Papa , früh ; so alte Manne sollten im Bette bleiben bis bald um Mittag . Sie sind den Leuten sonst nur zur Plage mit ihrer Wunderlichkeit , besonders wenn sie nichts tun . Ihr hättet aber jetzt etwas machen können , und es wäre Euch wohl angestanden , Ihr hättet es gemacht . Ja ja , Papa , seht mich nur so sauer an , ich sage meine Sache gerade heraus und fürchte mich nicht vor einem Paar sauren Augen , die haben noch niemand erstochen . Ihr hättet dem Fraueli an die Seite stehen sollen und die Lumpenbuben da in Ordnung halten , die Frau konnte nicht an allen Orten sein ; Ihr hättet wohl Zeit gehabt , es wäre aufs Gleiche herausgekommen , ob Ihr hier ums Häuschen herumsteckelt oder dort bis zur Scheune hinunter . Aber so habt ihrs , ihr Hagels Bauern , wenn ihr nur Geld habt , so fragt ihr keinem Menschen was nach , dem eigenen Bruder nicht . Ja , ihr seid ein Volk , ihr , hab es erfahren ! Rette ich Hunderten das Leben und bringe sie davon , so denkt mir kaum einer daran . Tut ihm der Bauch wieder weh , läuft er zu einem andern Arzt oder gar so zu einem verfluchten Wasserschmöcker . « » Ja , ja , « sagte Joggeli , » zuweilen kömmt einer davon , und oft gehts dem Kirchhof zu , ihr tapfern Lieferanten , was ihr seid ! Meine Frau selig , die brachtet Ihr nicht davon , und der drüben wird ihr wohl nach müssen , apartig glücklich seid Ihr hier nicht . « » Um Euere Frau ists schade ; wenn sie nicht einen so wunderlichen Mann gehabt hätte , sie lebte vielleicht noch , aber um sie davonzubringen , hätte man Euch doktern sollen , « entgegnete der Arzt ; » der drüben kömmt davon , ja freilich , wenn Ihr mir ihn nicht hintendrein tötet mit Plagen , Quälen , Kummern wegen dem Zins . Aber eben , das will ich Euch sagen , nehmt Euch in acht damit ; so gewiß Ihr das tut , will ich Euere Zunge spannen , daß Ihr sieben Wochen das Reden lasset . Das Wasser gschauen tue ich nicht , aber vom Hexenwerk verstehe ich vielleicht mehr als ein Anderer , und wenn es nötig ist , mache ich , was ich kann . Jetzt wißt Ihr , woran Ihr seid , und behüt Euch Gott und lebet wohl . « Joggeli sah ihm mit offenem Maule nach . » Er wärs imstand , der Hagels Ketzer , « sagte er , steckelte in sein Stöcklein zurück und machte sorgsam die Türe zu . Uli war erwacht , aber unendlich matt , es war ihm wie einem , der aus dem Grabe kömmt . Er schloß bald wieder die Augen . » Komm , « sagte der Arzt , » laß ihn machen , schlafen , so viel er will , rede nicht zu viel , freue dich nicht zu sichtlich , frage ihn um nichts , und was du ihm zu essen geben sollst und wieviel , will ich dir draußen sagen . Halte dich tapfer mit den Portionen ; du wirst deine liebe Not haben mit dem Hunger , wenn der einmal erwacht , oft hören müssen , du gönnest ihm das Essen nicht . Aber dessen mußt du dich nicht achten . Sag nur , ich habs befohlen . « Vreneli hatte das Herz voll von Dank und Freude , die Augen voll Tränen , aber reden konnte es nicht , es konnte dem Arzt bloß die Hand geben , als sie draußen waren . Der verstund das aber wohl , drehte sich um , stund ans Fenster , tat , als nehme er eine Prise und wische den überflüssigen Schnupf ab . Der Arzt war sehr rauh , aber nur auswendig ; es gibt andere , welche es umgekehrt haben . Uli war zum Kind geworden , mußte in jeglicher Beziehung ein neues Leben anfangen , so daß er es anfangs kaum merkte . Nachher beelendete es ihn , daß er darüber weinte , Vreneli auch , und den Arzt beschied . Der tröstete , schärfte aber aufs neue die größte Vorsicht ein , leibliche und geistige . Es fehlten Uli die Kräfte , er konnte nicht gehen , nicht einmal den Löffel zum Munde führen vor Zittern . Er hatte das Gedächtnis mehr oder weniger verloren , mußte seine Erinnerungen mühsam zusammenlesen wie ein Kind Glasperlen , welche es im hohen Grase verschüttet oder zwischen losen Steinen . Es war zum Weinen , wie das kleine Vreneli des Vaters wartete , ihn führte und half , fast als wäre er eine große Puppe . Joggeli hielt sich aus Respekt vor des Arztes Worten ferne , doch konnte er sich einmal nicht enthalten , Uli , der in der Sonne saß , näher zu treten und ihm etwas zu sagen . Die Antwort fiel etwas linkisch aus , daß Joggeli sagte : » Dir wärs besser , du lägest im Kirchhof . « Aber wie das Wort , welches Uli nicht einmal verstund , heraus war , erschrak er sehr , steckelte , so streng er es vermochte , seinem Stöcklein zu und schloß sorgfältig hinter sich die Türe . Indessen ging es bei Uli rascher als bei einem Kinde , jeder Tag brachte seinen Fortschritt , derselbe ward immer entschiedener , und zwar hier auf erfreuliche Weise . Er konnte alle Tage besser gehen , das Gedächtnis stellte sich allmählich wieder ein , aber dazu auch ein Hunger , welcher Vreneli manchmal den Angstschweiß auf die Stirne trieb . Wenn ein Mann um Essen bittet , noch um ein Stücklein , um ein ganz kleines , ganz wie Kinder es tun , und die Frau sagen muß , ganz wie einem Kinde : » Ich darf weiß Gott nicht , warte nur eine Stunde , dann gebe ich dir wieder , « und der Mann die Minuten zählt , so ist es allerdings ein schwer Ding für eine Frau , fest zu bleiben und nicht an das Sprüchwort sich zu halten : Wenig schadet wenig , nicht zu denken , daß aus vielem Wenigen viel wird und endlich um eines einzigen Tropfens willen ein Glas überfließt . Was Vreneli ganz besonders freute , war eine Weichheit des Gemütes , eine Ergebung in seine Lage , von der Uli in letzter Zeit so himmelweit entfernt schien . Anfangs erschrak es darob , hielt sie für kindische Teilnahmlosigkeit , für Mangel an Begreifen , in welcher Lage sie seien , aber es stellte sich alle Tage deutlicher heraus , daß es was anderes war . Vor seiner Krankheit waren alle seine Kräfte überspannt , seine Stimmung unnatürlich gereizt ; er glich einem Schwimmer , welcher alle seine Kräfte zusammennimmt , die Strömung zu durchschneiden , das Ufer zu gewinnen . Je schwerer es ihm wird , desto großer werden seine Anstrengungen , alles bietet er auf , das Letzte setzt er daran , bis plötzlich die Kräfte brechen , einem zu stark gespannten Bogen gleich , und der Strom ihn verschlingt . So war auch Uli zusammengebrochen im Kampf mit seinem Geschick , ein Krankheitsstrom war ihm über Seele und Körper gegangen . Als er wieder auf , tauchte aus demselben , aus langer Ohnmacht zu neuem Leben erwachte , war die Spannung vorüber , die Stimmung eine ergebene , dankbare ; es stellte sich das Vertrauen ein , die Züchtigung sei vorüber , der Herr , der in die Hölle führt und wieder heraus , der bis hierher geholfen , werde auch ferner helfen . Uli konnte sagen : » In Gottes Namen , komme was da wolle , wir wollen es annehmen , wir wollen das Mögliche machen , daß niemand an uns verliert , auch haben wir ja gute Leute , welche Geduld haben werden . Wir sind jung , und wenn uns Gott gesund läßt , so ist nichts verloren und es macht mir keinen Kummer , uns mit Ehren durchzubringen , was will man mehr ? Das Reichwerden wollen wir aufgeben , was hat man davon als Angst und Not und Zorn und Streit ? « Diesem pflichtete Vreneli vollkommen bei . Wenn sie nicht zappelten und hasteten , nicht allzu nötlich täten und Gott ihnen ein oder zwei bessere Jahre sende , so werde es so schlimm nicht gehen ; wenn man einander treulich helfe , sei viel zu machen und alles zu ertragen , es danke dem lieben Gott , daß es so gekommen . Uli war auch dieser Meinung . Wohl kam ihm zuweilen eine Hast an , daß er aufsprang , meinte , er müsse dran hin , müsse alle seine Kräfte anspannen , um den steckengebliebenen Wagen zu heben und zu stoßen , aber Vreneli konnte ihm durch ein freundlich Wort die ihm noch so nötige Ruhe geben , daß er wieder nachließ und sagte : » Du hast recht ! « Einundzwanzigstes Kapitel Wie Uli mit Menschen rechnet und Gott sucht Ihre Lage war allerdings trüb und bedenklich . Wenn Uli seine frühern Ersparnisse einzog , so konnte er den Bodenbauer bezahlen und was er sonst noch schuldig war . Sein so sauer Erworbenes war also zugesetzt ; vor ihm war ein Jahr ohne Ernte , wo er genötigt war , einen Teil des Brotes zu kaufen . Sein Freund , der Müller , hatte ihm so viel Korn abgeschwatzt , daß sein Speicher fast leer war . Woher das Saatkorn nehmen ? Brot kaufen müssen bei einem Haufen Gesinde , ist übel . Er hatte nichts als Heu und Kartoffeln , beides reichlich und gut . Mit Milch und Butter konnte er etwas Weniges machen , aber es gab kaum die Hauskosten , noch viel weniger die Dienstenlöhne ; wenn man Brot sparen muß , muß man mit etwas anderm nachhelfen . Aus dem Stalle konnte er etwas ziehen . Jetzt sah er ein , wie gut es gewesen , daß Vreneli für Vorräte gesorgt , welche größer waren , als er glaubte . Hanf und Flachs hatte man reichlich zum Spinnen , und vielleicht war vom erhaltenen Garn etwas zu erübrigen zum Verkauf . Dazu endlich hatte er noch die Rechnungen mit Müller und Wirt , welche nicht erledigt waren , von denen Uli Bedeutendes erwartete . Wie Vreneli manchmal gesagt hatte : » Mach doch die Sache fertig , ich ließe mich nicht immer so abspeisen , du bist viel zu gut und wirst sehen , wie es dir geht , « wehrte es jetzt vom Rechnen ab und sagte : » Wart , das pressiert doch nicht so . « Die beiden Busenfreunde hatten in Ulis ganzer Krankheit nichts von sich hören lassen , und während seiner Genesung ließen sie sich nicht sehen . Sie machten vielleicht das Wort Nervenfieber fürchten , jedenfalls aber fühlt ein Schuldner , welcher nicht gerne zahlt , kein entschiedenes Bedürfnis , sich einem Gläubiger unter Augen zu stellen , von dem er voraussetzen muß , er sei Geldes bedürftig . Vreneli fürchtete Ärger und Zorn für Uli , und ob jetzt eine Woche früher oder später , darauf kam es in Beziehung auf das Geld nicht viel an , wohl aber in Beziehung auf Ulis Gesundheit . Endlich sagte Uli : » Ich merke wohl , warum du mir das Rechnen mit den Beiden verhalten willst , aber sei ohne Sorge , ich kann es geduldig nehmen , wie es kömmt . Sieh , ich habe da auch was verdient , ich sehe es je länger je besser ein . Wären sie die Freunde , wie sie sich immer gestellt , sie wären wohl schon gekommen und hätten ihre Hülfe angeboten . Warum stellte ich meinen Glauben auf sie und bildete mir ein , wie wunder gut sie es mit mir meinten ? Merke wohl , woher es kömmt , und damit soll mich niemand mehr fangen , wie man mit Speck die Mäuse fängt . Es tat mir einerseits wohl , Freunde zu haben , Männer , von denen ich meinte , sie bedeuteten was und meinten es gut . Solche Freunde sind was , nicht nur wegen der Hülfe , sondern es tut einem wohl im Herzen , wenn man denken kann : es mag dir gehen , wie es will , so hast du Freunde , und rechte Männer . Ich muß es bekennen , an diesem Gedanken habe ich große Freude gehabt und oft gedacht : nicht jeder hat Freunde , so wie nicht bei jedem Menschen die Hunde bleiben . Aber wahr ists , ich lebte noch wöhler an ihren Worten ; sie rühmten mir alles und lobten mich immer , da war nichts als Uli hinten und Uli vornen . Wenn man nichts gewesen , tut es einem so wohl , wenn man auf einmal so viel sein soll ; man weiß manchmal nicht , geht man auf dem Kopf oder auf den Füßen , man kommt ordentlich in einen Schwindel , wo man sich dreimal größer sieht , als man ist , und in süße Träume , wo man meint , man sei wirklich im Schlaraffenland und die gebratenen Würste hingen bereits zunächst dem Maule . Jetzt , aus diesem Traume Gottlob erwacht , schäme ich mich , kann nicht begreifen , wie ich das nicht merkte , daß dieses eben die Speckbrocken waren , mit welchen man die Mäuse fängt , daß ich mich so ganz blindlings fangen ließ . Aber es dünkte mich , sie täten den Nagel auf den Kopf treffen , und weil ich ihnen dieses glaubte , glaubte ich ihnen alles andere , hielt sie für die glaubwürdigsten Männer auf der Welt . Ungefähr so wird es der Eva im Paradiese mit dem Teufel ergangen sein . Ward sie gestraft , werde ich billigerweise es auch . Wie ich merke , wird es vielen Menschen schon so gegangen sein . Ich sehe erst jetzt , wie gefährlich es ist mit dem Glauben , wie leicht man ihn am unrechten Orte anwendet . Habe daher nicht Kummer , ich muß es nehmen , wie es ist ; mich dauert nur , daß auch du damit leiden mußt . « An einem schönen Abend machte Uli sich endlich auf zu dem Müller ; weit war es nicht , aber müde ward er doch . Als er zur Mühle kam , wollte ihn lange niemand sehen , dann lange niemand wissen , wo der Müller sei , dann niemand Zeit haben , ihn aufzusuchen , und als endlich jemand sich dazu herabließ , verging eine mörderliche Zeit , bis der Müller sich zeigte . Das sind immer schlimme Zeichen und lassen eben auf den zärtlichsten Empfang nicht schließen . Endlich erschien der Müller . » Lebst auch noch ? « sagte er . » Es hielt dich hart , wollte kommen und sehen , wie es dir gehe , es wollte sich aber nie schicken , daneben hätte ich doch nichts helfen können . « » Du hast recht , « sagte Uli , » da mußte ein Anderer herbei ; aber was ich sagen wollte , schickt es sich dir etwa , mit mir zu rechnen ? Es wäre mir sehr angenehm . Es plagte mich die Zeit über oft , daß ich meine Sache nicht im Reinen hatte ; wenn ich hätte sterben sollen , wer hätte die Sache auseinandermachen sollen , an das sollte man immer denken . « » Du hast recht , « sagte der Müller , » es ist auch gut für die Überlebenden . Wie aufrichtig man ist , so sollte man am Ende doch betrogen haben ; besonders ist immer alles auf den Müllern , wenn die einmal was eingeben , so soll es falsch und erlogen sein . Es ist akkurat , als ob alle Leute die Wahrheit redeten und nur sie lügen könnten . « So begehrte der Müller in einem fort auf , und Uli mußte denken : » Hat der etwa schon auf meinen Tod hin eine Eingabe gemacht gehabt in mein Beneficium Inventarii oder Vermögensliquidation , und erscheine ich ihm jetzt so gleichsam als ein Gespenst oder wie ein alter Papa aus dem Grabe erblustigen Söhnen , « » Hast das Hausbuch bei dir ? « fragte der Müller . » Den Kalender habe ich , « sagte Uli . » Hast denn kein Hausbuch ? « fragte der Müller . » Ich denke , « sagte Uli , » der Kalender werde einstweilen wohl genug sein . « Er hatte eine ganz andere Antwort auf der Zunge , allein während seinem Prozessieren hatte er doch was gelernt , das teure Lehrgeld war nicht umsonst ausgegeben , wie es übrigens oft genug der Fall ist ; er hatte uneinläßlich antworten lernen , dies ist keine unbequeme Redeweise . » So gib an , was sollte ich dir schuldig sein ? « sagte der Müller . » Wenn du dann fertig bist , so will auch ich dir deine Sünden ablesen , es wird dann bald aus , gerechnet sein . « Wir wollen dem Verlauf dieser Rechnung nicht folgen , das Ding wäre zu lang und langweilig . Wir wollen bloß sagen , daß der Müller sich offenbar auf Ulis Tod eingerichtet zu haben schien , wenigstens dem Hausbuch nach , welches er in Händen hatte ; denn vielleicht hatte er mehr als eins , eins für die Lebendigen und eins für die Toten . Bei jedem Ansatz von Uli gab es Anstoß , bald wegen dem Preise und bald wegen der Zahl der Säcke , und als erst der Müller seine Gegenrechnung ablas , gab es der Anstände bei jedem Wort und nicht bloß über Maß und Preis , sondern ob die Sache wirklich geliefert worden oder nicht . Es war da Geld angesetzt für Mehl , Spreuer , Kleien , Abschlagszahlungen dazu und weiß Gott was alles , von dem Uli entweder gar nichts wußte oder aber überzeugt war , daß er dasselbe frei in den Kauf gedungen oder daß es von Mehl kam , welches er hatte mahlen lassen , der Müller Kleien und Spreuer von Rechts wegen ihm schuldig war . Aber man gehe und mache eine dreijährige Rechnung auseinander und dazu aus Büchern , welche ein Uli und ein Müller führten ! Uli sah mit Schrecken , daß der Müller , dessen Rechnung nach , ihm viel weniger schuldig war , als er gedacht , auch wenn Ulis Rechnung für Verkauftes als gültig angenommen wurde . Des Müllers Gegenrechnung war gar greulich . Es dünkte Uli doch stark , zu jedem A , welches der Müller vorsagte , B nachzusagen , aber was sollte er machen ? Mit seinem Buch konnte er vor dem Richter nicht viel ausrichten ; ob das des Müllers besser sei , wußte er nicht , prozedieren wollte er nicht , seinem Kopf traute er nicht , und bei dem vielen Wechsel seines Gesindes während dem ganzen Verlaufe der Rechnung wußte er nicht , ob nicht das Eine oder das Andere etwas auf des Meisters Namen genommen oder nicht . Man sollte immer , wenn man das Gesinde wechselt und offene Rechnungen sind irgendwo , wo Knechte und Mägde zu- und abgehen , bringen oder holen , diese beim Wechsel abschließen oder untersuchen , es gibt da manchmal fatale Entdeckungen . Uli kam das Aufschieben in Sinn , was gewöhnlich der beste Ausweg scheint , wenn man in Verlegenheit ist . Er solle es ihm auf ein Papier machen , was er zu fordern habe , sagte Uli ; er wolle es der Frau zeigen und mit seinen Leuten reden , ob sie um dieses und jenes wüßten . Zudem könne man den Karrer bescheiden , welcher früher bei dem Müller gewesen und jetzt beim Sternenmüller sei , der habe das meiste Korn gefaßt und werde wohl noch im Kopfe haben wieviel , es sei der vernünftigste Mensch , der ihm je vorgekommen ; zudem werde er dies Jahr viel aus der Mühle bedürfen und dem Müller noch schuldig werden , so daß es ihm im Grunde nicht so pressiere mit der Rechnung . Das alles leuchtete dem Müller schlecht ein . Er kannte Vreneli , wußte also im voraus , was es sagen würde ; mit seinem Karrer war er in großem Unfrieden auseinander , gekommen , auch diente derselbe bei seinem ärgsten Feind , er wußte also im voraus , was er von diesem zu erwarten hatte ; zudem machte er mit Uli nicht ungern fertig , er gab ihm nicht gerne mehr was aus seiner Mühle , er war überzeugt , Uli sei zugrunde gerichtet , wer an ihn zu fordern habe , verliere . Vor allem aus aber wollte er eine richterliche Untersuchung seiner Rechnung bei Ulis Lebzeit nicht und am allerwenigsten eine Abtretung dieser Rechnung an Joggeli , wo deren Bereinigung wahrscheinlich dem Baumwollenhändler übertragen worden wäre ; den kannte der Müller und haßte ihn . Der Müller sagte daher , sie seien jetzt bei einander , das Gestürm wegen Rechnen sei ihm zuwider , und wenn sie nicht übereinkommen könnten , wer es denn solle ? Übrigens habe er geglaubt , er habe es mit einem braven Manne zu tun , und nicht daran gedacht , daß hintendrein müsse gezankt sein , sonst hätte er die Sache längst ins Reine gebracht ; daneben könne Uli machen , was er wolle , aber das wolle er ihm sagen , er , Müller , sei dann nicht das Mannli , mit welchem Uli den saubern Kuhhandel gehabt . Wenn er dort gewonnen habe , so solle er ja nicht denken , es gehe immer so . Das war fast zu viel für Uli , er dankte Vreneli im Herzen , daß es ihn so lange hingehalten , die Unverschämtheit des Müllers war doch gar zu groß . Uli war es noch nicht klar , wie viele Menschen , und zwar kleine und große , den Mangel an Recht durch Frechheit ersetzen . Er mußte gewaltig sich zusammennehmen , um nicht abzubrechen , sondern einzutreten in ein Markten , welches doch endlich nach manchem harten Worte und mit bedeutendem Schaden für Uli zum Ziele führte . Da Müller warf das Geld , welches er noch schuldig blieb , hin fast wie einem Hund ein Stück Brot und sagte , da solle er das ungerechte Geld nehmen , wenn er das Herz habe . Wenn er aber künftig Mehl oder was sonst nötig habe , so sei es ihm lieber , er nehme es an einem andern Orte . Mehr als der Verlust schmerzte Uli der Vorwurf , er sei der Betrüger , der ungerechte Forderer und daß der Müller dabei auf seinen Kuhhandel sich stützte , und zwar nicht ganz mit Unrecht . Er fühlte jetzt , was ein gut Gewissen wert sei und daß der geringste Makel daran sei , was eine Spalte in einem Bogen . Wenn nun der Makel im Gewissen auch zum Makel am Namen werden sollte , wenn es an jedem Markttage und bei jedem Handel heißen sollte , er sei ein ungerechter Mann und begehre die Leute zu betrügen , so war er ja für sein ganzes Leben unglücklich , gleichsam gebrandmarkt ; das fühlte er so recht lebendig , und es ward ihm himmelangst dabei , denn welch armer Tropf war er , wenn er den ehrlichen Namen verloren hatte , der war sein Vermögen , seine beste Bürgschaft , da er von Anderer Vertrauen leben mußte . Hatte er den nicht mehr , so war ihm der Weg zum ehrlichen Fortkommen versperrt , er mußte künftig vom Betrug oder vom Betteln leben . Da erkannte er , wie eine einzige Handlung , unbedacht und leichtsinnig vollbracht , als unbedeutend geachtet , entscheidend für ein ganzes Leben werden kann . Tief gedemütigt und niedergeschlagen kam Uli heim . Nun wäre das für manche Frau ein wahres Herrenfressen gewesen . » Siehst , ich habe es dir gesagt , es gehe so , habe gewarnt , habe gemeint , ehrlich währe am längsten , aber du hast mir nicht geglaubt , hast gemeint , ich sei nur so ein Weib und du viel gescheiter ; siehst , jetzt erfährst , wer recht hat . Jetzt denkst : hätte ich nur geglaubt , aber jetzt ists zu spät , kannst lange jammern ! Ein andermal denk daran ! Ich hätte jetzt gute Lust , nie mehr was zu sagen und meinen Rat für mich zu behalten . « Doch Vreneli war nicht von dieser Rasse ; es tröstete , er solle es nicht so schwer nehmen , das Lehrgeld sei nicht so groß ; der Müller werde sich hüten , viel von der Sache zu reden , es sei nicht das erstemal , daß er es so mache , und er wisse wohl , daß man ihn kenne . Gut sei es , daß die Sache abgemacht sei , so wisse man doch jetzt , woran man mit ihm sei , wenn es nur mit dem Wirte auch in Ordnung wäre . Uli hätte gute Lust gehabt , Vreneli zum Wirte zu senden , aber Vreneli wollte nicht gehen . Wenn es nicht sein müsse , so bleibe es lieber einige hundert Schritte von dem weg , sagte es ; der werde es aber nicht so machen wie der Müller , der werde mit guten Worten zahlen wollen , denn man sage , das Geld sei rar bei ihm , wenn ihm ein Taler eingehe , so seien Zehne da und möchten ihn . Wie Vreneli sagte , so war es auch . » Will schon mit dir rechnen , warum nicht ? Die Sache ist punktum aufgeschrieben und in der Ordnung , zähle darauf , aber Geld kann dir mein Seel keins geben , habe selbsten keins , und wo nichts ist , ist nichts , wie du weißt , « so sprach der Wirt . » Ich glaube , wenn es mir drei Tage lauter Taler durch den Rauchfang runterregnete , sie wären immer alle weg . So hungrig nach Geld habe ich mein Lebtag die Leute noch nie gesehen . Wenn ich von weitem jemand mit langen Schritten kommen sehe , so weiß ich schon , der wird auch Geld wollen , ich muß allemal lachen ; nimm , wenn du findst , denke ich . Sie wissen wohl , daß nichts zu verlieren ist , bewahr , ich habe mehr als Sachen genug , aber es gibt Zeiten , wirst es auch schon erfahren haben , wo man beim besten Willen nicht zahlen kann . Da wird es den Leuten angst und sie kommen daher wie Tauben , wenn man Hanf gesäet hat , und wollen Geld für Sachen , welche ich beim Hagel nicht einmal mehr im Hause habe ; aber denen will ich daran denken , die müssen warten bis zuletzt . Du aber sei nur ruhig ; sobald ich Geld bekomme , mußt du es haben , und lieber , als daß du einen Kreuzer an mir verlieren solltest , wollte ich es zusammenbetteln , und sollte ich laufen müssen bis nach Konstantinopel . Einer , der seine Sache auch nur verdienen muß , soll an mir nie was verlieren , lieber wollte ich , so lange ich lebe , Hunger leiden und keinen Schoppen mehr trinken . Sieh , ich habe selbst viel Geld einzuziehen , aber es läuft nicht . Du glaubtest es nicht , wenn ich dir meine Schuldner nennen würde , aber sie können mir in diesem Augenblick nicht an die Hand gehen . Dann habe ich auch noch was verloren , es ist ein Nichts , das heißt es ist viel genug , aber es würde nichts machen , wenn es nicht alle Leute wüßten und nun alle daherkämen und Geld wollten . So könnte man dem Rothschild die Hosen umkehren , wenn er in einem Tage alles bezahlen sollte , was er schuldig ist . Hast du das Geld so sehr nötig , diesen Augenblick ? « Ho , sagte Uli , wenn er es haben könnte , würde er es gerne nehmen . Indessen setzte er , durch die guten Worte des Wirts bestochen , hinzu : » So einige Wochen könnte ich im Falle der Not warten ; der Lumpenhund , der Müller , hat mir einiges Geld geben müssen , ungern genug , aber wenn man Brot kaufen muß , so ist bald viel gebraucht . « » Es ist schlecht vom Müller , es dir so zu machen " « sagte der Wirt , » er ist nicht der Sauberste ; es gelüstete mich manchmal , dir zu sagen , du solltest dich in acht nehmen , aber wenn ich dann sah , wie gut ihr zusammenhieltet , und weil er der Gevattersmann ist , so wollte ich nicht was Böses zwischen euch hineinmachen , daß es hinterher hieße , ich hätte euch gegeneinander aufgehetzt . « » Joggeli ist mißtrauisch , er hat schon Kummer , er müsse an mir verlieren . Wenn ich ihm zeigen könnte , daß ich noch einzuziehen hätte , so ließ er mich desto ruhiger , « sagte Uli . » Weißt was , « sagte der Wirt , » komm ins Stübli , wir wollen sehen , wieviel ich dir schuldig bin ; dann mache ich es dir aufs Papier , auf Stempelpapier , eine rechte Obligation , mein Seel , und verzinsbar zu vier Prozent , oder wenn du fünfe willst , so sage es . Die kannst du ihm zeigen , sie ist so gut als bar Geld , und sobald mir Geld eingeht und du es begehrst , so löse ich sie ein und gebe dir Geld .