. Das hatte er längst vergessen , meinte Eva , denn er hat jetzt an ganz andere Leute und an ganz andere Dinge zu denken , als an Sie und Ihren Bau . Meine Mutter pflegte schon immer zu sagen : Die Herrschaften haben ein gehorsames Gedächtniß ! Was sie nicht eben selbst angeht , was ihnen nicht nöthig oder unterhaltend ist , das vergessen sie . Eva hob dabei den Kopf mit einer kleinen wegwerfenden Miene in die Höhe , und Herbert schwieg . Er hatte Gelegenheit gehabt , ähnliche Erfahrungen zu machen , aber er mochte nicht davon sprechen , sondern verlangte zu hören , wie es Eva während seiner Abwesenheit ergangen sei . O , meinte sie , davon ist mancherlei zu erzählen . Ich habe hier zuweilen sehr vornehmen Besuch gehabt . Die Frau Baronin ist selbst mehrmals bei uns gewesen , und hat bei mir nachgefragt , ob wir die Herbstlieferungen auch zur rechten Zeit und gehörig besorgen würden . Sie sprach das mit unverkennbarem Spotte , und Herbert fragte , über die Thatsache erstaunt , ob denn die Baronin eine Landwirthin sei . O nein , rief Eva ; sie wußte auch eigentlich gar nicht , was sie sagen oder wonach sie fragen sollte . War sie denn nie zuvor im Amte ? Ja , einmal vor Jahren , als sie mit dem gnädigen Herrn in Richten eingetroffen war , und damit half sie sich auch , als sie jetzt zum ersten Male hieher kam . Sie sagte , sie wolle das Haus sehen , ich sollte es ihr zeigen , aber das ganze Haus . Ich mußte also auch Ihr Zimmer aufschließen , Mosje Herbert , denn sie verlangte ausdrücklich zu wissen , wo Sie hier untergebracht wären ; und als ich dann die Laden oben bei Ihnen aufgemacht hatte , setzte sie sich eine Weile auf Ihren Stuhl an das alte Bureau , an dem Sie schreiben , sah da zum Fenster hinaus und rief immer : Welch ' schöne Aussicht ! Welch ' liebliche Aussicht ! Aber von hier sieht man ja das Schloß nicht ! Hat Sie denn kein Zimmer , Mamsell Eva , das nach dem Schlosse hinaussieht ? Das hätte Sie dem Herrn Architekten geben sollen ! - Ich mußte ihr darauf auch die Hinterstuben öffnen , denn sie wollte nicht glauben , daß man hier vom Amte das Schloß gar nicht sehen könne . War der Baron mit ihr ? fragte Herbert , und es fiel ihm auf , wie gleichgültig er sich nach der Frau erkundigen konnte , an die er einst mit so leidenschaftlicher Verehrung und Hingebung gedacht hatte . Nein , sie kam ganz allein , entgegnete ihm Eva . Sonst freilich , als sie noch öfter nach den Leuten , nach den Armen und Kranken sehen fuhr , da pflegte der Herr Caplan sie bei ihren Ausfahrten zu begleiten . Seit aber die Frau Herzogin immer mit ihr ist , haben die Krankenbesuche fast ganz aufgehört , und hierher - nun , hier wollte sie wohl die Herzogin nicht bei sich haben ! Herbert meinte , das sei also der eine Besuch gewesen , was die Baronin denn bei den anderen Besuchen gewollt habe ? O , gar nichts , entgegnete Eva . Die anderen Male ließ sie nur hier halten und erkundigte sich , wann Sie kämen , weil sie gern ein paar Zeichnungen für die Betschemel in ihrer Kirche von Ihnen gemacht haben wollte . Vorgestern aber stieg sie aus ; das Wetter war sehr schön , und weil sie Durst hatte , befahl sie , daß ich ihr ein Glas frische Milch in den Garten bringen sollte . Als ich sie dorthin geführt hatte und rasch nach dem Milchkeller laufen wollte , rief sie mich zurück und sagte , sie hätte damals oben in Ihrer Stube ihr Notizbuch liegen lassen , wegen dessen sei sie eigentlich gekommen , und ich sollte ihr das holen . Hatten Sie es denn nicht gefunden ? fragte Herbert , dem die Erzählung immer auffallender wurde . Gott bewahre ! Ich sagte das auch gleich , aber die Frau Baronin meinte , es müsse da sein , und als ich wiederholte , daß ich selbst eben erst das Zimmer in Ordnung gebracht , weil wir Sie jetzt alle Tage erwarteten , bestand sie darauf , selbst nachzusehen , weil ihr an dem Notizbuche , in das sie sich nothwendige Sachen eingeschrieben , gar zu viel gelegen sei . Es müsse auf dem Bureau liegen geblieben sein , behauptete sie . Sie ging denn auch gleich gerades Weges an das Bureau , schob die paar Bücher , welche Sie zurückgelassen hatten , hin und her - als ob ich das nicht selbst beim Abstäuben gethan hätte - , zog die große Schieblade auf , was nun erst ganz überflüssig war , und .... Und ? fragte Herbert lebhaft gespannt . Und als sie dann natürlich nichts gefunden hatte , da ging sie gerade so fort , wie sie gekommen war , und ich mußte sie noch daran erinnern , daß sie so starken Durst gehabt und Milch befohlen hatte . Sie brach damit ihren Bericht in derselben spottenden Weise ab , in welcher sie ihn begonnen hatte , Herbert ließ es auch dabei bewenden . Das war Eva aber offenbar nicht recht . Sie sah ihn an , als wolle sie in seinen Mienen lesen , ihn zum Sprechen auffordern , und da er dies nicht zu bemerken schien , rief sie plötzlich : Daß Ihnen all diese Besuche nicht einmal auffallen , Mosje Herbert , und daß Sie sie ganz natürlich finden würden , das hätte ich nicht gedacht ! - Nein , das hätte ich wirklich nicht gedacht - von Ihnen nicht gedacht ! wiederholte sie mit einer Stimme , der man den unterdrückten Zorn anhörte , und ging hastig von dannen , ohne darauf zu achten , daß Herbert ihr folgte und sie zu bleiben bat . Da sie sich in die Mägdestube zu den Spinnenden begab , in deren Gegenwart er sie doch nicht sprechen konnte , nahm er sein Licht und ging auf sein Zimmer . Hier also war Angelika gewesen ! Herbert blickte umher , als suche er eine Spur von Angelika ' s Anwesenheit , aber er fühlte kein Vergnügen dabei . Ihn überkam ein Mißtrauen und eine Unruhe , die er nicht mehr empfunden , seit er sich von Richten entfernt hatte , und vor Allem verdroß es ihn , daß er Eva unzufrieden wußte , denn er hatte sie lieb und war sicher , daß auch er ihr theuer sei . Es lagen so viel Unschuld und Wahrhaftigkeit in der Weise , in welcher sie ihm ihre Neigung kund gab , und die ganzen Verhältnisse waren auch so natürlich zwischen ihm und ihr , daß er fühlte , wie es für ihn im Grunde nur seiner einfachen Anfrage bedürfe , damit er in Eva eine Frau gewinne , wie sein Vater sie ihm schon lange zu geben gewünscht und wie er sie zuweilen auch ersehnt hatte , wenn er , von seinen Geschäftsreisen heimkehrend , sich einsam in sein einsames Zimmer begeben müssen . War es ihm doch gerade heute bei seiner Ankunft in Rothenfeld so erquicklich gewesen , von Eva ' s freundlichem Blicke , von ihrem herzlichen Willkomm empfangen zu werden , so erquicklich , daß er sich kaum enthalten können , sie in seiner Freude , als gehöre sie schon lange zu ihm , an das Herz zu drücken . Er setzte sich an das Bureau nieder . Das Zimmer war auf das vorsorglichste für ihn bereitet ; trotz der späten Jahreszeit stand noch ein frischer Strauß auf der Commode unter dem Spiegel , und ein zweiter , wie er es liebte , auf seinem Bureau . Er wußte Eva für dieses Eingehen auf seine kleinen Neigungen von Herzen Dank , und er hatte sie dafür noch lieber . Indem zog er die große Schieblade auf , um etwas aus seinen Papieren herauszusuchen . Als er die oberen Lagen derselben aufgehoben hatte , hielt er plötzlich betroffen inne . Zwischen den Papieren , welche er dort aufbewahrt , weil sie sich auf den Bau bezogen , lag ein versiegelter Brief ohne Adresse und ohne Zeichen im Petschaft : aber er zweifelte nicht , von wem er käme , und ihn hastig eröffnend , las er die Herder ' schen Worte : Leichter ist es der Seele , die schwersten Schmerzen zu dulden , Als dem Auge , sich selbst einem Geliebten entziehn ! Eine wunderbare Empfindung durchzuckte ihn . Er konnte seine Augen nicht von dem Blatte und von den Worten abwenden . Wenn es wahr wäre ? Wenn sie dich dennoch liebte und hätte nur ihr eigenes Herz verkannt ? Und hätte dich nur von sich gewiesen , um den Argwohn ihres Gatten zu beschwichtigen ? dachte er . Er fühlte sich aufgeregt , er fühlte eine freudige Genugthuung , aber das währte nur einen kurzen Augenblick und machte bald einer entgegengesetzten Empfindung Platz . Sein Ehrgefühl schreckte vor einem solchen Liebeshandel zurück , und die Frau , welche daran denken konnte , ihn einzugehen , war nicht mehr jene reine , schuldlose und unglückliche Seele , zu der er einst mit so verehrender Liebe emporgesehen hatte . Er wollte nicht wieder der Spielball seiner eigenen Empfindungen oder gar das Spielzeug in den Händen einer Frau werden , die sich , gerade wie ihr Gatte , das Recht zuzuerkennen schien , ihn nach ihrem Belieben wider seinen Willen anzuziehen und abzustoßen , und der Gedanke , was Eva empfunden haben würde , hätte ein Zufall oder ihre eigene zärtliche Neugier ihr dieses Papier in die Hände gespielt , nahm ihn noch entschiedener gegen die Baronin ein . Er dachte daran , ihr dieses Blättchen zurückzusenden , aber er war Mannes genug , eine Frau unter keinen Verhältnissen bloßzustellen , und mit raschem Entschlusse zerriß er das Papier , um der Baronin in der Weise zu antworten , die seiner Neigung für Eva entsprach und die ihn für immer des Schwankens entheben mußte , in welchem er sich sonst zwischen diesen beiden Frauen bewegt . Auf dem Punkte , sein Zimmer zu verlassen und die bindende Entscheidung zu treffen , mit welcher er ein für alle Mal seiner Freiheit entsagte , überkam ihn jedoch jene Unsicherheit , welche fast jeder Mann in solcher Lage fühlen muß . Er war entschlossen , Angelika ' s nicht mehr zu gedenken ; indeß noch war er Herr , es zu thun , und er sah sie eben jetzt so deutlich vor Augen . Sie erschien ihm nur schöner , nur reizender , wenn er sie sich hier in diesem schlichten Raume vorstellte , wenn er es sich ausmalte , wie eine Frau gleich ihr am Heerde eines geliebten Mannes walten möge , und ohne daß er es beabsichtigte , versank er in Träume eines Glückes , das ihn schwindeln machte und das weit ablag von dem Vorsatze , den er eben noch gehegt . Der Hufschlag eines Pferdes riß ihn in die Wirklichkeit zurück . Der Amtmann kehrte heim . Herbert fuhr sich mit der Hand über die Stirne ; es war ihm erwünscht , daß man ihn weckte , daß er mit seinen thörichten Phantasieen nicht länger allein blieb . Er versprach sich , daß sie ihm nicht wiederkommen sollten . Als er die Wohnstube betrat , sah er beim ersten Blicke , daß der Amtmann nicht gut aufgelegt war ; auch Eva zeigte sich mißmuthig und ging ihm aus dem Wege . Man setzte sich zum Essen nieder , aber es wollte mit der Unterhaltung nicht gehen . Der Amtmann that einige kurze Fragen an seine Wirthschafter , die mit zu Tische saßen , Eva gab die Speise umher , man sättigte sich , aber es ward kein gemeinsames Mahl , und nach jedem Versuche , die obwaltende Verstimmung zu verbergen oder zu besiegen , fühlte man sie nur schwerer auf sich lasten . Als die Wirthschafter sich erhoben , erkundigte sich der Amtmann , wie ein Befehlender sich das angewöhnt , ob in seiner Abwesenheit etwas vorgefallen sei , das des Berichtens bedürfe . Nein , versetzte der älteste der jungen Männer , nichts ! Denn daß der Herr Marquis hier war , wissen ja der Herr Amtmann wohl ! Ja , entgegnete dieser ; aber Herbert sah , daß die Stirne des Amtmanns sich röthete , daß Eva ' s Wangen ebenfalls erglühten , und auch ihm stieg es heiß vom Herzen in die Höhe . Indeß keiner von ihnen sprach ein Wort . Erst als die Wirthschafter hinaus gegangen waren , fragte der Amtmann , als könne er es nun nicht länger zurückhalten : Warum habe ich das nicht erfahren , Eva ? Weil ich Dir ansah , daß Du selbst Verdruß gehabt hast ! gab sie ihm zur Antwort , und auf ihren beiden Gesichtern sprach sich eine Bitterkeit aus , welche Herbert früher nie in ihnen wahrgenommen hatte . Eva räumte , wie immer , die Geräthschaften fort , der Amtmann ging in seine Schreibstube , die Schwester folgte ihm bald nach . Er hörte den Amtmann mit ihr sprechen ; der Ton verrieth , daß es keine ruhige Unterhaltung sei , und er setzte sich wieder an der entgegengesetzten Seite des Zimmers in die Fensterbrüstung , um nicht zu vernehmen , was vielleicht nicht für ihn bestimmt sein mochte . Noch vor wenig Stunden hatte er sich hier so zufrieden , so heimisch gefühlt , jetzt empfand er mit mannigfach erregtem Sinne , daß er doch noch als ein Fremder zwischen diesen ihm so lieb gewordenen Menschen betrachtet werde . Indem kam Eva heraus und gesellte sich zu ihm . Sie sahen beide schweigend zum Fenster hinaus . Der Mond war emporgestiegen , man konnte den Hof mit allen seinen Einzelheiten unterscheiden , auch auf Eva ' s Stirne fiel ein heller Schein . Sie pflegte sonst gern ihr Haupt auf die Hand zu stützen , wenn sie einmal müßig war - heute hatte sie , obschon die Wärme des Zimmers es nicht nöthig machte , ihre Arme fest in ihre Schürze gewickelt und über einander geschlagen . Sie war noch immer verstimmt , und Herbert , der sich und ihr darüber forthelfen wollte , sagte scherzend : Weßhalb machen Sie sich so unnahbar , liebe Eva ? Sie antwortete ihm nicht . Er kam auf die Vermuthung , daß sie mit ihm um der Baronin willen schmolle , und da er eben aus einer Stimmung in die andere geworfen , also selbst nicht ruhig war , sagte er mit jenem gebieterischen Tone , den fast jeder Mann sich gegen das Mädchen erlaubt , von dem er sich geliebt weiß und das er sich zum Weibe ausersehen hat : Ich hasse das stumme Schmollen , Eva ! Als ob ich daran dächte ! und als ob ich es liebte ! entgegnete sie , und er hörte , wie das unterdrückte Weinen ihr die Stimme zusammenpreßte . Indeß ehe er sie noch fragen konnte , was geschehen sei , hatte eine der Mägde sie abgerufen , und rasch entschlossen stand er auf und begab sich nach des Amtmanns Stube . Er mußte wissen , was hier vorging . Adam stand am Pulte bei seinen Rechnungsbüchern , und Herbert äußerte , um die Unterhaltung anzufangen , sein Befremden darüber , daß jener sich noch so spät an die Arbeit gemacht habe und sich nicht Ruhe gönne ; aber der Amtmann sagte achselzuckend : Arbeit ist ein Sorgenbrecher , und billiger als Wein , den man sonst den Sorgenbrecher nennt . Ich weiß mir nichts besseres , als Arbeit , wenn mir der Kopf recht voll ist , und wenn ich auf die Weise an den eigentlichen Gegenstand meiner Sorge gar nicht denke , kommt mir in der Regel der beste Rath . Der Amtmann hatte damit seinen Platz am Pulte verlassen und angefangen , im Zimmer auf und nieder zu gehen . Da legte Herbert seine Hand auf Adam ' s Arm und fragte : Sollte sich denn guter Rath nicht auch im Aussprechen mit einem Freunde finden lassen ? Ich sehe , daß hier nicht mehr Alles bei dem Alten steht , und ich mochte nicht fragen , was geschehen sei , weil ich es allmählich zu erfahren hoffte . Nun aber mag ich nicht auf meine eigene Einsicht warten , und bitte Sie , lieber Freund , sagen Sie mir , was Sie und Ihre Schwester drückt , und ob ich es Ihnen nicht tragen helfen , nicht erleichtern kann ! Er hatte das mit so herzlicher Wahrhaftigkeit gesprochen , daß Adam ihm dankbar die Hand dafür drückte . Aber , meinte er , Hülfe und Beistand kann man nur für ein bestimmtes Vorhaben benutzen , und ich weiß noch nicht , was ich thun soll und kann , sondern nur , was ich nicht mag und was ich möchte ! - Er hielt ein wenig inne und sagte darauf : Ich mag nicht verwirthschaften sehen , was wir hier seit Menschenaltern schaffen halfen , ich mag nicht in Unfrieden leben , wo wir mit Herrschaft und Insassen stets in gutem Einvernehmen gestanden haben , ich mag auch die Eva hier nicht länger lassen , und darum möchte ich selber fort von hier ! Sie , Steinert ? Sie möchten fort von hier ? Der Amtmann fuhr sich mit der Hand ein paar Mal durch das krause Haar , wie er es zu thun pflegte , wenn ihm etwas nicht nach seinem Sinne ging . Hart ankommen würde es mir , entgegnete er , aber es wird doch das Ende vom Liede sein . Es ist , als ob sie gar kein Einsehen mehr hätten ; als ob sie es noch nie bemerkt hätten , daß Roggen , Weizen , Kartoffeln und Rüben hierlands nicht wie im Paradiese bloß auf Gottes Machtspruch aus der Erde wachsen , daß die Bäume sich nicht von selber pflanzen und fällen , daß man nicht erntet , wo man nicht gesäet hat , und daß man kein Geld schaffen kann , wenn man nicht zur rechten Zeit zu verkaufen im Stande ist ! Man hat kaum Hände genug , jetzt , wo die Kälte und das schlechte Wetter vor der Thüre stehen , an jedem Tage das Nöthigste zu leisten , und muß Menschen und Pferde nach allen Ecken und Enden herumsprengen , als ob man die Jahreszeit aufschieben könnte wie eine zu gebende Gesellschaft ! Was haben sie denn eben jetzt auf dem Schlosse vor ? fragte Herbert , dem des Amtmanns Aeußerung über Eva im Sinne lag und der ihn gern von den Beschwerden über die allgemeinen Uebelstände zu bestimmten Mittheilungen bringen wollte . Weiß ich ' s ! rief Steinert in ärgerlicher Achtlosigkeit ; sie haben ja alle Tage etwas Anderes ! Bald ist ' s ein Maskenfest , bald ein Schäferspiel , wie sie es in Trianon gefeiert , ehe die Hirtentänze in den Tanz übergingen , den sie ihnen dort mit der Carmagnole aufspielten ! Dann wieder sind ' s die Jagden , zu denen Gesellschaft geladen wird ! Sie können ja nicht ruhen ! - Und sich dann besinnend , fügte er hinzu : Jetzt nun ist ' s , wie alljährlich , der Hochzeitstag ! Und Gott weiß , ob ein Mensch lebt , der sich über diese Hochzeit aufrichtig zu freuen hat ! Er ging unruhig auf und nieder . Aber was hat Eva mit dem Allem zu thun ? fragte der Architekt , weil ihm das am meisten am Herzen lag . Indeß der Amtmann war zu sehr mit seinen eigenen Gedanken beschäftigt , um sich durch eine Zwischenfrage von ihnen abbringen zu lassen . Mir ist manchmal zu Muthe , sagte er , als stände ich vor einem Kleefelde , in das der Teufelszwirn sich eingenistet hat . Man sieht , wie das Unwesen um sich greift , man legt auch wohl die Hand an , es an einer Stelle zu bewältigen , aber ehe man sich ' s versieht , ist ' s an zehn anderen Stellen da , und die ganze Aussaat und Arbeit ist verloren . Das Geld fliegt ihnen jetzt nur so durch die Hände . Heute , wie ich nach Hause komme , finde ich eine Anweisung des gnädigen Herrn , in der nächsten Woche viertausend Thaler auf einen Wechsel an Flies zu zahlen , als ob ich hier die Gelder der königlichen Bank im Vorrath liegen hätte , und wer diese angenehme Anweisung gebracht hat , ist nicht , wie sich ' s gebührt , der Secretair oder der Diener einer , sondern wieder einmal der Herr Marquis , welcher immer verdammt dienstfertig ist und immer gerade vorbeireitet , wenn es hier herum etwas zu bestellen giebt ! Es fuhr Herbert wie ein Schnitt durch die Brust , das Blut stieg ihm bis zum Halse empor . So muß Eva gleich morgen mit mir gehen ! rief er lebhaft aus . Mit Ihnen gehen ? fragte der Amtmann . Was soll das heißen ? In dem Augenblicke trat Eva ein , und ohne die Frage ihres Bruders zu beachten , nahm der Baumeister sie bei der Hand . Sie haben vorhin mit mir geschmollt , Eva , sprach er , und sind so rasch davongegangen , daß ich Ihnen gar nicht sagen konnte , was mir heute , seit ich Sie wiedergesehen , immer auf dem Herzen gelegen hat ! Wissen Sie , was es ist ? Sie lächelte und sah ihm treuherzig in das Auge , während die helle Röthe mädchenhafter Scheu sie überflog . Liebe Eva , und was antworten Sie mir ? fragte er , indem er auch ihre andere Hand ergriff . Das würden Sie mich nicht fragen , wenn Sie es nicht wüßten ! entgegnete sie ihm . Und noch ehe sie das freudestrahlende Auge zu ihm erhob , hatte Herbert den bräutlichen Kuß auf ihren Mund gedrückt und ihre Arme seinen Nacken umschlungen . So hielt er sie eine kurze Weile umfangen . Es war still im Zimmer , die alte Uhr , welche in diesem Hause zu so manchem Ereignisse die Stunde geschlagen , schickte als Zeichen ihrer Gegenwart ihren klaren Pendelschlag zu ihnen hinein , der Bruder blickte bewegt und schweigend auf die Liebenden . Und wie lebhaft Herbert ' s Herz auch klopfte , fühlte er doch eine ihm fremde , ernste Ruhe über sich gekommen , seit des lieben Mädchens Kopf vertrauensvoll an seinem Herzen lag , denn in seiner Seele regte sich mit der Liebe für das erwählte gute und schöne Weib auch jene vorsorgende Zärtlichkeit , welche sich für die Zukunft der Geliebten verantwortlich fühlt und ein Vorbild der Vaterliebe und Vatersorge in sich schließt . Aber Eva hatte sich zu lange als ihres Bruders Hälfte gefühlt , um dies schnell vergessen zu können . Sie machte sich aus des Geliebten Umarmung los , warf sich an des Bruders Hals und rief , in Thränen ausbrechend : Adam , sei nicht böse , ich konnte aber doch nicht anders ! Nein , Du solltest auch nicht anders ! entgegnete er heiter , indem er Herbert die dargebotene Rechte schüttelte ; aber die Augen waren ihm doch feucht geworden , denn er wußte , daß er diese Schwester , daß er dieses selbstgewisse , thätige und frohe Wesen schwer vermissen werde . Gleich in der Frühe reite ich aufs Schloß ! Herbert wollte wissen , was dieses Vorhaben , dieser Ritt nach dem Schlosse mit seiner Liebe und mit seiner Verlobung zu schaffen habe , und der Amtmann sagte ihm , daß der Freiherr Eva ' s Vormund sei , und daß man also dessen Einwilligung begehren müsse . Herbert nahm das leicht hin , aber Eva wurde nachdenklich . Es machte sie besorgt , daß ihr Bruder heute von dem Freiherrn nicht in gewohnter Weise entlassen worden war , daß es eben heute Verdrießlichkeiten gegeben habe , und da sie sich immer gern an die Aussprüche ihrer verstorbenen Mutter hielt , meinte sie , von einem Unmuthigen müsse man nichts begehren , denn der suche gern seinen Unmuth auf Andere zu wälzen . Zudem konnte von dem ersten Einfalle Herbert ' s , Eva gleich von Rothenfeld zu entfernen , in keinem Falle die Rede sein , und Herbert sagte sich dies selbst , nun die Aufwallung seines eifersüchtigen Ehrgefühls besänftigt war . Der Amtmann konnte bei der vielverzweigten Wirthschaft die Hausfrau nicht entbehren ; ein Ersatz für Eva war nicht leicht , nicht gleich zu finden , und wie lästig ihr die gelegentlichen Besuche des Marquis auch sein mochten , fand Eva selbst in ihnen jetzt , da sie verlobt war , noch weniger als früher irgend eine Gefahr oder auch nur ein Bedenken . Aber die Anfrage bei dem Freiherrn beunruhigte sie , ohne daß sie Gründe dafür angab , und da Herbert sie ohnehin am nächsten Tage verlassen mußte , wünschte sie , daß dieser selbst in einem Briefe die Werbung bei ihrem Vormunde machen und seine Einwilligung zu ihrer Heirath fordern möge . Dreizehntes Capitel Die Gäste des Schlosses verabschiedeten sich eben von der Baronin , als man am nächsten Tage dem Freiherrn den Brief des Architekten überbrachte . Er kannte die Handschrift , steckte das Schreiben in die Brusttasche und befahl , da er eine Geschäftsanfrage vermuthen mochte , den Boten anzuweisen , daß er die Antwort erwarten solle . Wohl aufgelegt durch die letzte Unterhaltung mit seinen Gästen , erheitert von dem glücklichen Witzworte , welches einer derselben gesprochen , kehrte er in das Zimmer der Baronin zurück , in welches die Hausgenossenschaft sich nach dem Frühstücke begeben hatte und in dem sie noch beisammen geblieben war . Die Herzogin und Angelika saßen am Kamine einander gegenüber , der Marquis und Renatus ließen das Hündchen der Baronin auf den Hinterfüßen tanzen oder warfen einen Ball durch das Zimmer , dem das kleine , schnellfüßige Thier dann mit großen Sätzen eifrig folgte , und der Caplan hörte , den Rücken gegen das Fenster gelehnt , mit jenem Wohlgefallen , das gute Menschen an der Fröhlichkeit der Kinder finden , dem hellen Lachen und dem Jubel zu , mit welchem der hübsche Knabe jeden Scherz des Marquis und jeden Sprung des Hündchens begleitete . Auch der Freiherr vergnügte sich an der Lust seines Sohnes , aber er hatte nicht mehr Jugend genug , sie durch persönliche Theilnahme an dem Spiele zu erhöhen , und nachdem er dem Knaben den feinen Mund und das blonde Gelock geküßt , setzte er sich nieder und nahm mit dem Bemerken , daß er Herbert ' s Brief beinahe vergessen hätte , das Schreiben zur Hand , welches er mit einem Lächeln zusammenfaltete , nachdem er es gelesen . Angelika ' s Auge hing mit Spannung an den Mienen ihres Gatten . Die Herzogin , wie immer bereit , den Wünschen der Baronin zuvorzukommen , übernahm es , mit ihrer gewohnten Gelassenheit die Frage zu thun , was das Lächeln des Barons bedeute . Wenn Sie sich herbeigelassen hätten , unsere Sprache zu lernen , liebe Freundin , antwortete der Freiherr , so würde ich sagen : lesen und entscheiden Sie ! Denn die Sache gehört im Grunde vor Ihr Gericht , vor das Gericht der Damen ! Es sind Herzensbekenntnisse , ein kleiner Roman ! Er reichte damit den Brief seiner Gattin hin und es fiel ihm auf , daß sie die Farbe plötzlich wechselte . Er fragte , ob sie sich nicht wohl befände , sie versicherte das Gegentheil ; aber während er der Herzogin erzählte , daß der Baumeister um des Amtmanns Schwester , um die hübsche Eva werbe , die sein Mündel sei , erhob sich die Baronin von ihrem Sessel und blieb , wie von einem Schwindel erfaßt , plötzlich stehen , sich mit geschlossenen Augen an dem weit vorspringenden Simse des Kamins haltend . Der Freiherr , die Herzogin , der Geistliche eilten herbei , auch der Knabe drängte sich an das Knie der Mutter , da er die Erwachsenen um sie besorgt sah . Die Baronin nahm sich jedoch schnell zusammen . Es ist mein altes Herzweh , weiter nichts , sagte sie ; ich bitte , achtet nicht darauf ! Sie trat an das Fenster , welches man für sie öffnete , schöpfte mehrmals tief Athem und kehrte dann , den Knaben an der Hand haltend , zu den Uebrigen zurück , obschon die Blässe von ihren Wangen nicht weichen wollte und sie offenbar Mühe hatte , ihre Fassung zu behaupten . Es war dadurch eine ängstliche Unterbrechung in die bis dahin so heitere Stimmung der Anwesenden gekommen . Der Freiherr wußte , daß seine Gattin vor Paulinens Leiche zum ersten Male von diesem Herzkrampfe befallen worden , welcher seitdem bei heftigen Gemüthsbewegungen mehrmals wiedergekehrt war , und das machte ihm diese Zufälle doppelt peinlich . Was der Baronin in diesem Augenblicke einen Anfall zugezogen haben konnte , war ihm unbegreiflich ; indeß er mochte in Gegenwart dritter Personen nicht darum fragen , und bemüht , den Vorgang vergessen zu machen , sagte er , auf den letzten Gegenstand der Unterhaltung eingehend : Herbert drückt sich sehr gut aus , man sieht , daß er seine Dichter nicht umsonst gelesen hat . Er ist für Eva eine sehr schickliche Partie . Er ist tüchtig in seinem Fache , und da er das Mädchen , wie er sagt , seit lange im Herzen trägt und .... Um Gottes willen , sehen Sie die Baronin ! rief der Marquis , und mit einem leisen Aechzen , die Hände auf das Herz gepreßt , sank Angelika ohnmächtig zurück . Man rief ihrer Kammerfrau , sie wurde aus dem Zimmer entfernt ,