Postbote aus dem nächsten Städtchen am Abend des folgenden Tages Oswald brachte . Er las das sonderbare Schreiben mehrmals , bevor er sich von seinem Erstaunen erholen konnte . Wer war der » Jemand « , der seine nähere Bekanntschaft zu machen wünschte ? wer die Dame , um die es sich handelte ? War das Geheimniß der Waldcapelle entweiht worden ? hatte Jemand die Scene in der Fensternische auf dem Balle in Barnewitz belauscht ? Konnte Herr von Cloten der Herausforderer sein ? Das auffallend kühle Benehmen dieses jungen Edelmannes bei der zufälligen Begegnung gestern schien dafür zu sprechen . Oder war diese Begegnung nicht zufällig , und stand der geheimnißvolle Reiter damit in Verbindung ? war es nur ein Spion Clotens ? Aber war die Unterredung zwischen Herrn von Barnewitz und dem Baron , bei welcher Oswald ein so unfreiwilliger Zeuge gewesen war , nicht Beweis genug , daß Cloten nach einer ganz andern Seite hin in Anspruch genommen und mit seinen eigenen Angelegenheiten vollauf beschäftigt war ? Oswald ließ die Reihe der jungen Edelleute , die er auf dem Balle in Barnewitz kennen gelernt hatte , an seinem Geiste vorübergehen , und sein Verdacht blieb schließlich auf dem jungen Grafen Grieben haften , jenem langen , blonden Jüngling , der so komische Anstrengungen machte , den starken Geist zu spielen und sich die Gunst der übermüthigen Emilie zu erwerben , und in beiden Bemühungen so unglücklich gewesen war . Er konnte am ersten der Erfinder der Phrase von dem » vom Glück begünstigten Ritter « sein . Was sollte er thun ? Sollte er sich der vielleicht nichts weniger als edlen Rache der jungen Edelleute aussetzen ? sollte er in einen Kampf gehen , in welchem er die Wahl der Waffen , der Zeugen , des Ortes , kurz Alles seinem Gegner zu überlassen gezwungen war ? Konnte es ihm ein billig denkender Mann verargen , wenn er die Herausforderung eines Namenlosen unbeachtet ließ ? Aber hatte er es denn mit billig denkenden Männern zu thun ? hatte er nicht längst erfahren , bewies nicht Alles , was er sah und hörte , daß in diesen bevorzugten Kreisen subjectives Belieben für Recht galt und die frivolste Laune des Augenblicks die Richtschnur des Handelns war ? Fand sich dieser Zug nicht selbst bei denen , welche Geist und Charakter so hoch über den gewöhnlichen Troß ihrer Standesgenossen erhob : bei Oldenburg und Melitta ? Und würde ihm ein Ablehnen der Herausforderung nicht als Feigheit , nicht als ein Mangel jenes feinen Ehrgefühls ausgelegt werden , auf welches sich dieser Adel so viel zu Gute that ? Nein , nein ; er mußte den Fehdehandschuh aufnehmen , wie verächtlich auch die Hand sein mochte , die ihm denselben aus dem Dunkel heraus vor die Füße geschleudert hatte . Er mußte den Junkern zeigen , daß er sich nicht fürchtete , allein , ohne Freunde , waffenlos ihrer Rache gegenüber zu treten . Sein Blut kochte . Er ging erregt im Zimmer auf und ab . Nur zu , nur zu ! murmelte er durch die Zähne ; ich wollte , sie stellten sich mir gegenüber , einer nach dem andern , mein Haß würde mir die Kraft geben , sie Alle niederzuschmettern . Es ist ganz recht so , ganz recht ! Was habe ich hier zu thun unter diesen Wölfen ? Zerrissen werden oder zerreißen - das hätte ich mir von vornherein sagen können . Oswald fühlte , wie aus dem tiefsten Grunde seiner Seele , in den sein Auge noch nie gedrungen war , es aufstieg mit dämonischer Gewalt . Eine wilde Leidenschaft , ein heißer Durst nach Rache , ein wahnsinniges Verlangen , zu zerstören , zu vernichten , erfaßte ihn ; der ganze fanatische Haß gegen den Adel , den er als Knabe empfunden , wenn er seinem Vater in dem Garten hinter der Stadtmauer die Pistolen lud , mit denen jener auf die Asse schoß , die eben so viele Herzen von Adeligen bedeuteten ; wenn er auf der Schulbank im Livius von dem Uebermuth der Tarquinier las , oder auf seiner Stube die thränenreiche Geschichte der Emilia Galotti . Und das waren keine Märchen ! Hier in diesem Schlosse , vielleicht in denselben Zimmern , die er jetzt bewohnte , war ein Opfer adeliger Grausamkeit verblutet : hier hatte die arme , unglückliche , schöne Marie mit tausend heißen Thränen die Thorheit bezahlt , den Worten des adeligen Verführers geglaubt zu haben ! Sie war als Opfer gefallen , denn sie war ein schwaches Weib , und Thränen waren ihre Waffen , Thränen , die kein Erbarmen fanden . Diese Thränen waren noch nicht gesühnt . Wie ? wenn er als Rächer für sie aufstände , wenn er diese Thränen eines Bürgermädchens sühnte in dem Blut eines Adeligen ? Solche Gedanken wirbelten durch Oswald ' s Gehirn , während er für den Fall eines schlimmen Ausgangs - den er übrigens sonderbarer Weise kaum für möglich hielt , so schnell hatte er sich in die Rolle eines Rächers gefunden - einige flüchtige Vorbereitungen traf , das heißt , die Briefe , von denen er nicht wünschte , daß sie jemals in fremde Hände fielen , verbrannte , und überhaupt etwas Ordnung in seine Papiere brachte ; schließlich auch ein paar Zeilen an Professor Berger schrieb , die er aber hernach wieder zerriß und in den Ofen warf . Das Volk ist nicht werth , daß man seinethalben so viel Umstände macht ; sagte er bei sich . Mit Ungeduld erwartete er die bezeichnete Stunde . Es schlug zehn auf der Schloßuhr . Er hörte , daß die Leute zu Bette gingen , auch aus Albert ' s Zimmer schimmerte Licht in den dunklen Garten hinab . Es schlug halb elf . Oswald machte sorgfältig Toilette , nahm eine Rose aus einem Blumenstrauß , den er sich heute im Garten gepflückt hatte , und steckte sie in ' s Knopfloch . Dann ging er leise aus seinem Zimmer die enge Treppe , auf welcher Marie in jener stürmischen Herbstnacht sich aus dem Schloß gestohlen hatte , hinab in den Garten , durch den Garten nach dem Gitterthor , welches neben dem Schloß auf den Hof führte und von dem man nur noch ein paar Schritte zu dem kleinen Thore hatte , vor welchem ihn der Wagen erwarten sollte . Der nächtliche Himmel war mit Wolkendunst bedeckt , durch welchen nur spärliche Sterne leuchteten ; es war so finster , daß Oswald , bis sich sein Auge an das Dunkel gewöhnt hatte , den so bekannten Weg mit Vorsicht gehen mußte , um nicht rechts oder links in den Graben zu gerathen . Plötzlich tauchte ein großer Gegenstand vor ihm auf , und in demselben Augenblick rief eine tiefe rauhe Stimme : qui vive ! Moi , antwortete Oswald . Er sah die undeutlichen Umrisse einer langen Gestalt , die ihm die Thür des Wagens öffnete und den Schlag herabließ . Sobald er eingestiegen war , wurde die Thür hinter ihm geschlossen und sofort zogen auch die Pferde an ; er konnte nicht erkennen , ob die Gestalt neben dem Kutscher Platz genommen hatte , oder der Kutscher selbst war . Kutscher und Pferde mußten den Weg sehr genau kennen , oder in dunkler Nacht so gut sehen können , wie am hellen Tage ; denn der Wagen bewegte sich mit einer Schnelligkeit , gegen die selbst ein ungeduldiger Liebender nichts hätte einwenden können . Der Weg war gut , und wenn auch hie und da ein Stein im Geleise lag , so hing der Wagen in so vortrefflichen Federn , daß man den dadurch verursachten Stoß kaum spürte . Oswald lehnte sich in die schwellenden Kissen . Der weiche Sammet schien einen feinen Wohlgeruch auszuströmen , der den engen Raum erfüllte , wie das Boudoir einer hübschen Frau . Ja , es war Oswald , als ob es dasselbe Parfüm sei , das Melitta immer benutzte . Und plötzlich war es ihm , als säße Melitta neben ihm , als berühre ihre warme weiche Hand seine Hand , als fühlte er das Wehen ihres Athems an seiner Stirn , als legten sich ihre Lippen leicht wie ein Hauch auf seinen Mund . Und vor diesem wonnigen Traum sank die Wirklichkeit in Nichts . Oswald vergaß , was er vorhatte ; er dachte nicht daran , was seiner harrte ; er wußte nicht mehr , wo er war - und nur sie , sie allein erfüllte seine Seele . Wie eine Sturmfluth von Seligkeit überkam ihn die Erinnerung an ihren Liebreiz , ihre Güte , ihre holde Rede und ihren süßen Kuß . Mit wunderbarer Klarheit zogen die köstlichen Bilder der einzig wonnigen Stunden , die er an ihrer Seite , zu ihren Füßen verlebt hatte , durch seine Erinnerung , von jener ersten Begegnung auf dem Rasenplatze hinter dem Schlosse von Grenwitz bis zu dem Augenblick , wo sie , mit Thränen in den lieben Augen , sich von ihm wandte in jener Nacht unseligen Angedenkens , wo der Dämon der Eifersucht die scharfen Krallen in sein zuckendes Herz schlug . Vergieb mir , Melitta ; vergieb mir ! stöhnte er , seinen Kopf in die Kissen drückend . Da plötzlich hielt der Wagen . Die Thür wurde aufgerissen ; die lange Gestalt , die ihm den Schlag herabgelassen hatte , half ihm aussteigen , reichte ihm die Hand , führte ihn einige Stufen hinauf zu einer großen Fensterthür , durch deren rothe Vorhänge ein mattes Licht schimmerte . Die Thür that sich auf , und Oswald sah sich in dem Gartensaal von Melitta ' s Schloß und Melitta schlang ihre Arme um seinen Hals und Melitta ' s Stimme flüsterte : vergieb mir , Oswald ! vergieb mir ! Du Grausamer ! sagte Melitta , als der erste wilde Sturm des Entzückens mit seinen Thränenschauern der Wonne vorübergebraust war ; wie hast Du nur so viele Tage Dein Herz vor mir verschließen können , und wußtest doch , daß ich da draußen stand und um Einlaß bettelte ! Aber ich will Dich nicht schelten . Du bist ja hier und nun ist Alles wieder gut . Sie legte ihren Kopf an seine Brust und schaute durch Thränen lächelnd zu ihm empor ; nicht wahr , lieb ' Herz , nun ist Alles wieder gut ? nun ist Melitta wieder , was sie Dir vorher war , was sie Dir ewig sein wird , trotz aller hübschen sechszehnjährigen Mädchen , sie mögen Emilie heißen oder - Melitta ! Oder Melitta ! denn es giebt nur eine Melitta und wenn tausend so hießen und diese eine bin ich . Und daß Du diesen wichtigen Umstand vergessen konntest , welche Umstände hast Du mir dadurch bereitet , mir und dem alten armen Baumann ! Ich will von mir nichts sagen , denn Leid will Freud und Freud will Leid haben , und wenn man rechtschaffen liebt , kommt es auf ein paar Thränen , ein paar durchwachte Nächte , ein paar angefangene und wieder zerrissene Briefe mehr oder weniger nicht an ; aber der arme Baumann ! Denke Dir nur ! ich war am ersten Tage ganz ruhig , denn ich dachte : er wird schon kommen , und Dich um Verzeihung bitten ; als Du aber nicht kamst , nicht am zweiten , nicht am dritten Tage , da sank mir der Muth und ich mag wohl recht trostlos ausgesehen haben , denn wie ich hier , den Kopf aufgestützt , saß , fühlte ich plötzlich eine Hand auf meiner Schulter und als ich aufschaue , steht der gute alte Baumann da und sagt : soll ich einmal nachsehen , wo er so lange bleibt ? - Ach ja , lieber Baumann , sagte ich . Da ging die treue Seele , ohne weiter ein Wort zu sagen fort , und kam erst spät am Abend wieder . Hat Er ihn gesehen ? - Zu Befehl ; er ist wohl und munter ; ich bin mit ihm in die Wette geritten . So war der alte Baumann der geheimnißvolle Reiter ? Natürlich , und er lachte in seiner stillen Weise , wie er erzählte , daß Ihr ihn gejagt hättet , als wollte er sagen : diese Kinder ! dachten , sie könnten mich überholen auf dem Brownlock ! Das war der Brownlock , von dem mir Bruno schon so viel vorgeschwärmt hat , ja freilich ! nun erklärt sich Alles ! Nicht wahr ? nun erklärt sich auch , weshalb sich Baumann hinsetzte und nach meinem Dictat den Brief schrieb . Der Alte wollte nicht und sagte : ein Duell ist kein Kinderspiel und das heißt den Scherz zu weit treiben ; aber ich lachte und weinte bis er es doch that , und heute Morgen noch einmal auf den Brownlock stieg und in die Stadt ritt und heute Abend nach Grenwitz fuhr . Und wenn ich nun der Herausforderung nicht gefolgt wäre ? Das deutete auch Baumann an und ich antwortete ihm : schäme Er sich , Baumann , so etwas zu sagen . Oswald lachte : Natürlich ! wir müssen uns jedesmal schämen , so oft wir etwas sagen oder thun , was nicht in die Welt paßt , wie sie sich in Euren Köpfen malt . Melitta antwortete nicht und Oswald sah , daß ein Schatten über ihr Gesicht flog . Er ließ sich vor ihr auf ein Knie nieder und sagte , ihre herabhängende Hand ergreifend : Habe ich Dich beleidigt , Melitta ? Nein , sagte sie ; aber diese Bemerkung hättest Du vor acht Tagen nicht gemacht . Wie meinst Du das ? Komm , steh auf ! laß uns ein wenig in den Garten gehen . Es ist so schwül in den Zimmern ; mich verlangt nach der kühlen Nachtluft . Sie gingen hinab in den Garten und wanderten Arm in Arm zwischen den Beeten , bis sie zu der niedrigen Erdterrasse gelangten , wo Oswald , als er an jenem Sonntag Nachmittag den Besuch auf Berkow machte , Melitta getroffen hatte . Sie setzten sich unter den Tannenbaum , der seine Aeste schützend über sie breitete , auf eine der Bänke . Die Nacht war lautlos still ; die Bäume standen unbeweglich , wie in tiefem Schlaf ; würziger Blumenduft erfüllte die warme thaulose Luft ; Glühwürmchen irrten wie leuchtende Sterne durch das Dunkel . Du hast mir auf meine Frage immer noch nicht geantwortet , Melitta ? sagte Oswald , was haben denn die letzten acht Tage an mir verändert ? bin ich nicht mehr derselbe , der ich war , nur daß die bittere Reue , Dir weh gethan zu haben , meine Liebe zu Dir noch tiefer und inniger gemacht hat ? Melitta antwortete nicht : plötzlich sagte sie schnell und leise : Bist Du seit dem Sonntag in Barnewitz oft mit ihm zusammengewesen ? Mit wem , Melitta ? Nun mit - mit Baron Oldenburg . Gott sei Dank , endlich ist es heraus ! Es ist recht kindisch und thöricht , daß ich mich bis jetzt stets gesträubt habe , Oldenburgs zu erwähnen , und Dir zu sagen , welches meine Beziehungen zu dem Manne waren , und doch fühlte ich , daß Du ein Recht hattest , es zu wissen , und daß ich die Pflicht habe , von meiner Vergangenheit , wo sie Dir dunkel scheinen muß , den Schleier zu heben . Dies Gefühl wurde zuletzt , besonders , als ich seit gestern wußte , daß Du mit dem Baron auf einem intimen Fuße standest , so stark , daß ich Dich um jeden Preis hier zu haben wünschte , und da verfiel ich denn auf den kindisch dummen Einfall . Ich habe nicht , wie Du sagst , das Recht zu einer solchen Neugier , Melitta ; antwortete Oswald . Für die Liebe , die Du mir gewährst , muß ich dankbar sein und bin ich dankbar , wie für eine holde Gnade des Himmels . Ja , ich gestehe , es gab eine Zeit , wo meine Liebe noch den Zweifel kannte , aber da war sie noch nicht die echte Liebe . Jetzt ist es mir nicht denkbar , ich könnte je aufhören Dich zu lieben , und Deine Liebe könnte jemals aufhören . Ja , es ist mir , als ob diese Liebe , wie sie ewig sein wird , auch schon von Ewigkeit gewesen wäre . Ob Du schon früher geliebt hast , ich weiß es nicht ; es ist möglich , aber ich verstehe es nicht und würde es nicht verstehen , wenn Du es mich auch ausdrücklich versichertest . Und ich versichere Dich , sagte Melitta , sich zärtlich an den Geliebten schmiegend ; ich habe nie geliebt , bis ich Dich sah ; denn , was ich früher Liebe nannte , war nur die unbefriedigte Sehnsucht nach einem Ideal , das ich im tiefsten Herzen trug , das sich mir niemals zeigen wollte , und das , jemals zu finden , ich schon seit Jahren die Hoffnung aufgegeben hatte . Und Du glaubst , ich sei dies verkörperte Ideal ? Arme Melitta ! wie bald wirst Du aus diesem Traum erwachen ! Erwache , Melitta ! erwache - noch ist es Zeit ! Nein , Oswald , es ist zu spät . Es giebt eine Liebe , die stark ist wie der Tod , und aus ihr giebt es kein Erwachen . Nein ! kein Erwachen ! Ich fühle es , ich weiß es . Und wenn Du Dein Antlitz von mir wendetest , und wenn Du mich von Dir stießest - Dir gegenüber habe ich keinen gekränkten Stolz , keine verletzte Eitelkeit - - nur Liebe , unergründliche , unermeßliche , unerschöpfliche Liebe . Bis jetzt wußte ich nur , daß ich lieben könne ; wie sehr ich lieben könne , hast Du mich erst gelehrt . Und so kann ich auch ruhig über die Zeit sprechen , in der ich Dich noch nicht kannte - denn jenes Leben war nur ein Scheinleben - und Alles , was ich fühlte und dachte , ein unbestimmtes Träumen ohne Zusammenhang und Sinn . Jetzt weiß ich es , jetzt , wo ich in dem Sonnenstrahl Deiner Liebe die Augen aufschlug und nun das Leben so durchsichtig klar vor mir liegt , daß mir die dichte Nacht , die uns umgiebt , heller dünkt , wie sonst der lichteste Tag , und die dunkelsten Räthsel meines Herzens gelöst sind . Jetzt kann ich von der Melitta der früheren Zeit sprechen , wie von einem fremden Wesen , für dessen Thun und Lassen ich mich nicht verantwortlich fühle ; jetzt kann und will ich Dir erzählen , was es für eine Bewandtniß mit dem Bilde in meinem Album hat , dem losgelösten Blatt , dessen Vorhandensein Dich damals so erschreckte , liebes Herz . Ja , ja , ich hab ' es wohl bemerkt - Du entfärbtest Dich und konntest nicht fassen , wie ich Dich um Dein Urtheil über den Mann befragen konnte , den Du für meinen Geliebten halten mußtest . Und doch war das Oldenburg nie , oder es müßte in der Liebe tausend Grade geben , von denen der niedrigste von dem höchsten so weit entfernt ist , wie die Erde von dem Himmel . Ich kannte Oldenburg schon von meiner frühesten Kindheit an . Salchow , das Gut meines Vaters , grenzt an Cona , wo Du gestern warst . Meine Tante , die nach dem frühen Tode meiner Mutter meine Erziehung leitete , und Oldenburg ' s Mutter waren sehr gute Freundinnen und kamen fast täglich zusammen . Natürlich auch wir Kinder . Oldenburg war ein paar Jahre älter als ich , aber da die Mädchen den Knaben stets in der Entwicklung voraus sind , so wurde der Unterschied des Alters von uns nicht empfunden , wir spielten und arbeiteten zusammen und hielten gute Kameradschaft - für gewöhnlich ; denn es kam auch manchmal zu heftigem Wortwechsel und Zank und Thränen . Ich gab selten Veranlassung dazu , denn ich war wenig rechthaberisch und stets zum Nachgeben bereit , aber Adalbert war über die Maßen , empfindlich , störrisch und eigenwillig . Die Doppelnatur seines Wesens , die er später auszugleichen sich bemühte und vor weniger Scharfsichtigen auch meistens zu verbergen mußte , lag damals offen zu Tage . Es war unmöglich , sich nicht für ihn zu interessiren , aber ich glaube , es gab Niemand , der ihn wirklich liebte . Er fühlte das , und dies Gefühl , welches er wie eine geheime Wunde stets mit sich herumtrug , machte ihn schon sehr früh zu einem Hypochonder und Menschenfeind . Was half es ihm , daß Jedermann seine eminenten Gaben bewunderte , daß Niemand an seinem Muth , seiner Wahrheitsliebe zweifelte ! sein störrisches , eigensinniges Wesen stieß Alle zurück , verletzte Alle ! ja selbst seine lange , unschöne Gestalt und seine täppischen , linkischen Bewegungen trugen dazu bei , die Herzen der Menschen von ihm zu wenden . Wenigstens war es so bei mir , die ich mich von Jugend auf zu Allem , was schön und anmuthig war , unwiderstehlich hingezogen fühlte , und einen wahren Abscheu vor dem Häßlichen und Formlosen hatte . Ich konnte mich nicht überwinden , Adalbert zu lieben , obgleich er mit großer , aber freilich stets hinter Schroffheit und Kälte sorgsam versteckter Zärtlichkeit an mir hing und manchmal , wenn seine Leidenschaftlichkeit über die künstliche Ruhe , die er zur Schau trug , siegte , mir in den herbsten , bittersten Ausdrücken meine Lieblosigkeit , meinen Leichtsinn , meinen Wankelmuth vorwarf . Dies Verhältniß blieb , bis Adalbert mit sechszehn Jahren das Gymnasium bezog . Er hatte es bei seinem Vormunde - seine Mutter war jetzt auch gestorben - durchgesetzt , daß er studiren durfte . Nur selten noch kam er und immer nur auf wenige Tage nach Cona . Dann war ich zwei Jahre lang in Pension . So kam es , daß wir uns , bis er nach Heidelberg ging , nur im Vorübergehen sahen . Als er von der Universität und seiner größeren Reise zurückkehrte , war ich schon zwei Jahre verheirathet gewesen . Es dauerte eine geraume Zeit , bis er einen Besuch auf Berkow machte . Unser Wiedersehen war eigenthümlich genug . Er schien den ganzen , so veränderten Zustand nur als ein fait accompli anzunehmen , dem man sich beugt , weil man muß . Er belästigte mich nicht mit Fragen ; er verlangte keine vertrauliche Mittheilung , auf die der einzige Freund meiner Kinder-und Mädchenjahre doch wohl Anspruch hatte . Er machte mir auch keine Vorwürfe ; er sagte mir nicht , daß er mich geliebt , daß er auf meine Hand gehofft hatte , obgleich ich nachher erfuhr , daß dies doch der Fall gewesen , und daß er , als ihn die Nachricht von meiner Verheirathung in Heidelberg traf , fast in Raserei gefallen war und wochenlang , monatelang an einer unbesieglichen Schwermuth gekrankt hatte . Er suchte sich durch eigene Beobachtung ein möglichst klares Bild meines jetzigen Verhältnisses zu verschaffen . Ich sah , daß ihm nichts entging , daß keine meiner Aeußerungen von ihm unberücksichtigt , keine meiner Mienen von ihm unbeachtet blieb . Das Bewußtsein , unter der Controle eines so scharfsichtigen Auges zu stehen , war nichts weniger als behaglich , zumal wenn , wie in diesem Falle , so Vieles hätte anders sein können , anders sein müssen . Es trat bald wieder dasselbe Verhältniß ein , welches früher zwischen uns geherrscht hatte , nur daß die heftigen Scenen wegblieben , die damals durch seine Leidenschaft gelegentlich herbeigeführt wurden . Wie er mir früher alle hübsche Muscheln , Steine und Blumen , die er am Strande , zwischen den Klippen , auf den Wiesen gefunden hatte , zutrug , so theilte er mir jetzt alles mit , was er Interessantes auf den vielen Feldern des Wissens , auf denen sich sein unersättlicher und unermüdlicher Geist umhertrieb , entdecken konnte : bald ein schönes Gedicht , bald eine tiefsinnige Sentenz , - und er empfand es jetzt nicht weniger schmerzlich , daß ich mit diesen Schätzen nicht haushälterischer umging , als mit den Blumen , die ich vertrocknen ließ , und den Steinen und Muscheln , die ich wegwarf . Ich wußte , daß ich keinen treueren Freund hatte , als ihn , und er , daß sich in das Gefühl , welches ich für ihn empfand , auch nicht die mindeste Liebe mischte ; um so uneigennütziger war seine Freundschaft , und um so unverantwortlicher der Wankelmuth , mit dem ich ihn behandelte . Seine Freundschaft sollte bald eine traurige Gelegenheit finden , sich zu bethätigen . Die Schwermuth , in die Carlo kurz nach Julius Geburt gefallen war , nahm einen immer krankhafteren Charakter an . Ausbrüche einer unberechenbaren Laune , die Vorboten der letzten fürchterlichen Katastrophe , wurden immer häufiger . Er wollte jetzt Niemand um sich haben , als Adalbert , was um so auffallender war , als er , der Lebemann , den tiefsinnigen , melancholischen , und um so viel jüngeren Baron - den Jüngling von Sais nannte er ihn - früher stets verlacht , verspottet und eigentlich wohl gehaßt hatte . Jetzt begleitete er ihn auf Tritt und Schritt , jetzt war Oldenburg ' s Stimme die einzige , welche die finsteren Dämonen , die um sein Haupt die Flügel schlugen , auf Augenblicke wenigstens verscheuchen konnte . Und die Aufopferung , mit der Oldenburg sich diesem Liebesdienst unterzog , ist nicht hoch genug anzuerkennen und ich müßte sie ihm , so lange ich lebe , danken . Dann kam die Katastrophe . Oldenburg stand mir in diesen Tagen treu zur Seite ; oder genauer : er nahm alle Last und Verantwortung so ganz auf sich und leitete Alles mit solcher Energie und Umsicht , daß ich nur immer Ja zu sagen hatte . Carlo war in eine Anstalt in Thüringen gebracht und ich war allein hier auf Berkow , mich ganz der Erziehung meines Julius , der damals fünf Jahre alt war , und dem ich auf Oldenburg ' s Rath schon jetzt in Bemperlein einen Freund und Lehrer gegeben hatte , widmend . Oldenburg kam jetzt seltener , als früher , aber doch noch immer sehr häufig , wie mir schien . Ich glaubte zu bemerken , daß sich ein Ton von Zärtlichkeit in die Freundschaft mischte , die ich einzig von ihm wünschte und erwartete : und kaum hatte ich diese Bemerkung gemacht , als ich mich schon berechtigt glaubte , ihn , so schonend wie möglich freilich , auf die allzugroße Häufigkeit seiner Besuche aufmerksam zu machen . Es war dies vielleicht sehr undankbar von mir ; aber uns Frauen wird es auch sehr schwer , gegen den dankbar zu sein , den wir nicht lieben . Den nächsten Tag schon war Oldenburg abgereist ; Niemand wußte wohin . Dann wollte ihn ein halbes Jahr später Einer in London gesehen haben ; ein Anderer sah ihn ein Jahr darauf in Jerusalem . Er war bald hier , bald dort , ruhelos umhergetrieben von seinem wilden Herzen und seinem unersättlichen Wissensdurst . So waren vier Jahre verflossen , die in meinen Verhältnissen sehr wenig geändert hatten . Oldenburg ' s gedachte ich selten und immer wie eines Verstorbenen . Da - es ist nun drei Jahre her - ließ ich mich von meinem Vetter und meiner Cousine bereden , sie auf einer Reise nach Italien zu begleiten . Als wir eines Abends im Mondschein das Coliseum besuchten , stand plötzlich Oldenburg vor uns . » Endlich ! « sagte er leise , indem er mir die Hand drückte . Er wollte uns ganz zufällig getroffen haben ; hernach gestand er mir , daß er , ich weiß nicht wie und durch wen ? unsern Reiseplan erfahren , uns schon von München aus verfolgt und immer verfehlt habe , bis es ihm endlich hier gelang , uns einzuholen . Ich muß gestehen , ich freute mich aufrichtig über dies Zusammentreffen und empfand es mit einiger Genugthuung , daß es kein zufälliges war . Es vereinigte sich Alles , um Oldenburg bei mir einen guten Empfang zu bereiten . Man schließt sich auf Reisen selbst an Fremde leicht an ; wie sollte uns der Freund unserer Jugend , wenn wir ihn plötzlich in fremden Landen treffen , nicht willkommen sein ? Oldenburg hatte Italien schon mehrmals bereist und kannte jeden Meister von jedem Altargemälde in jeder Klosterkirche und Kapelle . Seine lehrreiche Unterhaltung stach gegen das banale Geschwätz meiner Verwandten gar sehr zu seinem Vortheile ab , und dazu kam , daß Oldenburg durch die vielfache Berührung mit der feinsten Gesellschaft jetzt die schroffen und rauhen Seiten seines Wesens bedeutend abgeschliffen hatte . Sein Auftreten war , wie Du es jetzt siehst , das heißt , bei aller bis an Nachlässigkeit streifenden Ungezwungenheit , doch im schönsten Sinne des Wortes vornehm . Mit einem Worte : er machte jetzt einen Eindruck auf mich , den ich früher nie für möglich gehalten hätte . Es war nicht Liebe , was ich für ihn empfand , aber es war doch auch mehr als die kühle Freundschaft , welche ich ihm bis jetzt entgegengebracht hatte . Aber seltsam , in demselben Maße , in welchem ich die geheime Antipathie , die ich schon von meinen Kinderjahren her gegen ihn empfand , einer beinahe herzlichen Zuneigung weichen fühlte , wurde sein Benehmen gegen mich schroffer und kälter . Er richtete seine Unterhaltung , wenn wir beisammen waren , fast ausschließlich an meine Cousine und behandelte mich wie ein verzogenes Kind , dem man den Willen thut , nur damit es nicht anfängt zu weinen . Das verletzte meine Eitelkeit und dieser verletzten Eitelkeit und der Eifersucht , die ich