Schöpfungen dieser beiden Menschen ein Utopien aufblühen - « Er nahm das Geld und ihre Hand zugleich : » Ihr großes , schwärmendes Herz , « rief er , » macht mich selbst mit schwärmen - ja ! Und ist es ein Irrthum - einem schönen und edeln sich hinzugeben , ist auch kein verlorenes Gefühl . - Wenn man verzagen will im Glauben an die Menschheit und findet noch Herzen wie Sie und Pauline , da richtet man wieder begeistrungsmuthig sich auf ! « » Diese Herzen danken Ihnen , was Sie jetzt an Ihnen rühmen wollen - « und sie sah innig zu ihm auf . In diesem Augenblick trat ein Diener ein und übergab ihr ein kleines Päcktchen , welches mit der Post gekommen war und die Bemerkung trug : » sogleich zu eröffnen . « Sie bat um Entschuldigung und öffnete - es enthielt ein großes goldenes Medaillon . Auf einer beigefügten Karte stand nur : » Ich wünsche Ihnen zu ihrer Verbindung Glück und übergebe das Bild , das ich bisher an meinem Halse trug , dem Herzen , das jetzt dem Original vertraut ! - Bella . « Sie öffnete das Medaillon - es war Jaromir ' s Bild . Durch die rückhaltlose Unterredung über die Freundin war jetzt auf ein Mal das Band des Vertrauens innig geknüpft zwischen diesen Beiden , darum faßte sie wieder seine Hand und sagte flehend und stürmisch : » Von Ihnen allein kann ich einen Rath fordern - mein Vertrauen in Jaromir war nicht erschüttert - wenn er vor mir geliebt , was habe ich davon Rechenschaft zu fordern ? - Aber gestern Eduins Worte und nun dieser Brief - Wenn er eine Andere um mich betrogen hätte - wenn ich daran Schuld wäre ? Ich hätte es ihm verbergen sollen , daß ich ihn liebte - aber ich wußte es ja selbst nicht eher , bis das Wort ausgesprochen war ! - Und wenn ich nun die Ursache geworden , daß ein anderes Herz um ihn bräche ? « Er sah vor sich nieder und schwieg - was sollte er auch sagen ? War Jaromir dieser vertrauenden Liebe werth - er , den eine leichtfertige Schauspielerin bethören konnte ? Und sollte er ihn verklagen - konnte er es , ja durfte gerade er es ? War er es nicht , der ihm , wenn gleich ohne es zu wissen , die erste Geliebte genommen - und sollte er ihm jetzt vielleicht auch die letzte nehmen ? Sein Verstummen erschreckte sie : » So habe ich Recht ? « fragte sie tonlos . Er besann sich und sagte nun : » Sie irren ! Fällt Ihnen denn der Name nicht auf ? - Die Dame , von der Eduin sprach , und diese , welche Ihnen jetzt das Bild schickt , ist nur eine und dieselbe - die Sängerin Bella . « Da richtete sie sich plötzlich groß auf und sagte : » Dank dem Himmel ! So darf ich ihn mein nennen , so darf ich darauf vertrauen , daß meine reine Liebe ihm vollen Ersatz geben wird für diese , die ihn aufgiebt und zu der sein sehnsüchtiges Herz sich verirren konnte . « Thalheim stand auch auf und sah bewundernd zu ihr - vor einer solchen Liebe begann er plötzlich selbst wieder ihre Allgewalt zu empfinden . In diesem Augenblicke ging Etwas in ihm vor , das seinem Herzen eine stumme Sprache zu sich selbst gab , auf die er nicht länger hören mogte . » Leben Sie wohl und glücklich , « sagte er , » vergönnen Sie mir einen schnellen Abschied . « Er drückte ihre Hand sanft an seine Lippen - eine Thräne fiel darauf . » Ich scheide heute anders von Ihnen - als das letzte Mal - damals hatte ich meinen Lehrer verloren - jetzt habe ich einen Freund gefunden - Sie werden mich auch nicht vergessen , und wir werden uns wiedersehen ! « sagte sie innig bewegt , aber mit edler jungfräulicher Würde . In diesem Augenblick öffnete sich die Thüre und Jaromir trat ein . Thalheim ließ Elisabeths Hand los und warf sich erschüttert in seine Arme : » Graf , « rief er , » wir haben uns in einer der schwersten Stunden des Lebens begegnet , wo unser Beider Herzen heftiger schlugen als gewöhnlich - es war bei einem Weibe , das nicht werth war , daß wir es Beide geliebt hatten . - Heute ist es anders , heute schlagen unsere Herzen wieder anders als gewöhnlich - aber der Himmel hat einen seiner Engel in eine Frauengestalt zu uns gesandt , damit ein Weib Alles sühne , was ein Weib verbrach . - Graf ! Der Augenblick , wo das Männerherz vor dem weiblichen Ideal sich neigen darf , wiegt Alles auf , was man durch Weiberfalschheit gelitten - streben Sie danach , den Engel zu verdienen , der sich Ihnen weiht - enden kann Ihre Liebe niemals , das fühl ' ich jetzt , und Ihre Liebe ist ihre Seligkeit . « Darauf ließ er den seltsam Ueberraschten los , führte ihn zu Elisabeth und stürzte fort . Sie lehnte sich innig in Jaromir ' s Arme und sagte mit in Wonne leise vergehender Stimme : Ja ! Unsere Herzen sind vereint für ewig ! « Als sie sich aus dieser Umschlingung wieder aufrichteten , sah er auf das Madaillon - er ward bestürzt und blickte sie wieder an . » Ich kam , Dir heute mein Leben zu erzählen - und man hat mir wohl wieder vorgegriffen ? « sagte er finster . Sie lächelte : » Und Du siehst , was man damit erreicht hat ! « Nun setzten sie sich zusammen und er sagte ihr sein ganzes Leben und sein ganzes Herz - und sie schwor ihm dazwischen , daß nun seine Täuschungen ein Ende hätten und daß ihn niemals ein Herz geliebt wie das ihrige . Als ihm auch jetzt Elisabeth Alles sagte und er sah , welche kleinliche und niedrige Rache Bella ' s beleidigte Eitelkeit an ihm hatte nehmen wollen , so endete auch das Gefühl der Freundschaft , das in seinem Herzen noch für sie gesprochen . Aber während Bella bei andern Liebhabern den Einen zu vergessen strebte , sann die unglückliche Amalie noch in finstrer Mißgunst , wie sie Jaromirs Glück verderben wolle . Seltsame Verirrung des weiblichen Herzens ! Amalie selbst war es ja , welche das erste Unrecht begangen an Jaromir , als sie ihm untreu geworden aus thörigter Eifersucht , aus eitler Grille . Sie war es , welche den Glauben an das Schöne und Edle der weiblichen Natur in ihm zerstört , weil sie seiner heiligen ersten Liebe sich unwerth zeigte , sie hatte Rauch und Asche in das heilleuchtende reine Feuer seiner Liebe getrieben , so daß dann die Flamme auseinander wehte und lange Zeit vergeblich nach edler Nahrung suchte und trübe und düster lodernd auf niedrigem Boden dahinkroch . Sie hatte ihn unglücklich gemacht , denn ihr Verrath war die Ursache , daß er für sein zertretnes Herzensglück Ersatz suchte bei niedrigen Leidenschaften . - Und als sie darauf nach Jahrelanger Neue über ihr Unrecht , eine Neue , die mehr Egoismus als ein edles Gefühl war - ihn wiedersah und erkannte , wie er von seinem Schmerz genesen war und die Zeit gesühnt hatte , was sie an ihm verbrochen - da kehrte ihr Herz sich wieder um , und sie haßte ihn nun , weil er im Kampfe mit sich selbst und dem Schmerze Sieger geblieben war . Und jetzt - als sie ihn abermals wieder sah , glücklich durch Liebe an der Seite einer schönen , bewunderten Jungfrau - da erwachte all ' ihre Eitelkeit wieder - sie sah sich verblüht , alt und häßlich geworden , und doch hatte sie einst derselbe schöne Mann geliebt , der jetzt eine würdige Wahl war für jenes hohe Mädchen - und er wäre der Ihrige gewesen , wenn sie nicht selbst sich von ihm getrennt hätte . Die Schuld zu tragen an dem eignen vernichteten Lebensglück ! Wohl mag das hart sein - und eine Frau wie Amalie ohne höhern Schwung der Seele , ohne Größe des Herzens konnte wohl bei solchem Bewußtsein untergehen , von Stufe zu Stufe sinken und endlich noch ein Recht zu haben meinen , die eigne Schuld fremden Menschen oder einem blinden Schicksal aufzubürden . Wer niemals gelernt hat , gerade darin einen Stolz zu setzen , größer zu sein als sein Schicksal - der läßt sich in ohnmächtiger Schwäche von ihm darnieder beugen und nennt das dann noch : christliches Dulden . Amalie hatte dies gethan - sie hatte geduldet - nun verlangte sie dafür eine Genugthuung . Sie hatte durch ihr Benehmen , als sie Jaromir bei Elisabeth wieder sah , und wo das Unerwartete sie zu einer niedern Heftigkeit hinriß , ihren Zweck verfehlt , das sah und wußte sie . Erst hatte sie Jaromir ' s Briefe aufbewahrt , um durch sie vielleicht einmal sein Liebesglück zu zerstören - dazu waren sie ihr jetzt nutzlos , wenn Elisabeth bereits um Jaromirs erste Liebe wußte . Von dieser Seite konnte sie nicht zu ihrem Ziel kommen . In düstrer Stimmung war sie eines Abends allein zu Hause , als ein Herr kam und den Oberst von Treffurth zu sprechen wünschte . Als er eintrat , standen die Beiden sich betroffen gegenüber und sahen sich an . Amalie erkannte in dem Polizeirath Schuhmacher denselben , welcher bei ihr Haussuchung gehalten - und er erkannte sie , denn ein Mann bei der geheimen Polizei hat ein fabelhaftes Gedächtniß für Personen . Da er jetzt einige Wochen von Hohenheim entfernt gewesen war , hatte Amalie bisher seiner Aufmerksamkeit entgehen können . Er knüpfte sogleich weitläufige Combinationen an diese Begegnung . Durch ihre Seele schoß es ebenfalls wie ein Blitz : um Jemand zu nützen , stellt man keine geheimen Haussuchungen an - dieser Mann hatte also damals Gefährliches im Sinne gehabt - und er hatte sich gefreut , als er Papiere von Szariny gefunden - vielleicht war es in der Macht dieses geheimnißvollen Mannes , Szariny irgend ein Uebel zuzufügen - sie durfte die Gelegenheit nicht vorübergehen lassen . Nach den ersten Fragen und Antworten über des Obersten Abwesenheit begann Amalie : » Sie wollten einst Auskunft von mir über den Grafen Szarinh . « » Sie meinten damals , Sie hätten mir keine weitere zu geben . « » Sie fanden mich damals in einer entsetzlichen Stimmung , Sie wissen es . « » O , regen Sie Sich durch die Erinnerung nicht auf - wenn Sie damals verschlossen gegen mich waren , so haben Sie allerdings Recht , daß jetzt der Augenblick gekommen ist , es auszugleichen . « » Sie suchten nach Briefen von Szariny ; die Sie fanden , waren Ihnen zu alt - vielleicht kann ich Ihnen neue geben . « » Sie würden Sich dadurch ein großes Verdienst erwerben . « Es kam nun zu einem weitläufigen Hin- und Herreden , wo Keines dem Andern seine Absichten verrathen wollte , man capitulirte förmlich und gelobte sich Schweigen . Endlich sagte Amalie : » Wir haben hier mit einigen Familien ein gemeinschaftliches Portefeuille , worein die Briefe kommen , welche am andern Tage zur Stadt gebracht werden sollen . Der Oberst macht von diesem kleinen Verein gewissermaßen den Postrath - das Portefeuille ist hier , « - sie holte es . » Graf Szariny hat heute einige Briefe hergeschickt . « Dem Polizeirath war es doch bedenklich , seine Geheimmittel , wie man allwissend wird , eine Frau wissen zu lassen . Er wieß ihren Vorschlag zurück . Sie hatte dennoch das Portefeuille geöffnet und hielt ihm einen Brief mit Szarinys Wappen und Handschrift hin . Er war an den Redacteur eines neuen Volksblattes adressirt , welches eine ziemlich radicale Färbung hatte . Der Umstand war bedenklich . Der Polizeirath wog ihn bedenklich und bemühte sich , durch das dünne Couvert zu lesen ; er unterschied die Worte : Franz Thalheim , ein Fabrikarbeiter . In staatsgefährlichen Zeiten ließ sich am Ende Alles entschuldigen - auch wenn Amalie nicht schwieg - und sie gelobte Schweigen - ein heißgeglühtes Federmesser hob mit leichter Mühe das starke Siegel unverletzt ab . Der Brief enthielt an den befreundeten Redacteur eine Empfehlung Franz Thalheims zum Mitarbeiter , da dieser wahrscheinlich sich in Kurzem ganz der Volksschriftstellerei widmen werde . Es hieß darin unter Anderm : » Sein Bruder und ich halten ihn für vollkommen befähigt zu dem neuen Lebensplan , welchen jener für ihn ausgesonnen . « Der Polizeirath war befriedigt , der Brief ward notirt und wieder vorsichtig versiegelt . Amalie erfuhr den Inhalt nicht , aber sie las es in seinen Mienen , daß sie einen Schritt zu ihrem Ziel gethan . Ehe er mit ihr ein neues Verhör über Gatten und Schwager anstellte , fand er es gerathen , mit Bordenbrücken Rücksprache zu nehmen . Darum ging er . Von dem Geheimrath erfuhr er alles unterdeß Vorgefallene . Anton , der schon seit jener ersten Bekantschaft mit Schuhmacher , als er den Namen Stiefel angenommen , immer als Aufpasser und Berichterstatter in dessen geheimen Sold geblieben war , hatte angezeigt , daß die Brüder Thalheim mehrfach lange Zwiesprache gehabt , daß seitdem Franz sie Alle meide , immer zur Ruhe und Frieden rede , aber daß hinter dieser Maske jedenfalls die rebellischsten Absichten steckten . Daß ferner durch den Tod einer Frau und ihres Kindes unheimliche Stimmung entstanden sei . Da man sich zuletzt vor Anton hütete , so hatte er nicht mit berichten können , was eigentlich wirklich schon Bestimmtes zu fürchten war . Der Polizeirath hatte seinen Verhaftsbefehl gegen Franz schon mit und so sollte er denn in morgendlicher Stille benutzt werden . Am Abend vor diesem Morgen war Gustav Thalheim ahnungslos abgereist . Er hatte den Bruder nicht noch ein Mal sprechen können , ihm aber seinen Plan geschrieben und diesen Brief einem gewissenhaften Diener Waldows zur Besorgung gegeben . Das Geld sollte er sich selbst bei Karl von Waldow holen . Den eröffneten Brief hatte Jaromir auf Elisabeths Bitte geschrieben , welche ihm ihre Unterredung mit Thalheim mitgetheilt hatte . X. Vereinigung » Der Zorn , daß noch der alte Fluch Vom armen Volke nicht gewichen , Daß aus dem großen Lebensbuch Das Wort Despot noch nicht gestrichen ; Dann möge durch Dein Herz wie Gluth Die Thräne Deiner Mutter lodern , Dann gebe Gott Dir Kraft und Muth , Die Schuldner vor Gericht zu fodern ! « Ludwig Köhler . Waldows Diener , um den Brief gewissenhaft zu übergeben , den er von dem Doctor Thalheim erhalten , war auch frühzeitig nach der Fabrik gegangen . Er wußte sich den Tumult nicht zu deuten . Als er endlich näher kam und das Entsetzliche gewahr ward , kamen einige Arbeiter auf ihn zu , fragten ihn , ob er wie sie thun wolle und gegen die Reichen zu Felde ziehen , deren Sclave er ja doch auch nur sei ? Andere verhöhnten sein Tressenkleid , sagten , daß er sich darin wohl gefalle und noch Staat mache mit seiner Sclaverei . Mit Schlägen und Schimpfreden umringten sie ihn . Da schrie der Gemißhandelte laut aus Leibeskräften nach Franz Thalheim . Das rettete ihn , denn Franz war in der Nähe und nahm ihm den Brief ab . Er bat die Andern , den Diener laufen zu lassen , er möge es den Leuten immer erzählen , was hier vorgehe , verborgen könne es doch nicht bleiben . Von Mehreren wie ein Wild gehetzt entfloh der Befreite . Unterdeß hatte Franz den Brief seines Bruders gelesen - erst leuchteten seine Augen - denn es war ihm , als griffen erbarmungslose Hände in sein Herz und rissen es in Tausend Stücke - und um die innere Empfindung im Aeußern nachzuahmen , zerriß er den Brief und streute die Blättchen rings um sich . Noch gestern - wenn er da den Brief erhalten , hätte er seiner Mahnung folgen , fortgehen und irgendwo eine andre Heimath suchen können - für die Kameraden hier konnt ' er ja doch Nichts mehr thun , sein Werk hatte man ihm zerstört und gewehrt und die Kameraden liebten ihn und trauten ihm nicht mehr - hier war sein Geschäft aus . Aber heute konnte er nicht gehen , heute nicht ! Das wäre feige Flucht gewesen ! - Man hatte ihn einkerkern wollen und die Kameraden hatten ihn befreit , das mußte er ihnen vergelten . Jetzt waren sie aufgestanden in wilder , zerstörender Wuth - sie hatten das Entsetzliche gethan und jede nächste Stunde konnte für sie eine entsetzlichere Vergeltung bringen - nun durfte er sie nicht verlassen in der Stunde der Gefahr , da sie ihn nicht verlassen hatten - nun hatte diese Alle eng verbrüdert . Er mußte mit ihnen stehen und fallen , siegen und verderben oder sterben . Das fühlte er klar . Und Pauline ? Welche Gefahren konnten ihr jetzt drohen ? Wer sollte sie schirmen und schützen , wenn nicht er ? » Komm August ! « rief er jetzt , indem er auf diesen zueilte . » Komm ! Da ich das Verderben einmal nicht aufhalten konnte , das jetzt hereingebrochen , so wollen wir ' s auch redlich theilen ! Nur stellt mich nicht hin zur blinden Zerstörung , ich mag nicht kämpfen mit wehrlosen Dingen ! Aber wo Gefahr ist , da laßt mich sein - ich gehöre zu Euch , denn Ihr habt mich frei gemacht , und konnt ' ich Euch im Leben nicht mehr nützen - wollte nun nur Gott , ich könnt ' s mit meinem Tod ! « Ein Wagen näherte sich der Fabrik und wollte durch ein Gedränge von Männern , Weibern und Kindern nach den Wohnhause zu - aber die Menge fiel den Pferden in die Zügel , zerhieb die Stränge und rief : » Auch die Pferde sollen heute frei sein , wenn sie ' s gleich im Leben besser gehabt haben als wir ! « Dann ward der Kutscher verspottet , der entsetzt vom Bocke sprang und den Pferden nachsah . Elisabeth hatte ihren Wagen geschickt , um Pauline zu holen , und so ward er empfangen . In den nächsten Dörfern hatte man die Bauern aufgeboten , herbei zu kommen und die aufrührerischen Rotten von weitern Zerstörungen abhalten zu helfen . Aber Herr Felchner hatte sonst oft vor Gericht in Streitigkeiten mit ihnen gestanden , er hatte ihre Feld-und Gartenfrüchte immer so schlecht als möglich bezahlt , und sie waren in keinem Stück mit ihm in gutem Einvernehmen gewesen , So kam es , daß nur Wenige Lust hatten , ihm zu Hülfe zu eilen und die Meisten von Denjenigen , welche sich dazu entschlossen , waren solche , die nur gern bei Raufereien und Schlägereien waren . Sie bewaffneten sich mit Spaten , Sensen und Düngergabeln , tranken sich erst Muth und zogen singend und lärmend nach der Fabrik . Da kam ihnen ein Haufe junger Arbeiter entgegen , Wilhelm an der Spitze . » Was wollt Ihr ? « rief er ihnen zu . » Kommt Ihr als unsre Feinde - dann würdet Ihr verloren sein , denn Ihr seid nur eine kleine Schaar und wir sind viel mehr als Ihr . Aber wir können auch nicht glauben , daß Ihr so thörigt wäret , in uns Euere Feinde zu sehen . Wir sind von Natur Eure Freunde und Brüder , und nur die unbarmherzigen Reichen , welche elendes Geld aufhäufen , um Tausende verhungern zu lassen , sind unsere Gegner . Wir wollen nur diesem geizigen Tyrannen hier zeigen , daß seine Reichthümer von Rechtswegen uns gehören müßten , und da er uns unser rechtmäßiges Eigenthum entzogen hat , so wollen wir es uns nehmen . Deshalb werdet Ihr nun uns doch nicht Uebles anthun wollen , weil wir in die Welt ein Bischen bessere Ordnung bringen mögten ? Und wer von Euch arm oder dienend ist , der ist unser natürlicher Bundesgenoß und wird uns beistehen gegen diesen geizigen Tyrannen hier ! « Und so sprach er noch weiter - da stimmten ihm viele von den Bauern bei und schrien : » Ja wir wollen Euch helfen ! « und mischten sich unter die Fabrikarbeiter ; Andere aber , welche dies nicht mogten , ergriffen die Flucht und wurden von Steinwürfen und Peitschenhieben wieder zurückgejagt in ihre Dörfer . Einzelne , welche sich widersetzten , geriethen in ein fürchterliches Handgemenge , und eine blutige , entsetzliche Scene folgte auf die andre - aber überall zogen die Bauern den Kürzern . Der Fabrikherr ward vor Schrecken noch bleicher , als er das hörte . - Wo nun Hülfe finden ? Das Militair konnte kaum vor dem andern Morgen kommen - und was konnte nicht Alles geschehen bis dahin ! Jetzt war es erst Mittag , und schon hatten die Leute fast alle seine Maschinen zerstört und wütheten noch in den vordern Fabrikgebäuden . Jetzt hatten sie den etwas entfernt liegenden , einzeln in den Felsen gehauenen Keller erbrochen , ein Faß Wein heraufgeschroten und saßen nun um dasselbe herum und tranken die Gesundheit der neuen Zeit und der armen Leute in dem besten Französischen Weine des Fabrikherrn . Sie ruhten dabei aus von ihrem Zerstörungswerk , um sich neue Kräfte und frischen Muth zu trinken . Nur die Factoren , Markthelfer und Kutscher waren dem Fabrikherrn treu geblieben , die Andern waren Alle gegen ihn . Helfen konnten diese wenigen Menschen gegen den überlegenen und wüthenden Feind auch nur Weniges - durchkommen konnte jetzt auch Keiner mehr , weder herein noch heraus . Georg war auch ganz wie vernichtet - er hatte nie weiter Etwas gekonnt als rechnen und schelten - jetzt wußte er nicht mehr , was zu thun sei . Es blieb Nichts übrig , als auf die militairische Hülfe zu warten , die von außen das umzingelte Wohnhaus der Fabrik gleichsam wie eine Festung entsetzen mußte . Man mußte sich darauf beschränken , dieses zu verschließen und zu verrammeln , desgleichen auch den Hof , der es umgab und die nächsten Gebäude , welche noch frei waren . Ein Gewölbe mit Vorräthen von Fleisch , Butter , Kraut und Rüben , das sich neben dem Weinkeller befand , war auch eröffnet worden - an einem großen Feuer im Freien kochten die Weiber davon und die Männer ließen es sich dann mit ihnen trefflich schmecken , so daß jetzt Alles ganz friedlich und gemüthlich aussah . War es ja doch eigentlich nur der Hunger , welcher die Meisten dieser Armen zum Aufstand gebracht hatte ! Denn von communistischen Theorien , die sie etwa verwirklichen wollten , wußten sie Nichts , die spukten nur in Wilhelms Kopf , welcher sie in unklaren Reden zu verbreiten suchte , aus denen Jeder die Sache nur gerade so verstand , wie sie in seinem Gedankenkram paßte . Darin waren sie einig , daß sie Alle Etwas zu rächen hatten an dem Fabrikherrn : Hunger , Frost , Blöße , Krankheit , verstümmelte Glieder , Tod oder Elend ihrer Kinder , harte Behandlung und all ' die Noth und Sorge von einem jammervollen Tag zum andern . Ihre leiblichen Bedürfnisse waren es , welche jetzt diesen Wuthausbruch hervorgerufen - und wie viel er hier unbefriedigt gelassen und doch hätte befriedigen können , wenn er menschlich gewesen , das wußten sie - aber ein unklarer Instinkt drängte sie in gleicher Weise zur Rache - jener Instinkt , welcher sie hieß , für Alles , was in ihren und ihrer Kinder Seelen Gutes und Edles und Bildungsfähiges erstickt und todtgeschlagen worden war , durch all ' ihr äußeres Elend , sich auch dafür zu rächen und eben gerade dadurch , daß sie ihrer Entsittlichung und Verwilderung in ihrer schlimmsten Art und ohne Zügel verderbensvoll walten ließen . Der Abend begann schon herein zu dämmern - im Haus des Fabrikanten herrschte Todtenstille . Alles war in banger Erwartung des Kommenden , was man thun konnte , war gethan . Es blieb nichts Anders übrig , als zu warten . Dieses Warten war fürchterlich ! Pauline war nicht mehr eingeschlossen in ihrem Zimmer , die Vorsicht war nicht nöthig , da nun das ganze Haus verrammelt war . Aber sie war allein in ihrer Stube geblieben , weil sie bei diesem Ereigniß ganz anders dachte und fühlte , als die Andern alle , welche mit ihr in dies Haus eingeschlossen waren . » Das Alles wäre nicht geschehen , wenn mein Vater nicht seine Härte und Unbarmherzigkeit auf ' s Aeußerste getrieben hätte , es wäre nicht geschehen , wenn seine Geschäftsführer und Diener auch in den armen Menschen den Menschen geehrt hätten ! Und das Verbrechen , das jetzt diese armen entehrten , gemißhandelten , gequälten Menschen begingen , was war es denn anders , als ein zweites Verbrechen , um ein erstes zu rächen ? Was war es denn anders , als eine zweite schlechte That , die eine erste voraussetzte , ohne welche sie nie geschehen konnte und die ihr Geschehen eben voraussetzte ? Und selbst diese rohen abscheulichen Töne , welche wie ein thierisches Geheul durch die Luft hallten und doch von Menschen kamen - was waren sie anders als der Aufschrei der beleidigten menschlichen Natur , welche zum thierischen Stumpfsinn herabgestoßen und entwürdigt war - durch andere Menschen ? « So sagte sie zu sich - aber sie wollte die grauen Haare ihres Vaters ehren und nicht jetzt , wo er oft in Verzweiflung in sie hineinfuhr , um sie auszuraufen , seinen Jammer noch mit ihrer Anklage vermehren , sie wollte nicht zu ihm sprechen : » Vater - ich hab ' es Dir vorausgesagt - wie ein Strafgericht Gottes kommt es nun über uns - und wir dürfen in der Stunde der Gefahr und des Entsetzens nicht frei und unschuldig unsere Häupter zu ihm aufheben , wir müssen sie in Demuth neigen und still Alles dulden . « Sie wollte ihm das nicht sagen , denn das Kind ist nicht berufen zum Richter des Vaters und sie fühlte es wohl : jetzt richtete Gott durch seine geschändeten , verstümmelten Creaturen - aber vielleicht hätte sie doch auf sein Klagen , das mit Beten und Fluchen abwechselte , etwas Hartes erwidert - und darum wich sie ihm aus . Aber wie sollte sie Ruhe und Sammlung finden selbst allein in ihrem stillen Zimmer ? Als sie es zum ersten Mal betreten , wo sie kurz vorher die erste Ahnung von dem Elend der Armuth empfangen hatte , war sie schon vor der Pracht dieses Zimmers erschrocken - es war ihr , als hänge der Jammer von Hunderten daran - und nun vollends ! Sie schauderte vor diesem Ueberfluß und sie begriff , daß die Armen ein Recht hätten , die Reichen nicht nur zu beneiden , sondern auch zu verachten . Zuweilen lief sie dann auf den Oberboden des Hauses , um weiter sehen zu können , ob sie vielleicht eine neue Bewegung der Aufrührer erspähen könne - ob sie vielleicht Franz gewahre . Ihn sah sie nicht . Aber sie sah , wie die Arbeiter mit den Bauerburschen , Manche taumelnd vor Trunk unter sittenlosen Scherzen , mit den Frauen in dem Schutt eines zertrümmerten Gebäudes Steine zusammensuchten - und schaudernd wendete sich Pauline ab . Dann lief sie wieder hinunter , fragte , was weiter geschehen sei . Man zuckte die Achseln . - » Die Gefahr und der Pöbel wächst wie eine anschwellende Wasserfluth - wir können noch Gräßliches erleben , ehe die Hilfe kommt . « Dann faßte sie wieder Friedericken , die ihr das einzige fühlende Wesen schien , welches sie verstehen könne - aber Friedericke jammerte immer nur über das ganze Unglück und daß Wilhelm auch mit dabei sei - und nun könnten sie sich im Leben nicht heirathen ! So dämmerte denn der Abend herein . Pauline lag in ihrem Zimmer auf ihren Knieen und betete still . Sie hatte kein anderes Gebet als nur die vier Worte : » Herr , wie Du willst ! « Da war es plötzlich , als bebte das ganze Haus von einer ungeheuern Erschütterung . Sie fuhr zusammen - durch ihre Seele zuckte eben so plötzlich ein kleiner Gedanke : » Ach , möcht ' es zusammenstürzen , dies auf Flüchen erbaute Haus , wenn es nur mich und ihn unter seinen Trümmern begrübe ! « Sie hatte nicht Zeit , den Gedanken weiter auszudenken . Sie stand auf , ruhig , muthig - eine seltsame Klarheit leuchtete auf ihrer Stirn - sie war gefaßt , denn sie fühlte , daß sie in Gottes Hand stehe . Wer einmal in der Stunde der Gefahr und der bangsten Entscheidung dies Gefühl so recht in seiner tiefsten Allgewalt empfunden hat , der allein begreift , wie Paulinens leicht erschrecktes Mädchenherz jetzt plötzlich ruhig schlagen konnte , wie in den stillsten Stunden . Das Haus war erschüttert worden von dem Wehruf der Hunderte , welche jetzt in den verrammelten Hof gebrochen waren und einen Steinhagel nach dem Hause schleuderten , Pauline ward das gewahr und sah von der Seite durch das Fenster . Da sah sie , wie Franz todtenbleich aus der Menge hervorsprang , nach einem gegenüberstehenden Haus sich wandte und laut schrie : » Hierher , Brüder ! Auf dies Haus ! Was wollt Ihr dort ? Ich weiß , in diesem Hause hat er seine besten Schätze aufbewahrt - kommt hierher , wir wollen dies Haus erbrechen ! « Das Haus , auf welches er deutete , war nicht bewohnt und enthielt nur Vorräthe der Fabrikerzeugnisse - Pauline hatte Franz verstanden - um sie zu schonen , warf er sich auf dies Haus und leitete die Kameraden irre . Viele folgten seinem Wink . Wilhelm aber