ganze Sammelgeschäft aus Spekulation getrieben , und wußte , bei seinen Sachen stehend , anfangs durchaus nicht , wie er sich bei jenen Hymnen zu verhalten habe . Endlich merkte er deren äußeren Schall sich zu eignem Gebrauche ab , und gab , wenn darin eine Pause entstand , den hohen Ankaufspreis der Bilder , in dem nämlichen schwärmerisch-verzückten Tone fortfahrend , an . Auf einmal , ohne daß man sich dessen versehen , wurde bekannt , daß die Sammlung für die Nationalgalerie angekauft sei . Das Erstaunen über diesen Entschluß war sehr groß . Die unterrichtendsten Prachtstücke jenes Besitztums hätte jeder gern in den neuen Hallen gesehen , das Ganze aber schien außer allem Verhältnisse zu dem Zwecke der Anstalt zu sein . Die Köpfe mühten sich ab , den Grund jener befremdenden Entscheidung aufzufinden , und in Ermanglung der Wahrheit behalf man sich mit ziemlich unglaublich klingenden Gerüchten . So hörte Hermann erzählen , Medon habe einen starken Einfluß auf die Sache ausgeübt . Auf geschickte Weise sei von ihm Madame Meyers Enthusiasmus in das Spiel gezogen , und sie selbst bestimmt worden , einem angesehnen , ihr leidenschaftlich zugetanen Manne , der in dieser Angelegenheit das Votum besaß , sich gefälliger und geneigter zu erweisen , als früherhin . Der Staatsmann , ganz beglückt über die ihm aufgehende Liebessonne , habe in einer schwachen zärtlichen Stunde dem Andringen seiner Freundin auf Erwerbung der alten Kunstschätze nicht widerstehen können , und so sei durch das Herz hier ein Ankauf vermittelt worden , gegen welchen der Verstand des Staatsmanns sich eigentlich gesträubt habe . Hermann maß diesen und ähnlichen Einflüsterungen keinen Glauben bei . Zwar hatte er wirklich in der letzten Zeit lange vertrauliche Gespräche zwischen Medon und Madame Meyer bemerkt , und eine Annäherung ihrerseits an den sonst ziemlich kühl von ihr behandelten Staatsmann wahrgenommen , aber jenes intrigierende Benehmen widerstritt zu grell seiner Meinung von Medon , welche von Tage zu Tage günstiger ward . Auch hatte sich Medon einmal sehr kräftig gegen die Spielerei mit längst verschollnen Empfindungs- und Auffassungsweisen ausgesprochen , und die Liebhaberei der Madame Meyer geradezu eine Buhlschaft mit geputzten Leichen genannt . Wie sollte er also darauf gekommen sein , jetzt wider seine eigne Überzeugung zu wirken ? Etwas Gutes hatte der Ankauf der alten Bilder ; der Zank der Gelehrten war sofort geschlichtet . Die Sammlung , als Ganzes erworben , sollte als ein solches zusammenbleiben . Verfuhr man nun aber , wie man mußte , nach dieser Bestimmung , so nahm sie den bedeutendsten Teil des zugemeßnen Raumes hinweg , und das andre war , ohne daß mehr sonderlich auf die kritisch-archäologischen Streitigkeiten Rücksicht genommen werden konnte , unterzubringen , wie es sich eben schicken und fügen wollte . Hermann , der von allem dem , was sich um ihn , und in ihm bewegte , schon nichts mehr gern unbesprochen mit Johannen ließ , hatte auch sie einstmals um ihre Meinung von diesen Dingen befragt . Sie versetzte : » Wenn ich das Museum zu ordnen hätte , würde ich bald fertig werden . Ich hinge die liebsten Bilder , die mir Tränen der Rührung oder des Lachens in die Augen treiben , in das hellste Licht , und es würde mir nicht darauf ankommen , ob eine Himmelskönigin sich neben einer Schenke voll Bauern befände . « » Aber die Geschichte ! die Kunstgeschichte ! « rief Hermann . Johanna lächelte und sagte : » Es muß wohl etwas daran sein , weil ich so viele kluge Männer davon reden höre . Nur sehe ich sie auf ihrem Wege mitunter dahin geraten , daß sie über die Wiege und den Taufschein das Kind vergessen . Wenn ich meine gute Meyer betrachte , und wahrnehme , wie sie ihr schönes Vermögen in lauter Dingen vergeudet , von denen das wenigste einem gesunden Sinne eigentlich Vergnügen machen kann , so möchte ich glauben , daß mindestens für uns Frauen die Kunst nur die Geschichte hat , welche sie in der Gegenwart erlebt , wenn auf ihre Wunder der Blick einer reinen Seele fällt . Indessen lassen Sie uns von diesem Gegenstande abbrechen . Das Schöne will nicht beredet , es soll gefühlt werden . Ich kenne nur ein Gespräch , welches noch unnützer ist , als das über Bilder , und das ist das über Musik . « Fünftes Kapitel Medons Kreis verarbeitete währenddessen ein Thema von großer politischer Wichtigkeit ; das Verhältnis der neu erworbnen Provinzen zu dem Haupt- und Stammlande . Man hatte nicht ungeschickt den Staat mit zwei auf dem festen Lande ausgesäten Inseln verglichen , und dieses Gleichnis war insofern von moralischer Bedeutung , als dessen beide durch weite Strecken auseinandergehaltne Teile nach ersiegter Ruhe sich gegenseitig schroff insularisch abzuschließen drohten . Diesen Krieg im Frieden zu schlichten , und eine Verschmelzung des Gemeinwesens herbeizuführen , war nicht bloß das Geschäft der mit Lösung der Aufgabe unmittelbar beauftragten Staatsmänner , sondern die Sorge jedes einsichtigen Patrioten , und Medon schien sich hier in seinem eigentlichen Felde zu bewegen , während er andern Gegenständen der menschlichen Betrachtung oft mehr nachgiebig und geschickt , als wahrhaft und aufmerksam folgte . Die Meinungen , wie das Neue zum Alten zu stellen sei , waren sehr mannigfaltig , doch konnte man drei Hauptrichtungen unterscheiden . » Wir haben erobert « , so ließ sich ein Mann von entschloßner Gesinnung zu öfterem vernehmen , » warum zögern wir also , nach dem unter allen Völkern und zu allen Zeiten üblich gewesenen Eroberungsrechte zu verfahren ? Der Sieger gibt seine Einrichtungen , seine Gesetze , ja , wo Verschiedenheit der Sprache obwaltet , nicht selten auch diese dem Besiegten . Der Sinn aller Kriege und Umwälzungen ist nur der , daß die den Völkern zugeteilten Fähigkeiten und Eigenschaften nach der Reihe im weiteren Kreise herrschend werden , und den Gang der Ereignisse bestimmen sollen . Auf solche Weise wird die in der einen Richtung müde gewordne Welt durch eine andre erfrischt , und das ist der Grund , warum das Reich von den Römern zu den Germanen kam , darauf die spanische Herrschaft folgte , und den Franzosen demnächst auch ihre Rolle gegeben wurde . Der Sieg soll den Zwang in seinem Gefolge haben , nur dadurch kann er sich als gerecht betätigen . Wieviel mehr als andre sind wir aber in diesem Falle , da es hier nur gilt , den nunmehrigen westlichen Brüdern ein ihnen von fremder Hand vor kurzem aufgedrücktes Gepräge wieder abzunehmen , und ihnen dagegen eine stammverwandte Gestalt zu geben ? Jetzt erst sind sie in die rechte Stellung zu Deutschland gekommen , sie sind Deutsche geworden , und es wäre wahrlich eine verdammliche , ihnen selbst den größten Schaden bringende Schwäche , wenn man ihnen aus Furcht vor den Regungen einiger Egoisten die Segnungen der Nationalisierung vorenthielte . « Indem er diese Ansichten weiter ausführte , vertrat er die Notwendigkeit einer schnellen und kräftigen Organisation . Gesetze , Finanzen , Verwaltungs- und Kulturanstalten des alten Landes sollten so rasch als möglich jenen neu herantretenden Staatsgenossen nutgeteilt werden . Ganz im entgegengesetzten Sinne sprach sich ein andrer Staatsmann aus . » Diese Umbildung oder Organisation , wie man dergleichen Gewaltsamkeiten nennt , als wenn man in einer neuen Provinz nur eine tote Masse empfinge , welcher durch den Erwerber erst die Lebensorgane gegeben werden müßten , scheint mir gänzlich außer der Zeit zu sein . Im Grunde rührt jenes System von den Römern her , welche freilich alle überwundne Völker mit der Geißel ihres Rechts und ihrer Verwaltung zu züchtigen pflegten . Jeder spätere Versuch der Art ist nur eine Nachahmung der Maxime des einst weltbeherrschenden Staats gewesen . Am reinsten wurde derselbe von den Spaniern in den Eroberungen der Neuen Welt durchgeführt , wie denn überhaupt die spanische Herrschaft die meiste Ähnlichkeit mit der römischen Tyrannie hatte . Aber um sich zu einer so harten Zwangslehrmeisterstelle berufen zu fühlen , muß man sich für das erste Volk der Erde halten können . Römer und Spanier taten dieses , erstere vom politischen , letztere vom religiösen Stolze getragen . Ohne solchen Wahn , ohne diesen festen und unerschrocknen Fanatismus wird man in jener Bahn immer nur die Rolle des an sich selber zweifelnden Despoten spielen , die schlechteste , welche es gibt . Nun wird doch wohl niemand im Ernste sagen , daß unser achtbarer , aber etwas schmächtiger Mittelstaat jene unermeßliche Befangenheit teile . Wir freun uns des eingetretnen Umschwungs der Dinge , wir wissen , daß wir redlich und nach Kräften an dem Rade der Zeit haben schieben helfen , aber alle Vernünftigen sind von dem Rausche jener begeisterten Jahre ernüchtert , in denen wir freilich glaubten , daß Körners Lieder und die Freiwilligen den Usurpator verjagt hätten . Eine kühlere , aber richtigere Betrachtungsweise ist an die Stelle jener Überspannung getreten . Friedrichs Ehre glänzt bei den Sternen , dort leuchte sie uns fort und fort als heiliges Erinnrungszeichen , aber gefährlich wäre es , sie etwa als Kokarde an unsern Hüten zu tragen ; wir sind bescheidner geworden . Noch weniger glauben wir im Ernste , daß unsre Einrichtungen wirklich die besten seien , im stillen weiß ja jeder Kundige , daß wir so manches nur noch des Herkommens und der Gewohnheit halber mitmachen . Wie sollte es uns also einfallen dürfen , andern mit Gewalt aufzudringen , was uns selbst zum Teil überlästig geworden ist ? « Der erste Redner stellte hierauf mit Lebendigkeit alle die Nachteile dar , welche aus einer so verschiedenartigen Gestalt der öffentlichen Lebensform entspringen müßten . » Wahrlich ! « rief er aus , » wie Öl und Wasser sich nicht mischen , so werden wir , wenn man jenen gelinden und zaudernden Weg verfolgt , das entfernte Besitztum mit uns niemals verbunden sehn , es wird nur unser Scheineigentum sein , welches der erste beste Sturm uns wieder zu entführen droht . Und warum die großen Besorgnisse ? möchte ich doch fragen . Sind wir nicht eines Stammes , muß daher nicht bei ihnen selbst eine Art von Verlangen nach unsern germanischen Einrichtungen bestehn ? « » Das möchte ich doch leugnen « , nahm ein Dritter das Wort . » Wie man über Westdeutschland denken möge , so viel ist gewiß , daß man einen merklichen Unterschied wahrnimmt , sobald man sich dem Stromgebiete der Weser nähert . Bei uns ist alles häuslich , bürgerlich , familienhaft . Arbeit und Erwerb um der Frau und Kinder willen zu unternehmen , nach des Tages Last und Hitze im Kreise der Seinigen auszuruhn , dem Sohne zu einer Stelle , der Tochter zu einer Heirat zu verhelfen , darauf bezieht sich alles Streben der Stände , welche hier , wie überall vorzugsweise das Volk ausmachen . Blickt der Bürger aus seinen vier Pfählen in das Gemeinwesen , so sieht er dasselbe eigentlich nur in der aufsteigenden Beamtenhierarchie , die jedes selbsttätige Eingreifen seinerseits verbietet , und in dem Herrscher , der ihm fast nur wie der oberste Familienvater vorkommt . Kein Adel , oder ein solcher , welcher verschuldet und machtlos , nur zu dienen weiß . Über ein weites plattes Land derselbe Zustand , dieselbe Stimmung verbreitet , höchst achtbar , aber sehr einförmig und ein wenig tonlos . Wie anders wird es , wenn wir durch die Westfälische Pforte gegangen sind ! Erinnrungen der verschiedensten Art beherrschen die Geister der Menschen . Hier lag eine freie Reichsstadt , dicht daneben waltete der Krummstab des Bischofs , unfern gebot ein kleiner Dynast . Nun dauert aber das Gedächtnis einer politischen Vergangenheit länger , als unsre Staatskünstler sich träumen lassen . Weiterhin , in den rheinischen Kreisen , war bekanntlich die Landkarte noch bunter zu den Zeiten des Reichs , welches doch noch kein Menschenalter tot ist . Betrachte man denn eine eigentümliche Folge , welche die Verhältnisse kleiner Staaten in den Menschen erzeugen ! Wenn in einem großen Reiche etwa ein Dutzend Personen zu dem Bewußtsein politischer Würde und Wichtigkeit gelangen , so entsteht auf einem viermal geringeren Raume , welcher von kleinen Staaten besetzt ist , wenigstens das Vierfache jenes Bewußtseins und des daraus entspringenden Sinns für das Öffentliche . Auf Flächeninhalt und Einwohnerzahl kommt es hiebei nicht an . Der Geheime Kammerrat des Beherrschers von wenigen Dörfern und Weilern trägt ein Selbstgefühl mit sich umher , welches dem des Ministers in dem Staate von dreizehn Millionen Einwohnern nichts nachgibt , vielleicht dasselbe noch übertrifft , weil jenen die großen Welthindernisse nicht so bedrängen , wie diesen . Die kleinen Staaten sind untergegangen , aber die Menschen sind geblieben . Die Söhne oder Enkel jener Geheimen Kammerräte , Bürgermeister , Schöffen und Patrizier leben , und wollen an ihrem Teile die Stelle der Väter und Ahnen einnehmen . Im Dienste des großen Reichs , welcher ihnen nun offensteht , gelangen aber nur sehr wenige , ich wiederhole es , zu dem Gefühle eigner Wichtigkeit im ganzen Staatsbetriebe , der unendlich größeren Mehrheit bleibt die Last des passiven Gehorsams ohne Ruhm und Auszeichnung . Was folgt also hieraus ? In einer großen Zahl von Menschen entspringt dort die Neigung , sich neben dem Staate , allenfalls auch wider denselben stehend , geltend zu machen . Nimmt man nun noch dazu einen hohen und reichen Adel , der jene Gegenden mit bevölkern hilft , und der keinesweges willens ist , sich so ganz leidend in die uniforme Staatseinheit verschlingen zu lassen , vielmehr eher den Wunsch hegen möchte , sich zu einer neuen Art feudalistischer Zwischenmacht zu erheben , bedenkt man , daß bis zu den jüngsten Zeiten in den dortigen Gegenden auch unter Bauern und Kleinbürgern so manche Reste unabhängiger Selbstregierung fortdauerten , und bringt man schließlich in Anschlag , daß wir zum Teil von Slawen , Sarmaten , Wenden und Longobarden , jene aber von Sachsen und Franken abstammen , so wird man wohl fühlen , daß so bedeutende Gegensätze nicht wohl mit einem Federzuge ausgestrichen werden können . « Mehrere , welche jene Gegenden kannten , stimmten dem Redner bei , und sagten , daß auch ihnen dort ein größerer Sinn für das Öffentliche , dagegen ein völliger Mangel eigentlichen Familienlebens bemerklich gewesen sei . » Gewiß « , versetzte jener , » und wenn uns dieser Mangel namentlich am Rheine , unangenehm berührt , so können wir dagegen dem höheren Gemeingefühle der dortigen Menschen Achtung nicht versagen . Die Angelegenheiten der Stadt , des Kreises , der Provinz sind dort wirklich mehr zugleich auch Sache der Einzelnen , als bei uns . Man kollektiert , petitioniert , stiftet Vereine aller Art , ein jeder sucht , wo irgend möglich , in das Ganze mit einzugreifen . Darum hat auch das französische Wesen , wo es dort noch besteht , tiefere Wurzeln geschlagen , als mancher hier sich denkt . Denn , man sage über dasselbe , was man will , es schmeichelt der Eitelkeit , der persönlichen Selbstschätzung , kurz jenen Eigenschaften , welche so nahe mit dem politischen Streben verwandt sind . Unsre Einrichtungen sind dagegen alle auf eine gewisse Selbstentäußerung berechnet , sie sind patriarchalischer Natur und müssen uns ehrwürdig sein . Für die Anwohner des großen Stroms sind sie aber keinesweges gemacht , sie würden ihnen schwach und lax , und dann doch auch wieder hart und quälend erscheinen . Daß ich übrigens keinesweges jene Landgebiete auf Kosten unsrer Provinzen loben will , muß ich ausdrücklich hinzufügen . Mich verblendet kein Advokaten-und Rednergeschwätz , und mir ist , während ich mich dort aufhielt , das seichte , oberflächliche , unruhige Wesen , der Hang zum Verleumden und Verkleinern , die Geistesdürre und die Gemütskälte nicht entgangen , wodurch man sich dort , wie überall , wo eine politische Regung herrscht , angewidert fühlt . Nur sage ich nochmals : Sie sind nicht , wie wir , warum sollen sie so scheinen ? Saladins Wort , es sei nicht nötig : Daß allen Bäumen eine Rinde wachse ! paßt auf die Völker noch in einem weit höheren Grade , als auf die einzelnen Menschen . « Man versagte dieser ganzen Auseinandersetzung den Beifall nicht , doch vereinigten sich auch die bedeutendsten Stimmen in der Überzeugung , daß , wenn dem auch so sei , die Dinge nicht so bleiben könnten , da die neueren Regierungsgrundsätze durchaus eine gewisse innere Einheit der verschiednen Bestandteile des Staats verlangten . Ein Mann von gemäßigter Denkungsart schlug einen Mittelweg vor . » Die Revolution « , sagte er , » hat eigentlich die jetzige Gestalt der dortigen Distrikte bestimmt , was uns entgegenzustehn scheint , sind doch nur ihre Erzeugnisse . Ich sage scheint , denn in der Wirklichkeit möchten die Kontraste nicht so unvereinbar sein . Wir haben während der schlimmen Jahre , wo es galt , jedermann auf seine Füße zu stellen , damit er , wenn der Tag der Entscheidung käme , Lust hätte , sich totschießen zu lassen , auch unsererseits revolutioniert , wenngleich auf eine stille gesetzliche Weise . Wie nun bei jenen vielleicht ein Schritt zu weit getan ist , so könnten wir noch einige vorwärts tun . Wir könnten den Besitz der neuen Provinzen zu einer Art von Tauschhandel benutzen , ihnen von uns , und uns von ihnen anzueignen , was jeder des Guten hat , auf diese Weise aber eine fortschreitende Reform des ganzen Reichs bewirken . « Der Vorschlag hatte eine gefällige Außenseite , als man aber zu der Anwendbarkeit desselben im einzelnen überging , zeigten sich grade die meisten Schwierigkeiten , wie dies bei allen Mittelwegen einzutreffen pflegt . Diese und ähnliche Gespräche wurden an vielen Abenden im Hause Medons geführt . Er selbst verhielt sich dabei kritisch oder referierend , vermehrte durch geschickte Einwürfe die Menge der Streitpunkte , oder faßte die Darstellungen der Redenden in lichtvollen , oft glänzenden Übersichten zusammen , wodurch denn freilich die Untersuchung nicht weiter gedieh . Seine eigne Meinung , was zu tun sei ? verbarg er , denn er hatte eine solche , und eine sehr bestimmte , wie er nicht selten merken ließ . Da man nun von seiner Einsicht groß dachte , und deshalb oft eifrig in ihn drang , sich auszusprechen , er aber immer den Fragenden gewandt zu entweichen wußte , so hatte ihm der heimliche Spott , der als Landesfrucht auch an dieser Tafel nicht fehlen durfte , den Spitznamen des Abbé Sieyès beigelegt . Johanna nahm in der Regel ein Buch zur Hand , wenn die Herrn sich in ihre administrativ-politischen Gespräche vertieften . Nur wenn Medon zu reden begann , schien sie ein Zwang zu ergreifen , welcher sie nach fruchtlosen Versuchen , fortzulesen , trieb , ihm zuzuhören . Mit einer Mischung von Wohlgefallen und Schmerz tat sie dies , sie konnte lächeln , während ihr Mund vor Pein zuckte . Hermann betrachtete sie mit inniger Teilnahme , obgleich er durchaus nicht wußte , wo er ihr Unglück finden solle . Denn die Verhältnisse des Hauses waren glänzend , die angesehensten Personen suchten die schöne , merkwürdige Frau eifrigst auf , der Gatte behandelte sie mit einer Achtung , die an Ehrfurcht grenzte . Daß sie gewissermaßen dem herzoglichen Hause entführt worden war , schadete ihrem Rufe in einer Welt nicht , welcher alles Gewürz zu den Lebensumständen lieb und angenehm war . Der Verdacht der Herzogin endlich hatte keinen Grund ; Hermann überzeugte sich aus dem Kirchenbuche , daß beide wirklich ehelich verbunden und vom Priester eingesegnet worden waren . Die Staats- und Regierungsfragen , welche er hier aufwerfen , wenn auch nicht beantworten hörte , beschäftigten ihn selbst angelegentlich . Wurden auch keine Resultate erzielt , die Tatsache drängte sich ihm unwiderstehlich auf , daß er inmitten eines großen Verbandes sei , welcher sich von Rußland nach Frankreich erstreckte . Es konnte nicht fehlen , daß das Gefühl solcher Umgebung auch in ihm lebendige Wirkungen hervorbringen und den Tätigkeitstrieb anfachen mußte , welcher allen jungen Männern eingeboren ist . Eines Abends , als die Gesellschaft das Zimmer verlassen hatte , war er mit Medon und Johanna allein zurückgeblieben . » Sie haben « , sagte er zu Medon , » auch heute uns Ihres Zutrauens in betreff jener allgemeinen Angelegenheit nicht gewürdigt . Sein Sie wenigstens offner , wenn ich für meine Person von Ihnen einen Rat begehre . Ich sehe um mich her alles betriebsam , wirkend ; ich selbst aber verzehre mein Geld , verzettle doch im Grunde nur meine Tage und kann nicht leugnen , daß ich mich unbehaglich zu fühlen beginne . Ich habe schon wieder an den von mir so rasch verlaßnen Staatsdienst gedacht . « Medon schwieg einige Zeit , dann hob er an : » Und doch würden Sie in einen zweiten , härteren Irrtum verfallen , wenn Sie diesem Gedanken die Ausführung gäben . Wie ich Sie kenne , sind Sie nicht geschaffen , zu dienen , am wenigsten hier , wo , man mag sagen , was man will , doch meistens nur der Zufall , der Schlendrian , und die geschmeidige Charakterlosigkeit zu den Stellen emporführen , in welchen ein Mann von Geist und Talent ausdauern kann . Indessen wüßte ich einen andern Weg , Ihr Feuer , Ihre Kenntnisse und Rednergaben der Welt nützlich zu machen , Sie mit der Welt in eine werktätige Verbindung zu setzen . « » Und der wäre ? « fragte Hermann gespannt . Johanna rückte unruhig näher . » Es ist mir ein schönes Gut im Badenschen zum Kauf angeboten , dessen Besitz die Landtagsfähigkeit gibt . Ich kann von diesem Eigentume obgleich die Bedingungen äußerst billig sind , keinen Gebrauch machen . Wollen Sie es erwerben ? Ein Teil des Preises darf stehnbleiben . Meine Verbindungen in dortiger Gegend sind ziemlich ausgebreitet . Ich will Ihnen allenfalls dafür haften , daß Sie in die Kammer gewählt werden sollen . Die nächsten Sitzungen werden aller Wahrscheinlichkeit nach wichtig und erfolgreich sein , kurz die glänzendste Bahn liegt , wenn Sie auf diesen Vorschlag eingehn , Ihren Fähigkeiten offen . « Johanna erhob sich . » Laß das ! « rief sie Medon mit einem Tone zu , welchen Hermann noch nicht von ihr vernommen hatte . » Er gehört hieher und in einen ordentlichen ehrlichen Beruf « , fuhr sie ruhiger fort . Medon schien anfangs etwas bestürzt zu sein . Bald aber faßte er sich , und sagte , als Johanna das Zimmer verlassen hatte : » Meine Frau hat oft die seltsamsten Launen , und ist dann nicht imstande , sich zu gebieten . Gleichwohl würde sie ohne dieselben nicht die schöne Empfindungsfähigkeit haben , um welche ich sie so unaussprechlich liebe und verehre . « Sechstes Kapitel Der Gedanke , badenscher Volksdeputierter zu werden , hatte , so unerwartet und seltsam er Hermann anfangs vorgekommen war , dennoch bald für ihn etwas Reizendes . Er las die Papiere , welche ihm Medon mitgeteilt , achtsam durch , und konnte an manchen darin enthaltnen Winken abnehmen , daß eine rührige Partei ein geschicktes Werkzeug suche , welches man aus unbekannten Gründen am liebsten im Auslande finden zu wollen schien . Dies machte ihm die Sache noch anziehender . Man will behaupten , daß er aus der großen Bibliothek damals mehrere Bände englischer Parlamentsverhandlungen und französischer Journale erborgt , und wenigstens angefangen habe , in diesen Musterurkunden zu studieren . Ein Blick auf die nächsten Verhältnisse überzeugte ihn wirklich , daß Medon wenigstens darin recht gehabt habe , ihm den Eintritt in diese zu widerraten . So sehr man Persönlichkeit , Geist , Talent als gesellige Tugenden achtete , eine so verschiedne Gestalt nahmen die Dinge an , wenn die Rede vom Dienste des Landes war . Dann trat behutsam und indirekt , aber ganz unzweideutig die alte Furcht vor dem Genie auf , mit welchem man in Amt und Stelle nichts zu schaffen haben mochte . Auch nahm er binnen kurzem wahr , daß , wenn man nicht das Glück hatte , einer der Familien anzugehören , in welchen sich die Befördrung sozusagen erblehenartig machte , ein rasches Fortkommen zu den seltensten Zufälligkeiten gerechnet werden mußte . Gern hätte er sich mit Johanna , die ihn seit jenem Auftritte mit zweifelnder Miene betrachtete , verständigt , sie wich aber allen Erklärungen aus , und sagte nur einmal in Selbstvergessenheit zu ihm : » Wer sich das Netz über den Kopf werfen läßt und merkt es nicht , verdient kein Mitleid ! « Es war noch so manches , was ihn jetzt in diesem Kreise befremdlich anstieß . Zuerst , daß er sah , wie es Mode geworden war , auf eine jüngstvergangne Zeit voll Glut und Erhebung vornehm hinunterzublicken . Man schämte sich fast der verübten Großtaten , wie wilder Studentenstreiche ; die Helden jener Epoche wurden von allen Seiten kritisch beleuchtet , sie waren unbequem geworden , und das berüchtigte Gleichnis , daß in dem denkwürdigen Jahre jeder zum Kampf geeilt sei , pflichtmäßig , wie der Bürger bei entstandnem Feuerlärmen zur Spritze , erfreute sich vieler eifriger Verehrer . Einstmals traf er mit einem Bewohner der westlichen Gegenden zusammen , welcher gekommen war , ein persönliches Anliegen durchzusetzen . Er merkte ihm bald ab , daß der Mann zu den Unzufriednen gehörte . Auf seine Fragen , worüber man sich denn dort zu beschweren habe ? versetzte der andre derb : » Zum Henker , über die Unredlichkeit ! Wir sind so oft umgemodelt worden , daß wir uns auch jetzt wieder eine Verändrung gefallen lassen würden . Aber was macht man ? Die Formen läßt man bestehn , und in der Sache tun sie hier denn doch , was den hiesigen Grundsätzen gemäß ist . Dadurch sinkt die Achtung vor den Gesetzen und vor der Verfassung , denn man sieht , daß diese nur ein Spielzeug sein soll , welches man dummen und blöden Kindern in Händen läßt , damit sie nicht schrein . Viele sind darüber verdrießlich und in manchem ist eine noch üblere Stimmung erzeugt worden . « Als er sich nach dem Näheren erkundigte , hörte er von mehreren Fällen , welche die Klage des Unzufriednen zu bestätigen schienen . Besonders sollte dieses zweideutige System in einer Sphäre befolgt worden sein , mit deren Vorstande er zufällig näher bekannt geworden war , weil er zu den fleißigsten Besuchern des Medonschen Hauses gehörte . Er nahm sich vor , von Medon , den er oft in tiefen vertraulichen Gesprächen mit jenem Staatsmanne bemerkt hatte , über die Angelegenheit Erkundigung einzuziehn . Als er dies tat , maß ihn Medon mit den Augen , und gab keine bestimmte Antwort , welche er überhaupt im Augenblicke irgendeiner bedeutenderen Frage immer zu vermeiden pflegte . Allein nach einigen Tagen ließ er sich auf einem Spaziergange so gegen Hermann aus : » Wir leben in der unumschränktesten Monarchie , welche vielleicht jetzt auf der Erde besteht , und selbst unsre östlichen Nachbarn können in dieser Hinsicht neben uns nicht genannt werden . Ich heiße unsern Staat so , weil das Volk in ihm von jeher nicht viel bedeutet hat , wir vielmehr von den Erinnrungen an einige große Regenten zehren , die das wundersame Geschick grade auf dieser dürftigen Erdscholle geboren wissen wollte . An diesen Erinnrungen hängt unser Dasein , aus ihnen ist Sturz und Wiederherstellung des Reichs hervorgegangen . Der Träger der obersten Macht ist alles bei uns , seiner Entscheidung und Beschlußnahme würde mit Erfolg weder ein Gemeingefühl der Beherrschten , noch die hemmende Kraft selbständiger Institutionen , auch wenn man die Absicht hätte , sie zu schaffen , entgegentreten können . So ist es , und so muß es sein , wenn wir uns erhalten wollen . Da wir nun aber gegenwärtig den sogenannten Geist der Zeit zu schonen haben , so scheint mir eine Verfahrungsweise , wie Sie mir sie schildern , nicht so übel zu sein ; daß man nämlich den jüngsten Kindern des Hauses die Formen läßt , welche sie liebgewonnen haben , in den Sachen aber autokratisch nach alten Prinzipien beschließt . « Hermann widersprach diesen Ansichten lebhaft , welche er im Fortgange eines ziemlich eifrig werdenden Gesprächs Machiavellismus nannte . Worauf Medon versetzte , daß er den Machiavell für einen der größten Staatsweisen halte , welche es je gegeben , und daß er der Zeit Glück wünschen wolle , wenn ihr wieder so ein Kopf beschert würde , welcher das eigentliche unter den politischen und administrativen Phraseologien versteckte Gewebe des jetzigen öffentlichen Seins aufzudecken tüchtig genug wäre . » Übrigens weiß ich nicht « , fuhr er mit einer abbrechenden Wendung fort , » ob man so verfährt , wie Sie sagen , und so verabscheuungswürdig finden . Den Unzufriednen ist nirgends zu trauen . « Dieses Gespräch verflatterte sonach , gleich den meisten , die er mit Medon geführt , zuletzt in Luft ; das einzige , was ihm in seinem Umgange mit diesem bedeutenden Manne mißfiel . Denn sonst zog ihn alles nun immer mächtiger zu ihm hin , Wissen , Beredsamkeit , Kraft , ja selbst der Blick des hellblauen Auges , welches , wenn Medon in Eifer geriet , im eigentlichen Sinne des Worts blitzte , so durchdringend wurde der Glanz desselben . Hermann teilte hierin nur die Stimmung sämtlicher jüngeren Leute , welche in großer Anzahl bei Medon aus- und eingingen . Er schien den Verkehr mit diesen besonders zu lieben . Sie dagegen ahneten hinter seinen Andeutungen und Winken etwas Außerordentliches , welches um so reizender für sie war , als sie sich von der Gestalt desselben keine Rechenschaft zu geben wußten . Da er nun in jedem das Selbstgefühl durch Lob und Ermuntrung ungemein zu steigern wußte und ihren Talenten die schimmerndsten Kreise anwies , so hatte er um sich eine Art von Hofstaat versammelt , welcher sich in angenehmen Gedanken und schönen Erwartungen von Tag zu Tage gehnließ . Siebentes Kapitel Er hatte indessen immer tiefere Blicke in die