- » Nichts weniger als das . « » So muß ich den Herrn auffordern , sich etwas deutlicher zu expliciren ! « » Mit dem größten Vergnügen . « Der Wachthabende hatte , um seine Autorität aufrecht zu erhalten , sich auf den Schemel nieder gelassen , was der Arrestat und der Rittmeister schon vor ihm gethan . Auch der Kornet schien Willens , dem Beispiel zu folgen , als Bovillard mit einer raschen Schwenkung den vierten und letzten Schemel vor dem Wachthabenden niedersetzte und sich selbst darauf : » Ich komme um einer Ehrensache halb . « Alle sahen unwillkürlich den Sprecher , dann sich unter einander an . » In solchen Angelegenheiten pflegt ein Kavalier nicht selbst zu kommen , sondern durch einen Vermittler , - wenn überhaupt davon die Rede sein kann , « setzte der Wachthabende trocken hinzu . » Diesen Vermittler hoff ' ich hier zu finden . « » Donnerwetter ! « brummte der Arrestat . » Glaubt der Herr da , oder wer ' s ist , den ich nicht kenne , daß wir hier solches Gelichters sind ? Vermitteln ! Pestilenz ! Wer mir das anböte - « » Ist wohl ein Mißverständniß , « sagte der Rittmeister . » Gewiß , « fuhr Bovillard ruhig fort , » wenn die Herren an Beilegen denken . Ich will nichts beigelegt wissen , da ich vielmehr einen Gang auf Leben und Tod vorhabe . Wo man a tempo auf zehn Schritt schießt , pflegt der Tod näher zu sein als das Leben . Diese Rücksicht bestimmt auch mich , über andere Rücksichten hinweg zu sehen . « » So weit schon ? Was wollen Sie denn noch ? « » Nur einen Sekundanten . Auf morgen Abend steht die Promenade an . Die Bekannten , auf die ich fest gerechnet , haben mich nachträglich im Stich gelassen , Freunde habe ich nicht , also muß ich an - Nichtfreunde mich wenden . Unter den Civilisten war meine Bemühung vergebens , ich wende mich daher an das Militär . « » Wie - ich meine , wie kommen Sie zu uns ? « » Weil Sie auf der Wache sind . - Meine Herren , ich betrachte Sie nicht als Individuen und Personen , sondern als Vertreter Ihres Standes , und Ihren Stand als den , welcher die Ehre zu vertreten hat . In einer Universitätsstadt würde ich mich an die Senioren der Landsmannschaften gewandt haben , hier wende ich mich an Sie . - Auf der Wache stehen Sie wie im Felde . Käme ein feindlicher Offizier zu Ihnen , um eine Ehrenangelegenheit abzumachen , so würden Sie als Kavaliere und Offiziere doch keinen Augenblick anstehen , die nöthigen Arrangements zu treffen . « Die Offiziere sahen sich wieder halb befremdet , halb zustimmend an . Der Rittmeister strich vergnügt seinen Bart. Der Wachthabende sagte nach einer Pause : » In solchen Dingen kommt doch Alles auf die Verhältnisse und Personen an , mit denen man zu thun hat . « » Gewiß , « entgegnete Bovillard , » und ich habe keinen Grund , vor den Herren den Namen meines Adversaire zu verschweigen , Ihr Wort vorausgesetzt , daß Sie Namen und Sache bis zum Austrag verschwiegen halten wollen . « Der Wachthabende blickte sich nach seinen Kamenden um : » Ich kann in ihrem Namen die Versicherung geben . « » Was kaum noth thäte . Die Herren würden doch nicht eine Ehrensache rückgängig machen wollen ? « » Hol ' mich der Teufel , nein ! « brach es von den Lippen des Rittmeisters , derselbe freudig verächtliche Ausdruck stand auf den Gesichtern der Andern . » Mein Adversaire ist der Ihnen wahrscheinlich nicht unbekannte Legationsrath von Wandel . « » Der ! « Alle sahen wieder befriedigt , fast vergnügt ihn an . » Die Sache ist kontrahirt , und er hat ' s angenommen ? « » Kontrahirt , angenommen , Ort , Waffen und Zeit bestimmt . « Der Werth des Fremden war in der Wachtstube sichtlich gestiegen . Der Wachthabende hatte sich wieder vom Schemel erhoben . » Meine Herren , « sagte er , sich umschauend , » das ist ein eigener Kasus . « » Gegen den Kerl , der um den Bonapartegesandten schwänzelt , muß man Jedem beistehn , « meinte der Kornet . » Man muß ihn aber doch auch kennen , « sagte der Arrestat . » Es kommt auf die Verhältnisse und Personen an , mit denen man zu thun hat , äußerten Herr Bruder vorhin . « » Der Grund Ihres Disputes ist ? « fragte der Wachthabende . » Gründe unter Kavalieren ! « rief Bovillard jetzt auch aufstehend . Die Hand in der Brust verneigte er sich leicht . - » Verzeihung , meine Herren , wenn ich mich getäuscht hatte . Es war nicht meine Absicht Sie zu inkommodiren . « Es war aber jetzt durchaus nicht die Absicht der Andern , sie wollten sich inkommodiren lassen . » Es fragt sich eben nur mit wem wir - « der Redner stockte . Bovillard fiel ein : » Die Ehre haben zu thun zu haben . Sehr begreiflich . Da ich nicht so glücklich bin von Ihnen gekannt zu sein , wünschen Sie meinen Stammbaum einzusehen . « Das Wort Stammbaum schien wieder eine Wirkung hervorzubringen . Dennoch blieb dem Wachthabenden die Frage im Munde stecken . Der Arrestat fragte über den Tisch : » Sie heißen - Bovillard ? « » Wie meine Ahnen . « » Da war auch mal hier ein Pastetenbäcker , pâtissier et confiseur Louis Bovillard . « » Ich habe die Ehre sein Urenkel zu sein . Man rühmt ihn als einen der trefflichsten Männer in unserm Hause , ein Charakter und seltener Esprit . « » Es gab aber auch unter den Refugiés , « fiel der Wachthabende ein , » einen Sieur Louis Bertolet Fulcrand de Bovillard , der als Maitre de Cerisé in den Listen eingetragen steht . « » War auch mein lieber Urgroßvater , ein excellenter Mann . « » Wie passt das zusammen ? « » Sie waren ein und dieselbe Person . « » Mein Herr , wir sprechen hier in einer serieusen Angelegenheit . « » Die serieuseste von der Welt . Mein Ahnherr konnte die Güter von Cerisé nicht mitnehmen , als er vor Louis ' Dragonern bei Nacht und Nebel über die Grenze schlüpfte , aber sein Talent Pasteten zu backen , hat er mitgebracht . Er befand sich auch ganz wohl dabei . Ein jovialer Mann . Ich bin nicht stolz auf Verdienste meiner Vorfahren , die mir abgehen , aber ich darf mit Ruhm sagen , daß seine Konfituren am Hofe des nachmaligen Königs Friedrich im besten Renommee standen . Sonst wäre er auch nicht auf kurfürstlicher Durchlaucht Befehl mit nach Königsberg beordert worden . « » Er ward mit zur Krönung befohlen ! « » Und mit zur Tafel gezogen ? « fragte der Arrestat . » Allerdings . Die große Pastete an der Krönungstafel war sein Werk . Sie nimmt in der Geschichte keinen unrühmlichen Platz ein . Wir besitzen in der Familie eine Abbildung davon . Wenn es den Herren gefällig wäre , sie zu sehen , stehe ich immer zu Diensten . « » Und in die Pastete hat Ihr Urgroßvater seinen Adel eingebacken ? « » Wie Sie ' s nehmen wollen , Herr Kapitän . Als sie aufgeschnitten ward , kam der bekannte Zwerg heraus . Mein Ahnherr ward gerufen , mit Lob überschüttet . Ihre Majestät , die geistreiche Königin Sophie Charlotte setzte ihm eigenhändig einen kleinen Lorbeerkranz auf . Leibnitz erwähnt seiner und der Pastete in einer Epistel ; Gundling schrieb später eine Abhandlung darüber , auch Morgenstern . « » Und für diese Verdienste - « » Ward er persönlich von der Perrückensteuer befreit . « » Man muß gestehen , Ihre Familie hat eine historische Entrée in unserm Staat gemacht . Aber da Ihre Väter in den Staatsdienst getreten sind , erkannten muthmaßlich die Preußischen Könige durch Briefe Ihren französischen Adel an ? « » Die Bovillards haben nie etwas auf den Briefadel gegeben . Kann man etwas geben , was nicht ist , und etwas vernichten , was ist ? So hat einer meiner Vorfahren gesagt , dem man einige Schwierigkeiten machte , als er aus den Kreuzzügen zurückkehrte . Louis der Heilige sagte lächelnd zu ihm , als er ' s erfuhr : Das kommt mir vor , als wenn Martell Deinen Ahnherrn in der Mohrenschlacht nach seinem Recht gefragt hätte , den Mohren den Schädel einzuschlagen . Mein Ahnherr , sagte Jener zu König Louis , hätte Karl Martell antworten können : Die Römer fragten bei Zülpich nicht danach , als mein Urahn hinter Chlodwig in ihr Speerquarree einhieb . « Bis zu den Kreuzzügen konnten ihm weder die Stiere von Dohleneck und die Kniewitze , noch die Horstenbock und Wolfskehlen genannt zu Ritzengnitz folgen . Aus Besorgniß , daß er sie nicht noch bis zur Schöpfung der Welt inkommodire , erklärte man schnell das Verhör für beendet , und der Rittmeister schätzte es sich zum Vergnügen , den Herrn von Bovillard in seiner Ehrensache mit dem fremden Legationsrath zu begleiten . Bovillard bat den Wachthabenden , ihn mit dem Herrn , den er noch nicht zu kennen die Ehre habe , bekannt zu machen . Er bat es mit Ruhe und feinem Anstande . Mit demselben Anstande erfolgte die Präsentation . » Von einem Offiziere Ihres Rufes konnte ich diese ritterliche Gesinnung erwarten . « » Hol ' mich Der und Jener , « sagte der Rittmeister , » ich freue mich , daß ich Sie anders kennen lerne , als ich - dachte . « » Sei keusch wie Eis , und rein wie Schnee , Du wirst der Verleumdung nicht entgehen , sagte ein Poet zu Ophelia , und es ist auch so geschehen . « » Die sprang ja wohl ins Wasser , « sprach der Rittmeister , den Pallasch umschnallend . » Herr von Bovillard , wir gehen ins Feuer : da wird es anders . « » Hat sich magnifique benommen , ganz als ein Kavalier , « sagte der Wachthabende , als Beide die Stube verlassen . » Man muß es ihm lassen . « Der Arrestat paffte Gedanken in die Luft , die er nicht nöthig fand , in Worten zu äußern . Sie mochten nicht ganz mit denen des Wachthabenden harmoniren . » Donnerwetter ! « rief der Kornet am Fenster . » Sie gehen Arm in Arm ! « » Was soll nur daraus werden ! « » Die Hetzpeitsche kann er nicht mehr bekommen - « » Das kommt davon , wenn man einen leichtsinnigen Onkel hat . « Der neue Kavalier mochte die Gedanken der Herren in der Wachtstube mit empfinden , denn auf der Straße hatte er den Rittmeister gefragt , ob er sich nicht fürchte , in seiner Gesellschaft gesehen zu werden . Der Rittmeister konnte das Wort fürchten nicht leiden , er hatte sich mit einem um so festeren Druck an Bovillards Arm gehängt . » Wer sich schlagen will und zum Sterben bereit ist - « » Ueber den ist die Fahne geschwenkt , « fiel Bovillard ins Wort , » und er ist ehrlich , wie des Scharfrichters Schwert den armen Sünder ehrlich macht . « In der Kaserne , wo Dohleneck wohnte , hatten Beide eine lange Unterhaltung . Unmöglich konnte das Gespräch allein die Arrangements des morgenden Ganges betreffen . Sie schieden mit einem Händedruck , wie Freunde , die sich herzlich über Vieles ausgesprochen haben . Zweiunddreißigstes Kapitel . Iphigenia . Der Unterricht , den Walter im Lupinus ' schen Hause ertheilte , war einige Tage ausgefallen , weil Mamsell Alltag sich unpässlich befand . Doch hatte der Bediente hinzugefügt , es habe nichts zu bedeuten . Walter war zufrieden , obgleich er nie zufriedener war , als wenn an den Gensd ' armenthüren die Glocke schlug , die ihn zur Stunde rief ; er hatte in diesen Tagen seine Arbeit fertig machen können . Adelheid sah heute wirklich noch etwas blaß aus , aber nie hatte Walter sie reizender gesehen . Ein Häubchen umschloß ihre Locken , ein leichtes , bis unter dem Halse schließendes Morgenkleid ihre elastischen Glieder . Den griechischen Schnitt , in den die Geheimräthin sie nöthigte , hatte er nie geliebt . Der schöne Arm erschien ihm heut schöner unter dem faltigen Ueberrock , als wenn er in leuchtender Fülle aus den kurz geschnittenen Aermeln schoß . Sie war ihm rasch entgegen geeilt , sie hatte seine Hand so herzhaft gedrückt , und doch zitterte sie . Sie hatte ihr Guten Morgen nie mit einem so festen Tone gesprochen , und doch war ihre Stimme etwas belegt . Sie hatte ihn herzlich angesehen , und doch sogleich wieder die Augen gesenkt . » Wir haben viel nachzuholen , lieber van Asten , « hatte sie gesagt » darum müssen wir rasch anfangen . « Sie saß am Tisch , er ihr gegenüber . Es war ein wunderschöner Morgen . Die Linden auf dem Hofe spielten im Sonnenschein . Der Schatten der Blätter spielte durch das geöffnete Fenster auf die Tischplatte . Es funkelte auch golden auf den Blättern des Buches . Daher mochte es kommen , daß er sich verlas ; auch sie las oft falsch . Und dazu zwitscherten die Sperlinge , gewohnt am Fenster die Krumen zu stehlen , welche Adelheids Hand ihnen hinstreute , und eine Wespe verirrte sich in die Stube und trieb Unfug , bis man sie mit den Tüchern hinausgescheucht . Es war viel Störung in der heutigen Lektion . Walter schlug vor , das Fenster zu schließen . Adelheid fand die freie Luft so schön , ihr sei noch so beklommen . Aber es würde schon vorübergehen - » ich werde schon Muth bekommen , « setzte sie leiser hinzu . Sie hatten heute die Iphigenia beendet . Adelheid hatte den letzten Akt gelesen . » Sie müssen mir später ein Mal die ganze Iphigenia hinter einander vorlesen , wenn Sie bei voller Stimme sind , « sagte Walter . » Das Gedicht klingt und dringt ganz ins Herz mit Ihrer schönen Stimme . Das Parzenlied - « » Heut könnte ich es nicht lesen , « fiel Adelheid ein , » es ist zu schrecklich . « » Für den schönen Morgen ! Sie haben Recht . Wir müssen uns heut allein mit dem Charakter der Iphigenia beschäftigen . Iphigenia ist der leuchtende Gedanke der Versöhnung , der in der alten Welt wie ein Strahl auf dunklem Meere erscheint , aber er fand noch nicht die eigentliche Verkörperung . Was die griechischen Dichter noch als einen Torso hinstellten , hat der Deutsche , der aus anderer Quelle sein Licht schöpfte , zur Erscheinung gebracht . Dieses Atridengeschlecht - « » Um Gottes Willen , « rief Adelheid , » wie konnten die alten Dichter so etwas ersinnen ! Sie sagten doch , die Griechen hätten immer der Schönheit gehuldigt und selbst dem Hässlichen wussten sie eine Wendung zu geben , daß es das Gefühl nicht verletzte . Wie ist es nun möglich , daß sie solche Greuel erfanden , die doch unmöglich sind ? « » Unmöglich ? « fragte der Lehrer . » Die erste Geschichte des Hellenenthums ist nur eine Verkörperung des Kampfes , den die Kultur mit der Barbarei geführt . Der Barbarei ist alles möglich , und wenn der finstre religiöse Wahn hinzutritt , ist sie zu Greueln fähig , für die uns Begriff und Worte fehlen . Ertödten wir aber Kultur , reißen wir die edle Humanität an der Wurzel aus , welche Kunst , Wissenschaft , der Geist des Christenthums jetzt durch Jahrtausende gepflanzt und gepflegt , so sinken wir Alle wieder in den Naturzustand , in die Barbarei zurück , wo die Thaten des Atreus und Thyestes möglich sind . « Sie schauderte , vor sich niederblickend . Hatte er zuviel gesagt ? » Vor einer andern Schülerin würde ich das nicht sagen , aber Ihr Geist , Adelheid , ist stark . Sie selbst haben , so jung noch , Prüfungen zu überstehen gehabt , Sie haben Blicke in die wüste Verworfenheit gethan . Ist z.B. eine Mutter , die ihr Kind ermordet , nur um mit Anstand noch in der Gesellschaft weiter zu erscheinen , so viel besser , als jene Barbaren , die ihrem Rachetrieb alles opferten ! Und sind es die Vielen hier , welche aus falscher Empfindsamkeit die entsetzliche That beschönigten ? Wissen Sie , weiß ich , welche Prüfungen auch meiner Freundin noch aufgespart sind , wie viele von denen , die sie jetzt mit Aufmerksamkeit überhäufen , die so liebenswürdig , edel , sprechen und zu handeln scheinen , Ihnen in einem ganz anderen Lichte erscheinen werden ! « Adelheid sah ihn verwundert an . Er war in Gedanken vertieft . - » Es war Unrecht von mir , « rief er plötzlich auf . » Die Vorsehung hat uns die schönen Illusionen als Pathengeschenk mitgegeben , damit wir Muth behalten . Sie selbst lüftet für Jeden nur so viel von dem Schleier , als er ertragen kann . Und Niemand hat das Recht , dem Andern die schirmende Decke fortzureißen . Vergebung ! Kehren wir zur Iphigenia zurück . « Er hielt die Hand zur Vergebung über den Tisch , sie schlug , ohne zu zaudern ein , und Beide mussten vergessen haben , daß sie eingeschlagen hatten , denn als er in seiner Rede fortfuhr , blieben die Hände noch immer auf dem Tisch . » Das Schrecklichste hat sich nun erfüllt , das Schicksal der Atriden liegt wie ein wüster Traum im Hintergrunde . Ein sonst edler Jüngling , der den letzten Blutschlag gethan , Orestes , ist der Träger des Fluches . Er wird von den züngelnden Furien gepeitscht , die nur in der Nähe des Heiligthums , wo der reine Gedanke , der Geist des Gottes herrscht , vor dem Zerrissenen weichen . Er ist geflohen von der Blutstätte , von den heimatlichen Gestaden , wo jeder Stein an die Geschichte seiner Ahnen mahnt , über Meere und Berge . Aber wie der Psalmist sagt : und nähme er Flügel der Morgenröthe , und flöge aus äußerste Meer , die Erinnyen folgen ihm . Da tritt Iphigenia auf , die , zum Opfer bestimmt , die Göttin schon früh mit gnädiger Hand aus dem Gräuelhause forttrug und zur Priesterin sich weihte . Sie ist das außerordentliche Weib , das den Fluch ihrer Geburt überwunden hat . Selbst längst entsühnt , ist sie bestimmt als versöhnende Priesterin zu walten . Schon hat die Macht der reinen , edlen Weiblichkeit sogar die Sitte der Barbaren gemildert und Thoas muß von ihr sagen : - es fehlt , seitdem du bei uns wohnst , Und eines frommen Gastes Recht genießest , An Segen nicht , der uns von oben kommt . Aber diesen Segen soll sie auch dem verlornen Bruder mittheilen . Der Athem ihrer reinen Brust soll den Wahnsinn auf seiner glühenden Stirne kühlen , die wüsten Bilder aus seiner zerrissenen Brust vertreiben . Er bekennt ihr den ganzen , vollen , entsetzlichen Fluch , der auf ihm lastet , er stürzt vor ihr nieder , als er sie erkennt - « Walter musste inne halten . Adelheid hatte plötzlich die Hand zurückgezogen und hielt sich die Brust . Dann fuhr sie sich über die Stirn . » Ist Ihnen wieder unwohl ? « » Nichts , lieber Walter . - Fahren Sie nur fort , Sie erzählen so schön . « » Es ist doch wohl besser , wir setzen heut noch die Stunde aus . « » Nein , um Gottes Willen nein , heute muß es sein . Nichts bis Morgen wieder verschoben . Ich werde gewiß Muth bekommen . Es war nur die Vorstellung der Furien - ich möchte das Stück nie auf dem Theater sehen , so schön es ist . « » Aber Orest wird ja geheilt . « » Wer seine Mutter todt schlug ! « » Lesen Sie liebe Adelheid , irgend eine heitere Rede der Iphigenia . Sie kann wie Balsam wirken . « Adelheid las , was sie zufällig aufschlug : » Das ist ' s , warum mein blutend Herz nicht heilt . In erster Jugend , da sich kaum die Seele An Vater , Mutter und Geschwister band ; Die neuen Schösslinge , gesellt und lieblich , Vom Fuß der alten Stämme himmelwärts Zu dringen strebten ; leider fasste da Ein fremder Fluch mich an und trennte mich Von den Geliebten . - Selbst gerettet , war Ich nur ein Schatten mir , und frische Lust Des Lebens blüht in mir nicht wieder auf . « Er nahm das Buch und schlug eine andre Stelle auf . Er suchte nicht viel , die Situation war ihm peinlich , er nahm die erste beste dithyrambische und sie las den Anfang des vierten Aktes : » Denken die Himmlischen , Einem der Erdgebornen Viele Verirrungen zu , Und bereiten sie ihm Von der Freude zu Schmerzen Und den Schmerzen zur Freude Tief erschütternden Uebergang : Dann erziehen sie ihm In der Nähe der Stadt , Oder am fernen Gestade , Daß in Stunden der Noth Auch die Hülfe bereit sei , Einen ruhigen Freund . « Sie hatte das Buch fallen lassen , sie war aufgestanden . An der Tischecke schwankte sie , sie wandte sich ab , dann rasch auf Walter zueilend , ergriff sie seine Hand : » Ich habe den Freund gefunden . Walter , Sie haben mich lieb ? « Er umfasste , aufspringend , ihre Hand , er bog den Kopf zurück , er starrte sie wie eine Erscheinung an : » Ist ' s Traum oder Wahrheit ? « » Walter , Walter , sprechen Sie , sonst wird ' s ein Traum , und mein Muth verlässt mich . « Er presste die Hand heftig an seine Brust : » Ja - um Gottes Willen . Adelheid , Du - « Er erdrückte den tiefen Seufzer , den er zu hören glaubte , indem er sie an die Brust schloß . Ihr Herz schlug an seinem , sie weinte an seinem Halse , aber still , nicht wie die Leidenschaft , nicht wie die Seligkeit der Liebe weint . Er sank auf den Stuhl zurück , er hielt ihre Hände gefasst . So beschaute er sie . » Es ist des Glücks zu viel , zu viel auf einmal . Laß mich Dir ins Gesicht sehen , ob es nicht doch nur ein Traum ist ? « » Jetzt nicht , es könnte aussehen wie Lüge , « sagte sie , » nicht bis ich alles gesagt . Das Schwerste ist heraus , - - Sie müssten ja roth werden über mich , wenn - wenn nicht alles so gekommen wäre , wie es ist . « » Wie es ist ! « wiederholte er . » Du sahst in mein Herz . Du erbarmtest Dich meiner , um mich nicht länger in Hangen und Bangen zu lassen . « Sie schüttelte den Kopf : » Nein , Walter . Sie müssen sich nicht anklagen , um mich zu entschuldigen . Sie waren nicht in Hangen und Bangen , Sie sind ein Mann . « » Nun fort das kalte Sie , « rief er . » Ich nehme Besitz von meier Eroberung . « » Du wusstest recht gut , daß wenn Du mich fragtest , ich nicht nein sagen könne . Und , weiß Gott , nicht um Dir das Herz zu erleichtern , habe ich gesprochen . « Er wollte sie noch einmal an sein Herz drücken . Aber sie entwand sich sanft seinen Armen . » Keinen Kuß auf eine Unwahrheit . Es muß jetzt volle Wahrheit zwischen uns sein . « » Unwahrheit ! « Sie nickte mit einem thränenfeuchten Blick . » Laß mich nur einen Augenblick Athem schöpfen . « Sie hatte sich an den Tisch gesetzt , der Kopf gleitete in die Arme . Er hatte sich leise an ihren Stuhl gestellt und legte sanft den Arm auf ihre Schulter . » Ich habe Dich lieb und bin bei Dir und Du hast mich auch lieb . Was hindert Dich noch ? « » Ich habe Dich lieb gehabt , seitdem ich Dich gekannt . « sagte sie ruhig sich zurücklehnend , » wie einen Bruder , vor dem ich mein Herz offen legen konnte . Habe ich ' s nicht gethan ? Und wenn ich ' s nicht that , war es , weil ich dachte , Du läsest ja schon in meiner Seele wie in einem offenen Buche . Aber seit der - der fürchterlichen Geschichte ward es noch anders . Du allein bliebest immer derselbe gegen mich . Die Andern - erst wussten sie nicht wie sie mich ansehen sollten , und wichen mir aus . Nachher überschütteten sie mich mit Liebkosungen und Bewunderung , und machten aus mir wunder was , was ich nicht bin . Ich war doch nicht schlechter , nicht besser , Gott weiß es - aber was ich nun bin , nun ja , was ich besser bin , bin ich durch Dich . Seit ich das fühlte ward mir bange . Du hattest es mir vorausgesagt , durch große Leiden werde der Mensch geläutert , seine Sinne gehen auf für das Edle und Schöne und sein inneres Auge für das Ewige und Wahre . Und da sah ich , wie Du viel sorgsamer und liebevoller wardst , und mit jeder Schülerin würdest Du Dir nicht so viele Mühe geben . Und Dein Unterricht ward auch so besonders . Und da , Walter , da kam dann - ich weiß nicht wie - der Gedanke , daß es so sein müsste - « » Und erschrakst Du vor dem Gedanken ? « Sie schwieg einen Augenblick : - » Nein gewiß nicht , Walter . - Wo konnte ich besser aufgehoben sein , dachte ich , wer sollte mich besser zum Rechten führen und schützen ! Ich gewöhnte mich so daran , daß - « » Du gewöhntest Dich nur daran ! « Jetzt erschrak sie vor dem Ton der Frage . Sie legte sanft die Hand auf seine , und blickte ihn klar an : » Hast Du nicht zuweilen gemerkt , daß ich lächelte ? Ich dachte dann an das , was Du oft gesagt , der Mensch erzieht sich selbst , und man kann keine Natur ändern . Und Du wolltest mich doch ändern , so wie Du mich wünschtest . Und dann widersprach ich aus Uebermuth . Nur aus Schelmerei , ich nahm mir im Herzen doch vor , zu werden , wie Du es wünschtest . « » Das hattest Du Dir vorgenommen und ich war der Gegenstand Deiner Gedanken ! « » Und da kam ich auf kuriose Dinge . Ob ich Dir auch würde auf die Schulter klopfen , wie Mutter thut , wenn sie der Vater anfährt , ob Du auch zornig werden könntest ? Und ob ich dann auch so machen dürfte , wie Mutter thut , um ihn wieder gut zu machen . Ich muß Dir sagen , es kam mir nicht ganz recht vor , wenn auch Mutter sagt : so muß man die Männer behandeln , wenn man Friede im Hause haben will . Du bist doch ein ganz anderer Mann , und ich meinte , wir müssten uns jeder dem andern grad heraus sagen , was er denkt . Ach und tausend Dinge . Aber , Walter , das dachte ich alles weit entfernt . « » Hast Du nicht auch gedacht , daß Du jetzt in einem glänzenden Hause bist , eine gefeierte Schönheit , von Bewerbern umschwirrt , die von ihrer Anbetung sprechen ? Hast Du nicht an Dein Herz gefühlt , ob , wenn der Eine oder der Andere ernst spräche - « » Nein , « fiel sie rasch ein . » Sie sind mir alle gleichgültig . « » Aber die Geheimräthin ! Du bist ihr Augapfel . Sie wünscht , daß Du eine gute Partie machst , sie sucht vielleicht schon nach einem passenden Gatten , der Dich über Deinen Stand erhebt . Vielleicht auch , sie ist kinderlos , reich , das große Vermögen kommt von ihr - « Sie fasste mit Heftigkeit seine Hand . » Nein , Walter , das denke um Gottes Willen nicht . Ich habe nie daran gedacht . « » Und der Gedanke ist so natürlich . Du schauderst ja fast . « » Ich begreife es oft nicht , warum ich nicht mehr Dank für sie fühle , aber - aber lassen wir das ! Walter , verrathe mich nicht , und deute es mir nicht schlimm , es ist mir oft , als möchte ich je eher je lieber aus diesem Hause fort . Es ist mir so heiß , so bang oft - « » Aber weißt Du , in welches ich Dich führen könnte ? Ein armer Gelehrter , - würdest Du aus Deinem Reichthum mir in eine Hütte folgen ? « Sie sah ihn mit ihrem klaren Lächeln an : » Ja , Walter . Ich bin ja nicht für den Reichthum geboren . Wer weiß , wenn sie meiner überdrüssig wird , setzt sie mich hinaus . Da müsste ich mir vorsorglich ein Obdach suchen . - O pfui ! keinen Scherz . - Aber ich habe mir es auch gedacht , daß Du zu stolz sein könntest , weil Du arm bist . O ich liebe Dich so