hat man Neuigkeiten gehört , daß einem die Welt noch einmal so groß und weit vorkommen ist und daß sogar die Schmieren oder Launiger - will sagen , die Aufseher oder die Soldaten , die die Wache gehabt haben - mit aufgerissenen Augen und Mäulern dabeigestanden sind und das Abwehren vergessen haben . Sie wissen dir von jedem Land , groß oder klein , seinen Regenten und wie er gesinnt ist , seine Gesetze und Einrichtungen , die Nahrungsweise des Volks , den Wohlstand , die Eigenschaften fast jedes einzelnen Beamten , die Verhältnisse zu anderen Ländern und ihren Regenten und Beamten , alles das wissen sie dir wie am Schnürle herzusagen , denn es sind lauter Dinge , die zu ihrem Handwerk gehören und nach denen sie ihr Tun und Lassen abmessen müssen . Ich hab aber oft denken müssen , wie nützlich es wär , wenn die Bürgersleute , die sich doch zum Teil mit Handel und Wandel zwischen so vieler Herren Gebiet , das absonderlich in unserem Land unzählbar ist , fortbringen müssen - ich will nur zum Beispiel von den Wirten reden - sage , wenn sie solche notwendige Wissenheiten in den Schulen und dafür meinetwegen ein paar Sprüch und Vers weniger lernen würden . Aber auch in vielen anderen Dingen trifft man die schönsten Kenntnisse bei ihnen an . Da stehen besonders die Felinger im ersten Rang , und unter diesen wiederum die sogenannten Staatsfelinger . Das sind dir Leute , die fürnehm gekleidet in Samt und Seide , oft in eigenen Karossen mit Pferden und großer Dienerschaft als Bergleute oder Doktoren das Reich durchziehen , treiben ihr Handwerk meistens in den Städten , führt mancher gar ein Privilegium von kaiserlicher Majestät mit sich und weiß sich eine Manier und ein Ansehen zu geben , daß jeder Reichsgraf ihn für seinesgleichen erkennen muß . Aber auch die geringeren Felinger , die das dumme Volk mit Quacksalberkünsten , Schatzgräbereien und dergleichen kaspern und brandschatzen , haben bei allem Betrug oft manche gute Wissenschaft in ihrer Kunst . Wir selber haben einen solchen auf Hohentwiel gehabt , der in Krankheiten sehr erfahren war und nicht nur mir und manchem anderen geholfen , sondern auch den Festungsdoktor selbst mehr als einmal ausgestochen hat . Der hat ihm freilich die Ehre nicht gönnen wollen , als wenn es recht kritisch hergangen ist , aber just dann ist auch der Ruhm desto größer gewesen . « » Wenn aber so Leut so geschickt sind « , wendete sie ein , » dann sollt ' s ihnen ein Leicht ' s sein , sich ehrlich und redlich zu nähren . « » Ist bald gesagt « , erwiderte er . » Diese Leute sind meistenteils von Kindesbeinen auf heimatlos , gehören zu einem verachteten , verworfenen Menschenschlag und würden zu ehrlichen Hantierungen im bürgerlichen Leben gar nicht angenommen , sind auch , was ich zugeben will , teils schon durch ihre Eltern dazu verdorben oder sie sind mit und ohne ihre Schuld aus dem bürgerlichen Leben hinausgestoßen worden - denk nur dran , wie ' s uns gangen ist - und müssen froh sein , daß sie da draußen noch eine Welt finden , in der sie leben können . Das sind Leute , wie zu Davids Zeit , da er vor dem König Saul in die Höhle Adullam fliehen mußte und sich allerlei Männer zu ihm versammelten , von denen die Schrift sagt : Männer , die in Not und Schuld und betrübtes Herzens waren . Jetzt ist ' s freilich nicht mehr Mode , daß einer aus einem Obersten über solche Männer ein König werden kann , und es deucht mir selber unbegreiflich , wenn ich dem Ding nachdenke , zumal daß von allen Kanzeln sein Lob gepredigt wird , da er doch Stücke getan hat , die heutzutag mit Galgen und Rad bestraft würden . So schickt er zu dem Nabal hin und läßt ihm sagen : Gib mir und meinen Leuten , was deine Hand findet ; wie aber der Nabal Faust in Sack macht , so heißt er einen jeglichen sein Schwert um sich gürten und zieht , vierhundert Mann stark , gegen ihn , just so wie sie jetziger Zeit manchmal aus den böhmischen Wäldern hervorbrechen . Und wiewohl die Abigail sich ins Mittel gelegt hat , daß es nicht zum äußersten kommen ist , so hat er Speis und Trank genug ohne Zeche und Kreide gefaßt und hat eigentlich doch den Nabal umgebracht , denn der hat aus Schrecken über den Anmarsch der vierhundert betrübten Herzen den Geist ausgeblasen und hat ihm erst noch seine Witwe zum Weib lassen müssen . Die Schrift sagt wohl von ihm , der Mann sei hart und boshaftig in seinem Tun gewesen ; aber gibt ' s darum keine seinesgleichen mehr , die , wie er , fast großen Vermögens sind und viele Schafe und Ziegen haben ? Ich möcht sehen , wenn ihnen einer heutigs Tags so was tät , was weltliche und geistliche Obrigkeit dazu bemerken würden . Von den Zigeunern sagen sie , sie betteln zuerst , und wenn man ' s ihnen nicht gutwillig gebe , so nehmen sie ' s mit Gewalt . Aber das hat noch kein Pfarrer als Muster aufgestellt . Vielmehr hat mir schon in Ludwigsburg einer , der bei einem Generalstreif aufgefangen wurde und in Gesetzen sehr bewandert und ein halber Gelehrter war , der hat mir gesagt , es sei erst vor wenigen Jahren ein Kreispatent ausgegangen , daß man das gottlose und verruchte Jauner- und Zigeunervolk , auch wenn man es nicht auf einer Missetat ergreife , - ich weiß den gelehrten Ausdruck nicht mehr , aber der Sinn ist : ohne eigentliches Verhör und Urtel , also daß man ebensogut einen Unschuldigen treffen kann - sage , ohne alle Umstände solle man sie aufs Rad legen und solle dabei nur das unbenommen sein , daß man sie zum Schwert oder Strang begnadigen könne . « » Das ist freilich schrecklich « , seufzte sie . » Es ist eben eine arge Welt und eine böse Zeit . Aber so froh ich bin , daß du mit ihnen von der Festung entkommen bist , so ist mir ' s doch noch viel lieber , daß du dich wieder von ihnen losgeschält hast . Ist ' s auch gewiß wahr ? « » Freilich ist ' s wahr , so gewiß , als es von Hohentwiel einen Weg nach Sachsenhausen gibt . Ich hab freilich nicht immer den gradsten genommen ; ' s ist mir gangen wie bei der Erzählung da , wo du mich fort und fort auf Um- und Nebenwege drängst . « » Ich will dich nicht weiter unterbrechen . Erzähl gradaus . « » Wie wir mit unseren Vorbereitungen endlich fertig gewesen sind , haben wir uns an den steilen roten Felsen hinabgelassen . War aber wenig davon zu sehen , denn wie du dir denken kannst , haben wir eine stürmische Regennacht gewählt . Einer voran , ich in der Mitte und einer zuletzt , wie wir eben drangekommen sind , so sind wir an unserem armseligen Seil hinuntergerutscht . Wir zwei vorderen haben uns nicht lang besonnen , haben ' s auch nicht geachtet , daß unsere Hände halb durchgeschnitten wurden , sondern sind hinabgesaust wie der Teufel , wenn er mit einer armen Seel zur Hölle fährt . Dem letzten aber ging ' s nicht so gut . Hat er sich zu schwer gemacht , die Hände zu sehr geschont , oder ist das Seil durch uns schon abgenutzt gewesen , ich weiß es nicht : auf einmal kracht ' s , bricht , und neben uns geschieht ein mächtiger Fall . Es war ein Glück , daß er uns nicht auf die Köpfe fiel . Ob er sich den Hals abgestürzt hat , weiß ich heut noch nicht . Gott tröst ihn ! aber für uns war keine Zeit zu verlieren . Der Fall hatte die Wachen oben rebellisch gemacht , man hört zusammen schreien , und kaum sind wir einen halben Büchsenschuß seitwärts , so brummt schon die Lärmkanone durch die finstere Nacht . Die stand uns aber treulich bei , und wir sagten lachend : Kanoniert und trommelt ihr , soviel ihr da droben wollt , Gott befohlen , Hohentwiel ! Die Aussicht ist übrigens schön für den Liebhaber , besonders wenn er sich nur ein paar Tage zu seinem Vergnügen droben aufzuhalten braucht , wie ein Schwager des Kommandanten , ein Professor , den wir einmal die herrliche Perspektive , wie er ' s nannte , loben hörten . Wir hatten sie uns jedoch gleichfalls zunutz gemacht und wie eine Landkarte studiert , das Hegau mehr als den Bodensee . Das Hegau ist gar keine üble Gegend zur Flucht , das muß man ihm lassen . Mit waldigen Köpfen oder kleinen Anhöhen , Kopf an Kopf , besät , so liegt es um die Festung da . Sie sind uns nachher oft doch etwas höher vorkommen , als man von oben meint ; aber nichtsdestoweniger ein prächtiges Revier für Gäste , die aus dem Luftschloß zur schönen Aussicht abgereist sind ; denn es reicht ein Wald dem anderen die Hand . Dazu hatten wir just die Zeit abgewartet , wo das Laub ausschlägt ; es deckt einen doch besser , und der Wald sieht so traurig aus , wenn er nackt und kahl ist . Mein Kamerad - ja so , von dem hab ich dir noch gar nichts gesagt ; hab ich dir nie von dem jungen Zigeuner erzählt , den ich einmal aus dem Zuchthaus mit nach Ebersbach gebracht hab ? « » Ja « , sagte sie , » du hast ihn bei deinem Vater als Knecht anbringen wollen , und der hat dir dafür eine Ohrfeig hingeschlagen . « » Richtig , und der war mein Kamerad beim Ausfliegen . Ich hab ihn auf der Festung wiedergefunden . Der ist aber unter der Zeit flügg worden ; das ist ein ganz Ausgelernter . Wiewohl , er war schon damals viel schlimmer , als ich ihn dafür angesehen hab . Was meinst , daß er zu mir gesagt hat ? Es hab ihn höllisch verdrossen , daß es mit dem Dienstle nichts worden sei ; er war ein paar Wochen dageblieben , hält unterdessen etliche Freunde herbeigezeiselt und in einer schönen Nacht das Ebersbacher Sonnenwirtshaus ausgeplündert . « » Das ist aber ein schlechter Kerl ! « rief sie zornig . » Dem hast mit deiner Bärenfaust eins gesteckt , gelt ? « » Lieb ' s Weib « , sagte er bedächtig , » wenn man miteinander aus Numero Sieben fortwill , so nimmt man ' s nicht so streng mit dem Glauben ; da denkt man : du hilfst mir , und ich helf dir . Ich hab gerlacht und hab ihm gesagt , den Gedanken mit der Sonne soll er sich vergehen lassen , da seien viel Leute drin und viel Leute in der Nachbarschaft , und an großen , starken Hunden sei auch kein Mangel - ich hab noch ein paar dazugemacht . Der scheele Christianus , so heißt man ihn , hat ' s in seiner Art gut mit mir gemeint und hat mich mit Gewalt mitnehmen wollen , hat mir auch das beste Leben versprochen und hat ' s nicht begreifen können , daß ich nach Ebersbach wolle , wo ich ja vogelfrei sei ; aber ich bin fest dabei blieben , und so hat er mich zuletzt , ich muß sagen , recht ungern ziehen lassen , hat mir auch guten Rat und Anleitung geben zum Fortkommen , was ohne einen Zehrpfennig keine Kleinigkeit ist , und endlich hat er mir noch seinen Zinken , das heißt , sein Wappen oder Wahrzeichen , dergleichen jeder von ihnen sein eigenes führt , anvertraut . Es könnte ja doch sein , daß wir einmal einander brauchten , hat er gemeint , hat mir auch gesagt , wo ich ihn und die Seinen am leichtesten finden könne ; und daran hab ich gesehen , daß er ' s treulich mit mir meint und auch mir von ganzer Seele traut , denn mit dem Zinken , wenn er ihn nicht ändert , hab ich ihn in der Hand und könnt ihn jeden Augenblick verraten . Das werd ich aber nie tun , obgleich seine Wege nicht meine Wege sind . Interessieren soll ' s mich aber doch , einmal sein Wahrzeichen zu sehen . Sie schneiden ' s in Bäume , selbst in Balken an den Häusern , wo sie vorbeiziehen , zeichnen ' s auch in den Staub oder in den Schnee ; mit einem Strich dahinter zeigen sie ihren nachkommenden Kameraden den Weg an , den sie nehmen wollen , und mit kleineren Strichlein über oder unter dem großen bezeichnen sie , wieviel ihrer sind , Männer , Weiber und Kinder . « » Das ist sinnreich « , sagte sie , » aber lieber ist mir ' s doch , du guckst nicht nach den Wahrzeichen . « » Sei ruhig « , erwiderte er , » er wird nicht so leicht wieder ins Land kommen , der Geschmack an Ludwigsburg und Hohentwiel ist ihm vergangen . Nachdem wir auseinander waren , hab ich mich nach und nach Ebersbach zu geschlagen , um zu hören , wie es um dich steht . Vom scheelen Christianus hatte ich Unterweisung , daß ich , soviel möglich , bloß in einsamen Höfen und Häusern einkehren solle , denn dort seien sie gutwillig gegen fahrende Leute , fürchten den roten Hahn von ihnen aufs Dach gepflanzt . Ich hab aber nicht nötig gehabt , ihnen sonderlich zuzusetzen , denn sie haben mir überall gern gegeben , und nur mit dem Nachtlager haben sie sich ein wenig in acht genommen ; aber es ist nirgends besser schlafen als im Wald zur Frühlingszeit . « » Weiß nicht « , sagte sie . » Hab nur noch ein wenig Geduld « , versetzte er , » wir sind bald am Ziel . Daß ich auf Lebenszeit verurteilt und von der Festung entsprungen sei , hab ich den Leuten natürlich nicht sagen können , hab auch gedacht , sie werden ' s nicht grad wissen wollen . Ich hab ihnen gesagt , ich sei am See in Arbeit gestanden , hab wieder heim gewollt , sei von Spitzbuben ausgeraubt worden und müsse jetzt eben sehen , wie ich nach Weilerstadt zurückkomme , wo ich bürgerlich sei ; dort sind sie nämlich auch katholisch . Das hat gezogen , und bis ich ins Ländle kommen bin - das Hohentwiel liegt nämlich in fremdem Gebiet , was auch sehr bequem zum Entkommen ist - da hab ich so viel Geld und Lebensmittel im Tuch gehabt , daß es gereicht hat bis Ebersbach . Dort bin ich vierzehn Tag in der Sonne gelegen und hab leider gehört , jetzt seiest du in Numero Sieben . « » Was ? « rief sie . » In der Sonne ? Hat man dir denn dort Unterschlupf geben ? « » Ich hab mit dem Herrn Sonnenwirt Deutsch gesprochen und Fraktur mit der Frau Sonnenwirtin ; denn solches ist nötig bei einem Weib , das kein Kind hat und nicht weiß , wie man sich gegen seine Kinder verhalten soll . Mitten in der Nacht bin ich ihnen vorm Bett gestanden , daß sie vor Schrecken schier gestorben sind , und hab ihnen gesagt , wo sie ein Geräusch machen oder mich verraten würden , so sollten sie meinen Ernst kennenlernen . Das hat denn auch gefruchtet , denn du kannst dir gar nicht vorstellen , wie mir das Herz übergegangen war , zuerst aus Freude , daß ich wieder in Ebersbach bin , und dann vor Zorn . Daß mir vollends Hohentwiel nicht zu hoch gewesen ist , wo sie mich so sicher verwahrt glaubten , wie das Kind in der Wiege , das hat sie ganz mürb und demütig gemacht . In der ersten Nacht haben sie sich in eine kleine Kammer verkrochen , und ich hab mich dann gutsmuts an ihrer Statt ins warme Bett gelegt , das mir , offen gestanden , doch ein wenig besser geschmeckt hat als das Moos im Wald , und hab dem Teufel ein Ohr weggeschlafen bis in den lichten Morgen hinein . Wie ich aufwach , ist mein Vater ganz schüchtern in die Kammer hereinkommen und hat sich zu allem Guten offeriert : er wolle mich in einem mir anständigen Versteck behalten , bis ich ausgeruht sei , denn ich war fast hin vor Mühseligkeit und jahrelanger Entbehrung , und meine Hände waren übel zugerichtet ; daß ich in die Länge nicht bleiben könne , werde ich selber einsehen , weil ' s für mich nicht sicher sei ; aber er wolle mir Geld geben zur Auswanderung nach Pennsylvanien , er hab ' s nur just nicht parat - du weißt , er hat ' s nie parat , wenn ' s ans Blechen gehen soll , mir hat ' s aber auch nicht pressiert , weil ich ohne dich doch nicht gangen wär ; ich solle inzwischen nach Sachsenhausen zu seinem Bruder gehen , der mich schon einmal gut aufgenommen habe und gern behalten hätte ; unter der Zeit könne man ja weiter sehen . Dabei ließ er einfließen , wenn er mit besserem Bedacht gehandelt hätte , so wäre manches anders ausgefallen . Du kennst mich : wenn man mir gute Wort gibt , so bin ich wie Butter . Zwei Wochen , wie ich dir sag , bin ich zu Haus still gelegen und ist mir nichts abgangen . Dann hab ich aber selber dem Landfrieden und der Frau Stiefmutter nicht mehr recht getraut , hab auch gedacht : und wenn ein Mensch das Fliegen lernte , so würd anfangs alles vor ihm niederknien und ihn anbeten , aber in vierzehn Tag wär ' s ihnen allen ein gemeines Wunder , um das sie nicht mehr viel gäben ; hab mich also auf den Schrecken über meine Hohentwieler Flucht nicht zu sehr verlassen mögen . Mein Vater hat mir etwas Geld geben nach Frankfurt , und so bin ich fort , ohne daß meines Wissens der Amtmann nach mir gefragt hat . Wie ich bei deiner Mutter und den Kindern gewesen bin , das hast du nachher zu Haus selbst gehört . In Sachsenhausen ist mir ' s über die Maßen wohl gegangen , ich bin bei meinem Vetter wie das Kind im Haus gewesen , hab ihm geschafft , halb als Hausknecht , halb als Metzgerknecht , halb als Kellner , wie und wo man mich hat brauchen wollen , und wenn kein Ebersbach in der Welt wär , so hätt ich mir gar keine bessere Heimat wünschen mögen . Aber es hat mir fort und fort am Herzen genagt : daß mein Vater von seinen Anerbietungen gar nichts mehr hören ließ , hat mich verdrossen , und endlich hab ich von einem Landsmann erfahren , daß deine unfreiwillige Badreise jetzt zu Ende sei . Über das fügt sich ' s einmal , daß ich Gäste bedienen muß , und wie ich ihrem Gespräch aus der Ecke zuhöre , so braucht einer zufällig das Sprichwort : Ein Mann , ein Wort , oder ein Hundsfott ! Sieh , Christine , wie ich das gehört hab , bin ich eigentlich schon so gut wie fort gewesen . Mein Vetter hat sich ein wenig vor den Kopf gestoßen gezeigt , daß ich nicht gut tun wolle ; ich hab ihm aber gesagt , es reiße mich wie mit eisernen Haken nach Ebersbach , er solle mich in gutem Andenken behalten und mir den Platz nur ein Tag acht offen lassen , denn ich möchte gern wiederkommen . In Ebersbach aber war der Wind gänzlich umgeschlagen . Mein Vater hat mich gar nicht vor sein Angesicht kommen , sondern durch seine Frau bedeuten lassen , ich solle mich fortmachen , ich würde ihn nur um Hab und Gut bringen . Was ich mit ihm für ein Abkommen treffen will , darüber muß ich mich noch besinnen . Bei deiner Mutter hab ich dann erfahren , du seiest wirklich frei und im Schulhaus zu Neckardenzlingen im Dienst . Darauf hab ich gleich den Stab weiter gesetzt . Wie ich gestern abend über die Brücke gehe , seh ich Kinder da , spielen . Ich will freundlich auf sie zugehen . Sie aber mich erblicken und mit dem Geschrei : Der Sonnenwirtle ! der Sonnenwirtle ! wie das Mutisheer an mir vorüberstäuben , das war eins . Es hat mir weh getan , ich kann ' s nicht leugnen , zu sehen , wie mein Name den Weg vor mir fegt ; aber ich hab ' s wieder abgeschüttelt . Meine Lagerstatt hab ich im Wald genommen , bin heut im Zickzack durch die Wälder herübergewandert , und da bin ich jetzt bei dir . Und hier ist auch unser Nachtlager , sieh , da tauchen die paar Häuser im Halblicht auf . Es regt sich nichts mehr , nicht einmal ein Hund , die Leut sind arm und haben nichts zu bewachen . Jetzt fallen wir still und säuberlich in die Scheuer ein , und da sollst du im Heu ganz fein gebettet schlafen . Morgen ist dann das Erzählen an dir , denn für heut ist genug erzählt . « 28 In der ersten Frühe weckte Friedrich Christinen und las ihr das Heu aus den Kleidern und aus den Haaren , wohin es da und dort unter dem Kopftuche eingedrungen war . Nachdem er mit ihrer Hilfe sein Äußeres gleichfalls etwas in Ordnung gebracht hatte , ermunterte er sie zum Fortgehen , ehe die Hausbewohner erwachten ; denn , sagte er , wenn man den Leuten nachts in die Scheuer einbricht , und wär ' s auch nur , um ein wenig Nachtruh zu erbeuten , so hat man gleich den Kredit bei ihnen eingebüßt . Sie verließen den kleinen Weiler , der aus einigen ärmlichen Häuschen bestand , und schlugen einen schmalen Waldsteig ein . Der taufeuchte , frische Herbstmorgen machte Christinen vor Kälte zittern . Friedrich suchte einen freien Platz im Walde und hatte bald aus Reisern und dürrem Holze , das er hin und wieder abbrach , ein behagliches Feuer angemacht , neben welchem er das Weib seines Herzens auf seine Knie zog und so ihr ein hequemes Lager bereitete . » Das Frühstück « , sagte er , » müssen wir uns freilich hinzudenken ; ich hab vor lauter Eifer und Heimweh nach dir vergessen , für Mundvorrat zu sorgen . « Sie versicherte , sie sei nicht hungrig , und auch er meinte , er habe sich in Sachsenhausen hinlänglich herausgegessen , um jetzt ein wenig fasten zu können . » Laß dich einmal besehen « , sagte sie , aufschauend und munter werdend . » Siehst ja ganz proper aus , man sollt dich für ' n zünftigen Meister in irgendeinem Handwerk halten , das sein ' goldenen Boden hat . Mußt die schönen Kleider schonen und nicht in Scheuern übernachten . « » Das kommt anders « , versetzte er , » wenn wir einmal zum Land draußen sind . « » Und recht mannhaft bist worden « , fuhr sie fort . » Hast ein gut ' s Gestell , so postiert und voll und dabei doch nicht zu breit . Dem Gesicht freilich sieht man an , daß manches drüberhin gangen ist wie ein schwerer Pflug . Man sollt dich für viel älter halten , als du bist . Wenn ich nicht wüßt , daß du kaum über siebenundzwanzig sein kannst , ich tät dich mindestens auf sechsunddreißig schätzen . Schad ist ' s , daß du oft auf einmal ein bißle wild und bös aussehen kannst , so daß man sich schier fürchten könnt . Aber ich darf freilich gar nichts sagen . Sieh mich an , was ich alt worden bin . Ach , ich muß oft denken , du könnest an meinen Runzeln keinen großen Gefallen mehr haben . « Er hatte sie bereits betrachtet und in der Stille die Veränderungen wahrgenommen , die Zeit und Schicksal an ihr hervorgebracht hatten . Nicht eben Runzeln , aber hart eingegrabene Furchen zogen sich unter dem nicht mehr so weichen und hellgelben Scheitel quer über die Stirne , und eine senkte sich wie ein tiefer Einschnitt zwischen den Augen hinab . Doch lag in diesen Spuren nicht die eigentliche Verwüstung , die in dem einst so freundlichen Gesichte vorgegangen war . Auch sah es an sich selbst nicht auffallend gealtert aus , und in den treugebliebenen Zügen hatte keine häßliche Entstellung , wie sie oft mit den Jahren kommt , ihren Wohnsitz aufgeschlagen ; aber die jugendliche Frische , die lieblich malende Zuversicht und Lebenslust war aus ihnen verschwunden und hatte sie verwandelt hinterlassen , wie das Morgenlicht , wenn es von einer Landschaft Abschied nimmt , dieselbe Gegend zwar in unveränderter Gestalt , aber arm , nüchtern und verkümmert hinterläßt . » Du bist die Mutter meiner Kinder « , sagte er , » kannst nicht ewig jung bleiben . Diese Furchen sind mein Werk , denn du hast viel um mich leiden müssen ; aber du siehst nicht so alt aus , wie du meinst , und wenn du einmal eine glückliche Hausmutter bist , so wirst du wieder jünger werden . « » Gott geb ' s « , erwiderte sie , » denn so wie ich jetzt bin , bin ich doch zu alt für dich . - Ach , wenn ich dran denk , wie der Friederle auf die Welt kommen ist , ' s sind jetzt bald sechs Jahr , wie bin ich damals in einem Umsehen so elend und wieder so reich gewesen ! Wie ich gemerkt hab , daß mein Stündle kommen will , hab ich meinem Jammer kein End gewußt , bin allein auf der Bühne gelegen , mein Mutter hat gesagt , sie könn vom kranken Vater nicht weg , und mein Jerg hat sich verdingt gehabt nach Faurndau zum Dreschen . Über einmal hör ich auf ' m Stiegle ' n Mannstritt , so gibt ' s bloß ein ' auf der Welt , und wer kommt mir vors Bett und nimmt mich in Arm , während ich ihn im Zuchthaus gemeint hab ? Und wie du mir die Hebamm hast geholt und die eine Kraftbrüh für mich verlangt hat , weil ' s hart gehen werd und ich so von Kräften sei , weißt noch ? da hat mein arm ' s Lämmle dran glauben müssen , mit dem unsere Bekanntschaft angefangen hat . Ich hab nicht einmal um das Tierle weinen können , und du hast recht prophezeit gehabt , es werd eine Zeit kommen , wo mir etwas anders mehr am Herzen lieg . Und hart ist ' s auch gangen , ich will ' s nicht vergessen , aber wie ' s geheißen hat : Vater , hier ist dein Sohn ! ach Frieder , was ist das eine Seligkeit gewesen ! Und nachher ist die Kathrine kommen und hat gesagt , sie sei jetzt mit einem wackeren Mann versprochen und mach sich nichts mehr aus der Amtmännin ihrem Zorn , und hat mich treulich gepflegt - « » Ja « , sagte er , » darum hab ich auch ruhig wieder in mein Ludwigsburger Heimwesen zurückkehren können . Aber heut noch reut ' s mich , daß ich mich in Göppingen gestellt hab ! Berichtet der Vogt nach Ludwigsburg , er habe den mittels Ausbruchs echappierten Gefangenen wiederum gefänglich zur Hand gebracht und schicke ihn hier wieder ein . Ausgebrochen war ich allerdings , das ist wahr , denn man hat mir keine Brücke gebaut ; aber daß ich mich freiwillig bei ihm gestellt hab , davon hat er kein Wort geschrieben , sondern hat die Ehr allein haben wollen . So ein Vogt ! was bild ' t sich der ein ! es gibt auch Bettelvögte . Deswegen hab ich mich nach meinem zweiten Ausflug nicht mehr bei ihm , sondern unmittelbar in Ludwigsburg beim Kammerrat selbst gestellt . Der ist zwar rauhbauzig , wie man ' s von einem Zuchthausverwalter nicht anders erwarten kann , aber er hat doch gelacht und hat mir nun auch für meine frühere Versicherung Glauben geschenkt , so daß mir weiter nichts geschehen ist , als daß ich eben die paar Tag länger hab sitzen müssen . « » Dein zweiter Besuch « , versetzte sie , » ach , der ist traurig gewesen . « » Ja « , sagte er , » schon wie ich das Tal heraufkommen bin , bei Reichenbach , ich weiß nicht , ob du ' s einmal bemerkt hast , da ist in den Anhöhen eine Lücke , durch die der Staufen hereinschaut , und der hat damals so grau und trüb ausgesehen , daß ich gedenkt hab : Alter , bist auch traurig und hast mir eine Trauermär zu verkünden ? Wie ich aber nach Ebersbach kommen bin , hab ich deinen Vater wenigstens noch am Leben gefunden , und das wird mir wohltun , so lang ich leb . Christine ! Respekt vor dem Mann ! Der ist gestorben wie ein Patriarch ! Er ist sein Leben lang in Armut und Demut und im Staub dahergegangen und hat selber nicht gewußt , was in ihm steckt , aber in der Todesstunde ist ihm der Geist mächtig auf die Zunge getreten . « » Weißt noch , wie er uns gesegnet hat « , rief sie , » und dich absonderlich , weil dein Will vor Gott gut sei und dein Herz aufrichtig , und wie er dir alles vergeben hat , was ihm Leids durch dich geschehen ist