dem Beschauer erscheint , sie könnten sich im nächsten Augenblicke bewegen . Ich will hier wieder aus dem Altertume ein Beispiel anführen . Alle Stoffe , mit welchen Menschen sich bekleiden , nehmen nach der Art der Bewegungen , denen sich verschiedene Menschen gerne hingeben , verschiedene Gestaltungen an . Ein Freund von mir erkannte einen alten wohlbekannten und trefflichen Schauspieler einmal bei einer Gelegenheit , bei welcher er nur ein Stück des Rockes des Schauspielers sehen konnte . Wenn nun die Gestaltungen der Stoffe , die sich meistens in Falten kund gehen , nach der Wirklichkeit nachgebildet werden , nicht nach willkürlichen Zurechtlegungen , die man nach herkömmlichen Schönheitsgesetzen an der Gliederpuppe macht , so liegt in diesen nachgebildeten Gestaltungen zuerst eine bestimmte Eigentümlichkeit und Einzelheit , die den Gegenstand sinnlich hinstellt , und dann drückt die Gestaltung nicht bloß den Zustand aus , in dem sie gegenwärtig ist , sondern sie weist auch auf den zurück , der unmittelbar vorher war , und von dem sich die Gebilde noch leise vorfinden , und sie läßt zugleich den nächstkünftigen ahnen , zu dem die Bildungen neigen . Dies ist es , was bei Gewandungen ganz vorzüglich für das beschauende Auge den Begriff der Bewegung gibt und mithin der Lebendigkeit . Dies ist es , da die Alten so gerne nach der Natur arbeiteten , was sie dort , wo sie Gewänder anbringen , so rneisterhaft handhaben , daß der Spruch entstanden ist , sie stellten nicht nur dar , was ist , sondern auch , was zunächst war und sein wird . Darum bilden sie in der Gewandung nicht bloß die Hauptteile , sondern auch die entsprechenden Unterabteilungen , und dies mit einer solchen Zartheit und Genauigkeit , daß man auf den Stoff des Werkes vergißt und nur den Stoff der Gewandung sieht , und ihn zusammenlegen und in der Hand ballen zu können vermeint . Solcher Bildung gegenüber legen manche Neuen sogenannte edle Falten zurecht , bilden sie im Erze oder Marmor nach , vermeiden hiebei in sorglichem Maße zu große Einzelheiten , um nicht unruhig zu werden , und erzielen hiebei , daß man allerdings große , edle Massen von Faltungen sieht , daß aber in der Falte der Stoff des Werkes , nicht des Gewandes herrscht , daß man die marmorne , die erzene Falte sieht , daß das Gemüt erkältet wird , und daß man meint , der Mann , der damit angetan ist , könne nicht gehen , weil ihn die erzene Falte hindere . Wie es mit dem Gewande ist , ist es auch mit dem Leibe , der das Gewand der Seele ist , und die Seele allein kann ja nur der Gegenstand sein , welchen der Künstler durch das Bild und Gleichnis des Leibes darstellt . Hier auch ließen sich die Alten von der Natur leiten , und wenn sie Sünden begingen , die das Auge des naturforschenden Zergliederers strenge genommen tadeln müßte , so begingen sie keine , die das nicht so stofflich blickende Auge der Kunst zu verdammen gezwungen wäre . Dafür zeigt die Schwingung der Gliederflächen in ihren Teilen und Unterabteilungen eine solche Ausbildung und Durchführung , daß die Zustände von jetzt und von unmittelbar vorher und nachher sichtbar werden , daß die Glieder , wie ich vorher von der Gewandung sagte , die Vorstellung der Beweglichkeit geben , und daß sie leben . Wie bei den Gewändern bilden manche Neue auch die Glieder ins Größere , Allgemeinere , weniger Ausgeführte , um nicht krampfig zu werden , und dann geraten die Muskeln gerne wie glatte , spröde , unbiegsame Glaskörper , und die Gestalt kann sich nicht rühren . Das Gesagte mag ungefähr den Begriff von dem geben , was man in der Kunst unter Bewegung versteht . Was man unter Ruhe begreift , das mag wohl zuerst darin bestehen , daß jeder Gegenstand , den die bildende Kunst darstellt , genau betrachtet , in Ruhe ist . Der laufende Wagen , das rennende Pferd , der stürzende Wasserfall , die jagende Wolke , selbst der zuckende Blitz sind in der Abbildung ein Starres , Bleibendes , und der Künstler kann nur durch die früher von mir angedeuteten Mittel die Bewegung als Bewegbarkeit , als Täuschung des Auges darstellen , wodurch er zugleich seinen Gegenstand über die Gränzen des unmittelbar Dargestellten hinaushebt und ihm eine ungleich größere Bedeutung gibt . Aber die dargestellte Bewegung darf nicht zu gewaltsam sein , sonst helfen die Mittel nicht , der Künstler scheitert und wird lächerlich . Zum Beispiele Pferde , die von einem Felsen durch die Luft hinabstürzen , dürfen nicht in der Luft fallend gemalt werden wenigstens dürfte dies leichter eine den Verstand befriedigende Zeichnung als ein das ganze Kunstvermögen entzückendes Bild werden . Darum darf der in seinen Gestalten sich stets erneuende Wasserfall mit weit geringerer Gefahr dargestellt werden als eine Flüssigkeit , die aus einem Gefäße gegossen wird , wobei die Einbildungskraft sich mit dem Gedanken quält , daß das Gefäß nicht leer wird . Der in hohen Lüften auf seinen Schwingen ruhende Geier ist im Bilde erhaben , der dicht vor unsern Augen auf seine Beute stürzende kann sehr mißlich werden . Der an Bergen emporsteigende Nebel ist lieblich , der von einer abgefeuerten Kanone aufsteigende Rauch verletzt uns durch sein immerwährendes Bleiben . Es ist begreiflich , daß die Grenzen zwischen dem Darstellbaren in der Bewegung nicht fest zu bestimmen sind , und daß größere Begabungen viel weiter hierin gehen dürfen als kleinere . So sah ich schon sehr oft gemalte fahrende Wägen . Die Pferde sind gewöhnlich ihrer Fußstellung nach im schönsten Laufe begriffen , wahrend die Speichen der Wagenräder klar und sichtbar in völliger Ruhe starren . Der größere Künstler wird uns den Nebel der sausenden Speichen darstellen , und manches andere zutun und zusammenstellen , daß wir den Wagen wirklich fahren sehen . Außer dem hier gegebenen Begriffe von stofflicher Ruhe mag wohl unter Ruhe weit öfter die künstlerische zu verstehen sein , die ein Kunstwerk , sei es Bild , Dichtung oder Musik , nie entbehren kann , ohne aufzuhören , ein Kunstwerk zu sein . Es ist diese Ruhe jene allseitige Übereinstimmung aller Teile zu einem Ganzen , erzeugt durch jene Besonnenheit , die in höchster kunstliebender Begeisterung nie fehlen darf , durch jenes Schweben über dem Kunstwerke und das ordnende Überschauen desselben , wie stark auch Empfindungen oder Taten in demselben stürmen mögen , die das Kunstschaffen des Menschen dem Schaffen Gottes ähnlich macht , und Maß und Ordnung blicken läßt , die uns so entzücken . Bewegung regt an , Ruhe erfüllt , und so entsteht jener Abschluß in der Seele , den wir Schönheit nennen . Es ist nicht zu zweifeln , daß sich andere vielleicht anderes bei diesen Worten denken , daß dieses Andere gut oder besser als das Meinige sein kann - gewöhnlich geht es mit solchen Gangwörtern so , daß jeder seinen eigenen Sinn hinein legt . Das beste ist , daß die schaffende Kraft in der Regel nicht nach solchen aufgestellten Sätzen wirkt , sondern das Rechte trifft , weil sie die Kraft ist , und es desto sicherer trifft , je mehr sie sich auf ihrem eigentümlichen Wege naturgemäß ausbildet . Für das Verständnis der Kunst , für solche , welche ihre Werke beschauen und sich darüber besprechen , sind Auslegungen derselben Einkleidung ihres Wesens in Worte eine sehr nützliche Sache , nur muß man die Worte nicht zum Hauptgegenstande machen und auf einen Sinn , den man ihnen beilegt , nicht so bestehen , daß man alles verdammt , was nicht nach diesem Sinne ist . Sonst müßte man ja den größten und einzigen Künstler am meisten tadeln , Gott , der so unzählige Gestaltungen erschaffen hat , und dessen Werke ja wirklich von Menschen untergeordneten Geistes getadelt werden , die meinen , sie hätten es anders gemacht . « Bei diesen Worten kam Gustav in den Saal . Die Dämmerung hatte schon stark zugenommen , es regnete aber noch Immer nicht . » Dieser steht noch auf demselben Stande , auf welchem Ihr früher gestanden seid « , sagte mein Gastfreund , auf Gustav weisend , der auf ihn zuging . » Wie meinst du das , Vater ? « fragte der Knabe . » Wir redeten von Kunst , « antwortete mein Gastfreund , » und da behaupte ich , daß du noch nicht in der Lage bist , Kunstwerke so erkennen und beurteilen zu können wie unser Gast hier . « » Wohl , das behaupte ich selber , « sagte Gustav , » er ist darum auch teilweise mein Lehrer , und wenn er in der Erkenntnis der Kunst dir und Eustach und der Mutter nachstrebt , so werde ich meines Teils ihm wieder nachstreben . « » Das ist gut , « sagte mein Gastfreund , » aber das ist es nicht so ganz , wovon wir sprachen , allein es tut nichts zur Sache , und gehört auch nicht zur Wesenheit . « Mit diesen Worten , gleichsam um ferneren Fragen vorzubeugen , trat er an ein Fenster , und wir mit ihm . Wir betrachteten eine Weile die Erscheinung vor uns , die über dem immer dunkler werdenden Gefilde immer großartiger wurde , und gingen dann , da der Abend beinahe in Finsternis übergehen wollte , und die Stunde des Abendessens gekommen war , über die Marmortreppe in das Speisezimmer hinunter . Das Gewitter war in der Nacht ausgebrochen , hatte einen Teil derselben mit Donnern und einen Teil mit bloßem Regen erfüllt , und machte dann einem sehr schönen und heiteren Morgen Platz . Das erste , was ich an diesem Tage tat , war , daß ich zu dem marmornen Standbilde ging . Ich hatte es gestern , da wir über die Treppe hinabstiegen , nicht mehr deutlich und nur von einem Blitze oberflächlich beleuchtet gesehen . Die Finsternis war auf der Treppe schon zu groß gewesen . Heute stand es in der ruhigen und klaren Helle des Tages , welche das Glasdach auf die Treppe sendete , schmucklos und einfach da . Ich hatte nicht gedacht , daß das Bild so groß sei . Ich stellte mich ihm gegenüber und betrachtete es lange . Mein Gastfreund hatte recht , ich konnte keine eigentliche einzelne Schönheit entdecken , was wir im neuen Sinne Schönheit heißen , und ich erinnerte mich auf der Treppe sogar , daß ich oft von einem Buche oder von einem Schauspiele , ja von einem Bilde sagen gehört hatte , es sei voller Schönheiten , und dem Standbilde gegenüber fiel mir ein , wie unrecht entweder ein solcher Spruch sei , oder , wenn er berechtigt ist , wie arm ein Werk sei , das nur Schönheiten hat , selbst dann , wenn es voll von ihnen ist , und das nicht selber eine Schönheit ist ; denn ein großes Werk , das sah ich jetzt ein , hat keine Schönheiten , und um so weniger , je einheitlicher und einziger es ist . Ich geriet sogar auf den Gedanken und auf die Erfahrung , die ich mir nie klar gemacht hatte , daß , wenn man sagt , dieser Mann , diese Frau habe eine schöne Stimme , schöne Augen , einen schönen Mund , eben damit zugleich gesagt ist , das andere sei nicht so schön ; denn sonst würde man nicht einzelnes herausheben . Was bei einem lebenden Menschen gilt , dachte ich , gilt bei einem Kunstwerke nicht , bei welchem alle Teile gleich schön sein müssen , so daß keiner auffällt , sonst ist es eben als Kunstwerk nicht rein , und ist im strengsten Sinne genommen keines . Dessenohngeachtet , daß ich , oder vielmehr eben darum , weil ich keine einzelnen Schönheiten an dem Standbilde zu entdecken vermochte , machte es , wie ich mir jetzt ganz klar bewußt war , wieder einen außerordentlichen Eindruck auf mich . Der Eindruck war aber nicht einer , wie ich ihn öfter vor schönen Sachen hatte , ja selbst vor Dichtungen , sondern er war , wenn ich den Ausdruck gebrauchen darf , allgemeiner , geheimer , unenträtselbarer , er wirkte eindringlicher und gewaltiger ; aber seine Ursache lag auch in höheren Fernen , und mir wurde begreiflich , ein welch hohes Ding die Schönheit sei , wie schwerer sie zu erfassen und zu bringen sei , als einzelne Dinge , die die Menschen erfreuen , und wie sie in dem großen Gemüte liege , und von da auf die Menschen hinausgehe , um Großes zu stiften und zu erzeugen . Ich empfand , daß ich in diesen Tagen in mir um vieles weiter gerückt werde . In der nächsten Zeit sprach ich auch mit Eustach über das Standbild . Er war sehr erfreut darüber , daß ich es als so schön erkannte , und sagte , daß er sich schon lange darnach gesehnt habe , mit mir über dieses Werk zu sprechen ; allein es sei unmöglich gewesen , da ich selber nie davon geredet habe , und eine Zwiesprache nur dann ersprießlich werde , wenn man beiderseitig von einem Gegenstande durchdrungen sei . Wir betrachteten nun miteinander das Bildwerk , und machten uns wechselseitig auf Dinge aufmerksam , die wir an demselben zu erkennen glaubten . Besonders war es Eustach , der über das Marmorbild , so sehr es sich in seiner Einfachheit und seiner täglich sich vor mir immer staunenswerter entwickelnden Natürlichkeit jeder Einzelverhandlung zu entziehen schien , doch über sein Entstehen , über die Art seiner Verhältnisse , über seine Gesetzmäßigkeit und über das Geheimnis einer Wirkung sachkundig zu sprechen wußte . Ich hörte begierig zu , und empfand , daß es wahr sei , was er sprach , obgleich ich ihn nicht immer so genau verstand wie meinen Gastfreund , da er nicht so klar und einfach zu sprechen wußte wie dieser . Ich schritt in der Erkenntnis des Bildes vor , und es war mir , als ob es nach seinen Worten immer näher an mich heran gerückt würde . Er suchte viele Zeichnungen hervor , auf denen sich Abbildungen von Standbildern oder andern geschnitzten oder auf anderem Wege hervorgebrachten Gestalten des Mittelalters befanden . Wir verglichen diese Gestalten mit der aus dem Griechentume stammenden . Auch wirkliche Gestaltungen von kleinen Engeln , Heiligen oder anderen Personen , die sich in dem Rosenhause oder in der Nähe befanden , suchte er zur Vergleichung herbei zu bringen . Es zeigte sich hier für meine Augen , daß das wahr sei , was mein Gastfreund über griechische und mittelalterliche Kunst gesagt hatte . Es war mir wie ein jugendlicher und doch männlich gereifter Sinn voll Maß und Besonnenheit so wie voll herrlicher Sinnfälligkeit , der aus dem Griechenwerke sprach . In den mittelalterlichen Gebilden war es mir ein liebes , einfaches , argloses Gemüt , das gläubig und innig nach Mitteln griff , sich auszusprechen , der Mittel nicht völlig Herr wurde , dies nicht wußte , und doch Wirkungen hervorbrachte , die noch jetzt ihre Macht auf uns äußern und uns mit Staunen erfüllen . Es ist die Seele , die da spricht und in ihrer Reinheit und in ihrem Ernste uns mit Bewunderung erfüllt , während spätere Zeiten , von denen Eustach zahlreiche Abbildungen von Bildwerken vorlegte , trotz ihrer Einsicht , ihrer Aufgeklärtheit und ihrer Kenntnis der Kunstmittel nur frostige Gestalten in unwahren Flattergewändern und übertriebenen Geberden hervorbrachten , die keine Glut und keine Innigkeit haben , weil sie der Künstler nicht hatte , und die nicht einmal irgend eine Seele zeigen , weil der Künstler nicht mit der Seele arbeitete , sondern mit irgend einer Überlegung nach eben herrschenden Gestaltungsansichten , weshalb er das , was ihm an Gefühl abging , durch Unruhe und Heftigkeit des Werkes zu ersetzen suchte . Was die Sinnfälligkeit anlangt , so schien mir das Mittelalter nicht nach Vollendung in derselben gestrebt zu haben . Neben einem Haupte , das in seiner Einfachheit und Gegenständlichkeit trefflich und tadellos war , befinden sich wieder Bildungen und Gliederungen , die beinahe unmöglich sind . Der Künstler sah dies nicht ; denn er fand den Zustand seines Gemütes in dem Ausdrucke seines Werkes , mehr hatte er nicht beabsichtiget , und nach Verschmelzung des Sinnentumes strebte er nicht , weil es ihm , wenigstens in seiner Kunsttätigkeit , ferne lag , und er einen Mangel nicht empfand . Darum stellt sich auch bei uns die Wirkung der Innerlichkeit ein , obgleich wir , unähnlich dem schaffenden Künstler des Mittelalters , die sinnlichen Mängel des Werkes empfinden . Dies spricht um so mehr für die Trefflichkeit der damaligen Arbeiten . Es waren recht schöne Tage , die ich mit Eustach in diesen Vergleichungen und diesen Bestrebungen hinbrachte . Ich wurde auch wieder auf die Gemälde alter und längstvergangener Zeiten zurückgeführt . Ich hatte in meiner frühesten Jugend eine Abneigung vor alten Gemälden gehabt . Ich glaubte , daß in ihnen eine Dunkelheit und Düsterheit herrsche , die dem fröhlichen Reize der Farben , wie er in den neuen Bildern sich vorstellt , und wie ich ihn auch in der Natur zu sehen meinte , entgegen und weit untergeordnet sei . Diese Meinung hatte ich zwar fahren gelassen , als ich selber zu malen begonnen und nach und nach gesehen hatte , daß die Dinge der Natur und selber das menschliche Angesicht die heftigen Farben nicht haben , die sich in dem Farbekasten befinden , daß aber dafür die Natur eine Kraft des Lichtes und des Schattens besitze , die wenigstens ich durch alle meine Farben nicht darzustellen vermochte . Desohngeachtet war mir die Erkenntnis dessen , was die Malerkunst in früheren Zeiten hervorgebracht hatte , nicht in dem Maße aufgegangen , als es der Sache nach notwendig gewesen wäre . Wenn ich gleich im einzelnen vorgeschritten war und manches in alten Bildern als sehr schön erkannt hatte , so war ich doch fort und fort zu sehr in meinen Bestrebungen auf dem Gebiete der Natur befangen , als daß ich auf andere Gebilde als die der Natur mit kräftiger Innerlichkeit geachtet hätte . Darum erschienen mir Pflanzen , Faltern , Bäume , Steine , Wässer , selbst das menschliche Angesicht als Gegenstände , die würdig wären , von der Malerkunst nachgebildet zu werden ; aber alte Bilder erschienen mir nicht als Nachbildungen , sondern gewissermaßen als kostbare Gegenstände , die da sind , und auf denen sich Dinge befinden , die man gewohnt ist als auf Gemälden befindliche zu sehen . Diese Richtung hatte für mich den Nutzen , daß ich bei meinen Versuchen , Gegenstände der Natur zu malen , nicht in die Nachahmung irgend eines Meisters verfiel , sondern daß meine Arbeiten mit all ihrer Fehlerhaftigkeit etwas sehr Gegenständliches und Naturwahres hatten ; aber es erwuchs mir auch der Nachteil daraus , daß ich nie aus alten Meistern lernte , wie dieser oder jener die Farben und Linien behandelt habe , und daß ich mir alles selber mühevoll erfinden mußte , und in vielem gar zu einem Ziele nicht gelangte . Obwohl ich später der Betrachtung mittelalterlicher Gemälde mich mehr zuwandte und sogar im Winter viele Zeit in Gemäldesammlungen unserer Stadt zubrachte , so war doch mein früherer Zustand noch mehr oder weniger unbewußt vorherrschend , und die Kunst des Pinsels fand von mir nicht die Hingabe , die sie verdient hätte . Als ich jetzt mit Eustach die Zeichnungen mittelalterlicher bildender Kunst durchging , als ich mit ihm ein mir wie ein neues Wunder aufgegangenes Werk des alten Griechentums betrachtete , als ich dieses Werk mit den minder alten unserer Vorfahren verglich und die Unterschiede und Beziehungen einsehen lernte : da fing ich auch an , die Gemälde meines Gastfreundes anders zu betrachten , als ich bisher sie und andere Gemälde betrachtet hatte . Ich ging nicht nur oft in sein Bilderzimmer und verweilte lange Zeit in demselben , sondern ich ließ mir auch das Verzeichnis der Bilder geben , um nach und nach die Meister kennen zu lernen , die er versammelt hatte , ich bat , daß mir erlaubt werde , mir das eine oder andere Bild , wie ich es eben wünschte , auf die Staffelei stellen zu dürfen , um es so kennen zu lernen , wie mich ein innerer Drang trieb , und ich brachte oft mehrere Tage in Untersuchung eines einzigen Bildes zu . Welch ein neues Reich öffnete sich vor meinen Blicken ! Wie die Dichter mir eine Welt der Seele aufschlossen , so lag hier wieder eine Welt , es war wieder eine Welt der Seele , wieder dieselbe Welt der hochgehenden Seele der Dichtkunst ; aber mit wie ganz anderen Mitteln war sie hier erstrebt und erreicht . Welche Kraft , welche Anmut , welche Fülle , welche Zartheit , und wie war dem Schöpfer eine ähnliche ; eine gleiche , aber menschliche Schöpfung nachgeschaffen . Ich lernte die Beziehungen der alten Malerei - mein Freund hatte fast lauter alte Bilder - zu der Natur kennen . Ich lernte einsehen , daß die alten Meister die Natur getreuer und liebvoller nachahmten als die neuen , ja daß sie im Erlernen der Züge der Natur eine unsägliche Ausdauer und Geduld hatten , vielleicht mehr , als ich empfand , daß ich selber hätte , und vielleicht mehr , als mancher Kunstjünger der Gegenwart haben mag . Ich konnte nicht aburteilen , da ich zu wenige Werke der Gegenwart kannte und so betrachtet hatte , als ich jetzt ältere Bilder betrachtete ; aber es schien mir ein größeres Eingehen in das Wesen der Natur kaum möglich . Ich begriff nicht , wie ich das so lange nicht in dem Maße hatte sehen können , als ich es hätte sehen sollen . Wenn aber auch die Alten , wie ich hier mit ihnen umging , sich der Wirklichkeit sehr beflissen und sich ihr sehr hingaben , so ging das doch nicht so weit , als ich bei der Abbildung meiner naturwissenschaftlichen Gegenstände geschritten war , von denen ich alle Einzelheiten , so weit es nur immer möglich gewesen war , zu gehen gesucht hatte . Dies wäre , wie ich einsah , der Kunst hinderlich gewesen , und statt einen ruhigen Gesamteindruck zu erzielen , wäre sie in lauter Einzelheiten zerfallen . Die Meister , welche mein Gastfreund in seiner Sammlung besaß , verstanden es , das Einzelne der Natur in großen Zügen zu fassen und mit einfachen Mitteln - oft mit einem einzigen Pinselstriche darzustellen , so daß man die kleinsten Merkmale zu erblicken wähnte , bei näherer Betrachtung aber sah , daß sie nur der Erfolg einer großen und allgemeinen Behandlung waren . Diese große Behandlung sicherte ihnen aber auch Wirkungen im Großen , die dem entgehen , welcher die kleinsten Gliederungen in ihren kleinsten Teilen bildet . Ich sah erst jetzt , welche schöne Gestalten aus dem menschlichen Geschlechte auf der Malerleinwand lebten , wie edel ihre Glieder sind , wie mannigfaltig - strahlend , kräftig , geistvoll , milde - ihr Antlitz , wie adelig ihre Gewänder , und wäre es eine Bettlerjacke , und wie treffend die Umgebung . Ich sah , daß die Farbe der Angesichter und anderer Teile das leuchtende Licht menschlicher Gestaltungen ist , nicht der Farbestoff , mit dem der Unkundige seinen Gebilden ein widriges Rot und Weiß gibt , daß die Schatten so tief gehen , wie sie die Natur zeigt , und daß die Umgebung eine noch größere Tiefe hat , wodurch jene Kraft erzielt wird , die sich der nähert , welche die Schöpfung durch wirklichen Sonnenschein gibt , den niemand malen kann , weil man den Pinsel nicht in Licht zu tauchen vermag , eine Kraft , die ich jetzt an den alten Bildern so bewunderte . Von der außermenschlichen Natur sah ich leuchtende Wolken , klare Himmelsgebilde , ragende reiche Bäume , gedehnte Ebenen , starrende Felsen , ferne Berge , helle dahinfließende Bäche , spiegelnde Seen und grüne Weiden , ich sah ernste Bauwerke , und ich sah das sogenannte stille Leben in Pflanzen , Blumen , Früchten , in Tieren und Tierchen . Ich bewunderte das Geschick und den Geist , womit alles zurechtgelegt und hervorgebracht ist . Ich erkannte , wie unsere Vorfahren Landschaften und Tiere malten . Ich erstaunte über den zarten Schmelz , womit einer mittelst Überfarben seinen Gebilden eine Durchsichtigkeit gab , oder über die Stärke , womit ein anderer undurchsichtige Farben hinstellte , daß sie einen Berg bildeten , der das Licht fängt und spiegelt , und es so zwingt , das Bild mit zu malen , zu dem ein Licht in dem Farbenkasten nicht war . Ich erkannte , wie der eine in durchsichtigen Farben untermalte und auf diese seine festen , körperigen Farben aufsetzte , oder wie ein anderer Farbe auf Farbe mit breitem Pinsel hinstellt und mit ihm die Übergänge vermittelt und mit ihm die Zeichnung umreißt . Daß alte Bilder düsterer sind , erschien mir einleuchtend , da das Öl die Farben nachdunkeln macht und der Firnis eine dunkle , bräunliche Farbe erhält . Beides haben umsichtige Meister mehr als voreilige zu vermeiden gewußt , und mein Gastfreund hatte Bilder , die in schöner Pracht und Farbenherrlichkeit leuchteten , obwohl auch bei ihnen die Würde bewahrt blieb , daß sie mehr die Kraft des Tones als auffallende oder etwa gar unwahre Farben brachten . Da ich schon viel mit Farben beschäftigt gewesen war , so verweilte ich oft lange bei einem Bilde , um zu ergründen , wie es gemalt ist , und auf welche Weise die Stoffe behandelt worden sind . In dem Rosenzimmerchen Mathildens , wohin mich mein Gastfreund führte , um auch dort die Bilder zu sehen , hingen vier kleine Gemälde , davon zwei von Tizian waren , eines von Dominichino und eines von Guido Reni . Sie waren an Größe fast gleich und hatten gleiche Rahmen . Sie waren die schönsten , die mein Gastfreund besaß . Je mehr man sie betrachtete , desto mehr fesselten sie die Seele . Ich bat ihn fast zu oft , mir diese vier Bildchen zu zeigen , und er ermüdete nicht , mir immer die Frauengemächer aufzuschließen , mich in das Zimmerchen zu führen , mich die Bilder betrachten zu lassen und mit mir darüber zu sprechen . Er nahm sie öfter herab und stellte sie auf dem Tische oder auf einem Sessel so auf , daß sie in dem besten Lichte standen . Ich brachte merkwürdige Tage in jener Zeit in dem Rosenhause meines Freundes zu . Mein Wesen war in einer hohen , in einer edlen und veredelnden Stimmung . Ich fragte ihn einmal , woher er denn die Bilder erhalten habe . » Sie sind recht nach und nach in das Haus gekommen , wie es der Sammelfleiß und mitunter auch der Zufall gefügt hat « , antwortete er . » Ich habe von einem Oheime mehrere geerbt ; sie waren aber nicht die besten , wie ich sie jetzt habe , ich verkaufte einen Teil davon , um mir andere , wenn auch wenigere , aber bessere zu kaufen . Ich habe Euch schon einmal gesagt , daß ich in Italien gewesen bin . Ich habe drei Reisen in dieses Land gemacht . Da hat sich manches gefunden . Ich habe stets nach Bildern gesucht , habe manches gekauft , manches wieder verkauft , Neues gekauft , und so war ein fortlaufender Wechsel , bis es so wurde , wie es jetzt ist . Nun aber verkaufe oder vertausche ich nichts mehr , selbst wenn mir etwas Außerordentliches vorkäme , das ich nicht ohne Weggabe eines Früheren erkaufen könnte . Mit dem Alter wird man so anhänglich an das Gewohnte , daß man es nicht missen kann , wenn es auch verbraucht zu werden beginnt und verschossen und verschollen ist . Ich lege alte Kleider nicht gerne ab , und wenn ich eines der Bilder , die mich nun so lange umgeben , aus dem Hause lassen müßte , so würde ich einem großen Schmerze nicht entgehen . Sie mögen nun bleiben , wie sie sind , und wo sie sind , bis ich scheide . Selbst der Gedanke , daß ein Nachfolger die Bilder so lasse und sie ehre , wie sie hier sind , hat für mich etwas sehr Angenehmes , obwohl er töricht ist und ich ihm aus dem Wege gehe ; denn darin besteht das Leben der Welt , daß ein Streben und Erringen und darum ein Wandel ist , welcher Wandel auch hier eintreten wird . Ich habe auch längere Zeit schon nichts mehr gekauft , außer einer recht lieben kleinen Landschaft von Ruysdael , die neben der Tür im Bilderzimmer hängt , und die Ihr so gerne anschaut . Ich würde nur etwas sehr Wertvolles kaufen , in so ferne es meine Kräfte zuließen . Ich habe oft Jahre lang auf ein Bild warten müssen , das mir sehr gefiel , und das ich zu haben wünschte , entweder , weil der Besitzer eigensinnig war und , obwohl er das Bild weggeben wollte , doch Bedingungen an die Hingabe knüpfte , die nicht zu erfüllen waren , oder weil er sich von dem Bilde nicht trennen wollte , obgleich er es mißhandelte und zu Grunde gehen ließ . Zuweilen mußte ich schlechtere Bilder kaufen , die durch Farbenreiz oder andere Eigenschaften das Auge ansprachen , um einen Vorrat zum Tausche zu haben . Es gibt nämlich Leute , welche Freude an Bildern haben , welche ältere , bedeutende Bilder nicht weggehen , wenn sie solche besitzen , sie aber doch nicht erkennen und sie durch schlechte Behandlung Schaden leiden lassen . Sie ziehen ein Gemälde vor , welches sie besser verstehen , welches ihnen mehr gefällt , wenn es auch im Werte minder ist , und sind zu einem Tausche bereit . Dieser macht ihnen Freude , und wenn