eine Prinzessin die Aufmerksamkeiten ihrer Hofdame . Mary hatte ihr so oft gesagt , daß sie viel schöner , reizender sei , als sie selbst . Und nun mußte diese demüthige Freundin die glänzendste Heirath machen , durch die sie mit einem Male in die höchsten Sphären der Gesellschaft erhoben , ja mit einigen regierenden Häusern verschwägert wurde . Helene durfte gar nicht daran denken . Aber jetzt , wo ihr eine Gelegenheit geboten wurde , mit Ehren aus dieser sie demüthigenden Lage zu kommen ; jetzt , wo ihre stolze Mutter sich zu Bitten , die sie nicht einmal selbst vorzubringen wagte , verstand ; jetzt konnte über den Weg , den sie einzuschlagen hatte , kein Zweifel sein ; und wenn Fräulein Bär in ihrer Gutmüthigkeit ihr die Pension als ein Asyl anbot , so wußte sie eben nicht , um was es sich in diesem Augenblick handelte . Helene ging , nachdem Fräulein Bär sie verlassen , mit verschränkten Armen in ihrem Zimmer auf und ab . Endlich trat sie an das Fenster und starrte in den herbstlichen Abend hinein . An dem Himmel zogen langsam schwere , dunkle Wolken , unter welchen leichte graue Wölkchen pfeilschnell dahinschwebten . Die beinahe kahlen Zweige der schlanken Pappeln wiegten sich in dem scharfen Winde sausend und zischend hinüber und herüber ; eine Krähe , die des Weges kam , setzte sich auf ein paar Augenblicke auf den obersten Wipfel eines der Bäume , ließ sich mit herüber und hinüber wiegen , krächzte , als ob sie sich über die ungastliche Behandlung ärgere und flog dann wieder davon . - Helene öffnete das Fenster . Der kühle , feuchte , mit dem herben Dufte der modernden Blätter vermischte Hauch des Abends wehte sie an . Lauter rauschten die Pappeln in dem Garten und den hohen Buchen des Parkes und zwischendurch tönte in monotonen Cadenzen der dumpfe Donner der Meereswogen am Gestade . Sie lehnte sich hinaus ; sie achtete nicht der Feuchtigkeit der Luft , die im Nu ihre schwarzen Haare mit einem thauigen Schleier überzog . Sie starrte nur immer hinein in den mit jedem Augenblick dunkler werdenden Abend . Seltsame Visionen zogen durch ihr Hirn . Stolze Paläste erhoben sich am Rande blauer Seeen , in denen sich dunkle Wälder spiegelten ; und aus dem Palast ritt ein lustiger Jagdzug mit Hallo und Trara , und an der Spitze des Zuges eine junge Dame auf einem Zelter neben einem Manne , der seinen schäumenden Rappen lässig lenkte und sein dunkles Gesicht fortwährend auf die junge Dame neben ihm wandte ; und Alles , soweit das Auge reichte , - Schloß und See und Wald und Felder , die sich weit und weiter am Ufer hinbreiteten , unabsehbar in ' s Land hinein - gehörte der jungen Dame auf dem Zelter und ihrem Gemahl , dem Ritter auf dem feurigen Rappen . Und dann versanken Schloß und Wälder und Felder in dem See , und der See erweiterte sich zu einem Meer , das an dem hohen , mit Buchenwäldern , gekrönten Kreidefelsenufern aufrauschte ; und oben auf den hohen Ufern in der Abendsonnengluth stand dieselbe junge Dame , die vorhin auf dem Zelter ritt , neben einem Mann - der nicht der Ritter auf dem Rappen war - und sie schauten zusammen hinaus auf das wunderherrliche Schauspiel der in dem wogenden Wellengebiete versinkenden Sonne , und wie sie so standen und schauten , fügten sie , wie betende Kinder , ihre Hände in einander und sahen sich an mit liebevollen , thränenüberströmten Augen . Da rauschte der Wind lauter in den schlanken Pappeln und das junge Mädchen fuhr empor aus ihren Träumereien . - Sie warf einen Blick in die graue Dämmerung des Parkes . Zwei Gestalten , ein Mann und eine Frau - wandelten Arm in Arm an der Oeffnung zwischen den Bosquets vorüber - nur einen Augenblick lang , aber das scharfe Auge des jungen Mädchens hatte Beide erkannt , glaubte mindestens Beide erkannt zu haben . Ein Gefühl , wie sie es noch nie gehabt hatte , überkam sie . Sie mußte sich überzeugen , ob sie recht gesehen hatte , ob wirklich Oswald Stein mit Emilie Cloten zu dieser Stunde an diesem Orte sich treffen konnten . Im nächsten Augenblick war sie die Treppe , die nach dem Garten führte , hinab , durch den Garten geeilt und stand jetzt an der Pforte , die aus dem Garten in den Park führte . - Mit einem Male war ihr Muth verschwunden - sie schämte sich einer Regung , die sie zu einem so unweiblichen , so häßlichen Schritte verleiten konnte . Eben wollte sie wieder in das Haus zurückkehren , als die beiden Gestalten den Gang , der an der Gartenpforte vorüberführte , wieder heraufkamen . Sie drückte sich hinter den Pfeiler des Thors , um nicht gesehen zu werden ; das Herz schlug ihr zum Zerspringen , und jetzt - sie waren es , waren es , die hier , in heimlichem , eifrigem Gespräch vorübergingen ! Also genarrt ! und genarrt ! von wem ? von einem Menschen , den eine Emilie Cloten gewinnen konnte ! Sie schritt , in tiefstes Sinnen verloren , nach ihrem Zimmer zurück . Einmal blieb sie stehen und sagte , tief aufathmend : Gott sei Dank , daß ich schon vorher entschlossen war , zu meinen Eltern zurückzukehren ! Dreiunddreißigstes Capitel Das Gerücht - man wußte nicht , wer es zuerst aufgebracht hatte , - Fürst Waldernberg bete die schöne Helene von Grenwitz an , ja die Verlobung werde nicht lange auf sich warten lassen , erhielt sich und wurde durch eine Menge Einzelheiten , deren Auffindung dem Spürsinn der betreffenden Geschichtenträger und Geberdenspäher alle Ehre machte , bekräftigt . Die Gräfin Grieben wußte auf das bestimmteste , daß der Fürst beinahe alle Abend zu Grenwitzens komme ; Frau von Nadelitz , daß er jeden Mittag nach der Parade auf seinem prachtvollen tscherkessichen Hengst an der Pension des Fräulein Bär vorüberreite ; Frau von Sylow , daß er , in seinen Mantel gehüllt , mehrere Nächte stundenlang vor dem Hause auf- und abpatrouillirt sei ; Hortense Barnewitz flüsterte der Comtesse Stilow in ' s Ohr : Jetzt weiß ich , weshalb der arme Felix Hals über Kopf nach Italien geschickt wurde , und Comtesse Stilow meinte darauf : Sie sollen sehen , liebe Hortense , es dauert nicht acht Tage , so ist Helene , die für immer verbannt schien , wieder bei ihren Eltern . Ein Lächeln des Triumphes erhellte aber Aller Gesichter , als die Prophezeiung der zahnlosen Comtesse Stilow nun wirklich in Erfüllung ging und Helene Grenwitz aus ihrem bescheidenen Stübchen in der Pension des Fräulein Bär in die stattlichen Räume des Hôtel Grenwitz übersiedelte . Merkwürdigerweise schien der alte Baron , der diesen Schritt früher so dringend gewünscht hatte , jetzt am wenigsten darüber erfreut . Der alte Herr war in der letzten Zeit ausnehmend launisch , widerspruchsvoll und heftig gewesen , daß man den sonst so gutmüthigen , freundlichen Mann kaum wieder erkannte , und Jedermann die arme Anna-Maria , die dieses Kreuz mit so christlicher Geduld und Sanftmuth trug , bedauerte und bewunderte . Ach , glaube mir , liebe Helene , sagte die Baronin zu ihrer Tochter , als sie Beide am ersten Abend auf dem Sopha im Salon saßen , nachdem der Baron das Gemach verlassen hatte , um zu Bett zu gehen ; es ist jetzt recht schwer mit Deinem Vater auszukommen , und ich bedarf Deiner freundlichen Stütze mehr als je . Malte ist noch zu jung , und ich fürchte zu herzlos , als daß ich zu ihm Vertrauen haben könnte . Ich bin so lange gewohnt , Alles allein zu tragen , daß ich mich in das Glück , eine Freundin und Vertraute zu haben , kaum zu finden weiß ; und die Baronin vergoß Thränen , während sie ihre Nähsachen zusammenpackte , um dem Gemahl in das eheliche Schlafgemach zu folgen . In der That schien das Verhältniß zwischen Mutter und Tochter sich für die Zukunft viel günstiger als früher gestalten zu wollen . Sie handelten sich wie zwei Gegner , die ihre Stärke gegenseitig erprobt und gefunden haben , daß sie doch besser thun , Hand in Hand zu gehen . Fürst Waldernberg war , seitdem Helene wieder im Elternhause weilte , fast allabendlicher Gast . Anna-Maria sorgte dafür , daß der Fürst und Helene stets möglichst ungestört blieben ; und da in diesen Kreisen die älteren Herrschaften ihre Zeit schlechterdings nur mit Kartenspielen hinzubringen vermochten , und jüngere Leute selten eingeladen wurden , so gelang ihr das meistens ganz vortrefflich . Der Fürst und Helene waren in dem kleinen einfenstrigen Boudoir , neben dem großen dreifenstrigen Salon , wo die Kartentische standen , oft stundenlang allein , bis man zur Tafel ging , wo sie dann , während die Andern die Glücksfälle des Spiels eifrig durchsprachen , wiederum so ziemlich auf sich selbst angewiesen waren . Es sprach für die conversationellen Talente des Fürsten , daß die junge anspruchsvolle Dame seiner Unterhaltung nicht müde wurde . Und doch konnte sie , was er vorbrachte , für gewöhnlich nicht eigentlich interessant nennen , jedenfalls nicht die Art , wie er es vorbrachte . Niemals hörte sie ihn in lebhafterem Ton und schnellerem Tempo sprechen ; es war immer derselbe monotone Silbenfall , wie wenn die einzelnen Worte Soldaten und die Sätze Sectionen wären , die in gleichmäßigem Schritt und Tritt vorbeimarschirten . Helene fand es deshalb auch bezeichnend , daß der Fürst sich am liebsten der französischen Sprache bediente , obgleich er auch das Deutsche correct und fließend sprach . Manchmal meinte sie , der Umstand , daß die Unterhaltung fast ausschließlich in dem fremden Idiom geführt wurde , trüge wesentlich dazu bei , ihr die Fremdartigkeit dieses Geistes weniger fühlbar zu machen . Dazu kam , daß der Fürst , wie in seinem Aeußern , so in seiner Denk- und Empfindungsweise , Russe und nicht Deutscher war . Die Erinnerungen seiner Kindheit , seiner Knaben- und Jünglingsjahre , bis auf die kurze Zeit , die er in Paris und jetzt nun in Deutschland verlebt hatte , waren russisch . Er war Page an dem Hofe des Kaisers Nikolaus gewesen , und der tägliche Anblick dieses prächtigen Monarchen , mit dem er sogar , wie man behauptete , besonders in Gestalt und Haltung , eine gewisse Aehnlichkeit hatte , nicht ohne Einfluß auf seinen Charakter geblieben , wie er selbst sagte . Seine militärische Erziehung hatte er in der Cadettenanstalt des Michailow ' schen Palastes erhalten , desselben Palastes , durch dessen gewaltige Räume in jener schauerlichen Nacht der Kaisermord dröhnend schritt , als die Gemahlin Pauls I. , erschreckt durch das dumpfe Getöse verworrener Männerstimmen und des Waffengeklirres , die jüngsten Großfürsten Nikolaus und Michael aus den Betten riß , um mit ihnen durch die langen Zimmerreichen zu der Wohnung des Kaisers zu eilen ; ihr der finstere Graf Pahlen entgegentrat , sie halb mit Gewalt nach ihren Zimmern zurücknöthigte , und bedächtig die Thür schloß : Restez tranquille , Madame ; il n ' y a pas de danger pour vous . Aehnliche Geschichten wußte der Fürst gar manche zu erzählen und sie verfehlten ihre Wirkung nicht auf das Gemüth des phantastischen Mädchens . Es war damit wie mit den Abenteuern , mit denen der kriegerische Mohr die Seele des venetianischen Patricierkindes berauschte . Desdemona mochte vor dem Blut , das in jenen Erzählungen in Strömen floß , schaudern ; aber der Held erschien ihr nur um desto bewundernswerther , und wenn es Helenen aus diesen Palasterinnerungen des russischen Pagen auch oft eisig kalt anwehte , so bestrickte sie doch das Geheimnißvolle und Schauerliche derselben mit einem unwiderstehlichen Zauber . Sie träumte sich in ein Leben hinein , im Vergleich mit welchem das Leben , das sie jetzt führte , gar kleinlich und kläglich erschien . Sie sah sich als Ehrendame an einem Hofe , wo Schönheit und Geist noch so viel vermögen ; sie dachte sich als die Seele großartiger Unternehmungen , als die Vertraute von Generalen und Staatsleuten ; und dann blickte sie aus ihren Träumereien auf zu dem finsteren ruhigen Antlitz des riesengewaltigen Mannes , der sie mit seinen sonderbaren Geschichten in diese sonderbaren Phantasien gewiegt hatte , und fragte sich , ob sie es wohl wagen würde , an dieser Hand die hohen Regionen zu betreten , wohin sie die heißesten Wünsche ihres stolzen , ehrgeizigen Herzens trugen . Dem schönen jungen Mädchen gegenüber legte der Fürst die kühle Zurückhaltung ab , die er gegen alle Andern beobachtete . Er sprach selbst über seine Familienverhältnisse mit großer Offenheit . Er sagte , daß er von seinen Eltern eigentlich nur seine Mutter kenne , daß er seinen Vater nur sehr selten zu sehen bekomme . Seine Mutter lebe in Petersburg , wo ihr Einfluß bei Hofe noch immer sehr groß sei , obgleich eine unheilbare Krankheit die einst bildschöne lebenslustige Frau in wenigen Jahren verwüstet und zur trübsinnigen Schwärmerin gemacht habe . Sein Vater , Graf Malikowsky , bringe den größten Theil des Jahres auf Reisen zu , besonders in Bädern , da er , trotz seiner Jahre und Kränklichkeit , den heiteren Genuß des Lebens noch immer leidenschaftlich liebe und stets das Angenehme mit dem Nützlichen zu verbinden suche . Er stehe zu seinem Vater eigentlich in gar keinem Verhältniß . Alle Jahr schrieben sie sich einmal oder zweimal bei besonderen Gelegenheiten kurze Briefe ; jetzt habe er den Grafen , als er im Sommer in der Residenz dem Könige den Eid leistete , zum letzten Mal gesehen und er sei über sein verfallenes Aussehen , das der alte Herr vergebens durch die raffinirtesten Toilettenkünste zu verstecken sich bemühe , erschrocken gewesen . Der Graf und die Gräfin harmonirten , wie das bei so verschiedenen Naturen erklärlich sei , sehr wenig mit einander . Der Graf komme alle Jahr einmal nach Petersburg , stelle sich bei Hofe vor , zeige sich ein oder das andere Mal im Palais Letbus und verschwinde dann wieder , um von Zeit zu Zeit aus Hamburg , Baden-Baden , Wiesbaden » freundliche Grüße « an seine Gemahlin zu senden . Auch daß dem Fürsten daran gelegen war , sie mit seinen Ansichten bekannt zu machen , entging Helene nicht . Ich halte den Kriegerstand , sagte er einmal , nicht nur für den edelsten , sondern auch für den nützlichsten ; für den edelsten , weil er allein jede Kraft des Mannes wach ruft und erprobt , für den nützlichsten , weil er die Grundbedingung für alle übrigen Stände ist , die ohne ihn gar nicht existiren könnten . Daß der Bauer in Frieden seinen Kohl bauen , der Handwerker ruhig in seiner Werkstatt sitzen , der Künstler ungestört in seinem Atelier , der Gelehrte in seinem Studirzimmer arbeiten kann , das haben sie dem Krieger zu verdanken , der für sie am Thore schildert , des Nachts für sie die Straßen patrouillirt , lärmende Pöbelschaaren zu Paaren treibt und gegen den Feind , der das Land bedroht , in den Kampf zieht . Mit diesem Stande verglichen sind alle andern niedrig und gemein , und daß er der unbestritten höchste und edelste ist , zeigen auch die Herrscher , indem sie sich für gewöhnlich und nun gar bei feierlichen Gelegenheiten in die Tracht desselben kleiden . Deshalb sollte aber auch nur ein Adeliger Offizier werden dürfen . Daß man neuerdings auch angefangen hat , den Bürgerlichen Zutritt zu unsern Reihen zu verstatten , halte ich für einen beklagenswerthen Fehler , der sich früher oder später empfindlich an uns rächen wird . Aber glauben Sie denn , daß der Bürgerliche unbedingt zu dem Berufe untauglich ist ? fragte Helene . Ohne Zweifel , erwiderte der Fürst mit Nachdruck . Jagd und Krieg müßten durchaus dem Adel reservirt bleiben , nicht , weil Bürgerliche überhaupt nicht auch eine Büchse abschießen oder einen Säbel schwingen , sondern weil sie es nicht in dem rechten Geist , mit dem rechten Geiste können . Der bürgerliche Geist ist nun einmal ein specifisch anderer , als der adlige ; es find das Unterschiede , die sich nicht mehr in Worte fassen lassen , die aber nichtsdestoweniger vorhanden und für jeden - für mich zum wenigstens - sehr fühlbar sind . Nehmen Sie zum Beispiel den Begriff der Standesehre . Ein Bürgerlicher , der keine Ahnen hat , die denselben Degen führten , den er jetzt an der Seite trägt , - was kann es ihm sein , ob er diesen Degen vor jedem Flecken rein bewahrt oder nicht ? Ich habe noch keinen bürgerlichen Officier gekannt , bei dem es mir nicht mindestens zweifelhaft gewesen wäre , ob er bei einer thätlichen oder groben wörtlichen Beleidigung den Beleidiger sofort niederstoßen würde . Nun aber frage ich Sie , wie kann bei solch einem Mangel an dem richtigen point d ' honneur überhaupt von kriegerischem Sinn und Geist die Rede sein ? Aber die Frage hat auch eine practische Seite . Der Geist der Neuerung , des frechen Ungehorsams gegen die von Gott eingesetzte Ordnung regt sich überall . Dieser Geist kann nicht , wie man in unserem Staate leider angefangen hat , durch Güte und Concessionen , sondern nur durch eiserne Strenge und Gewalt niedergehalten werden . Des gemeinen Soldaten , der drei Jahre lang in unserer Zucht und Aufsicht gewesen ist , sind wir sicher , nicht ebenso des bürgerlichen Officiers . Schicken Sie einen Zug unter Anführung eines Lieutenant Schulze oder Müller gegen einen rebellischen Pöbelhaufen , und es ist zehn gegen eins zu wetten , er wird in demselben irgend einen Bruder oder Vetter Schulze oder Müller entdecken und in Folge dessen Anstand nehmen , im rechten Augenblick Feuer ! zu commandiren . Nehmen Sie dagegen die Officiere aus dem Adel und nur aus dem Adel , so kann dergleichen gar nicht vorkommen , und Sie können mit einem Bataillon den Aufruhr einer ganzen Stadt wie Grünwald zu Boden schmettern . Gegen die Zugeständnisse , welche der König in dem Frühling desselben Jahres durch die Zusammenberufung des versammelten Ständetages der liberalen Partei und dem Zeitgeist überhaupt gemacht hatte , sprach sich der Fürst wiederholt mit großer Entschiedenheit aus . Ich sehe nicht ab , sagte er , wohin dies Treiben führen soll . Wenn der König , wie ich gern glaube , nicht will , daß sich ein Blatt Papier zwischen ihn und sein Volk stelle , nach dessen Paragraphen er regieren muß , so dürfte er auch nicht einmal den Schatten des Constitutionalismus heraufbeschwören . Dem Schatten folgt der Körper . Ich gestehe , daß ich über die Langmuth des Königs , diesen frechen Schreiern gegenüber , empört bin und daß ich lange Zeit Anstand genommen habe , ob ich einem Monarchen , der so die ersten Pflichten eines gottbegnadeten Amtes verkannte , mit Ehren dienen könne . Wenn so der Fürst seine russisch absolutistischen Ideen zum Maßstab der Dinge machte , so geschah es wohl , daß sich in Helenens Herzen etwas wie ein Grauen gemischter Widerwillen gegen den , der in kaltem Ton so Unmenschliches behauptete , zu regen begann . Aber wenn sie auch zu einer andern Zeit vor den furchtbaren Consequenzen der Grundsätze des Fürsten zurückgeschaudert sein würde , so hatte jetzt die Wunde , die ihrem stolzen Herzen Oswalds Verrath geschlagen , sie schwer gereizt und in das andere Extrem gestürzt . Helene haßte Oswald ; sie meinte Thränen des Zorns und der Scham , wenn sie dachte , wie theuer ihr dieser Mann und wie nah sie der Gefahr gewesen war , ihm zu zeigen , wie lieb sie ihn hatte . An dem Verrath selbst zweifelte sie jetzt durchaus nicht mehr . Das Benehmen Emiliens war seit einiger Zeit so verändert , daß es auch den Unbefangensten auffiel . Die junge Frau floh jetzt die Gesellschaft ebenso , als sie dieselbe früher gesucht hatte , und wenn sie es nicht vermeiden konnte , in ihren alten Cirkeln zu erscheinen , hatte sie nur Spott und Hohn für Alles , wofür sie vormals schwärmte . Sie fand die Offiziere albern ; erklärte Tanzen für ein kindisches Vergnügen und einen Bal masqué für den Gipfel aller Lächerlichkeit . Sie behandelte die Damen mit unverhüllter Ironie und die Herren mit offener Verachtung , besonders ihren Gemahl , der bei dem Allem gar nicht wußte , wie ihm geschah . Die Meisten lachten und sagten : es ist eine Laune von der kleinen Frau ; sie wird schon wieder zur Vernunft kommen ; Andere , die weniger harmlos waren , meinten : dahinter steckt mehr . Wenn eine junge Frau die ganze Welt , ihren Gemahl nicht ausgeschlossen , in dieser Weise behandelt , so thut sie es sicher einem Mann zu Liebe , der für sie die ganze Welt ist . - Wer dieser Glückliche sein mochte , darüber zerbrach man sich vergebens die Köpfe . Die Einen riethen auf den jungen Grafen Grieben , der ihr früher den Hof gemacht hatte , die Andern auf Herrn von Sylow , wieder Andere sogar auf den Fürsten Waldernberg - und nur Helene Grenwitz wußte , daß Alle sich irrten und daß der Gegenstand von Emiliens Liebe nicht in den aristokratischen Kreisen Grünwalds zu finden war . Hätte Anna-Marie geahnt , welch trefflichen Bundesgenossen sie in diesem Augenblick für die Ausführung ihres großen Planes an Oswald Stein hatte , sie würde diesem » so überaus abscheulichen und gefährlichen jungen Mann « weniger gram gewesen sein . Jedenfalls schien sich das Verhältniß zwischen dem Fürsten und Helene ganz nach ihrem Wunsche gestalten zu wollen . Sie hielt es wenigstens für ein gutes Zeichen , daß Helene nicht darauf drang , die Unterhaltungen in dem kleinen Salon neben dem Spielzimmer durch Hinzubitten anderer junger Leute zu beleben , und als sie kürzlich die Bemerkung wagte : das wäre ein Schwiegersohn nach meinem Sinn , nicht die schönen Brauen verächtlich zusammenzog sondern die dunklen Wimpern auf die erröthenden Wangen senkte . Vierunddreißigstes Capitel In das wilde Allegro von Oswalds jetzigem Leben tönte wie Aeolsharfenklänge die Erinnerung an Alles , » was sein einst war ; « an seine schwärmerische Jugendzeit , wo rosige Wölkchen den Horizont umsäumten , hinter dem die geheimniß- und wundervolle Zukunft lag ; an die seligen Tage von Grenwitz , wo sich für ihn die alte Sage vom Paradiese wiederholen zu wollen schien ; an seine Freundschaften mit großen , zum mindesten guten Menschen : mit Berger , Oldenburg , Franz , Bemperlein - wohin , wohin dies Alles ? Die Jugend versunken für immer und mit ihr all ' die holden rosigen Träume der Jugend ; aus dem Paradiese nichts geblieben , als der bittere Geschmack der Frucht von dem Baume der Erkenntniß , daß Wankelmuth der Seele und treue Liebe nimmer Hand in Hand gehen können . Und seine Freunde ? - Von Berger hatte er am Thor des Irrenhauses wohl auf ewig Abschied genommen ; in Oldenburg haßte er jetzt seinen Nebenbuhler und den reichen Aristokraten , den Sohn des Glücks , der sich leicht hinwegschwingt über die Hindernisse , an denen Andere ihre Kraft ausgeben ; - gegen Franz , der sich seiner in einer der verwickeltesten Lagen seines Lebens so brüderlich angenommen , hatte er sich der gröbsten Undankbarkeit schuldig gemacht , die er vergebens durch die Unmöglichkeit , mit dem in sich gefesteten , sich streng begrenzenden , leidenschaftlosen Mann bei seiner entgegengesetzten Natur auf die Dauer Freundschaft zu halten , zu rechtfertigen suchte ; - und von Bemperlein , dem guten , harmlosen , ehrlichen Menschen , der ihm eine so enthusiastische Freundschaft entgegen getragen hatte , trennte ihn das quälende Bewußtsein , ihn in seiner geliebten Herrin tödlich beleidigt zu haben , so daß , wenn er ihm auf der Straße begegnete , er in peinlicher Verlegenheit nach der andern Seite blickte . Und was hatte er für so viel verlorenes Glück eingetauscht ? Die allerdings seltenen Augenblicke , in denen Oswald nicht umhin konnte , über seine Situation ernstlich nachzudenken , waren unerfreulich genug . Seine Stellung an der Schule war jetzt nach kaum drei Monaten so gut wie unhaltbar . Director Clemens ' vielgerühmte Humanität reichte nicht mehr hin , alle die großen und kleinen Sünden , welcher sich Oswald in seinen dienstlichen Beziehungen schuldig machte , mit dem Mantel der Liebe zuzudecken , und Frau Director Clemens erklärte vor dem versammelten dramatischen Kränzchen , daß sie eine Schlange an ihrem Busen genährt . Aber Oswald hatte noch mehr zu verantworten , als diese Treulosigkeit . Sein Verhältniß mit der jungen Frau von Cloten , in das er sich aus Laune halb und halb aus wirklicher Neigung so Hals über Kopf gestürzt hatte , fing an , auf seiner Seele mit bleiernem Gewicht zu lasten , um so mehr , als die leidenschaftlich unbesonnene Natur der Dame jeden Augenblick das Geheimniß zu verrathen drohte . - Dich zu lieben , von Dir geliebt zu werden , ist mein einziger Wunsch und Wille - alles Andere ist mir gleichgiltig ; sagte sie . Sollte sie jetzt , wo ihr Herz zum ersten Male wußte , was es wollte , ihre ausschweifenden Wünsche zügeln ? Vergebens , daß Oswald sie an die Pflichten seiner Stellung , an die äußere Beschränktheit seiner ganzen Lage erinnerte . - Ich begreife nicht , wie Du zwischen der Langweile , Deine Buben zu unterrichten , und dem Vergnügen , das wir Eines in des Andern Gesellschaft haben , noch wählen kannst ; laß doch die alte dumme Schule und lebe für mich . - Aber , liebes Kind , ich lebe jetzt schon beinahe nur für Dich , und wenn das noch eine Zeit so fortgeht , wird mein Director nicht nur nichts dagegen haben , sondern selbst den Wunsch aussprechen , daß ich ausschließlich für Dich lebe . - O , das wäre zu herrlich , rief Emilie , in die Hände klatschend ; dann gehen wir nach Paris , oder nach irgend einem andern Ort , wo uns nicht so viele alberne Menschen aus Tritt und Schritt belauern . Oswald zuckte die Achseln . Und wovon leben in Paris ? Emilie machte ein langes Gesicht ; im nächsten Moment aber lachte sie schon wieder und rief : das findet sich , wenn wir nur erst fort wären . Das Verlangen , aus Grünwald , wo in der That ihr Verhältniß jeden Augenblick der Gefahr einer für Beide gefährlichen Entdeckung ausgesetzt war , wegzukommen , war in der letzten Zeit bei Emilie so groß geworden , daß sie bei jeder Gelegenheit darauf zurückkam . Sie wollte Oswalds Liebe in vollen Zügen ungestört genießen und sich nicht jede halbe Stunde verstohlenen Zusammenseins durch tagelange Sorge und Angst gewinnen . Bis jetzt hatten sie ihre Rendezvous entweder in Primula ' s Boudoir , aber drüben in Fährdorf bei Emiliens alter Amme , der Frau Lemberg , gehabt , wohin jetzt , da die Meerenge zwischen der Insel und dem Festlande mit dickem Eis bedeckt war , die Ueberfahrt keine Schwierigkeit machte . Primula war in das Verhältniß eingeweiht , nachdem Emiliens Unbedachtheit eine lächerliche Entdeckungsscene herbeigeführt , und sie hatte , nachdem ihre erste eifersüchtige Regung glücklich vorüber war , diesen » Liebesbund « ausnehmend romantisch , die Liebenden in ihrer Hülflosigkeit , gegenüber einen » kalten , lieblosen Welt , « höchst bejammernswerth und sich selbst als Beschützerin so » heroischer Leidenschaft « vollkommen bewunderungswürdig gefunden . In diese Rolle redete sie sich nun immer tiefer hinein , und die Abonnenten der » Zeitlosen « , in deren » Album « Primula Veris jetzt ihre Gedichte schrieb , bekamen von nichts weiter als von » lichtscheu krummen Liebespfaden « , » geheimer Liebe still verschwiegenem Thun « ; und vor allem von » des treuen Bundes keuscher Wächterin « zu lesen , unter welcher letzteren Bezeichnung man , wie es in einem der folgenden Strophen ausdrücklich hieß , nicht etwa an » den Mond , den kalten Gesellen « zu denken hatte . Für Emiliens Plan schwärmte sie . Flieht , meine Freunde , sagte sie , flieht unter einen milderen Himmel als diesen rauhen kimmerischen , der nur über wilden Cyklopen und seelenlosen Ichthyophagen graut . In Schnee und Eis will selbst der Freundschaft blaue Cyane kaum gedeihen , geschweige denn der wilden Liebe rothe Rose . Oswald war nicht so blind , daß er das Wahnsinnige dieses Projectes nicht hätte einsehen sollen , aber einerseits sagte ihm auch wieder das Abenteuerliche desselben zu , anderseits lockte ihn der Gedanke , sich aus all diesem Wirrsal mit einem kühnen Schritt befreien zu können , gleichviel , wohin der Schritt führte ; und schließlich war bei ihm aus der frivolen Koketterie mit der reizenden Emilie eine Leidenschaft geworden , die , wenn sie nicht sein Herz erwärmte , zum mindesten seine Phantasie entflammte , und gegen die er sich um so weniger wehrte , als er in ihr eine Art von Entschuldigung für seinen sonstigen Wankelmuth fand . Er fing an , den Fluchtplan in ernstliche Ueberlegung zu ziehen , um so mehr , als der Rest seines kleinen Vermögens , wie es bei der Lebensweise , die er jetzt führte , wohl nicht anders sein konnte , sehr rasch zusammenschmolz , und mithin , was einmal geschehen sollte , bald geschehen mußte . Oswald hätte in dieser Bedrängniß gern Alberts Rath vernommen ; aber er wagte jetzt nicht mehr über Emilie mit ihm zu sprechen . Im Anfang freilich hatte er von seinem neuesten Roman dann und wann ein Wort fallen lassen , und der kluge Albert hatte , ohne Oswald durch neugierige Fragen lästig zu fallen , in Kurzem so ziemlich Alles , was er zu wissen wünschte , herausgebracht . Er wußte , daß Oswald bei der Professor Jäger und drüben in