sich darin kaum das Notdürftigste an Wäsche , ihr Paß , der vor einigen Tagen in London ausgestellt war , und ein kleines Buch von der Nachfolge Christi , in welchem der Name Kunigunde Windeck stand . In diese Hände war Regina ' s fromme Gabe an Florentin geraten ! Tags zuvor in aller Frühe war aus dem Post-Omnibus , der zwischen Aschaffenburg und Miltenberg fährt , in diesem Städtchen ein junger Mann und eine junge Frau ausgestiegen , die man für Engländer hielt , denn sie sprachen englisch und trugen blaue Brillen . Er forderte ein Zimmer und Frühstück . Man hörte sie lebhaft , ja heftig sprechen - wohl eine Stunde lang . Dann ging der Mann fort und sagte zu der Magd in der Küche : wenn die Frau zu Mittag noch da sei , was er aber nicht glaube , so möge man ihr eine Suppe bringen . Sie war noch zur Mittagszeit da und die Magd brachte ihr etwas Essen . Sie lag auf dem Bette , hatte ihre blaue Brille abgelegt und die Magd bemerkte , daß sie furchtbar geweint habe . Gegen Abend ging sie aus und blieb ein paar Stunden fort . Als sie wiederkam , war es ganz finster und sehr kalt . Sie zitterte am ganzen Körper und begehrte Feuer im Ofen und einen Kasten voll Kohlen . Als die Magd das Feuer angezündet hatte und das Mittagbrot unberührt auf dem Tische sah , fragte sie , ob sie vielleicht warmes Abendessen bringen solle . Nein , war die Antwort , aber Bier ; ich verschmachte vor Durst , denn ich habe ein Fieber . Als die Magd das Bier brachte , dankte sie ihr und schloß die Türe hinter ihr zu . Am anderen Morgen um neun Uhr war es noch immer ganz still bei der Fremden . Die mitleidige Magd horchte , klopfte leise an und versuchte die Türe zu öffnen . Alles blieb still . Sie wurde ängstlich , lief zur Wirtin und bat diese , die Fremde zu wecken . Aber umsonst . Die Stille war so unheimlich , daß die Posthalterin den Schlosser rufen und die Türe sprengen ließ . Kohlendunst erfüllte das Zimmer , denn die Klappe des Ofens war zugedreht - und die Fremde lag tot auf dem Bette . Neben dem leeren Bierkrug lagen zwei Zwanziger auf dem Tische . Dies war das Ende der Wendelrose : Hoffart , die in Gemeinheit unterging ; zuerst der Rausch der Sinnlichkeit , zuletzt der Rausch des Biers ; - Schmach im Leben , Schmach im Tode . Abseits an der Kirchhofsmauer wurde sie in aller Stille beerdigt , und kein Priester sprach den Segen über ihrem Grabe . Als die Begebenheit bekannt wurde , erzählte ein Reitknecht : es sei an jenem Abend ein Frauenzimmer im Windecker Schloßhof erschienen und habe sich scheu umgesehen . Er habe sie für eine Art von Bettlerin gehalten und sie gefragt , ob sie den hochwürdigen Herrn zu sprechen wünsche . Nein ! habe sie gerufen , den Priester will ich nicht ! aber die Gräfin Regina ! Auf seine Antwort , daß diese abwesend sei , habe sie sich gleich entfernt . Eine Stunde später sei Gräfin Regina angekommen ; so daß er bei sich selbst gedacht habe : Schade , daß die arme Person nicht gewartet hat ! - Noch da , gleichsam in ihrer letzten Stunde , bot ihr die göttliche Barmherzigkeit Versöhnung und Gnade durch seinen Priester an . Der hätte sie grettet an Leib und Seele . Sie schlug ihn aus ; sie begehrte menschliche Hilfe ; als sie diese nicht fand - ging sie unter an Leib und Seele . - Florentin war verschwunden . Leichten Herzens ging er nach der Schweiz . Hatte er nicht das Äußerste für Rose getan und sie zurückgebracht auf die Schwelle ihrer Heimat , nachdem er sie dem Elend in New-York entrissen und seine Armut in London mit ihr geteilt ? Um welchen Preis , das brachte er nicht in Anschlag . Es war ja ihr Wille , ihre Leidenschaft für ihn , welche sie zu seiner Sklavin machten . Sie war ja glücklich durch ihn , so lange er sie liebte - und daß er sie nicht ewig lieben werde , hätte sie sich doch wohl vorstellen können . Er hatte ihr ja tausend Mal gesagt , das wahre Glück beruhe nur auf freiwilligen Verhältnissen und Neigungen und ersterbe in jeder Art von Zwang . Zwang des Herzens sei ein Verbrechen , ein Selbstmord , den der Mensch an seiner Liebe begehe ; und weil die Ehe diesen Zwang auf zwei Leute für immer werfe , die vielleicht nach sechs Monaten gründlich gleichgültig für einander wären : so müsse man die Ehe verabscheuen . Mit dem allen war sie einverstanden gewesen , so lange er sie liebte - und dann plötzlich nicht mehr ! Schwäche des weiblichen Kopfes , der jeder Logik unzugänglich ist , weil er von den falschen Schlüssen des Gefühls übermeistert und konfus wird , sprach Florentin zu sich selbst . Alle Frauen scheitern an ihrem Subjektivismus ! Zur hohen objektiven Anschauung und Beurteilung großer allgemeiner Verhältnisse , denen man sich mit voller Kraft und Begeisterung hingeben muß , erschwingt sich keine ! - nämlich keine Rosel . Die bleibt im Gefühl stecken .... und Punktum ! - Aber das Gewissen ließ sich nicht ganz übertäuben . Wer steckte denn tiefer im praktischen Subjektivismus , nämlich im Egoismus , als er ? In stiller Nacht , in den Augenblicken , welche dem Schlaf vorhergehen , wenn die geheimnisvolle Macht , die einen Riesen an geistigen und leiblichen Kräften in unsichtbare unwiderstehliche Fesseln schlägt , seine richtige oder falsche Logik durch das Einschlafen unterbrach : dann stiegen andere Bilder in Florentin ' s halbträumenden Gedanken auf . Ja ! ihre Leidenschaft hatte sie zu seiner Sklavin gemacht ; aber auf dem Bauernhof ihrer Eltern , auf dem Auswandererschiff , in dem Elend von New-York hatte er diese Leidenschaft geweckt und genährt durch seine giftigen Lehren , seine verderblichen Ansichten . Warum hörte sie hin ? warum nahm sie dieselben an ? Ja , das war freilich ihre Schuld : sie gab Gehör dem Zischen der alten Schlange ! Aber warum schmeichelte er ihr mit seiner Bewunderung , daß ein schlichtes Bauernmädchen eine so feine Fassungsgabe besitze , und warum ging diese Bewunderung mehr und mehr auf ihre Persönlichkeit über , und warum fand er einen solchen Reiz in der Wahrnehmung , daß ihr Herz , welches er so geflissentlich vom Glauben an Gott und an göttliche Gebote ablöste , ihn zu einem Gott machte , an den es glaubte ? Ich bin kein Gott ! rief Florentin aus seinen Bilderträumen sich aufreißend und wach schüttelnd . Ich bin kein Gesetzgeber für andere ! warum glaubte sie an mich ? warum folgte sie mir ? - - Ein Grauen überfiel ihn , daß er die Verantwortung seiner Grundsätze und ihrer Folgen für sich selbst und für andere übernehmen solle ; und doch wollte er behaupten , diese Grundsätze wären die einzig wahren , und an ihrer Verbreitung und Durchführung hänge der Fortschritt der Menschheit . Und immer , wenn er einschlafen wollte , kamen diese quälenden Vorstellungen . Sein eitler Triumph , als sie , alle weibliche Zurückhaltung verlierend , ihre Eltern floh und zu ihm kam - und für ihn arbeitete und sich abmühte , was ihr sonst ein Gräuel war - und für ihre Person mit dem Armseligsten sich begnügte , während sie sonst an eitlem Tand übergroßes Wohlgefallen hatte - und ihm nach London folgte und auch dort mit übermenschlicher Anstrengung zu jeder Arbeit , zu jedem Dienst bereit war , um ihr Leben zu fristen , damit sie ihm nur nicht zur Last falle und um wohl gar seinen Bedürfnissen abzuhelfen ! Und wie sein eitler Triumph bald verrauschte und überging in Widerwillen , ja , in grimmigen Haß , weil sie ihm fürchterlich zur Last fiel mit ihrer Person , mit ihrer Opferwilligkeit , mit ihrer Liebe , die er verachtete , weil sie sich mißhandeln ließ . Die Unglückselige , was sollte sie beginnen ? Lieben muß das Menschenherz ; dazu ist es geschaffen , dazu wird es von der Natur gedrängt , dazu geheiligt von der Gnade ; das ist sein höchstes , irdisches und göttliches Gesetz . Aber die Unglückselige ! sie hatte die Liebe zu Gott verlassen , den einzig ächten Quell jeder Liebe hienieden , welche Anspruch machen darf auf diesen himmlischen Namen ; sie klammerte sich an die Kreatur , und umso fester , als sie keinen anderen Halt hatte - und das nannte sie Liebe . Mit einer Ausdauer , welche unter anderen Verhältnissen und um Gottes Willen geübt , die schönste Tugend und die lichteste Glorie des weiblichen Herzens ist , ertrug sie Florentins schneidende Behandlung , die Ausbrüche seines Zorns , seines Widerwillens , seine Vorwürfe über ihre lästige Gegenwart . Sie suchte sich unsichtbar zu machen , um ihm nur nicht in den Weg zu kommen . Sie wünschte gar nicht von ihm beachtet zu werden ; und all ' diese unsäglichen Ängste und Erniedrigungen nahm sie hin , damit er sie nur in seiner Nähe dulde und sie nicht ganz verstoße . Wenn er damit drohte , ja , dann geriet sie außer sich und in einen solchen Wahnwitz von Verzweiflung , daß er sich fürchtete . Hättest Du einen Hund , sagte sie , den Du nicht zu füttern brauchtest , würdest Du ihm nicht den Platz im Winkel Deines Zimmers gönnen ? verlange ich mehr als ein Hund ? In welchem Roman hast Du das gelesen ? fragte er höhnisch . Sie hatte es allerdings in einem Roman gelesen , den er ihr mit großen Lobsprüchen gegeben hatte . Aber sie schwieg , denn das hatte er vergessen . In seinen Träumen fiel es ihm wieder ein . Als Orest ihm in London die Hundertpfundnote gab , warf er ihr ein paar Goldstücke hin und sagte kalt : Iß Dich einmal satt ! Sie tat es buchstäblich einmal . Das übrige Geld hob sie auf , um es ihm zu geben , wenn er später nichts mehr haben würde , wenn die Redaktionen der Journale seine Artikel unbenutzt zurückschickten und wenn es ihn langweilte , ungelehrigen Kindern Unterricht in der deutschen Sprache zu geben . Mit Frohlocken fand er zu Ende des Winters die kleine Summe auf seinem Tisch . Er fragte nicht , er dankte nicht ; er rief nur : Jetzt reisen wir ! Sie wagte nicht zu fragen , wohin ? Er reiste mit ihr ab und fort bis zu jenem Städtchen , wo er ihr erklärte : hier könne sie sich zu ihren wohlhabenden Verwandten begeben oder sich anderweitig leicht ihr Brot verdienen , und hier trennten sich ihre Wege für immer ; sie sei der Fluch seines Lebens und den möge er nicht länger mit sich herumschleppen . Sie bat und flehte ; er drohte und zürnte . Da sagte sie , sie werde sich das Leben nehmen ; er lachte - und ging von dannen . Aber in seinen halbwachen Träumen fiel ihm ein , daß sie das sagte , und er fuhr zähneknirschend auf : Bah ! wollten sich alle Weiber aus Liebesgram ein Leid antun , so wäre die halbe Welt entvölkert . Und endlich schlief er denn doch ein . - Der arme Wendel aber murmelte ununterbrochen . » Gottes Mühlen mahlen langsam . « Das war der Gedanke , der sich am tiefsten seines Gemütes bemächtigt hatte und der ihm Stich hielt , als sein von Leiden aller Art geschwächter Organismus unter dem letzten furchtbaren Schlag seine geistigen Fähigkeiten , sein klares Bewußtsein verlor . Seine brave Schwester gönnte ihm gern den Platz im Großvaterstuhl hinter dem Ofen im Winter - und im Sommer auf der Bank unter dem alten Birnbaum im Garten , wo die Bienen so munter summten . Im Hause tappte er still herum , tat nichts , sprach mit niemand . Seine Buben zog die Bäuerin ebenso rechtschaffen und fromm auf , wie sie ihren eigenen Sohn erzogen hatte , der ihr im Spätjahr eine liebe willkommene Schwiegertochter ins Haus brachte . Regina und Levin besuchten öfters den Bauernhof und seine guten Menschen . So wie Wendel Levin erblickte , pflegte er lebhaft auszurufen : » Gottes Mühlen mahlen langsam « und die Bäuerin pflegte betrübt beizusetzen : » Ach , hochwürdiger Herr ! hätte die arme Rosel das bedacht , so hätte sie Buße tun und vielleicht noch eine Heilige werden können . « » Ja , « sagte Levin , » Gott will nicht den Tod des Sünders , sondern daß er sich bekehre und lebe . « Brautkränze Hyazinth hatte das wunderbare Erbe angetreten , das niemand durch irdische Begabung beanspruchen und durch irdische Berechtigung in Besitz nehmen kann ; das wunderbare Erbe , welches dem Auserwählten himmlische Begünstigung zuwendet , an die zugleich irdische Entsagung geknüpft ist , damit er eingedenk bleibe , daß diese höchste Gunst von oben komme und keine Naturgabe sei ; Hyazinth hatte die Priesterweihe empfangen . In seiner zärtlichen Andacht zur Mutter Gottes wählte er den Tag Maria-Hilf , um seine Primiz , seine Erstlingsfeier des heiligen Meßopfers , zu begehen . Ganz Windeck war in einem Freudenrausch ; sogar der Graf - obgleich er behauptete , er werde nur durch die übrigen mit fortgerissen , ihm blute eigentlich das Herz , da ja nun der gute Hyazinth in sein kaplanisches Elend hineingehen müsse . Dennoch tat er alles , um in seiner Weise das Fest zu verherrlichen . Das Schloß wurde von oben bis unten bekränzt , bewimpelt und beflaggt , die Böller aufgestellt , die ganze Verwandtschaft und Freundschaft eingeladen , die Kapelle glänzend geschmückt . Ein wunderschöner Kelch sollte sein Angebinde für Hyazinth sein . Die Baronin Isabelle , Regina und Corona hatten jede ein Meßgewand für ihn gestickt und Regina ihm den Kranz gewunden . » Denk ' an mich , wenn Du ihn trägst und bitte Gott , daß ich bald einen ähnlichen Brautkranz tragen dürfe , « sagte sie , als sie ihm den Kranz reichte . » Die heilige Gottesmutter vergißt Dich nicht , « entgegnete Hyazinth . Es kamen viele Verwandte . Uriel fehlte nicht . Sogar Orest traf aus Mailand ein ; Uriel hatte darauf gedrungen . Am Tage Maria-Hilf trug die ganze Natur den bräutlichen Frühlingsschmuck ; die Erde lachte im Blütenkranze des Mai und der blaue Himmel unter seiner Sonnenkrone . Die Schloßkapelle glich einer Blumenlaube mit Kerzenlicht durchwebt ; der Altar war strahlend . Hyazinth im weißen , goldgestickten Meßgewande , den mystischen Brautkranz auf der reinen Stirn , ging zum Altar ; neben ihm die mystische Braut , die ihm die brennende Kerze trug , ein kleines sechsjähriges Mädchen , die jüngste unter allen Verwandten . Levin und Pater Athanasius von Kloster Engelberg , Hyazinth ' s Beichtvater von Kindheit auf , assistierten . Ein wunderbares Fest ! auf Erden wird es gefeiert , aber es gehört dem Himmel an . Die Weihe , das Opfer , der Gegenstand , die Bestimmung - alles ist himmlisch , alles ist Gnade , alles betrifft den übernatürlichen Menschen . Da wandelt ein Jüngling zum Altar , verliebt in die göttliche Liebe und dem geheimnisvollen Opfer , das seine gebenedeite Hand als reines und demütiges Werkzeug vollzieht , schließt er das Opfer seiner vollkommenen Hingebung an und da , wo der süße Wohlgeruch des heiligsten Blutes zum Throne Gottes emporwallt , da steigt auch aus der zartesten Blüte des Menschenwesens ein Arom von unirdischer Lieblichkeit und Schönheit auf . Der Jüngling , der da zum Altare wandelt , der meint es ernst mit Gott - und Gott mit ihm . Gott hat ihn aus der Welt auserkoren und geheiligt ; dafür soll er die Welt geheiligt an Gott zurückgeben . Er hat den Zuruf des Apostels im vollen Umfange verstanden : » Was droben ist , habet im Sinn ; nicht was hienieden ; « und deshalb wandelt er zum Altar , er selbst ein geschmücktes Opferlamm , um sich für jetzt und für immer mit seinem Opfer in das Opfer seines Gottes zu verabgründen , um - das Droben mit dem Hienieden zahlend - in die Gnadenwelt einzugehen , die der Priester der Menschheit vermittelt und durch die er der Fortsetzer des Erlösungswerkes , der Stellvertreter und Mitarbeiter Gottes ist . Eine Feier , die holdseliger und erhabener , rührender und großartiger wäre als eine Primiz , gibt es auf Erden nicht , denn nirgends sonst erscheint der Mensch in so idealischer Verklärtheit , nirgends sonst steht er auf so lichter Höhe des Tabor und nirgends sonst ist ihm ein Gethsemane so gewiß . Die Seelen lieben , die Christus geliebt hat , den Seelen dienen , denen er gedient hat , - das bringt Leiden mit , die er gelitten hat , und die leiden nur Seelen , die sich ihm verähnlichen . Wie ein Engel , in demütige Anbetung Gottes versunken , ganz weltvergessend , ganz aufgelöst in die Gnadenfülle , die sich um ihn , in ihn , über ihn ausgoß , vollzog Hyazinth die Feier der heiligsten Geheimnisse , ohne sich auch nur einen Augenblick aus der Gegenwart Gottes zu verlieren . Mit heiliger Andacht und tiefer Rührung dienten ihm seine Assistenten , beide - Meister und Vorbilder seines inneren Lebens , beide - treue Glieder der lehrenden und streitenden Kirche , beide - wohlgeübt in der Schule des Kreuzes , beide - betend , daß er gewürdigt werde sie zu durchwandeln . Levin sah so strahlend von seliger Freude aus , daß Regina den Greis Simeon zu sehen glaubte , nachdem er » das Heil Israels « geschaut hat und in Frieden heimzugehen wünscht . Stille Wonne durchschauerte sie bei dem Gedanken , daß diese beiden Erwählten , der Greis und der Jüngling , ihr die Hand reichten , um sie in die Chöre der Bräute Christi einzuführen . Ihrer Ängste und Versuchungen achtete sie seit jenem Gespräch mit Levin nicht mehr , als der Wandersmann , der einen hohen Berg ersteigen will , der Nebel achtet , die sich zuweilen um ihn zusammenziehen ; er schreitet rüstig weiter . Wer » dem Lamme folgen will , wohin immer es geht , « muß die Siegespalme tragen , sprach sie bei sich selbst ; und sie hatte Uriel mit der klaren Stille empfangen , die ihm deutlicher als tausend Worte sagte : Solo Dios basta . Das heilige Opfer war dargebracht und der fromme Gebrauch vorüber , nach welchem sich die Andächtigen den Segen des Priesters , der seine Primiz gefeiert hat , geben lassen . Sie knien vor ihm nieder und er spricht , indem er ihnen die Hände auf das Haupt legt : » Durch die Auflegung meiner Hände segne dich der Vater und der Sohn und der heilige Geist ; « und macht das Kreuzzeichen über sie . Frommer und lieblicher , aus tiefer Andacht zum heiligsten Fronleichnam entspringender Gebrauch ! wie sollen die Hände nicht segensreich sein , die zum erstenmal so glücklich waren , daß sich unter ihrer Segnung die gnadenvolle Wandlung vollzog ! Graf Damian , der sich noch nie um eine Primiz bekümmert hatte , weit weniger je dabei anwesend war , kannte den Gebrauch nicht und wußte nicht , was geschehen solle , als seine Töchter , die Baronin und die übrigen Damen zum Altare vorgingen und dort niederknieten . Als er es aber gewahr wurde und die schlichten Worte hörte - und Hyazinth so demütig in seiner priesterlichen Würde - und die knienden Frauen so würdig in ihrer demütigen Unterwerfung sah : so ging ihm der Anblick dermaßen zu Herzen , daß er ebenfalls aufstand und vor Hyazinth niederkniete , vor dem Jüngling , den er sonst gar nicht anders , als mit einem gewissen Gefühl von Mitleid und Protektion zu betrachten pflegte . Orest tat dasselbe - keineswegs aus Andacht oder Ehrfurcht , sondern weil er glaubte , das gehöre mit zu einer Primiz . Uriel verließ nicht seinen Platz ; er war zu einem starren Abschluß mit Herz und Leben , nicht zu frommer Ergebung in den Willen Gottes gelangt ; deshalb ging er auf keine Äußerung froher und gerührter Andacht ein . Er hielt sich knapp auf der Grenze des Schicklichen . Allein Hyazinth schien zu ahnen , was in seinem geliebten Bruder vorgehe , und er ging zu Uriel , legte ihm die Hände auf und sprach den Segen über ihn . Am Abend ließ der Graf den Garten illuminieren und auf der unteren Terrasse ein prächtiges Feuerwerk abbrennen , welches Raketten und Leuchtkugeln wie fliegende Sterne zum Himmel hinaufschickte und in dem stillen Main das Rosen- und Silberlicht des bengalischen Feuers abspiegelte . Tausende von Menschen waren zusammengeströmt , um in Nachen oder von den Ufern aus an dem prächtigen Schauspiel sich zu ergötzen . Die Meisten dachten gar nichts dabei ; sie gafften nur . Einige freuten sich aufrichtig , daß einer der Windecker Grafen geistlich geworden sei und daß all ' der Jubel zu Ehren seiner Primiz stattfinde ; und andere fanden es unbegreiflich , daß man für eine Primiz solche Freudenbezeugungen verschwende , da sie ja den jungen Mann zu einem beklagenswerten Leben und zu einer beständigen Heuchelei verdamme . Ja , wenn ' s eine Hochzeitsfeier gewesen wäre - daran könnte man teilnehmen ! aber eine Primiz ! ! - Regina sagte zu Hyazinth : » Da Deinetwegen heute auf Erden schon solch Frohlocken ist , wie mag dann erst der Himmel jubilieren ! « » O Regina ! « rief Hyazinth sehr bewegt , » nach ein paar Tagen oder Jahren kommt ein Stündlein , da ist alles ganz still auf Erden , denn ich liege auf dem Sterbebett und alle Freudenfeuer sind erloschen und es brennt nur meine Sterbekerze , die Brautfackel für ' s ewige Leben . Bitte für mich , daß alsdann im Himmel ein Jubilieren sei . « Corona sagte , als man auseinander ging : » Ach , wie schade , daß solche Tage ein Ende haben und daß man zuletzt äußerst prosaisch schlafen geht . « » Ich meinesteils , « rief Orest , » fühle mich von der vierundzwanzigstündigen Rührung dermaßen erschöpft , daß mir jene Prosa höchst willkommen ist . « Als nach einigen Tagen die gewohnte Ruhe und Ordnung wieder eingetreten war , begab sich Uriel zum Grafen und bat ihn , den Onkel Levin rufen zu lassen , da er ihnen beiden etwas mitzuteilen habe . Uriel war in dieser Zeit so ernst und abgeschlossen gewesen , daß der Graf ganz betroffen sagte : » Onkel Levin ? ja , sehr gern ! aber Du wirst doch kein wunderlicher Kauz sein und uns ankündigen , Du wollest geistlich oder Ordensmann oder dergleichen werden . « » Sei ruhig , lieber Onkel , so hochfliegende Ideen hab ' ich nicht , « entgegnete Uriel mit Bitterkeit . » Ich müßte sie mir auch recht sehr verbitten und Onkel Levin würde gleichfalls keine Freude daran haben . Nun komm ' zu ihm ! « sagte der Graf und nahm vergnügt Uriel unter den Arm , denn er zweifelte nicht , daß es jetzt ein Brautpaar geben werde . » Uriel will uns eine gute Nachricht bringen , lieber Onkel ! « rief er , bei Levin eintretend . Levin warf einen fragenden Blick auf Uriel und sagte liebreich : » Möge sie zur Ehre Gottes gereichen . « Uriel nahm das Wort und sagte zum Grafen : » Im vorigen Spätjahr machtest Du mir auf Stamberg einen Vorschlag , den ich in Erwägung zu ziehen versprach . Er betraf meine Verehelichung mit Corona , welche zur Erbtochter eingesetzt werden , während Regina die Freiheit erhalten sollte , ins Kloster zu gehen . Ich habe ihn während dieser langen sieben Monate überlegt und bin zu einem festen Entschluß gekommen , der Dir hoffentlich genehm sein wird , bester Onkel , und dessen Ausführung ich schon begonnen habe . « » Und der wäre ? « fragte der Graf gespannt . » Ich trete Stamberg an Orest ab und er heiratet Corona . « » O nimmermehr ! « rief Levin schmerzlich . » Und Du ? was wird mit Dir ? « fragte der Graf . » Ich gehe nach Kopenhagen , wo man soeben ein Schiff ausrüstet , das eine Reise um den Erdball machen soll . Es ist nicht auf Handel und Wandel dabei abgesehen , wenn er auch nicht ausgeschlossen wird . Man will der Reiseliebhaberei unserer Tage eine Weltumsegelung , und den Gelehrten , den Naturforschern , den Künstlern die Möglichkeit anbieten , den Horizont ihrer Wissenschaft und ihres Studiums durch eigene Beobachtungen und Anschauungen , und durch praktische Erfahrungen in Länder- , Völker- und Sprachenkunde zu bereichern . Ich bin nun freilich kein Gelehrter , kein Künstler und kein Tourist ; aber ich werde die ganze Welt in lebendigen Bildern an mir vorüber ziehen sehen und werde vielleicht etwas entdecken , wofür es sich der Mühe lohnt zu leben , nachdem ich nicht für Regina leben kann . Im nächsten Monat reise ich ab und in zwei Jahren komme ich zurück : so lange dauert die Reise . « » Uriel , ich glaube Du hast in Deinem Bergschloß den Verstand verloren ! « rief der Graf und setzte sich zurecht , um eine lange Rede zu halten . Doch Uriel unterbrach ihn : » Ich habe mich , mein Wollen und mein Können nach allen Seiten betrachtet und gründlich erwogen . Um freiwillig die schweren Verpflichtungen des Welt-und Familienlebens zu übernehmen , und sie mit einiger Geschicklichkeit und Ausdauer zu erfüllen , dazu könnte mich nur mein Herz bestimmen , meine Neigung , meine Liebe . Ich müßte ein Wesen an meiner Seite haben , bei dem ich sicher wäre , daß das Alltagsleben mit seinem Einerlei , seinen Forderungen , seinen Bedürfnissen , seinen Gewohnheiten , kurz mit seiner ganzen Wucht von Irdischkeit ein Gegengewicht fände in der Richtung auf Himmlisches , und in dem Streben , das Irdische mit diesem Himmlischen zu durchgeisten . Mein Glück ruht nicht auf Geld und Gut ; ruht nicht darauf , eine blinde Leidenschaft zu empfinden und einzuflößen . Lieben will ich - und geliebt sein , edel , rein , geheiligt : das ist mein Ideal von Glück , und hätte Regina mich lieben können , so hätte ich es mit ihr verwirklicht und dann keine Pflicht zu streng und keine Aufgabe zu schwer gefunden . Ohne Regina - ist aber die Last zu groß für meine Schultern , und da ich es weiß - lege ich sie nieder . Ich darf es . Stamberg kommt mir nicht eigentlich zu ; es sollte ursprünglich eine Sekundogenitur sein und hat während eines halben Jahrhunderts dafür gegolten . Eine Laune der guten Großmutter wendete es zu unserer aller höchster Überraschung mir zu ; mir , weil sie glaubte , Regina würde dann Herrin auf Stamberg . Aber Regina wird es nicht . Sie kommt nicht wieder dahin . Folglich hab ' ich nicht das mindeste Anrecht an Stamberg , und freudig trete ich es an Orest ab , dem es nach Billigkeit gehört . Die gerichtlich notwendigen Schritte habe ich bereits getan . So kommt alles in ' s richtige Geleis - Orest in sein Erbe , Regina in ' s Kloster und Corona wird Erbtochter - oder Orest tritt auch für Windeck in die Rechte der Primogenitur ein . « » Halt ! mit nichten ! « rief der Graf ganz außer sich . - » Das hängt von mir ab ! ich nehme diese Veränderungen nicht vor . Willst Du Stamberg an Orest abtreten - gut ! Willst Du die Welt umsegeln - gut ! beides ist Unsinn , aber ich kann ' s nicht hindern . Willst Du Regina aufgeben - das ist verständig , denn sie läßt sich nicht überwinden und Zeit , Geduld und Mühe sind bei ihr verschwendet . Aber was Corona betrifft - hab ' ich ein Wörtchen mitzureden . Sie heiratet binnen zwei Jahren nicht , und kehrst Du heim von Deiner Weltumsegelung , so reden wir abermals von der Sache . Weißt Du , wie sie diesen Winter genannt wurde ? Die Krone des Bundes nannte man sie , symbolisch , als die schönste Person in Deutschland . Warum bist Du nicht nach Frankfurt gekommen ? was kalmäuserst Du auf Deinem Odenwäldischen Bergschloß mutterseelenallein sieben lange Monate ? Da muß man ja mit Gewalt melancholisch werden und das Leben verabscheuen , nämlich solch ein Leben zwischen Eulen und Raben ! Sei kein Tor ! führe Corona nach Stamberg und Du wirst bald aus einem anderen Ton sprechen . Bist so untröstlich um Regina , daß Du zwei Jahre der Weltumsegelung brauchst , um Dich zu fassen , so segle ab und komm ' vernünftig wieder . Ich bin sehr froh , wenn ich Corona noch zwei Jahre behalte . « » Lieber Onkel , « sagte Uriel entschieden und eine helle Glut flog über seine Stirn , » so wahr ich ein Windecker bin , ich heirate Corona nicht ! sie ist Regina ' s Schwester und würde mich an die geliebte Regina erinnern . Das darf nicht sein ! « Der Graf setzte sich im Lehnstuhl zurück , ließ die Hände ermattet auf die Knie sinken und sagte tief niedergeschlagen zu Levin : » Bester Onkel , haben Sie es gehört ? Uriel fällt auch in einen Raptus von sublimen Gefühlen und will Corona nicht heiraten . « » Ja , es gibt noch immer zarte Herzen auf der Welt , « entgegnete Levin . » Was zarte Herzen ! « fuhr der Graf auf . » Überspannte