einen Brief zurücklassen , der ihre Unschuld betheuern sollte , aber auch dazu sank ihr der Muth , da sie fühlte , daß nur Angabe der Gründe ihres Schrittes sie rechtfertigen konnte , indem die Flucht mit diesem Manne eine Handlung war , die jede allgemeine Versicherung ihrer Unschuld entkräften mußte . So blieb ihr denn nichts , als völlige Ergebung , und ihr reines Herz hob sich voll Vertrauen zu dem empor , der ihre Unschuld kannte , und in dessen Hand es lag , sie von jeglichem Verdachte zu retten . Sie gedachte mit tiefer Wehmuth der Worte Richmonds , daß das muthige Ertragen des bösen Verdachts , im Gefühl einer höheren Absicht , in einzelnen Fällen als eine allgemein Jedem gestellte Aufgabe anzusehen sei , und daß sich daran die Würde des inneren Bewußtseins stärke . Diese Aufgabe nun war ihr so bald zu Theil geworden , und ach , ihm nicht einmal durfte sie es sagen , daß sie sich der Prüfung unterzog . Sie fühlte die ganze Bitterkeit dieses Schmerzes , und ihre junge Brust ergriff ihn mit aller Kraft eines neuen Gefühls . Aber der Schmerz verleiht auch Kraft , und ihn muthig in seiner ganzen drohenden Gestaltung anblicken , bewaffnet uns unwillkürlich gegen ihn . Maria fühlte etwas dem Aehnliches . Sie hatte , wähnte sie , das Schmerzlichste durchgefühlt ; jetzt trat das Bild ihres leidenden Verwandten wieder vor ihre Seele , und mit edelm Muthe beschloß sie , auch um so hohen Preis ihm Alles zu sein . Es mag so bleiben , wie Ihr sagtet , sprach sie zu Lord Membrocke , der , noch immer ohne Antwort , in dem schnellen Wechsel ihrer Züge ihre Entschließungen zu lesen versucht hatte . Ich bitte Euch überdies um Verzeihung wegen meines Betragens ; Ihr müßt mich mit den Fehlern entschuldigen , die Ihr ohne Zweifel bei der Art gemacht habt , wie Ihr mich von Eurer Sendung unterrichten wolltet . Ich habe jetzt den besten Willen , Euch zu vertrauen , sorget durch Euer Betragen dafür , daß es mir möglich bleibe , wozu der einzige Wunsch sein kann , daß ich nie etwas Anderes , als den Gesandten meines Oheims , in Euch wahrnehme . - Er kniete nieder , um sein spöttisches Gesicht zu verbergen , und ihre Hoheit persiflirend , küßte er den Saum ihres Kleides , indem er rief , eine gekrönte Königin solle ihm nicht heiliger sein ! Ein kurzer Schrei Maria ' s schreckte ihn auf . Sprachlos vor Schreck , deutete sie seitwärts , wo eben eine weibliche Gestalt , der Marquise Danville nicht unähnlich , nach den inneren Gemächern zu verschwand , während am Ende des Kreuzganges Lord Ormond an Richmonds Arm gelehnt sich zeigte . Steht auf , rief sie heftig , und entehrt mich nicht vor der Zeit durch Euer Betragen ! Lord Membrocke erfüllte dies so beleidigende Gebot gerade mit so viel Muße , wie nöthig war , um gewiß zu sein , daß beide Lords ihn zu ihren Füßen gesehen hatten , und entfernte sich dann , sie vertraulich grüßend . Dies entging der unglücklichen Maria , denn bei dem Anblick dieser beiden Männer und der Stellung Membrocke ' s war sie einer Ohnmacht nahe , und überwältigt von der schrecklichen Ueberzeugung , daß ihre Verurtheilung schon jetzt und eben damit angefangen habe . Sie fühlte aufs Neue ihre Kraft sinken , noch ein Mal fragte sie angstvoll ihr Gewissen , ob es nöthig sei , sich selbst so grausam anzuklagen ; ja , es fiel ihr sogar der bis dahin nicht möglich geachtete Zweifel an der Forderung ihres Verwandten ein . Sie fühlte , daß Kummer und Unglück diesen edeln Mann etwas aus seiner Höhe herabgezogen haben müßten , da er nicht anstand , sie einer so zweideutigen Lage hinzugeben . Aber , rief ihr edles Herz , eben darum muß ich zu ihm ; heilen muß meine Liebe dies edle Wesen ! Abermals war sie entschlossen , und ein lauter , tiefer Seufzer beendigte diesen schrecklichen Kampf . Und warum theilt Lady Maria mit Niemand den tiefen Gram , dem sie zu unterliegen scheint , sprach hier eine sanfte , gerührte Stimme , und Maria , die den Nahenden nicht bemerkt hatte , blickte in Lord Ormonds theilnehmendes Antlitz . Maria schüttelte nur langsam das Haupt , ihre Lippen blieben verschlossen . O , theure Maria ! rief er jetzt lebhafter , warum hat nur ein Einziger das Recht , Euer Vertrauen zu genießen , ein Einziger , ach , und ein so Unwürdiger ! während Lady Maria von den treusten und redlichsten Freunden umgeben ist , die keine Aufgabe zu schwer halten würden , ihr Ruhe und Heiterkeit wiederzugeben . O Mylady , habt Erbarmen mit Euern Freunden , mit Euch selbst ! Die Bürde , die Ihr tragt , ist für Euch allein zu schwer , wählt einen von uns , daß er so glücklich werde , sie mit Euch tragen zu können ! Das steht in Gottes Hand ! seufzte Maria und schlug die Augen in trostvollem Glauben zum Himmel auf ; dann wandte sie sich , überwältigt von der innigen Sprache des edeln Mannes , zu Lord Ormond und reichte ihm sanft die Hand . Doch , was auch ein unerbittliches Geschick über meine Handlungen bestimmen mag , seid sicher , Mylord , Euer werde ich gedenken , und dieser Stunde Eures treuen , thätigen Mitgefühls , und so unmöglich ich Euer Anerbieten annehmen kann , so sicher seid , daß ich seinen Werth tief empfinde , um so tiefer , als ich den hochachte , der es mir so großmüthig darbietet . O , rief Ormond dringend , wenn Ihr mich achtet , wenn Ihr Vertrauen zu mir habt , so steht nicht an , mich zu Euerm Beschützer anzunehmen ! O sprecht , was knüpft Euch an diesen sittenlosen Mann ? Warum könnt Ihr Euch seinem Einflusse nicht entziehn ? Glaubt mir , kein Zweifel an Eurer engelgleichen Reinheit trübt meine Verehrung gegen Euch , ich bin gewiß , höllische Täuschungen haben Euch umsponnen , hintergangen seid Ihr , ein Irrthum der Tugend ist es , der Euch von diesem Manne abhängig macht . Redet , sagt nur ein Wort , sagt , daß Ihr selbst Euch von ihm trennen möchtet , und ich will ihn zwingen , daß er nie wieder von diesem Augenblicke an Euch nahen darf . O nein , nein ! rief Maria , haltet ein mit Eurem Eifer , laßt ihn in Frieden , verfolget ihn nicht , ich darf es nicht veranlassen , nicht zugeben . Ormond wandte sich ab mit einem Schmerze , der ihn zu sehr übermannte , um sogleich wieder reden zu können ; aber das Gefühl , daß sie unglücklich sei , und der schreckliche Gedanke , daß sie sich in der Gewalt eines Mannes zu befinden schien , von dem er nur das Nachtheiligste voraussetzen konnte , dies überwältigte jede andere Betrachtung , wie sehr er auch durch ihre anscheinende Theilnahme für diesen Mann zu leiden begann . Er konnte sie nicht verlassen , mit erneutem Antheil wandte er sich zu ihr : Theure Lady Maria , seht mich als Euern besten Freund an , und dann und in dieser Beziehung würdigt meine Worte Eurer Aufmerksamkeit ! Mein Herz leidet zu heftig bei dem Zustande , in dem ich Euch sehe . Ich würde Euch Eurem eigenen Gutdünken überlassen können , wenn Ihr glücklich wäret , aber Ihr seid es nicht , dieser unglückselige Mann hat Euch nicht Frieden und Glück mit dem Vertrauen zu sich einflößen können , darum können Eure Freunde nicht ruhig bleiben , und glaubt mir , wer Lord Membrocke kennt , fühlt Sorge um Euch . - Er hielt in der Hoffnung einer Antwort inne ; aber nur bleicher und bleicher ward ihr schönes Angesicht , ihre Lippen öffneten sich , aber sie schienen keine Worte sprechen zu können , nur bange Seufzer entschwebten ihnen . Jetzt stand der unglückliche Mann vor der Vermuthung , die ihm am schwersten ward auszusprechen , und die sich ihm doch endlich unwiderstehlich aufdrängte . Ich kann Euch nicht verlassen , sprach er , als sie einen schwachen Versuch machte , hinweg zu gehen , und ihm mit der matt erhobenen Hand das Gleiche anzudeuten suchte , ich kann Euch nicht verlassen , Ihr habt mir Freundesrechte zugestanden ; o zürnt mir nicht , wenn ich , von meiner Sorge um Euch getrieben , Euch zu dringend erscheine , laßt mich die größte Angst meines Herzens Euch gestehn und rechnet auch in diesem Falle auf meine grenzenlose Ergebenheit , auf jeden Beistand , dessen Ihr benöthigt seid . - Ich frage Euch , hat die liebenswürdige Außenseite dieses Mannes , hat sein munterer Geist Eindruck auf Euer junges , unerfahrenes Herz gemacht , liebt Ihr ihn ? Als ob ein elektrischer Schlag das Fräulein getroffen , so fuhr sie jäh empor , und ihr ganzes Leben schien aus den Zauberbanden der Apathie , worin sie im vorigen Momente gefangen lag , zu seiner vollen Energie erwacht ; ihre Wangen und ihre Augen hatten Licht bekommen , hoch stand sie sogleich auf , und die Hände an die Brnst gedrückt , rief sie laut und aus tiefer Brust : Gott sei mir gnädig , Mylord , wohin führt Euch Euer erfinderischer Geist ? Wie war es Euch möglich , dahin zu gelangen ? Nein ! nein ! Seid sicher , ich liebe ihn nicht und kann ihn nie lieben ! nein , die Gerechtigkeit laßt mir widerfahren , dies für unmöglich zu halten . Sie hatte sich mit einem so engelreinen Unschulds-Eifer zu ihm hingebeugt , daß seine Seele jubelnd ihr Glauben schenkte , und hätte sie für den Ausdruck seiner Züge Sinn gehabt , sie hätte darin das hohe Entzücken erkennen müssen , das er bei dieser Wahrnehmung empfand . Sein Augenblick war nun gekommen . Ich glaube , sprach er zitternd , - o vergebt mir , wenn ich Euch beleidigte , zürnt mir nicht , aber laßt mich um so dringender fortfahren , wenn Euch kein Gefühl an ihn bindet , Euch vor ihm zu warnen . Edler Freund , wenn Ihr Glauben an meine Unschuld habt , erwiederte Maria sanft und ernst , so unterwerfet diesen der Probe , mir ohne Gründe zu vertrauen . Ich hoffe zwar vor Gott gerechtfertigt zu sein ; aber es ist mir versagt , so auch vor Menschen dazustehen . Ich muß dies Mal der Stimme meines Gewissens folgen , ich stehe - allein , setzte sie voll Wehmuth hinzu , und von allem natürlichen Beistand getrennt . - Nein , rief Ormond , hier sie unterbrechend , Ihr steht nicht allein , nur von Euch hängt es ab , Euch demjenigen , den Ihr Freund genannt , durch die heiligsten Bande auf ewig zu nähern . Ja , theure Maria , ich will es Euch nicht länger verschweigen , ich liebe Euch - sagt , daß Ihr mein sein wollt , und macht mich zum glücklichsten Manne . O , vertraut mir , ich will Euch ehren , schützen und lieben , und die ganze Bürde Eures unverdienten Schicksals , wie groß sie auch sein möge , auf mich nehmen , damit Euer Engelherz wieder frei athme und Ihr das Entzücken empfinden möget , namenlos zu beglücken . Maria hatte ihn mit einem Ausdruck angesehn , der nur zu deutlich mehr Schreck als Freude andeutete ; sie drückte jetzt die flache Hand gegen die Stirn , als wollte sie sich zu einem klaren Bewußtsein wecken , während Ormond mit einer Erwartung an ihren Zügen hing , die nur zu deutlich seine tiefe Erschütterung ausdrückte . Ihr - Ihr liebt mich ? stammelte sie endlich tonlos , und das schöne Auge floß in Thränen über , die auf Ormonds gefaltete Hände fielen , der , seiner nicht mehr mächtig , zu ihren Füßen gesunken war . O Lord Ormond , warum liebt Ihr eben mich ? fuhr sie mit einem tiefen Schmerzenstone fort , o warum mich ? Doch nein , es kann nicht sein , es wird nicht sein , es ist Euer großmüthiger Eifer , der Euch zu diesem Glauben führt . Nein , nein , Ihr liebt mich nicht , aber retten wollt Ihr mich , aus der trostlosen Vereinsamung , in der ich dastehe , wollt Ihr mich erretten . Ihr wollt Euch zum Opfer bringen , um mich von dem Einfluß jenes Mannes zu befreien , den Ihr mir so verderblich schildert . O ich habe Euch errathen und erkenne den ganzen Umfang Eures großmüthigen Herzens ! Doch , wie auch Alles kommen mag , ich kann nicht , kann dies großmüthige Opfer von Euch nicht annehmen . O steht auf , rief sie dringend , als Ormond den Kopf senkte und seine Stellung nicht änderte . Es war kein Opfer meinerseits , was ich Euch zu bringen dachte , ich war es , der von Euch ein Opfer begehrte , sprach Ormond , nach Fassung ringend , indem er von seinen Knien aufstand . Ich , der Vereinsamte , suchte die Gemeinschaft eines Engels , der alternde Mann beging die Thorheit , die Gefühle der Jugend zu hegen und ihre Erwiederung für möglich zu halten - ich bin bestraft , und was ich leiden werde , ist die Buße meiner Thorheit . Ihr liebt mich nicht , ich sehe es klar , wenn Ihr das Wort auch gern mir sparen möchtet , doch verstanden habe ich Euch und werde versuchen , es zu überleben ! O um Gotteswillen , sprecht nicht so ! rief Maria hier , von tödtlicher Angst ergriffen , und eilte ihm nach , da er bleich und schwankend an einen Pfeiler sich zu stützen suchte . Thränen des tiefsten , schmerzlichsten Antheils stürzten über ihre Wangen . Von aller Schüchternheit verlassen , sah sie nur den edeln Leidenden , ach ihrethalben Leidenden ; sie ergriff seine Hand und drückte sie zwischen den ihrigen ; sie suchte bittend sein Auge , um durch die zärtlichste Theilnahme ihm Linderung zu verschaffen , und hätte Ormond das wärmste Gefühl der Freundschaft in diesem schrecklichen Augenblick zu schätzen gewußt , es hätte ihn schön und tröstend aus ihren Blicken ansprechen müssen . Er rang mit dem jähen Wechsel seiner Hoffnungen ; er versuchte die körperliche Erschütterung , die ihn selbst überraschte , zu besiegen ; er richtete sich an ihrer zarten Hand , die sie ihm kindlich lieh , empor , er wagte es , den schweren trüben Blick aufzuschlagen und blickte , unwiderstehlich hingezogen , zu ihrem lieben Antlitz auf . Engel , sprach er , tief gerührt , als er ihre unschuldige , zärtliche Sorge um ihn erblickte . Du kannst nicht weh thun , und wenn Du auch das blühendste Paradies der Zukunft mir in einer Sekunde zur öden Steppe der Wüste verwandelt hättest ! Nein , ich will leben lernen und mich so leidlich , wie möglich , schicken , und wenn es nur wäre , um Dir keinen Seufzer mehr zu kosten , diesem klaren Auge keine Thräne ! Vergeßt , was ich Euch sagte , aber vergeßt nicht , daß ich Euer wärmster Freund geblieben , versprecht mir , ach als kleinen Ersatz für das , was ich eben verlor , versprecht mir , daß ich Freundes Rechte auf Euch behalten soll . Sie legte sanft und ernst die Hand in die ihr dargebotene . Mein edler und großmüthiger Freund ! sagte sie dann mit innigem Tone , vielleicht kömmt bald der Augenblick , wo nicht mein Mund , doch das Andenken an diese mir geschenkten Rechte Euch mahnen wird . Sie schwieg und fühlte aufs Neue die Last des eignen Geschicks . Doch Ormond blieb nun wieder stehn , und muthig von dem eigenen Schmerze sich erhebend , wendete er ihrer geheimnißvollen Lage sich wieder ausschließlich zu . Muß ich Eure Worte deuten , als ob uns von Euch eine Trennung drohe ? Was hat man gethan , Euch von hier wegzuscheuchen ? O glaubt mir , von Allen seid Ihr geliebt ; jedes Glied dieser Familie achtet sich glücklich , Euch ehrenvollen Schutz zu verleihen , bis die Zeit Euch über Eure Verhältnisse aufklären wird . Warum wollt Ihr nicht den Schutz annehmen , der den Gewährenden nur Freude schafft ? - Maria lehnte , sich immer müder in ihrem Geiste fühlend , gegen einen niedern Fenstersitz . Antworten konnte sie nicht ; sie fühlte sich übermannt von den Bildern , die in ihrem Geiste auftauchten und verschwanden . Ormond blieb , sie betrachtend , vor ihr stehn , und selbst heftig erregt , sprang sein Geist in Bezug auf sie von einem kühnen Schlusse zum andern . Da war ihm plötzlich , als risse die Binde vor seinen Augen . Sie liebt ! rief eine Stimme in ihm , und willenlos fast rief sein Mund : Ihr liebt , Maria , jetzt weiß ich Alles , Ihr liebt ! Maria zuckte bei dem Worte zusammen und legte die Hand scheu auf ihr Herz , dann blickte sie Lord Ormond voll Erstaunen fragend wie ein Kind in die Augen . Ihr liebt , theures Mädchen , sagte er noch ein Mal mit höchster Theilnahme , denn sie schien auf diesen Laut aus seinem Munde zu warten , und wie begabt mit höherer Erkenntniß , setzte er mit überzeugender Gewalt hinzu : Ihr liebt Richmond ! Irr ' flammte ihr Blick bei diesen Worten auf , dann sank sie , die Hand schnell aufs Herz drückend , ohne Laut ohnmächtig nieder . Ormond bezwang , so mächtig in Anspruch genommen , leicht seine eigne Stimmung . Er öffnete die Scheiben und richtete sie sanft in dem Fenstersitz empor . Bleich , ohne alle Farbe , glich sie einem schönen Marmorbilde . Wunderbar rührend spielte das seltsame Lächeln der Ohnmacht um den zarten Mund , während der tiefe Ausdruck des Leidens in der schmerzlich gezogenen Stirn ausgedrückt lag und die herbstliche Sonne , mit blassen Lichtern eindringend , in leichten Goldstreifen das blasse Heiligenbild verklärte . Bald schien es dem Lord , die Ohnmacht habe sie verlassen . Ruhig , wie bei einer Schlafenden , hob sich der Athem ihrer Brust immer süßer ward das Lächeln ihres Mundes , und aus den sanftgeschlossenen Augenliedern drangen einzelne Tropfen und fielen wie Perlen auf den Schooß ; aber sie öffnete sie nicht , und Ormond blieb , gefesselt von Erwartung , ihr stumm gegenüber . Fürchten konnte er ihren Zustand nicht , denn auch die Stirn begann sich jetzt zu lichten , Engel schienen mit ihr zu spielen , so süß ward jeder Zug des lächelnden Gesichtes . Gewaltsam hatten Ormonds Worte das Geheimniß ihrer Brust entschleiert und durch diesen Namen ihm ein so mächtiges Recht verliehen , daß sie dem schnellen Bewußtsein unterlag . Kaum war ' s eine Ohnmacht zu nennen , was sie überkam , seltsam war Traum und Bewußtsein in ihrer Seele jetzt verschwistert . Sie wußte wohl , sie ruhte , sanft von der Sonne Strahl bespielt , im Fenstersitze , sie nahm es wahr , daß Ormond gütig schützend ihr zur Seite stand ; doch eben so ohne Erstaunen , ohne einen Uebergang von Vorstellungen , die sie der Wirklichkeit entfremdeten , schaute sie , wie die Bogen des Fensters vor ihr sich auseinander schoben und ihr ein freier Blick in die herrlichste Natur ward . Auf einer weiten Höhe schien ihr Sitz zu stehen , sie blickte in ein blühend Land , reich an schönen Städten , mächtigen Schlössern und hohen Thürmen und Kathedralen . Weit ins Land hinein sah sie mit klaren Augen das bunte Treiben eines reichen , weit verbreiteten Volkes , doch der vergangenen Zeit gehörend . Ein Festtag schien für Alle angebrochen ; denn festlich glänzend zog die Bevölkerung nach einer Richtung hin , und aus der weiten Ferne hatte sie Begriff von rauschendem Getöne , von Musik , von Menschenstimmen , vom Geräusch der Waffen und vom Jubelruf der Freude . Ein schmelzend Grün bedeckte die Höhe , auf der sie ruhte , und einsam schien es hier , als reiche der Fuß des Hügels nicht zur Erde hin . Sie fühlte ein seliges Genügen , ein himmlisches Erlöstsein von aller irdischen Sorge ; nichts schien ihr obzuliegen , als selig lächelnd zuzuschauen , wie schön gestaltet Alles um sie war . Da sah sie eben näher nun am Rand des Hügels einen Eichenwald , die Sonne schien hinein , der Boden schimmerte vom saftigen Grün des Mooses , und Blätterschatten tanzten wie dunkle Blumen drüber hin ; da hörte sie den Chorgesang der Geistlichen , ein Agnus Dei sangen sie , und bald erschienen in den breiten Wegen sie paarweis mit dem Allerheiligsten , mit holden Knaben , die aus Silberbecken die leichte blaue Wolke des Räucherwerks um sich kräuselten . Die Ritter folgten im goldenen Harnisch und mit langen wehenden Federn ; auf ihren Schultern trugen Andere den hellen Silbersarg mit goldener Krone , und die Zipfel des königlichen Purpurmantels hielten Knaben in Gold und düsterer Seide . Viele waren , die in hoher Trauerpracht noch folgten , dann war der breite Weg des Waldes wieder leer , und nur die Sonne spielte mit den Blättern auf dem frischen Grunde . Doch liebliche Töne klangen jetzt ; der Wald verhüllte noch die neue frohe Mähr , nur Hörnerharmonien in heiterer Weise , zu einem Hochzeitsreigen wohlgeschickt , eilten froh voran , dann kam der Zug in bunter Pracht . Wie spielten nun im Glanz der Sonne die bunten goldenen Stoffe der Herren und Frauen , der Edelsteine , der bunten Federn zauberisch Farbenspiel . Der leichte Schritt der schön geschmückten Rosse schien mehr begeistert von den Hörnerklängen , als gelenkt vom leichten Druck des goldenen , Zügels taktmäßig hinzuschreiten . Die Schönheit ziert hier die Pracht , und Glück und Lust entsproß in zarter Harmonie , und endlich bot der Mittelpunkt des Zugs sich dar . Zwei schöne Knaben führten den milchweißen Zelter , auf dem die junge Schönheit lächelnd ruhte , die , in dem Schmuck der Königin , wie eine Nymphe des Waldes mit Blatt und Moos und Blumen zu tändeln schien , und einer langen Ranke zarte Fäden um einen schönen , königlichen Mann geschlungen hatte , der innig ihr ergeben , gefesselt schon an ihren Augen hing . Der Zug schien sich zu nahen , den Hügel zu ersteigen ; die holde Frau nickte nach Maria hin , sie hob die zarte weiße Hand empor und steckte fünf kleine Finger in den goldenen Reifen einer Krone , die sich hoch dann ihr entgegen streckte . Da hob der Mann an ihrer Seite sein Angesicht und sah Maria zärtlich an . Mein Oheim ! rief sie . Verschwunden war das Bild , der ganze süße Traum . Sie stand plötzlich aufgerichtet vor Lord Ormond , der zu ihren Füßen lag , und flehend sie beschwor , zum Bewußtsein zu erwachen . Sie sah ihn an mit dem holdesten Lächeln , ihre Augen leuchteten , wie von einem tiefen innern Lichte erhellt , und sanfte Röthe ergoß sich um ihr Angesicht . Ja , sprach sie , als ob Lord Ormond jetzt erst das verhängnißvolle Wort gesprochen , Ihr habt es mir gesagt , jetzt weiß ich es , ich liebe ihn ! Dies angstvolle Geheimniß ist nun fort aus meiner Seele , ja , ich liebe ihn ! - Sie hatte die Hände auf ihre Brust gedrückt , als wollte sie sich das Eigenthumsrecht an dieser Ueberzeugung sichern . Sie hatte , wie es schien , vergessen , was Lord Ormond über sich selbst ihr gesagt , und war jetzt nur bemüht , ihn zum Vertrauten ihres nun erst verstandenen Gefühls zu machen . Ormond senkte , noch immer kniend , sein Gesicht auf ihre Hand , die sie ihm willig ließ , von unnennbaren Gefühlen fast betäubt . Da riß sie aus ihren geisterhaften Schwärmereien ein lautes , helles Schluchzen dicht an ihrer Seite . Ormond sprang auf ; Maria blickte hin . Ollonie Dorset stand mit schlaff niederhängenden Armen ihnen gegenüber , und mit dem Ausdruck der Verzweiflung im bleichen Gesicht weinten ihre schönen Augen Ströme bitterer Thränen . Als sie sich bemerkt sah , flog sie auf Maria zu , umschlang in voller Qual ihren Nacken und seufzte : Du liebst ihn ! O Du Glückliche ! Und Dich , wie liebt er Dich ! O nimm ihn , nimm ihn ! Ollonie kann sterben für Euch beide . Ja , Ihr gehört zusammen , es mußte so kommen ; wie konnte er mich lieb behalten neben Euch . O Maria , ich selbst , ich wollte Euch hassen , wie Ihr so sorglos mein Glück zerstörtet ; doch auch ich , auch ich konnte Euch nicht hassen ! Ja , ich mußte Euch nur heftiger lieben , denn liebenswerther scheint Ihr mir noch durch das Lob seiner Liebe . O Gott ! rief Ormond hier , ganz außer sich , das theure Wesen in diesem Schmerz zu sehen . So war denn ausgesprochen , was er aus ihrem Zustande nur zu wahr errathen ; sie hatte Richmond in der Stille lange geliebt und erst ihr Gefühl verrathen , seitdem sie ihn für Maria glühend wähnte . Wie theilte sich in diesem Augenblick sein Herz zwischen diesem geliebten Mädchen und dem theuren Gegenstand seiner Liebe ! Still hielt Maria das holde Kind an ihrem Busen fest , ohne Worte , tiefsinnend . Sie wird ohnmächtig , sagte sie dann leise und hob sie mit Ormonds Hülfe auf ihren Sitz . O ! seufzte Ormond tief und schmerzlich , mußt Du schönes Herz auch die Qual unglücklicher Liebe leiden ! Wie habe ich vergeblich gefleht , es möchte ihr erspart bleiben ; doch immer ahnte ich ihre Liebe , ja , ich wünschte sie , ehe ich wähnen konnte , daß meinem edlen Richmond der höchste Preis zu Theil geworden . Still , sprach Maria leise , Ihr seid im Irrthum , Lord Richmond liebt mich nicht , und mein Gefühl , das Ihr mich kennen lehrtet , hat damit nichts gemein . Doch Ollonie liebt Richmond nicht , Euch liebt sie , theurer Ormond , Euch ! Und unbegreiflich habt Ihr Euch getäuscht und dies bis diesen Augenblick übersehen . Ohne Euch zu nennen , hat sie mir längst ihr Geheimniß verrathen , und ich hoffte , Ihr theiltet ihr Gefühl . Ormonds Erstaunen raubte ihm die Sprache . Ihre einfachen und bestimmten Worte ließen keine Mißdeutung zu , und vor ihm selbst that sich die Ueberzeugung auf , mit tausend schnell gegenwärtigen Beweisen . Doch er behielt nur wenig Zeit , diese Gedanken zu verfolgen . Die leichte Erschöpfung wich von Ollonie , sie schlug die Augen auf und blickte Beide zärtlich an ; dann nahm sie Ormonds Hand , drückte sie sanft in Maria ' s Rechte , und lispelte leise und schwach : So gehört Euch denn ! Und Du , lieber , bester aller Menschen , Du werde glücklich ! Sie wollte aufstehen , aber matt geworden , ward sie von Beiden unterstützt . Ollonie , sagte Maria sanft , Du hast zwei Hände vereint , die es schon in Freundschaft waren ; nicht Liebe wird ihr folgen . - Nun aber überlaßt mir die Pflege unserer theuern Ollonie , ich führe sie sicher . Ormond drückte in stummer Sprache die Hände Beider an sein Herz und eilte dann mit seiner vielfach angeregten Qual von dannen . Der Tag , der diesem Morgen folgte , war nun der letzte , den Maria unter dem ehrwürdigen Schutze ihrer großmüthigen Freunde verleben sollte , und es war ihr die Aufgabe gestellt , unter einem ruhigen Aeußern ihr tief bewegtes Herz zu verbergen . Wenn etwas diesen überwältigenden Umständen das Gleichgewicht zu erhalten vermochte , war es die bestimmte Richtung , die seit Ormonds Worten das Gefühl ihres Herzens erhalten hatte . Sie gewann , trotz den andrängenden äußern Umständen Zeit , sich hierüber mit sich völlig zu verständigen . Wie sie es so lange in sich als unverstandenes Geheimniß hatte tragen können , überraschte sie , und sie bat sich selbst um Verzeihung , daß sie in Verworrenheit und Unruhe und unverständlichem Wechsel von Freude und Leid hatte verderben können , was nun , verstanden , zu einem schönen vollständigen Schatz ihrer Seele gehörte , sie adelte und ihr eine neue erhebende Weihe zu geben schien . Daß zur selben Zeit diesen Empfindungen der Eintritt ins Leben und jede glückliche äußere Beziehung abgeschnitten ward , erkannte bei flüchtiger Betrachtung ihr klarer Verstand zu bestimmt , um eine Träumerei darüber zuzulassen , und sie fühlte , daß sie nur dann , ihrer selbst würdig , sich als Besitzerin dieses Gefühls anerkennen könnte , wenn sie eben so bestimmt und aufrichtig ihm die vollständigste Resignation zur Seite setzte . So heiligte sie beide Gefühle in ihrer Brust , und als sie nach diesem festen Abschluß mit sich das übrige Leben anblickte , fühlte sie sich ihm viel ruhiger gegenüber gestellt , als früher , und nur , ob sie das Rechte zu thun vorhabe , das nur flößte ihr Bedenken oder Sorge ein , nicht mehr die damit verknüpften Opfer . Nur der Brief , der die theuren Schriftzüge trug , konnte immer wieder aufs Neue die Bedenklichkeiten besiegen , die in jeder andern Beziehung ihr der bevorstehende Schritt einflößte . Aber ihren Widerwillen , sich auch nur in vorübergehende Gemeinschaft mit diesem Mann zu setzen , diesen zu überwinden , fühlte sie sich außer Stande . und ließ darin endlich ihr Herz gewähren . Seltsam traf sie Richmonds Anblick , als sie ihn bei der Tafel zuerst wieder sah , und sie würde ihn schwerlich ohne den Tribut der