antwortete Lamprecht , » nur kommt es darauf an , wie wir dieses höchst wichtige Versprechen erklären , damit es nicht selbst der Sünder zu seiner Rechtfertigung brauche ; denn das Böse in uns ist gar listig , und versteht es , sich mit Redekünsten und hell schimmernden Trügnissen zu waffnen . Sie mögen , werter Freund , am Ende nicht unseres Bündnisses bedürfen ; aber ich , der Schwache , Hinfällige , würde ohne dasselbe alles Trostes , aller Stütze beraubt . Ach ! lieber Mann , Sie nannten , als Sie uns von Ihren Reisen erzählten , auch Tirol , mein vielgeliebtes Vaterland . Nach jenen schönen Bergen sieht das Auge meines Geistes immerdar zurück , und selbst Religion und Schrift können mir in manchen Stunden keinen Trost darüber geben , daß ich diesen unersetzlichen Verlust habe erleiden müssen . Ich begreife die Menschen nicht , deren es doch so viele gibt , die freiwillig ihr Vaterland verlassen , und nachher in der Fremde nichts vermissen . Oh , wenn ich nur wenigstens einmal als durchwandernder Gast dahin wieder kommen , mit Tränen und nassen Augen nur einmal meinen Abschied nehmen und es anblicken dürfte ! « » Wie kommt es denn « , sagte Leonhard - » Ich habe Vertrauen zu Ihnen « , fuhr jener fort , » und so mögen Sie denn erfahren , was ich sonst immer verschweige ; denn ich weiß , daß Sie mein Geheimnis nicht verraten werden , da wenn es bekannt wird , ich noch jetzt vielen Verdruß , ja wohl Unglück dadurch erleiden würde . Ja freilich drückt mich ein Verbrechen , oder nennen wir es , wenn wir milde sein wollen , Leichtsinn , aber einen bösartigen der übermütigen Jugend . In einer der schönsten Gebirgsgegenden von Tirol bin ich geboren und erzogen , natürlich in der katholischen Religion . Meine Eltern waren in jener Stadt reich zu nennen und starben früh , so kam ich als Mündel zu einem sehr redlichen Vetter , der meine Erziehung und die Verwaltung meines Vermögens übernahm . Ich konnte dort recht glücklich sein , im Besitz meiner Acker und Weinberge , in den Wäldern , auf der Höhe der Berge jagend , mich der Natur erfreuend , von Verwandten und vielen Menschen geliebt und geachtet . Und warum erfüllte sich diese Hoffnung nicht ? Weil ein Zwerg in demselben Städtchen lebte , eine sonderbare Kreatur , die um zweier Sachen wegen merkwürdig war . Das erste war seine Riesenstärke . Darum half er Weinschrötern und Weinhändlern , und war bei diesen Leuten sehr gern gesehen , die ihn für die Hülfe , die er leistete , gern beköstigten und kleideten , denn mit Geld wußte er nichts anzufangen , so blödsinnig wie er war . Es war zum Erstaunen , und man traute seinen eigenen Augen nicht , wenn man dabeistand , wie der ganz kleine Knirps , der nicht höher als vier Fuß war , ein ziemlich großes Faß voll Wein , was zwei Männer mit Mühe und Kunst aus dem Keller und auf den Wagen schroten mußten , so mir nichts dir nichts auf seine Schultern nahm , damit die Treppe hinaufstieg , es auf den Wagen legte , oder , wenn es sein mußte , es über die Straße nach einem andern Hause hintrug . Deswegen nannte man das Kerlchen auch nur den kleinen Simson . Sonderbar aber , daß er diesen Namen , der doch ein Lob war , durchaus nicht leiden konnte , und hiebei , sowie bei vielen andern Dingen , zeigte sich die zweite Merkwürdigkeit des kleinen Wesens , nämlich eine außerordentliche Bosheit und Schadenfreude . Darum ging ihm auch jeder gern aus dem Wege , und ein alter Priester in unserer Stadt war der Meinung , ein böser Geist regiere und hantiere in dem kleinen Unhold . Rief ihm nun ein Bursche nach : Simson ! oder ein anderes Wort , das er nicht leiden konnte , so stellte er sich ganz ruhig hin , als wie im Traum , oder in Dummheit , kehrte sich dann , schnell wie der Blitz , um , griff den Bengel und zerarbeitete ihn mit seinen Riesenkräften ganz unbarmherzig . Übrigens schien der Verwahrlosete fast gar nichts zu begreifen ; es war auch , als wenn er nicht sprechen könne , denn er redete nur sehr selten , und wenn es geschah , immer nur wenige Worte , die oft gar keinen Zusammenhang miteinander hatten . Seine Stimme war von einer Art , daß ich sie nicht beschreiben kann : so widerlich durch die Nase , so geklemmt und fein gurgelnd , so schnarzend , oder , wie soll ich es nennen ? daß es wirklich keine Freude war , ihm zuzuhören , wenn er einmal zu reden anfing . Da der böse Zwerg schon einigemal junge Leute beschädigt und ihnen recht schlimme Verletzungen beigebracht hatte , so war es natürlich , daß die Jugend des Ortes fast ohne Abrede , ein Bündnis gegen den kleinen Simson geschlossen hatte , und ihm so viele Possen spielte , als sie nur ersinnen konnte . Wie nun aber in dem Zwerge überhaupt keine Vernunft war , so hatte er sich auch ein ganz unsinniges Spielwerk ausgedacht . Er schlief fast gar nicht ; sobald Mondschein eintrat , war er noch mehr alert und auf den Beinen . Dann schleppte er alte Fässer auf die Höhe des Berges hinauf , trug Wasser hin und scheuerte und hantierte die ganze Nacht , daß ihm der Schweiß vom Gesichte triefte , und er müde und ermattet dann zurückhumpelte , worauf er in einen festen Schlaf fiel . Es kann wohl sein , daß sein Körper dieser Anstrengung bedurfte , denn nachher war er besonders vergnügt . So trieb er es fast immer , solange der Mond schien , und die Eigentümer ließen ihn auch in seiner Dummheit gewähren , weil er ihnen die Tonnen immer wiederbrachte . - Einstmals kam ich von einer Kirmes mit einem Schwarm junger Leute ; wir alle waren fröhlich und ausgelassen . Da treffen wir in der Nacht den kleinen Simson bei seinen Fässern . Sogleich geht das Necken los , das Schimpfen und Lachen ; aber er ergreift den einen von uns , und schlägt ihn mit solcher Wut zu Boden , daß dieser sofort die Besinnung verliert , und für tot daliegt . Der Zwerg wird auch wacker durchgedroschen , wehrt sich aber wie ein Held und wir alle hatten lange Zeit Flecken aufzuweisen , die wir uns in dieser Schlacht geholt hatten . Der arme Kaspar aber wurde niemals wieder ein gesunder Mensch , und blieb zu aller Arbeit untüchtig . So wurde denn der Zwerg vor Gericht angeklagt , und weil der Kaspar wirklich ein verkrüppelter Mensch geworden , so tat man den wütigen Zwerg zur Strafe in ein Narrenhaus . Wie es aber so geht , am Ende hatte sich der Kleine doch nur seiner Haut gewehrt ; Spaß und Schlag lassen sich nicht auf der Goldwaage wiegen . Ein mitleidiger Arzt bewies , daß der Unkluge bei dieser Einsperrung seine Gesundheit zusetze , und daß er auch friedfertig sein würde , wenn ihn die bösen Buben in Ruhe ließen , was nicht zu leugnen war . Man ließ den Simson wieder frei , und uns jungen Menschen wurde von Obrigkeits wegen bedeutet , den Armen , der wegen seiner Statur und des Mangels der Vernunft schon unglücklich genug sei , nicht ferner zu molestieren , und ihn nicht in Wut zu setzen . Alles vernünftig ; nur meinten wir jungen Leute in unserm Dünkel , uns sei ein himmelschreiendes Unrecht geschehen , besonders weil unser Kamerad sein trauriges Leben in Abzehrung hinschmachtete . Indessen fügten wir uns , und hielten uns still , um nicht Verdruß zu haben . Wir gingen der boshaften Kröte aus dem Wege , der , als ob er es gewußt , daß wir eine Nase gekriegt hätten , immer laut und höhnisch hinter uns drein lachte . Nach Verlauf mehrerer Monate gab es ein Hochzeitsfest , dem viele von uns beiwohnten ; andere hatten den Gemsen aufgelauert . Wir alle nun heiter , von der Hochzeitfeier und vom Wein ermuntert , an nichts weniger als den dummen Simson denkend , ziehen Alpenlieder singend über das Gebirge ; zum Unglück aber führt uns der Weg wieder vor seinem Tonnenmagazin da oben vorbei . Diesmal ist er es , der zuerst angreift ; er stürzt sich unter uns , und schlägt einen der Hochzeiter nieder , der sich eben drüben im Dorf nach dem Tanz verliebt und verlobt hatte . Der arme Junge liegt zu Boden , schreit , und wir merken , daß ihm zwei Rippen zerbrochen sind . Nun alles her über den Übeltäter , und sie sind nicht übel willens , ihn gar totzuschlagen . Da , möcht ich sagen , springt der böse Geist , der den Zwerg immer beherrscht hat , in mich hinein , und ich rufe : Haltet euch zurück , Freunde , tut ihm nichts ! Laßt uns das Ungeziefer in die große Tonne hier sperren , den Boden wieder verspunden , und das Teufelsgezücht so den hohen Berg in den Abgrund hinunterrollen und laufen lassen . Gesagt , getan . Mit lautem Lachen wirft sich der ganze Schwarm auf den Zwerg ; sein Sträuben nutzt ihm nicht , seine Kraft ist ohnmächtig , denn es sind zu viele , die sich seiner bemächtigen . Man tut den Armen in das Faß und läßt dies den Berg abwärts rollen , den Abhang hinunter , der ziemlich steil und gewiß eine Stunde Weges sich erstreckte . Sonderbar ! bei meinen Rat , den ich gab , war ich ganz heiter , mein Gewissen war stumm und meldete sich nicht . Nun erschrak ich vor mir selber und dem Unheil , das ich angerichtet hatte . Wir besorgten erst den Beschädigten , und als dieser unter Dach und Fach war , eröffnete ich meinen Kameraden , daß ich entschlossen sei , auszutreten , denn wir hätten etwas Heilloses begangen und würden in schwere Verantwortung fallen . Sie lachten erst und wollten mir nicht glauben , dann wurden sie still und ratschlagten ; einige gingen hinunter und wollte sehen , was aus dem in der Tonne geworden sei . Ich ging noch diese Nacht in ein anderes Tal , und von dort lief ich in eine mir ganz fremde Gegend . Hier eröffnete ich mich einem Priester , der mich aber nicht lossprechen wollte , indem er sagte , der Fall sei zu wichtig , und er müsse die Sünde erst dem Bischof melden . Das verdroß mich denn auch . So lief ich immer weiter und kam endlich in protestantische Länder . Mein Vormund und alle meine Verwandten handelten sehr brav an mir ; man schaffte heimlich und listig mein Vermögen mir zu , denn die Obrigkeit wollte mich strafen ; natürlich hatte man unten den Zwerg nur als Leiche wiedergefunden . Alle jene lustigen Kameraden wurden gestraft ; ich allein sah mich geborgen . Mehr beglückt war ich aber , als mein Geist erleuchtet ward , und ich meinen religösen Irrtümern entsagte , um mein Gewissen und meine Seele frei zu machen . Sie meinen zwar , Herr , ich sei nun von neuem gebunden ; aber meine Seele bedarf dieser Fesseln vielleicht vorzüglich infolge jener Begebenheit , die ich noch nicht verschmerzen , und die Vorwürfe darüber immer noch nicht beschwichtigen kann , die mich in vielen Stunden peinigen . Jetzt habe ich Ihnen , lieber Mann , mein ganzes Herz eröffnet . « Leonhard dankte dem biederherzigen Manne und erzählte ihm dann , unter welchen Umständen er jenen Zwerg auch in einer Mondscheinnacht vor Jahren angetroffen habe , worauf Lamprecht sagte : » Also hat er doch jenen Gesellen , mit welchem Sie damals wanderten , auch ruiniert , ja , man kann sagen , umgebracht , was er freilich ohne Absicht tat . Mein Unglück , sowie das manches jungen Menschen , hat er auch veranlaßt . Es ist immer denkwürdig , wie ich schon sagte , aus welchen Fäden sich so oft unsere Schicksale spinnen . « Es war spät in der Nacht , und jeder ging eines andern Weges , um seine Ruhestätte zu suchen . Am folgenden Tage gab Leonhard den Brief seines Freundes im Hause des Banquiers ab . Man wies ihn sogleich in ein anderes Zimmer zum alten Herrn selbst , der ihn sehr höflich empfing und sogleich zum Sitzen nötigte . Nach kurzem Gespräch trat der Kassierer herein und zählte dem verwunderten Leonhard eine bedeutende Summe in glänzenden Goldstücken hin , worauf der alte Mann sagte : » Ich habe Ordre , Ihnen dieses einzuhändigen , mein Herr , und Ihnen zugleich diesen Brief zu übergeben . « Leonhard nahm ihn , die Aufschrift war von unbekannter Hand , und er war jetzt überzeugt , daß dieses die Erbschaft sei , die ihm überliefert werde , obgleich er nicht begriff , wie die Exekutoren des Testaments hätten wissen können , daß er nach Nürnberg kommen würde ; doch war die Summe diejenige , die er von dort erwarten durfte . Er ging auf sein Zimmer zurück , um die Summe Goldes wegzuschließen , und erbrach nun neugierig den Brief . Sowie er ihn öffnete , war er beschämt über seine Einfalt , denn er erkannte sogleich Elsheims bekannte Schriftzüge . Der Brief lautete so : » Da ich Dich , mein Geliebter , und Deine Wunderlichkeiten kenne , so habe ich es vorgezogen , auf diese Weise einen Teil meiner Schuld gegen dich abzutragen . Und wahrhaft ernstlich würdest du mich erzürnen , wenn du diese Summe ausschlagen wolltest , und mich dadurch so beschämen , daß ich niemals wieder deine Freundschaft oder Hülfleistung in Anspruch nehmen dürfte . Du bedarfst des Geldes bei deinem Geschäft ; ich bin die Veranlassung daß du dieses versäumtest : wie könnte ich deiner Friedrike , die ich mir doch zur Freundin wünsche , wieder in die klaren Augen sehen , wenn ich so ganz sündhaft in deiner Schuld bliebe , ich , der Reiche ! wenn andere , die es nicht verdienen , von mir erhielten , und ich durch meinen Egoismus Dich um den verdienten Lohn brächte ! Und sonderbare Freundschaft wäre es , die sich nicht wollte bezahlen , ihre Auslagen wiedererstatten lassen . Die falsche Großmut sieht aber Dir nicht unähnlich , darum u.s.w. « Er kann sich nie verleugnen , sagte Leonhard , und freute sich , daß er seiner Friedrike nun die Wahrheit , wenn er zurückgekommen , sagen könne ; doch erhoben sich neue Zweifel , indem er alles bei sich überlegte ; Pläne spannen sich an diese , und so , in tiefen Gedanken sitzend , fand ihn Lamprecht . Man hatte gestern schon beschlossen , dem greisen Alfert einen Besuch zu machen , und beide begaben sich jetzt nach dessen abgelegener Wohnung . Als sie in dem stillen Hause die Treppen hinangestiegen waren , und Lamprecht die Stubentür öffnete , fuhr er mit einem Schrei zurück , und lief eilig die Treppe wieder hinunter . Leonhard war über dies Beginnen erstaunt , und trat in das geöffnete kleine Zimmer , in welchem er den greisen Mann in einem seltsamen Anzuge auf und nieder wandeln sah . Er trug nämlich jenen alten , weiten , feuerfarbenen Schlafrock , und auf dem Haupt eine hohe Mütze von derselben Farbe , unter welcher , im seltsamen Abstich , die ganz weißen Locken herunterfielen . Die Flucht Lamprechts war ihm nun erklärlich , denn nach diesem Krieges-Kostüm war heut der Tag der Besessenheit des Alten . Auch war dieser mit dem vorigen Tage verglichen , ein ganz verwandeltes Wesen . Seine Augen funkelten zornig , die lange Nase war rot und aufgelaufen , zwei blutrote Flecke glühten auf den beiden Wangen , und sowie er Leonhard eintreten sah , drehte er sich straff herum , sah diesem mit wildem Blick in die Augen und schrie mehr , als er sprach : » Was will Er hier ? Was hat Er überhaupt bei uns und in unserer Stadt zu suchen ? Die Tagediebe , die unnützen ! Da schwänzeln sie herum , schnüffeln in den Häusern , in den Kirchen , wo sie nur ihren empfindsamen Zeitvertreib antreffen können , wie die Trüffelhunde umher , graben das schwarze Zeug , das ihnen lecker dünkt , aus dem Boden , und meinen , sich noch damit zu des lieben Herrgotts Dienern und Hundejungen zu machen . Und Er nun gar ! Nicht wahr , nun rennt der hochmütige Müßiggänger auch noch in die sogenannte Natur hinaus , kostet , leckert , liebelt und pfiffelt da auch herum , in Abendröte und Morgenschein hinein , und macht ein Affengesicht dazu , als wenn alles nun erst seine Bestimmung und seinen Wert erhielte , weil er die Nase hineinsteckt , das Maul dumm aufsperrt und Gottes Schöpfung approbiert ? Er denkt , Gott Vater kuckt oben zum Fenster hinaus , und sagt zu einigen Engeln , indem er sich die Hände vor Freuden reibt : Ach ! seht Kinder , nun schaut mein Leonhardchen alles an , was ich so sauber da unten hingestellt habe , die Berge , das Wasser , alle die Waldung ; ja , ja , darauf habe ich lange gewartet , was das Männchen dazu sagen würde . Ei seht , er billigt alles , er ist mit meinen Bemühungen ganz kontent , er nickt mit dem lieben Köpfchen : so ist doch meine Schöpfung nicht umsonst ! - Nun , und die Weibsen ? Denen läuft Er , Dummerjan , doch gewiß am meisten nach , hat wohl schon manchem dummen Gänschen das Gehirn verwirrt , hat sich von andern an der Nase führen lassen . Wenn ich nun mein spanisches Rohr dort aus dem Winkel hervornähme und kuranzte Ihn hier in meiner Stube herum , daß Er wie ein Bär tanzen müßte : könnt Er sich darüber wundern ? habe ich Ihn eingeladen , zu mir zu kommen ? Er also hält sich zu Hause einen alten Narren , der Ihm Spaß machen muß , so einen verschimmelten Magister ? Ist Er denn nicht Narr genug für seine Haushaltung ? Ich denke immer , der Flaps könnte noch seine Nachbaren mit versorgen . Der verteufelte Hochmut in dem Gesindel ! Aber es wird euch gewiß noch einmal zu Hause kommen , euer Komödienspielen , in dem ihr ganz verlernt , was Leben und Wahrheit ist . Halunken ihr ! Marsch fort , da ist die Tür ! Ich will Sein dummes Gesicht nicht länger vor mir sehen ! Er sieht aus wie ein Gimpel ! die kann ich nicht leiden . « Leonhard wollte ohnehin hier nicht länger verweilen , und verließ den törichten Alten , dessen Grobheiten ihn nicht beleidigen konnten . Er besuchte alle die Orte der Stadt , die ihm in der Erinnerung lieb geblieben waren , und richtete sich dann ein , am folgenden Tage Nürnberg zu verlassen . Als er am Abend schon ziemlich ermüdet an die Ruhe dachte , kam noch der fromme Lamprecht zu ihm , und brachte ihm Abbitte und Entschuldigung vom Besessenen . Der Anfall war diesmal schneller als sonst vorübergegangen , und er war nun zerknirscht , und saß weinend und bereuend auf seinem Zimmer . » Er hat nicht den Mut « , sagte Lamprecht , » sich vor Ihnen sehen zu lassen , gegen den er sich so abscheulich betragen hat ; er schwört aber , er hätte alle die Grobheiten ausstoßen müssen , ein innerer mächtiger Geist habe ihn dazu gezwungen . Da Sie sich für den Magister , seinen alten Schulfreund , so sehr interessieren , so schickt er Ihnen zum Andenken jenes Exemplar des Gryphius . Sie möchten dabei , bittet er , an seine besseren Stunden denken . « Leonhard nahm das Buch , dankte und ließ dem Alten freundlichen Gruß und Vergessenheit des Vorgefallenen zusagen . » Den abscheulichen Wassermann « , sagte dann Lamprecht , » werden sie wohl , wie ich gehört habe , auf drei Wochen streng und bei schmaler Kost einsperren ; auch hat er Abbitte tun müssen , und wird noch in eine große Geldstrafe kondemniert , die dem Armenhause zum Besten kommen soll . « » Und was macht Ihr Franke ? « fragte Leonhard . » Er bessert sich körperlich « , antwortete jener , » aber geistig habe ich jetzt viel mit ihm zu tun . « » Wie das ? Sie schienen ja so einig ? « » Sonst immer , aber jetzt muß ich ihm predigen und predigen , daß ich ihm nur sein Judentum wieder aus dem Kopfe bringe . « » Sie sagten mir ja aber , daß in jedem Jahr diese Verrücktheit an einem bestimmten Tage komme , und ebenso wieder verschwinde : also wird ja mit der Gesundheit sein Christentum von selbst wieder in ihn zurückfluten . « » Gut gesagt ; aber kann man es denn gewiß wissen ? Es ist darum doch wahrlich keine verlorene Mühe , unterdes an ihm zu arbeiten , damit er auch während seiner Verrückheit an die Wahrheit kräftig erinnert werde . Auch kann es ja sein , daß jener Wurf mit der Bouteille diese unnütze Phantasterei tiefer in sein Gehirn eingekeilt hat , so daß sie nicht so leicht sich ablöset , wie sonst ; und deshalb fühle ich mich berufen , jetzt bei ihm gewissermaßen die Rolle eines Missionars oder Heidenbekehrers zu spielen . Ist doch aller Irrwahn nur partielle Verrücktheit . « Sie nahmen freundlichen Abschied . Da er wieder allein war , wollte es Leonhard bedünken , als habe Lamprecht , so gut wie Franke und Alfert , seinen Teil von jenem anlockenden Gerichte gekostet , das auf die Sterblichen betäubend wirkt . Er suchte in sich selbst jene Gegend zu entdecken , wo auch ein kleiner schadenfroher Dämon seinen Küchengarten angelegt haben könne . Dann betrachtete er nicht ohne Rührung das alte Buch , und las die Zeilen , die der damals junge Magister seinem vermeintlichen Schwiegervater hineingeschrieben hatte . » Wie rund , wie ängstlich « , sagte er , » wie hoffnungsreich und jugendlich ahndend ist jeder Buchstabe ! Welche Zeit , Not , Erfahrung , Jammer zwischen der verblaßten Dinte und seinem letzten Brief ! Nun ängstet er sich nicht mehr um die Schrift , er zerreißt keck die Lettern , er will nicht sich und die andern mehr mit der Zierlichkeit bestechen . Ach ja , auch in der Handschrift des Menschen liegt oft und erzählt sich eine Geschichte , auch eine furchtbar tragische zuweilen . - Armer Mensch ! arme Menschheit ! « Noch von diesen Betrachtungen angefüllt , wollte er durch eine der Hauptstraßen dem Tore zuschreiten . Neben ihm ritt ein schlanker junger Offizier , der vor einem großen Hause , vor welchem ein Soldat schilderte , abstieg , und dem schläfrigen Reitknecht , welcher ihm gefolgt war , sein Roß übergab . Wahrscheinlich hatte der junge Krieger im Hause seinem Vorgesetzten etwas zu melden . Der Bediente desselben hielt nun faul und halb schlafend das mutige Pferd , das nur ungern sich langsam auf und ab führen ließ . Indem erhob sich in der nächsten Straße ein Getümmel , und eine Menschenmasse , die aufgeregt lärmte , zeigte sich bald . Leonhard konnte dem Strome nicht ausweichen , wie er es gern getan hätte , denn Wassermann war wieder der Held dieses Triumphzuges . Man führte ihn vom Verhör zurück , und er war erhitzt und trunken . Die Polizei wollte ihn jetzt in sein Gefängnis zurückbringen ; da er sich aber unterwegs schwach und ohnmächtig angestellt hatte , so waren die Diener des Gerichtes nachgebend genug gewesen , mit dem Klagenden in ein Weinhaus einzukehren , damit er sich nach dem Verdruß und der Erschöpfung wieder etwas stärken möge . Diese ungehörige Freundlichkeit hatte der Zornige aber in Übermut und Hast so gemißbraucht , daß er jetzt , völlig berauscht , indem er bald schrie , bald lallte , durch die Straßen geführt werden mußte . Jetzt sah er Leonhard , der sich an die Mauer drängte , um seinen Blicken zu entgehen . » Patron da ! « schrie Wassermann , » sehen wir uns doch einmal wieder ? Oh , ich habe ein gutes Gedächtnis , Eure Physiognomie ist mir bekannt . Jetzt haben mich freilich die Philister unter , und ich bin in Banden . - Laßt mich , ihr Häscher , oder was ihr seid , ein Wörtchen mit meinem vertrauten Freunde da , meinem Intimus sprechen ! Er ist eine verliebte melancholische Seele , und kann hier an meiner Standhaftigkeit sich ein Exempel nehmen . « So drängte er sich zu Leonhard hin , auf welchen jetzt alle Blicke gerichtet waren . Indem dieser noch überlegte , wie er sich , dem Tollen gegenüber , vor so vielen Zuschauern benehmen solle , ward er auf eine sonderbare Weise von dieser Verlegenheit befreit . Mit Blitzesschnelle riß Wassermann dem träumenden Reitknecht die Zügel aus der Hand , und schwang sich , so trunken er war , kräftig und mit Sicherheit auf das Pferd des Offiziers . Sowie er im Sattel saß , schrie er laut und trieb das Roß zur Eile , das auch sogleich mit ihm durch die Menschenmasse brach , und im gestreckten Galopp die Straße mit dem Jauchzenden hinunterrannte . Einen Augenblick war alles in Erstaunen ; aber bald sammelten sich die Polizeidiener , und einer von diesen bestieg das Pferd des Reitknechts , um dem Flüchtigen nachzueilen . Die Jugend und alle Menschen , welche Neugier versammelt hatte , stürmten nun dort in die Straße hinein , dem Flüchtigen nach . » Er ist verrückt ! « sagte ein anderer Polizeidiener ; » wo kann er hin wollen ? « Indem trat der junge Offizier wieder aus dem großen Hause , und war nicht wenig verwundert , keins von seinen beiden Pferden mehr anzutreffen . Die Erzählung des schläfrigen Reichtknechtes verhallte in dem Getümmel und dem Geschrei der Nachlaufenden , Fragenden und neu Hinzukommenden . » Ihm nach ! nach ! « schrien diejenigen , die mit der Polizei in die andere Gasse liefen . - » Wer ist es ? Was ? « andere . - » Ein großer Räuber ist angekommen ! « rief ein Bürgersmann dazwischen , » und den wollen sie jetzt fangen ; er hat aber den Vorsprung ! Wenn sie nur die Tore zumachen ! « - Von einer anderen Seite hörte man rufen : » Ein fremder Courier ! Was der wohl Neues bringe mag ? Es muß sehr wichtig sein , denn er reitet ja wie toll und besessen . « Leonhard war mit den übrigen nachgegangen ; das Getümmel und Schreien tönte nur noch aus der Ferne , aber das ganze Stadtviertel war in tumultuarischer Bewegung . - Nun ward es stiller , und nach einiger Zeit sah man jenen Polizeioffizianten zu Pferde , welcher das Roß des Lieutenants führte . Auf die Anfrage sagte dieser : » Er hat richtig den Hals gebrochen , der tolle Bösewicht ; den Abhang dort hinunter , wo er im Carriere niedersprengte , ist er mit dem Pferde auf dem glatten Pflaster schrecklich hingestürzt , den Kopf gegen die Mauer geschmettert , und ist gleich tot geblieben : das sind die Folgen vom Saufen . Es ist nur abscheulich , daß wir noch Verdruß wegen des Übeltäters haben werden . Er konnte aber so schön bitten und so malade und elend tun . « Man hatte dort , in ziemlicher Entferung , den Toten in ein Haus gebracht , und bei der Untersuchung erklärte der Arzt , daß alle Hülfe vergebens sei . Der Offizier war sehr erzürnt auf seinen Diener , denn bei dem gewaltigen Sturze hatte sein schönes Pferd auch Schaden genommen , und man konnte nicht sogleich wissen , ob es nicht , außer an den Knieen , welche bluteten , auch innerlich verletzt sei . Viel später also , als er erwartet , verließ jetzt Leonhard die ihm teure Stadt , in welcher er so mancherlei erfahren und erlebt hatte , worauf er nicht vorbereitet war . Nach zwei Tagen befand sich Leonhard in der Nähe von Bamberg . War er in Nürnberg immer gerührt gewesen , so war seine Stimmung jetzt mehr erhoben und ihm selber rätselhaft . Ihm bangte bei jedem Schritte , mit dem er sich den Plätzen näherte , an welche sich so überaus teure Erinnerungen hefteten . Lebt sie noch ? sprach er zu sich selber , und wie ? Ist sie verheiratet ? hat sie Kinder ? wird sie noch in Schönheit blühen , oder finde ich eine alte , abgelebte Frau in ihr ? In diesem Stande verschwindet ja die Jugend meist noch viel schneller , als bei jenen , die sich schonen können , die nicht der harten Arbeit unterworfen sind . Wenn sie noch lebt und die Ihrigen , so sind sie wahrscheinlich arm , und so kann ich dem Glücke danken , daß es mich gerade jetzt so sehr gesegnet hat , um ihnen helfen zu können . Mit diesen Empfindungen trat er in die alte schöne Stadt ein . Er besuchte sogleich den ehrwürdigen Dom , dann zunächst die Plätze , die seine Phantasie geweiht hatte . Sodann verließ er die Stadt , um nach jenem Dorfe zu wallfahrten , denselben Weg , den er vor Jahren so oft betreten hatte . Er sah den kleinen Fluß wieder , und als er in die Gegend kam , wo er damals Kunigunden von jenem Rasenden befreite , als er dieselbe Anhöhe seitwärts im Walde entdeckte , wo er Abschied von ihr genommen hatte : fühlte er sich so