Juda ist von jenem Glück des freien Daseins ausgeschlossen . - Ich gehe zurück nach dem Orient , nach Syrien , nach Jerusalem ! Theilen Sie diese Zeilen Ihrem Freunde Bardeloh mit . Der Maskenzug muß unterbleiben , wenigstens kann der angeordnete nicht Statt finden . Ich mag und kann nach dem Geschehenen keinen Theil daran nehmen . Die Kraft zu verschwenden an der lächelnden oder gähnenden Ohnmacht ist Thorheit . Hüten wir uns also vor den Folgen dieser Thorheit . In wenig Tagen verlasse ich Deutschland und Europa . Nur meine Tochter will ich noch bestatten , d.h. ich werde sie durch Specereien der Verwesung entreißen . Sie soll im Boden ihrer Väter ruhen . Ehe ich scheide , sehe ich Sie noch . Mardochai . « Nach diesem Geständnisse schweige ich , weil Niemand berechtigt ist , zu sprechen , wo der Geist Gottes selbst so sichtbar die fertigen Netze der Menschen zerreißt . Darum also häufte Bardeloh Masken und Larven in seiner Wohnung auf und wühlte sich allnächtlich ein in die blutigen Träume seiner wirren Gedanken ? Nun fasse ich auch seine Wuth bei meinem unvermutheten Eintritte in sein Kabinet , seinen Apparat von Dolchen und andern Waffen , seinen ganzen Kirchhofs- und Beinhauspomp ! Gottlob , daß der ungeheure Plan in sich selbst zerfiel , obwol ich glauben möchte , ein solcher Stoß würde nicht erfolglos unser wankendes Leben berührt haben . Fastnacht , in der Dämmerung . So eben ist Casimir ' s Leichnam in Bardeloh ' s Wohnung geschafft worden . Mir bangt vor dem Tage ; der Pöbel ist unruhig ; die Freuden der Fastnacht tragen noch mehr dazu bei und ich muß bekennen , daß ich nicht ohne bange Besorgniß dem Abende entgegensehe . Bardeloh hat Mardochai ' s Brief gelesen . Ich war zugegen , es malte sich ein furchtbarer Kampf auf Richard ' s Mienen . Lange Zeit sprach er kein Wort , er maß mit großen Schritten das Zimmer , sann , runzelte die Stirn , sprach dumpf vor sich hin und ließ zuweilen den niederschmetternden Hohn um seine feinen Lippen spielen , der diesem Mann das Aussehen eines idealen Dämon gibt . » Haben Sie den Brief aufmerksam gelesen ? « fragte er mich endlich . - Ich bejahte . » Nun was meinen Sie denn zu unserm Plane , denn nun Mardochai seine Humanität so weit getrieben hat , steht es mir wol auch frei , Ihre Ansicht darüber zu hören . « In wenig Worten sprach ich mich frei darüber aus und verhehlte gar nicht meinen Widerwillen gegen so verzweifelte Mittel . » Sie haben die Gespräche vergessen , « erwiederte Bardeloh , » die wir bei unserm ersten Begegnen auf dem Dampfboote führten . Wissen Sie nicht , daß ich damals sagte , ein halbjähriges Zwingen der europäischen Menschheit zum Tode oder zum Handeln sei die alleinige Rettung für sie ? « » Dies Alles weiß ich recht wohl , « versetzte ich , » doch bin ich auch noch heut der Meinung , daß ein solches Handeln wol vorübergehend eine That erzwingen , ihr aber nie jene heiligende Flamme einhauchen würde , ohne welche jede Unternehmung nur ein Schritt weiter zum Untergang ist . « » Und deshalb wollen Sie nach Amerika gehen ? « warf Bardeloh ein . » Aus Lebensmuth , nicht aus Todesfeigheit . « » Nun ja , der Eine nennt es so , der Andere so ! - Wann gedenken Sie Europa zu verlassen ? « » Sehr bald ; nur Mardochai ' s Abreise und Casimir ' s Bestattung will ich noch abwarten . - Begleiten Sie mich , nicht mir zu Gefallen , Ihrem Weibe , Ihrem Sohne zu Liebe ! « » Hm . Vielleicht ! « Bardeloh machte wieder ein paar Gänge durch ' s Zimmer , und ließ die Tapetenthür aufspringen . » Wie gefällt Ihnen jetzt mein Studirzimmer ? « In der Nische standen die Todtenköpfe wie immer , auf dem obersten lag eine vielfach versiegelte Rolle . Ich schwieg und beobachtete scharf Richard ' s Mienenspiel . » Mit diesen Boten des Hasses , « fuhr Bardeloh fort , auf die Rolle deutend » glaube ich heut mein Testament verkündigen zu können . Der Zufall hat es anders beschlossen . Sei ' s darum ! « Ruhig ließ er die Tapetenthür wieder in ' s Schloß fallen . Ein abermaliger Gang durch ' s Zimmer gab seinen Gedanken eine andere Richtung . » Sigismund , « sagte er und ergriff mit herzlichem Druck meine Hand , » da dieser Gedanke zur Bekehrung der Welt , an den ich doch mein ganzes Leben hingegeben habe , auf eine so verrückte Art und Weise vernichtet worden ist , so bitte ich Sie , thun Sie mir einen Gefallen . Wollen Sie ? « » Von Herzen gern . « » Genug ; nur keine langen Betheuerungen ! Uebermorgen wollen wir Casimir ' s Leiche bestatten . Ich traure um ihn so gut , wie um meine Nichte , Mardochai ' s Tochter . Ich könnte Ihnen noch mehr darüber sagen , aber wozu ? Es kann uns Beiden nicht weiter helfen . Aus dem Maskenzuge wird nichts , das ist so gut als entschieden . Die Bevölkerung aber verlangt einen Scherz . Sie mag ihn haben . Ich mache einen Anschlag am Gürzenich und lade , so viel deren Raum haben , auf heut Abend zu einem Souper in mein Haus . Es mag dieses Gastgebot zugleich Ihre , meine , unser aller Abschiedsmahl , das Abendmahl der Zeit sein , wenn Sie wollen . Aber ich bedinge mir aus , daß Jedermann schwarz gekleidet erscheine ! Wir feiern auch ein Todtenfest . Gehen Sie zu Mardochai ? « Ich verneinte es . » Es ist auch besser , « fuhr Mardochai fort , » ich werde ihm ein paar Zeilen schreiben und ihn ebenfalls nochmals zu mir einladen . Casimir ' s Leiche soll im Hausflur auf den Katafalk gestellt werden . Die Besorgung dieser Angelegenheit übertrage ich Ihnen , wie die Anordnung des etwaigen Schmuckes , wie er diesem sonderbaren Geiste ziemen mag . Sprechen Sie meiner Frau Trost zu , ich gehe ganz sicher aus Europa , auch Felix ! Rosalie wird dann nicht zurückbleiben . - Um Mardochai ' s Brief bitte ich noch einige Zeit . « - Mit einer Art religiöser Freudigkeit verließ ich Bardeloh . Ich würdigte im Stillen Casimir ' s That und Tod , und eilte auf Rosaliens Zimmer , um ihr sogleich den tröstlichen Entschluß ihres Gatten mitzutheilen . Ruhig hörte mich das duldende , schöne Weib an und schien einiges Mistrauen in meine Worte zu setzen . Auch meine wiederholten Betheuerungen nahm sie ganz in gleicher Weise auf . » Sie meinen es gut und ehrlich , « erwiederte sie , » darum kränkt Sie mein Zweifel . Allein nicht in Ihr Wort , nur in Richard ' s Willen setze ich Argwohn . Thun Sie indeß , was Sie für Recht halten , auch ich will durch Zaudern der Möglichkeit einer glücklichen Vollendung des gefaßten Entschlusses nicht vorbeugen . Schicken Sie mir Felix , das arme Kind wird sehr glücklich sein . « Diese Muthlosigkeit des Gemüthes lähmte meine Kräfte . Wenn Frauen aufhören zu hoffen , dann müssen sie das Zittern des Bodens , das dem Erdbeben vorangeht , unter ihren Füßen bereits fühlen . 19. An Ferdinand und Raimund . Einige Tage später , am Bord der amerikanischen Brigg : die Hoffnung . Ein grauer Nebel schwimmt auf dem Meere , die Luft ist still , eintönig schlagen die Wogen gegen den Kiel des Schiffes . So habe ich Zeit , ein letztes Wort Euch zuzurufen , wie ich versprach . Ich thue es , obwol noch immer schmerzlich bewegt , doch mit weit leichterem Herzen , denn eine Versöhnung hat das ausgleichende Schicksal eintreten lassen , wie ich sie nimmer geahnt hätte . Glaubt aber nicht , es bestehe dieselbe in einer glücklichen Ruhe ! Die Ruhe wird erst jetzt langsam aus dem Toben der Leidenschaften sich erheben . Ich will mir nicht vorgreifen , um Euch und mich selbst zu schonen , und , wie ich es bisher gethan habe , als möglichst unparteiischer Berichterstatter den Ereignissen einen Weg zu Euren Herzen bahnen . Mein letztes Schreiben erzählte Euch die unerwartet eingetretene Katastrophe , der Casimir und und Sara erlagen . Ich fürchtete sogleich irgend eine Gewaltsamkeit , da Mardochai ' s briefliche Mittheilung an mich den Machinationen ein Ziel setzte , die eben sowol seinen als Bardeloh ' s Geist bewegt hatten . Es war der Klugheit gemäß , irgend etwas geschehen zu lassen , und Richard ergriff auch sogleich geeignete Maßregeln . Sein Plan war durch des Juden Weigerung , daran Theil zu nehmen , völlig zerstört , und wenn mich darüber Freude bewegte , so werdet Ihr mir nicht zürnen können . Der starre , nur dem Wink der Consequenz und seinem ungeheuren Zwecke lebende Jude hatte freiwillig sich jedes ferneren Eingreifens in das Richteramt der Geschichte begeben . Diese Demuth des Stolzes ward mir werthvoll , und konnte ich früher einen argen Abscheu selbst gegen die Person Mardochai ' s nicht völlig besiegen ; so sprach jetzt unverhohlen die Milde menschlichen Erbarmens , christlicher Liebe für den reuigen , wenn auch großen Frevler . Ich hielt mit einiger Zuversicht fest an dem Glauben , auch Bardeloh werde in sich gehen , und jetzt , nach so vielen gewaltsamen Auftritten , die mehr oder minder theils als Producte ungestümen Strebens , theils als Ergebnisse trauriger Lebenswirrnisse betrachtet werden müssen , endlich zu der Einsicht kommen , daß dem Einzelnen auch bei der überwiegendsten geistigen Kraft doch nie ein volles Recht zustehe , zu richten , wenn die Gesammtheit ihre Einstimmung noch nicht dazu gebe . In dieser Hoffnung , die noch an Werth gewann durch verborgene Befürchtungen , sah ich ruhig den Vorbereitungen zu , die zum Empfang der Fastnachtsgäste getroffen wurden . Das Briefchen , welches mir der ehrliche Klapperbein am Abend der erschütternden That einhändigte , war von Auguste , die eine alte Sehnsucht der Kindheit zum Carneval zurück in ihre Vaterstadt trieb . Auch Oskar und Lucie meldeten ihre Ankunft und baten vorläufig um bereitwillige Aufnahme . Sie kamen frühzeitig am Tage der Volksbelustigung an , noch gänzlich unbekannt mit dem Vorgefallenen . Daß ein kalter Schrecken sich Aller bei der Benachrichtigung desselben bemächtigte , werdet Ihr natürlich finden . Lucie indeß , in ihrer raschen Beweglichkeit , wußte doch sehr bald den Eindruck wieder von sich abzuschütteln und betrachtete mit der ihrem Naturell eigenen Neugier die schwarzen Tapeten , womit Bardeloh die Hausflur ausschlagen ließ . Da es nun einmal hieß , es werde ein Fastnachtsmahl angeordnet , so hoffte Jeder auf Zerstreuung und ausgelassene Lustbarkeiten . Auguste blieb jedoch ängstlich . Eine bange Unruhe ließ sie fast krankhaft erscheinen , und ich ward besorgt für die schon mannigfach Aufgeregte . Rosalien ' s mütterliche Milde allein konnte sie beruhigen und glückliche Bilder dem schwarzen Maskengrauen unterschieben , das so bang und kalt durch die glänzenden Räume des ganzen Palastes wankte . Der Anschlag Bardeloh ' s war von sehr erfreulicher Wirkung . Ungeachtet die Klugheit es befahl , die Art und Weise von Casimir ' s Tode geheim zu halten , hatte doch die heimliche Verrätherei des Gerüchtes ungewisse , aufreizende Worte unter die Bevölkerung verstreut . Die Masse liebt es , dem Unverbürgten zuzufallen , schon weil ein dunkles Gefühl unzulänglicher Lebensbefriedigung sie gern die Gelegenheit ergreifen läßt , sich auf Augenblicke zu erobern , was sie für gewöhnlich und dauernd entbehren muß . So lief denn auch frühzeitig genug die Sage von einem Morde um , der in der Wohnung eines Juden verübt worden sein sollte , und als eine Unterbrechung oder wenigstens Abänderung in den Festlichkeiten angekündigt ward , reihte man Mögliches und Unmögliches rasch zusammen und construirte sich ein wundersames Bild , in denen die Hauptfarben genug des Grellen und Blutigen an sich trugen . Sobald indeß nur der Scherz auf den Straßen in alter Weise begann , vergaß man ungezwungen die Geheimnisse des häuslichen Unglückes und begnügte sich mit Späßen , wie der Augenblick sie erfand . Diese Improvisationen waren übrigens gar nicht zu verachten , und gaben von Neuem einen Beweis , wie die Natur immer die glücklichste Schöpferin bleibt , wenn sie ungestört sich frei bewegen darf . Ohne eigentliche Anleitung bildete sich ein höchst ergötzlicher Maskenzug , der , wie gewöhnlich , zuletzt noch Besitz nahm vom Gürzenich . Nur kürzere Zeit währte der Scherz , der freilich zuweilen die Derbheit etwas in zu großer Ungenirtheit an den Nächsten verhandelte . Ein eigenes Interesse nahmen die große Menge der Pietisten , an Bardeloh ' s Einladung . Mit sicherm Takt hatte mein Gastfreund die Eitelkeit unter der demüthigen Kopfbinde bei diesen Menschen herausgefühlt , und deshalb eine ganz specielle Aufforderung , sein Fest zu besuchen , an sie ergehen lassen . Daß er dabei schwarze Kleidung sich ausbedang , erhob ihn noch mehr in ihren Augen ; denn sie vermeinten darin gewissermaßen den Widerschein der Reue zu erblicken , die bereits im Herzen des stolzen Mannes sowol über sein früheres Leben , als über den Schwank des gegenwärtigen Tages sich zu äußern beginne . Der Abend war herangekommen und in besonnener Eile jedes Nöthige besorgt worden . Bardeloh ließ noch eine besondere Einladung an Mardochai ergehen , Theil zu nehmen an dem Feste . Er schrieb ihm ein kurzes Billet , das er mir zeigte , bevor er es abschickte . Die Worte lauteten : » Da Sie der Zufall genöthigt hat , zum ersten Male der Allgemeinheit nicht Wort zu halten , hoffe ich , daß Sie mindestens den Freund , den Einzelnen , nicht versäumen werden . Das Fest der Sühne wird gestört , da Sie nicht Theil daran nehmen mögen . Halten Sie also vereint mit mir das Trauermahl und vergessen Sie nicht , durch den Ueberbringer dieser Zeilen mir die Maske zurückzuschicken , die Sie eigentlich heut zieren sollte ! « Mardochai sagte bereitwillig zu , indem er zugleich meldete , daß die Einbalsamirung seiner Tochter geschehen und überhaupt sein ganzes Hauswesen bestellt sei . In einem Packet überreichte der Diener meinem Gastfreunde die verlangte Maske . Ueber Bardeloh ' s Gesicht flog ein Zucken , das wie die Freude wilder Dämonen seine männlich schönen Züge nur auf Sekunden verunstaltete . Ich erschrack , ohne das Warum zu begreifen ; ich hatte keine Ahnung von dem Inhalt des Packets . Unterdeß war der Salon geordnet , die Divane mit schwarzem Stoff überzogen , statt der bunten Teppiche schwarzwollene aufgerollt worden . Bardeloh selbst , so wie alle Hausgenossen und Dienstboten hatten tiefschwarze Kleidung angelegt . Der Lärm am Heerde contrastirte grell genug mit diesen Todesschauern . In der Hausflur war der Katafalk errichtet . Hohe Kandelaber standen um den Sarg , aus dessen schwarzer Tiefe das bleiche Gesicht des todten Casimir , ähnlich einer Wachsmaske , hervorsah . Einen Lorbeerkranz im spärlichen Haar , eine Lyra in der Linken , verbarg die Rechte einen Dolch . Um den Sarg schritten ernste Wächter , um jeden Neugierigen in die Schranke der Sitte zurückzuweisen . Die anberaumte Stunde erschien , und mit ihr die zahlreich geladene Gesellschaft , der sich anschließen konnte , wer Lust hatte , sobald er sich nur schwarz gekleidet zeigte . Schon die ersten Ankömmlinge stutzten beim Anblick des Katafalks mit Sarg und Leiche . Es erfolgte indeß , was ich erwartet hatte . Jeder hielt diese Anordnung für einen pikanten Scherz des Hausherrn und sah in dem wirklichen Leichname nur eine meisterhafte Maske . Da nur Wenigen Casimir persönlich bekannt war , ließ die Täuschung sich um so leichter bewerkstelligen , und zeigte auch dann und wann ein allzu Neugieriger Lust , den Sarg einer genaueren Besichtigung zu unterwerfen , so wiesen den Zudringlichen die Wächter noch zu rechter Zeit in die Schranken der Mäßigung zurück . Es unterblieb daher jede Störung , so arg der Zudrang war . Eine Menge müßigen Gesindels fand sich ebenfalls ein , über die Kleidung der Dürftigkeit den pomphaften Staat der Trauer geworfen , nicht selten verschossen oder gar Lumpen ähnlicher als Kleidern . Die kecke Zudringlichkeit dieser Menschenklasse wußte Bardeloh auf das glücklichste zu stillen . Es fehlte weder an Speise , noch Trank , und die beliebten Spirituosen wurden reichlich , doch mit Vorsicht , umhergereicht . Das ganze Erdgeschoß war für die Belustigung der lauten Volksmenge vorgerichtet , und es währte auch nicht lange , so war der Scherz im vollen Gange und Niemand dachte sehr an das störend ernste Gerüst auf der Flur . Bardeloh sah , in feinstes Schwarz gekleidet , diesem Staunen , verblüfftem Lächeln , der unablässigen Mischung von geahntem Schreck und gewünschter Freude , im Hintergrunde zu , wo er die feinere Gesellschaft begrüßte , die alsdann nach den oberen Gemächern sich verfügte , wo die sinnende Rosalie sie freundlich , wenn auch befangen , empfing . Schon hatten sich Gleichmuth und Steinhuder mit dem ganzen langen Schweif seiner Anhänger eingefunden , denen er hier gleichsam zum Führer diente . Er war demüthig-höflich , kriechend heiter , und wußte sogar seinen Zorn beim Anblick Lucien ' s und Oskar ' s zu unterdrücken . - Von den Geladenen ward nur Mardochai noch immer vergeblich erwartet , Bardeloh zeigte einige Unruhe , traf aber zugleich Anstalt , die Tafeln ordnen zu lassen . In einem Vorzimmer sammelte sich das Orchester . Gleichmuth suchte mich allein zu sprechen , wir traten zusammen in die psychologische Warte . » Sigismund , « sprach der schwer Geprüfte , » was ist dies für ein Fest ? Wissen Sie , was Bardeloh beabsichtigt ? Oder sollte ich mich irren in dem Argwohne , der das Leben mit seinen täuschenden Scheinfreuden mir zurückgelassen hat ? Unten der Katafalk , die Leiche , von der man nicht weiß , ob sie Maske oder Wirklichkeit ist , und hier die wandernde Leichenbittergesellschaft , die umher schleicht , als gälte es die Grablegung der Menschheit ! Geben Sie mir Aufklärung ! « » Es gilt , zu versühnen , « erwiederte ich . » Sie ahnten das Rechte in Bardeloh , aber die Vorsehung ist mächtiger gewesen , als die leidenschaftliche Aufregung geistig großer Menschen . Im Sarge liegt Casimir ' s Leiche ! « - Gleichmuth mußte sich an das Getäfel lehnen , um Kraft zu sammeln . Bardeloh trat mit seinem Sohne Felix in die Versammlung . Ich setzte den Pastor mit kurzen Worten von dem Vorgefallenen in Kenntniß . Mein Gastfreund begrüßte mit bitterm Lächeln seine zahlreichen Gäste . » Ich bedauere , « sprach er mit der Ruhe eines umsichtigen Diplomaten , der seinen Zweck um jeden Preis erreichen will , » ich bedauere , daß ich das Vertrauen , welches man mir zu schenken so wohlwollend war , auf eine so wenig genügende Art und Weise rechtfertige . Ein trauriger Vorfall hat die Freude meines Hauses gestört , eine geliebte Nichte von mir ist auf eine höchst betrübende Weise aus dem Leben geschieden . Mein Herz fühlte sich zu tief verwundet , um in dieser Stimmung mit Glück die Leitung eines heitern Festes übernehmen zu können . Doch mußte ich auf irgend eine passende Weise der einmal übernommenen Verpflichtung nachzukommen suchen , und dies bezweckte ich , indem ich Sie , meine Verehrten , zu mir lud . Ueberlassen Sie sich jetzt der Heiterkeit , ich selbst will dazu beitragen . Wohlan , es beginne die Lust ! « Richard klatschte in die Hände , die Flügelthüren sprangen auf und ein Bacchuszug schwärmte jauchzend herein und durch den Saal . Der Scherz und Humor würde vollständig gewesen sein , hätte nicht die durchaus schwarze Tracht auch dieser Darsteller dem überreizt Lustigen einen Anstrich finstern Ernstes verliehen . Anstatt wahrhaft zu erheitern , wirkte dieser Jubelchor mit umflorten Thyrsusstäben fast dämonisch . Man ahnte ein Grauen hinter der Tollheit der Lust , das drückend auf die Versammelten niederfiel . Dazu noch das überlaute Getümmel der Menge im Erdgeschoß , die nur den Augenblick des reichsten Genusses fest hielt und jeder Laune frei den Zügel schießen ließ . Noch hatte der Zug den Saal nicht wieder verlassen , als ein durchdringender Aufschrei unzähliger Stimmen etwas Außerordentliches verkündigte . Eben so schnell trat eine lautlose Stille ein , nur dumpf unterbrochen von dem fernen Gemurmel der neugierig gaffenden Menge . Ein paar Diener traten bestürzt ein , und raunten Bardeloh einige Worte zu . Dieser verließ den Saal , ich folgte . Auguste hatte sich an meinen Arm festgeklammert . Alles drängte nach , ernste und lustige Gesichter , da Viele die lächerlichsten Masken trugen . Von unten her wuchs der Lärm . Die Luft schien zu brausen , wie vor dem Ausbruch eines zerstörenden Orkanes . Zugleich mit Bardeloh erreichte ich die Hausflur . Ein Anblick , der noch jetzt in der Rückerinnerung mich tief ergreift , machte uns Alle stutzen . Nahe am Sarge Casimir ' s stand die ehrwürdige Gestalt des neunzigjährigen Castelan ' s. Seine Linke auf die Brust des Todten gelegt , mit der Rechten den Krückenstab gegen die gierige Menge , halb drohend , halb besänftigend erhebend , sah er mit der Ruhe eines Mannes umher , den kein noch so trübes Ereigniß den fest gewurzelten Glauben an Gott und die ewige Gerechtigkeit hat entwenden können . » Casimir ich vergebe Dir ! « sprach jetzt laut und vernehmlich der Greis , » und Euch Allen , die Ihr hier gaffend und zürnend mich umgebt , sage ich als der Aelteste , es gibt kein Verbrechen auf Erden , das sich nicht selbst strafte ! Dieser Todte , dessen Hülle im Prunk des Sarges noch höhnt , war ein großer Mensch und ein großer Sünder . Er plünderte das Heiligthum aus reinem Uebermuth , aus Lust und Freude am Seltsamen , und dafür hat das sanfte Auge Gottes seine Seele geplündert und ihr den Frieden entwendet , von dem jeder wahre Mensch einen kleinen Theil in sich tragen muß , soll er glücklich werden . Ruhe aber und Vergebung dem Todten ! Es lebt ein Gott , es sitzt zu Gericht sein heiliger Geist ! « - » So ist es ! « sagte eine feste , männliche Stimme , und die hohe Gestalt Mardochai ' s schritt , im schwarzen , faltigen Talar , ernst , bleich , mit geisterhafter Ruhe durch die dicht geschaarte Menge der Zuschauer . Er trat neben den Greis . » Kennst Du mich , Castelan ? « fragte er den zitternden Alten . » Das Werkzeug starb , der Werkmeister lebt noch . Ich befahl dem da die Sünde , weil ich wußte , sie würde ihn reizen in der Monstrosität seines Geistes . Und dieser Mensch nahm Rache an mir , weil der Herr der Welt es zuließ . Friede seiner Asche , Ruhe seiner Seele ! Mir wird sie vielleicht zu Theil werden an der Schwelle des heiligen Grabes . « - » Der Jude , der furchtbare Jude ! « lispelte der Greis . Burton , der auch dazu gekommen war , stützte den Wankenden , an dem Mardochai vorüber auf Bardeloh zuschritt . » Sie wünschten meine Gegenwart . Hier bin ich , « sprach er zu seinem Geistesgenossen . Bardeloh reichte ihm die Hand , sein Gesicht zuckte fieberhaft zusammen . Sie schritten die Treppe hinauf . Langsam folgte der Greis und Gleichmuth . Bis dahin hatte Staunen und eine Art Scheu die erregte Menge ruhig gehalten , jetzt aber faßten die Einzelnen und Argwöhnischsten Worte und halbe Sätze zusammen , und bildeten daraus ein trübes Bild , dessen dunkle Fratze sie erstarrte und zur Wuth hinriß . Man drängte mit Gewalt die Wächter zurück vom Sarge , um den Leichnam zu sehen . Einige erkannten den Todten ; denn Casimir hatte es wol zuweilen geliebt , in die niedrigsten Winkel des geselligen Verkehrs herabzusteigen , um , wie er sich auszudrücken pflegte , » die Genialität der Zoten « zu studiren . Halb rasend fielen die einmal Erhitzten über die Leiche her . Sie entdeckten den Dolch und glaubten , man habe ihn damit ermordet . Sogleich rissen ihm ein paar die Oberkleider ab . Man sah die eingeschlagene Brust , fühlte die zerbrochenen Rippen . Geschrei , Getümmel , erfüllte die Hausflur . » Der Jude hat ihn ermordet - Casimir wollte sich rächen - Mardochai ist ein Mörder ! - Nieder , nieder mit ihm ! « - So tobte Alles wüst durcheinander . Im Gedränge ward der Katafalk verrückt , die Kandelaber wurden umgestürzt . Dunkel lodernd brannten sie trüb fort unter der finstern Bahre . - Die Leiche ward von den Neugierigen fast zerrissen , die Lichter ergriffen die Bahrtücher , durch Rauch und Qualm starrten die Gesichter der Erbitterten . Man wollte in die obern Gemächer - da erschienen Bardeloh und Burton . Beiden gelang es , die Tobenden zu besänftigen , indem sie klar und ruhig die Thorheit der Annahme darthaten . Die rohe Menge zog sich murrend zurück , und entfernte sich auf Bardeloh ' s Befehl , grollend im Herzen , und die Kleidung des todten Dichters fast in kleine Fetzen zerreißend . Der Tumult ward gestillt und beruhigt traten wir wieder in die Versammlung . Jetzt erst ward Bardeloh in einem gewissen Sinn lebhaft . Er klopfte mir vertraulich auf die Achsel , indem er sprach : » Nun ist ' s gut . Die Zeit der That ist gekommen . « - Die Menge der Gäste verhinderte mich , länger mit Richard zu sprechen . Es drängten sich so viele an den unergründlichen Mann , daß immer Einer dem Andern weichen mußte , um nicht nach unserer Ausdrucksweise unhöflich zu erscheinen . Während nun die schwarz gallonirten Diener die Tafel bereiteten , benutzte ich die Gunst des Augenblickes und plauderte mit Auguste . Lucie und Oskar hatten sich ebenfalls in eine Fensternische zurückgezogen und überließen sich harmlosen Scherzen und verliebten Neckereien , wie sie dem Naturell des ungewöhnlich lebhaften Mädchens zusagten . Zu mir und Auguste gesellte sich bald wieder Felix , der in seiner schwarzen Sammetkleidung ganz allerliebst unter der burlesken Ernsthaftigkeit so vieler Erwachsenen herumlief . » Tante , « sprach er , » heut soll ich eigentlich gefirmelt werden , wenn der Vater sein Wort hält , ich weiß aber immer noch nicht , wie er es anstellen will . Denn das sieht mir curios aus und gar nicht besonders heilig . Willst Du Dich nicht mit firmeln lassen , Tante ? So allein mag es mir gar nicht recht gefallen . « » Laß das gut sein , liebes Kind , « erwiederte Auguste . » Der Vater spricht oft Worte , die wir nicht verstehen , und da wird es mit Deiner Firmelung wol auch nicht anders gemeint sein . « » Vielleicht ist es grade so , wie mit dem Civilisationsgift , das der Vater ordentlich recht im Leibe hat . « » Das hat er , « sprach nahe bei uns Bardeloh ' s starke Stimme , » ich sage Dir aber , Kind , heut Abend noch wird es ihn verlassen . « Hierauf wandte er sich mit seiner gewöhnlichen graziösen Leichtigkeit zu Auguste , und reichte ihr den Arm . » Kommen Sie , liebe Schwägerin ; die Tafel ist bereit , für Toaste gesorgt . Sigismund , meine Frau wartet auf Sie . « Die übrigen Versammelten folgten unserm Beispiele und ordneten sich um die lange Tafel , die fast in Form eines Kreuzes sich durch den weiten Saal hinzog . Am obersten Ende war für Mardochai ein Sitz bereitet . Ihm zur Rechten saß Steinhuder , zur Linken Gleichmuth . Grade gegenüber am untersten Theile nahm Bardeloh selbst Platz zwischen Auguste und Felix . Ich saß mit Rosalie in der Mitte des Saales , uns gegenüber der greise Castelan . Neben ihm Lucie , der lustige Ephraim , Oskar und Burton . Auf beiden Seiten gemischt die recht- , irr- und ungläubige übrige Gesellschaft . Von den Bekannten vermißte ich nur Friedrichen und den Mönch . Ich fragte Rosalien , weshalb diese beiden nicht Theil nähmen an dem Mahle , da sie doch in der letztern Zeit meistentheils eine anständige Ruhe zur Schau getragen hätten . » Richard hat über sie verfügt , « antwortete sie achselzuckend . Bangigkeit lag in ihrem Auge , aber auch die Zuversicht eines gewissen , wenn auch noch fernen Glückes . Es herrschte Anfangs eine etwas peinliche Einsylbigkeit . Nur einzelne sprachen , doch meist leise mit ihren nächsten Nachbarn . Unter die Lautesten gehörte Klapperbein , der sehr bald seine gewöhnlichen Spaßhaftigkeit ein paar übermüthige Sprünge machen ließ und dadurch herzliches Gelächter erregte . Heut ist Fastnacht , das heißt , es fehlt nur noch ein Linschen , so ist ' s ganz Nacht . Man sieht ' s aber nicht , weil ' s zu hell ist , und eben darum wollen wir lustig sein und trinken . Alle tausende fällt mir da ein Lied ein , just ein Studentenlied . Es thut jedoch nichts , auch ein alter Kerl mit einem ganzen Herzen darf ' s immer noch mit singen . Heda , eingestimmt ! Jung und Alt , Gottlos und Fromm . Es ist Fastnacht , wo Jeder sagen darf , was er will . Wohlan denn , Gläselein klinget : » Stoßt an , Mann für Mann , Wer den Flammberg schwingen kann etc. « Und nun sang der alte , rüstige Bruder Lustig mit so munterer Kehle , als sei er noch keine zwanzig Jahre alt . Es stimmten Viele mit ein , wenn es auch nicht Jedem von Herzen ging . Indeß bewirkte dieser frische