großen Gefahr entgangen ; und jetzt - jetzt erst gehören Sie uns ! « Siebenundzwanzigstes Capitel . In der Anstalt galt das Wort , daß man Allen etwas vorlügen könne , nur dem Director nicht . Der Director von Zehren hatte eine Art , diejenigen , mit denen er sprach , anzusehen , für welche , glaube ich , nur eine eherne Stirne unempfindlich bleiben konnte . Nicht , als ob man seinem Blicke die Absicht angemerkt hätte , möglichst viel und möglichst scharf zu sehen ! Sein Auge hatte gar nichts Spürendes , gar nichts Inquisitorisches ; im Gegentheil , es war klar und groß wie eines Kindes Auge , und gerade hierin lag seine für die meisten Menschen unwiderstehliche Kraft . Da er Jedem , mit dem er sprach , durchaus wohlwollte , da er für sein Theil nichts zu verheimlichen hatte , ruhte dies klare , große , dunkle Auge so fest auf Einem - mit dem Blicke der sonnenhaften Götter gleichsam , die nicht mit der Wimper zucken , wie der schwache , in Dämmerung und in Heimlichkeit aller Art lebende Mensch . Und als er mich mit diesem Blicke nach dem Manne fragte , den er am Morgen zu mir geschickt habe , da sagte ich ihm , wer der Mann gewesen sei und was er gewollt . Und weiter sagte ich ihm , in welcher Stimmung mich der Mann getroffen und wie nahe die Versuchung an mich herangetreten , daß ich aber - auch ohne den Beistand und die Hilfe des guten Doctors - die Versuchung besiegt habe , ich glaubte sagen zu dürfen - für nun und immer . Der Director hatte meiner Erzählung mit allen Zeichen lebhafter Theilnahme zugehört . Als ich zu Ende , drückte er mir die Hand , dann wendete er sich zu seinem Arbeitstische und reichte mir ein Schreiben , welches , wie er mir sagte , soeben eingetroffen sei und das er mich zu lesen bitte . Das Schreiben war eine in höflichen , aber sehr bestimmten Ausdrücken abgefaßte Anfrage des Präsidenten , wie es sich betreffs einer gewissen , dem Präsidium zugegangenen anonymen Denunciation verhalte ? eventualiter wurde der Director von Zehren aufgefordert , ein seine Stellung und Würde so compromittirendes Verhältniß sofort aufzugeben und den betreffenden jungen Menschen mit der Strenge zu behandeln , welche die Würde des Gesetzes , die Würde der Richter , schließlich seine eigene Würde erfordere . » Sie wünschen zu wissen , « sagte der Director , als ich das Blatt mit einem fragenden Blick wieder hinlegte , » wie ich mich nun zu verhalten gedenke ? Gerade , als ob ich dies hier nicht empfangen hätte . Ich will nicht wissen , ob Doctor Snellius , den die Freundschaft in meinen Angelegenheiten oft schärfer sehen läßt als mich selbst , eine kleine Comödie gespielt hat , als er Sie uns gestern so Hals über Kopf entführte , aber ich bin ihm oder dem Zufall dankbar , daß es so gekommen ist . Es würde meinen Stolz doch verletzt haben , Sie , den ich so lieb gewonnen , einer elenden Chicane opfern zu müssen . Man ist ja äußerlich im Recht , wenn man behauptet , daß der Gefangene nicht der Hausgenosse des Directors sein könne , und darin hätte ich nachgeben müssen ; aber ebenso entschlossen bin ich , nicht weiter nachzugeben , keinen Schritt . Zu bestimmen , für welche Art der Arbeit ein Gefangener sich qualificire und wie er seine Erholungsstunden zubringe , ist mein unbestreitbares Recht , von dem ich mir auch nicht eines Strohhalmes Breite rauben lasse , das ich durch alle Instanzen verfechten werde , und sollte ich bis an den König gehen . Schon deshalb ist es mir nicht leid , daß dies so gekommen ist , weil es uns Gelegenheit giebt , uns über unser gegenseitiges Verhältniß , über den Weg , den wir in Zukunft verfolgen müssen , klar zu werden . Sind Sie geneigt , zu hören , wie ich darüber denke , so wollen wir in den Garten gehen . Meine Lunge will heute wieder einmal in der Zimmerluft ihren Dienst nicht thun . « Wir traten aus seinem Arbeitszimmer in den Garten . Ich hatte ihm meinen Arm geboten - denn ich fühlte mich jetzt zu solchen Diensten ausreichend kräftig - und so wandelten wir schweigend zwischen den Beeten hin , von denen uns der warme Mittagswind den Duft der Levkoyen und Reseden in balsamischen Wolken zuführte , bis uns auf dem Platze unter den Platanen labender Schatten empfing . Der Director nahm auf einer der Bänke Platz , winkte mir , mich dicht an seine Seite zu setzen , und nach einem dankbar stillen Blicke in die Kühlung spendenden Wipfel der ehrwürdigen Bäume sprach er also : » Die Strafe ist das Recht des Unrechtes , wenn man den Rechtslehrern , auf deren Worte jetzt die Schüler aller Orten schwören , glauben darf . Die Definition empfiehlt sich durch ihre Einfachheit den Katheder-Logikern , aber ich glaube nicht , daß Christus sehr damit zufrieden gewesen wäre . Er hat nicht gefunden , daß gesteinigt zu werden das Recht der Ehebrecherin sei , im Gegentheil , indem er den , welcher sich ohne Schuld fühle , aufforderte , den ersten Stein auf das arme Weib zu werfen , angedeutet , daß unter der glatten , logischen Oberfläche des landesüblichen Rechtes ein tieferer Grund liege , der sich allerdings nur dem Auge offenbart , das sieht - ja , und dem Herzen , das fühlt . Einem solchen Auge , einem solchen Herzen aber wird es bald klar , daß jenes Unrecht , welches bestraft werden soll , damit es zu seinem Rechte komme , wenn nicht immer , so doch fast immer ein Unrecht aus zweiter , dritter , hundertster Hand ist , die Strafe deshalb fast nie den trifft , der sie möglicher Weise verdient hat , und der gerechteste Richter also im allerbesten Falle , er mag wollen oder nicht , dem blutigen Legaten gleicht , der den Zehnten zum Tode führen läßt , nicht , weil er schuldiger ist , als die anderen neun , sondern , weil er der Zehnte ist . Das aber wird , wie gesagt , nicht dem Katheder-Logiker offenbar , der zufrieden lächelt , wenn er nur mit dem Satze der Identität und dem vom Widerspruche nicht in Conflict geräth ; auch dem Richter nicht , dem der Fall in seiner Vereinzelung , aus dem Zusammenhange herausgerissen , vorliegt , und der nun urtheilen soll , wo er nicht einmal die Theile in seiner Hand hat , geschweige denn den sichtbar unsichtbaren Faden , auf den die Theile mit Nothwendigkeit gereiht sind . Sie beide gleichen dem Laien , der ein Gemälde nur nach der Wirkung beurtheilt , nicht dem Kenner , der weiß , wie es entstanden ist , welche Farben der Maler auf der Palette hatte , wie er sie mischte , wie er den Pinsel führte , welche Schwierigkeiten er überwinden mußte und wie und wodurch er sie überwunden hat , oder weshalb er sein Ziel nicht erreichte . Und wie die wahre Kritik nur die schöpferische ist , welche aus den Geheimnissen der Kunst heraus urtheilt , und also auch nur der Künstler wahrhaft Kritik üben kann , so können die Handlungen der Menschen auch nur von Menschen beurtheilt werden , von denen das Wort des alten Weisen gilt , daß ihnen nichts Menschliches fremd sei , weil sie der Menschheit ganzen Jammer schaudernd an sich selbst und an ihren Mitbrüdern erfahren . Dazu aber gehört , wie gesagt , ein fühlend Herz und ein sehend Auge und dann das Dritte , ohne welches man auch mit fühlendem Herzen und sehendem Auge nicht viel erfährt , nämlich - Erfahrung , ich meine volle , reiche Gelegenheit , Herz und Auge zu erproben und zu üben . Wer hätte diese Gelegenheit mehr aus erster Hand als der Vorsteher einer Anstalt , in welcher , nach den Worten des Philosophen , das Unrecht zu seinem Recht kommen soll ? der Director einer Strafanstalt ? er und der Arzt der Anstalt , wenn sie Freunde sind , wenn sie , von denselben Gesichtspunkten ausgehend , Hand in Hand nach demselben Ziele streben ? Sie und nur sie allein erfahren , was kein noch so gewissenhafter Richter erfährt , wie der Mensch , den die Menschheit für immer oder eine zeitlang ausgestoßen , wurde , was er geworden ist ; warum er , von solchen Eltern geboren , in solchen Verhältnissen aufgewachsen , in einer solchen kritischen Lage so und nicht anders handeln konnte . Dann aber , wenn der Director , der nothwendig der Beichtiger des Verbrechers wird , die Geschichte seines Lebens bis in die Einzelheiten erfahren , wenn der Arzt die Leberkrankheit , an der der Mensch seit Jahren litt , constatirt hat , dann sprechen Beide , wenn sie conferiren , nicht mehr von dem Rechte des Unrechtes , das hier geübt werden soll , dann sprechen sie nur noch davon , ob dem Aermsten noch zu helfen ist und wie ihm geholfen werden kann ; dann sehen sie Beide in der sogenannten Strafanstalt abwechselnd nur noch eine Besserungsanstalt und ein Krankenhaus . Sind doch - und dies ist ein unendlich wichtiger Punkt , zu dessen Erkenntniß die Physiologie die Jurisprudenz noch einmal zwingen wird - sind doch fast Alle , die hierher kommen , krank im gewöhnlichen Sinne ; fast Alle leiden sie an mehr oder weniger schweren organischen Fehlern , fast das Gehirn Aller ist unter dem Durchschnittsmaaß des Gehirns , welches ein normaler Mensch zu einer normalen Thätigkeit , zu einem Leben , das ihn nicht mit dem Gesetze in Conflict bringen soll , braucht . Und wie könnte es anders sein ? Fast ohne Ausnahme sind sie die Kinder der Noth , des Elends , der moralischen und physischen Verkommenheit , die Parias der Gesellschaft , welche in ihrem brutalen Egoismus an dem Unreinen mit zusammengerafften Kleidern und gerümpften Nasen vorüberstreift , und , sobald er sich ihr in den Weg stellt , mit grausamer Gewalt ihn von sich stößt ! Recht des Unrechts ! Hochmuth des Pharisäerthums ! Es wird die Zeit kommen , wo man diese Erfindung der Philosophen mit jener der Theologen , daß der Tod der Sünde Sold sei , auf eine Stufe stellt und Gott dankt , daß man endlich aus der Nacht der Unwissenheit aufgewacht ist , die solche Monstrositäten erzeugte ! Der Tag wird kommen , aber nicht so bald . Noch stecken wir tief in dem Schlamm des Mittelalters ; noch ist nicht abzusehen , wann diese Sündfluth von Blut und Thränen verlaufen sein wird . Wie weit auch der Blick einzelner erleuchteter Köpfe hinein in die kommenden Jahrhunderte trägt - der Fortschritt der Menschheit ist unendlich langsam . Wohin wir in unserer Zeit sehen - überall die unschönen Reste einer Vergangenheit , die wir längst überwunden glauben . Unser Herrscherthum , unsere Adels-Institutionen , unsere religiösen Verhältnisse , unsere Beamtenwirthschaft , unsere Heereseinrichtungen , unsere Arbeiterzustände - überall das kaum versteckte , grundbarbarische Verhältniß zwischen Herrn und Sklaven , zwischen der dominirenden und der unterdrückten Kaste ; überall die bange Wahl , ob wir Hammer sein wollen oder Amboß . Was man uns lehrt , was wir erfahren , was wir um uns her sehen , - Alles scheint zu beweisen , daß es kein Drittes giebt . Und doch ist eine tiefere Verkennung des wahren Verhältnisses nicht denkbar , und doch giebt es nicht nur ein Drittes , sondern es giebt dieses Dritte einzig und allein , oder vielmehr dieses scheinbar Dritte ist das wirklich Einzige , das Urverhältniß sowohl in der Natur als im Menschendasein , das ja auch nur ein Stück Natur ist . Nicht Hammer oder Amboß - Hammer und Amboß muß es heißen , denn jedwedes Ding und jeder Mensch in jedem Augenblicke ist Beides zu gleicher Zeit . Mit derselben Kraft , mit welcher der Hammer den Amboß schlägt , schlägt der Amboß wieder den Hammer ; unter demselben Winkel , unter welchem der Ball die Wand trifft , schleudert die Wand den Ball zurück ; genau so viel Stoff , als die Pflanze aus den Elementen zieht , muß sie den Elementen wiedergeben - und so in ewigem Gleichmaaß durch alle Natur in allen Zeiten und Räumen . Wenn aber die Natur unbewußt dieses große Gesetz der Wechselwirkung befolgt und eben dadurch ein Kosmos und kein Chaos ist , so soll der Mensch , dessen Dasein unter genau demselben Gesetze steht , sich dieses Gesetz zum Bewußtsein bringen , mit Bewußtsein ihm nachzuleben streben , und sein Werth steigt und fällt in demselben Maaße , als dieses Bewußtsein in ihm klar ist , als er mit klarem Bewußtsein in diesem Gesetze lebt . Denn obgleich das Gesetz dasselbe bleibt , ob der Mensch nun darum weiß oder nicht , so ist es doch für den Menschen nicht dasselbe . Wo er darum weiß , wo er die Unzerreißbarkeit , die Solidarität der menschlichen Interessen , die Unabwendbarkeit von Wirkung und Gegenwirkung erkannt hat , da blühen Freiheit , Billigkeit , Gerechtigkeit , welches Alles nur andere Ausdrücke für jenes auf die menschlichen Verhältnisse angewandte Natur-Gesetz sind ; wo er nicht darum weiß , wo er in seiner Blindheit wähnt , ungestraft seinen Mitmenschen ausnützen zu können , da wuchern Sklaverei und Tyrannei , Aberglaube und Pfäfferei , Haß und Verachtung in giftiger Fülle . Welcher natürliche Mensch möchte nicht lieber Hammer als Amboß sein , so lange er glaubt , die freie Wahl zwischen beiden zu haben ? Aber welcher vernünftige Mensch wird nicht gern darauf verzichten , nur Hammer sein zu wollen , nachdem er erkannt hat , daß ihm das Amboß-Sein nicht erspart wird und erspart werden kann , daß jeder Streich , den er giebt , auch seine Backe trifft , daß , wie der Herr den Sklaven , so der Sklave den Herrn corrumpirt , und daß in politischen Dingen der Vormund zugleich mit dem Bevormundeten verdummt . Möchte doch diese Erkenntniß endlich einmal in das deutsche Volksbewußtsein übergehen , dem es so dringend noth thut ! So dringend noth ! Denn ich muß es aussprechen , daß in diesem Augenblick , kaum zwanzig Jahre nach unserem Befreiungskriege , jener Grundsatz alles Menschendaseins vielleicht von keiner der Cultur-Nationen so gründlich und so allgemein verkannt wird , als gerade von uns Deutschen , die wir uns so gern die geistige Blüthe der Nationen , das Volk der Denker , das wahrhaft humane Volk nennen . Oder wo würde mit unleidlicherer , schulmeisterlicher Pedanterie die junge Menschenpflanze in eine zu frühe , zu strenge und vor allen Dingen unglaublich bornirte Zucht genommen als gerade bei uns ? Wo würde ihr freier , schöner Wuchs systematischer verhindert und verkrüppelt als gerade bei uns ? Was wir mit Hilfe der Schul- und Kirchenbänke , des Exercierstockes , des Prokustesbettes der Examina , der vielsprossigen Leiter eines hierarchischen Beamtenthums in dieser Beziehung freveln - es treibt den Einsichtigen unter uns die Röthe der Scham auf die Stirn und die Gluth des Zornes in die Wangen ; es ist mit Recht das unerschöpfliche Thema des Spottes für unsere Nachbarn . Die Wuth , zu befehlen , die sclavische Gier , sich befehlen zu lassen - das sind die beiden Schlangen , die den deutschen Herkules umstrickt halten , die ihn zu einem Krüppel machen ; sie sind es , die überall die freie Circulation der Säfte hemmen , hier hypertrophische , dort atrophische Zustände erzeugen , an denen der Körper des Volkes grausam krankt ; sie sind es , die , indem sie ihr Gift in die Adern des Volkes spritzen , das Blut und das Mark des Volkes vergiften und die Race selbst deterioriren ; sie sind es endlich , denen wir verdanken , daß unsere Zucht- und Arbeitshäuser die Zahl der Insassen nicht fassen . Denn es ist nicht übertrieben , wenn ich behaupte , daß neun Zehntel von Allen , die hierher kommen , niemals hierher gekommen sein würden , wenn man sie nicht mit Gewalt zum Amboß gemacht hätte , damit die Herren vom Hammer doch haben , woran sie ihr Müthchen kühlen können . So aber , indem man ihnen das natürliche Recht jedes Menschen , sich in einer , seinen Kräften und Fähigkeiten angepaßten Weise den Lebensunterhalt zu erarbeiten , möglichst erschwerte ; indem man sie systematisch verhinderte , gesunde , kräftige , taugliche Glieder des Gemeinwesens zu sein , hat man sie schließlich bis hieher , bis in ' s Arbeitshaus gebracht . Das Arbeitshaus ist im Grunde weiter nichts als die letzte Consequenz unserer Zustände , als das Exempel unseres Lebens auf die einfachste Formel gebracht . Hier müssen sie eine ganz bestimmte Arbeit in einer genau vorgeschriebenen Weise verrichten , aber wann hätte man sie jemals sich frank und frei ihre Arbeit wählen lassen ? hier müssen sie schweigen - aber wann hätten sie denn frei sprechen dürfen ? hier müssen sie dem niedrigsten Aufseher unbedingten Gehorsam leisten - aber haben sie nicht immer , auch ohne Shakspeare gelesen zu haben , gewußt , daß man dem Hund im Amte gehorcht ? hier müssen sie gehen , stehen , liegen , schlafen , wachen , beten , schaffen , müßiggehen auf Commando - aber sind sie zu dem Allen nicht trefflich vorbereitet ? sind sie nicht Alle mehr oder weniger geborene Arbeitshäusler ? Ach , mir thut das Herz weh , wenn ich daran denke , und wie sollte ich nicht daran denken , und besonders in diesem Augenblicke nicht daran denken , wo ich Sie hier vor mir sehe , wo ich mich frage : wie kommt dieser Jüngling mit dem Körper des gewaltigsten Mannes und den treuen blauen Augen eines Kindes in dieses Asyl des Verbrechens und des Lasters ? Lieber junger Freund , wenn mir doch die Antwort darauf schwerer würde ! Wenn es nicht doch dieselbe Formel wäre , nach der ich auch die Gleichung Ihres Lebens ausrechnen kann ! Wenn ich doch nicht wüßte , daß die Unnatur unserer Verhältnisse wie ein giftiger Samum ist , der das Gras verdorren macht und auch die Eiche entblättert ! Ich habe versucht , mir aus dem , was ich bereits von Ihnen wußte und was Sie mir mit solcher Treuherzigkeit aus Ihrem früheren Leben , von Ihren Familien-Verhältnissen , von Ihrer Umgebung , von dem Leben , den Gewohnheiten der Bürger Ihres Heimathsortes erzählt haben , einen Hintergrund zu schaffen , auf den ich mir Ihr Bild zeichnen könnte . Wie trostlos ist dieser Hintergrund ! wie liegt er so ganz in dem trüben Lichte , in welchem ich unsere Zustände im Allgemeinen sehe ! Ueberall Kleinlichkeit , Engherzigkeit , Beschränktheit , Kleben am Alten , Hergebrachten , schulmeisterliches Besserwissenwollen , pedantisches Hofmeistern ; überall abgezirkelte Wege , überall der freie Blick in ' s Leben durch thurmhohe Mauern von Vorurtheilen verbaut ! Sie haben mir gesagt , daß Sie Ihren Vater flehentlich gebeten haben , er möchte Sie zur See gehen lassen , und daß er mit Hartnäckigkeit darauf bestanden habe , Sie sollten ein Gelehrter , zum wenigsten ein Beamter werden . Es war gewiß nicht , wie Sie sich selbst anklagen , der bloße Hang des Müßigganges , die Sucht nach Abenteuern , was Sie wieder und immer wieder den Wunsch aussprechen ließ ; und sicherlich hat Ihr Vater nicht wohlgethan , als er , aus welchem Grunde immer , die Erfüllung dieses Wunsches hartnäckig verweigerte . Er hatte bereits einen Sohn auf dem Meere verloren - nun wohl ! Es giebt noch ein anderes Meer : das eines thatenfrohen , kräftigen Lebens in Handel und Wandel , in Kunst und Handwerk . Das hätte er Ihnen nicht verbieten sollen , und doch war es dies Meer , auf das Sie wollten , und für das Ihnen nur das wirkliche Meer mit seinen Stürmen , seinen Wogen das Abbild war , so daß Sie das Abbild mit dem Urbild verwechselten . Ihr Vater hat nicht wohlgethan , und doch dürfen Sie mit ihm , dem von häuslichem Unglück Verdüsterten , vor der Zeit Vereinsamten , durch des Sohnes Widerspruch Gereizten , durch des Sohnes factischen Ungehorsam Beleidigten - nicht mit ihm dürfen wir rechten . Was aber sollen wir sagen von Ihren pedantischen Lehrern , von denen kein einziger ein Verständniß für einen Jüngling hatte , dessen Charakter die Offenheit selbst ist ? was von den spießbürgerlichen guten Freunden , die nichts konnten , als Zeter schreien über den Frevler , der ihre Söhne zu tollen Streichen verleitete , und die es für ein gottgefälliges Werk hielten , Vater und Sohn noch mehr zu verhetzen ? Ach , mein Freund , es ist Ihnen ergangen , wie manchem anderen ehrlichen deutschen Jungen , der in so verzweifelt ordentlichen bürgerlichen Verhältnissen aufwächst , daß er Gott dankt , wenn er hinten im Westen von Amerika unter den Bäumen des Urwaldes nichts mehr von bürgerlicher Ordnung sieht . Bis in den amerikanischen Urwald sind Sie nun freilich nicht gekommen auf Ihrer Flucht aus der erdrückenden Enge Ihres Vaterhauses , sondern leider nur bis in die Wälder der Zehrenburg , und das hat das Maaß Ihres Unglücks voll gemacht . Denn dort trafen Sie auf Einen , zu dem Sie sich mit unwiderstehlicher Kraft hingezogen fühlen mußten , da seine Natur mit der Ihrigen in vielen Punkten eine wunderbare Aehnlichkeit hatte , der auch zum großen Theil an der Elendigkeit unserer Verhältnisse zu Grunde gegangen war , und der nun eine künstliche Wüste um sich her geschaffen hatte , in der er sich nach Willkür , die er für Freiheit hielt , bewegen konnte . Eine Wüste im eigentlichen und moralischen Sinne ; denn nach Allem , was Sie mir von seinen Aeußerungen berichtet , und die Folge bewiesen , hatte er mit dem Vorurtheil auch das Urtheil , mit der Rücksicht auch die Umsicht , mit der Bedenklichkeit auch das Nachdenken , mit den Fehlern des deutschen Charakters auch die Tugenden des Deutschen und jedes sittlichen Menschen über Bord geworfen , und Alles , was ihm noch geblieben , war die Abenteuerlust , und eine Art von phantastischer Großmuth , die aber auch - Sie haben es erfahren - gelegentlich phantastischer sein konnte als großmüthig . Wie dem aber auch sein mochte - er war ein Mann , der Ihnen schon dadurch imponirte , weil er das genaue Gegentheil von allen Menschen war , die Ihnen bis dahin auf Ihrem Lebenswege begegnet , und der noch genug von ritterlichen Eigenschaften besaß , daß Sie , der Unerfahrene , wohl in ihm Ihr Ideal sehen mußten . Dazu die freie Luft auf den weiten Haiden , den stolzen Uferhöhen , auf dem unendlichen Strande ! Hätte sie Ihnen nicht zu Kopf steigen , nicht Ihr vom Schulstaube umnebeltes Gehirn verwirren sollen ? Aber diese Freiheit , diese Unabhängigkeit , dieses kraftvolle Leben - es war Alles nur eine schöne Spiegelung , die Fata morgana einer hesperischen Küste , die versinken mußte , und hinter der , als sie versank , ein Untersuchungsgefängniß und ein Arbeitshaus stand . Daß Ihnen das Arbeitshaus ein Garten der Hesperiden werde - ich kann es nicht machen , mein Freund , und würde es nicht , wenn ich es könnte . Aber Eines hoffe ich bewirken zu können : daß Sie hier , wo die Mißerziehung , die man an Ihnen geübt hat , nicht weiter kann , hier , wo man Ihnen den letzten Rest der verhaßten Selbständigkeit zu nehmen dachte - zu sich selbst kommen , sich über sich selbst , über die Tendenz und das Maaß Ihrer Kräfte klar werden - daß Sie im Arbeitshaus arbeiten lernen . « Achtundzwanzigstes Capitel . Ich will nicht behaupten , der treffliche Mann habe , was ich ihn in dem vorigen Capitel sagen lasse , Alles in denselben Worten oder Alles an demselben Morgen gesagt . Es ist leicht möglich , ja wahrscheinlich , daß ich das Resultat der Gespräche mehr als eines Morgens hier im Zusammenhang gegeben und daß hier und da ein Ausdruck , ein Bild , das mir gehört , mit eingeflossen . Mehr aber schwerlich ; denn ich habe seine Philosophie , die auf meine dürstende Seele sich senkte , wie ein befruchtender Regen auf ein ausgedörrtes Feld , zu tief eingesogen , und während ich seine Gedanken wiederzugeben suche , steht sein Bild so lebendig in meiner Erinnerung , glaube ich den Ton seiner Stimme , ja seine eigenen Worte zu hören ! Und ich hatte um diese Zeit das Glück seiner Unterhaltung täglich , oft stundenlang . Es war mir unmöglich geworden , das Versprechen , welches ich Paula gegeben , zu erfüllen , denn ihr Vater hätte nicht gewartet , bis ich ihn bat , mir zu sagen , wie man am besten , wie man am schnellsten arbeite . Dennoch hatte ich ihm das Gespräch , das ich mit Paula gehabt , mitgetheilt und er hatte dazu gelächelt . » Sie will Sie zu einem Gelehrten machen , « sagte er , » ich will Sie zu nichts machen ; ich will , daß Sie werden , was Sie sein können , und um zu erfahren , was Sie sein können , werden wir wohl ein wenig experimentiren müssen . Eins ist gewiß , Sie können ein tüchtiger Handarbeiter sein - Sie haben es bewiesen , und es ist mir ganz lieb , daß Sie diesen kurzen Cursus durchgemacht . Der Künstler sollte die letzten Griffe des Handwerks kennen , aus welchem seine Kunst hervorgegangen ist , und auf welchem sie noch ruht ; nicht nur , daß er nur so im Stande ist , nach dem Rechten zu sehen , und helfend , nachhelfend , unterweisend , überall , wo es noth thut , einzugreifen ; es ist so auch wirklich erst sein Werk , das ihm ganz gehört , wie dem Vater sein Kind , welches mit ihm nicht blos Geist von einem Geiste , sondern auch Fleisch von einem Fleisch ist . Und wie viel schärfer sieht das Auge , wo die Hand selbst thätig war . Da ! das ist der Grundriß des neuen Krankenhauses ; hier ist das Fundament , das Sie selbst mit haben ausheben , zu dem Sie selbst die Steine mit haben herbeischaffen helfen . Diese Mauer wird sich auf dem Fundament erheben ; sie ist von der Höhe , von der Dicke ; Sie sind , auch ohne eine Berechnung anstellen zu können , überzeugt , daß ein solches Fundament eine solche Mauer tragen wird . Freut Sie nicht die reinlich-saubere Zeichnung , in der ein Strichelchen die Arbeit einer Stunde , vielleicht vieler Tage repräsentirt ? Paula hat mir gesagt , daß Sie ein scharfes Augenmaß und eine sichere Hand haben . Ich brauche eine Copie dieser Pläne . Möchten Sie mir wohl eine anfertigen ? Es ist eine Arbeit , wie sie für einen Reconvalescenten paßt , und den Gebrauch des Zirkels , des Lineals und der Reißfeder kann ich Ihnen in fünf Minuten zeigen . « Seit diesem Morgen arbeitete ich in dem Bureau des Directors , einfache Risse copirend - eine Façade nachzeichnend , Anschläge mundirend - mit einer Lust , von der ich nie geglaubt , daß sie eines Menschen Seele während der Arbeit erfüllen könne . Aber wer hat auch jemals einen solchen Lehrer gehabt : so gütig , so weise , so geduldig , so den Schüler mit Vertrauen zu sich selbst erfüllend ! Und wie wohl that mir sein Lob und wie bedurfte ich dieses Lobes - ich , der ich in der Schule immer nur getadelt und gescholten war , der ich es als selbstverständlich angesehen , daß meine Arbeiten schlechter waren als die aller Uebrigen ? der ich mir zuletzt selbst alle Fähigkeiten abgesprochen hatte ? Mein neuer Lehrer lehrte mich , daß diese Fähigkeiten nur geschlummert und daß ich sehr wohl begreifen konnte , wovon ich einsah , daß es begriffen zu werden verdiente . So hatte ich vollständig darauf resignirt , es in der Mathematik über die ersten Anfangsgründe hinauszubringen , und erfuhr jetzt zu meinem grenzenlosen Erstaunen , daß diese ungeheuerlichen Formeln , diese verzwickten Figuren aus lauter einfachen Begriffen , aus lauter simplen Vorstellungen zusammengesetzt waren mit einer wunderbaren Folgerichtigkeit , die einzusehen mir durchaus nicht schwer wurde und an der ich eine unaussprechliche Freude hatte . » Es ist merkwürdig , « sagte ich einmal , » als ich in Zehrendorf war , glaubte ich , es gebe auf Erden nichts Ergötzlicheres als eine Jagd auf weiter Haide an einem sonnigen Herbstmorgen ; jetzt finde ich , daß eine schwierige Formel richtig anzuwenden mehr Vergnügen gewährt als ein gutgezielter Schuß , der ein armes Rebhuhn aus der Luft herunterbringt . « » Im Grunde kommt es nur darauf an , « erwiederte mein Lehrer , » daß wir unsere Kräfte , unsere Fähigkeiten in einer Weise , die unserer Natur genehm ist , spielen lassen . Denn nur so erfahren wir , daß wir sind , und schließlich strebt jede Creatur in jedem Augenblicke nach weiter nichts . Können wir es so einrichten , daß unsere Thätigkeit , außer daß sie uns unser Dasein beweist , auch Anderen zugute kommt - und glücklicherweise sind wir Menschen fast immer in der Lage - so ist es freilich um so besser . Wollte Gott , mein unglücklicher Bruder hätte je eine Ahnung von dieser Einsicht gehabt ! « Es konnte nicht ausbleiben , daß wir , besonders in der ersten Zeit , wieder und wieder auf den » Wilden « zu sprechen kamen . » Er hieß schon als Knabe so , « erzählte der Director ; » alle Welt nannte ihn den Wilden , und es war kaum möglich