Gluth des in den Himmel hinaufwallenden Rauches erleuchtet . Wie Geister auf Grabmälern saßen die erschrockenen Wendinnen in weitem Kreise , bewacht von den Vertrauten des Räubers , die ebenfalls ihre Blicke in stillem Entsetzen auf den gräßlichen Brand hefteten , dessen breite Schwertlohen häufig aus der blutigen Woge , die über dem Saum der Bäume lag aufblitzten und dann eine furchtbare Helle weithin verbreiteten . Hier sah Herta ihr geliebtes Haideröschen wieder und beide gleich Unglückliche sanken einander schluchzend in die Arme . Sie hatten keine Worte für ihr unendliches Weh , nur ihre Thränen , ihre Blicke , ihre Küsse und Händedrücke sprachen . - Johannes gönnte den Ermatteten ein paar Ruhestunden . Erst gegen Morgen , nachdem ein die Erde weithin erschütternder Donner durch die Haide gerollt und eine breite Feuersäule zu unermeßlicher Höhe emporgestiegen war , Zeichen , welche den gänzlichen Einsturz des Schlosses Boberstein verkündigten , gab er Befehl zum Aufbruch . Die Leiche des Grafen Erasmus fand ihre Grabstätte unter den glühenden Trümmern der zerstörten Burg und nie , auch nicht bei dem spätern Aufbaue , ward eine Spur von dem Verschütteten wieder gefunden . Grade die Schloßhalle mit den darunter befindlichen Gewölben war von den Flammen bis zur Unkenntlichkeit zerstört worden . - Noch war es Nacht , als Sloboda von Johannes und dessen Tochter , von Clemens , Ehrhold , dem Maulwurffänger , Röschen und einigen andern Wenden begleitet , seinen Wohnort erreichte . Am Horizont rollten gleich einem blutigen See die Wogen der Flammen und erleuchteten viele Meilen weit die gleichförmigen Haidestrecken und die in denselben zerstreut liegenden Dörfer und Höfe . Durch Zufall betraten die vom Rachewerk Zurückkehrenden den stillen Ort auf der Stelle , wo das Gemeindehaus lag . Sloboda gedachte seines armen Sohnes und blickte auf die baufällige Hütte . Da sah er - und eisiges Frösteln durchrieselte seine Gebeine - in der fehlenden Fensterlücke das bleiche , immer lächelnde Antlitz Nathanaels mit den blödsinnig stieren Glasaugen ! Der Wahnsinnige starrte unverwandt in die fürchterliche Gluth und schien sich an dem Wogen und Wallen der Flammen , an dem Auflodern und Zusammenstürzen der unermeßlichen Rauchwolken ungemein zu ergetzen . Sloboda blieb stehen und deutete auf das niedrige Fenster mit der stieren lächelnden Gesichtslarve . » Das ist mein Sohn , « sagte er vor Schmerz und Schaudern bebend , indem er die Hand des Räubers faßte . » Auch die Seele dieses Armen liegt vor Gottes heiligem Throne und verklagt den Grafen ! « » Ha , ha , ha ! « lachte Nathanael , der jetzt durch seines Vaters Stimme aus seinem Geistesschlummer erweckt , die Vorübergehenden gewahrte . » Ihr kommt wohl vom Leichenbegängniß ? Das war ein prächtiger Fackelzug , wie ich ihn mein Lebtage nie gesehen habe ! Jetzt sind die Todtengräber dabei . Seht nur , wie lustig sie das Grab über ihn thürmen ! « Und wieder preßte er das Gesicht fest in die Lücke und starrte lautlos in die dunkler werdende Lohe . - Erschüttert zogen die Wenden vorüber . - - - Die Schreckenskunde von diesem beispiellosen Haidebrande , der erst nach vierzehn Tagen in sich selbst erlosch , und von dem Schicksale , welches dabei die Familie Boberstein betroffen hatte , verbreitete sich schnell in die Nähe und Ferne . Graf Magnus mit den Seinigen war entflohen . Er kehrte lange Zeit nicht zurück , da er einen neuen Angriff auf sein Leben fürchtete . Man wußte jedoch , daß er durch geschickte Spione die Stimmung der Wenden erforschen ließ und außerdem entschiedene Maßregeln zu Verwaltung seiner unverwüsteten Besitzungen getroffen hatte . Die ihm zugehenden Berichte lauteten besser , als er hoffen durfte . Die Wenden waren still und friedlich zu ihren täglichen Beschäftigungen zurückgekehrt , bis auf Wenige , die es für ihre Sicherheit nöthig erachteten , die Heimath gänzlich zu verlassen . Zu diesen gehörte Sloboda mit Clemens und Haideröschen . Sie verschwanden eines Tages , ohne daß Jemand mit Bestimmtheit sagen konnte , wohin sie sich gewendet hatten . Nur der blödsinnige Nathanael blieb zurück und sah vor wie nach durch die Fensterscheibe viele , viele Jahre lang , ohne Wunsch , ohne Hoffnung , ohne Gedanken ! - Mit diesen drei Wenden verscholl auch Herta . Sie war mit ihrem Vater in die tiefste Haideeinsamkeit gezogen und später , als Johannes sein räuberisches Handwerk aufgab , gleich diesem dem Gedächtniß der Menschen entschwunden . Von Haideröschen wollte man wissen , daß sie unterwegs auf ihrer Flucht von einem Mädchen entbunden worden sei , das jedoch bald nach der Geburt gestorben sein sollte . Wie Alles , was nicht immer durch frische Farben neu belebt wild , vergaß das Volk in Kurzem die Ausgewanderten sammt ihrem Schicksale . Magnus kehrte inzwischen zurück , nachdem er sich im Auslande mit einer reichen Erbin verheirathet hatte , und lebte abwechselnd auf seinen Gütern und auf größeren Reisen . Dadurch kamen seine Vermögensumstände immer tiefer in Verfall , so daß er nur durch Aufnahme großer Kapitalien und durch Veräußerung einzelner Besitzungen standesmäßig leben konnte . Seine Gattin , mit der er in sehr unglücklicher Ehe lebte , gebar ihm drei Söhne , denen nach seinem Tode das , was von der großen Herrschaft Boberstein übrig geblieben war als Erbe zu gleichen Theilen zufiel . - - Hier endigten Sloboda und Heinrich ihre Mittheilungen an den Grafen Adrian . Dieser hatte anscheinend mit großer Aufmerksamkeit , aber nicht mit dem geringsten Zeichen von Ausregung den Erzählungen beider Männer zugehört . Jetzt stand er mit feinem Lächeln auf , dankte den Greisen für ihre Mühe und wünschte ihnen glückliche Reise . Beide stutzten und maßen den ironisch- höflichen Grafen mit großen Blicken . » In der That , meine Lieben , ich danke Ihnen recht sehr , « wiederholte Adrian . Sie haben sich angestrengt , um mir Aufschlüsse über meine Familie zu geben , wie ich dies von Fremden nicht erwarten durfte . » Leben Sie wohl ! « » Aber mein Herr Graf , « unterbrach ihn Sloboda , » Sie scheinen ganz zu vergessen , daß wir die Vergangenheit lebendig vor Ihnen werden ließen , um Sie zu überzeugen - « » Wovon , mein guter Alter ? « » Von der Rechtmäßigkeit meiner Ansprüche auf den fünften Theil der ehemaligen Besitzungen des Grafen Magnus . « » Sagten Sie nicht , daß Haideröschens Kind gestorben sei ? « » Die Bäuerin , der es meine Tochter übergab , während ich nach Polen vorauseilte , behauptete es und ließ es , da Haideröschen in Folge der vielen Strapazen und heftigen Gemüthsaufregungen in eine schwere Krankheit verfallen war , in der Stille beerdigen . « » Es sind also keine Erben da ? « » Doch , mein Herr Graf , « fiel der Maulwurffänger ein . » Ein Sohn Haideröschens lebt . « » Ein Sohn von Clemens ? « » Von dem Gatten meiner Tochter , « sagte Sloboda . » Lieber Alter , « versetzte Adrian , » dann gebe ich Euch den guten Rath , vererbt ihm das Besitzthum seiner leichtfertigen Mutter und gebt ihm meinetwegen noch das Stückchen Papier mit in den Kauf , mit dem ihr armen Schwachsinnigen so große Wunder bewirken zu können glaubt . Dieser alte Fetzen ist keinen Heller werth . Jeder Advocat wird Euch das sagen . « » Sie scherzen , Herr Graf ! « » Ich scherze nie ! Nochmals , glückliche Reise ! « » Graf Adrian , « nahm der Maulwurffänger abermals das Wort , » halten Sie unsere Erzählung für ein Mährchen ? « » Bittet , daß ich dies thue , « erwiederte ernst und düster der Graf und sein Gesicht glich auffallend dem seines Vaters , » sonst dürftet Ihr entweder in die Irrenanstalt oder in das Zuchthaus wandern ! « » Herr Graf ! « rief Heinrich und stützte sich trotzig auf seinen Stab . » Es ist , wie ich sage , « fuhr Adrian fort . » Ihr seid Betrüger oder Verbrecher . Vor Beiden schützen mich die Gesetze des Staates . Aber ich will annehmen , daß Ihr mich mit lustigen Geschichten habt unterhalten wollen . « » Bedenken Sie , was Sie thun ! « » Bedenket Ihr , was Ihr wagt ! « » Wir klagen , Herr Graf , « sagte Sloboda . » Wie es Euch beliebt . « » Wir ziehen die Schandthaten Ihrer Ahnherrn an ' s Licht , « drohte Heinrich . » Dabei kann die Particulargeschichte nur gewinnen , wenn ich es nicht vorziehe , Euch zuvor als freche Betrüger einsperren zu lassen ! « » Dann zittern Sie vor den Geistern , die diesen Felsen umschweben ! « rief der Maulwurffänger . » Zittern Sie , wenn ich sie anrufe und Todte erwecke , damit sie Zeugniß ablegen ; zittern Sie , rufe ich Ihnen zu , oder reichen Sie uns die Hand zum friedlichen Vergleiche ! « Adrian öffnete die Thür und rief einige Diener herbei . » Begleitet diese Herren bis auf die Fähre , « befahl er trocken , » sorgt , daß sie unter Bedeckung durch den Wald gebracht werden und benachrichtigt mich davon , sobald es geschehen ist . « Diese Befehle des reichen Mannes wurden pünktlich vollzogen . Die beiden Greise mußten mit stillem Ingrimme die Insel verlassen . Adrian aber setzte sich unmittelbar nach der Entfernung so unwillkommener Gäste hin und theilte das Vorgefallene seinen beiden Brüdern mit . » Man muß sich vorsehen , « sagte er , als er die Briefe siegelte . » Leute , die solche Drohungen wagen , haben in der Regel heimliche Hinterhalte , die sie erst später benutzen . Schützen wir uns , ehe der Kampf beginnt . « Ende des zweiten Theils . Dritter Teil Fünftes Buch Erstes Kapitel . Aurel . Die Versammlung der Kaufleute an der Hamburger Börse war ungemein zahlreich . Kopf an Kopf gedrängt bildeten die verschiedenen Bestandtheile der Börsenmänner eine feste auf- und niederwogende Masse . Als sich die Welthandelsherren endlich trennten , ergoß sich ein breiter , lebhaft sprechender Menschenstrom in die nächsten Straßen . Besonders laut waren die Schiffskapitäne , die außerhalb der Schranken der eigentlichen Börse , auf dem Platze vor dem Rathhause , zu vielen Hunderten sich drängten . Sie waren leicht von Kaufleuten und Mäklern zu unterscheiden durch ihre fast ganz gleiche Tracht die aus kurzen , um die Hüften eng anschließenden Jacken von feinem blauen Tuch und Beinkleidern von demselben Stoffe bestand . Aus der linken Seitentasche der Jacke hing bei den meisten der Zipfel eines feinen buntseidenen Foulards . Beide Hände in den Taschen seiner Jacke schlenderte getrennt von der auseinanderstäubenden Menge ein schlanker junger Mann über den Neeß , durch die kleine Johannisgasse nach der Straße , die damals noch den Namen » hinter dem breiten Giebel « führte . Das lebhafte , scharfe Auge , der wiegende Gang , der muntere , ja leichtfertige Ausdruck seines Gesichtes verriethen den genußsüchtigen Weltmann , der es versteht , die Sorgen des Lebens mit keckem Ruck von sich zu schütteln . An den Häuserreihen angekommen , die nach dem alten Jungfernstiege führten , ward er durch einige junge Mädchen aufgehalten , die ihm mit zierlich gebundenen Sträußchen den Weg vertraten und mit lieblichen klaren Stimmen um Kauf derselben baten . Die niedrigen breitrandigen Strohhüte mit den abwärts gebogenen Krempen ließen in den hübschen schlanken Kindern die Vierländerinnen nicht verkennen . - Der junge Kapitän , keineswegs gleichgiltig gegen Jugend , Schönheit und flehende Mädchenstimmen , blieb stehen und überlief mit blitzendem Auge die vier Mädchen , die alle mit lächelnden Gesichtern ihre auf lange Holzstiele gebundenen Sträußer ihm vorhielten . Auf der schönsten der Vierländerinnen ließ er wohlgefällig seine Blicke ruhen . Die Schöne lachte ihn mit ihren großen dunkelblauen Augen noch freundlicher an als zuvor und wiederholte ihre Bitte , den schönsten ihrer Sträuße nach allen Seiten wendend , um seine Vorzüge ins beste Licht zu stellen . » Wie heißt Du , mein Kind ? « fragte der Kapitän . » Dörte , « erwiederte das Mädchen , ein paar Reihen der prächtigsten Zähne unter den kurzen vollen Lippen zeigend , auf denen die Sonnenfunken eines immerwährenden Lächelns flimmerten . » Was verdienst Du mit dem Blumenhandel ? « fragte der Kapitän weiter , während er auch den andern drei Mädchen , die sich wieder zurückgezogen hatten und traulich neben einander an der Häuserreihe standen , um neue Käufer abzuwarten und vorübergehende junge Herren anzurufen , seine prüfende Aufmerksamkeit zu Theil werden ließ . » Gnädiger Herr , « versetzte die schöne Vierländerin , » ich brauche nicht viel und da bin ich immer zufrieden mit dem , was ich einnehme . Die jungen Herren sind immer gütig gegen mich . « » Das heißt , mein Kind ? « fragte der Kapitän und faßte das Mädchen sanft am Kinn , ihr recht warm und tief in die dunkelblauflammenden Augen sehend . Dörte schlug ihn leicht auf die Hand und trat einen Schritt zurück . » Ei , sie sind artiger , wie Sie ! Sie fragen nicht , sondern nehmen ein Sträußchen und geben mir dafür , was ihnen in die Hände kommt . Wem ich gefalle , der beschenkt mich reichlich . « Die beredte Blumenverkäuferin gefiel dem Kapitän . Er hatte es gern , wenn junge Mädchen recht ungenirt scherzten , und zog solche den schüchternen prüden Gänschen jederzeit vor , wie sie leider nur zu häufig auf den Divans der Gesellschaftssäle angetroffen werden . » Bist Du täglich hier , Dörte ? « fragte er weiter , das dargebotene Sträußchen aus ihrer Hand nehmend und einen Vierschilling dafür hineinschiebend . Dörte machte einen Knicks und sagte schelmisch : » Alle Tage , wenn der gnädige Herr befehlen . « » Und wo wohnst Du ? « » Wo es mir gefällt . « » Für gewöhnlich , kleiner Schelm ? « » Nun hier ! « erwiederte Dörte , als wundere sie sich über so curiose Fragen . » Sie sehen ja , daß die Sonne ganz prächtig auf diese Bank hier scheint und daß die Ladendächer ein Schutz gegen Wind und Regen sind . « » Und des Nachts , lustige Finke ? « » Da bin ich mit meinen Gefährtinnen zusammen . « » Ich verspreche Dir täglich eine Mark , wenn Du mir , so oft Du kannst , einen recht ausgesuchten Blumenstrauß in mein Logis bringen willst , « sagte der Kapitän . » Das würde mir schaden , gnädiger Herr , « entgegnete Dörte . » Ich darf meinen Platz nicht verlassen , sonst verliere ich meine Kunden . Wollen aber der gnädige Herr alltäglich hier vorüber spatzieren , so soll es Ihnen nie an einem annehmbaren Sträußchen gebrechen . « Ein abermaliger Knicks begleitete diese mit scherzhafter Grazie gesprochenen Worte , worauf Dörte auf einige andere Vorübergehende zutrat und mit gleicher Bitte und Zumuthung ihre Sträußchen ihnen entgegenhielt . » Nun also auf Wiedersehen , schön Dörtchen ! « sagte der Kapitän , indem er der Vierländerin verstohlen eine Kußhand zuwarf . Den süßen Duft des Straußes in langen Zügen einschlürfend , ging er dann weiter nach dem Jungfernstiege . » Das Mädchen muß ich genauer kennen lernen , « sprach er zu sich selbst . » Ich muß erfahren , wo sie wohnt , wer ihre Aeltern sind , ob sie Geschwister hat und was sie in Zukunft zu machen gedenkt ? Es sind doch reizende Geschöpfe diese Vierländerinnen - schlank , voll , zart und feurig , aber zurückhaltend wie der Teufel . Für ein einziges solches Naturkind lass ' ich Hundert unserer kokettirenden Gesellschaftsdamen sitzen . Und kurz und gut , die Dörte muß zu mir kommen oder - « » Sie entschuldigen , Herr am Stein , « unterbrach eine rauhe Stimme den Gang seiner Gedanken , » ich habe Ihnen einen Brief zu überreichen . Da Sie mir grade begegnen , erlaube ich mir , Sie einen Augenblick aufzuhalten . Sie bemerken , das Schreiben ist empfohlen ! « Es war der Briefträger , der den in seinen schönsten Gedanken schwelgenden Kapitän auf so prosaische Weise störte . » Schon gut , « sagte dieser , den Brief annehmend . » Zahlung erfolgt , wenn Sie wiederkommen . « Der Briefträger ging ärgerlich grüßend vorüber , der Kapitän aber steckte den Brief gelassen in die Brusttasche seiner Jacke und trat , immer den duftenden Strauß an Lippe und Nase drückend , in den Alsterpavillon . Hier wimmelte es von Gästen , die an kleinen Tischen sitzend Zeitungen lasen , Kaffee , Thee oder Wein tranken , und Cigarren rauchten . Eine Menge junger Leute standen in der Mitte des Pavillons um das Billard und spielten mit großer Beharrlichkeit Poule . Der Kapitän setzte sich in eine Ecke des geräumigen Locals , bestellte ein Glas Portwein , ließ sich vom Kellner Feuer bringen und brannte sich eine köstlich duftende Havannaheigarre an . Erst als er Wein und Cigarre geprüft hatte und Beide vortrefflich fand , holte er den Brief aus der Tasche und erbrach ihn . Unsere Leser lernen in diesem Kapitän einen jüngeren Bruder des Grafen Adrian von Boberstein kennen , und es wird jetzt nöthig sein , über diesen in unserer Geschichte neu auftretenden Charakter , der später eine wichtige Rolle darin übernimmt , einige Nachrichten einfließen zu lassen . Von den drei Söhnen , welche Graf Magnus bei seinem Tode hinterließ , war Aurel in körperlicher Bildung seinem Vater am ähnlichsten . In allen körperlichen Uebungen zeichnete er sich sehr frühzeitig aus und brachte es darin zu bedeutender Vollkommenheit . Dagegen hatte er von seiner leidenden , durch Magnus häufig lieblos behandelten Mutter ein gutes Herz geerbt , das beim Anblick fremden Kummers leicht überschwoll und gern jedem Nothleidenden beisprang . Ein wunderliches Gemisch von den stillen , edlen Eigenschaften der Mutter und den ungestümen Gelüsten des Vaters , hatte die Natur in Aurel einen höchst glücklichen Menschen gebildet , der mit genialem Leichtsinn die ganze Welt an sein Herz drückte . Durch seine Verheirathung war Magnus mit mehreren sehr wohlhabenden englischen Adelsfamilien in verwandtschaftliche Verhältnisse gekommen . Einer von diesen alten derben Northumberländern hatte bei Aurels Taufe Pathenstelle vertreten , und als der junge Graf von Boberstein sich dem Jünglingsalter näherte , ließ er ihn nach England kommen , um seinen Pathen auch persönlich kennen zu lernen . Aurel gewann sich sogleich das ganze Vertrauen , die vollste Liebe des alten Mannes . Er blieb gern bei dem Earl , der in früherer Zeit zur See gedient und sich viel in der Welt umgesehen hatte . Aufgereizt durch die abenteuerlichen Erzählungen des lebhaften Engländers erwachte eine unaussprechliche Lust zu gleichen Abenteuern in der Seele Aurels . Er machte kein Hehl aus seinen Neigungen und Wünschen und hocherfreut versprach der Engländer , diese Wünsche des Pathen begünstigen zu helfen . Er that die erforderlichen Schritte und binnen zwei Monaten war Aurel als Seekadet in englische Dienste getreten . Der junge Deutsche zeichnete sich bald aus , machte verschiedene große Seereisen nach Südamerika , Ostindien und China und als er nach mehreren Jahren zurückkehrte nach Europa , bekleidete er bereits die Stelle eines ersten Schiffslieutenants . Ohne Zweifel hätte Aurel , an die großartigen und gefahrvollen Reize eines fortwährenden Lebens zur See gewöhnt , seinem Geburtslande für immer den Rücken gekehrt , wären ihm nicht Briefe seiner Brüder eingehändigt worden , die in höchstem Grade seine Theilnahme erweckten . Die Brüder zeigten ihm nämlich an daß sie entschlossen seien , die Trümmer des väterlichen Vermögens in nutzbarer Weise anzulegen , und daß sie hofften , Aurel würde ihre Pläne nicht nur nicht kreuzen , sondern dieselben durch persönliche Betheiligung wesentlich mit fördern helfen . Nach dieser Einleitung entwickelten sie dem Seemanne , wie sie auf den Trümmern ihrer Stammburg eine Baumwollenspinnerei anlegen und in Hamburg ein Handlungshaus gründen wollten , das unmittelbar mit Amerika in Verbindung treten und von den dortigen anerkannt besten Pflanzungen die rohe Baumwolle beziehen , an die Spinnerei weiter befördern und die verarbeitete wieder an Manufactoreien absetzen solle . Um möglichst größten Gewinn von ihren Speculationen zu ziehen , die ohne Aufnahme bedeutender Capitalien nicht auszuführen waren , schlugen die kaufmännisch klugen Brüder vor , Aurel solle eine Brigg ausrüsten und diese mit Linnenwaaren befrachtet , nach irgend einem Hafen Nordamerika ' s steuern . Nach glücklichem Absatz der deutschen Linnen in der transatlantischen Welt solle er wo möglich mit Pflanzern in Louisiana dauernde Verbindungen anknüpfen , sein Schiff mit Baumwolle belasten , und alsdann mit diesem rohen Naturproducte nach Hamburg zurückkehren . Im Falle bei dieser ersten Expedition etwas gewonnen werde , könne man in spätern Jahren die Schiffsladungen verdoppeln und verdreifachen , doch immer vorausgesetzt , daß Aurel entschieden und für immer die Leitung des ersten Schiffes übernehme . Der Gewinn dieses großartigen kaufmännischen Geschäftes falle zu gleichen Theilen den Gebrüdern Boberstein zu . Sollte derselbe zu anderweiten Zwecken , etwa zur Wiedererlangung verkaufter Ländereien , verwendet werden , so sei die unbedingte Einwilligung aller Brüder dazu erforderlich . Ohne eine solche bleibe der baare Gewinn als Betriebscapital im Handelsgeschäft angelegt . Aurel schwankte keinen Augenblick . Den weitaussehenden Plan seiner Brüder vollkommen billigend , ging er darauf ein . Auch der alte lustige Pathe konnte nicht umhin , den Gedanken seiner deutschen Verwandten höchst pfiffig und zeitgemäß zu finden . Er segnete seinen Pathen , übergab ihm zur Ausrüstung des ersten Schiffes eine ansehnliche Summe , Aurel reiste ab und binnen Jahresfrist war das Handelshaus in Hamburg bereits accreditirt und Aurel mit einem tüchtigen Dreimaster , » die gute Hoffnung « genannt , nach Philadelphia , New-Orleans und andern großen Stapelplätzen Nordamerika ' s unter Segel gegangen . Gleich seinen Brüdern in Deutschland nannte sich der kühne Seekapitän in seiner Eigenschaft als Handelsschiffsführer Aurel am Stein . Aus früheren Mittheilungen wissen wir , daß Adrians Speculationen mit großem Erfolge gekrönt worden waren . Diese Erfolge erstreckten sich auf alle Zweige des Unternehmens . Nicht allein die Spinnerei auf den Ruinen der alten Burg gedieh und blühte nach Wunsch , auch das Haus in Hamburg » Stein und Compagnie « ließ sich in großartige Geschäfte ein , die über Erwartung rentirten , und die ursprüngliche Spedition der rohen und verarbeiteten Producte der Firma selbst bald nur als Nebensache besorgte . Schon nach drei Jahren kaufte die Firma ein Haus nebst geräumigen Speichern am Rödingsmarkt . Ein höchst zuverlässiger , erfahrener und geschickter Kaufmann von tüchtiger Gesinnung stand an der Spitze dieses neuen Etablissements , das von Zeit zu Zeit einer der drei Brüder besuchte , um sich persönlich über die Chancen des Geschäfts und etwa neu einzuschlagende Wege mit dem verständigen Geschäftsführer zu besprechen . Man konnte annehmen , daß Aurel regelmäßig zweimal des Jahres in Hamburg eintraf und jedes Mal eine Schiffsladung der feinsten Baumwolle in die Speicher lieferte . Diese ward jetzt bereits auf der eigenen Pflanzung der Brüder am Red River in Arkansas gebaut , wodurch der Gevinn des Geschäftes sich unglaublich steigerte . So oft nun der muntere , lebenslustige Kapitän die deutsche Welthandelsstadt an der Elbe betrat , wohnte er in seinem eigenen Hause , doch kümmerte er sich wenig um den Fortgang des eigentlichen Fabrikgeschäftes , da er davon nichts verstand und es ihm auch zu kleinlich erschien , Buch und Rechnung über Maß und Gewicht zu führen . Aurel war kein Handelsmann , in seinen Adern brauste noch unverfälschtes altritterliches Blut , immer bereit , auf Abenteuer auszugehen , Gefahren aufzusuchen und mit ihnen zu ringen wie ein Held . So sehr er sich über den Gewinn freute , den seine speculirenden Brüder aus dem Betrieb der verschiedenen Geschäfte zogen , so wenig gab er sich selbst mit dem eigentlich kaufmännischen Theile desselben ab . Aurel fühlte sich nur als Seemann . Als solcher wäre es ihm ganz recht gewesen , wenn er zuweilen mit irgend einem Caper auf offener See hätte anbinden und eine kleine Schlacht liefern können , wo persönliche Kraft , Muth , Gewandtheit und geschickte Manöver den Ausschlag geben mußten . Auch betrachtete er sich im Stillen und zu seinem eigenen Behagen als Führer eines Kriegsschiffes , obwohl ihm die beiden kleinen Karonaden , die er führte , um im Fall der Noth Signale damit geben zu können , täglich die Kühnheit einer solchen Idee gar sehr herabstimmten . Indeß etwas hatte er doch vor vielen Kapitänen voraus . Er war Eigenthümer des Schiffes , das seinem Commando gehorchte , Eigenthümer der Ladung und unumschränkter Gebieter über seine Leute . Dies entschädigte ihn einigermaßen und er unterließ denn auch nicht , ächt militärische Disciplin , wie er sie im englischen Seedienst erlernt hatte , auf der » guten Hoffnung « einzuführen . Den vornehmen Commis voyageur machte der jüngste Graf von Boberstein , Adalbert , ein schlauer Kopf und großer Rechnenmeister . Adalbert war deshalb auch fast ununterbrochen auf Reisen , bald in Deutschland , bald in Frankreich und England , wo er sich bei einer großen Kattundruckerei betheiligt hatte . Sein fester Wohnsitz war jedoch am Fuße des Riesengebirge , in dessen romantischen Thalgründen er ein freundliches Landgut besaß . Aurel war durch sein bewegtes Leben mit außerordentlichen Vorfällen und Begebenheiten so vertraut geworden , daß ihn nichts , auch nicht das Entsetzlichste , aus der Fassung bringen konnte . Er las daher auch den empfangenen Brief , der von Adrian herrührte und der manchen Andern wahrscheinlich in große Besorgniß gestürzt haben würde , mit unerschütterlichem Gleichmuthe . Das Schreiben war lang , denn es enthielt einen gedrängten Auszug des Allerwichtigsten aus den Mittheilungen Sloboda ' s und des Maulwurffängers , die Adrian als freche Betrüger und speculirende Schurken hinzustellen nicht unterließ . Größeres Gewicht hatte der umsichtige Fabrikherr auf die Hindeutung gelegt , daß von ihrem verstorbenen Vater irgendwo in der Welt natürliche Kinder noch am Leben sein sollten , oder doch sein könnten , so wie auf die vorgebliche Schenkung , welche Magnus der schönen Wendin gemacht haben sollte , um die gereizten Gemüther zu beruhigen . Zwar fügte er mehrmals hinzu , daß er die ganze Geschichte für bloße Erdichtung halte , um Geld zu erpressen , doch fordere Pflicht und brüderliche Liebe , den fernen Bruder von dem Vorfalle in Kenntniß zu setzen . Auch liege er ihn dringend an , wenn er irgend etwas über Verhältnisse ihres Vaters und daraus entstandene Folgen in Erfahrung gebracht habe oder je bringen sollte , dies ihm schleunigst wissen zu lassen , damit er seine Maßregeln ergreifen und die unbequemen Dränger so schnell wie möglich beseitigen könne . Aurel faltete den Brief wieder zusammen , ließ zwei breite Strahlen dunkelblauen Rauches durch seine Nasenlöcher strömen und schlürfte die zweite Hälfte des Glases Portwein . Dann streckte er beide Beine aus , legte die Füße über einander , rückte seinen runden Hut so nach vorn in die Stirn , daß er sich mit dem Hinterkopfe bequem an die Wand lehnen konnte , und nahm ein Blatt der Times , in dem er mit großer Aufmerksamkeit über eine Viertelstunde las . Dann warf er es weg , bestellte ein zweites Glas Portwein , setzte sich wieder wie andere gebildete Menschen und zog nochmals den Brief aus der Tasche . » Bei Gott , ich glaube , die beiden alten Männer haben Recht ! « sprach er nach einiger Zeit zu sich selbst , indem er zum zweiten Male den Brief in seine Tasche schob . » Papa war ein loser Finke , wie ich schon als Junge gehört zu haben mich erinnere , und so kann es mit dem Herumlaufen einiger natürlicher Kinder schon seine Richtigkeit haben . Pah , was thut das ! Einen tüchtigen , geistreichen Kerl genirt das nicht . Verbotene Gedanken haben den meisten Reiz , zeugen von überwiegendem Geiste , warum sollte der Mann anstehen , wenn ihn die Lust dazu treibt , geschwind ' mal einen physischen Witz zu machen ? Ich merke , daß ich der ächteste Sohn meines galanten Herrn Vaters bin . Alle Nationen können zur Noth auf Führung des gräflich Bobersteinischen Wappens Anspruch machen . Wer sich darum kümmern wollte ! Aber freilich die Schenkungsurkunde - ? sie wäre ein dummer Spaß ! Sollte sie ächt sein , so könnte sie geniren . Aber ich glaube nicht daran , mein Vater war zu klug , um , wär ' s auch nur zum Scheine , so unvorsichtig zu handeln . « Einige Minuten lehnte sich der Kapitän in der eben angedeuteten Weise wieder zurück , blies starke Rauchwolken aus den Nasenlöchern und fuhr dann fort : » Wissen möcht ' ich schon , ob ein ächter Boberstein , wie ich , sich vor einem natürlichen schämen müßte . Wo mögen diese älteren Geschwister von mir leben , wenn sie wirklich vorhanden sind , wirklich existirt haben ? Ich bitte Dich , gutes Glück , führe mich mit einem derselben zusammen ! Es soll auch , gefällt mir der illegitime Bruder oder die naseweis in die Welt gesprungene Schwester , gewiß und wahrhaftig nicht ihr Schade sein ! Bei Gott , das soll es nicht ! « Aurel trank sein Glas aus , warf den Betrag in neuen Schillingen auf den Tisch und verließ den Alsterpavillon , um schief über den Jungfernstieg nach der alten Stadt London zu gehen und dort sein Mittagsmahl einzunehmen . Die wenigen Wochen , welche sich der Kapitän in Hamburg aufhielt , pflegte er jeden Tag in einem andern Hôtel zu speisen . Nicht selten trat er auch in eine gewöhnliche Restauration oder stieg gar in einen der vielen Speisekeller hinab , wo blos Hafenarbeiter , Packträger , Matrosen und anderes geringes Volk für gewöhnlich einzukehren pflegen . Diese Abwechselung gewährte ihm großes Vergnügen und machte ihn mit allen Klassen der Hamburger Bevölkerung , ja man kann sagen mit Menschen aus allen Enden der