gleich über Alle . « » Heißt das gleich richten über Alle , so Ihr die hochstehen und edel vor dem Volke , schlachtet und hängt wie seinen Auswurf ? Der Fürsten Blut und Macht ging aus dem deutschen Adel hervor , und auf den Adel müssen die Fürsten sich lehnen , wenn sie bestehen wollen vor dem Volke . Das trug mein Herr auf , seinem Neffen zu sagen , den er der Vormundschaft entließ , weil er ihn für mündig hielt . Soll er Kaiser und Reich wieder angehen , daß sie ihm die Regentschaft , nach der der fromme Fürst nie getrachtet , wieder zurück geben , weil , der sie führt , vergißt , daß er hier ein Exempel giebt , so allen Fürsten zum Schaden ist ? Welcher Fürst den Adel nicht achtet , achtet sich selbst nicht ; welcher des Adels Ansehen vernichtet , vernichtet sein eigenes , er untergräbt die heiligen Satzungen , auf denen alles Regiment ruht , er wüthet gegen sein eigenes Blut , er beschimpft sich selbst , denn er ist nur ein deutscher Edelmann , der glücklicher war als die andern . Weil aus einem Dienstmanne ein Herr ward , soll er nicht vergessen der Mannen , die seines Gleichen sind an Blut und Abkunft , so spricht mein Herr durch meinen Mund . « Der Graf von Giech hatte vielleicht erwartet , daß der Kurfürst aufbrausen , gewiß , daß er an Otterstädts Frevelthat mahnen werde . Aber Joachim ließ ihn ruhig ausreden , und ruhig , fast lächelnd , hat er geantwortet : » Ihr irrt , Herr Graf von Giech ; sagt meinem theuren Ohm , ich habe kein adlig Blut vergossen . Die ich dem Henker überliefert , waren Schelme , Straßenräuber und Mörder.1 Den Adel achte ich so hoch , als nur ein Fürst , sagt das meinem erlauchten Ohm ; meldet ihm aber auch , daß ich in den Jahren , seit er mich nicht sah , gewachsen bin . Ich ward so groß , daß ich jetzt allein gehen kann , und mich auf Niemand mehr zu stützen brauche . Die Fürsten beklage ich , die so schwach vor ihrem Volke sich fühlen , daß sie den Adel als Krücken benutzen . Im Uebrigen , was Rechtens ist , so meldet ihm auch , daß ich in meinen Feierstunden nicht umsonst in rechtsgelehrten Büchern lese . Ich fand daraus , daß das Recht in den Marken ein anderes ist , als in Franken . Daher mag der Irrthum kommen , der meinen Grafen von Giech zu der weiten , beschwerlichen Reise nöthigte , die ich sehr bedaure . « Der Abgesandte , der vorhin um einen Kopf höher schien als der Fürst sah jetzt fast kleiner aus : » Jetzt kein Wort mehr ! « flüsterte ihm ein Brandenburger Herr zu . » Heut ist alles verloren . « - » Er ist fürchterlich in seiner Heiterkeit , « erwiderte der Graf , der nun seinen zweiten Auftrag : daß wenigstens von jetzt ab kein adliges Blut mehr vergossen werde , auf einen anderen Tag verschob . Und wie er heiter umherging , mit so vielen sprach ! Von geringfügigen Dingen , als beschäftigten sie allein die Seele . Den Hofleuten ward unheimlich : » So sahen wir ihn nimmer . « Ihnen war wohl , als er sie entließ . » Es ist gar keine Hoffnung ! Was soll daraus werden ! « sprach Einer zum fränkischen Abgesandten . Der Graf schüttelte den Kopf : » Und doch hat er Recht , die Luft ist hier anders als im Reiche . Wer hier bauen will , muß andere Fundamente legen und anders richten , das kann ein groß Gebäude werden ! Wir , die wir leben , sehen es freilich nicht mehr . « » Was wird ' s werden , « brummte ein verdrießliches Gesicht . » Alles wird schlimmer und gemeiner . So die Edelleute nicht mehr auf die Straße sollen , wird sie dem Gesindel gehören , das keine Ehre und Sitte kennt , und vor dem Alle gleich sind . Schneider und Landsknechte und Roßkämme werden im Graben liegen , und das arme Volk schatzen , man spricht schon viel von dem Roßkamme Kohlhas ; wollen doch sehn , ob sie die Zeiten dann loben thun . « Da drückten viele dem Sprecher die Hand und schüttelten den Kopf : » Er hat Recht , es kommen schlimme Zeiten . « Der junge Kurfürst saß mit lächelndem Gesicht in seinem Zimmer , und doch lag in den Augen etwas , das Hans Jürgen erschreckte , ein Glanz , der ihm nicht von dieser Erde schien , aber ob er vom Himmel kam , das wagte er sich nicht zu sagen . » Die sind alle nicht Lindenbergs ! « hatte Joachim vor sich gesprochen . » Ich stünde allein , meinst Du , nicht vollbringen könne ich ' s , was ich begann ? O matter , schwacher Nachhall des Einen ; aber auch sein Schatten ward ehrerbietig vor der Macht , die über mir schwebt . Ich will ' s vollbringen , ich werde es . Ich bin mir selbst genug . Denn unter einem Höhern stehe ich . Er wird die Spitzen der Dolche , die Bolzen aus dem Hinterhalte , die Kugeln aus dem Rohre von mir ablenken . Der ist ' s , der Dich an mich gesandt . Sei mein treues Werkzeug , aber nie bilde Dir ein , mehr zu sein . Er wird auch ferner seine Engel herabsenden , und mit Weisheit mich umleuchten . Ich brauche Diener , aber keine Räthe . Plaudern will ich sie hören , in ihrer Art ; mein Rath bin ich selbst . « Und wenn er aufgestanden und an einen Tisch mit Himmelskugeln und astronomischen Instrumenten getreten , wo Joachim mit seinem Hofastrologen , dem berühmten Carion , zu arbeiten pflegte . Die Hand auf den Globes legend , antwortete er auf die ungesprochene Frage des Jünglings mit seltsamem Lächeln : » Und auch denen , die nach mir kommen , wird es gelingen . In den Sternen zeigte mir der Meister das Glück ' meines Hauses , groß , wie auch nur zu wähnen , Vermessenheit gewesen wäre . Ich bin glücklich und sicher , was ich unternehme , gelingt , und was ich weiß , ist Wahrheit . « Fußnoten 1 Historische Antwort . Fünfundzwanzigstes Kapitel . Das Leben ein Traum . Wer uns gern bis jetzt begleitet hat , dem könnten wir hier die Hand drücken und zu ihm sprechen : Auf Wiedersehen ! Denn es ist unsere Absicht , wenn uns die Lust und der Muth bleibt , daß wir uns wieder an demselben Platze begegnen , und auch wohl Manchen von denen , die uns hier lieb geworden oder auch nicht lieb . Es ist eine Reise , die wir antreten , mit einem Ziele , das noch fern liegt , durch Jahre getrennt , und dahin zu gelangen war und ist uns ernster Wille , aber es ist nicht immer gut , daß man eine lange Reise in einem Zuge vollende . Doch auch jeder Abschnitt einer Reise muß sein Ziel haben , und an dem stehen wir jetzt . Ja wir sind eigentlich schon eingekehrt , der Vorhang vor den großen Begebenheiten ist gefallen , die Helden sind abgetreten , die Könige haben ihre Staatskleider abgelegt , es sind nur noch einige Kleine , deren Geschicke zwar in allen Zeiten von dem Geschicke der Großen gelenkt worden , die große Geschichte streift hochmüthig an ihnen vorüber , aber die Dichtung kost dafür mit ihnen und weilt aus Eigensinn , vielleicht aus Widerspruchsgeist , desto emsiger bei ihren Heimlichkeiten . Die Sonne war schon hoch aufgestiegen , und blickte schon tief in die Höfe von Hohen-Ziatz , ohne daß ein Rauch aus den Schornsteinen ihr entgegen wirbelte , ohne daß ein frommer Morgengesang sie grüßte , oder der derbe Fluch eines Knechtes . Selbst die Hunde kläfften nicht , nur die Katzen heulten , nur die Tauben flatterten auf den Dächern , und das Federvieh ward unruhig auf dem Hofe . Es war aber nicht dieselbe Sonne , welche vor Hans Jürgen durch die Wolken brach , als er durch die Köpnicker Haide auf dem keuchenden schweißbedeckten Rosse jagte , noch die , welche die gräßlichsten Schauspiele vor dem Thore beschaute , von dessen Firste später der Kopf des unglücklichen Ritters starrte , ein Schauspiel , vor dem schnell sie vorübergeführt zu haben , meine Leser mir verzeihen , vielleicht danken werden . Die Sonne geht schneller auf über große Dinge , langsamer weilt sie bei den Alltagsdingen . Wir müssen zurück bis zu dem Morgen , welcher der Nacht folgte , wo die Burgfrau mit den Ihren heimlich nach Golzow entwich . Es mochte schon nahe an Mittag sein , als der Sonnenstrahl durch eine der runden , grünen Fensterscheiben grade auf Herrn Gottfrieds Nase fiel . Und plötzlich , entweder weil es ihn brannte oder kitzelte , als der riesenhafte Mann aufschnellte , mit einer Schwungkraft , die wir ihm kaum zugetraut hätten . Fortflog alles über und unter ihm , und er selbst , aufrecht stand er im Zimmer , dessen Decke er mit den Armen streifte , als er sie nur mäßig reckte . Aber gleich darauf fuhr er an die Nase und den Schnurrbart , was der Vermuthung Raum giebt , daß die Scheibe als Brennglas geschliffen gewesen , und der Bart ihm etwas angesengt war . Es mußte ihm indeß schon früher begegnet sein , denn er gerieth nicht gar zu sehr außer sich , sondern brummte nur : » Wieder die verfluchte Hexe , die ! - « Im nächsten Augenblick aber erblaßte er , er hielt beide Arme vor sich , und sah nichts , er griff nach dem Kopfkissen , und sah nichts ; er warf Pfühle , Kissen , Decken , selbst das Stroh hinaus , und fand nichts . Er rieb sich den Kopf , ob er noch träume , aber er träumte nicht : » Ach Du mein Gott , ich muß ja fort ! « - Das Echo der Wände rief : » Fort . « - » Sie sind fort ! « murmelte er . Er riß das Fenster auf . Wie er auch schrie : » Brigitte ! Kaspar ! « ihm antwortete nur der Flügelschlag der Tauben . Was , war das ! Wo verkrochen sie sich ? Er zwängte den großen Leib so weit es ging , durch das enge Fenster , aber er sah auch da nichts als einen ausgestorbenen Hof , eine fürchterliche Stille . Warum rauchte es nicht aus dem Stalle ? Wo war der Nimrod an der Kette geblieben ? Die Kette lag da mit dem leeren Halsringe . Auch die Muttersau , die er immer Morgens zuerst sah an dem Eichenpfahl sich schuppern , schupperte sich nicht . Er strengte sein Ohr an . Nur zuweilen schienen dumpfe Töne aus der Erde zu dringen . Nun schloß er den geöffneten Mund ohne einen Laut . Wer schreit gern in solche Einsamkeit hinein ? Es überieselte ihm die Haut ; das mochte aber nicht allein die Furcht , es konnte auch die Kälte des frischen Novembermorgens sein , und er stand da , fast wie Gott ihn geschaffen . Er konnte nicht dafür . Da überkam ihn eine Wuth . Irgendwo mußte es sitzen und an der Wand hing sein Degen . Er riß ihn aus der Scheide , und mit dem blanken Schlachtschwert in der Hand war er schon im Begriff , hinunter zu stürzen , als ihm noch glücklicher Weise die große Tiroler Decke zu Gesicht kam . Die schlang er um sich , doch daß der Arm frei blieb , und vielleicht einem römischen Imperator vergleichbar , stieß Herr Gottfried die Thür auf . Auf Flur und Treppe war es wie auf dem Hofe . Kein Trampeln , kein Wehen , kein Gehen . Mit dem Degenknauf stieß er an die Thüren ; keine Antwort . Er stieß eine und die andere auf ; die Betten standen unberührt . Herr Gottfried war und blieb in einer sehr unangenehmen Lage . Er fror nicht allein und fing nicht allein an zu hungern , sondern er fand sich in der Nothwendigkeit , über seine besondere Lage nachdenken zu müssen . Sein Schlachtschwert mit der Spitze auf die Diele stützend , stand Herr Gottfried da und wollte denken , als der Hauskater plötzlich die Treppe herauf- und an ihm vorbeihuschte , im Maule ein gebratenes Huhn . Wo das ist , ist mehr , dachte Herr Gottfried , und ehe er wußte wie , stand er in der Halle . Da war freilich auch kein lebendiges Wesen , still war es wie in der ganzen Burg , auf dem Heerde glimmten nur noch wenige Kohlen ; aber so unheimlich war es Herrn Gottfried doch nicht , denn die ordnende oder schaffende , oder kürzer , die anrichtende Hand des Menschen war sichtbar . Der große Tisch stand gedeckt , als warte er nur auf ihn . Sogar sein Lehnstuhl mit dem Lammfell darüber war zurecht geschoben . In der Mitte prangte ein ungeheurer Ochsenschinken , daneben Schüsseln mit , Würsten , gesäuerte Gänse , Backwerk , Brod , Käse , ein Topf mit Butter , Körbe mit Rüben , Aepfeln , Birnen : dazu getrocknete Pflaumen , hart gesottene Eier , und was nur die Speisekammer einer guten Burgwirthschaft aufweisen kann . Und neben den Eßwaaren ein Krug Bier , eine Flasche Meth , und noch ein Kelchglas zum Wein . Auch brauchte Herr Gottfried nicht lange umher zu suchen , bis er das ganze Fäßchen mit Malvoisir auf der Bank sah , mit eingeschraubtem Hahn und das Näpfchen darunter . Alles mußte schon lange dastehen , ohne daß eine Hand daran gerührt hatte . Die kleine Unordnung , die sich nicht verbarg , kam offenbar nur von Katzenpfoten her , und als Herr Gottfried zwei freundliche Thiere an den Wänden Buckel machen sah , und ihre Augen schielten wieder auf den Tisch , hielt er dafür sogleich Platz zu nehmen , denn der Tisch war unstreitig für Menschen , nicht für Katzen gedeckt . Um deshalb schlang er sich rasch das Tüchlein um den Hals und ergriff das große Messer , um an die Arbeit zu gehen , die ihm nur insoweit schwer ward , als er einen Augenblick unschlüssig war , ob er zuerst die Gans , oder zuerst den Schinken ergreifen solle . Wie dem nun sei , es mochte eine kleine Stunde vergangen sein , in der Herr Gottfried sich recht wohl fühlte , weder Gespräche noch Gedanken hatten ihn gestört , als er einen Augenblick sich zurücklehnte , und die Rechte mit dem Messergriff auf den Tisch stützte , nicht um aufzuhören , sondern um , was man in Hohen-Ziatz nannte - zu verpusten . Der Bierkrug war leer , die Flasche Meth schon durchsichtig ; sein Auge blinzelte nach dem Fäßchen Malvoisir : » Hübsch wär ' es doch , wenn das zu mir käme ; dann brauchte ich nicht aufzustehen ! « Warum mußte das Herr Gottfried denken ! Denn ein Gedanke lockt den andern ; das ist eine furchtbare Wahrheit , gegen die alle Klugheit und Macht sich vergebens sträubt . - Warum kam das Malvoisirfäßchen nicht zu ihm ? - Weil es auf der Bank stand . - Warum stand es auf der Bank ? - Weil sie es dahin gestellt hatten . - Wer hatte es dahin gestellt ? Die Hexen ? Die kleinen Leute oder wer sonst ? - Wie eine Bezauberung sah das Ganze freilich aus ! - Aber Herr Götz war nie bezaubert gewesen . - Hatte er ein Gebet vergessen ? Hatte er eine Sünde begangen ? Oder war alles ein Traum ? Er wollte die freie Hand auf ' s Herz legen , aber sie glitt unvermerkt auf den Magen . - Nein , das war kein Traum gewesen . Auf die harten Eier wollte er ja eben den Malvoisir setzen . Halb öffnete sich sein Mund , und in seine Augen trat das Weiße , das ein Zeichen plötzlichen Schreckens ist . » Blitz noch ein Mal « , brach es von seinen Lippen , » das ist nun zu spät ! « » Noch nicht zu spät ! « rief eine dumpfe Stimme , und eine Gestalt trat vor den Ritter , die alle Wärme , so Bier und Meth hervorgerufen , wieder erstarrte . Weiß eingehüllt , weißen Gesichtes stand das Gespenst vor ihm , in dem Herr Gottfried , erst nachdem es ausgesprochen , seinen Neffen erkannte . » Noch nicht , Ohm , aber bald . « Dem Ritter entfiel das Messer . » Der Tropfen rinnt in ' s Meer , die Augenblicke und Stunden fließen in die Ewigkeit ; wer schöpft den Tropfen zurück , wer faßt den verlorenen Augenblick ! Es wird zu spät werden , aber Heil dem , der noch die Zeit erfaßt . « » Junge bist Du ' s ? « Ach , Herr Gottfried war so froh , als er das Wort aus der Brust heraus hatte . » Den Du meinst , Ohm , bin ich nicht . Mein Geist schaut aus der gebrochenen Hülle heraus . Dieser frei gewordene Geist spricht zu Dir . « » Setz ' Dich doch , Hans Jochem « , athmete Herr Gottfried . » Dein Bein , Du wirst ja müde sein . « Hans Jochem schüttelte den Kopf , wie ein Abgeschiedener , dem ein Lebendiger etwas zumuthen möchte , was ihm ein schmerzlich Lächeln abringt . » O daß Du müde wärst , Ohm , Deiner selbst , müde des langen Lebens hinter Dir ; dann wäre Hoffnung , Du könntest wieder wach werden . « Herr Gottfried schnappte nach Luft . » Wie ein tiefer Brunnen bist Du , in dem ein klarer Quell zu Tage strebte , und die Sonne und die Sterne spiegelten sich drein , aber die Wände waren nicht fest gezimmert und gemauert , und mit jedem Jahre fiel mehr Sand und Erde hinab , bis der Quell verschüttet ist . In dem Brunnen spiegeln sich nicht mehr die Gestirne und der Zieheimer schöpft kein Wasser mehr . Aber der pflichtgetreue Brunnenwärter läßt doch den Eimer hinab und schöpft , bis er den Lebenstrank findet . So will ich schöpfen , Ohm , in Deiner Brust . « Herr Götz rief alle guten Geister und seinen Schutzpatron an ; das gläserne Auge des Kranken schien wirklich ihm durch Brust , Magen und Bauch zu dringen . » Du hältst Dich für einen Lebendigen und bist doch ein Gestorbener . Du athmest , aber Dein Athem ist der Hauch der Stockung und die Stockung ist der Tod . O betrachte Deinen Leib , wie er groß ist , wie riesenhaft die Glieder , und wo findest Du die Seele ; die ist verschwunden wie das Körnlein Salz , das man in einen Kessel mit Brei wirft . Daß Du ohne Sünde wärst , möchtest Du Dich rühmen , aber thue es nicht , denn die Sünde ist besser als das Nichtsein . Du hast nicht Witwen und Waisen beraubt , nicht Gott gelästert und seine Heiligen , kein falsch Zeugniß abgelegt und nicht auf der Straße gelegen . O hättest Du ' s gethan , es wäre Dir besser , als daß Du nichts thatest , dann konntest Du ' s büßen , und je ärger die Sünde , so größer die Gnade . Dann führe vielleicht sein Blitzstrahl zündend in Deine Eingeweide , und aus der Zerschmetterung erhöbest Du Dich als ein Heiliger . « Herr Gottfried ein Heiliger ! Immerhin , er hätte versprochen zu sein , was die Erscheinung von ihm verlangte , wenn er nur aus den Händen des Fieberkranken erlöst war . » Oheim , Oheim ! aber auch die Sünde floh Dich . Wie die Flamme am Steine fand sie ja nichts Lebendiges an Dir . Ach , hineingelebt hast Du in den Tag , bis die Sonne umsonst Dir aufging , die Vögel umsonst Dir zwitscherten , die Glocken umsonst tönten ; der Donner Gottes rollte über Deinem Haupte und fand Dich schlafend . Richte Dich auf , schau Dich an und frage Dich : Was bist Du ? Ein Klumpen Erde , gehüllt in menschliche Form . Du fühlst den Schmerz ; auch der Wurm krümmt sich . Du lächelst ; auch mein Hund springt mich an . Aber wo ist sie geblieben , Deine unsterbliche Seele ? Du issest , Du trinkst , Du sprichst , Du schlägst um Dich , Du wehrst Dich Deiner Haut , aber die Seele schläft dabei . Unglückseliger , wie lang ist Dein Lebensfaden schon , und wo sind die Gedanken , an die Du Dich halten kannst , wenn der Leib in Staub zerfällt ? Greife sie doch wie ich , die Flämmchen in der nächtlichen Wüste . Drei , vier schon griff ich . Ach , welche unermeßliche Wüste hinter Dir , und ich sah auch kein einzig Flämmchen . Wenn Dich der Posaunenschall weckt , schlägst Du ja umsonst die Augen auf . Dein Sinn zerfällt in Nichts ; es sind keine Führer für Dich da , keine Gedanken , die Dich zur Ewigkeit leiten . Ich will Dich wecken , mein armer Ohm , schöpfen , bohren , schneiden , bis das Messer in der todten Masse - « » Jesu ! Maria ! Joseph ! « schrie der Burgherr , als der Fieberkranke beide Arme nach ihm ausstreckte . Und er saß fest geklemmt zwischen Tisch und Stuhl ; nicht einmal sein Schwert konnte er ablangen ; und wer braucht ein Schwert gegen den , der unsere Seele fordert ! Aber die heiligen Namen , die er anrief , mußten doch dem Ritter geholfen haben . Neben dem weißen Plagegeist stand plötzlich ein schwarzer . Mit rußigem Gesicht , die Haare herabhängend , wie ein Kobold , der aus der Erde aufgeschossen , die noch von seinen Gliedern rollt , umfaßte den Fieberkranken eine kräftige Gestalt mit zwei starken Armen : » Junker , Ihr seid noch krank , Ihr müßt zu Bett . « Im nächsten Augenblick war die weiße und die schwarze Erscheinung aus des Ritters dämmernden Augen verschwinden . Die Mittagssonne schien freundlich durch die offene Thür . Das Federvieh gackerte auf dem Hofe und eine Gans steckte neugierig ihren Hals über die Schwelle , als sich die Zwei ansahen , die jetzt allein da waren . Die Zwei waren Herr Götz von Ziatz und sein Knecht Kaspar . Da keiner ihn erlösen kam , hatte er sich selbst erlöst aus der Schmiede . Die Thür , die seine Herrin verschlossen , nein , die durfte der treue Knecht nicht aufbrechen . Aber er hatte sich unter der Thüre durchgewühlt . Vielleicht hätte er es schneller thun können , denn er war rüstig , wo es galt ; aber er mußte wohl Gründe dafür haben , daß er nicht schneller war . » Nu sage mal , Kaspar , was das ist , « sprach sein Herr , als er die letzte Erde von den Schultern schüttelte . » Ja , ja « , sagte der Knecht und kraute sich hinter ' m Ohr . » Hat mich ordentlich erschreckt . - Es wäre zu spät , « sagte er . » Ich glaub ' s auch Herr , nun ist ' s zu spät . « Der Burgherr ward blaß . Hätte das der Knecht vorausgedacht , er würde es nimmer gesagt haben . » Wenn Ihr Euch recht zusammen nehmt und die Sporen nicht schont , dann könnt Ihr ' s vielleicht noch nachholen . Ich weiß nur nicht , ob ' s gut ist - ' s ist auch kein Pferd da . « Herr Gottfried schien nur die ersten Worte gehört zu haben . Er ließ das Kinn auf die Hand sinken , und so saß er träumend : » Wie soll ich mich denn zusammennehmen ? Ist ' s Einem denn noch nicht schwer genug gemacht - Kaspar , denkst Du denn auch bisweilen ? « » Wenn ' s mir befohlen wird . « » Das sag ich ja auch . Aber - ' s ist mir in den Magen gefahren . « » Ihr solltet Eins trinken auf den Schreck . « Der Herr nickte ihm Beifall . Der Wein war süß , aber über den Lippen glitt etwas Bitteres dem guten Herrn Götz : » Als schnürte er mir die Kehle zu ! Einmal war ' s mir doch , als stäk ich schon in einem Brunnen . « » Da muß man sich selber helfen , « brummte der Knecht . » Ich stak auch tief , aber ich buttelte mir ein Loch , und da kam ich raus . « » Du ! - Sahst du denn auch Flämmchen ? « » Wie ich erst das Sonnenlicht sah , da ging ' s risch , rasch . « Der gute Herr schüttelte den Kopf , so trübselig hatte er nie am Morgen nach einem guten Trunk ausgeschaut ; nie hatte er den Knecht , auch in seiner weichmüthigsten Laune , so weichmüthig , nein so wehmüthig angeschaut . » Kaspar ! Wenn er nur das nicht vom Brunnen geredet hätte ! Weiß Gott , seit er das gesprochen , ' s rührt sich Alles in mir . « » Ihr habt zu wenig auf ' s Essen getrunken . « » Und wie er mich mit den gläsernen Augen ansah , mir war ' s doch wie in der Storkower Fehde , weißt Du noch , als Abends das Sandtreiben kam , und ich lag verwundet und rings um kein Mensch , glaubte , es sei mein letzter Tag . Da dachte ich auch - Kaspar , toll ist er , aber ' s ist mir , als ob ' s was wäre ! « » Ja , ' s ist schon was , « sagte der Knecht . » Nu sage mal , Kaspar ! Hab ' s mein Lebtag nicht gehört : die Seele im Brunnen zugeschüttet ! Werde ja an keinem Brunnen mehr vorbei gehn , daß mir ' s nicht über die Haut rieselt . « Der Knecht Kaspar sann eine Weile nach , dann hub er an : » Ich meine so , gestrenger Herr , zweierlei . Das Denken ist schon gut , aber Manchermann meint , daß er denken thäte , und ist ' s doch nur , daß ihm im Kopfe rum surrt , was ein Anderer vor ihm gedacht hat , und er hat ' s aufgeschnappt , er weiß nicht wie , und wenn ' s in ihm losgeht , dann verschwört er Stein und Bein , ' s ' s wär sein eigener Gedanke . Darum ist ' s kein so groß Unglück , wenn Einer gar nicht denken thut . Und dann denk ' ich , eins schickt sich nicht für Alle . Wenn zum Exempel der Bauer immer denken wollte : warum sitzt der Junker im Schloß und trinkt , und ich muß robotten und dürsten , oder der Pracher : warum muß ich nackt auf ' s Betteln gehn , und der Bürger liegt in der Wolle bis über ' s Ohr , da kam Alles aus dem Schick . Oder wo kriegten denn die Fürsten und die Hauptleute ihre Diener , so Jedermann immer an seine Seele dächte und nicht an seines Herrn Vortheil . Dazu kriegen die Priester ihren Decem , und wollte Jeder für seine Seele allein denken , möcht ich mal sehen , ob sie den Priestern noch lange ihren Decem geben thäten , und wenn die nicht ihren Decem kriegten , dann schrien sie Zeter , und wo die Zeter über ein Land schreien , dann kommt die Pestilenz und Interdicte und was nicht Alles . « Herr Gottfried nickte zu dem Allen , aber daß es gerade der Hans Jochem war , und wo der es her hatte , das konnte er nicht begreifen . » Wißt Ihr , Gestrenger , als der Kapuziner predigen that zu Fasten , da sah ' s nachher bei uns doch aus , wie ein Haferfeld , wo die Schloosen drein schlugen . Es dauerte lang , bis das Volk die Köpfe wieder aufrichten that . Der Junker Hans Jochem lachte dazumal , als die Andern heulten und schrien . Nun mein , ich so : eingeschlagen hat ' s ; beim Einen schlägt ' s oben auf die Haut und beim Andern unter die Haut . Bei dem , da sieht man ' s , hier aber sieht man ' s nicht . Wie war ' s mit dem Gewitter im Ruppiner Thurm : Sie suchten ' s lang und fanden ' s nicht . Aber unter ' m Blech glimmte es fort , bis am dritten Tage die Sparren in lichter Lohe standen , da schlug ' s denn auch durch ' s Blech . Beim Junker hat ' s drei Monate unter ' m Blech geglimmt . « » Kaspar , wenn ' s bei mir auch ' raus schlüge ! « » Bei Gott ist kein Ding unmöglich , aber dafür , mein ' ich , läßt man den lieben Gott sorgen . Und was der fügt , das muß der Mensch nicht ändern . Und was man findet , das muß man nehmen . Warum wär es sonst vor uns hingelegt ? Und der Tisch ist nicht umsonst gedeckt , und der Wein ist auch nicht aus dem Keller geholt