fuhr finster die Andere fort . » Es gibt freilich Leute , die das nicht glauben und die nicht begreifen wollen , warum so ein armes Harfenmädchen , das sich auf ' s Unverschämteste muß begaffen lassen , das jede freche Hand berühren darf , nicht lieber in ' s Wasser springt , um so seiner Schande und seinem Dasein ein Ende zu machen . Aber die das nicht begreifen , kennen unsere Lage nicht , obgleich sie so gern aus ihrem warmen Zimmer , von ihrem guten Mittagessen hinweg achselzuckend über uns und unseres Gleichen urtheilen . - Aber entschließe dich ! Es ist das Beste , was du ergreifen kannst ; denke nicht , daß du nach Hause zurückkehren kannst : dein Herr ist gezwungen , die Klage gegen dich aufrecht zu erhalten . In den Augen der Leute dort bist und bleibst du eine Diebin . « » O stille ! stille ! « bat das arme Mädchen , die sich in den heftigsten Seelenleiden auf dem Bette krümmte wie ein zertretener Wurm . In diesem Augenblicke hörte man Etwas auf dem Gange schleichen und eine Hand , welche an der Thüre vorbei rutschend die Klinke suchte . Vierunddreißigstes Kapitel . Er ! - » Was ist das ? « fragte entsetzt das junge Mädchen , indem sie sich erhob und ängstlich lauschte . » Es wird der im schwarzen Fracke sein , dem du vorhin seine Frage bejahtest . Er kommt nun , wie er mit dir ausgemacht . « » Aber ich habe nichts mit ihm ausgemacht ! « schrie das Mädchen im Tone der Verzweiflung . » Nichts ! nichts ! Gott erbarme sich meiner ! - O helfen Sie mir ! was soll ich thun ? « » Mit mir ziehen , dich unter meinen Schutz begeben , « entgegnete ruhig das Harfenmädchen , ohne den Kopf zu erheben , - » aber warum sich auch so gewaltig sperren ? - Oder ihm folgen ! « » Eher den Tod ! - ich stürze mich dort zu dem Fenster hinaus . « » Bist du so tugendhaft ? « fragte Nanette mit einem zweifelhaften Lächeln . Die Andere gab keine Antwort , sondern starrte mit weit aufgerissenen Augen nach der Thüre . » Gewiß und vollkommen tugendhaft ? « fuhr das Harfenmädchen dringender fort zu fragen , und richtete sich halb empor , um die Antwort ihrer Gefährtin besser vernehmen zu können . Doch schien diese den Sinn der Frage nicht gleich zu verstehen , und als sie ihn endlich begriffen , zuckte sie zusammen , blickte empor und sagte mit aufgehobener Hand : » Ja , ja ! bei Gott im Himmel ! ja ! « » Ah ! wenn das ist , « sprach lustig Nanette , » so wollen wir diesen Tölpel ablaufen lassen ; das wären Perlen vor die Säue geworfen ! « Jetzt öffnete sich langsam die Thüre ; der Mann , von dem das Harfenmädchen vorhin gesprochen , und der sich drunten zum Beschützer der Andern aufgeworfen , erschien wirklich und blickte vorsichtig in das Gemach . In der Hand trug er ein ausgelöschtes Licht . - » Das ist heute ein furchtbarer Sturm , « sagte er lächelnd ; » wo der Wind die geringste Oeffnung findet , da fährt er herein . « » He , was soll ' s ? « rief Nanette , indem sie sich halb erhob und dabei eine Faust unternehmend in die Seite stemmte . » Wollt Ihr vielleicht Euer Licht bei uns anzünden ? - Nun , darauf soll es mir meinetwegen nicht ankommen . « » Das weniger , « entgegnete grinsend der Eingetretene ; ich hätte wohl die Absicht , euer Licht ebenfalls auszulöschen . » Nun , ich will Euch was sagen , Sträuber , « erwiderte das Mädchen mit bestimmtem Tone , » für Eure schlechten Spässe sucht Euch ein anderes Zimmer . Wir haben das unsrige bezahlt und wollen Ruhe haben . « » Man will auch von dir nichts , du böses Maul ! « sagte der im schwarzen Frack . » Nimm dich in Acht , sonst sollst du es büßen . « Trotz dieser Drohung blieb er aber ruhig an der Thüre stehen . » Von wem willst du denn sonst etwas ? « fuhr das Harfenmädchen fort , indem sie sich von ihrem Stuhle erhob . » Vielleicht von meiner Schwester ? - Willst du sie vielleicht verkaufen , Sklavenhändler , Seelenverkäufer ! « » Von deiner Schwester ? -hahaha ! - du würdest dich freuen . Das ist aber eine ganz andere feinere Race als die eurige . « » Mag es nun eine Race sein , welche es will , so sage ich dir , sie ist für dich nicht gewachsen , und wenn du dich nicht bald aus dem Zimmer hinaus machst , so komme ich dir entgegen ; und ich glaube , du kennst mich . « » Du bist eine wilde Katze , « versetzte giftig der Andere . » Und wenn du meinst , ich hätte Lust , mich mit dir herumzuschlagen , so irrst du dich gewaltig . Ich will nur den Lakaien herauf holen , der soll dich halten und dann kannst du zusehen . « » O , ich habe vor euch Beiden keine Angst , ihr Jauner , ihr miserable ! - Nicht wahr , bei ein paar armen Mädchen habt ihr große Mäuler . Soll ich den Mathias bitten , herauf zu kommen ? Warte nur , Sträuber ; aber ich sage dir im Guten , nimm dich in Acht ! « Dabei ging sie einige Schritte vor , und während sie ihm eine ihrer geballten Fäuste entgegen warf , blitzten ihre Augen . » Dieser Abend ist noch nicht vorüber , und es müßte mich Alles trügen , wenn der Johann nicht noch käme . Da will ich dann sehen , was du für ein Gesicht machst , du Vieh , wenn ich mich über dich beklage . « Diese Drohung , so versteckt sie auch war , machte doch auf den Herrn Sträuber einen sichtlichen Eindruck . Er versuchte zu lächeln und sagte : » Du bist doch in Wahrheit eines der verwegensten Weibsbilder , die ich je gesehen . Von dir will ja eigentlich Niemand etwas , ich halte mich an die Andere ; und bin ich nicht in meinem vollkommenen Rechte , wenn ich herauf komme , hat sie drunten nicht Ja gesagt ? « » Ja hat sie allerdings gesagt , « erwiderte das Harfenmädchen , indem sie jetzt ihre beiden Arme in die Seiten stemmte . » Aber weßhalb hat sie es gesagt ? - Du wirst dir doch wohl nicht einbilden , daß es ihr Ernst war ? - Sie hat Ja gesagt , weil sie sich vor dem Schuft , dem Lakaien , fürchtete . Das wirst du wohl begreifen ; für so dumm halte ich dich doch nicht . « Jetzt hörte man drunten im Hause eine helle Glocke mehrmals anschlagen , und der eigenthümliche Ton derselben klang scharf durch die gewölbten Gänge . Herr Sträuber zog plötzlich die Augenbrauen in die Höhe , ließ die Unterlippe herab hängen und lauschte aufmerksam . » Das wird an der kleinen Hinterthüre sein , « sprach Nanette ; » Johann kann nach Hause kommen . « » Nein , nein , « entgegnete der im schwarzen Frack eifrig , indem er die Thürklinke wieder in die Hand nahm , » das ist ganz was Anderes - horch ! ich kenne die Glocke . « Dabei erbebte er sichtlich , gerade wie Jemand , den ein plötzlicher Frost überweht oder ein großes Entsetzen anwandelt . » Was gibt es denn ? « fragte jetzt auf einmal das junge Mädchen , welches die Veränderung an dem vorhin noch so kecken Herrn Sträuber bemerkte . » Ich weiß nicht , « entgegnete dieser mit leiser Stimme ; » aber es gibt was . - Horch ! « Dabei hielt er den Kopf auf den Gang hinaus . - Aber , sagte er plötzlich , » löscht euer Licht aus , es darf kein Schein davon die Treppe hinab fallen . « » Ist das nicht eine neue Finte von dir ? « fragte argwöhnisch Nanette . » Nein ! nein ! sei verdammt ! « erwiderte er unruhig , - » aber halte dein Maul ! Wenn du das Licht nicht auslöschen willst , so komm mit vor die Thüre , oder bleib drinnen , wie du willst , aber laß sie mich in ' s Schloß ziehen . - So - leise ! « Das Harfenmädchen hatte dem Mann einige Augenblicke forschend in ' s Gesicht gesehen , als sie aber da nichts von Hinterlist und Falschheit entdecken konnte , vielmehr nur den Ausdruck des Schreckens sah , so siegte die weibliche Neugierde und sie trat mit ihm auf den finstern Gang hinaus . Einen Augenblick herrschte tiefe Stille in dem weiten Gebäude , dann aber hörte man den Klang der kleinen Glocke wieder , und darauf hin wurde in einem Stockwerke tiefer eine Thüre geöffnet , man vernahm schwere Männerschritte auf den Steinplatten des Korridors und es wurde eine Stimme laut , welche ängstlich fragte : » Nun was soll ' s denn eigentlich ? - Treibt doch keinen schlechten Spaß mit mir ! « » Der Lakai ! « sagte das Mädchen . » Ja , der Lakai , « antwortete schaudernd Herr Sträuber . Jetzt verwandelte sich drunten die Stimme desselben aus einem scherzhaften und bittenden Tone in einen trotzigen und widerspenstigen . - » Nun ja , « hörte man ihn sprechen , » was soll ' s denn ? Darnach habe ich wohl ein Recht zu fragen . Wenn ich nach Hause will , so kann ich das thun . - Wer hat ein Recht , mich zu halten ? « Hierauf vernahm man die Schritte wieder , doch statt daß sie wie vorhin in gleichmäßigem Tempo klangen , trampelten sie jetzt eine kleine Weile unordentlich durch einander . Dann hörte man ein Aechzen aus tiefer Brust und hierauf ein Schleifen , als schleppe man eine schwere Last mit sich fort . » Alle Heiligen ! « sagte das Mädchen , » steht uns in Gnaden bei ! - da hat ' s ein Unglück gegeben . « » Noch nicht , « entgegnete schaudernd Herr Sträuber , » aber es gibt wahrscheinlich eins . « - Dabei horchte er mit erneuter Aufmerksamkeit . Nachdem das Schleifen da drunten ein paar Sekunden gedauert , hörte man eine andere tiefe Stimme sagen : » Nun , wenn du lieber auf den Füßen gehen willst , ist es mir auch recht ; aber laß allen Widerstand , der ist hier vergebens . « Darauf stieß der Lakai einen tiefen Seufzer aus und entgegnete : » Ich will ja thun , was man verlangt . « Endlich verklangen die Schritte in die Ferne , es schloß sich wieder eine Thüre und Alles war todtenstill wie vorher . Die Beiden oben an der Thüre lauschten noch eine Weile , dann trat der Herr Sträuber langsam in das Zimmer zurück . Nanette folgte ihm . - » So sprecht denn ! « sagte sie , » was kann es denn da unten geben ? « » Weiß ich ' s ! « entgegnete er verlegen , indem er die Achseln zuckte . » Ihr wißt mehr , als Ihr sagen wollt . Kanntet Ihr den Klang jener Glocke ? « » Bst ! - bst ! « machte Herr Sträuber und zog das Mädchen weiter mit sich in ' s Zimmer hinein . - » Er ist im Hause - « » Er ? « fragte das Mädchen erschreckt . » Ja , ja , er , « erwiderte der Andere . » Und ich mache , daß ich fort komme , - wenn die Thüre überhaupt heute Nacht noch geöffnet wird , « setzte er nachdenkend hinzu . » Schlaft ruhig ! was gehen euch die Geschichten da unten an ! Gute Nacht ! « Damit schlich Herr Sträuber zur Thüre hinaus und schritt leise durch den Gang und die Treppen hinab . Das junge Mädchen im Bette hatte sich halb erhoben und saß da , ein Bild der Angst und des Jammers . Ihr blondes Haar hatte sich aufgelöst und hing über ihr bleiches Gesicht herab , ohne daß sie den Versuch machte , es wegzustreichen . Auch sie hatte drunten verworrene Stimmen und Schritte gehört , hatte das natürlicherweise für eine Gefahr gehalten , die sie bedrohe , und zitterte am ganzen Körper . Erst nachdem Herr Sträuber wieder das Zimmer verlassen , athmete sie tief auf und beruhigte sich etwas . Nanette trat gedankenvoll an das Bett und sagte : » Leg ' dich nur ruhig hin ; an uns denkt heute Niemand mehr . Aber du kannst ein klein wenig auf die Seite rücken , ich will mich auch niederlegen , wir haben Platz genug . Vorher aber will ich das Licht auslöschen . « » Lassen Sie es lieber brennen , « bat das junge Mädchen . » Nein , das ist gegen die Hausordnung , « entgegnete eifrig die Andere , » man sähe drunten vom Hofe das erleuchtete Fenster , und ich möchte um Alles in der Welt keine Ursache zu irgend einer Klage geben . - Nein , gewiß nicht ! « Damit that sie , wie gesagt , drehte die Talgkerze in dem Leuchter um , um sie auszulöschen , warf ihr Oberkleid von sich und legte sich zu ihrer Gefährtin auf das schmale Feldbett , das unter der doppelten Last bedenklich krachte , auch kaum Platz für die beiden bot . Die Mädchen aber behalfen sich so gut wie möglich , theilten sich in die Decke und bald zeigten die tiefen und regelmäßigen Athemzüge des Harfenmädchens an , daß sie ruhig entschlummert sei . Die Andere wollte nicht so bald der freundliche Schlaf in seine Arme nehmen ; wohl preßte sie die Hand auf ihr heftig klopfendes Herz , wohl schloß sie die Augen und suchte mit Gewalt die Erinnerung der vergangenen Tage zu verdrängen , und dann senkte sich auch wohl auf Augenblicke ein leichter Schlummer wie ein durchsichtiger Nebel über sie hin . Doch entrückte er sie nicht der Wirklichkeit : er flog über sie hin , ein leichter , durchsichtiger Hauch , hinter dem schreckliche , hohnlachende Gestalten um so seltsamer ihr Wesen trieben , und den ein tieferer Athemzug , ein lauterer Herzschlag plötzlich durchriß , um wieder auf sie einströmen zu lassen , die schreckliche , fürchterliche Wirklichkeit . - Dann fuhr das Mädchen empor , strich sich angstvoll die Haare aus dem Gesicht und blickte um sich ; doch konnte sie nichts erkennen : die dichteste Finsterniß herrschte in dem Gemach , und nur ein leichter unbestimmter Schein ließ die Stelle ahnen , wo sich die Fenster befanden . Nach wie vor sauste der Wind durch die zerbrochenen Scheiben , er heulte um die Ecke des Gebäudes und durch die winkeligen Höfe . Der einzige freundliche Ton , der an das Ohr des armen Mädchens schlug , war eine mitleidige Glocke , welche die zehnte Abendstunde anzeigte . » O Gott ! noch so früh ! « seufzte sie . Und dann legte sie sich wieder neben ihre Gefährtin hin , bemühte sich , ruhig zu sein , und derselbe schreckliche Zustand zwischen Wachen und Schlafen kam wieder über sie . - Sie hatte jenen Diebstahl in der That begangen , sie floh , man verfolgte sie . Jetzt stand sie an der Dornenhecke , die den kleinen Garten umschloß , wo sie schon so glücklich gewesen ; jetzt sah sie die Blutflecken auf dem weißen Schnee und flog mit den Raben über das Feld hinweg ; aber sie wollten sie nicht unter sich dulden und hackten auf sie los , so daß sie zur Erde niederstürzte und , an allen Gliedern gelähmt , langsam fortkroch . - So bewegte sie sich mühsam dahin , immer ihre Verfolger dicht hinter sich , immer eine Faust in ihrem Nacken , die nach ihr faßte und die mit jedem Pulsschlage näher kam ; und es schien Jahre zu dauern , bis sie die schützenden Mauern erreichte , hinter denen sie sich jetzt befand . - Ah ! endlich einen Augenblick Ruhe ! - Die Nebel um ihr Haupt wurden dichter und dichter , die Gestalten verschwammen im einfachen Grau ; sie schienen von unten herauf zu zerschmelzen : Füße , Körper und Arme all ' der phantastischen Gestalten schwammen weit aus einander und wurden immer undeutlicher , nur die schrecklichen Köpfe waren noch längere Zeit zu erkennen , die Köpfe mit den seltsam lachenden und grinsenden Gesichtern , und vor Allem die unzähligen starren Augen , die sie leuchtend und unverwandt anblickten . - Lange , lange noch sah sie diese Augen durch den Nebel durchschimmern , als die Gesichter schon längst verschwommen waren , zuerst als wirkliche Augen , dann als glänzende Punkte , die langsam zurückwichen , und endlich nur noch lebhafte blaue und grüne Ringe , die zuletzt ebenfalls in Nichts zerflossen . - Fünfunddreißigstes Kapitel . Ein geheimes Gericht . So mochte das Mädchen eine Zeit lang ruhiger geschlummert haben , da fühlte sie im Schlafe , daß Jemand ihre Hand ergriff und daran zog . Augenblicklich erwachte sie , griff um sich , faßte den Arm ihrer Gefährtin ; und als sie an demselben aufwärts tastete , um sich zu überzeugen , daß es auch das Harfenmädchen sei , welches ihr Handgelenk festhielt , bemerkte sie , daß diese es wirklich war , aber daß sie aufrecht neben ihr im Bette saß . - » Was ist ' s ? « flüsterte das junge Mädchen angstvoll . » Stille ! « antwortete Nanette mit leiser Stimme ; » ich muß erwacht sein an dem Schlag der Uhren ; es ist elf Uhr . Doch jetzt soeben , als ich wieder einschlafen wollte , hörte ich leises Schleichen auf den Treppen ; - hoch ! und jetzt auf dem Gange . « » Was kann das sein ? « » Vielleicht noch ein später Gast , der nach seinem Zimmer geht . - Aber nein , das ist der Schritt eines Weibes . O , ich habe ein feines Gehör . Weißt du , das wird geschärft bei unserem Leben . « Und das Mädchen hatte Recht ; es waren in der That leise schlürfende Tritte , die langsam näher kamen . Die beiden Mädchen lauschten mit zurückgehaltenem Athem . Jetzt faßte eine Hand die Thürklinke , drückte langsam das Schloß auf , die Thür öffnete sich und ein Lichtstrahl fiel herein . Doch konnten die Mädchen augenblicklich nicht erkennen , wer der Träger dieses Lichtes war , denn dieser hielt die Hand vor das Gesicht und ließ den vollen Schein des Lichtes in das Zimmer fallen . » Was soll ' s ? « fragte Nanette scheinbar mit entschlossenem Tone , doch zitterte ihre Stimme ein wenig . Dann rutschte sie mit voller Geistesgegenwart vom Lager herab , um stehenden Fußes erwarten zu können , was es gebe . Das junge Mädchen hielt ihren Arm umklammert und drückte sich fest an sie . » Ja , ich bin recht , « sprach eine Stimme an der Thüre ; » ich hatte die Nummer vergessen . Richtig , es ist doch vierundzwanzig . « » Ah ! seid Ihr es , Frau ? « sagte Nanette nach einem tiefen Athemzuge , denn sie erkannte die Stimme des alten Weibes drunten aus der Schenke . » Ich hatte Angst , als Ihr so langsam die Thüre öffnetet . « » Ei , ei ! « entgegnete grämlich das Weib , » du bist doch sonst nicht so furchtsamer Natur . « » Das ist richtig , aber es war heute Abend so unruhig im Hause . - Doch was soll ' s , Frau , wollt Ihr zu uns ? « Die Alte drückte sorgfältig die Thüre hinter sich in ' s Schloß , dann stellte sie das Licht auf den Tisch und näherte sich dem Bette . » Schläft die Andere ? « fragte sie . » Nein , nein , ich schlafe nicht ! « entgegnete eifrig das junge Mädchen . » Nun , das ist gut , mein Schatz , dann brauche ich dich nicht zu wecken . « » Mich zu wecken ? - Barmherziger Gott ! Wollt Ihr etwas von mir ? « » Ich eigentlich nicht , mein Kind , aber - « » O Frau , laßt das arme Geschöpf in Frieden ! « bat das Harfenmädchen . » Der Sträuber war da , wir haben Mühe gehabt , ihn hinaus zu bringen . Seht Ihr nicht , wie das unglückliche Ding vor Angst zittert ! « » Was Sträuber ! « sprach die Frau verächtlich . » Meinst du , ich kümmere mich um solche Lumpen ? - Da ist schon was ganz Anderes im Spiel . - Er ist im Hause , « setzte sie leiser hinzu . » Ich habe es gehört , « erwiderte Nanette . » Aber das kann uns doch nicht betreffen ; er weiß kaum , daß wir in der Welt sind . « » Er weiß Alles , « sagte ernst die Frau . » Und der beste Beweis ist , daß ich hier bei euch bin . Ich habe den Befehl , die da zu holen . « » Die da ? - das junge Mädchen ? « rief entsetzt die Harfenspielerin und sprang vom Bette , auf welchem sie bis jetzt saß , als habe sie eine Schlange gestochen . » Alle Heiligen ! er läßt sie holen ? « Die Alte nickte mit dem Kopfe . » So hast du wahrscheinlich Schlimmeres begangen , als du mir gesagt , « fuhr Nanette zu dem Mädchen gewendet fort . » Wozu kann er dich sonst holen lassen ! Um Gotteswillen ! Wer bist du ? - Ah ! du hast mir von Blut an deinen Händen erzählt ! - Gräßlich ! - Sollte das nicht so zufällig an deine Finger gekommen sein ? « Das junge Mädchen blickte um sich , als sei es noch immer in einem schweren , schrecklichen Traume befangen . - » Man will mich holen ? « brachte sie endlich mühsam hervor . Und als die Alte ihr entgegnete : » Ja , ja , drum stehe geschwind auf ! « setzte sie händeringend hinzu : » Wohin will man mich holen ? - O , habt Erbarmen ! laßt mich da , ich habe Euch ja nichts zu Leide gethan ! « » Da ist keine Zeit zu verlieren , « sagte kalt die Alte . » Steh auf und bring deinen Anzug etwas in Ordnung . « » O , Sie waren so gut gegen mich ! « flehte das arme Geschöpf , indem sie sich an das Harfenmädchen wandte , das drei Schritte von dem Bette stehen blieb und mit einem wahren Ausdruck des Entsetzens auf ihre bisherige Gefährtin blickte . » Sie wollten mich ja beschützen , lassen Sie mich nicht von hier fort ! - Wer kann etwas von mir wollen ? Das muß ein Mißverständniß sein ; kenne ich doch außer Ihnen keine Seele in dem Hause . Nicht wahr , Sie lassen mich nicht fort von hier ? « » Er hat ' s befohlen , « versetzte ernst die Alte , » und da hilft kein Widerstreben . « Das arme Geschöpf blickte fragend zu dem Harfenmädchen hin . » Nein , da hilft kein Widerstreben , « sagte auch dieses , » gewiß nicht . Komm , steh auf und - helfe dir Gott ! « setzte sie leiser hinzu . Darauf hin ließ das junge Mädchen willenlos geschehen , daß ihr die Alte vom Bett in die Höhe half und daß sich auf einen Wink derselben das Harfenmädchen näherte , ihre herabgefallenen blonden Flechten in die Hand nahm , sie etwas glättete und dann sorgfältig über ihrem Kopf befestigte . Das alte Weib hakte ihr das Kleid zu und bat sie , ihre Schuhe wieder anzuziehen und sich überhaupt zu beeilen . Dann nahm sie vom Stuhle das Tuch des Mädchens , hing es ihr um die Schultern und zog sie an der Hand mit sich fort . Nanette begleitete sie bis an die Thüre , und als das Mädchen dieser dort die Hand reichte und ihr dankte für die Freundlichkeit , mit welcher sie sie behandelt , blitzten die dunkeln Augen Nanettens stärker als gewöhnlich , und als sich nun die Thüre hinter den Beiden schloß , rollten ihr ein paar schwere Thränen über das Gesicht herab . Das junge Mädchen ließ sich von der Frau führen ; alle ihre Kraft war dahin und ihre Kniee wankten so , daß sie sich mehrmals an die Wand stützen mußte , um nicht niederzufallen , weßhalb sich das Weib veranlaßt sah , sie mit einigen Worten zu trösten . » Habe nur keine Angst , « sagte sie , » es geschieht dir gewiß nichts . - Nicht wahr , du bist zum ersten Mal hier im Hause ? « » Ja gewiß , « hauchte das Mädchen . » Und du kennst keinen von den Gesellen , die du heute Abend drunten im Zimmer gesehen ? Du hast noch nie mit einem was zu thun gehabt ? « » O mein Gott , nein , nein ! « erwiderte schaudernd die Gefragte . » Nun , so weiß ich nicht , was er von dir will , und da kannst du dich auch ziemlich beruhigen , es wird nichts so Schlimmes sein . Aber jetzt laß ' uns eilen , wir haben schon Zeit genug verloren . « - Damit schritt sie rasch voran , Treppen auf , Treppen ab , über lange Gänge hinweg , die sich bald rechts , bald links bogen , dann kamen sie sogar quer durch einen Hof , wieder eine Treppe hinauf , und hielten endlich an einer Thüre stille . Die Alte klopfte dreimal an ; es wurde augenblicklich geöffnet , und das Mädchen fühlte sich plötzlich in ein erleuchtetes Zimmer geschoben . Hinter ihr fiel die Thüre wieder in ' s Schloß , und als sie sich auf dieses Geräusch hin umwandte , bemerkte sie , daß ihr das alte Weib nicht gefolgt war . Das Zimmer war groß , geräumig , mit anständigen Tischen und Stühlen versehen , und ein mächtiger Ofen verbreitete eine behagliche Wärme . Ein großer Mann , der in der Mitte des Gemachs auf und ab ging , wies das Mädchen an , sich auf einen der Sitze niederzulassen , dann legte er wie vorhin die Hände auf den Rücken und schritt wieder gleichmüthig hin und her . Der geneigte Leser , der uns bis hieher zutrauensvoll gefolgt , wolle sich auch unserem ferneren Schutz überlassen und mit uns in ein anderes Zimmer treten , das von dem , in welchem sich das junge Mädchen befand , durch ein kleines , dunkles Kabinet getrennt ist . Es war dies ein Gemach , höher und weiter als selbst das Schenkzimmer , doch auch wie dieses mit eichenem Holz ausgetäfert . Wände und Decke aber waren besser erhalten , und an letzterer bemerkte man ein ziemlich dunkel gewordenes Gemälde , sowie gut erhaltene Vergoldungen . Wo hier Fenster und Thüren waren , konnte man nicht gut bestimmen , denn beide waren gleichmäßig mit großen dunklen Vorhängen versehen , die von dem Fries bis auf den Boden herab hingen . In einer Ecke dieses Zimmers befand sich ein großes Kamin , in dem mächtige Holzblöcke stammten ; daneben stand ein alter geschnitzter Tisch , mit einer grünen Decke behängt , und neben diesem ein Stuhl mit hoher Lehne . Dem Tisch und Stuhl gegenüber in der anderen Ecke des Zimmers befanden sich mehrere Männer von starkem , kräftigem Körperbau und verwegenen Gesichtern , aus denen unternehmende Augen hervor blitzten ; Einige von ihnen hatten Bärte , andere waren glatt rasirt . In ihrer Mitte war jener Mann in der Livrée , den wir in der Schenkstube gesehen und dessen Stimme wir auf dem Gange gehört . Er stand aber nicht so aufrecht da wie die Andern , seine Kniee schlotterten , sein Rücken war gekrümmt und seine bleichen Züge vor Angst verzerrt und entstellt . Alle aber blickten unverwandten Auges nach jener anderen Ecke des Zimmers , und wir ersuchen den geneigten Leser , gleichfalls dahin zu sehen . Dort an dem Sessel mit der langen Lehne stand ein junger Mann , ziemlich groß , dabei aber schlank und von den angenehmsten gefälligsten Körperformen und Bewegungen , die Leichtigkeit und große Kraft ausdrückten . Er trug ein sehr eng anliegendes Beinkleid und hohe glänzende Reitstiefel , die aber bis zu den langen , schweren Sporen hinunter , wie nach einem starken Ritt , dicht mit Koth bespritzt waren . Den Oberkörper bedeckte eine Art Blouse von einem dunkelblauen wollenen Stoffe ; die Aermel derselben waren sehr weit , und wenn er die seine , jedoch etwas gebräunte Hand zufällig empor hob , so fielen sie zurück und zeigten weiße , glänzende Wäsche . Um den Leib trug er einen ledernen Gürtel , und an der linken Seite desselben hing ein Tscherkessendolch , eine jener furchtbaren Waffen , die ungefähr anderthalb Schuh lang , oben handbreit sind , und nach unten spitzig zulaufen . Die Scheide war von dunklem Leder , mit Stahl und eingelegtem Golde verziert , und der Griff bestand aus weißem Elfenbein , hatte aber an der Spitze einen gewaltigen Eisenknopf , der offenbar dazu diente , im Handgemenge einen Gegner von