einem edeln Stolze unterstützt , würdig genug hervor . » Laßt Ihr noch das Wiegenlied ihrer Hoffnungen , womit sie sich jeden Abend selbst einsingt , « - fuhr sie finster hinstarrend zu Lesüeur fort - » seht , wie sie heiter aussieht - Nichts kann ihr mehr begegnen , glaubt sie - sie ahnt auch nicht einmal , daß es etwas zu fürchten für sie giebt ! Daß ein Mensch zu Zweien sein kann , wie der gottlose Herr Graf , daß er hier ihr Grab ausschmücken kann mit seinem goldnen Tand und doch ihr Herz brechen will und seinen Weltgötzen dienen , davon weiß sie nichts ! Und wer möchte es ihr sagen ? Gott wird die Stunde wissen , die sie bricht - aber auch jene mit dem schrecklichsten Fluche der Menschheit Beladenen zu jeder Qual der Hölle verdammen wird , die Gott dem erwachten Gewissen vorbehält ! « - Nach der Vollendung des ersten Bildes erkrankte Lesüeur bis zum Niederliegen . Fennimor theilte Emmy ' s Pflege persönlich , so viel es ihre Lage ihr erlaubte , und rastete besonders nicht , für seine Seele zu sorgen ; da die Krankheit mit ihren trüben Schleiern und den bittern Tropfen , die sie dem kranken Blute beimischte , wieder nieder zu werfen schien , was Fennimor in ihm schon aufgerichtet glaubte . Was Beide da eintauschten , war nicht von gleichem Werthe . Das Leiden machte den von der Welt und ihren egoistischen Berechtigungen verwirrten Lesüeur rücksichtsloser in seinen Aeußerungen . Er wünschte den Zustand seiner Seele , den sie so ernsthaft tadelte , durch die Schilderung der Versuchungen zu entschuldigen , welche die Welt ihm geboten ; und so rollte sich bei seinem Eifer , sie von der Schwierigkeit , sich rein zu erhalten , endlich zu überzeugen , ein Bild dieser Zustände vor ihr auf , das sie in seiner verderbten Ausdehnung kaum zu fassen vermochte . Zu spät erkannte er an ihrem maaßlosen Schmerze darüber , was er verbrochen , und bestrebte sich nun um so aufrichtiger , durch seine eigne Hingebung an ihre Ermahnungen , ihre Seele zu trösten und zu erquicken . Doch vermochte er nicht mehr ihre bis jetzt in harmonischem Gleichgewichte schwebende Seele von dem herben , schmerzlichen Nachdenken zu befreien , in welches der erste unausgleichbare Widerspruch der innern Welt zur äußern , die Seele in der Jugend versenkt . Nur ihre glaubensvolle Festigkeit erhielt sie und richtete sie wieder auf ; - und endlich war sie sicher und einig darüber , daß vielleicht nur kurzsichtige Menschen diese Erscheinungen böse fänden , und Gott , der die Herzen sieht , allein wisse , ob sie so Viel verschuldeten , als es den Anschein habe . » Sieh ' « sagte sie , » wenn ich nehme , als welch ' ein böser Sünder Du Andern hast erscheinen müssen , so kann ich mich recht daran beruhigen , da Dir Gott doch dabei so viel Reue und so viel Gutes erhalten und Dir die Gnade , ein Künstler zu sein , nicht entzogen hat , vielmehr Dein Herz innerlich immer in Wehmuth schweben blieb über Dein äußerliches Verschulden . So wird es nun überall sein ! Wir müssen nur immer bedenken , daß Gott Alle gleich liebt , Alle seine Kinder sind - da weiß er also als Vater , wo es ihnen steckt , wo er sie heimsuchen muß - und wir dürfen eigentlich gar nichts dabei haben , als still zusehen , wie er sie leiten wird , und müssen sie lieben , bloß darum , weil sie zu Gott gehören . « Lesüeur staunte mit wahrer Andacht dies lebhafte Bedürfniß Fennimor ' s an , das Böse zu annulliren . Er hatte das Gefühl der Jugend vergessen , das sich von jedem Eindrucke frei zu machen sucht , der dem Glücke widerstrebt , den Menschen vertrauen zu können ; - und als er sie auf diesem Wege wieder zur Heiterkeit zurückkehren sah , glaubte er , der Himmel müsse ihr Leben behüten und beglücken , eine solche Frömmigkeit zu belohnen . Wir werden daraus die Stimmung erklärt finden , in der Lesüeur nach seiner Genesung und nach Vollendung beider Bilder bei Leonin eintraf , und die eben so schnell gefaßten Hoffnungen , derselbe werde ihr gerecht werden . Nach Lesüeurs Entfernung hätte die Einsamkeit auf Ste . Roche hervortretender scheinen können ; - aber Fennimor glitt mit dem süßesten Lächeln heimlicher Lust über den blumigen Rasen , durch die lichten Schattengänge , und war in ihrem geheimen Einverständnisse nicht mehr allein , sondern von tausend unnennbaren Freuden umgaukelt , als ob Engel vom Himmel zu ihr niederstiegen zu Spiel und Scherz ! Sie hatte sich lieb und hielt sich hoch und stellte sich im Geiste hin vor Leonin als die reichste und schönste Gabe , die sie nun so sicher durch sich für ihn bereitet glaubte . Dann stieg sie in das Thal hinab in das kleine Haus des Vikars , wo Veronika , die stille nonnenhafte Jungfrau , in Schönheit und Jugend prangend , neben dem jugendlich rüstigen Vikar waltete . Wenn die Geschwister sie daher kommen sahen , schwebend fast und leise und vorsichtig , als behütete sie einen Schlummernden und sie Beiden die schlanke weiße Hand reichte , und das Engelslächeln und der leuchtende Blick auf Beide ihnen immer wieder aufs neue ihr Glück erzählte - immer wieder die neue Antwort der Anerkennung zu begehren schien , dann sagte der Vikar oft , wenn sie wieder heim gegangen : » zur heiligen Jungfrau wird immer noch die Frau , die ihre Umwandlung als eine göttliche Verkündigung seiner heiligen Gemeinschaft empfindet ! « Gewiß war es , sie hatte fast keines Menschen nöthig ! Sie war gern bei den Geschwistern und bei Emmy Gray - aber lieber fast noch mit sich allein , und selbst Leonin hatte nicht mehr den ersten Platz ; » denn , « sagte sie zu sich , » Gott hat seine heil ' ge Werkstatt in mir - da muß alles Andere weichen - das kann ich recht fühlen , wie er allein sein will bei mir ! « Mit Lesüeur ' s Hilfe noch hatte Emmy Gray neben Fennimor ' s Schlafzimmer einen kleinen Raum benutzt , der nach dem Garten sah , und mit den reichen Stoffen , die Leonin zur Ausschmückung der Zimmer gesandt , zu einer anmuthigen grünseidenen Laube umgeschaffen , worin sich nach und nach die kleinen lieblichen Gegenstände sammelten , deren verringerter Maaßstab unser Herz mit Lust und Rührung erfüllt und die Sehnsucht nach dem Anblicke des kleinen Wesens steigert , das dies Alles beleben soll mit seiner anmuthigen Erscheinung . Wenn ihr Emmy sagte , daß die Zeit nahe sei , die ihr die Erfüllung bringen würde , erbleichte sie vor andächtigen Schauern und wünschte dann wieder , Leonin bliebe aus , bis sie das Segenszeichen im Arme trüge . Das wünschte Emmy nicht . Noch hoffte sie auf Lesüeur ' s Einwirkung ; und dann sollte er auch die Weihe als Vater durchempfinden durch die Last der Angst um die schweren Stunden seines Weibes ! Da sah sie , wie eines Morgens Fennimor ' s Wangen dunkler glühten und sie nicht in das Thal hinab stieg , sondern auf dem sonnigen Sitze am Fuße des Eudoxien-Thurmes ausruhte , wo sie den Weg in das Thal übersah ; - und als sie zu ihr trat , war sie am frühen Morgen schon wieder eingeschlafen , der Athem war kurz und beklommen , der Mund glühte , und zuweilen stieg ein schmerzlicher Seufzer herauf . Da wendete Emmy Gray schnell den Schritt zurück , und bald erreichte ein Bote den geschickten Arzt des kleinen Fleckens Ste . Roche , mit der Weisung , seine Wohnung in dem Schlosse aufzuschlagen . Emmy blieb aber , ein treuer wachsamer Hüter , zu ihren Füßen sitzen , und Fennimor schlug nach kurzer , ungleicher Ruhe zu der Gefährtin die Augen auf . » Ich sah es ! « rief sie und drückte entzückt die Hände zusammen . - » Ganz deutlich sah ich es ! So klein und rund ist es , und seine Aeuglein sind wie Sterne ! - Ach ! Emmy , nun muß Leonin bald kommen ; denn ich werde eifersüchtig , daß ich all das Glück allein genießen soll ! « » Ja , ja , « sagte Emmy - » er könnte wohl hier sein , wenn Euch die Stunde schlägt - der Vater gehört zum ersten Gruße für sein Kind ! « - Doch brach sie nach diesen Worten ab ; denn sie durfte ihrem zürnenden Herzen nicht trauen . - Am Abende erschallten Hörner in der Ferne - ein Reisezug flog durch das Thal . Als Fennimor es hörte , sank sie auf ihre Knie und betete - Emmy ' s Brust wollte zerspringen . » Lebt sie , wo - wo - ist sie , Emmy , geliebte Emmy ? « rief Leonin und weinte wie ein Kind , als er die spröde , schluchzende Gestalt wie eine Geliebte an seine Brust drückte . » Sie ist ihrer Stunde nahe , Herr , « sagte Emmy . Eis und Bitterkeit glitten dabei von ihrem Herzen ; denn sein Gefühl war keine Lüge . Da drängte er den Ungestüm zurück , und sie führte ihn bis zu Fennimor ' s Zimmer . Sie hatte ihm nicht mehr entgegen eilen können - ihre Füße hatten gewankt - sie saß , und ihr im vollsten Purpur glühendes Engels-Antlitz leuchtete über die bedeutungsvolle Gestalt . Als er sie sah , ward sein Herz wieder fest - aller Ungestüm , alle Leidenschaftlichkeit war daraus verschwunden . Er fühlte die ganze Heiligkeit ihrer Stimmung und lag weinend zu ihren Füßen , sein Gesicht in die Falten ihres Kleides bergend . » Sieh nur , Leonin , « sagte sie da über ihm mit der klaren , süßen Stimme - » sieh nur , wer ich bin ! « Und sich kräftig fühlend , erhob sie sich und stand vor ihm , und als er aufsah , erblickte er sie leuchtend vor Freude , mit der Gewißheit des höchsten Glückes , das sie ihm zu geben hatte . Und das war der Inbegriff von Allem , was sie ihm zu sagen hatte . Kein Vorwurf , keine Unsicherheit , keine Befürchtung - als ob sie gestern das letzte Wort mit ihm gesprochen hätte , so ruhig , so froh und heiter knüpfte sie wieder an . Nur lieblich , kindlich wehren that sie ihm - er durfte nur leise mit ihr sein - sie behütete sich ernst und doch halb kindlich spielend . Doch verhüllte die Freude nur noch schwach die ahnungsvolle Bangigkeit , die immer schneller wiederkehrend in ihr aufstieg und Emmy Gray entführte sie endlich aus Leonins Armen in ihr Schlafzimmer . - Als aber die ersten Strahlen der Juli-Sonne den Horizont rötheten , kniete Leonin nach einer unter tausend Qualen verlebten Nacht an Fennimors Bette , und sie sah an seiner Brust ihren Traum erfüllt , und Leonin rief immer fort : » Fennimor , Fennimor , mein geliebtes Weib , Du hast mir einen Sohn geboren ! « » Und so klein ist er ! und so rund ! und seine Aeuglein glänzen wie Sterne ! « setzte Fennimor leise lächelnd hinzu , während große Thränen über die blassen Wangen flossen , und die schönen matten Händchen sie nicht trocknen konnten . Emmy ' s argwöhnischer Tadel verstummte nach gerade vor dem glücklichen Vater , der , zwischen Fennimors Lager und der Wiege seines Kindes mit eifersüchtiger Sorgfalt Beide behüten wollte . Sie ward wieder hoffnungsvoll und heiter , und sah dem Glücke ihres Lieblings ohne so bange Schmerzen zu , als sie bisher erlitten . Und dennoch hatte sie Recht - dennoch war es derselbe Leonin nicht mehr , der diese Stelle einst einweihte als das Ziel seines Strebens , als die Bestimmung seines Lebens ! Er war jetzt , was er an dem Hofe Ludwigs des Vierzehnten war - das Kind des Augenblicks . Hier von den edelsten Beziehungen der Menschen zu einander so warm ergriffen , wie dort von ihren eiteln Bestrebungen beherrscht - keiner Lage ganz gehörend - zu der einen zu eitel und ehrgeizig , zu der andern zu gut , zu tief in die Geheimnisse eines höheren Lebens durch Fennimor eingeweiht - überall getheilt , zerfallen mit sich - auf dem sichern Wege , das zu werden , was der Marquis de Souvré zu erreichen trachtete : ein unglücklicher , von verfehlten Lebenswegen irre geführter Mensch ! In dem Augenblicke , wo er beinah mit Andacht sein Weib , die Mutter seines Kindes , betrachtete , wußte er , daß seine Verlobung mit Fräulein von Lesdiguères am Hofe deklarirt war , und seine Rückkehr erwartet , um seine öffentliche Vermählung zu feiern . Er wußte , daß er diese gegen seinen Willen ihm über den Kopf gewachsene Verpflichtung jetzt erfüllen mußte , oder daß er vor der Welt , deren Meinung ihm so wichtig geworden , entehrt dastehen , und auf ewig aus der glänzenden Gemeinschaft getrieben sein würde mit der sichtbaren Gottheit Frankreichs - mit seinem Könige . Jede ehrgeizige Hoffnung wäre damit vernichtet gewesen , der Name , dessen stolzen Anspruch er jetzt erst begriff , zu dem trostlosesten Dunkel hinab gewiesen , und in der Verbannung keine Hoffnung auf Seelenruhe , da ihm der Fluch der Eltern und das Andenken an Viktorinens gebrochenes Herz folgen mußte . - Am Morgen nach der uns bekannten Ernennung des Königs , begab sich die Marschallin von Crecy , die sonst die Waffensäle ihres Gemahls selten besuchte , dahin , dem zögernden Leonin zuvorkommend . Der Marschall mußte die Aufmerksamkeit seiner Gemahlin anerkennen , daß sie schon am frühen Morgen zu ihm eile , ihm sowol die Anstellung ihres Sohnes , wie die Verlobung desselben mit Mademoiselle de Lesdiguères anzuzeigen , die durch einige Worte der Majestäten , welchen allerdings die Sache außer Zweifel war , für beide Ehegatten die Sanction einer priesterlichen Einsegnung erhielt . So ward Leonin , als er später dem Vater nur seine Anstellung mittheilen wollte , in doppelter Beziehung beglückwünscht , und der unbeschreiblich ungestüme Jubel des alten Helden ertödtete jeden Versuch der Widerlegung in dem fast von diesen Eindrücken betäubten Sohne . Auch fand er ihn schon zur Hälfte in seiner Marschalls-Uniform - er wollte dem Könige seinen Dank abstatten und dann der alten Eule , der Herzogin Schwiegermama , wie er in lustiger Laune die Mutter Viktorinens nannte , die Reverenz machen - » und ist Deine Liebste dort , dann soll sie einen Kuß haben , so wahr ich Marschall von Frankreich bin ! « Es wäre eben so möglich gewesen , den Strom der Seine rückwärts fließen zu lassen , als den Marschall aus seinem , ihm von seiner klugen Gemahlin angegebenen Gedankenstrom zu lenken . Leonin machte einige vergebliche Versuche dazu ; da sie jener aber lachend und tobend ganz überhörte , sicher , er könne nur erfahren , was in diesen Ideenkreis hinein passe , riß sich Leonin endlich , fast wahnsinnig über seine Lage , von seinem Vater los . » So gehe denn , mein Kind , und komme bald wieder ! Es ist mir zwar nicht Recht , daß Du jetzt das alte Nest Ste . Roche besuchen willst , und ich verstehe nicht , wie sich das mit Deinem schuldigen Respekte gegen die Majestäten und Deine Braut verträgt . Da es aber Deine Mutter billigt , der man in solchen Fällen wohl trauen darf , und Seine Majestät der König es in den Mund nahm , so habe ich Nichts zu erinnern ; - auch denke ich , man wird ums Wiederkommen nicht sehr zu bitten haben . He , mein Junge , das muß man sagen , sie haben Dir eine gute Partie gemacht - die alte Eule von Mutter ist eine Schwester des Herzogs von Reetz , und die Lesdiguéres werden herankommen an die Crecy und Soubise ! « Länger ertrug es Leonin nicht . Todeswund stürzte er sich in die Arme seines Vaters . Der Marschall nahm sein undeutliches Gemurmel für Abschiedsworte , küßte und herzte und entließ ihn , seinen in Juwelen gefaßten Ehrendegen aus der Hand des Kammerdieners nehmend und ihn mit geheimer Lust in das goldene Gehänge steckend . Leonin stürzte dagegen durch die Gemächer , die zu den Zimmern seiner Mutter führten , und wer ihm begegnete , wich ihm aus und sah dem glücklichen Erben , auf dessen Haupt sich so viel Ehren häuften - denn seine Anstellung und Verlobung war Allen bereits mitgetheilt - voll Erstaunen nach , fürchtend , eine plötzliche Krankheit habe ihn ergriffen . Er sah den Thürsteher seiner Mutter , der ihn melden wollte , nicht , er drückte mechanisch die Thür auf , er erreichte ihr Kabinet und stand vor ihr , als sie eben die schwere Sammet-Robe abwarf ; denn sie kam von dem Lever der Königin , welche die Anwesenheit der Marschallin benutzte , um der Königin Mutter , den Prinzessinnen und diesem höchsten Kreise Mademoiselle de Lesdiguères als die verlobte Braut des jungen Grafen von Crecy-Chabanne vorzustellen . Sie kehrte zurück mit der stolzesten Selbstzufriedenheit , mit dem Gefühl , ihr Ziel erreicht zu haben - und indem sie sich umwendete , erblickte sie Leonin , und ein nie gekanntes Erbeben erschütterte ihren ganzen Körper ; denn es war , als ob eine Donnerstimme ihr zuriefe : » triumphire nicht zu früh - er wird das Opfer ! « - Doch war sie stets schnell gefaßt . Ein Wink entfernte die Kammerfrauen ; - und als sie eigenhändig das Vorzimmer verschlossen hatte , war ihre ganze Selbstbeherrschung zurück gekehrt , und in sich hinein sagte sie : » jetzt keine Schwäche , er ist ja der Augenblick , den Du längst erwartet ! « Sie hatte diese Ermahnung nöthig ; denn als sie wieder eintrat , ging Leonin mit seinem todtenähnlichen Antlitze ihr entgegen und sagte mit leiser , heiserer Stimme und einem Ausdruck der Augen , der ihren Herzschlag aufhielt : » Retten Sie mich , Madame ! Retten Sie mich ! « Er wiederholte diese Worte so oft , so gleich schrecklich im Tone , daß sie glaubte , er sei wahnsinnig geworden . » Vor allen Dingen komme zur Besinnung , mein Sohn ! « sagte sie , vergeblich bemüht , ihrer Stimme Sicherheit zu geben . - » Du bist in einem Grade überspannt , der Dir die richtige Ansicht Deiner Lage unmöglich macht . Fasse Dich und habe Vertrauen zu mir ; wir werden , in Uebereinstimmung handelnd , Alles beseitigen , was Dich überwältigt und quält . « » Nein , nein , Madame , « fuhr Leonin in demselben Tone fort - » es kann nicht möglich sein - ich bin nicht zu retten ! Entweder hier entehrt vor dem Könige , vor allen Menschen - oder dort vor Gott und mir selbst ! Es ist nicht zu vereinigen , ich muß das Opfer werden ! « - » Lassen Sie mich diese Sprache nicht hören ! « sagte die Marschallin - » mein Herz hat keine Nachsicht mit unmännlichen Empfindungen . Sie sind augenblicklich gerettet , wenn Sie anerkennen , welche hohe , ehrwürdige Verpflichtungen Ihnen Ihr Rang , als einem der ersten Unterthanen unseres erhabenen Königs , auferlegt . Sie gehören sich selbst nicht mehr an , kein Mensch hat ein Recht an Sie von dem Augenblicke an , wo der König über Sie verfügt ; - Alles ist Nebensache - kann und muß beseitigt werden zu Gunsten dieses einen , höchsten Zieles ! - So , mein Sohn , denken alle , welche die Ehre haben , Franzosen - Unterthanen des ersten Königs der Erde zu sein . - Doch , vor Allen denken so die hohen Vasallen der Krone , die Stützen des Thrones - die Crecy-Chabanne , die Rohan , Soubise , Montmorency , Latour d ' Auvergne und ähnliche erlauchte Personen . Ist eine Jugendthorheit in ihren Lauf gekommen , so wissen Sie , daß keine der Art so hervortreten darf , daß sie diesen angestammten Verhältnissen den kleinsten Schatten geben könnte ; und da Sie nur eine Pflicht haben dürfen , so wissen Sie , was Sie von allen andern zu halten haben . « Da Leonin nicht antwortete , sondern seine Mutter mit düsteren , verwirrten Blicken anstarrte , fuhr die Marschallin mit steigendem Muthe fort : » so sehr ich es mir auch zum Gesetze gemacht habe , Ihrer Jugendverirrung nicht mehr zu gedenken , überzeugt , Sie würden im Laufe Ihres Lebens am Hofe , und bei erlangter Kenntniß der Verhältnisse , die Ihnen allein zustehen , von selbst die nöthigen Schritte thun , sich von jedem störenden Einflusse , der daher kommen könnte , frei zu machen - muß ich doch einsehen , daß Sie mit Ihrer gewöhnlichen Nachlässigkeit jene Jugendthorheit unverändert gelassen haben . Wie jedes Uebel dadurch wächst , daß wir es nicht anzugreifen wagen , so findet es sich auch bei Ihnen ; da Ihre glänzenden Verhältnisse , die Ihnen in allen Beziehungen die ersten und vollkommensten Gaben darbieten , Sie endlich auf die Spitze hintreiben , ergreift Sie das Gefühl , dieser Auszeichnungen nicht mehr werth zu sein durch unwürdige Bande , denen Sie noch Geltung zugestehen . « » Nein , nein , « unterbrach sie Leonin - » nicht unwürdige - heilige , heilige Bande ! - Ich bin vermählt ! Ich bin ein Bösewicht , wenn ich es läugne ! « » Hierüber , mein Sohn , « sagte die Marschallin mit großer Kälte , » kann ich mit Ihnen nicht streiten . Der Pairshof würde Ihnen darauf antworten können ! Doch würde ich beschämt sein , wenn mein Sohn von einem Gerichtshofe erfahren müßte , daß keine Handlung des Mineronnen , ohne Zustimmung seiner Eltern , irgend gesetzliche Kraft habe ; noch mehr aber beschämt , wenn der Erbe des Namens Crecy-Chabanne in Zweifel darüber wäre , daß er sich vor der Welt nur durch eine ebenbürtige Vermählung behaupten könne . Doch dies Alles habe ich nicht nöthig ; - ich verweise Sie an Ihren Beichtvater ; fragen Sie ihn , welche Kraft für einen Katholiken eine so ungehörige ketzerische Vermählung hat , und Sie werden erröthen , der Spielball dieser Intrigue gewesen zu sein . « » O , meine Mutter , « rief Leonin - » gestatten Sie mir nur , Ihnen die Dinge darzulegen , wie sie wirklich sind ! Sie finden mich ja nicht hartnäckig , widerstrebend ! Nur zu schmerzlich erkenne ich , wie unbesonnen und leichtsinnig ich gehandelt , wie das Wesen , das ich selbst aus freier Wahl in mein Leben verflochten , auf keine Weise in die Verhältnisse meines Standes paßt , die ich jetzt erst in ihrer Wichtigkeit erkannt habe ! Aber ich beschwöre Sie , wenn Sie mir helfen wollen , erkennen Sie an , daß dies Wesen edel und unschuldsvoll mit ihrem Vater mir vertraute - daß sie keinen Zweifel an der Rechtmäßigkeit ihrer Vermählung hat - und bedenken Sie , daß ich damals , als ich ihr zum Altare folgte , derselben Ueberzeugung war ; mein Gelübde also zu Gott mit der vollen Zusage meines Innern drang ! - Wenn Sie diesen Grad von Rechtmäßigkeit erwägen , werden Sie meine Lage um so schwieriger finden ; Sie werden zugeben , wie elend ich mich fühlen muß , zum Verräther an dem reinsten menschlichen Vertrauen zu werden - oder vor der Welt als ein Thor dastehn zu müssen , der die Gnade unseres großen Königs zurückweist und ein Mädchen tödtlich verletzt , die durch Rang und Verdienst , die Erste zu sein , würdig ist . « Die Marschallin schwieg einen Augenblick und überlegte , daß ihr Sohn , wie aus seinen eben vernommenen Worten hervorging , weit genug gekommen war , daß sie jetzt theilnehmend werden könne , um das Ganze zu vollenden . » Es ist vielleicht die Schwäche der Mutter , die mich mehr mitleidig , als zürnend macht ; - ich kann aber nicht ohne Theilnahme sehen , wie diese unglückliche Sache Dein Herz beunruhigt , und ich will Dir vergeben , um Dir helfen zu können ! « - Leonin stürzte ihr zu Füßen , um die dargebotene Hand an seine Lippen zu drücken . - So groß war der Einfluß dieser Frau , daß ihre Zusage , ihm helfen zu wollen , eine Last von seinem Herzen wälzte , als ob damit schon Alles eine andere , günstigere Gestalt gewonnen habe . - » Wir müssen darüber einig werden , « fuhr sie dann ruhig fort , » daß diese eingegangenen Verbindlichkeiten , seien sie so groß , als sie Dir erscheinen - oder so klein , als sie wirklich sind - auf jeden Fall gänzlich für Dich beseitigt werden müssen ; und ich würde , da ich Dir wenig Geschick für diese Angelegenheit zutrauen darf , ungern in Deine Rückkehr willigen , wäre Deine Abreise nicht einmal von dem Könige erwähnt worden , und dadurch einem Befehle ähnlich zu betrachten , und damit Dir auch Zeit gegeben , eine Stimmung zu gewinnen , wie Mademoiselle de Lesdiguères sie von Dir erwarten darf . - Doch verlange ich von Dir , daß Du jene junge , unwissende Person auf ihr nothwendiges Schicksal vorbereitest , entweder durch die bestimmte Darlegung Deiner jetzigen Lage , über die Du früher aus Unwissenheit so falsch urtheiltest - oder , indem Du ihr durch Dein kaltes Betragen Dein verändertes Herz darthust . Ich werde indessen den Marquis de Souvré , der schon einmal der Vertraute dieser unglückseligen Angelegenheit war , bewegen , sich der Sache aufs Neue anzunehmen , und er soll Dir nach Ste . Roche folgen und alles Uebrige feststellen und beendigen . Vorher mußt Du Deinen Beichtvater sprechen ; er wird Dir sagen , wie sehr Du Dich versündigt hast , eine Verbindung mit einer Ketzerin geschlossen zu haben , und wie Du diese Sünde nur sühnen kannst , indem Du sie aufhebst und widerrufest . Auch wird hierzu die junge Person durch ihres Landes Sitte , wie durch die Lauheit ihrer sogenannten Religion geneigt sein , da , wie ich höre , in diesem protestantischen England sie die Ehen schließen und wieder auflösen lassen vor einem Gerichtshofe , welches denn beweist , was von solchen Verbindungen dort zu halten ist . « Da die Marschallin sah , wie ihr Sohn bei diesen Worten litt , und ihn jetzt zu keiner Vertheidigung reizen wollte , fügte sie milder hinzu : » Ich will nichts wissen von den Einrichtungen , die Du vielleicht triffst , um Deinem weichlichen Gefühle zu Hülfe zu kommen . Ste . Roche ist ein Aufenthalt , der Dir allein gehört - Niemand Deiner Familie wird ihn je aufsuchen - die Revenuen erlauben Dir jede Freigebigkeit , und ist diese Person durch eine Art Scheidung , nach ihren Begriffen , von Deinem Namen und allen damit verbundenen Ansprüchen für immer getrennt , wird es Dir zustehen , sie in eine sorgenfreie Lage zu versetzen . Doch vergiß nicht , daß Dein Name durch keinen Andern sich fortpflanzen darf , als durch die Kinder , die Dir eine ebenbürtige , rechtmäßig kirchliche Verbindung giebt . « Wir müssen es mit Schmerz eingestehen , daß Leonin die Ausführung dieser Vorschläge möglich fand und sich damit erleichtert hielt , seinem unsicheren , willenlosen Umhertappen gegenüber . Die alten Vorurtheile warteten nur auf die ihnen bequeme Stimmung , um sich sogleich zu Beherrschern zu machen , und was noch unvollendet blieb , kam in die Hände des Beichtvaters , der nur zu bald mit dem Gewissen Leonins fertig ward und , einer Ketzerin gegenüber , keine bindende Verpflichtung zugestand . So vorbereitet , trat Leonin die Reise an , und mit diesem Hintergrunde finden wir ihn zu Fennimors Füßen , seinen Sohn im Arme ! Und dennoch war er kein Heuchler ! Dennoch hatte er keine Lüge gesagt , als Fennimor Alles hörte , was ihr Herz beglücken konnte . - Ja , um so weniger war er es , da dies vielleicht das eigentliche Leben war , wozu die Natur ihn bestimmt , und daher sogleich sein ganzes Wesen entgegen kommend fand , von allen Anklängen seines sanften , weichen Karakters unterstützt . Die natürliche Richtung der Menschen bricht sich immer von Zeit zu Zeit Bahn , wie das eitle Leben auch ihre Fähigkeiten entkräftet , da sie keinen Werth haben bei Erstrebung ehrgeiziger Zwecke , und es ist gewiß vor Allem diesen heiligsten Empfindungen , die Gott der Elternliebe verliehen hat , und die auch das starrste Herz mit einem warmen Strome nie gekannter Wonne durchdringen , vorbehalten , den natürlich besseren Zustand des Menschen hervor zu rufen . Dessen ungeachtet dürfen wir Leonin nicht mehr mit dem glücklichen Jünglinge verwechseln , der in Stirlings-Abtei diese edlere Seite des Lebens aufzufassen vermochte . Er taumelte dem neuen Gefühle wie ein Trunkener in die Arme ; aber die Verhärtung des Herzens , die so leise und heimlich von der eigenen Mutter bis zu ihm geleitet war , hielt das letzte große Mittel der Natur , ihn bis auf den Grund zu reinigen , in seinem Einflusse auf und ließ ihm eben keinen andern Eindruck nach , als den eines Trunkenen . Es blieb ein vorübergehender Zustand ; er dachte , sich ernüchternd , daran , ihm keinen Einfluß zu gestatten auf die ihm mitgegebenen Pläne seiner Mutter , und war nur bereit und mit wahrem Eifer erfüllt , dieselben so liebevoll und schonend auszuführen , als möglich . Fennimor ' s Einfluß auf ihn , das Einzige , was ihn hätte erschüttern können , war durch die Zurückgezogenheit gebrochen , in welcher die Pflege