weiter , und indem ich , mit den Gedanken schon weit auf dem Wege nach Hause , den Wein hinabschluckte , drehte ich ungeduldig mein Sammetbarett in der Hand und mochte kaum das Ende des Gottesdienstes abwarten , da es mich anfing gewaltig an den Füßen zu frieren und das Stillstehen sehr schwierig wurde . Als die Kirchentüren geöffnet wurden , drängte ich mich geschmeidig durch die vielen Leute , ohne die Freude meiner Freiheit sichtbar werden zu lassen und ohne jemanden anzustoßen , und war bei aller Gelassenheit doch der erste , der sich in einiger Entfernung von der Kirche befand . Dort erwartete ich meine Mutter , welche sich endlich in ihrem schwarzen Gewande demütig aus der Menge hervorspann , und ging mit ihr nach Hause , gänzlich unbekümmert um meine Genossenschaft des geistlichen Unterrichts . Es war kein einziger darunter , mit welchem ich in näherer Berührung stand , und viele derselben sind mir bis jetzt noch gar nicht wieder begegnet . In unserer warmen Stube angekommen , warf ich vergnügt mein Gesangbuch hin , indessen die Mutter nach dem Essen sah , welches sie am Morgen in den Ofen gesetzt hatte . Es sollte heute so reichlich und festlich sein , wie unser Tisch seit den Tagen des Vaters nie mehr gesehen hatte , und eine arme Witwe war dazu eingeladen , welche der Mutter manche kleine Dienste leistete und sich jetzt pünktlich einfand . Am Weihnachtstage wird immer das erste Sauerkraut genossen , und so wurde es auch hier aufgestellt mit schmackhaften Schweinsrippchen . Die Beurteilung desselben gab den Frauen einen guten Anfang zum Gespräche . Die Witwe war von ebenso gutmütiger als polternder Gemütsart ; als hierauf eine Pastete kam , schlug sie die Hände über dem Kopfe zusammen und versicherte , sie esse gewiß nichts davon , es wäre schade dafür . Den Schluß machte ein gebratener Hase , den der Oheim gesendet hatte . Diesen , ermahnte die Frau , sollten wir unangetastet lassen und auf den zweiten Feiertag versparen , es sei nun schon mehr als genug ; trotzdem aßen wir alle mit trefflichem Appetit und saßen lange bei Tisch , aufs beste unterhalten von der armen Frau , welche die Tischreden mit der Erzählung ihres Schicksales durchflocht und die Schleusen ihres Herzens weit öffnete . Sie hatte vor langer Zeit einmal ein Jahr lang einen nichtsnutzigen Mann gehabt , der in alle Welt gegangen mit Hinterlassung eines Sohnes , welchen sie mit großer Not so weit gebracht , daß er als Geselle bei Dorfschneidern sich kümmerlich umhertreiben konnte , während sie in der Stadt ihr Brot mit Wassertragen , Waschen und solchen Dingen verdienen mußte . Schon die Beschreibung ihres Mannes , des Lumpenbundes , wie sie ihn nannte , machte uns höchlich lachen , doch noch mehr das Verhältnis , in welchem sie zu ihrem Sohne stand . Während sie ihn als eine Frucht des Lumpenhundes mit der größten Verachtung bezeichnete , war derselbe doch der einzige Gegenstand ihrer Liebe und ihrer Sorge , so daß sie fortwährend von ihm sprach . Sie gab ihm alles , was sie irgend konnte , und gerade die Kleinheit dieser Gaben , die für sie so viel waren , mußte uns rühren und zugleich zum Lachen reizen , wenn sie die » Opfer « , welche sie fortwährend bringe , mit gutmütiger Prahlerei aufzählte . Letzte Ostern , erzählte sie , habe er ein rot und gelbes Kattunfoulard von ihr erhalten , auf Pfingsten ein Paar Schuh , und zu Neujahr hätte sie ihm ein Paar wollene Strümpfe und eine Pelzkappe bereit , dem miserablen Kerl , dem Knirps , dem Milchsuppengesicht ! Seit drei Jahren hätte er an zwei Louisdor nach und nach von ihr empfangen , der Säuberling , die elende Krautstorze . Aber für alles müsse er ihr eine Bescheinigung zustellen , denn , so wahr sie lebe , müsse ihr Mann , der Landstreicher , ihr jeden Liard ersetzen , wenn er sich nur einmal sehen ließe . Die Bescheinigungen ihres Sohnes , des Stuhlbeines , seien sehr schön , denn derselbe könne besser schreiben als der eidgenössische Staatskanzler , auch blase er die Klarinette gleich einer Nachtigall , daß man weinen müsse , wenn man ihm zuhöre . Allein er sei ein ganz miserabler Bursche , denn nichts gedeihe bei ihm , und so viel Speck und Kartoffeln er auch verschlinge , wenn er mit seinem Meister bei den Bauern auf Kundschaft gehe , nichts helfe es , und er bleibe mager , grün und bleich wie eine Rübe . Einmal habe er die Idee gehabt zu heiraten , da er nun doch dreißig Jahr alt sei . Da sie aber nun gerade ein Paar Strümpfe für ihn fertig gehabt , habe sie selbige unter den Arm genommen , auch eine Wurst gekauft , und sei auf das Dorf hinausgerannt , um ihm die saubere Idee auszutreiben . Bis er die Wurst fertig gegessen , habe er auch sich endlich in sein Schicksal ergeben , und nachher habe er noch auf das schönste die Klarinette geblasen . Er könne nähen wie der Teufel , so wie auch sein Vater nicht auf den Kopf gefallen sei und die besten Garnhäspel zu machen verstehe weit und breit ; allein es wäre einmal ein böses Blut in diesen verteufelten Burschen , und daher müsse der junge Säuberling im Zaume gehalten und mit dem Heiraten vorsichtig verfahren werden . Sie lobte das Essen unaufhörlich und pries jeden Bissen mit den überschwenglichsten Worten , nur bedauernd , daß sie ihrem Galgenstrick nichts davon geben könne , obschon er es nicht verdiene . Dazwischen brachte sie die Geschichte von drei oder vier Meisterfamilien an , bei denen ihr Söhnchen gearbeitet , die unschuldigen Zerwürfnisse mit denselben und lustige Vorfälle , welche sich in den Dörfern ereignet , wo Meister und Geselle geschneidert hatten , so daß die Schicksale einer großen Menge unser Mahl würzten , ohne daß diese etwas davon ahnte . Nach dem Essen nahm die Frau , durch ein paar Gläser Wein lustig geworden , meine Flöte und suchte darauf zu blasen , gab sie dann mir und bat mich , einen Tanz aufzuspielen . Als ich dies tat , faßte sie ihre Sonntagsschürze und tanzte einmal zierlich durch die Stube herum , wir kamen aus dem Lachen nicht heraus und waren alle höchst zufrieden . Sie sagte , seit ihrer Hochzeit habe sie nicht mehr getanzt , es sei doch der schönste Tag ihres Lebens , wennschon der Hochzeiter ein Lumpenhund gewesen ; und am Ende müsse sie dankbar bekennen , daß der liebe Gott es immer gut mit ihr gemeint und für ihr Brot gesorgt , auch ihr noch jederzeit eine fröhliche Stunde gegönnt habe ; so hätte sie noch gestern nicht gedacht , daß sie einen so vergnügten Weihnachtstag erleben würde . Dadurch wurden die beiden Frauen veranlaßt , ernsthaftere und zufriedene Betrachtungen anzustellen , indessen ich Gelegenheit hatte , einen Blick in das Leben einer Witwe zu werfen , welche aus ihrem Sohne einen Mann machen möchte und hiezu nichts tun kann , als demselben Strümpfe stricken . Auch mußte ich gestehen , daß meine Lebensverhältnisse , welche mir oft arm und verlassen schienen , wahrhaftes Gold waren im Vergleich zu der dürftigen Verlassenheit und Getrenntheit , in welcher die Witwe und ihr armer magerer Sohn lebten und die mir wie schlechtes Blei vorkamen . Achtes Kapitel Einige Wochen nach Neujahr , als ich eben den Frühling herbeiwünschte , erhielt ich vom Dorfe aus die Kunde , daß mehrere Ortschaften jener Gegend sich verbunden hätten , dieses Jahr zusammen die Fastnachtsbelustigungen durch eine großartige dramatische Schaustellung zu verherrlichen . Die ehemalige katholische Faschingslust hat sich nämlich als allgemeine Frühlingsfeier bei uns erhalten , und seit einer Reihe von Jahren haben sich die derben Volksmummereien nach und nach in vaterländische Aufführungen unter freiem Himmel verwandelt , an welchen erst nur die reifere Jugend , dann aber auch fröhliche Männer teilnahmen ; bald wurde eine Schweizerschlacht dargestellt , bald eine Handlung aus dem Leben berühmter Schweizerhelden , und nach dem Maßstabe der Bildung und des Wohlstandes einer Gegend wurden solche Aufzüge mit mehr oder weniger Ernst und Aufwand vorbereitet und ausgeführt . Einige Ortschaften waren schon berühmt und jedesmal stark besucht durch die selben , andere suchten es zu werden . Mein Heimatdorf war nebst ein paar anderen Dörfern von einem benachbarten Marktflecken eingeladen worden zu einer großen Darstellung des Wilhelm Tell , und infolgedessen war ich wieder durch meine Verwandten aufgefordert worden , hinauszukommen und an den Vorbereitungen teilzunehmen , da man mir manche Einsicht und Fertigkeit besonders als Maler zutraute , um so mehr , als unser Dorf in einer fast ausschließlichen Bauerngegend lag und in solchen Dingen wenig Gewandtheit besaß . Ich war vollständig Herr meiner Zeit , auch war eine Unterbrechung zu solchem Zwecke zu sehr im Geiste meines Vaters , als daß die Mutter dagegen Bedenken erhoben hätte ; also ließ ich es mir nicht zweimal sagen und ging jede Woche für einige Tage hinaus , wobei mir schon das stete Wandern zu dieser Jahreszeit , manchmal durch die schneebedeckten Felder und Wälder , die größte Freude machte . Ich sah nun das Land auch im Winter , die Winterbeschäftigungen und Winterfreuden der Landleute und wie dieselben dem erwachenden Frühling entgegengehen . Man legte der Aufführung Schillers Tell zugrunde , welcher in einer Volksschulausgabe vielfach vorhanden war und welchem nur die Liebesepisode zwischen Berta von Bruneck und Ulrich von Rudenz fehlte . Das Buch ist den Leuten sehr geläufig , denn es drückt auf eine wunderbar richtige Weise die schweizerische Gesinnung aus , und besonders der Charakter des Tell entspricht ganz der Wahrheit und dem Leben , und wenn Börne darin nur ein selbstsüchtiges und philiströses Ungeheuer finden konnte , so scheint mir dies ein Beweis zu sein , wie wenig die krankhafte Empfindsamkeit der Unterdrückten geeignet ist , die Art und Weise unabhängiger Männer zu begreifen . Weitaus der größere Teil der Teilnehmer sollte als Hirten , Bauern , Fischer , Jäger das Volk darstellen und in seiner Masse von Schauplatz zu Schauplatz ziehen , wo die Handlung vor sich ging , getragen durch solche , welche sich zu einem kühnen Auftreten für berufen hielten ; in den Reihen des Volks nahmen auch junge Mädchen teil , sich höchstens in den gemeinschaftlichen Gesängen äußernd , während die handelnden Frauenrollen blühenden Jünglingen übertragen waren . Es sollte nur vorgeführt werden , was wirklich geschichtlich ist , mit Weglassung aller Vorbereitungen und dramatischen Zwischenspiele , das Geschichtliche aber mit dem Schillerschen Personal und Dialog , außerdem aber auch seine poetische Färbung über dem Ganzen walten . Der Schauplatz der eigentlichen Handlung war auf alle Ortschaften verteilt , je nach ihrer Eigentümlichkeit , so daß dadurch ein festliches Hin- und Herwogen der kostümierten Menge und der Zuschauermassen bedingt wurde . Ich erwies mich als brauchbar bei den Vorbereitungen und wurde mit manchen Geschäften betraut , welche in der Stadt zu besorgen waren . Ich stöberte alle Magazine durch , wo sich etwa Flitter- und Maskenwerk vorfinden mochte , und suchte das Tauglichste vorzuschlagen , besonders da andere Beauftragte geneigt waren , zuerst nach dem Grellen und Auffallenden zu greifen . Ja , ich kam sogar mit den Beamten der Republik in Berührung und fand Gelegenheit , mich als einen tapfern Vertreter meiner Landesgegend zu zeigen , da mir die Auswahl und Übernahme der alten Waffen übergeben wurde , welche die Regierung unter der Bedingung treuer Sorgfalt bewilligte . Weil aber gerade diesmal mehrere ähnliche Feste stattfanden , so mußten beinahe alle Vorräte geräumt werden , und nur die wertvollsten Trophäen , an welche sich bestimmte Erinnerungen knüpften , blieben zurück . Überdies stritten sich die Abgeordneten der Gemeinden um die Waffen , alle wollten dasselbe haben , obschon es nicht für alle sich schickte ; eine Anzahl großer Schlachtschwerter und Morgensterne , welche ich für meine Eidgenossen ausgesucht , wollte mir von einem Gegner durchaus abgerungen werden , ungeachtet ich ihm vorstellte , daß er für den Schwabenkrieg , aus welchem seine Leute eine Schlacht spielen wollten , ganz anderer Gegenstände bedürfe . Ich berief mich endlich auf den Zeugwart , welcher mir recht gab , und der ansehnliche starke Wirt aus den Dörfern , welcher hinter mir stand , um die Sachen wegzuführen , triumphierte und respektierte mich freundlich . Allein die Gegner hielten mich nun für einen gefährlichen Burschen , der das Beste vorwegnähme , und gingen mir auf Schritt und Tritt nach in dem alten Zeughause , gerade das ausersehend , was ich ins Auge faßte , so daß ich nur mit der äußersten Beharrlichkeit noch einen Wagen voll Eisenhüte und Hellebarden für meine reisigen Tyrannenknechte zur Seite brachte . So kam ich mir sehr wichtig vor , als ich mit den Aufsehern das Verzeichnis der verabfolgten Sachen feststellte , obgleich der Wirt der eigentliche Gewährsmann war und dasselbe unterschrieb . Dann hatte ich wieder auf dem Lande vollauf zu tun und begab mich mit einigen Paketen Farbstoff und mächtigen Pinseln hinaus , um ein schönes neues Bauernhaus an der Straße noch völlig in Stauffachers Wohnung umzuwandeln mittelst bunter Zieraten und Sprüche ; denn nicht nur sollte da die Unterredung zwischen Stauffacher und seinem Weibe stattfinden , sondern der Zwingherr vorher selbst heranreiten und seine böse Harangue loslassen . Im Hause des Oheims war ich ein eigentliches Faktotum und eifrig bestrebt , die Kleidung der Söhne so historisch als möglich zu machen und die Töchter , welche sich sehr modern aufputzen wollten , von solchem Beginnen abzuhalten . Mit Ausnahme der Braut wollten sich alle Kinder des Oheims beteiligen , und sie suchten auch Anna zu überreden , welche überdies von dem leitenden Ausschusse dringend eingeladen war . Allein sie wollte sich durchaus nicht dazu verstehen , ich glaube nicht nur aus Zaghaftigkeit , sondern auch ein wenig aus Stolz , bis der Schulmeister , für diese Veredlung der alten roheren Spiele durchaus begeistert , sie entschieden aufforderte , auch das Ihrige beizutragen . Nun war aber die große Frage , was sie vorstellen sollte ; ihre Feinheit und Bildung sollte dem Feste zur Zierde gereichen , während doch alle hervorragenden Frauenrollen jungen Männern zuteil geworden . Ich hatte mir aber längst etwas für sie ausgedacht und überzeugte bald meine Basen und den Schulmeister von der Trefflichkeit meines Vorschlages . Obgleich die Rolle der Berta von Bruneck gänzlich wegfiel , so konnte sie doch als stumme Person das ritterliche Gefolge Geßlers verherrlichen . Dieses war sonst vom Volkshumor ziemlich schofel und wild , und besonders der Tyrann sehr fratzenhaft und lächerlich dargestellt worden ; dagegen hatte ich nun durchgesetzt , daß der Aufzug des Landvogts recht glänzend und herrisch sein müsse , weil der Sieg über einen elenden Widersacher nichts Absonderliches sei . Ich selbst hatte den Rudenz übernommen , auch sein Verhältnis zum Attinghausen fiel weg , und erst am Schlusse hatte er zum Volke überzugehen , so daß mir viel Freiheit und Zeit zu mancher Aushilfe und vor allem wenig zu sprechen blieb . Einer der Vettern machte Rudolf den Harras , und Anna konnte also sich im Schutze von zwei Verwandten befinden . Zufällig war die Originalausgabe von Schiller gar nicht bekannt im Hause , und selbst der Schulmeister las diesen Dichter nicht , weil seine Bildung nach anderen Seiten hinstrebte ; also ahnte kein Mensch die Beziehungen , welche ich in meinen Plan legte , und Anna ging arglos in die ihr gestellte Falle . Das Schwerste war , sie zum Reiten zu bringen ; ein kugelrunder gemütlicher Schimmel stand im Stalle meines Oheims , welcher nie jemandem ein Haar gekrümmt hatte und auf welchem der Oheim über Land zu reiten pflegte . Auf dem Boden befand sich ein vergessener Damensattel aus der alten Zeit ; dieser wurde mit rotem Plüsch neu bezogen , welchen man einem ehrwürdigen Lehnstuhle entnahm , und als Anna zum ersten Mal sich darauf setzte , ging es ganz trefflich , besonders da der reitkundige Nachbar Müller einige Anleitung gab , und Anna fand zuletzt großes Vergnügen an dem guten Schimmel . Eine mächtige hellgrüne Damastgardine , welche einst ein Himmelbett umgeben hatte , wurde zerschnitten und in ein Reitkleid umgewandelt ; auch besaß der Schulmeister als ein altes Erbstück eine Krone von silbernem Flechtwerke , wie sie ehemals die Bräute getragen ; Annas goldglänzendes Haar wurde nur zunächst der Schläfe zierlich geflochten , unterhalb aber in seiner ganzen Länge frei ausgebreitet und dann die Krone aufgesetzt , auch ein breites goldenes Halshand umgetan , auf meinen Rat einige Ringe über die weißen Handschuhe gesteckt , und als sie zum ersten Mal diesen ganzen Anzug probierte , sah sie nicht nur aus wie ein Ritterfräulein , sondern wie eine Feenkönigin , und das ganze Haus war in ihrem lieblichen Anblick verloren . Aber jetzt weigerte sie sich aufs neue , an dem Spiele teilzunehmen , weil sie sich selber so fremd vorkam , und wenn nicht die ganze Bevölkerung in ihren ehrbarsten Familien bei der Sache gewesen wäre , so hätte man sie nicht dazu gebracht Unterdessen hatte ich nicht geruht und mit meinen Herren Vettern ein wenig ins Sattlerhandwerk gepfuscht , indem wir die nicht sehr sauberen Zügelriemen des Oheims mit rotem Seidenzeuge umnähten , welches wir von einem Juden billig gekauft ; denn Annas Hände sollten das alte Lederwerk nicht unmittelbar berühren . Meinen eigenen Anzug hatte ich längst in Ordnung gebracht und denselben grün und jägermäßig gewählt , da dadurch eine größere Einfachheit möglich war für meine geringen Mittel . Doch war er noch erträglich getreu , eine große zimmetfarbene Decke , ohne Beschädigung in einen faltenreichen Mantel umgewandelt , verhüllte die Unvollkommenheiten ; auf dem Rücken trug ich eine Armbrust und auf dem Kopfe einen grauen Filz . Allein da der Mensch immer eine schwache Seite haben muß , so schnallte ich den langen Toledodegen um aus der Dachkammer ; ich hatte alle anderen zu historischer Treue ermahnt , hatte zeitgemäße Waffen in Menge selbst aus dem Zeughause geholt , und doch wählte ich diesen spanischen Bratspieß , ohne daß ich mir heute klarmachen kann , was ich mir dabei dachte ! Der wichtige und ersehnte Tag brach an mit dem allerschönsten Morgen ; der Himmel war ganz wolkenlos , es war in diesem Hornung schon so warm , daß die Bäume anfingen auszuschlagen und die Wiesen grünten . Mit Sonnenaufgang , als eben der Schimmel an dem funkelnden Flüßchen stand und gewaschen wurde , tönten Alpenhörner und Herdengeläute durch das Dorf herab , und ein Zug von mehr als hundert prächtigen Kühen , bekränzt und mit Schellen versehen , kam heran , begleitet von einer großen Menge junger Bursche und Mädchen , um das Tal hinauf zu ziehen in die anderen Dörfer und so eine Bergfahrt vorzustellen . Die Leute hatten nur ihre altherkömmliche Sonntagstracht anzuziehen gebraucht , mit Ausschluß aller eingedrungenen Neuheiten und Hinzufügung einiger Prachtstücke ihrer Eltern und Großeltern , um ganz festlich und malerisch auszusehen , und der stärkste Anachronismus waren die kurzen Pfeifen , welche die Bursche unbekümmert im Munde trugen . Die frischen Hemdärmel der Jünglinge und Mädchen , ihre roten Westen und blumigen Mieder leuchteten weithin in frohem Gewimmel , und als sie vor unserm Hause und der benachbarten Mühle anhielten und unter den Bäumen plötzlich das bunteste Gewühl entstand , von Gesang , Jauchzen und Gelächter begleitet , als sie mit lautem Grüßen einen Frühtrunk verlangten , da fuhren wir vom reichlichen Frühstück , um welches wir , mit Ausnahme Annas , schon angekleidet versammelt waren , lustig auf , und die Freude überraschte uns in ihrer Wirklichkeit viel gewaltiger und feuriger , als wir bei aller Erwartung darauf gefaßt waren . Schnell begaben wir uns mit den bereitgehaltenen Weingefäßen und einer Menge Gläser in das Gewimmel , der Oheim und seine Frau mit großen Körben voll ländlichen Backwerkes . Dieser erste Jubel , weit entfernt , eine frühe Erschöpfung zu bedeuten , war nur der sichere Vorbote eines langen Freudentages und noch herrlicherer Dinge . Die Muhme prüfte und pries das schöne Vieh , streichelte und kraute berühmte Kühe , welche ihr wohlbekannt waren , und machte tausend Späße mit dem jungen Volke ; der Oheim schenkte unaufhörlich ein , seine Töchter boten die Gläser herum und suchten die Mädchen zum Trinken zu überreden , während sie wohl wußten , daß ihr ehrsames Geschlecht am frühen Morgen keinen Wein trinkt . Desto munterer sprachen die Hirtinnen den schmackhaften Kuchen zu und versorgten mit denselben die vielen Kinder , welche nebst ihren Ziegen den Zug vergrößerten . In der Mitte des Gedränges stießen wir auf die Müllersleute , welche den Feind von der anderen Seite her angegriffen hatten , angeführt vom jungen Müller , der als geharnischter Reiter schwer einherklirrte und sein verjährtes Eisengewand andächtig verehren und betasten ließ . Auf einmal zeigte sich Anna , schüchtern und verschämt ; doch ihre Zaghaftigkeit ward von der Gewalt der allgemeinen Freude sogleich vernichtet , und sie war in einem Augenblicke wie umgewandelt Sie lächelte sicher und wohlgemut , ihre Silberkrone blitzte in der Sonne , ihr Haar wehte und flatterte schön im Morgenwind , und sie ging so anmutig und sicher in ihrem aufgeschürzten Reitkleide , das sie mit den ringgeschmückten Händen hielt , als ob sie ihr Leben lang ein solches getragen hätte . Sie mußte überall herumgehen und wurde mit staunender Bewunderung begrüßt . Endlich aber bewegte sich der Zug weiter , und mit seinem Aufbruche teilte sich auch unser Hausstand . Die zwei jüngeren Basen und zwei ihrer Brüder schlossen sich demselben an , die verlobte Schwester und der Schulmeister setzten sich in ein leichtes Fuhrwerk , um als Zuschauer ihren eigenen Weg zu fahren und uns gelegentlich zu treffen , auch um Anna aufzunehmen , im Falle ihr die Sache nicht zusagen würde . Der Oheim und die Frau blieben zu Hause , um andere Herumschwärmer zu bewirten und abwechselnd etwa sich in der Nähe umzusehen . Anna , Rudolf der Harras und ich aber setzten uns nun zu Pferde , eskortiert von dem klirrenden Müller . Dieser hatte für mich unter seinen Pferden einen ehrlichen Braunen ausgesucht und über den Sattel zu mehrerer Sicherheit einen Schafpelz geschnallt . Doch kümmerte ich mich im mindesten nicht um die Reitkunst , und da auch kein Mensch sich um dergleichen bekümmerte , so schwang ich mich ganz unbefangen auf den Braunen und tummelte denselben mit einer Keckheit herum , die ich jetzt gar nicht mehr begreife . Auf dem Lande kann jedermann reiten , der von einem dressierten Pferde herunterfallen würde . So ritten wir stattlich das Dorf hinauf und gaben nun selbst ein Schauspiel für die Leute , welche zurückblieben , und für eine Menge Kinder , welche uns nachliefen , bis eine andere Gruppe ihre Auf- merksamkeit erregte . Vor dem Dorfe sahen wir es bunt und schimmernd von allen Seiten her sich bewegen , und als wir eine Viertelstunde weit geritten waren , kamen wir an eine Schenke an einer Kreuzstraße , vor welcher die sechs barmherzigen Brüder saßen , welche den Geßler wegtragen sollten . Dies waren die lustigsten Bursche der Umgegend , hatten sich unter den Kutten ungeheure Bäuche gemacht und schreckliche Bärte von Werg umgebunden , auch die Nasen rot gefärbt ; sie gedachten den ganzen Tag sich auf eigene Faust herumzutreiben und spielten gegenwärtig Karten mit großem Hallo , wobei sie andere Spielkarten aus den Kapuzen zogen und statt der Heiligen an die Leute austeilten . Auch führten sie große Proviantsäcke mit sich und schienen schon ziemlich angeglüht , so daß wir für die Feierlichkeit ihrer Verrichtung bei Geßlers Tod etwas besorgt wurden . Im nächsten Dorf sahen wir den Arnold von Melchthal ruhig einem Stadtmetzger einen Ochsen verkaufen , wozu er schon seine alte Tracht trug ; dann kam ein Zug mit Trommel und Pfeife und mit dem Hut auf der Stange , um in der Umgegend das höhnische Gesetz zu verkünden . Denn dies war das Schönste bei dem Feste , daß man sich nicht an die theatralische Einschränkung hielt , daß man es nicht auf Überraschung absah , sondern sich frei herumbewegte und wie aus der Wirklichkeit heraus und wie von selbst an den Orten zusammentraf , wo die Handlung vor sich ging . Hundert kleine Schauspiele entstanden dazwischen , und überall gab es was zu sehen und zu lachen , während doch bei den wichtigen Vorgängen die ganze Menge andächtig und gesammelt zusammentraf . Schon war unser Zug ansehnlich gewachsen , um mehrere Berittene und auch durch Fußvolk verstärkt , welche alle zu dem Ritterzuge gehörten ; wir kamen an eine neue Brücke , die über einen großen Fluß führt ; von der anderen Seite näherte sich ein großer Teil der Bergfahrt , um das Vieh nach Hause zu bringen und nachher wieder als Volk zu erscheinen . Nun war ein knauseriger Zolleinnehmer auf der Brücke , welcher durchaus von Kühen und Pferden den Zoll erheben wollte , gemäß dem Gesetze ; er hatte den Schlagbaum heruntergelassen und ließ sich durchaus nicht bereden , diesmal von seiner Forderung abzustehen , indem man jetzt nicht eingerichtet und aufgelegt sei , diese Umständlichkeiten zu befolgen . Es entstand ein großes Gedränge , ohne daß man jedoch wagte , mit Gewalt durchzukommen . Da erschien unversehens der Tell , welcher mit seinem Knaben einsam seines Weges ging . Es war ein berühmter fester Wirt und Schütze , ein angesehener und zuverlässiger Mann von etwa vierzig Jahren , auf welchen die Wahl zum Tell unwillkürlich und einstimmig gefallen war . Er hatte sich in die Tracht gekleidet , in welcher sich das Volk die alten Schweizer ein für allemal vorstellt , rot und weiß mit vielen Puffen und Litzen , rot und weiße Federn auf dem eingekerbten rot und weißen Hütchen . Überdies trug er noch eine seidene Schärpe über der Brust , und wenn dies alles nichts weniger als dem einfachen Weidmann angemessen war , so zeigte doch der Ernst des Mannes , wie sehr er das Bild des Helden in seinem Sinn durch diesen Pomp ehrte ; denn in diesem Sinne war der Tell nicht nur ein schlichter Jäger , sondern auch ein politischer Schutzpatron und Heiliger , der nur in den Farben des Landes , in Sammet und Seide , mit wallenden Federn denkbar war . Der Schnitt seines Kleides war aus dem sechszehnten Jahrhundert , so wie er überhaupt als alte Schweizertracht noch bei dem Volke gilt und aus den letzten großen Heldentagen der Schweizer herrührt . Sie pflegten sich mit einer Last von Federn zu schmücken und sonst großen Aufwand zu treiben aus Beute und fremdem Gold und gingen so in den Tod für fremde Herren . Aber in seiner braven Einfalt ahnte unser Tell die Ironie seines prächtigen Anzuges nicht ; er trat mit seinem eigenen Knaben , der wie eine Art Genius aufgeputzt war , besonnen auf die Brücke und fragte nach der Verwirrung . Als man ihm die Gründe angab , setzte er dem Zöllner auseinander , daß er gar kein Recht habe , den Zoll zu erheben , indem sämtliche Tiere nicht aus der Ferne kämen oder dahin gingen , sondern als im gewöhnlichen Verkehr zu betrachten seien . Der Zollmann aber , erpicht auf die vielen Kreuzer , beharrte spitzfindig darauf , daß die Tiere in einem großen Zuge los und ledig auf der Straße getrieben würden und gar nicht vom Felde kämen , also er den Zoll zu fordern berechtigt sei . Hierauf faßte der wackere Tell den Schlagbaum , drückte ihn wie eine leichte Feder in die Höhe und ließ alles durchpassieren , die Verantwortung auf sich nehmend . Die Bauern ermahnte er , sich zeitig wieder einzufinden , um seinen Taten zuzusehen , uns Rittersleute aber grüßte er kalt und stolz , und er schien uns auf unseren Pferden für wirkliches Tyrannengesindel anzusehen , so sehr war er in seine Würde vertieft . Endlich gelangten wir in den Marktflecken , welcher für heute unser Altorf war . Als wir durch das alte Tor ritten , fanden wir das winzige Städtchen , welches nur einen mäßigen Platz bildete , schon ganz belebt , voll Musik , Fahnen und Tannenreiser an allen Häusern . Eben ritt Herr Geßler hinaus , um in der Umgegend einige Untaten zu begehen , und nahm den Müller und den Harras mit ; ich stieg mit Anna vor dem Rathause ab , wo die übrigen Herrschaften versammelt waren , und begleitete sie in den Saal , wo sie von dem Ausschusse und den versammelten Gemeinderatsfrauen bewunderungsvoll begrüßt wurde . Ich war hier nur wenig bekannt und lebte nur in dem Glanze , welchen Anna auf mich warf . Jetzt kam auch der Schulmeister angefahren mit seiner Begleiterin ; sie gesellten sich zu uns , nachdem das Gefährt notdürftig untergebracht , und erzählten , wie soeben auf der Landschaft dem jungen Melchthal die Ochsen vom Pfluge genommen , er flüchtig geworden und sein Vater gefangen worden sei , wie die Tyrannen überhaupt ihren Spuk trieben und vor dem Stauffacherschen Hause merkwürdige Szenen stattgefunden hätten vor vielen Zuschauern . Diese strömten auch bald zum Tore herein ; denn obgleich nicht alle überall sein wollten , so begehrte doch die größere Zahl die ehrwürdigen und bedeutungsvollen Hauptbegebenheiten zu schauen und vor allem den Tellenschuß . Bereits sahen wir auch aus dem Fenster des Rathauses die Spießknechte mit der verhaften Stange ankommen , dieselbe mitten auf dem Platze aufpflanzen und unter Trommelschlag das Gesetz verkünden . Der Platz wurde jetzt geräumt , das sämtliche Volk , mit und ohne Kostüm , an die Seiten verwiesen und vor allen Fenstern , auf Treppen , Galerien und Dächern wimmelte die Menge . Bei der Stange gingen die beiden Wachen auf und ab , jetzt kam der Tell mit seinem Kanben über den Platz gegangen , von rauschendem Beifall begrüßt ; er hielt das Gespräch mit dem Kinde nicht , sondern wurde bald in den