohe Weihe lag in seinen Zügen - die Weihe der Entsagung . » Nun , Bruder Marcus , « forschte Hildebrand , » was hast du uns zu melden vom Tode Amalaswinthens ? Sag ' uns die volle Wahrheit und nur die Wahrheit . « » Die werd ' ich sagen . Vor allem wißt : nicht Streben nach menschlicher Vergeltung führt mich her : nicht den Mord zu rächen bin ich gekommen , die Rache ist mein , ich will vergelten , spricht der Herr ! - Nein , den letzten Auftrag der Unseligen , der Tochter meines großen Königs , zu erfüllen , bin ich da . « Und er zog eine Papyrusrolle aus dem Gewande . » Kurz vor ihrer Flucht aus Ravenna richtete sie diese Zeilen an mich , die ich , als ihr Vermächtnis an das Volk der Goten , mitzuteilen habe : Den Dank einer zerknirschten Seele für Deine Freundschaft . Mehr noch als der Hoffnung der Rettung labt das Gefühl unverlorner Treue . Ja , ich eile auf Deine Villa im Bolsener See : führt doch der Weg von da nach Rom , nach Regeta , wo ich vor meinen Goten all ' meine Schuld aufdecken und auch büßen will . Ich will sterben , wenn es sein muß , aber nicht durch die tückische Hand meiner Feinde : nein , durch den Richterspruch meines Volkes , das ich Verblendete ins Verderben geführt . Ich habe den Tod verdient : nicht nur um des Blutes willen der drei Herzoge , die , alle sollen es erfahren , durch mich starben : mehr noch um des Wahnes willen , mit dem ich mein Volk zurückgesetzt um Byzanz . Gelange ich lebend nach Regeta , so will ich warnen und mahnen mit der letzten Kraft meines Lebens : fürchtet Byzanz ! Byzanz ist falsch wie die Hölle , und ist kein Friede denkbar zwischen ihm und uns . Aber warnen will ich auch vor dem Feind im Innern . König Theodahad spinnt Verrat : er hat an Petros , den Gesandten von Byzanz , Italien und die Gotenkrone verkauft : er hat getan , was ich dem Griechen weigerte . Seht euch vor , seid stark und einig . Könnt ' ich sterbend sühnen , was ich lebend gefehlt . « In tiefer Stille hatte das Volk die Worte vernommen , die Cassiodor mit zitternder Stimme gesprochen , und die jetzt wie aus dem Jenseits herüberzutönen schienen . Auch als er geendet , wirkte noch der Eindruck des Mitleids und der Trauer fort in feierlichem Schweigen . Endlich erhob sich der alte Hildebrand und sprach : » Sie hat gefehlt : sie hat gebüßt . Tochter Theoderichs , das Volk der Goten verzeiht dir deine Schuld und dankt dir deine Treue . « » So mög ' ihr Gott vergeben , Amen ! « sprach Cassiodor . » Ich habe niemals die Fürstin an den Bolsener See geladen : ich konnt ' es nicht : vierzehn Tage zuvor hatt ' ich all ' meine Güter verkauft an die Königin Gothelindis . « » Sie also hat ihre Feindin , « fiel Arahad ein , » seinen Namen mißbrauchend , in jenes Haus gelockt . Kannst du das leugnen , Graf Witichis ? « » Nein , « sprach dieser ruhig , » aber , « fuhr er zu Cassiodor gewendet fort , » hast du auch Beweis , daß die Fürstin daselbst nicht zufälligen Todes gestorben , daß Gothelindis ihren Tod herbeigeführt ? « » Tritt vor , Syrus , und sprich ! « sagte Cassiodor , » ich bürge für die Treue dieses Mundes . « Der Sklave trat vor , neigte sich und sprach : » Ich habe seit zwanzig Jahren die Aufsicht über die Schleusen des Sees und die Wasserkünste des Bades der Villa im Bolsener See : niemand außer mir kannte dessen Geheimnisse . Als die Königin Gothelindis das Gut erkauft , wurden alle Sklaven Cassiodors entfernt und einige Diener der Königin eingesetzt : ich allein ward belassen . « Da landete eines frühen Morgens die Fürstin Amalaswintha auf der Insel , bald darauf die Königin . Diese ließ mich sofort kommen , erklärte , sie wolle ein Bad nehmen , und befahl mir , ihr die Schlüssel zu allen Schleusen des Sees und zu allen Röhren des Bades zu übergeben und ihr den ganzen Plan des Druckwerks zu erklären . Ich gehorchte , gab ihr die Schlüssel und den auf Pergament gezeichneten Plan , warnte sie aber nachdrücklich , nicht alle Schleusen des Sees zu öffnen und nicht alle Röhren spielen zu lassen : das könne das Leben kosten . Sie aber wies mich zürnend ab und ich hörte , wie sie ihrer Badsklavin befahl , die Kessel nicht mit warmem , sondern mit heißem Wasser zu füllen . Ich ging , besorgt um ihre Sicherheit , und hielt mich in der Nähe des Bades . Nach einiger Zeit hörte ich an dem mächtigen Brausen und Rauschen , daß die Königin dennoch gegen meinen Rat , die ganze Flut des Sees hereingelassen : zugleich hörte ich in allen Wänden das dampfende Wasser zischend aufsteigen , und da mir obenein dünkte , als vernehme ich , gedämpft durch die Marmormauern , ängstlichen Hilfschrei , eilte ich auf den Außengang des Bades , die Königin zu retten . Aber wie erstaunte ich , als ich an dem mir wohlbekannten Mittelpunkt der Künste , an dem Medusenhaupt , die Königin , die ich im Bad , in Todesgefahr wähnte , völlig angekleidet stehen sah . Sie drückte an den Federn und wechselte mit jemand , der im Bade um Hilfe rief , zornige Worte . Entsetzt und dunkel ahnend , was da vorging , schlich ich , zum Glück noch unbemerkt , hinweg . » Wie , Feigling ? « sprach Witichis , » du ahntest , was vorging , und schlichst hinweg ? « » Ich bin nur ein Sklave , Herr , kein Held : und hätte mich die grimme Königin bemerkt , ist stünde wohl nicht hier , sie anzuklagen . Gleich darauf erscholl der Ruf , die Fürstin Amalaswintha sei im Bad ertrunken . « Ein Murren und Rufen drang tosend durch das versammelte Volk . Frohlockend rief Arahad : » Nun , Graf Witichis , willst du sie noch beschützen ? « - » Nein , « sprach dieser ruhig , das Schwert einsteckend , » ich schütze keine Mörderin . Mein Amt ist aus . « Und mit diesem Wort trat er von der linken auf die rechte Seite , zu den Anklägern , hinüber . » Ihr , freie Goten , habt das Urteil zu finden und das Recht zu schöpfen , « sprach Hildebrand , » ich habe nur zu vollziehen , was ihr gefunden . So frag ' ich euch , ihr Männer des Gerichts , was dünkt euch von dieser Klage , die Graf Arahad , des Aramuth Sohn , der Wölsung , erhoben gegen Gothelindis , die Königin ? Sagt an : ist sie des Mordes schuldig ? « » Schuldig ! schuldig ! « scholl es mit vielen tausend Stimmen , und keine sagte nein . » Sie ist schuldig , « sagte der Alte aufstehend . » Sprich , Kläger , welche Strafe forderst du um diese Schuld ? « Arahad erhob das Schwert gerade gegen Himmel : » Ich klagte um Mord . Ich klagte auf Blut . Sie soll des Todes sterben . « Und ehe Hildebrand seine Frage an das Volk stellen konnte , war die Menge von zorniger Bewegung ergriffen , alle Schwerter flogen aus den Scheiden und blitzten gen Himmel auf , und alle Stimmen riefen : » Sie soll des Todes sterben ! « - Wie ein furchtbarer Donner rollte das Wort , die Majestät des Volksgerichts vor sich her tragend , über das weite Gefild , daß bis in weite Ferne die Lüfte widerhallten . - » Sie stirbt des Todes , « sprach Hildebrand aufstehend , » durch das Beil . Sajonen , auf , und sucht , wo ihr sie findet . « » Halt an , « sprach der starke Hildebad vortretend , » schwer wird unser Spruch erfüllt werden , solang dies Weib unsres Königs Gemahlin . Ich fordre deshalb , daß die Volksgemeinde auch gleich die Klagen prüfe , die wir gegen Theodahad auf der Seele haben , der ein Volk von Helden so unheldenhaft beherrscht . Ich will sie aussprechen , diese Klagen . Merkt wohl , ich zeihe ihn des Verrates , nicht nur der Unfähigkeit , uns zu retten , uns zu führen . Schweigen will ich davon , daß wohl schwerlich ohne sein Wissen seine Königin ihren Haß an Amalaswintha kühlen konnte , schweigen davon , daß diese in ihren letzten Worten uns vor Theodahads Verrat gewarnt . Aber ist es nicht wahr , daß er den ganzen Süden des Reiches von Männern , Waffen , Rossen , Schiffen entblößt , daß er alle Kraft nach den Alpen geworfen hat , bis daß die elenden Griechlein ohne Schwertstreich Sizilien gewinnen , Italien betreten konnten ? Mein armer Bruder Totila mit seiner Handvoll Leuten allein steht ihnen entgegen . Statt ihm den Rücken zu decken , sendet der König auch noch Witichis , Teja , mich nach dem Norden . Mit schwerem Herzen gehorchten wir : denn wir ahnten , wo Belisar landen werde . Nur langsam rückten wir vor , jede Stunde den Rückruf erwartend . Umsonst . Schon lief durch die Landschaften , die wir durchzogen , das dunkle Gerücht , Sizilien sei verloren und die Welschen , die uns nach Norden ziehen sahen , machten spöttische Gesichter . So waren wir ein paar Tagemärsche an der Küste hingezogen . Da traf mich dieser Brief meines Bruders Totila : Hat denn , wie der König , so das ganze Volk der Goten , so mein Bruder mich aufgegeben und vergessen ? Belisar hat Sizilien überrascht . Er ist gelandet . Alles Volk fällt ihm zu . Unaufhaltsam dringt er gegen Neapolis . Vier Briefe hab ' ich an König Theodahad um Hilfe , geschrieben . Alles umsonst . Kein Segel erhalten . Neapolis ist in höchster Gefahr . Rettet , rettet Neapolis und das Reich ! « Ein Ruf grimmigen Schmerzes ging durch die Tausende gotischer Männer . » Ich wollte , « fuhr Hildebad fort , » augenblicklich mit all unsren Tausendschaften umkehren , aber Graf Witichis , mein Oberfeldherr , litt es nicht . Nur das setzte ich durch , daß wir die Truppen Halt machen ließen und mit wenigen Reitern hierher flogen zu warnen , zu retten , zu rächen . Denn Rache , Rache heisch ich an König Theodahad : nicht nur Torheit und Schwäche , Arglist war es , daß er den Süden den Feinden preisgegeben . Hier dieser Brief beweist es . Viermal hat ihn mein Bruder gemahnt , gebeten . All umsonst . Er gab ihn , er gab das Reich in Feindeshand . Weh uns , wenn Neapolis fällt , schon gefallen ist . Ha , er soll nicht länger herrschen , nicht leben soll er länger , der das verschuldet hat . Reißt ihm die Krone der Goten vom Haupt , die er geschändet , nieder mit ihm ! Er sterbe ! « » Nieder mit ihm ! Er sterbe ! « donnerte das Volk in mächtigem Echo nach . Unwiderstehlich schien der Strom ihres Grimmes zu wogen und jeden zu zerreißen , der ihm widerstehen wollte . Nur Einer blieb ruhig und gelassen inmitten der stürmenden Menge . Das war Graf Witichis . Er sprang auf einen der alten Steine unter dem Eichbaum und wartete , bis sich der Lärm etwas gelegt . Dann erhob er die Stimme und sprach mit jener schlichten Klarheit , die ihm so wohl anstand : » Landsleute , Volksgenossen ! Hört mich an ! Ihr habt unrecht mit eurem Spruch . Wehe , wenn im Gotenstamm , des Ehre und Stolz die Gerechtigkeit gewesen seit der Väter Zeit , Haß und Gewalt des Rechtes Thron besteigen . Theodahad ist ein schwacher , schlechter König ! Nicht länger soll er allein des Reiches Zügel lenken ! Gebt ihm einen Vormund wie einem Unmündigen ! Setzt ihn ab meinetwegen . Aber seinen Tod , sein Blut dürft ihr nicht fordern ! Wo ist der Beweis , daß er verraten hat ? Daß Totilas Botschaft an ihn gelangt ? Seht ihr , ihr schweigt : hütet euch vor Ungerechtigkeit , sie stürzt die Reiche der Völker . « Und groß und edel stand er auf seinem erhöhten Boden , im vollen Glanz der Sonne , voll Kraft und edler Würde . Bewundernd ruhten die Augen der Tausende auf ihm , der ihnen an Hoheit und Maß und klarer Ruhe so überlegen schien . Eine feierliche Pause erfolgte . Und ehe noch Hildebad und das Volk Antwort finden konnte gegen den Mann , der die lebendige Gerechtigkeit schien , ward die allgemeine Aufmerksamkeit nach dem dichten Walde gezogen , der im Süden die Aussicht begrenzte , und der auf einmal lebendig zu werden schien . Vierzehntes Kapitel . Denn man hörte von dort her den raschen Hufschlag nahender Pferde und das Klirren von Waffen : alsbald bog eine kleine Schar von Reitern aus dem Wald : aber weit ihnen allen voraus jagte auf kohlschwarzem Roß ein Mann , der wie mit dem Sturmwind um die Wette ritt . Weit im Winde flatterte seine Helmzier : ein mächtiger schwarzer Roßschweif , und seine eignen langen , schwarzen Locken : vorwärts gebeugt trieb er das schaumbespritzte Roß zu rasender Eile und sprang am Südeingang des Dings sausend vom Sattel . Alle wichen links und rechts zurück , die der grimme , tödlichen Haß sprühende Blick seines Auges aus dem leichenblassen , schönen Antlitz traf . Wie von Flügeln getragen stürmte er den Hügel hinan , sprang auf einen Stein neben Witichis , hielt eine Rolle hoch empor , rief wie mit letzter Kraft : » Verrat , Verrat ! « und stürzte dann wie blitzgetroffen nieder . Entsetzt sprangen Witichis und Hildebad hinzu : sie hatten kaum den Freund erkannt : » Teja , Teja ! « riefen sie , » was ist geschehen ? rede ! « - » Rede ! « wiederholte Witichis , » es gilt das Reich der Goten ! « Wie mit übermenschlicher Kraft richtete sich in diesem Wort der stählerne Mann wieder empor , sah einen Augenblick um sich und sprach dann mit hohler Stimme : » Verraten sind wir . Goten , verraten von unserm König . Ich erhielt Auftrag vor sechs Tagen , nach Istrien zu ziehen , nicht nach Neapolis , wie ich gebeten . Ich schöpfe Verdacht , doch ich gehorche und gehe unter Segel mit meinen Tausendschaften . Ein starker Weststurm bricht herein , verschlägt zahllose kleine Schiffe von Westen her bis zu uns . Darunter den Mercurius , den raschen Keles - das leichte Postschiff Theodahads . Ich kannte das Fahrzeug wohl , es gehörte einst meinem Vater . Wie das unsrer Schiffe ansichtig wird , will es entfliehen . Ich , argwöhnisch , jage ihm nach und hole es ein . Es trug diesen Brief an Belisar von des Königs Hand : Du wirst zufrieden sein mit mir , großer Feldherr . Alle Gotenheere stehen in dieser Stunde nordöstlich von Rom , ohne Gefahr könntest Du landen . Vier Briefe des Seegrafen von Neapolis habe ich zerstört , seine Boten in den Turm geworfen . Zum Dank erwart ' ich , daß Du den Vertrag genau erfüllst und den Kaufpreis in Bälde bezahlst . « Teja ließ den Brief sinken , die Stimme versagte ihm . Ein Ächzen und Stöhnen der Wut zog durch die Versammlung . » Ich ließ umkehren , sogleich landen , ausschiffen und jage hierher seit drei Tagen und drei Nächten unausgesetzt . Ich kann nicht mehr . « Und taumelnd sank er in Witichis ' Arme . Da sprang der alte Hildebrand empor auf den höchsten Stein seines Stuhles : weit überragte er die ganze Menge : er riß dem Träger , der die Lanze mit des Königs kleiner Marmorbüste auf der Querstange trug , den Schaft aus der Hand und hielt ihn vor sich in der Linken , in der Rechten hob er sein Steinbeil : » Verkauft , verraten sein Volk für gelbes Gold ? Nieder mit ihm , nieder , nieder ! « Und ein Beilschlag zertrümmerte die Büste . Dieser Akt war wie der erste Donnerschlag , der ein lange brütendes Gewitter entfesselt . Nur dem Wüten empörter Elemente war das Stürmen vergleichbar , welches nun das in seinen Grundtiefen aufgewühlte Volk durchbrauste . » Nieder , nieder , nieder mit ihm ! « hallte es tausendfach wieder unter betäubendem Klirren der Waffen . Und darauf erhob abermals der alte Waffenmeister seine eherne Stimme und sprach feierlich : » Wisset es , Gott im Himmel und Menschen auf Erden , sehende Sonne , und wehender Wind , wisset es , das Volk der Goten , frei und alten Ruhmes voll und zu den Waffen geboren , hat abgetan seinen ehemaligen König Theodahad , des Theodis Sohn , weil er Volk und Reich an den Feind verraten . Wir sprechen dir ab , Theodahad , die goldne Krone und das Gotenreich , das Gotenrecht und das Leben . Und solches tun wir nicht nach Unrecht , sondern nach Recht . Denn frei sind wir gewesen allewege unter unsern Königen und wollten eh ' der Könige missen als der Freiheit . Und so hoch steht kein König , daß er nicht um Mord , Verrat und Eidbruch zu Recht stehe vor seinem Volk . So sprech ' ich dir ab Krone und Reich , Recht und Leben . Landflüchtig sollst du sein , echtlos , ehrlos , rechtlos . Soweit Christenleute zur Kirche gehen und Heidenleute zum Opferstein . Soweit Feuer brennt und Erde grünt . Soweit Schiff schreitet und Schild scheinet . Soweit Himmel sich höht und Welt sich weitet . Soweit der Falke fliegt den langen Frühlingstag , wann ihm der Wind steht unter seinen beiden Flügeln . Versagt soll dir sein Halle und Haus und guter Leute Gemeinschaft und alle Wohnung , ausgenommen die Hölle . Dein Erb und Eigen teil ' ich zu dem Gotenvolk . Dein Blut und Fleisch den Raben in den Lüften . Und wer dich findet , in Halle und Hof , in Haus oder Heerstraße , soll dich erschlagen , ungestraft , und soll bedankt sein dazu von Gott und den guten Goten . Ich frage euch , soll ' s so geschehn ? « » So soll ' s geschehn ! « antworteten die Tausende und schlugen Schwert an Schild . Kaum war Hildebrand herabgestiegen , als der alte Haduswinth seine Stelle einnahm , das zottige Bärenfell zurückwarf und sprach : » Des Neidkönigs wären wir ledig ! Er wird seinen Rächer finden . Aber jetzt , treue Männer , gilt es , einen neuen König wählen . Denn ohne König sind wir nie gewesen . Soweit unsre Sagen und Sprüche zurückdenken , haben die Ahnen einen auf den Schild gehoben , das lebende Bild der Macht , des Glanzes , des Glückes der guten Goten . Solang es Goten gibt , werden sie Könige haben : und solang sich ein König findet , wird ihr Volk bestehn . Und jetzt vor allem gilt ' s , ein Haupt , einen Führer zu haben . Das Geschlecht der Amelungen ist glorreich aufgestiegen , wie eine Sonne : lang hat sein hellster Strahl , Theoderich , geleuchtet : aber schmählich ist ' s erloschen in Theodahad . Auf , Volk der Goten , du bist frei ! frei wähle dir den rechten König , der dich zu Sieg und Ehre führt . Dein Thron ist leer : mein Volk , ich lade dich zur Königswahl ! « » Zur Königswahl ! « sprach diesmal feierlich und machtvoll der Chor der Tausende . Da trat Witichis auf den Dingstein , hob den Helm vom Haupt und die Rechte gen Himmel : » Du weißt es , Gott , der in den Sternen geht , uns treibt nicht frevler Kitzel des Ungehorsams und des Übermuts : uns treibt das heilige Recht der Not . Wir ehren das Recht des Königtums , den Glanz , der von der Krone strahlt : geschändet aber ist dieser Glanz , und in der höchsten Not des Reiches üben wir des Volkes höchstes Recht . Herolde sollen ziehen zu allen Völkern der Erde und laut verkünden : nicht aus Verachtung , aus Verehrung der Krone haben wir es getan . Wen aber wählen wir ? Viel sind der wackern Männer im Volk , von altem Geschlecht , von tapfrem Arm und klugem Geist . Wohl mehrere sind der Krone würdig . Wie leicht kann es kommen , daß einer diesen , der andre jenen vorzieht ? Aber um Gott , nur jetzt keinen Zwist , keinen Streit ! Jetzt , da der Feind im Lande liegt ! Drum laßt uns schwören vorher feierlich : wer das Stimmenmehr erhält , sei ' s nur um Eine Stimme , den wollen wir alle als unsern König achten , unweigerlich , und keinen andern . Ich schwöre es - schwört mit mir . « » Wir schwören ! « riefen die Goten . Aber der junge Arahad stimmte nicht ein . Ehrgeiz und Liebe loderten in seinem Herzen : er bedachte , daß sein Haus jetzt , nach dem Fall der Balten und der Amaler , das edelste war im Volk : er hoffte , Mataswinthens Hand zu gewinnen , wenn er ihr eine Krone bieten konnte : und kaum war der Schwur verhallt , als er vortrat und rief : » Wen sollen wir wählen , gotische Männer ? bedenkt euch wohl ! Vor allem , das ist klar , einen Mann jungkräftigen Armes wider den Feind . Aber das allein genügt nicht . Weshalb haben unsre Ahnen die Amaler erhöht ? Weil sie das edelste , das älteste , Götter entstammte Geschlecht waren . Wohlan , das erste Gestirn ist erloschen , gedenkt des zweiten , gedenkt der Balten ! « Von den Balten lebte nur Ein männlicher Sproß , ein noch nicht wehrhafter Enkel des Herzogs Pitza - denn Alarich , der Bruder der Herzoge Thulun und Ibba , war seit langen Jahren geächtet und verschollen . - Arahad rechnete sicher , man werde jenen Baltenknaben nicht wählen und vielmehr des dritten Gestirns gedenken . Aber er irrte . Der alte Haduswinth trat zornig vor und schrie : » Was Adel ! was Geschlecht ! sind wir Adelsknechte oder freie Männer ? Beim Donner ! werden wir Ahnen zählen , wenn Belisar im Lande steht ? Ich will dir sagen , Knabe , was ein König braucht . Einen tapferen Arm , das ist wahr , aber nicht das allein . Der König soll ein Hort des Rechts , ein Schirm des Friedens sein , nicht nur der Vorkämpfer im Schwertkampf . Der König soll haben einen immer ruhigen , immer klaren Sinn , wie der blaue Himmel ist , und wie die lichten Sterne sollen darin auf- und niedergehen gerechte Gedanken . Der König soll haben eine stete Kraft , aber noch mehr ein stetes Maß : er soll nie sich selbst verlieren und vergessen in Haß und Liebe , wie wir wohl dürfen , wir unten im Volk . Er soll nicht nur mild sein den Freunden , er soll gerecht sein dem Verhaßtesten , selbst dem Feind . In dessen Brust ein klarer Friede wohnt bei kühnem Mut und edles Maß bei treuer Kraft , - der Mann , Arahad , ist königlich geartet und hätt ' ihn der letzte Bauer gezeugt . « Lauter Beifall folgte dem Wort des Alten und beschämt trat Arahad zurück . Aber jener fuhr fort : » Gute Goten ! ich meine , wir haben einen solchen Mann ! Ich will ihn euch nicht nennen : nennt ihr ihn mir . Ich kam hierher aus fernem Hochgebirg aus unsrer Mark gegen die Karanthanen , wo der wilde Turbidus schäumend die Felsen zerstäubt . Da leb ' ich mehr , als sonst ein Menschenalter ist , stolz , frei , einsam . Wenig erfahr ' ich von der Menschen Händeln , selbst von des eignen Volkes Taten , wenn nicht ein Salzroß halbverirrt des Weges kommt . Und doch drang mir bis in jene öde Höhe der Waffenruhm Eines vor allen unsern Helden , der nie das Schwert zu ungerechtem Streit erhob und es noch niemals sieglos eingesteckt . Seinen Namen hört ' ich immer wieder , wenn ich fragte : Wer wird uns schirmen , wenn Theoderich schied ? Seinen Namen hört ' ich bei jedem Sieg , den wir erfochten , bei jedem weisen