die Nothwendigkeit des Ersparens angegeben , weil das Vaterland so vieler Opfer bedürfe , und er bemerkte oft , daß es ein peinliches Gefühl sei , sich unnütze Ausgaben zu erlauben , indeß , sagte er , unser erhabenes Königshaus ein so edles Beispiel des Entsagens giebt . Es war dieß gewiß die innere Empfindung des Grafen , aber er benutzte die Gelegenheit auch gern , sich von dem Umgange mit dem benachbarten Adel zurück zu ziehen , denn es war ihm nicht unbekannt geblieben , wie viele Gespräche über seine Gemahlin der unangenehme öffentliche Auftritt zwischen derselben und ihrem Bruder bei dem Friedensfeste des Baron Löbau veranlaßt hatte . St. Julien theilte dem Grafen den Brief seiner Mutter mit , und beide Männer sahen seufzend ein , daß die Trennung nothwendig und nah sei . Der Graf gestand sich trauernd , daß er die Lücke nicht auszufüllen vermöchte , die durch des jungen Mannes Entfernung in seinem Herzen entstehen würde , aber er verschwieg diesen Kummer , und so waren Alle scheinbar heiter und Jeder suchte dem Andern den Schmerz über die nahe Trennung zu verbergen , um die letzten Stunden des Beisammenseins in ungetrübtem Frohsinn zu genießen . IX Es war ein schöner Sonntagnachmittag im Herbste des Jahres achtzehnhundert und sieben , als der Doktor Lindbrecht nach einem mäßigen Spaziergange seinen Freund , den Pfarrer , besuchte und sich an dessen Theetisch in der Ecke eines Sophas behaglich lehnte , um aus der von St. Julien erhaltenen Pfeife den Rauch in gelinden Wolken im Zimmer zu verbreiten . Das auffallend große , goldne Mundstück derselben , so wie die überladene Verzierung mit Ketten , Quasten und Schnüren in allen Farben , sagte seinem Geschmacke zu . Lächelnd betrachtete er oft den funkelnden Brillanten an seinem Finger , nahm zuweilen aus der auf dem Tisch stehenden goldnen Dose Tabak und zog die schon zu weit hervorstehende feine Wäsche noch ein wenig mehr heraus , indem er mit gutmüthigem Hochmuth seinem Freunde erzählte , der Graf habe nach der Genesung der Gräfin seinen Gehalt ansehnlich vermehrt und St. Julien außer dem Geschenke zum Andenken ihn noch für die Heilung seiner Wunden großmüthig belohnt , so daß ich mich jetzt , schloß er , für einen reichen Mann halten und vielleicht bald an eine vernünftige Heirath denken kann . Der Pfarrer ging eben im Kopfe alle seine Bekannten durch , die er vielleicht zu dieser Verbindung empfehlen könnte , als der Schulze des Dorfes mit Geräusch eintrat , den Sonnenschein der Heiterkeit in allen Mienen . Der kräftige Landmann übersah in der Freude das strenge Gesicht seines Seelsorgers , womit dieser den lauten , unehrerbietigen Eintritt tadeln wollte , und rief : Gott segne Sie , Herr Prediger ! Meine Mutter hatte Recht , als sie sagte : Peter , geh Du zum Herrn Pfarrer , der schafft Deine Base heraus , mag sie stecken , wo sie will ; dieß Wort der guten alten Frau ist wahr geworden , Sie haben die Base herbeigeschafft . In der That , fragte der Geistliche , wird sie kommen ? Sie ist schon hier , erwiederte der Schulze freundlich , und als eine vornehme Madame ist sie angekommen , sie wird auch gleich hier bei Ihnen sein , sie wollte selbst mit Ihnen über die Erbschaft sprechen . Sehen Sie , da kommt sie mit meiner Mutter und ihrer Tochter . Der Pfarrer trat zum Fenster und auch seine Gattin kam neugierig herbei , so wie alle Kinder ; nur der Arzt blieb in philosophischer Ruhe in seiner bequemen Lage , denn ihn regte die Neugierde wenig an , die Verwandte eines Plebejers , eines Bauern zu sehen . Die Frau des Predigers lächelte ein wenig über den überladenen und für ihr Alter nicht anständigen Putz der Ankommenden , der aber doch von großer Wohlhabenheit zeigte . Eine ziemlich wohlbeleibte Frau näherte sich mit etwas zu weit ausgreifenden Schritten dem Pfarrhause ; ihr Kleid von hellfarbiger Seide hatte sie etwas hoch aufgehoben , um nicht im Gehen gehindert zu werden ; die blaufarbigen Bänder der Haube flatterten im Winde und mischten sich mit rothen Rosen , die den Kopfputz verzierten . Die Mutter des Schulzen war in ihrer sonntäglichen Kleidung , und Beiden folgte ein junges , weißgekleidetes Mädchen , deren großer Strohhut ihr Gesicht nicht bemerken , aber deren sehr schlanke Form auf große Jugend schließen ließ . Der Pfarrer wußte nicht recht , ob er den Ankommenden wie seines Gleichen entgegen gehen oder den Eintritt der Verwandten eines Bauern ruhig erwarten sollte . Er entschied sich für das Letztere , doch that es ihm alsbald leid , als er mehrere Schnüre echter Perlen um den sonnverbrannten Hals der Eintretenden bemerkte . Die drei Frauen hatten das Wohnzimmer des Geistlichen betreten , und die Fremde sagte mit etwas durchdringender Stimme : Nehmen Sie es nicht übel , Herr Prediger , daß wir Ihnen beschwerlich fallen . Der Arzt hatte sich um die Ankommenden nicht gekümmert und war , in Gedanken versunken , sitzen geblieben . Der Ton der Stimme aber , mit welcher die wenigen Worte gesprochen wurden , zuckte wie ein elektrischer Schlag durch alle seine Nerven , und er sprang auf und stand nahe vor der Angekommenen , ohne daß er es wußte . Diese betrachtete ihn einen Augenblick , schlug die Hände zusammen und rief : Ist es möglich , kann es sein , muß ich den Hasenfuß hier antreffen ? Der Arzt sprang beleidigt zurück . Na , sei Er nicht böse , rief die Fremde , indem sie ihm die Hände entgegenstreckte und sich nicht bemühte , die Thränen zurück zu halten , die reichlich über ihre vollen , braunrothen Wangen flossen ; Er wird sich ja nun wohl die Hörner abgelaufen und von einer Tante , die es gut mit ihm meint , ein Wort vertragen gelernt haben ? Der Arzt wußte nicht recht , wie ihm geschah . Frau Base , stammelte er und wollte die dargebotene Hand mit Höflichkeit küssen ; er wurde aber wohlmeinend an eine volle Brust gezogen , mit kräftigen Armen , denen sich nicht widerstehen ließ , umschlungen und drei bis vier Mal schallend geküßt , indem er die noch immer fließenden Thränen warm an seiner Wange fühlte . Diese unverkennbaren Zeichen des Wohlwollens brachten auch ein Gefühl der Rührung bei ihm hervor . Frau Base , sagte er , Sie haben Ihren Sinn gegen mich christlich geändert . Er war ja ein Narr , antwortete seine Verwandte , indem sie ihre Thränen trocknete ; er bildete sich in seinem überstudirten Kopfe ja nur dummes Zeug von mir ein . Ich habe es immer gut mit Ihm gemeint , so wie mein alter , guter seliger Mann . So ist mein Oheim gestorben ? fragte der Arzt mit Bestürzung . Ja wohl , erwiederte die Wittwe , und bis zum letzten Augenblicke seines Lebens hat er nicht aufgehört an Ihn zu denken , für ihn zu sorgen , und ich kann es Ihm sagen , wie Er von Jena weggegangen war und Niemand wußte , wo Er geblieben wäre , haben wir oft bitterlich geweint und es bereut , daß wir Ihn so in die Welt hatten hinein laufen lassen , und mein Alter sagte oft : Es ist zu hart , daß wir ihm nicht geschrieben haben ; der arme Mensch hat alles Vertrauen zu uns verloren , wir hätten ihm seinen Fehler vergeben sollen ; wer weiß , in welchem Elende er umgekommen ist . Solche traurige Gedanken hatten wir über ihn , und nun , Gottlob ! finde ich Ihn hier ausgeputzt wie den Großtürken . Der Pfarrer und seine Familie umstanden die beiden sich erkennenden Verwandten , und es gelang dem Ersten endlich , einige Ordnung in die Gespräche zu bringen . Die Frau Professorin wurde , so bald sie als solche erkannt war , eingeladen , auf dem Sopha neben ihrem Neffen Platz zu nehmen , wogegen sie sich nicht sträubte . Das junge Mädchen in ihrer Begleitung wurde von ihr als ihre Tochter bezeichnet und gesellte sich zu den Töchtern des Predigers , auf deren Aufforderung sie den großen Strohhut abnahm und ein feines , blasses Gesicht mit großen blauen Augen zeigte , die sie schüchtern beinah nach jeder Bewegung auf die Mutter richtete , die ziemlich streng das Betragen der Tochter zu regeln schien ; starke Flechten von hellblonden Haaren vollendeten das Bild des jungen Mädchens , das im Ganzen einen angenehmen Eindruck hervorbrachte . Als diese Gäste Platz genommen hatten , sah sich der Pfarrer verlegen nach dem Schulzen und seiner Mutter um , die er nicht zu seiner Gesellschaft zählen und auch als Verwandte der Fremden nicht beleidigen wollte . Sie waren aber schon bereit , sich zurück zu ziehen ; denn wenn sie auch ihre vornehmen Verwandten mit Stolz betrachteten , so wußten sie doch , daß sie sich dem Geistlichen nicht als Gesellschaft aufdrängen konnten . Der Arzt konnte sich noch immer in das , was ihm begegnet war , nicht recht finden , und der Prediger suchte das Gespräch auf die Angelegenheiten und auf die Begebenheiten der Frau Professorin zu leiten . Sie war , wie alle Leute ohne Erziehung , gleich bereit , auf Beides offenherzig und umständlich einzugehen , und erzählte : Wie ich in Gießen vor funfzehn Jahren eintraf und nach meinem Vaterlande zurückkehren wollte , beschädigte ich mich beim Absteigen vom Wagen so stark am Fuße , daß ich nicht weiter konnte und einige Wochen da bleiben mußte , um das Bein zu heilen . Während der Zeit hatte ich einige gute Freunde gefunden , die mir sagten , ein gewisser Professor , der sich vor lauter Gelehrsamkeit um nichts Anders bekümmern könne , suche eine Haushälterin , auf deren Treue er sich verlassen könne , denn er sei ein Mann von Vermögen . Ich sagte zu mir , was willst du zu Hause machen ? Das Bauernleben bist du doch nicht mehr gewohnt und suchst dann doch wohl wieder einen Dienst , also besser gleich hier geblieben . So geschah es dann und ich nahm die Stelle bei dem guten alten Manne an ; aber , lieber Herr Prediger , was war bei dem für eine Wirthschaft ! Jeder bestahl ihn , Jeder betrog ihn , seine Kollegia wurden ihm nicht bezahlt , sein Geld nahmen ihm Heuchler und Betrüger ab , kurz , es ging Alles drunter und drüber . Ich konnte das nicht mit ansehen . Zu seinem Besten zankte ich mich mit ihm alle Tage , aber es half nichts , er konnte sich nicht ändern . Ich stellte ihm hundert Mal vor , daß er auf diesem Wege ein verlorner Mann sei , und rieth ihm , eine Frau zu nehmen , die Gewalt über ihn habe und ihn in Ordnung halten könne , denn ich als seine Haushälterin könne darin nichts thun . Seine Blutsauger lachten mich nur aus , wenn ich sein Geld eintreiben wollte ; er sah Alles ein , gab mir Recht , aber konnte sich immer nicht entschließen . Endlich hatten wir uns ein Mal wieder tüchtig gezankt und ich sagte ihm , wenn er keine Frau nehmen wolle , so würde ich auch nicht bei ihm bleiben , denn ich könne die unordentliche Wirthschaft nicht länger mit ansehen . Da sagte der gute Mann , was brauche ich denn in der Ferne zu suchen , was mir so nahe im Wege liegt . Wir können uns ja gleich selber heirathen , meine gute Leonore , wenn es nöthig ist , eine Frau zu nehmen , um Ordnung im Hause zu haben . Ich war anfänglich ganz bestürzt über seine Rede ; wie ich es aber gehörig überlegt , fand ich , daß er ganz recht hätte . Ich erkundigte mich , ob er nahe Verwandte habe . Niemanden , sagte er , als einen Schwestersohn , der bald hieher auf die Universität kommen wird , um unter meiner Anleitung Theologie zu studiren , und für den ich wie ein Vater zu sorgen denke . Nun , dachte ich , für den wird es auch besser sein , wenn er zugleich eine Muttr findet , denn ich dachte nicht , Herr Prediger , wie ich mich mit dem alten Herrn Professor zu dessen Bestem verheirathete , daß uns Gott noch Kinder schenken würde . Na , wie gesagt , so gethan , wir waren ein Paar , ehe der Trotzkopf dort ankam . Ich sah es wohl , dem war die Frau Base nicht recht , nicht vornehm genug , aber ich dachte , das wird sich schon geben ; findet er nur täglich seinen Tisch gedeckt und gute Klöße in der Suppe , so wird er wohl einsehen , daß sein Oheim vernünftig darin gehandelt hat , für eine Pflegerin im Alter zu sorgen . Aber der Mensch war wie verhext ; je mehr ich ihm Alles nach dem Munde einzurichten suchte , um so gröber wurde er und blinzte immer tückischer mit den kleinen Augen . Das bemerkte selbst mein guter Mann , der sonst auf wenig achtete , und ich hatte oft genug zu thun , um ihn zufrieden zu sprechen . Ich sagte ihm oft : Jugend hat keine Tugend , wenn er mehr zu Verstande kommt , wird ihm der dumme Hochmuth vergehen . Aber es wurde täglich schlimmer . Endlich schrieb er gar meinem Manne , daß er umsatteln und auf die Doktorei studiren wolle . Sie wissen , Herr Prediger , jeder Mensch liebt seine Profession , und ich dachte , meinen alten Mann würde der Schlag rühren , wie er den Brief las , denn Der hatte schon das Versprechen erhalten , daß man ihn in eine schöne Pfarre einschieben wolle , wenn er ausstudirt haben würde . Lorchen , sagte der gute Mann zu mir , ich fürchte für meine Gesundheit , wenn ich den Undankbaren spreche ; übernimm Du es , ihm sein Unrecht zu zeigen . Ich that das gern für den alten Mann und wollte dem Springinsfeld zeigen , daß er sein Stipendium und Alles verlieren müßte , wenn er nicht geistlich bliebe . Aber der war grob wie ein Kannibale und führte so anzügliche hebräische Redensarten , von denen er behauptete , sie ständen in der Bibel , daß mir endlich , wie er gar dem Apostel Paulus seine Grobheit zuschieben wollte , auch die Galle überlief und ich ihm tüchtig meine Meinung sagte . Am andern Morgen war der Brausekopf auf und davon , und wir weinten hinterdrein , und ich weinte noch mehr , wie meine Tochter nach wenigen Tagen geboren wurde , denn nun konnte er nicht Gevatter stehen bei dem Kinde , wie ich ich es immer mit seinem Oheim ausgemacht hatte . Mein guter Mann sah , wie mich das Alles kränkte , und schrieb nach Jena an einen guten Freund , den er dort hatte , und der richtete es so ein , daß dem Neffen alle Unterstützung zukam , die er durch uns bekommen konnte , bald als Geschenk für eine glückliche Kur , bald auf andern Wegen , so daß wir wußten , es ginge ihm dort nichts ab . Er blieb lange in Jena , ohne uns weiter zu schreiben , als ein Mal . Mein seliger Mann wartete immer auf Briefe und dachte ihm dann zu vergeben ; denn für ihn schickte es sich doch nicht , mit der Vergebung aller Grobheit dem Neffen entgegen zu kommen ; wer aber nicht schrieb , das war der übermüthige Patron , und so blieb es viele Jahre , bis man auf ein Mal meinem alten Manne meldete , der Vogel sei ausgeflogen . Er war aus Jena verschwunden und Niemand wußte , wo er geblieben war . Ich weiß nicht , fuhr die gute Frau ernsthaft , den Kopf schüttelnd , fort , ob mein lieber Vetter alle die Thränen verdient hat , die sein guter seliger Oheim um seinet Willen weinte . Vor zwei Jahren , wie der gute Mann sein Ende nahe fühlte , sagte er zu mir : Lorchen , wenn Du meinen Neffen auffinden kannst , so laß ihm doch aus meinem Nachlasse die Bibliothek und die Naturaliensammlung zukommen , wenn Du es glaubst , daß unser Kind es entbehren könne . Ich antwortete ihm , unsere Marie würde , wenn sie die Jahre hätte , wohl ohne die Bücher und all den Kram einen guten Mann finden , und ich wollte es dem Neffen geben . Er fragte mich , ob er darüber etwas aufzeichnen solle ; ich antwortete aber , daß es ihm bewußt sei , daß ich keine Heidin wäre , und daß es keiner Schreiberei bedürfe , um seinen Willen zu erfüllen . Darauf ist Sein Oheim gestorben , lieber Vetter , und er kann alles das Zeug nun haben . Wie , rief der Arzt erstaunt , die ganze Bibliothek , das ganze Naturalienkabinet ? Alles , erwiederte seine Verwandte , die Bücher , die Steine , die ausgestopften Vögel und andern Thiere . Es hat mir Mühe genug gekostet , alles das Vieh zu erhalten , und Gott weiß , ob nicht doch die Motten die Kreaturen gefressen hätten trotz des vielen Pfeffers und Lavendels , der daran gewandt wurde , wenn sich nicht ein Paar von meinen Herren Kollegen der Sache angenommen hätten . Sie waren immer Freunde des Seligen gewesen und hatten auch seine Liebhabereien , und so wurde Alles erhalten . In der That , sagte der Arzt gerührt , ich erkenne die Großmuth der werthgeschätzten Frau Base , ganz wie ich soll . Na , was faselt Er nun wieder von Großmuth , lieber Vetter , erwiederte seine Verwandte gutmüthig ; der Selige wollte ihm das alles gönnen , also kommt es ihm zu , und es wäre schlecht von mir gewesen , wenn ich es ihm hätte verderben lassen . Er verliert so dadurch , daß uns Gott ein Kind bescheert hat , aber wenn er sich nach etlichen Jahren ordentlich aufführt , so kann er mein Schwiegersohn werden mit der Zeit , und dann bekommt er mehr , als ohne mich der alte Mann , sein Oheim , nachgelassen haben würde , nicht einmal das zu rechnen , setzte sie mit einer stolzen Bewegung des Kopfes hinzu , was ich hier noch erbe . Frau Base , Ihre Güte - - stammelte der Arzt Na , na , das ist nur so in ' s Blaue gesprochen , unterbrach ihn diese . Meine Marie hat noch lange Zeit , das braucht Ihn nicht zu binden und mich auch nicht . Die schlanke Marie , ein Kind von dreizehn Jahren , betrachtete neugierig den Arzt , den ihre Mutter so ohne Umstände als den künftigen Bräutigam bezeichnete , indeß dieser , verlegen erröthend , an seinem Busenstreif zupfte . Es flogen ihm alle Vortheile dieser Verbindung schnell durch den Kopf , aber auch die ihm höchst anstößige Verwandtschaft mit Bauern , die daraus entspringen müsse . Er richtete die halb zugedrückten Augen scharf auf das junge Mädchen , deren feine Gestalt nichts Bäuerisches hatte , aus deren blassem Gesicht ihn die große Aehnlichkeit mit dem verstorbenen Oheim rührend ansprach . Er beschloß also zu überlegen , zu prüfen und dann wie ein Mann sein Schicksal zu bestimmen . Daß er selbst seiner vermuthlichen Braut mißfallen könne , fiel ihm gar nicht einmal ein . Die Base hatte durch den Gedanken an eine mögliche nähere Verbindung mit dem Vetter eine noch lebhaftere Theilnahme für diesen gewonnen , und fragte ohne Umstände nach allen seinen Verhältnissen , worauf sie lauter befriedigende Antworten erhielt . Der Prediger mischte sich in dieß Gespräch und hoffte durch die nun anwesende ehemalige Dienerin der Gräfin Vieles über deren frühere Verhältnisse zu erfahren . Er sagte also : Da Sie , meine werthe Frau Professorin , in Ihrer Jugend die Baronin Schlebach und ihre Tochter auf Reisen begleitet haben , so werden Sie sich ja freuen , die Letztere hier wieder zu begrüßen . Was ! rief die Angeredete , indem sie aus großer Ueberraschung von ihrem Sitze aufsprang , ist die Frau von Blainville hier ? Frau von Blainville , wiederholte der Prediger verwundert , ich meine die Gräfin Hohenthal , die Gemahlin des hiesigen Gutsherrn . So lebt sie also und hat sich wieder verheirathet ? fragte die Wittwe des Professors . Nun , setzte sie mit Rührung hinzu , ich muß die Gnade Gottes preisen , daß er mir auch diesen Wunsch gewähren will , sie vor meinem Ende wieder zu sehen ; ich habe mir vergebliche Mühe genug gegeben , sie wieder aufzufinden . Also war die Gräfin schon ein Mal verehelicht , sagte der Prediger , der sich von seinem Erstaunen nicht erholen konnte . Haben Sie das nicht gewußt ? fragte die Fremde mit einem scharfen Seitenblicke . Nein , erwiederte der Geistliche , es ist mir überhaupt Manches auffallend gewesen ; die Familie scheint Vieles zu verschweigen , und selbst die vertraute Dienerschaft theilt das geheimnißvolle Wesen , denn der Haushofmeister Dübois ist eben so zurückhaltend wie seine Herrschaft . So ist der gute alte Dübois auch hier , rief die Fremde in freudiger Ueberraschung . Sie kennen ihn also ? fragte der Prediger auf ' s Neue . Wie sollte ich nicht , rief mit Thränen in den Augen die Frau Professorin , indem sie vor Verwunderung die Hände zusammen schlug . Du große Güte ! morgen am Tage gehe ich auf ' s Schloß , sie alle zu besuchen ; Du mein Heiland ! das hätte ich nicht gehofft , auch den guten Alten wieder zu finden nach so vielem Unglück , er war ja schon damals alt . Sie werden uns ja vieles Interessante mittheilen können , Frau Professorin , sagte der Geistliche sehr freundlich . Sie äußerten sich verwundert darüber , die Gräfin lebend zu wissen , Sie drückten sich so aus , als ob sie Ihnen verloren gegangen wäre ; das klingt ja Alles recht sonderbar und könnte wohl die Neugierde erregen . Die Befragte richtete abermals einen scharfen Blick auf den Geistlichen und erwiederte mit der Frage : Hat Ihnen denn die Gräfin das nicht alles selbst erzählt ? Keine Sylbe , erwiederte der Pfarrer , und auch hier unserm Freunde , der doch der Arzt des Hauses ist , sind alle Verhältnisse desselben fremd . So , erwiederte die Frau Professorin trocken , wenn das ist , so ist es ein . Zeichen , daß die Frau Gräfin darüber nichts sprechen will ; denn Sie , mein lieber Herr Prediger , haben eine so dreiste Art zu fragen , daß man es sich schon recht fest vornehmen muß , wenn man ein Geheimniß bei sich behalten und Ihnen verbergen will . Ich will nun gerade nicht damit sagen , daß sich das für einen protestantischen Geistlichen schickt . Wenn Sie katholisch wären , so wäre es was Anders , denn die haben ihren Götzendienst und ihre Ohrenbeichte , aber wir guten Christen brauchen Gottlob unsern Priestern nicht Alles zu sagen . Verlegen und empfindlich erwiederte der Pfarrer : Nach Ihrer Antwort muß ich glauben , daß Sie mir eine recht böse Absicht zutrauen , wenn ich aus Theilnahme mich nach den Verhältnissen der Gräfin erkundige . Nehmen Sie es mir nicht übel , erwiederte die Base des Schulzen , ich bin mein Lebelang treu gewesen , und was die Gräfin für gut gefunden hat Ihnen zu verschweigen , werden Sie von mir auch nicht erfahren . Der Geistliche war auf ' s Aeußerste verletzt , daß diese Frau mit bäuerischer Gradheit ihm seinen Fehler so treuherzig vorrückte ; zugleich mußte er sich tadeln , daß er sie für zu einfältig gehalten , da er vermuthlich alles , was er wissen wollte , hätte erfahren können , wenn er nicht geglaubt hätte , hier ohne alle Umstände geradezu gehen zu dürfen . Er schwieg also verdrießlich . Der Arzt hatte auf diese Unterredung seines Freundes mit seiner Base wenig geachtet . Sein eigenes Schicksal beschäftigte ausschließend seine Gedanken . Der Besitz einer bedeutenden Bibliothek , eines ansehnlichen Naturalienkabinets beglückte sein Herz . Er dachte daran , wie er dieß alles wolle hieher kommen lassen , und dabei fiel ihm die Nothwendigkeit ein , ein eigenes Haus zu haben , wenn er seine Schätze recht genießen wollte . An diesen Gedanken knüpfte sich der andere , daß alsdann eine Frau im Hause nothwendig sein würde , und er blinzelte so oft nach der schlanken Marie hinüber , daß diese trotz ihrer großen Jugend erröthete . Auf solche Weise war die Unterhaltung den Frauen überlassen , und die Frau des Predigers vertiefte sich mit der Base des Arztes bald in ein Gespräch über häusliche Einrichtungen , welches immer wärmer und lebhafter wurde , je mehr beide Frauen ihre gegenseitigen Einsichten erkannten , und man wechselte laut und lebhaft mit Fragen und Rathschlägen ab , worauf die beiden anwesenden Männer nicht zu achten schienen , sondern gedankenvoll und stillschweigend Tabak rauchten , indeß die jungen Mädchen in dieser langweiligen Umgebung nicht recht wußten , was sie mit sich anfangen sollten . Wie ein Sonnenstrahl durch den Nebel dämmert , so wurde die drückende Langeweile , die sich auf die Gesellschaft zu lagern begann , ein wenig durch einen rasch vorfahrenden Wagen zerstreut , dessen zierliche , der neusten Mode entsprechende Form sich im hellen Mondenschein bemerken ließ . Der Prediger eilte erstaunt den neuen Gästen entgegen , denen ein gut gekleideter Diener den Schlag des Wagens öffnete , worauf ein junger , sehr zierlich gekleideter Mann heraussprang , dem ein alter etwas mühsam folgte . Der Herr sei gelobt , der uns so weit geführt hat , sagte dieser mit heuchlerischer Stimme , und der Prediger erkannte den alten Lorenz . Er war zweifelhaft , wie er ihn aufnehmen sollte , als dieser mit großer Unbefangenheit auf ihn zutrat und ihm die Hand mit Vertraulichkeit bot , die der Prediger , überrascht , nicht ausschlug . Wir fuhren so nahe bei Ihnen vorbei , lieber Herr Prediger , begann Lorenz , daß ich es nicht unterlassen konnte , Ihnen meinen Besuch zu machen , um so weniger , da auch mein Sohn sehr wünschte , Ihnen nach so langer Zeit ein Mal wieder seine Achtung zu beweisen . Die Neugier , diesen Sohn zu sehen , war in dem Augenblick das überwiegende Gefühl des Predigers , und er nöthigte die Angekommenen höflich , einzutreten . Der junge Mann näherte sich mit leichten Schritten und sicheren Gebehrden den Frauen , um sie zu begrüßen , und nach einigen höflichen Worten , mit denen er seinen späten Besuch bei der Frau des Predigers entschuldigte , musterte er mit dreistem Blicke die Gruppe der jungen Mädchen , von welchen keine seinen besonderen Beifall zu erhalten schien . Er fuhr sich hierauf mit den weißen Fingern durch die schwarzen Locken , ordnete vor dem Spiegel ohne Umstände seine Halsbinde und gesellte sich zu den Männern . Der Prediger konnte sein Erstaunen weder beherrschen noch verbergen , indem er seine neuen Gäste betrachtete . Jede Spur von Armuth war verschwunden ; die feinsten Kleider trug heute der alte Lorenz statt des abgetragenen Ueberrockes , dessen er sich noch vor Kurzem bediente . Sie waren seinem Alter angemessen , aber doch nach der Mode ; den kahlen Scheitel deckte eine künstliche Perücke , und statt des im Walde geschnittenen Stockes diente ihm jetzt ein mit einem goldenen Knopfe versehenes Rohr als Stütze . Der Arzt war durch das Geräusch der Eintretenden ebenfalls aufgeregt worden , und indem er die neu Angekommenen begrüßte , betrachtete er mit scharfen , stechenden Blicken den jungen Mann , der seine großen schwarzen Augen dafür höchst ruhig auf ihn richtete . Irre ich nicht , redete ihn der Arzt mit vor Zorn flammenden Wangen an , so habe ich schon ein Mal die Ehre gehabt , Ihnen zu begegnen . Ich wüßte nicht , antwortete der junge Lorenz ; ich bin jetzt erst kurze Zeit wieder hier im Lande . Indem er diese Antwort höchst gleichgültig gab , nahm er aus einer goldenen Dose ruhig Tabak . Der Arzt ergriff seine eigene , viel schönere goldene Dose , und indem er heftig auf den Deckel schlug , rief er mit funkelnden , halb zugekniffenen Augen : Ich dächte doch , Sie müßten sich erinnern , was in Krumbach vorfiel , als ich Sie dort in der Schenke traf . Ich halte mich nicht anders in Schenken auf , sagte der Andere verächtlich , als wenn auf Reisen meine Pferde Ruhe bedürfen , und so kann es wohl sein , wenn Sie solche Orte besuchen , daß Sie mich ein Mal in der in Krumbach vorhandenen getroffen haben , denn mein Weg hat mich mehrmals durch dieses Dorf geführt . Und Sie hätten ganz vergessen , sagte der Arzt , indem er nahe auf ihn zutrat , was Sie damals alles sprachen , als ich durch mein Pflichtgefühl getrieben die Schenke besuchte , aus Menschlichkeit , die der Arzt niemals verläugnen darf , denn Wehe dem , der sich zu vornehm dünkt , an das Schmerzenslager zu treten , mag es stehen , wo es will . So können Sie mich in Schenken und an noch niedrigeren Orten antreffen , wenn Pflicht und Menschenliebe es mir gebieten ; wenn ich aber zu meiner Erholung unter Menschen gehe , so werden Sie mich immer in der besten Gesellschaft finden , zu der ich gehöre . Es ist gut , daß Sie mir das sagen , antwortete der junge Lorenz gleichgültig , denn Ihre unnütze , unbegreifliche Heftigkeit würde mich das zum Beispiel nicht haben errathen lassen . Der Arzt bemühte sich nun ebenfalls gleichgültig zu sprechen und fuhr deßhalb mit schlecht unterdrückter Heftigkeit fort : Es scheint also