blieben . Sie las und zeichnete , sie ging und ritt spazieren , sie besorgte kleine häusliche Verrichtungen mit großer Pünktlichkeit und großer Sanftmuth , aber ohne Theilnahme und Freude . Ihre liebliche Heiterkeit war ganz von ihr gewichen , und ihr liebes Gesicht auf dem der wundervolle Schmelz der ersten Jugendblüte lag , ward blaß und welk . Unerhörte Angst um sie , und ein unerhörter Gram über Wilderichs Verblendung , der sich zuweilen zu zürnendem Groll steigern konnte - marterten mich in einer Weise die mir bisjezt unbekannt geblieben war . Es gab Momente wo ich sie Beide hartnäckige , eigensinnige Kinder nannte , welche durch ihren Trotz Unheil auf sich selbst und auf Andere herabziehen würden . Im September entschloß ich mich zur Reise nach Italien . Beim Abschied von Grindelwald schien Benvenutas Herz brechen zu wollen . Dies waren nicht Thränen wie die Jugend sie weint : ein Frühregen auf welchen der schönste Tag folgt ; es waren Blutstropfen aus einer tödtlich verwundeten Seele . In Genf erkrankte sie bedenklich . Der Arzt erklärte ihre Nerven müßten einen gewaltsamen Stoß erlitten haben , und müßten durch wolthätige Einflüsse von Luft , Klima , Zerstreuung und Freude gehoben und ermuntert werden . Blieben sie in dem gegenwärtigen Zustand , so sei Melancholie oder Abzehrung zu fürchten . Ich dachte an meine arme Mutter , bei der auch Seelenleiden die traurige Krankheit herbeigeführt hatten - und erbebte . Nicht mehr über mir sondern über der reinen Stirn meines Kindes sah ich den Unglücksstern schweben , der mein Dasein beherrschte . Wir gingen nach Neapel . Dort und in Sorrent verlebten wir ein Jahr - o Gott , welch ein Jahr ! Eine Dolchspitze berührte meine Brust , anfangs nur drohend , aber bald eindringend , ganz allmälig , Tag um Tag , ohne Barmherzigkeit , ohne Gnade , und als sie bis zum Heft mich durchbohrt hatte - starb Benvenuta . Sie starb am Tage Allerseelen als sie siebzehn Jahr alt wurde . Sie starb in Sorrent in demselben Hause wo ich mit ihrem Vater meinen Liebesfrühling verlebt hatte . Sie starb an einer Nervenverzehrung - wie die Aerzte es nannten . Ihr Organismus sei überangestrengt , meinten die klugen Männer , entweder durch zu anhaltende geistige Arbeit , oder durch zu rasches Wachsen des Körpers . Vielleicht haben sie Recht ! vielleicht kam Eines zum Andern um sie aufzureiben ! Aber ich meine , sie starb an dem Gefühl für welches sie , der Natur und ihrer Bestimmung zu Folge , hätte leben und glücklich leben sollen . Durch mein unheilvolles Sein wurde es unheilvoll für sie , und ich - die an keine Macht und Dauer der Gefühle glaubte - mußte meine Tochter daran sterben sehen . - - - Sie verging , sie schwand dahin , sie ward immer stiller und stummer . Die Komödie einer allmäligen Entfremdung und Ablösung Wilderichs , die ich mir anfänglich ausgedacht , hatte ich nie vor ihr spielen können . Ihre Augen sahen so seltsam wissend aus . Ueberdas ließ sie jedes Wort , jede Andeutung , die zu einem Gespräch über ihn hätte führen können , augenblicklich fallen . Nur in ihren allerletzten Tagen sagte sie einmal zu mir : » Grüße Wilderich .... wenn Du ihn wiedersiehst . « » Ich werde ihn nicht wiedersehen , « sagte ich - um irgend etwas zu sagen . » O doch ! jezt grade wirst Du es können ! « erwiderte sie mit Ueberzeugung . Ich schüttelte schweigend und verneinend den Kopf . Später begann sie : » Ich hätte eine Bitte , liebe Mama ! - Versprich mir Wilderich wiederzusehen . « » Ich kann Dir das nicht versprechen , Kind ! Es hängt nicht von mir allein ab , und Wilderich hat gar kein Interesse , glaube mir , mich wiederzusehen . « » In Allem was Du von Wilderich sagst - verzeihe mir ! - kann ich Dir nicht glauben , denn ich weiß es besser ! Er wird glücklich sein wenn er wieder nach der lieben Cottage von Grindelwald kommen darf . « » Benvenuta , Du weißt nicht wie weh Du mir thust . « » Ich weiß es wol - und darum hab ' ich nie mit Dir über Wilderich gesprochen , entgegnete sie und küßte meine Hand . Nachdem ich in jener Nacht seinen Brief gelesen und Dich so verstört gesehen hatte : wußte ich daß er nicht mich sondern Dich liebe . « Ich winkte ihr zu schweigen ; ich fühlte mich hinsterben wie unter dem Richtbeil . Sie wußte also daß ihre Mutter ihre Nebenbuhlerin war ! - Mir vergingen die Sinne , Gedanken , Worte . Was sollte ich ihr erklären ? wie mich rechtfertigen ? ich kam mir schuldbeladen vor , als habe ich eine Todsünde begangen . Als Rächer für die lange Verkehrtheit meines Lebens stand diese Minute wider mich auf , diese gräßliche , wo der Gipfel aller Verkehrtheit in dem Wort erreicht ward , welches die Tochter zur Mutter über den Geliebten sprach : Er liebt dich ! - - - Dies war Benvenutas letzte selbstbewußte Lebensäußerung . In Phantasien mit Lethargie abwechselnd , verbrachte sie noch dreimal vierundzwanzig Stunden , und träumte sich hinein in den Tod oder in das ewige Leben . - - - - - Das ewige Leben ! - Ja , sie hat es , denn es war ein Kern in ihr aus welchem sich in einer neuen Phase des Daseins eine neue Blüte entwickeln kann . - - - - - In die Heimat zu den Gräbern der Meinen wollte ich die geliebte Leiche bringen . Es ging nicht . Ich kam nur bis Rom , wo ich erkrankte . An der Pyramide des Cestius wurde sie bestattet . Als ich mich im Frühling ein wenig erholt hatte reiste ich nach Freiburg um Astralis zu sehen . Schön und lebenstralend fand ich sie , aber ich fühlte mich durchaus unfähig das vierzehnjährige Mädchen zu mir zu nehmen und die Vollendung ihrer Erziehung und ihren Eintritt ins Leben zu überwachen . Ich schrieb seit Jahren einmal wieder an Otbert , der immer in Paris im Strudel des großen und ereignißvollen allgemeinen Lebens die Emotionen ersetzte , welche seiner Persönlichkeit nach und nach entschwanden . Ich sagte ihm daß ich den größten Theil meines disponiblen Vermögens , das sich durch Benvenutas Tod mehr als verdoppelt habe , auf Astralis vererben wolle , sobald ich mich überzeugt halten dürfe , daß er ihr wahrhaft ein Vater sein und nicht nach meinem Tode über ihr Vermögen mit seinen verschwenderischen Händen herfallen wolle . Er antwortete mir tief erschüttert : er werde jede Bestimmung heilig halten , die ich anzuordnen für gut fände . Er bat auch mich besuchen zu dürfen ; aber dankbar für seine Theilnahme und freundlich lehnte ich es ab , nicht aus Widerwillen , sondern nur weil es so sehr überflüssig gewesen wäre . Die Cottage von Grindelwald sah ich auch nicht wieder . Ich schenkte sie an Gabriele , die mir in meiner Jammerzeit eine treue Freundin und feste Stütze gewesen war . Sie blieb in ihrer Heimat , und ich ging nach Engelau , das ich schon nicht mehr als mein Eigenthum betrachtete , denn nach meinem Tode fiel es meinem Mann zu . Ich ordnete auf ' s Pünktlichste meine Geschäfte , machte für Astralis das bewußte Vermächtniß , und ein kleineres für jene beiden Brüder Wilderichs deren Zukunft ihm Sorge machte ; Legate für alle meine Diener . Damit waren die irdischen Angelegenheiten abgethan , und da der Aufenthalt in Engelau auf mir lastete wie der Deckel eines Sarges , so ging ich unter dem Vorwand berühmte Aerzte zu consultiren nach einem mir gänzlich fremden Ort - nach Dresden . - - - - - - Zwischen Dresden und Aussig hab ' ich mich fast zwei Jahr umher geschleppt . Auf den grünen nußbaumbeschatteten Abhängen um Schreckenstein war mir am wolsten auf der Welt ; - so , als habe Fidelis mir diese Stätte bereitet . Er hat Frieden , möge er leben , möge er todt sein . Er hat die Seele die ihn befähigt zum ewigen Leben . Mit diesem Bewußtsein kommt der Mensch früher oder später zum Frieden . Aber habe ich sie ? - » Salva me , fons pietatis ! « .... klingt es wie das Echo einer höhern Welt durch meine Seele . Von Rettung spricht man mir . Mich dem Leben der Menschen wiedergeben , wäre das Rettung ? - O nein ! Gott und ich - wir wissen es anders . » Salva me , fons pietatis ! « - - - - Nicht gelebt hab ' ich durch mein Herz ; es rächt sich , und ich sterbe am Herzen - - - - Fußnoten 1 Traghetti sind die Stationsplätze der öffentlichen Gondeln längs den Canälen , und sind fast alle durch ein Madonnenbildchen beschirmt vor dem Nachts eine Lampe brennt .