auf die Bewegung der Hunderttausende horchte . In wie weiter Ferne das alles hinter ihm lag ! Wie sich Menschen und Dinge , das eigene Ich und die Welt seitdem verändert hatten ! Es kam in dieser Stunde über den hungrigen Kandidaten Johannes Unwirrsch gleich einem ernsten Vorwurf , wie er so oft scheu und gebrochen sich in sich selber zurückgezogen habe , wo er mutig und tapfer sich und sein Gefühl , das , was er für das Rechte , Gute , Schöne und Wahre hielt , vor aller Gegnerschaft hätte verteidigen müssen . Er mußte es sich gestehen , daß er nicht überall für seine Ansichten und Wünsche so selbstbewußt eingetreten sei , wie es sich von Rechts wegen gehört hätte . Er dachte an Moses Freudensteins unbesiegbaren Willen und ließ das Haupt sinken und schämte sich der eigenen Weichheit . Als der Zug hielt , war er ziemlich besorgt über den Empfang , den ihm der wackere Leutnant Rudolf in Grunzenow bereiten werde , und ängstliche Träume quälten ihn die Nacht hindurch in seinem ungemütlichen Gasthofzimmer . In diesen Träumen stellte der Leutnant ein scharfes Examen mit ihm , dem Kandidaten , an , und dieses Examen fiel nicht ganz zu seinen Gunsten aus . Am folgenden Morgen verfiel der erwachte Träumer wieder der Post , und zwar sehr früh am Tage . Die Laternen auf dem Posthofe , die Laternen in den Händen der Schaffner , Stallknechte und Postillione hatten auch nichts von dem geheimen Reize , den wohl anderer Lichter- und Feuerschein haben kann . Der Wind auf dem Posthofe war widerlich zudringlich , und die Atmosphäre in der Passagierstube war widerlich ohne Beiwort . Es schwebten vereinzelte Schneeflocken in der Luft , und es waren , alles in allem genommen . Gründe genug für den reisenden Menschen vorhanden , sich unbehaglich zu finden ; den Kandidaten Unwirrsch fror , aber er fühlte sich gehoben und bot männlich jeder Unverschämtheit der Menschen wie der Witterung Trotz . Er setzte sich fest auf seinem Sitze , als der schwerfällige Räderkasten aus dem Posthofe rumpelte . Viele verkümmerte , schmutzige Städtchen , Flecken und Dörfer sah er , und eine wechselnde Reisegesellschaft aus allen Ständen sah er auch . Langgelockte Männer in schwarzen Kaftans stiegen ein und aus unterwegs und dufteten nicht angenehm . Hans sprach hebräisch mit ihnen . Lang war die Fahrt , und die Schneeflocken in der Luft mehrten sich , man blieb stellenweise im Schlamm stecken und arbeitete sich mit Energie wieder heraus . Auf polnisch , und auf deutsch wurde arg geflucht und ein Jude von den Vorspannbauern durchgeprügelt . Auch Hans sollte durchgeprügelt werden , aber er war diesmal der Sachlage gewachsen . Er sprach lateinisch und griechisch mit den Lümmeln , die ihn am Kragen genommen hatten ; da bekamen die rohen Gemüter Respekt , und ihre schmierigen Fäuste ließen den Kragen fahren . Weiter arbeiteten sich die müde Gäule durch endlose Nadelholzwaldungen , bis gegen Mittag ein kleines Städtchen in öder , unfruchtbarer Heidegegend erreicht wurde . Bis hierher » ging die Post « , aber weiter ging sie nicht ; die königliche Post- und Eisenbahndirektion wußte nichts von Grunzenow , dem Oberst von Bullau und dem Leutnant Götz . Im kniehohen Schmutz versank der Kandidat Unwirrsch auf dem Forum dieses hochpreislichen Gemeinwesens , als er aus dem Postwagen stieg , und großes Aufsehen erregte seine Erscheinung sowohl unter den Eingeborenen , die einen Kreis um den Postwagen schlossen , als auch unter denen , welche die den Marktplatz umgebenden Häuser bewohnten . Freudenstadt hieß der Ort ; doch woher und weshalb er grade diesen Namen empfangen hatte , das hatte noch kein der vaterländischen Geschichte kundiger Mann enträtseln können . Selbst der Steuerinspektor , der am hiesigen Platze geboren und eine Autorität in allen Dingen welche denselben betrafen , war , der Steuerinspektor von Freudenstadt , der seit mehr als zwanzig Jahren eine Abhandlung über den Götzen Triglaff herausgeben wollte , sah hierin nicht klar und gestand seufzend seiner Gattin , die nicht am Platze geboren war , zu , daß Freudenstadt jedenfalls kein Aufenthaltsort für gebildete Menschen und geistig strebende Naturen sei . Aus der innabilis unda des Marktes rettete sich der Kandidat Unwirrsch mit Mühe und Gefahr auf eine höher gelegene Stelle , von welcher aus er sich nach dem Wege gen Grunzenow erkundigen konnte ; und das versammelte Volk umdrängte ihn und öffnete die Mäuler , um ihm die gewünschte Auskunft zu geben . Aber das Schicksal , das dem Menschen nicht immer wohlwill , hatte es gefügt , daß die Frage nicht in dem rechten Augenblick gestellt worden war . Zwölf Uhr schlug ' s auf dem Kirchturm von Freudenstadt , und sämtliche anwesende Bewohner von Freudenstadt schlossen mit einem Ruck die zur Antwort geöffneten Kau- und Schluckorgane , drehten sich mit einem Ruck auf den Hacken und gingen davon - ohne Antwort , ein jeglicher zu seinem Mittagessen . Mit offenem Munde aber stand Hans Unwirrsch da und sah ihnen nach ; der Eindruck , den diese Pünktlichkeit auf ihn machte , war wahrhaft überwältigend ; und wenn die alten , schiefen Giebelhäuser sich ebenfalls umgedreht hätten und abmarschiert wären zum Essen , so würde das kaum noch seine Bewunderung erhöht haben . Die alten , schiefen Häuser blieben jedoch an ihrem Platz und sahen den Kandidaten an . Er aber faßte sich und schritt um die Hälfte des Marktviertels vorsichtig durch den Schlamm auf ein Gebäude zu , welches , dem Schilde nach zu urteilen , ein Gasthof sein mußte und das sich als der Polnische Bock auswies . Er trat ein und fand auch hier jedermann am Werke . Sie aßen alle , und niemand hatte Zeit , dem Fremdling auch nur einen Blick zu schenken . Jener müde Wanderer , der in jene Stadt kam , deren sämtliche Bewohner durch ein Zauberwort zu Stein geworden waren , konnte sich nicht verlegener und verlorener fühlen als Hans in Freudenstadt um diese zwölfte Stunde des Tages . Um so merkwürdiger war ' s für ihn , als ihm der Zufall die magische Formel in den Mund legte , die den Bann , wenigstens für den Polnischen Bock , zerbrach . Der Name des Oberst Bullau erlöste die Geister wenigstens für einen Augenblick aus den Banden der Materie und brachte den Mastikationsprozeß momentan zum Stillstande . Der Hand des Wirtes zum Polnischen Bock entfiel bei diesem Namen der große Löffel , und mit offenem Munde sah er auf den Kandidaten , der dastand wie Aladin , nachdem er die Wunderlampe gerieben hatte und der Geist erschienen war , um zu fragen , was dem Herrn gefällig sei . Von seinem Sitze in der Mitte seines Hausgesindes erhob sich der Wirt zum Polnischen Bock , ein Mann , der dem Oheim Grünebaum höchstwahrscheinlich sehr gut gefallen haben würde . » Der Herr Oberst von Bullau ? Ob ich den kenne ? Jawohl kenne ich ihn . Sackerment ! Da kann der Herr weit ' rumfragen in der Stadt , ehe er einen findet , der den Herrn Oberst von Bullau nicht kennt . Es ist in der ganzen Stadt kein Hund , welcher den nicht mit Achtung bewedelt . Solch ein höflicher , angenehmer und niederträchtiger Herr , ein nobler Herr ! - kommt nicht selten in den Polnischen Bock . Ja , wenn der Herr zum Herrn Obersten von Bullau will , weshalb hat Er denn das nicht gleich gesagt ? Toffel , Trine , Louis , dieser Herr ißt in der Honoratiorenstube zu Mittag , derenweilen angespannt wird ! Wir haben unsern besondern Wein für den Herrn Oberst , und Sie sollen ihn kennenlernen . « Fast gegen seinen Willen wurde Hans Von den kräftigen Händen des Wirtes in die Honoratiorenstube geschoben , wo bereits einige unverheiratete Freudenstädter aus den schreibenden Ständen ebenfalls die Hände zum lecker bereiteten Mahle erhoben und kaum aufsahen vom löblichen Werke . Über das , was man sprach , können wir , ohne uns an unserm Leser zu versündigen , fortschlüpfen ; - um ein Uhr hielt ein offenes , bedenklich aussehendes Fuhrwerk vor der Tür , und um zehn Minuten nach eins fuhr Hans über ein noch bedenklicheres Pflaster durch die Hauptstraße von Freudenstadt dem Tore zu , das gen Grunzenow führte . Seine demütigsten Komplimente an den Herrn Obersten von Bullau hatte ihm der Wirt aus dem Polnischen Bock mitgegeben . - Kahle Felder , steinige Heiden und Nadelholzwaldungen lösten sich wieder im anmutigen Wechsel ab , aber des Kandidaten Unwirrsch Herz schlug hoch , und hoch trug er seine Nase in der Luft . Es kam ein Wehen von Norden her ihm entgegen , und der Freudenstädter Mann , der neben ihm saß und die beiden Gäule lenkte , sagte , das sei der Seewind und weiterhin werde man schon das Salz auf der Zunge merken . Die See , die See ! Dem Meere fuhr Hans Unwirrsch entgegen , und wie nach so manchem andern Dinge hatte er sich nach dem Meer gesehnt . Bezaubert war der Weg , und bezaubert waren die schrecklichen , verwahrlosten Dörfer am Wege . Ein gewisses unbeschreibliches Bangen erfüllte die Seele des Kandidaten , und dieses Bangen galt nicht allein dem grimmig-lustigen Obersten von Bullau und den Fragen , welche der Leutnant Rudolf Götz stellen mochte : die See trug auch ihre Schuld an diesem Schauern . Nun wechselte Buchenwald mit den Tannenwäldern , viel gebrochenes , kahles Gezweig bedeckte den Boden , und der Fuhrmann fing an , von dem » großen Wind vor acht Tagen « zu sprechen . Durch kahles , hügeliges Land wand sich der Weg , und der Fuhrmann wies auf wunderlich aufgeschichtete Steinblöcke , die auf der Höhe dunkel sich gegen den grauen Himmel abhoben . » Da sind in der Heidenzeit von den Riesen viele Menschen und Könige geschlachtet « , berichtete er . Das Rauschen der Wälder verhallte im Rücken , leise zischte der Wind durch das trockene Heidekraut auf den Hügeln , unbekannte Vögel schwangen sich im Kreise in den Lüften , und der Fuhrmann nannte sie Möwen . Der Fuhrmann stopfte sich eine Pfeife , aber Hans stellte sich aufrecht im Wagen , um sogleich durch einen Stoß desselben belehrt zu werden , daß er seine Gefühle beherrschen und sich jedenfalls wieder setzen müsse . Wiederum eine kahle Höhe und darüber hinaus ein dumpfes Geräusch - nicht Wind und Wald , sondern die See , die Stimme der See ! » Wenn der Herr jetzt ausstiege , so würde er ein gutes Werk an seinen gesunden Gliedern und meinen Pferden tun « , sagte der Fuhrmann . » Es geht ein gut Stück jetzt durchs Moor , und der Sturm vor acht Tagen hat sein Teufelsspiel getrieben . Es geht gradaus der See nach , und der Herr kann nicht fehlen , wenn er die Ohren offenhält , dort rechts auf dem Fußsteig . ' s ist der gradeste Weg auf Grunzenow . Unsereins muß sehen , wie er durchkommt . « Mit großer Bereitwilligkeit kam Hans dem Wunsche des Fuhrmannes nach und sprang aus dem Wagen . Er hatte doch nur mit Mühe stillgesessen , und es war viel besser , zu Fuße rasch diesem Rauschen und Brausen entgegenzueilen . Eine Viertelstunde schritt er rasch auf dem angegebenen Fußpfade vorwärts , und lauter und lauter erklang die Stimme des Meeres . Einen letzten Hügel hatte er zu erklimmen , als er oben stand , keuchend , atemlos , da lag es vor ihm , das Meer , da breitete es sich in der fahlen Beleuchtung des Abends , und der Nebel verschlang den Horizont und rollte über die Wasser heran gegen den öden Strand , auf dem tiefer unten zur Rechten rötlich die Lichter aus den Hüttenfenstern von Grunzenow schimmerten . So hatte sich Hans das Meer nicht vorgestellt . Unermeßlich im hellen Tage , blitzend im höchsten Glanz , den Irdisches geben konnte , war es ihm in seinen Träumen erschienen ; - nun war auch das anders , ganz anders , aber er mußte doch die Hand aufs Herz drücken , und der Atem stockte in seiner Brust . Neunundzwanzigstes Kapitel Mit dem Nebel kam die Nacht schneller über das Land , und fast gleich einem Kinde , das sich fürchtet , lief der Kandidat hügelab über Kiesgeröll und knirschenden Sand gegen die Lichter , die ihm zuletzt allein noch die Lage von Grunzenow andeuteten . Er geriet bald in die Atmosphäre von Teer und Tran , die das Fischerdorf umgab , und kam einige Male dem Rauschen des Strandes so nahe , daß er scheu zur Seite wich und Schaumspritzer im Gesicht zu spüren vermeinte . Endlich erreichte er die ersten Hütten des Ortes und verwirrte und fing sich mehr als einmal in Netzen , die zum Trocknen ausgespannt waren ; von lebenden Wesen aber war ringsum nichts zu sehen . Die See sang eintönig ihre Weise , und ein Hund bellte hinter einer Tür . Nach einigem Zögern klopfte der Wanderer an eins der Fenster , blickte natürlich zugleich in das Gemach und sah , daß er eine ganze seefahrende Familie sehr erschreckt habe . Ein halbes Dutzend Kinder drängte sich schüchtern um eine mütterlich aussehende Frau , ein alter , weißhaariger Mann sah von einer großen aufgeschlagenen Bibel verwundert in die Höhe , ein jüngerer Mann in hohen Schifferstiefeln hatte sich von seinem Stuhl erhoben , und nur ein uraltes Mütterlein spann ruhig am Ofen fort . » Wer will da was ? « rief der jüngere Mann in seiner Mundart . Er öffnete das Fenster , und Hans grüßte sehr höflich , indem er seine Frage nach dem Gutsherrn an den Mann brachte . Nicht sehr höflich erwiderte der Fischer den Gruß , aber sehr dienstfertig zeigte er sich und erschien sogleich vor der Tür seines Hauses , um den Fremden zurechtzuweisen . Mit seiner kurzen Pfeife im Munde setzte er sich , ohne weiter ein Wort zu verlieren , in Bewegung und trabte , ohne sich nach dem Fremden umzusehen , in die Nacht hinein . Um manche Hausecke bog er , und über manchen Gegenstand , der im Wege lag und den er recht gut kannte , Hans Unwirrsch aber nicht , trat er weg . Stolpernd , zwischen Fallen und Aufstehen , folgte ihm der Kandidat und fühlte sich sehr erleichtert , als sein biederer , aber wortkarger Führer , nachdem der Weg ein wenig hügelauf geführt hatte , plötzlich stehenblieb und , wahrscheinlich mit der Pfeifenspitze , auf eine unregelmäßige Schattenmasse deutend , sagte : » Da ! « » Wo ? « fragte Hans , allein seine Frage verhallte in der Nacht , und nur die See gab Antwort darauf , aber eine ungenügende . Der Führer in den Schifferstiefeln hatte seine Pflicht getan und hatte sich umgedreht wie ein Freudenstädter beim Klange der Eßglocke . Er war abgetrabt ins Dunkle mit seiner Pfeife und seiner bunten Zipfelmütze , und kein Hallo und Holla brachte ihn zurück . Vorsichtig tastete Hans seinen Weg gegen die nächtlich schwarzen Massen , auf die des meerkundigen Mannes Pfeifenspitze gewiesen hatte Er geriet richtig vor ein großes , aber geschlossenes Hoftor mit der Stirn , und ein Hundegebell , wie die Welt es noch nicht gehört hatte , brach los , als er den Klopfer fand und ihn gegen die eichenen Bohlen fallen ließ . In allen Tonarten machte das entrüstete Vieh sich Luft ; und ein Mann , der etwas auf seine Waden hielt , durfte mit Unbehagen dem Konzert horchen . Nach einigen Minuten bänglichen Harrens fuhr jemand mit der Peitsche unter die vierbeinigen Randalisten , die nunmehr zu heulen anfingen . Es fluchte jemand gräßlich , und ein schwerer Schritt näherte sich dem Tor . Der Riegel rasselte , das Schloß kreischte , Lichtschein fiel in die Nacht hinaus , aber es war zweifelhaft , ob dieses Licht von der Laterne oder von der Nase ihres Trägers ausging . Gleich einer Königin in Purpur saß die Nase in dem verwetterten Gesicht , welches jetzt aus dem Hoftor blickte und den Kandidaten Unwirrsch in der Dunkelheit suchte . » Wer da ? ! « schnarrte eine Stimme , die ganz zu der Nase paßte . » Kein Gottesgeschöpfe zu sehen ? Doch - da - hierher , Mann , was soll ' s ? Wo juckt ' s Euch ? Was beliebt dem Herrn ? « Hans gab kund , wer er sei und wie er auf Wunsch und Befehl des Herrn Obersten von Bullau und des Herrn Leutnant Götz hier erschienen sei und angeklopft habe . » Warten ! Rapportieren ! « sagte der Mann mit der Laterne und schlug die Tür dem Kandidaten vor der Nase zu . Von neuem erhoben die Hunde ihre Stimme , und Hans fand den Empfang zum mindesten ungewöhnlich . Die Zeit wurde ihm sehr lang während der folgenden Minuten , und unwillkürlich dachte er an verschiedene Märchen aus seiner Kindheit , die in ähnlicher Weise begannen und stets damit endeten , daß irgend jemand in die Gewalt von Ogern oder Werwölfen fiel und aufgefressen wurde , Aber nun ließen sich jenseits der Mauer und des Tores mehrere Stimmen vernehmen , abermals wurde die Pforte aufgerissen , abermals hielt der Mann mit der glühenden Nase seine Laterne in die Nacht hinaus , und der Oberst von Bullau im grünen , bepelzten Jagdrock und in hohen Wasserstiefeln griff zu , faßte den Kandidaten , zog ihn ins Tor und rief : » Richtig , er ist ' s mich ! Bei Nacht und Nebel ! - Mann Gottes , das gefällt mir gar nicht übel - herein mit Euch ! Willkommen in Grunzenow , wo kommt das Menschenkind so spät her ? Wie seid Ihr gekommen ? Zu Fuß , zu Wagen oder auf einem Besenstiel ? « Hans berichtete kurz , wo er den Wagen verlassen habe , und in dem nämlichen Augenblicke vernahm man das Rollen desselben im Dorfe . » Sehr schön « , rief der Oberst , » herein mit Euch , Kandidate ! Grips , sorge für die Karrete im Dorf ! Marsch , mein Söhnchen , der Leutnant hüpft in seinem Stuhl wie auf einem Senfpflaster . Ihr seid mir ein schöner Hahn , Herr Kandidate , der Alte hat ' s gut mit Euch im Sinne , er wird Euch schön den Text lesen . « Über den , wie es schien , ziemlich umfangreichen Hof führte der Oberst von Bullau seinen Gast in das Haus , Schloß oder Kastell von Grunzenow , in dem es dann auch wild genug aussah . Die Dienerschaft , die in der großen steinernen Halle erschien , hätte dem Jean in der Parkstraße jedenfalls unsägliches Entsetzen in die zarten Knochen gejagt , denn grimmige Kerle waren es . Jagd- und Fischergerätschaften aller Art hingen an den Wänden , und hie und da dazwischen ein altes Porträt längst vermoderter männlicher oder weiblicher Bullaus . Hunde waren im Überfluß vorhanden , sie lagen , gähnten und knurrten in der Halle , sie sahen aus geöffneten , dunkeln Türen , sie schlichen hinter dem Kandidaten Unwirrsch die Treppe hinauf . Und eine solche Treppe hatte Hans auch noch nicht gesehen . Man hätte hinaufreiten können , und es ging die Sage , daß ein Bullau des Dreißigjährigen Krieges das Stücklein wirklich ausgeführt habe . Des Obersten dröhnender Baß rollte durch den Korridor und erweckte die Echos des Hauses Grunzenow bis in die tiefsten Keller . » Hurra , Götz , wir haben ihn , er ist ' s wirklich , aber mager und gelb wie ein getrockneter Flunder und knielahm wie ein Gaul mit der Flußgalle . Tillenius , hier ist der Kollege Schwarzrock ; wenn ' s jetzt kein Leben auf Grunzenow geben wird , so mag der Teufel dazwischenfahren , ich geb ' s auf ! « Eine Tür wurde von einem Gesellen aufgerissen , der , wie alles in diesem Hause , ein Drittel Seemann , ein Drittel Förstersmann und ein Drittel Kriegsmann zu sein schien . Ein Schub von der Hand des Obersten beförderte den Gast in die Mitte des Gemaches , wo der Leutnant Rudolf Götz und ein greiser geistlicher Herr vor einem mit Karten und Gläsern bedeckten Tisch saßen . » Da ist er ! « rief der Leutnant , den Versuch machend , sich aus seinem hochlehnigen Sessel zu erheben . Mit einem Schmerzensseufzer sank er zurück , seine Beine waren in Kissen und Decken wohlverpackt , und sein linker Fuß ruhte schwer auf einem niedern Schemel . Der Leutnant hatte sich sehr verändert , er war viel älter geworden in kurzer Zeit , und Hans mußte wohl über sein Aussehen erschrecken . » Wie gebt es meinem Kinde , meinem Fränzchen ? « rief er mit zitternder Stimme . » Ich will es wissen , ich will es wissen ! « schrie er und schlug heftig mit seinem Krückstock auf den Boden . Der Pfarrer von Grunzenow , Ehrn Tillenius , erhob beschwichtigend die Hände . » Jaja , ich will es wissen ! « schrie der Leutnant . » Hier sitze ich Jammermann und lasse mir von der Sorge das Herz abfressen ; - gib mir deine Hand , Hans - so , nun heraus mit allem , was in dir steckt ! « Hans Unwirrsch stand vor Schmerz auf einem Beine - wenn die Füße des Leutnants noch gelähmt waren , so konnte man das von seiner Faust nicht mehr behaupten ; dieser Griff hatte nichts , gar nichts mit dem Chiragra zu schaffen . Wenn der Kandidat auch nicht mit der Absicht , alles zu sagen , was er wußte , nach Grunzenow gekommen wäre , so hätte er unter diesem eisernen Griffe doch beichten müssen , und zwar alles , was der Leutnant verlangen mochte . Glücklicherweise hielt der Konfrater es für seine Pflicht und Schuldigkeit , dem jungen Amtsbruder zu Hülfe zu kommen . » Aber Leutnant « , sagte er , » seid doch kein Wüterich . Welch einen Randal Ihr macht ! Laßt doch den jungen Herrn zu Atem kommen ! Und Hunger und Durst wird er auch haben . Alles der Reihe nach ; Oberst , Ihr könnt mich auch dem Herrn Kandidaten vorstellen - alles der Reihe nach . « » Ja , alles nach der Reihe , Pastor , Ihr habt recht ! « rief der Oberst von Bullau . » Also , Herr Kandidate , mir kennt Ihr von die Neuntötersch her , den Leutnant kennt Ihr auch , und hier habt Ihr unsern Feldprediger und Freund in diesem Leben und unsern Trost fürs andere , Josias Tillenius , derweilen mein Pastor in Grunzenow , ein Mann , geschickt in vielen Dingen und welcher es mit jedem Superndenten aufnehmen kann . Also : Ehrn Josias Tillenius - Ehrn Hans Unwirrsch und umgekehrt . Nun gebt Euch einen Kuß ! Da ist Grips mit dem Rapport aus der Küche . « Einen Kuß gaben sich die beiden Theologen zwar nicht , aber die Hände schüttelten sie einander herzhaft . Das Äußere des Grunzenower Pastors gefiel dem Kandidaten recht wohl - » und zweiundachtzig Jahre ist der Mann alt ; sehen Sie es ihm an ? « sagte und fragte der Oberst . Auf festen Füßen stand der alte Josias ; seine Augen waren noch scharf und klar , ein wenig rötlich schimmerte freilich sein Gesicht , aber die Haare waren desto weißer . Ein echter Schifferpastor war dieser alte Josias Tillenius und konnte schon einen tüchtigen Sturmwind aushalten ; er paßte ganz zu dem wetterfesten Obersten von Bullau und dem Leutnant Rudolf Götz . Es war ein Kleeblatt , wie man selten ein ähnliches unter einem Dache beisammen finden konnte , und die Wirtschaft war auch sonderbar und toll genug . Nun setzte Grips , das Faktotum , nachdem die Spielkarten beiseite geschoben worden waren , einen Rindsbraten auf den ungedeckten Tisch , stellte andere Schüsseln daneben und klapperte unbeholfen , aber gastesfroh mit Tellern , Messern und Gabeln Alle anwesenden Hunde hoben die Nasen so hoch als möglich . » Fallt zu ! « kommandierte der Oberst . » Ruhe im Glied , Rudolf ! Der Bursch schießt mich nicht eher los , bis er geladen hat . Schiebe den Flaschenkorb heran , Grips , und fülle die Gläser ... Herr Kandidatus Unwirrsch , ich heiße Ihnen willkommen auf Hof Grunzenow , tun Sie mich ganz , als ob Sie zu Hause wären , zieren Sie sich nicht , und ein langes Leben und gute Gesundheit - Prosit ! « Trotz seiner Fahrt und seines Marsches hatte Hans sowenig Appetit wie der Leutnant Götz , dem er gegenübersaß und der ihn nicht aus den grollenden Augen ließ . Die beiden andern Strandbewohner sprachen jedoch den guten Dingen auf dem Eichentisch mit Behagen zu , und die Hunde erhielten die Knochen . Grips räumte sodann den Tisch ab und brachte die Pfeifen der Herren . » Nun der Reihe nach « , sagte der Oberst . » Kandidatus der Gottesgelahrtheit Unwirrsch , wo steckten Sie , als ich Ihnen in Ihrem Neste vergeblich aufsuchte und mich die Schienbeine auf Ihrer Treppe zerstieß ? « » Ich befand mich in meiner Heimatstadt , wo ich meine beiden letzten Verwandten begrub « , antwortete Hans . » Hm ! « brummte der Oberst , eine dichte Rauchwolke ausblasend ; der Leutnant aber legte die Pfeife nieder und sagte : » Wen haben Sie verloren , Unwirrsch ? « Hans gab einen kurzen Bericht von dem Tode und dem Begräbnis der Base Schlotterbeck und des Oheims Grünebaum . Aufmerksam hörten die drei alten Knaben von Grunzenow zu und schüttelten bedächtig die Häupter . Nach Schluß des Berichtes sagte der Oberst : » Ich glaube , Rudolf , daß er in diesem Punkt entschuldigt ist , weil er seinen Posten verlassen hat . « » Auch meine Meinung ! « sagte der Pastor . » Ehre Vater und Mutter - « » Base , Oheim und die übrige Sippschaft « , fiel der Oberst ein , » auf daß es dir wohl gehe et ceterum . Vorwärts , Leutnant , inquiriere mich ihn weiter , das Gros steckt noch im Defilee . « » O Unwirrsch « , rief der Leutnant Götz kläglich , » ich habe mich in Ihnen getäuscht , ich habe mich sehr in Ihnen getäuscht . Weshalb hatte ich Sie mit so vieler Mühe in das Haus meines Bruders - meiner Schwägerin hineingebracht ? Ich konnte es Ihnen doch nicht unter die Nase reiben , daß Sie mir auf mein Fränzchen , mein armes Fränzchen achten helfen sollten . Was haben Sie getan ? Was haben Sie mir da genützt ? Sie haben den Wolf in das Haus gelassen , ohne mir Nachricht davon zu geben , und dann haben Sie sich ohne jede Gegenwehr fortjagen lassen und haben den Staub von Ihren Schuhen geschüttelt . Ich hielt Sie für einen guten , harmlosen Gesellen , an welchem das Fränzchen eine Stütze und einen Trost finden könnte , aber Sie haben sich schier noch mehr mißhandeln lassen als das Fränzchen . Sie sind mir ein schöner Patron ! Hier sitze ich auf meinem Marterstuhl und höre von gar nichts , und das Kind schreibt mir ihre armen lieben Briefe und lügt darin wie gedruckt ; das ganze Leben im Hause ihrer Tante ist wie ein einziges Christfest - zum Henker , eine schöne Bescherung ist ' s in der Tat ! Drei Millionen blaue Teufel , Herr , habe ich Ihnen nicht schon damals in Windheim gesagt , daß Ihr Freund , den Sie so herausstrichen , eine Kanaille sei ? Wie konnten Sie es dulden , daß er mit meinem Fränzchen dieselbe Luft in demselben Hause atmete ? Die Gicht soll mir auf der Stelle in den Magen steigen , wenn das nicht das Schlimmste ist , was mir passieren konnte . Und sie hat es ertragen und wird nur im stillen geweint haben , und ich armseliger Tropf muß hier fest liegen und erfahre nicht das geringste davon , und dieser Herr konnte sich einen Gotteslohn um das Fränzchen und mich er werben , wenn er bloß das Maul aufsperrte und gleich einem Mann auftrat . Bewahre , er läßt Gott einen guten Mann sein - wozu hat er auch sonst Theologie studiert ? Was geht ' s ihn an , was aus der bettelhaften Nichte des alten , abgedankten , verschollenen Bettelleutnants wird ? Als die Blase platzt und der Jude mit dem saubern Fräulein Kleophea durchbrennt , da salviert sich natürlich auch mein Herr Präzeptor , und durch eine alte Zeitung erfährt der Leutnant Götz zu Grunzenow von dem , was im Hause seines Bruders vorgegangen ist ; es wird ' s keiner glauben , dem ich es nicht auf mein Ehrenwort versichere . Das Fränzchen schreibt einen Brief Voll Tränenflecke , Gedankenstriche und Kleckse und meldet , der Onkel Theodor befinde sich nicht wohl - was ich wohl glaube ! - , die Tante - zum Teufel mit ihr ! - , die Tante halte sich meistens in ihrem Zimmer ein geschlossen und der Herr Kandidat Unwirrsch habe gleich nach Kleopheas Eskapade das Haus verlassen . Und ich liege hier wie ein Klotz und kann dem armen Wurm , meinem Fränzchen , nicht zu Hülfe kommen , zapple mich ab , bis es dem Obersten zuviel wird und er das Elend nicht mehr mit ansehen kann . Also packt er auf und rückt bei Nacht und Nebel auf Kundschaft aus ; als er dann wieder auf den Hof reitet , schüttelt er einen leeren Sack aus . Sie haben ihn fein abgeführt vor der Haustür der Geheimen Rätin Götz , und die Neuntöter haben nur das gewußt , was die ganze Stadt wußte , und der Kandidat Unwirrsch