antwortete Bartusch , überrascht von dieser Frage . Noch heute Abend wird Herr von Harder abreisen . Zwei Gendarmen sind ihm vom Landrath als Begleitung zur Verfügung gestellt ... Dankmar schüttelte ärgerlich den Kopf , blieb stehen und öffnete die Hinterthür des Wagens . Derselbe Bediente , den er im Thurm gesehen hatte , saß völlig aufrecht wie ein Wächter auf den sehr geordnet zusammengestellten Möbeln und grinzte ihn boshaft an ... Lieber Himmel ! äußerte sich Dankmar lachend zu Bartusch , zwei Gendarmen ? Wie streng wird Das hier genommen ! Es scheint , als wenn in Plessen die Justiz viel zu thun hat . Die arme Blouse im Thurm leidet darunter . Ihr hat , wie mir der arme Mensch erzählte , ein Bild gefallen , weil es nicht wie die Andern glänzend , sondern nur wie mit buntem Staub gemalt ist . Er wollte sich diese Art zu malen genauer betrachten und - Gehen denn die Familienbilder auch schon in die Residenz ? Die letzte Äußerung Dankmar ' s wurde von ihm so hingeworfen , um ihre Wirkung zu beobachten . In der That war aber diese Wirkung nicht gering . Bartusch riß die Augen auf , richtete sich in die Höhe und zweifelte keinen Augenblick , daß eine solche Äußerung nur von dem Prinzen selbst oder dem intimsten Vertrauten desselben kommen konnte . Die Vermuthung , daß der im Thurm Sitzende ein Jäger oder Kammerdiener des Prinzen Egon war , stand längst bei ihm fest . Leider , sagte Bartusch , hat der Vorfall von heute früh den Geheimrath so alterirt , daß er nun auch sämmtliche Bilder sogleich in den Wagen tragen ließ ! Sämmtliche Bilder ? sagte Dankmar , unangenehm betroffen . Allerding ' s ! fuhr Bartusch lächelnd und fein fort . Ich zweifle indessen nicht , daß sich der Monarch ein Vergnügen daraus machen wird , nicht nur , wie ausdrücklich bedungen ist , alle Familienbilder zurückzustellen , sondern auch den jungen Prinzen durch manches andere werthvolle Andenken an seine Mutter zu erfreuen . Was die Administration der Masse thun kann , um alle diese Verwickelungen angenehm zu lösen , alle diese herrlichen Besitzungen beisammen zu lassen und dem jungen Fürsten an ihnen Freude und Gewinn zu sichern , wird gewiß geschehen . Es ist viel von der Vergangenheit gut zu machen , aber bei einigem guten Willen von Seiten Derer , die hier zu fodern haben , und bei Kraft und Ausdauer von Seiten Derer , die wol für den Augenblick verlieren müssen , läßt sich für die Zukunft mancherlei wiederherstellen . Dankmar nickte beifällig . Die wohlgesetzten Worte gefielen ihm an und für sich schon . Dann aber an die Bilder sich erinnernd , warf er einen schmerzlichen Blick auf den großen bewachten Wagen , von dem sie sich nun entfernten und unterdrückte den Seufzer nicht , der Bartuschen auszudrücken schien , als wollte er sagen : Sie sprechen gut , aber Ihre Wünsche sind vergebens ! Mag er ihn in diesem Sinne nehmen , sagte sich Dankmar , der trotz der Gendarmen vor der wirklichen Abfahrt des Wagens den Muth nicht verlieren wollte ; mag er denken , ich bin der Prinz ! Ob ich Dankmar Wildungen oder Egon bin , was thut Das hier ! Still jetzt bei sich überlegend , was sich nun wol noch wagen und unternehmen ließe , folgte er dem Führer über die große steinerne Treppe , die in den ersten Stock ging . Einige hübsche Mädchen betrachteten ihn neugierig und sehr pressirt , einige leichtfertige Bediente mistrauisch . Vom Intendanten entdeckte er nichts , obgleich sein Blick in die Reihe der Zimmer fiel , die Se . Excellenz mit so strenger Consequenz ausgeleert hatten . Er hoffte nicht , daß auch der Geheimrath zu den abgewiesenen gehörte . Diesem noch begegnen zu können , schien ihm unerläßlich . Bartusch öffnete eine hohe Saalthür . Dankmar durchschritt einige Gemächer , bis er endlich in dem von Melanie eigens zu seinem Empfang vorbereiteten Flügel- und Eckzimmer eintrat . Die beiden Damen , die sich ihm heute ganz allein widmen wollten , waren schon zugegen .... Melanie ' s seit dem Morgen von Stunde zu Stunde gewachsene , durch die abschlägige Mittagsantwort nur gesteigerte Spannung war denn nun endlich gelöst . Die Erfüllung ihrer Sehnsucht stand vor ihr . Sogleich erkannte sie die in der That treffende Ähnlichkeit dieses Besuchers mit jenem Siegbert Wildungen , der ihr soviel Aufmerksamkeit , Verehrung und Liebe zollte , und sogleich begann sie von diesem Siegbert und brachte Dankmarn durch ihre Schönheit , ihre reizende Toilette und die in ihm geweckte Voraussetzung , der Bruder hätte ihm doch längst von ihr erzählen sollen , was nicht geschehen war , in eine Verlegenheit , bei der er sich verwickelte und sich nicht sogleich fassen und sammeln konnte . Das traf denn allerdings rasch mit einem schlauen blitzschnell zugespielten Winke Bartusch ' s zusammen und in glücklichster Überraschung wisperte Melanie bei einer leichten Wendung des Kopfes der Mutter zu : Es ist der Prinz ! Dankmar gehörte zu denjenigen jungen Männern , die früh unter Frauen und Mädchen sich tummelnd dem Reiz des andern Geschlechts , den es so überwältigend auf unreife Neulinge ausübt , schon abgestumpft haben . Siegbert floh in seiner ersten Jugend aus Schüchternheit die Frauen und erlag deshalb später um so mehr ihrem Reiz und fast jeder vertrautern Annäherung . Dankmar dagegen hatte schon als reifender Knabe gebildeten Frauen im Gespräche sozusagen standgehalten , kleine Liebschaften mit jüngern gepflegt und erschrak nun nicht mehr zu heftig vor der zauberischen Gewalt des Weibes . Aber diese Melanie blendete ihn doch . Und wie sollte sie ' s nicht in dem weißen , sich aufbauschenden Kleide , das sie umflutete wie eine leichte Wolke ? Zeigte diese ungesuchte und einfache Tracht doch fast nichts als sie selbst ! Sie selbst in der plastischen Schönheit ihrer Formen , im Ebenmaß ihrer leicht behenden Glieder , im frischen Ton des Incarnats , dem man von Dem , was unverhüllt sich zeigte , ahnend ins Verborgene folgte . Melanie besaß heute noch mehr Anziehung als je ; denn sie hatte warten , sich sehnen , sich vor sich selbst demüthigen müssen . Diese Sehnsucht malte sich in ihren Augen , die feuchter als sonst strahlten . Auf der kleinen , edlen Stirn und an den hohen , frei leuchtenden Schläfen lag ein Ernst , der ihr sonst fremd war . Sie hatte das freie Spiel ihrer Coquetterie schon dadurch verloren , daß sie heute mehr des Gastes als ihrer selbst eingedenk sein mußte . Wie malte sie sich nicht den Tag über aus , was sie Alles vom Prinzen schon wußte und noch im Laufe des Tages erfuhr ! Wie verlor sie sich in Möglichkeiten der Zukunft ! Wie überdachte sie die Abenteuer , die schon von dem Prinzen alle erzählt wurden ! Wie natürlich fand sie diesen geheimnißvollen Besuch auf einem Schlosse , das er mit seinem wahren Namen nicht sehen mochte , um nicht vor Denen gedemüthigt zu werden , die hier das elende Geld zu Herren gemacht hatte ! Wie hatte sie diese Gläubiger im Laufe des Tages verspottet , wenn sie rechneten und maßen , ob sie wol vorziehen sollten , selbst diese Herrschaft anzukaufen oder sich in ihr Deficit ruhig zu ergeben ! Wie entschieden hatte sie jeden Besuch für heute zurückgewiesen , um dem unglücklichen jungen Fürsten die Demüthigung zu ersparen , Menschen zu sehen , zu deren Untergebenen ihn der Leichtsinn seines Vaters gemacht hatte ! Bartusch hatte die größte Mühe gehabt , diese Ablehnungen so höflich wie möglich einzukleiden ... Dankmar , seine bedenklichen Handschuhe allmälig ganz unbelauscht ausziehend , begann mit Entschuldigungen über seine Garderobe , die nur für eine plötzliche Geschäftsreise eingerichtet wäre ... Als er dafür von den Damen die holdseligste Absolution in Empfang genommen hatte , sagte er : Meinem Bruder muß ich die bittersten Vorwürfe machen , daß er mich von dem Glück einer Bekanntschaft niemals unterhalten hat , die er mir vielleicht nicht gönnte . Seit wann kennen Sie ihn ? Seit einigen Wochen , erwiderte Melanie ... ungläubig lächelnd und mit den Augen blinzelnd , als müßte sie sich beherrschen , nicht laut in Lachen auszubrechen . Dann entschuldigt ihn , sagte Dankmar , meine längere Abwesenheit . Finden Sie , daß wir uns ähnlich sehen ? Erstaunlich , sagte die Mutter . Zwar ist mir Herr Wildungen nur aus größern Gesellschaften , die wir gaben , erinnerlich , allein meinst du nicht , Melanie - die Augen - ich meine die Augen - Warum nicht gar ! sagte Melanie . Es ist eine große Ähnlichkeit da , aber der Ausdruck und die Art ist eine völlig andere . Von den Augen zumal , Mutter , darfst du nicht reden . Siegbert ' s Augen haben einen schönen frommen , leuchtenden Glanz ; entsinnst du dich des Bildes von Leidenfrost , auf dem ich und Herr Siegbert verspottet sein sollen ? Man erkennt die verklärte Stimmung einer nur zu regen Begeisterung bei ihm , aber die Ihrigen , mein Herr , sind etwas unheimlich , etwas bös ; man möchte ihnen kein Vertrauen schenken .... Dankmar bedankte sich für eine Rüge , die doch nichts als eine coquette Schmeichelei war . Das Gemälde von Leidenfrost war ihm aber unbekannt . Ein Gemälde , auf dem Melanie und sein Bruder verspottet wären ? Sein Bruder verspottet ? Verspottet von dem ihm wohlbekannten , Siegbert befreundeten Leidenfrost ? Darüber verfiel er in eine wahre , gar nicht erkünstelte Verlegenheit und wußte nicht , was er dazu sagen sollte . Die Justizräthin , diese Verlegenheit vollkommen durchschauend , nahm das Wort und entschuldigte den so kleinen Cirkel , mit dem man ihn begrüße . Sie hätte ihn anfangs für menschenscheu gehalten . Man hätte ihn hier und dort allein lustwandeln sehen ; zum Schlosse empor hätte er nie blicken mögen ... so wäre es gekommen ... daß ... Sie lieben die Einsamkeit , unterbrach Melanie die ehrliche Mutter , die nicht gut Komödie spielen konnte . Es ist bekannt , Mutter ! Herr ... Herr ... Herr Wildungen sind ein Einsiedler . Dankmar mußte sich im Stillen sagen , daß bei ihm gerade das Gegentheil stattfand ; doch gelang es seiner Situation mehr als ihm selbst , sich die schwermüthige Miene zu geben , die Melanie ' s Ausspruch voraussetzte ... Als er lächelnd verlegen niederblickte , sagte Melanie rasch : Kennen Sie den Prinzen Egon ? Den Prinzen ? - Ich kenne ihn ... sagte Dankmar nach einem Moment fast ohne Überlegung . Wie , fuhr Melanie elektrisirt auf , Sie kennen Jemanden , den Niemand kennt ? Wo ich gefragt habe : Wer ist Prinz Egon ? Wie ist er ? Wo ist er ? Nirgend hab ' ich eine klare und deutliche Antwort bekommen . Es ist der Mann der Sage , der Anekdote , der Fiction . Und Sie wollen ihn kennen ? Dankmar fühlte wol , daß er sich hatte fangen lassen . Aber einmal im Netze , beschloß er , das Netz auch nicht mehr zu zerreißen und lieber von der Möglichkeit , ihn selbst für Egon zu halten , die Vortheile zu ziehen , die sich ihm vielleicht noch im Laufe des Abends darbieten würden . Es ist zu weitläufig , sagte er , Ihnen zu erzählen , wo ich den jungen unglücklichen Erben dieses Fürstenthums kennen lernte , aber ich kenne ihn . Melanie biß sich , um nicht zu lachen , auf die Lippen . Sie erröthete und stützte sinnend das Kinn auf ihre Arme , die sie im Schooß zusammenlegte . Von unten herauf blitzte aus ihren Augen ein Feuer , das gleichsam zu sagen schien : Ich bin viel auf den Fluren umhergeflattert , ich froher Schmetterling , aber von allen Huldigungen , die ich empfing und als Siegerin zurückwies , könnte mich keine mehr zur Sklavin machen , als die deinige , du schöner , männlicher , liebenswürdiger Schalk .... Wird der Fürst in der Residenz wohnen ? fragte sie dann , sich allmälig sammelnd . Er wird in der Residenz wohnen , sagte Dankmar bestimmt . Also behält er das herrliche Palais seines Vaters ? fuhr die Mutter neugierig und schon ermuthigter fort . Das Testament bestimmt es so . Er wird sich dem Willen seines Vaters nicht entziehen , sagte Dankmar . Das Palais soll wunderschön eingerichtet sein , forschte Melanie . Unter den brennenden Kronenleuchtern , erwiderte der kecke , übermüthige Dankmar , unter den Blumen und Lichtern , deren Widerschein sich in den Spiegeln des Pavillons bricht , wird er der Vergangenheit gedenken . Diese Antwort ward von Dankmarn mit absichtlicher Zweideutigkeit gegeben . Das Quiproquo fing an , ihm Vergnügen zu gewähren . Er dachte sogar : Wartet nur , ich will Euch für Eure Eitelkeit , Eure Genußsucht , Euer irdisches Behagen strafen .... Melanie sprang auf . Sie konnte kaum zweifeln , den jungen Fürsten vor sich zu haben . Rasch , aber ihrer Empfindungen völlig Herr und jetzt sich wol hütend , die stürmische Bewegung ihres Herzens frei zu zeigen , sagte sie mit spottendem Humor : O liebe Mutter , sieh , hier geht der Tisch auseinander ! Man wird eine Einlage machen müssen ! Prinz Egon fehlt mit seinem Hobel ! Der gute Prinz soll ein Tischler sein ... hoffentlich hat er es so weit gebracht , einen solchen Schaden zu heilen . Er wird hier viel zu thun bekommen . Ich möchte nur wissen , ob er sich bei uns einen Gewerbeschein lösen wird .... Hannchen Schlurck , die Mutter , sah bald zu Melanie strafend , bald zu Dankmarn bittend und höchst verlegen hinüber .... Dankmar aber faßte sich sehr rasch und bemerkte in völliger Ruhe : Mein Fräulein , diese Reparatur macht sich besser durch einen Schlosser . Er nimmt zwei eiserne Krammen , macht sie glühend und schlägt sie , gerade während sie glühen , hier an den Ecken - der Tisch erlaubt es , da er ja nicht immer bedeckt ist - so ein , daß sie im Holze selbst abkühlen . Verstehen Sie ? Die Abkühlung zieht dann die beiden Tischblätter allmälig zusammen . Erkaltend werden die Eisen kleiner . Melanie lachte laut auf und klatschte in die Hände . Das ist symbolisch zu verstehen ! rief sie . Das ist das Bild einer guten vernünftigen Ehe , liebe Mutter . Die Abkühlung durch die Vernunft , sagtest du ja immer , ziehe nur um so enger zusammen . Übrigens , Herr von Wildungen , Das werd ' ich dem Maler , meinem Freunde Siegbert Wildungen , erzählen . Er wird erstaunen , einen Schlosser zum Bruder zu haben . Ha ! ha ! ha ! Ihr klugen Männer ! In dieser Art tändelte sie fort . Ihre Neckereien galten Allem , was man vom Prinzen Egon wußte , und Dankmar erwiderte ruhig aus Absicht und par dépit in demselben Doppelsinne . Was er im Thurm erfahren hatte , kam ihm dabei zustatten . Er gab über Egon ' s Plane so gründliche Auskunft , wies so entschieden jede Aufklärung über die Art , wie er dessen Bekanntschaft gemacht hätte , zurück , daß Melanie allmälig wirklich vorsichtiger wurde . Die Vorstellung , für diesen bei allem Unglücke doch in der Gesellschaft so hochgestellten jungen Mann von einer Leidenschaft ergriffen zu werden , machte ihr bald das Herz beklommen . Die Folgen waren so unabsehbar , die möglichen Verwickelungen viel ernsterer Natur , als sie den kleinen Tumulten ihrer Gefühle bisher gestattet hatte . Sie lud Dankmarn zu einem Spaziergange im Garten ein . Dies war ein Zeichen für die Mutter , sie allein zu lassen . Die ängstliche Frau , die von Bartusch ' s Andeutungen über Schlurck ' s nächtliche Wanderungen noch nicht ganz die Verstimmung des Morgens verloren hatte , auch in dem Erscheinen des Prinzen auf Hohenberg kein für die Angelegenheiten ihres jetzt von der Politik zerstreuten Mannes gutes Zeichen erblickte , ließ das jugendlich schöne , leichtsinnige Paar allein . Bediente brachten auf den Zug einer Schelle für Melanie einen leichten Überwurf von blaßrother Seide , rings am Rande mit den feinsten schwarzen Spitzen besetzt . Bei der Art , wie sie im Garten diese Mantille trug , hätte man glauben sollen , sie wäre mehr bestimmt gewesen , von der Schulter herabzufallen , als sie zu bedecken . Denn Dankmar konnte sie nicht oft genug über den schönen Bug des Rückens weiterhinaufziehen helfen und nicht oft genug konnte sie Melanie wieder entgleiten lassen , bis sie sie zuletzt gewaltsam griff und wie einen altdeutschen Radmantel über die eine Schulter warf und unter der andern sie mit beiden Armen ohne Rücksicht auf die Falten zusammenpreßte . Beim Hinuntersteigen zeigte sie Dankmarn die Zimmer der Fürstin , die nun ganz leer waren , wie Dankmar zu seiner großen Betrübniß bemerkte . Unten spottete er mit wirklichem Zorn über das Ungethüm des Wagens und ereiferte sich gegen den Geheimrath , der aus einem Fenster etwas steif grüßte . Ich halt ' ihn jetzt für meinen Feind ! sagte er zu Melanie , die ihm mit neckischer Laune und wunderbar rasch sich entwickelnder Vertraulichkeit den kleinen Roman erzählte , den sie mit diesem gewissenhaften Manne aus Langerweile angesponnen hätte ... Denken Sie sich , sagte sie , als sie in den Garten traten und sie beim Hinabsteigen von den kleinen Stufen und hügelartigen Abdachungen sich zuweilen auf Dankmar ' s Arm stützte und ihn die Glut ihrer Adern durch die feinen über die Arme gehenden langen Spitzenhandschuhe unwillkürlich fühlen ließ ; denken Sie sich , daß ich entdeckt habe , wie man dieser hölzernen Exeellenz beikommen kann , um sie lächeln zu machen ! Ich versuchte es mit vielen Huldigungen , aber er blieb ungerührt . Endlich bemerkte ich , daß es die gütige Natur freundlicher mit ihm gemeint hatte , als er es verdiente ! Trotzdem , daß er Alles in Allem genommen ein Esel ist , hat sie ihm doch nur ganz kleine Ohren an seinen eingebildeten Kopf gesetzt . Auf diese Bemerkung hin ist dieser wichtige Mann im Staate vor mir so klein geworden , daß er jetzt , weil ich ihn nicht erhörend aufhob und in seine natürliche Höhe richtete , mit mir boudirt . Er bildet sich ein , ich wäre Mitglied einer Verschwörung gegen seine Würde und Amtsehre , die ihm deshalb sehr schwer zu behaupten wird , weil die Natur nicht gewollt zu haben scheint , daß er etwas Anderes wird als der dumme Sohn eines sehr achtbaren und allgefeierten Vaters . Denken Sie sich , dieser Mensch spricht bei jedem dritten Satz von seinem Papa ! Nicht weil er den General en Chef unserer Justiz , der in der That , wie Themis es ganz sein soll , halb blind ist und nur noch Hunde , Katzen , Affen , Raben und ein herrliches Geschöpf liebt , das sich Anna , nicht Pauline von Harder nennt , seiner gutmüthigen Eigenschaften wegen kindlich verehrt , sondern weil es ihm selbst , dem Sechziger , ein gar kindlich rührendes Aussehen gibt , noch in seinen Jahren von einem Papa zu reden . Wissen Sie denn , bester Wildungen , daß Der , der schön sein will , immer eine häßliche Folie neben sich haben muß und daß die alten Coquetten gar zu gern von ihren Müttern sprechen ? Ich lerne Weltkenntniß von Ihnen , Fräulein Melanie , sagte Dankmar zu dem ihn plaudernd unterhaltenden Mädchen . Aber welche Verschwörung erwähnten Sie da ? Erzählen Sie doch ! Jener Auftrag , den der Geheimrath hier mit brutaler Strenge vollzieht , interessirt mich .... Melanie , die im Stillen dachte : Das wollt ' ich meinen ! fuhr fort : Ich hatte bereits die schönste Toilette zu unserm durch sie verunglückten Diner gemacht und dem Geheimenrath zwei mal seine Morgenvisite abgeschlagen , als ich ihm selbst eine in den Zimmern der Fürstin machte . Ich wollte jenes Portrait sehen , von dem es hieß , daß es einem bettelnden Vagabonden bis zum Mitnehmen gefallen hätte .... Wohnten Sie der Scene bei ? fragte Dankmar gespannt . Nein , antwortete Melanie . Vor rohem Lärm flieht eine Furchtsame wie ich bin , und doch bedaur ' ich , daß ich nicht in den Hof hinunter sah , als man einen Mann fortschleppte , der doch sehr leicht , wie Bartusch vermuthet , ein verkleideter Kammerdiener des Prinzen Egon sein konnte . Sie werden Das besser wissen , wie ich , denn Sie haben ja mit dem Gefangenen im Thurme ein Tête à Tête gehabt ? Es brannte Dankmarn auf der Zunge , mit seinem Anliegen offen hervorzutreten , sich entweder diesem klugen Mädchen ganz zu entdecken oder auf der gewagten Bahn des Misverständnisses weiter zu gehen . Melanie durfte eine Antwort , eine Aufklärung über den Gefangenen erwarten . Sie sah ihn forschend an . Dankmar schlug in ganz natürlicher Verwirrung die Augen nieder und sagte nach einer Pause : Der Gefangene steht allerdings dem Besitzer von Hohenberg sehr nahe ... der Prinz kann wol Ursache haben , jenes Bild vor den Trödlern zu retten . Es ist mindestens das Bild seiner Mutter ! O welche lieblichen Züge ! sagte Melanie mit Innigkeit . Wie hätt ' ich das Bild mit Küssen bedecken mögen ! Die herrlichen braunen Augen ! Die edle Stirn ! Der holdselige Mund mit einem Ausdruck stillduldenden Schmerzes . Wissen Sie , wen ich mir so denke , Prinz ? Nun ? sagte Dankmar gespannt und die Anrede : Prinz ! vor Erwartung ganz überhörend . Prinz ? ... wiederholte sich Melanie fast erschreckend im Stillen . Sie staunte , daß er diese Anrede so ruhig geschehen ließ und nichts erwiderte , als drängend noch einmal : Nun ? Nun ? Wem sieht das Bild ähnlich ? Ich denke : der Gräfin d ' Azimont ! sagte Melanie mit gezogenem Tone und wandte sich rasch , als wollte sie in ihm den Eindruck beobachten , den dieser Name auf ihn hervorbringen würde . Dankmar kam aber in der That in Verlegenheit . Er hatte den Namen der Gräfin d ' Azimont im Thurm nennen hören , wußte auch , daß ein französischer Attaché einst in der Residenz so hieß und die Gräfin jedenfalls eine Schönheit war , weil sie sonst Egon ' s sonderbare Laufbahn in Frankreich nicht , wie es schien , würde unterbrochen haben ; aber es blieb doch die reinste Natürlichkeit , als er ganz unbefangen fragte : Was wollen Sie mit der Gräfin d ' Azimont ? O Sie Schelm ! sagte Melanie , den Finger aufhebend . Sie wollen den Prinzen Egon kennen und wissen nicht , was mir die Excellenz erzählte , als sie mit dem größten Zorn das Bild mir aus der Hand nahmen und es den Dienern gaben , um es in den Wagen zu tragen ? Die Excellenz war erschrocken sogar über ihre eigene Unfreundlichkeit . Excellenz , sagt ' ich , ich wäre im Stande , Sie an einem Ihrer kleinen Ohrzipfel empfindlich zu kneipen . Wie können Sie mich so abscheulich anfahren ? Er sprach ein Kauderwälsch durcheinander von gefährlichen Intriguen und höhern Befehlen und endete dann , um mich auf andere Gedanken zu bringen , damit , daß er sagte , dies Bild der jungen Fürstin Amanda erinnere ihn sehr an die Geliebte des Fürsten Egon , die Gräfin d ' Azimont ? Dankmar lächelte , aber bedeutsam .... Zum Glück , fuhr Melanie wie eifersüchtig fort , zum Glück ist diese schöne Dame verheirathet . Ich bemerkte Das schon Herrn von Harder . Sie lebt in Paris , setzte er plaudernd hinzu , um mich zu zerstreuen und das alte Vertrauen wieder zu gewinnen . Lebe sie wo sie wolle ! Sie verderben mir die Freude an diesem Bilde , sagte ich . Er misverstand meinen Unmuth , glaubte , ich neckte ihn und ließ mich die Folter ausstehen , daß er mir nach Tisch , er nahm Ihre Stelle ein , in einer Fensternische Dinge sagte , wie sie Prinz Egon der Gräfin d ' Azimont nicht feuriger vortragen kann . Alles Das kommt von Ihrer Gräfin , die in Paris vergessen hat , daß sie verheirathet ist ! O gehen Sie , Wildungen , mit Ihrer leichtsinnigen Gräfin d ' Azimont ! Fräulein ... Ja , ja , Sie .... Schämen Sie sich solcher Verhältnisse .... Welcher ? Eine verheirathete Diplomatin ! Gewiß ist sie sehr schön , aber auch gewiß sehr intriguant ! Gewiß sehr coquett ! Ich habe das Schlimmste von der Gräfin d ' Azimont erfahren .... Und wenn sie nun gar der Fürstin Amanda gleicht , kann ich nur noch viel Schlimmeres von ihr denken . Ich muß gestehen : Sie haben die Phantasie dafür ! sagte Dankmar . Gleichviel ! Sie mögen mich nun tadeln oder den Maler des Bildes oder den gütigen Schöpfer .... Wenn die Gräfin d ' Azimont dem Bilde gleicht ... ich tadle sie doch .... Die Nase auf dem Pastellgemälde war nicht schön . Dankmar mußte über diese Wendung lachen . Melanie boudirte künstlich .... Er war entzückt von der Coquette-rie des eifersüchtigen Mädchens . Mit halb künstlichem , halb natürlichem Ärger und von einer Eifersucht gefoltert , als wenn sie alle die Menschen , die sie doch nur dem Namen nach kannte , leibhaftig schon vor sich sähe , hüpfte Melanie fort . Dankmar ihr nach .... Melanie sprang Stufe von Stufe die Terrassen herab bis zu jenem griechischen Tempel hinunter , der einen so stillen Fernblick in das waldige Gebirge und die unterhaltende Nähe der sich hier kreuzenden Wege erlaubte . Melanie war so geeilt , so hastig an der alten , eben von dem kranken Gärtner kommenden und kopfschüttelnd stehenbleibenden Brigitte vorübergeschritten , daß sie auf eine Bank des Pavillons niedersank und Dankmarn das schöne Schauspiel ihrer mächtigsten Erregung bot . Den Überwurf hatte sie im raschen Gehen und dem Herabspringen von den Stufen , eine zweite Atalante , um ihn aufzuhalten , unterwegs fallen lassen . Er mußte auch , während sie lachte , innehalten und ihn aufheben ; jetzt schlug er den Überwurf über den Nacken und die wogend sich hebende Brust . Auf der Erde suchte er eine große goldene Nadel , die gleichfalls ihrem Haar entfallen war und die zurückgesteckten Locken gehalten hatte ... Lassen Sie nur , sagte sie und strich sich die Haare hinters Ohr , wo sie nicht halten wollten , und von der einen Seite nach vorn fallend , ihr einen schwärmerischen Ausdruck gaben ... Lassen Sie nur ! ... Sie müssen mir jetzt sagen , fuhr sie nach einer Weile , während sie Dankmar glückselig betrachtete , gesammelt fort ; Sie müssen mir jetzt sagen , wie die Gräfin d ' Azimont das Haar trägt . Ich will gar keine künstliche Frisur mehr tragen , bis ich nicht weiß , wie diese abscheuliche Coquette sie trägt .... Dankmar war in der That von der Liebenswürdigkeit des Mädchens , das sich in den gewagtesten Capricen gefiel , bezaubert .... Gehen Sie doch , theure Melanie , sagte er unternehmend und sich ihr zur Seite niederlassend ; gehen Sie doch mit diesen Erinnerungen . Diese Zeiten sind vorüber . Egon hat sich dem Vaterland zurückgegeben . Er wird es lieben , trotzdem daß es ihn so unfreundlich begrüßt . Sie haben Recht , auch der Intendant gehört zu seinen Feinden und wenn Sie versprechen könnten .... Ich verspreche nichts , sagte Melanie und meinte doch das Gegentheil . Eben wollte Dankmar sich zu einer Erklärung zusammennehmen , als er aufhorchen mußte . Getrappel von Pferden und noch mehr ein Geklirr von Waffen schien an sein Ohr zu dringen . Er stand auf und beugte sich über die Balustrade des Pavillons . Von Randhartingen her sah er die zwei Gendarmen reiten , die wahrscheinlich den Transport des Mobiliars schützend begleiten sollten . Die beiden Schnurrbärte grüßten militairisch und wandten sich dem großen Aufgang zum Schlosse zu . Die gewaltigste Unruhe folterte Dankmarn . Schon sah er alle seine Hoffnungen vernichtet , schon den Preis der Rolle , die er hier , wenn auch ohne Mühe , doch zur Qual seines Wahrheittriebes durchführte , seiner Hand entwunden . Unwillkürlich stand er da wie Jemand , den ein Geheimniß preßt , zu dessen Entdeckung er gern von einem prüfenden Blick in das Auge Dessen , dem er sich zu vertrauen im Begriffe steht , ermuthigt werden mochte .... Was haben Sie ? fragte Melanie , diesen Zustand nachfühlend . Wann reist der Intendant ab ? fragte Dankmar entschlossen . Noch heute Abend ! Er , der Sie liebt , bewundert , ... trennt sich sobald ? Da ich ihn über Das , was er heute in der Nische zu mir sprach , ausgelacht habe , noch heute Abend .... Er kann sich trennen ? Von Ihnen , Melanie ? Von Ihnen , die Sie Alle zu fesseln , Alle zu bezaubern verstehen .... Er kann ' s und hofft morgen Abend in der Residenz zu sein .... Nein , nein , er bleibt ! Er bleibt , weil er die Schönheit bewundert , er bleibt , weil er nichts fürchtet , als ... Er fürchtet Alles . Wie Sie sehen , diese Gendarmen hat er sich vom nächsten Landrath erbeten , weil er fürchtet ! Sie sehen daraus , rief Dankmar , daß die Entführung dieser Angedenken an eine unglückliche Frau , die man noch im Tode verfolgt , ein Act der Gewaltthat ist ! Jenes Bild , das Sie in Händen hatten , das der Gefangene im Thurme sich aneignen wollte , ist mir über Alles , über Alles werth und theuer . Es enthält das wichtigste Geheimniß einer edeln Familie ! Wir müssen es besitzen . Sagen Sie ein Mittel