Leben geht ? - Geht einer rückwärts , der nicht mit dem ewigen Leben verfallen wäre ? - Siehst Du , das ist ein sehr einfaches Rechenexempel , warum man nicht verzagen soll , weil das Ewige keine Grenze hat . Wer will der Liebe , wer kann dem Geist Grenzen setzen ? - Wer hat je geliebt , der sich etwas vorbehalten habe ? Vorbehalt ist Selbstliebe . Das irdische Leben ist Gefängnis , der Schlüssel zur Freiheit ist Liebe , sie führt aus dem irdischen Leben ins Himmlische . - Wer kann aus sich selbst erlöst werden ohne die Liebe ? Die Flamme verzehrt das Irdische , um dem Geist grenzenlosen Raum zu gewinnen , der auffliegt zum Äther ; der Seufzer , der sich in der Gottheit auflöst , hat keine Grenze . Nur der Geist hat ewige Wirkung , ewiges Leben , alles andre stirbt . Gute Nacht ; gute Nacht , es ist um die Geisterstunde . Dein Kind , das sich an Dich drängt aus Furcht vor seinen eignen Gedanken . An Bettine Da Du in der Fülle interessanter Begebenheiten und Zerstreuungen der volkreichsten Stadt nicht versäumt hast , mir so reichhaltige Berichte zu senden , so wäre es unbillig , wenn ich jetzt in Deinen verborgnen Schlupfwinkel Dir nicht auch ein Zeichen meines Lebens und meiner Liebe dahinüber schickte . Wo steckst Du denn ? - Weit kann es nicht sein ; die eingestreuten Lavendelblüten in Deinem Brief ohne Datum waren noch nicht welk , da ich ihn erhielt , sie deuten an , daß wir einander vielleicht näher sind , als wir ahnen konnten . Versäume ja nicht bei Deinen allseitigen Treiben und wunderlichen Versuchen , der Göttin Gelegenheit einen Tempel aus gemachten Backsteinen zu errichten , und erinnere Dich dabei , daß man sie ganz kühn bei den drei goldnen Haaren ergreifen muß , um sich ihrer Gunst zu versichern . Eigentlich hab ich Dich schon hier , in Deinen Briefen , in Deinen Andenken und lieblichen Melodien und vor allem in Deinem Tagebuch , mit dem ich mich täglich beschäftige , um mehr und mehr Deiner reichen erhabenen Phantasie mächtig zu werden , doch möchte ich Dir auch mündlich sagen können , wie Du mir wert bist . Deine Weissagungen über Menschen und Dinge , über Vergangenheit und Zukunft sind mir lieb und nützlich , und ich verdiene auch , daß Du mir das Beste gönnst . - Treues , liebevolles Andenken hat vielleicht einen bessern Einfluß auf Geschick und Geist als die Gunst der Sterne selbst , von denen wir ja doch nicht wissen , ob wir sie nicht den Beschwörungen schöner Liebe zu danken haben . Von der Mutter schreib alles auf , es ist mir wichtig ; sie hatte Kopf und Herz zur Tat wie zum Gefühl . Was Du auf Deiner Reise gesehen und erfahren hast , schreib mir alles , lasse Dich die Einsamkeit nicht böslich anfallen , Du hast Kraft , ihr das Beste abzugewinnen . Schön wär ' s , wenn das liebe Böhmer Gebirg nun auch Deine liebe Erscheinung mir bescherte . Lebe wohl , liebstes Kind , fahre fort , mit mir zu leben , und lasse mich Deine lieben ausführlichen Briefe nicht missen . Goethe An Goethe Dein Brief war ganz rasch da , ich glaubte , Deinen Atem noch darin zu erhaschen , noch eh ich ihn gelesen hatte , hab ich dem eine Falle gestellt , an der Landkarte bin ich auch gewesen . - Wenn ich heute von hier abreiste , so läg ich morgen früh zu Deinen Füßen ; und wie ich an der weichen Molltonart Deines Schreibens erkenne , so würdest Du mich nicht lange da schmachten lassen , Du würdest mich bald ans Herz ziehen , und in stürmender Freude würde gleich Zimbeln und Pauken mit raschem Wirbelschlag ein durch Mark und Bein dringendes Finale der süßen Ruhe vorangehen , die mich in Deiner Gegenwart beglückt . Wem entdeck ich ' s ? - Die kleine Reise zu Dir ? - Ach nein , ich sag ' s nicht , es versteht ' s doch keiner , wie selig es mich machen könnte , und dann ist es ja auch so allgemein , die Freude der Begeistrung zu verdammen , sie nennen es Wahnsinn und Verkehrtheit . - Glaub nicht , daß ich sagen dürfte , wie lieb ich Dich habe , was man nicht begreift , das findet man leicht toll , ich muß schweigen . Aber der herrlichen Göttin , die mit den Philistern ihr Spiel treibt , hab ich nach Deinem Wink und um meiner Ungeduld zu steuern , mit selbstgemachten Backsteinen schon den Grund zum Tempelchen gelegt . Hier male ich Dir den Grundriß : eine viereckige Halle in der Mitte ihrer vier Wände , Türen klein und schmal , innerhalb derselben eine zweite auf Stufen erhaben , die auch in der Mitte jeder Wand eine Tür hat ; dieser Raum steht aber quer , also , daß die Ecken auf die vier Türen der äußeren Halle gerichtet sind ; in diesem ein dritter viereckiger Raum , der auf Stufen erhöht liegt , nur eine Tür hat und wieder mit dem äußersten Raum gleich steht , die drei Ecken , welche sich durch den innersten Raum in dem zweiten abschneiden und durch große Öffnungen sich an denselben anschließen , während die vierte Ecke den Eingang zur Tür bildet , stellen die Gärten der Hesperiden dar , in der Mitte auf weichgepolstertem Thron die Göttin ; nachlässig hingelehnt , schießt sie ohne Wahl nur spielend nach den goldnen Äpfeln der Hesperiden , die mit Jammer zusehen müssen , wie die vom Pfeil zufällig durchschoßnen Äpfel über die umwachte Grenze hinausfliegen . - O Goethe ! Wer nun von außen die rechte Tür wählt und ohne langes Besinnen durch die Vorhallen grade zum innersten Tempel gelangt , den Apfel am fliegenden Pfeil kühn erhascht , wie glücklich ist der ! Die Mutter sagte : alle schönen Empfindungen des Menschengeistes , wenn sie auch auf Erden nicht auszuführen seien , so wären sie dem Himmel , wo alles ohne Leib , nur im Geist da sei , doch nicht verloren . Gott habe gesagt , es werde , und habe dadurch die ganze schöne Welt erschaffen , ebenso sei dem Menschen diese Kraft eingeboren , was er im Geist erfinde , das werde durch diese Kraft im Himmel erschaffen . Denn der Mensch baue sich seinen Himmel selbst , und seine herrlichen Erfindungen verzieren das ewige unendliche Jenseits ; in diesem Sinne also baue ich unserer Göttin den schönen Tempel , ich bekleide seine Wände mit lieblichen Farben und Marmorbildern , ich lege den Boden aus mit bunten Steinen , ich schmücke ihn mit Blumen und erfülle durchwandelnd die Hallen mit dem Duft des Weihrauchs , auf den Zinnen aber bereite ich dem glückbringenden Storch ein bequemes Nest , und so vertreibe ich mir die ungeduldige Zeit , die mich aus einer Aufregung in die andere stürzt . - Ach , ich darf gar nicht hinhorchen in die Ferne wie sonst , wenn ich in der waldrauschenden Einsamkeit auf das Zwitschern der Vögel lauschte , um ihr Nestchen zu entdecken . Jetzt am hohen Mittag sitz ich allein im Garten und möchte nur fühlen - nicht denken - was Du mir bist ; da kommt leise der Wind , als käm er von Dir ; er legt sich so frisch ans Herz - er spielt mit dem Staub zu meinen Füßen und jagt unter die tanzenden Mückchen , er streift mir die heißen Wangen , hält schmeichelnd den Brand der Sonne auf ; am unbeschnittnen Rebengeländer hebt er die Ranken und flüstert in den Blättern , dann streift er eilend über die Felder , über die neigenden Blumen . Brachte er Botschaft ? Hab ich ihn recht verstanden ? - Ist ' s gewiß ? Er soll mich tausendmal grüßen vom Freund , der gar nicht weit von hier meiner harrt , um mich tausendmal willkommen zu heißen ? - Ach , könnt ich noch einmal ihn fragen ! - Er ist fort ; - laß ihn ziehen , zu andern , die auch sich sehnen , ich wende mich zu ihm , der allein mein Herz ergreift , mein Leben erneut mit seinem Geist , mit dem Hauch seiner Worte8 . Montag Frag nur nicht nach dem Datum , ich habe keinen Kalender , und ich muß Dir gestehen , es ist , als ob sich ' s nicht schicke für meine Liebe , daß ich mich um die Zeit bekümmere . Ach Goethe ! Ich mag nicht hinter mich sehen und auch nicht vor mich . Dem himmlischen Augenblick ist die Zeit ein Scharfrichter , das scharfe Schwert , das sie über ihm schwingt , seh ich mit scheuer Ahnung blitzen ; nein , ich will nicht fragen nach der Zeit , wo ich fühle , daß die Ewigkeit mir den Genuß nicht über die Grenze des Augenblicks ausdehnen würde ; aber doch , wenn Du wissen willst , über ' s Jahr vielleicht , - oder in späterer Zeit , wann es doch war , daß mich die Sonne braun gebrannt hat und ich ' s nicht spürte vor tiefem Sinnen an Dich ; so merk es Dir , es ist grade , wo die Johannisbeeren reif sind , der spekulierende Geist des Bruders will sich in einem trefflichen Goose-beery vine versuchen , ich helfe keltern . Gestern abend im Mondlicht haben wir Traubenlese gehalten , da flogen unzählige Nachtfalter mir um den Kopf ; wir haben eine ganze Welt träumerischer Geschöpfe aufgestört bei dieser nächtlichen Ernte , sie waren ganz irre geworden . Wie ich in mein Zimmer kam , fand ich unzählige , die das Licht umschwärmten , sie dauerten mich , ich wollte ihnen wieder hinaushelfen , ich hielt lange das Licht vors Fenster und habe die halbe Nacht mit zugebracht , es hat mich keine Mühe verdrossen . Goethe , habe doch auch Geduld mit mir , wenn ich Dich umschwärme und von den Strahlen Deines Glanzes mich nicht trennen will , da möchtest Du mir wohl auch gern nach Hause leuchten . Bettine Dienstag Heute morgen hat der Christian , der auch Arzneiwissenschaft treibt , eine zahme Wachtel kuriert , die in meinem Zimmer herumläuft und krank war , er versuchte ihr einen Tropfen Opium einzuflößen , unversehens trat er auf sie , daß sie ganz platt und tot dalag . Er faßte sie rasch und ribbelte sie mit beiden Händen wieder rund , da lief sie hin , als wenn ihr nichts gefehlt hätte , und die Krankheit ist auch vorbei , sie macht sich gar nicht mehr dick , sie frißt , sie säuft , badet sich und singt , alles staunt die Wachtel an . Mittwoch Heute gingen wir aufs Feld , um die Wirkung einer Maschine zu sehen , mit der Christian bei großer Dürre die Saaten wässern will ; ein sich weit verbreitender Perlenregen spielte in der Sonne und machte uns viel Vergnügen . Mit diesem Bruder geh ich gern spazieren , er schlendert so vor mir her und findet überall was Merkwürdiges ; er kennt das Leben der kleinen Insekten und ihre Wohnungen , und wie sie sich nähren und mehren ; alle Pflanzen nennt er und kennt ihre Abkunft und Eigenschaften , manchmal bleibt er den ganzen Tag auf einem Fleck liegen und simuliert , wer weiß , was er da alles denkt , in keiner Stadt gäb ' s so viel zu tun , als was seine Erfindsamkeit jeden Augenblick ausheckt ; bald hab ich beim Schmied , bald bei dem Zimmermann oder Maurer subtile Geschäfte für ihn , bei dem einen zieh ich den Blasbalg , bei dem andern halte ich Schnur und Richtmaß . Mit der Nähnadel und Schere muß ich auch eingreifen ; eine Reisemütze hat er erfunden , deren Zipfel sich in einen Sonnenschirm ausbreitet , und einen Reisewagen rund wie eine Pauke , mit Lämmerfell ausgeschlagen , der von selbst fährt ; Gedichte macht er auch , ein Lustspiel hat er gemacht zum Lachen für Mund und Herz ; auf der Flöte bläst er in die tiefe Nacht hinein selbstgemachte , sehr schöne brillante Variationen , die im ganzen Praginer Kreis widerhallen . Er lehrt mich reiten und das Pferd regieren wie ein Mann ; er läßt mich ohne Sattel reiten und wundert sich , daß ich sitzen bleib im Galopp . Der Gaul will mich nicht fallen lassen , er kneipt mich in den Fuß zum Scherz und daß ich Mut haben soll , er ist vielleicht ein verwünschter Prinz , dem ich gefall . Fechten lehrt mich der Christian auch , mit der linken Hand und mit der rechten , und nach dem Ziel schießen nach einer großen Sonnenblume , das lern ich alles mit Eifer , damit mein Leben doch nicht gar zu dumm wird , wenn ' s wieder Krieg gibt ; heute abend waren wir auf der Jagd und haben Schmetterlinge geschossen , zwei hab ich getroffen auf einen Schuß . So geht der Tag rasch vorüber , erst fürchtete ich vor Zeitüberfluß allzulange Briefe zu schreiben oder Dich mit spekulativen Gedanken über Gott und Religion zu behelligen , weil ich in Landshut viel in der Bibel gelesen habe und in Luthers Schriften . Jetzt ist mir alles so rund wie die Weltkugel , wo denn gar nichts zu bedenken ist , weil wir nirgendwo herunterfallen können . Deine Lieder singe ich im Gehen in der freien Natur , da finden sich die Melodien von selbst , die meiner Erfindung den rechten Rhythmus geben ; in der Wildnis mach ich bedeutende Fortschritte , das heißt , kühne Sätze von einer Klippe zur andern . Da hab ich einen kleinen Tummelplatz von Eichhörnchen entdeckt , unter einem Baum lagen eine große Menge dreieckiger Nüsse , auf dem Baum saßen zum wenigsten ein Dutzend Eichhörnchen und warfen mir die Schalen auf den Kopf , ich blieb still unten liegen und sah durch die Zweige ihren Ballettsprüngen und mimischen Tanz zu , was man mit so großem Genuß verzehren sieht , das macht einem auch unwiderstehlichen Appetit , ich habe ein ganzes Tuch voll dieser Nüsse , die man Bucheckern nennt , gesammelt und die ganze Nacht daran geknuspert wie die Eichhörnchen ; wie schön speisen die Tiere des Waldes , wie anmutig bewegen sie sich dabei , und wie beschreibt sich in ihren Bewegungen der Charakter ihrer Nahrungsmittel . Man sieht der Ziege gleich an , daß sie gerne säuerliche Kräuter frißt , denn sie schmatzt . Die Menschen seh ich nicht gerne essen , da fühl ich mich beschämt . Der Geruch aus der Küche , wo allerlei bereitet wird , kränkt mich , da wird gesotten und gebraten und gespickt ; Du weißt vielleicht nicht , was das ist ? - Das ist eine gewaltig große Nähnadel , in die wird Speck eingefädelt , und damit wird das Fleisch der Tiere benäht , da setzen sich die vornehmen , gebildeten Männer , die den Staat regieren , an die Tafel und kauen in Gesellschaft . In Wien , wie sie den Tirolern Verzeihung für die Revolution ausgemacht haben , die sie doch selbst angezettelt hatten , und haben den Hofer an die Franzosen verkauft , das ist alles bei Tafel ausgemacht worden , mit trunknem Mut ließ sich das ohne sonderliche Gewissensbisse einrichten . Die Diplomaten haben zwar die List des Teufels , der Teufel hat sie aber doch zum besten , das sieht man an ihren närrischen Gesichtern , auf denen der Teufel alle ihre Intrigen abmalt . In was liegt denn die höchste Würde als nur im Dienst der Menschheit , welche herrliche Aufgabe für den Landesherrn , daß alle Kinder kommen und flehen : » Gib uns unser täglich Brot ! « - Und daß er sagen kann : » Da habt ! Nehmt alles , denn ich bedarf nur , daß ihr versorgt seid « , ja wahrlich ! Was kann einer für sich haben wollen als alles nur für andre zu haben , das wäre der beste Schuldentilger ; aber den armen Tirolern haben sie doch ihre Schulden nicht bezahlt . Ach , was geht mich das alles an , der Bote geht ab , und nun hab ich Dir nichts geschrieben von vielem , was ich Dir sagen wollte , ach wenn es doch käme , daß ich Dir bald begegnete , was gewiß werden wird , ja , es muß wahr werden . Dann wollen wir alle Welthändel sein lassen und wollen jede Minute gewissenhaft verwenden9 . Bettine An Bettine Töplitz Deine Briefe , allerliebste Bettine , sind von der Art , daß man jederzeit glaubt , der letzte sei der interessanteste . So ging mir ' s mit den Blättern , die Du mitgebracht hattest , und die ich am Morgen Deiner Abreise fleißig las und wieder las . Nun aber kam Dein letztes , das alle die andern übertrifft10 . Kannst Du so fortfahren , Dich selbst zu überbieten , so tue es , Du hast so viel mit Dir genommen , daß es wohl billig ist , etwas aus der Ferne zu senden . Gehe Dir ' s wohl ! Goethe Deinen nächsten Brief muß ich mir unter gegenüberstehender Adresse erbitten , wie ominös ! O weh ! Was wird er enthalten ? Durch Herrn Hauptmann von Verlohren in Dresden . An Goethe Berlin , am 17. Oktober Beschuldige mich nicht , daß ich so viel mit mir fortgenommen habe ; denn wahrlich , ich fühle mich so verarmt , daß ich mich nach allen Seiten umsehe nach etwas , an das ich mich halten kann ; gib mir etwas zu tun , wozu ich kein Tageslicht brauche , kein Zusammensein mit den Menschen , und was mir Mut gibt , allein zu sein . Dieser Ort gefällt mir nicht , hier sind keine Höhen , von denen man in die Ferne schauen könnte . Am 18. Ich stieg einmal auf einen Berg . - Ach ! - was mein Herz beschwert ? - sind Kleinigkeiten , sagen die Menschen . - Zusammenhängend schreiben ? Ich könnte meiner Lebtag die Wahrheit nicht hervorbringen ; seitdem wir in Töplitz zusammengesessen haben , was soll ich Dir noch lang schreiben , was der Tag mit sich bringt , das Leben ist nur schön , wenn ich mit Dir bin . - Nein , ich kann Dir nichts Zusammenhängendes erzählen , buchstabier Dich durch wie damals durch mein Geschwätz . Schreib ich denn nicht immer , was ich schon hunderttausendmal gesagt habe ? - Die da von Dresden kamen , erzählten mir viel von Deinen Wegen und Stegen , grad als wollten sie sagen : » Dein Hausgott war auf anderer Leute Herd zu Gast und hat sich da gefallen . « Z ... hat Dein Bild überkommen und hat es wider sein graubraunes Konterfei gestützt ; ich seh in die Welt , und in diesem tausendfältigen Narrenspiegel seh ich häufig Dein Bild , das von Narren geliebkost wird . Du kannst doch wohl denken , daß dies mir nicht erfreulich ist . Du und Schiller , Ihr wart Freunde , und Eure Freundschaft hatte eine Basis im Geisterreich ; aber Goethe , diese nachkömmlichen Bündnisse , die gemahnen mich grad wie die Trauerschleppe einer erhabenen vergangenen Zeit , die durch allen Schmutz des gemeinen Lebens nachschleppt . - Wenn ich mich bereite , Dir zu schreiben , und denke so in mich hinein , da fallen mir allemal die einzelnen Momente meines Lebens ein , die so ruhig , so auffaßlich in mich hereingeklungen haben , wie allenfalls einem Maler ähnliche Momente in der Natur wieder erscheinen , wenn er mit Lust etwas malt ; so gedenke ich jetzt der Abenddämmerung im heißen Monat August , wie Du am Fenster saßest und ich vor Dir stand , und wie wir die Rede wechselten , ich hatte meinen Blick wie ein Pfeil scharf Dir ins Auge gedrückt , und so blieb ich drin haften und bohrte mich immer tiefer und tiefer ein , und wir waren beide stille , und Du zogst meine aufgelösten Haare durch die Finger . Ach Goethe , da fragtest Du , ob ich künftig Deiner gedenken werde beim Licht der Sterne , und ich hab es Dir versprochen ; jetzt haben wir Mitte Oktober , und schon oft hab ich nach den Sternen gesehen und habe Deiner gedacht , es überläuft mich kalter Schauer , und Du , der meinen Blick dahin gebannt hat , denke doch , wie oft ich noch hinaufblicken werde , so schreib es denn auch täglich neu in die Sterne , daß Du mich liebst , damit ich nicht verzweifeln muß , sondern daß mir Trost von den Sternen niederleuchtet , jetzt , wo wir nicht beieinander sind . Vorm Jahr um diese Zeit , da ging ich an einem Tag weit spazieren und blieb auf einem Berg sitzen , da oben spielte ich mit dem glitzernden Sand , den die Sonne beschien und knipste den Samen aus den verdorrten Stäudchen , bei mit Nebel kämpfender Abendröte ging ich und übersah alle Lande , ich war frei im Herzen ; denn meine Liebe zu Dir macht mich frei . - So was beengt mich zuweilen , wie damals die erfrischende Luft mich kräftig , ja beinah gescheut machte , daß ich nicht immer geh , immer wandre unter freiem Himmel und mit der Natur spreche . Ein Sturmwind nimmt in größter Schnelle ganze Täler ein , alles berührt er , alles bewegt er , und der es empfindet , wird von Begeistrung ergriffen . Die gewaltige Natur läßt keinen Raum und bedarf keinen Raum , was sie mit ihrem Zauberkreis umschlingt , das ist hereingebannt . O Goethe , Du bist auch hineingebannt , in keinem Wort , in keinem Hauch Deiner Gedichte läßt sie Dich los . - Und wieder muß ich vor dieser Menschwerdung niederknien und muß Dich lieben und begehren wie alle Natur . - Da wollt ich Dir noch viel sagen , ward abgerufen , und heute am 29. Oktober komme ich wieder zum Schreiben . - Es ist halt überall ruhig oder vielmehr öde . Daß die Wahrheit sei , dazu gehört nicht einer ; aber daß die Wahrheit sich an ihnen bewähre , dazu gehören alle Menschen . Mann ! Dessen Fleisch und Bein so von der Schönheit Deiner Seele durchdrungen ist , wie darf ich Leib und Seele so beisammen lieb haben ! - Oft denk ich bei mir , ich möchte besser und herrlicher sein , damit ich doch die Ansprüche an Dich rechtfertigen könnte , aber kann ich ' s ? - Dann muß ich an Dich denken , Dich vor mir sehen , und habe nichts , wenn mir die Liebe nicht als Verdienst gelten soll ? - Solche Liebe ist nicht unfruchtbar . - Und doch darf ich nicht nachdenken , ich könnte mir den Tod daran holen , ist was daran gelegen ? - Jawohl ! Ich hab eine Wiege in Deinem Herzen , und wer mich da herausstiehlt , sei es Tod oder Leben , der raubt Dir ein Kind . Ein Kopfkissen möcht ich mit Dir haben , aber ein hartes ; sag es niemand , daß ich so bei Dir liegen möchte , in tiefster Ruhe an Deiner Seite . Es gibt viele Auswege und Durchgänge in der Welt , einsame Wälder und Höhlen , die kein Ende haben , aber keiner ist so zum Schlaf , zum Wohlsein eingerichtet als nur der Schoß Gottes ; ich denk mir ' s da breit und behaglich , und daß einer mit dem Kopf auf des andern Brust ruhe , und daß ein warmer Atem am Herzen hinstreife , was ich mir so sehr wünsche zu fühlen , Deinen Atem . Bettine An Bettine Lücke in der Korrespondenz Nun bin ich , liebe Bettine , wieder in Weimar ansässig und hätte Dir schon lange für Deine lieben Blätter11 danken sollen , die mir alle nach und nach zugekommen sind , besonders für Dein Andenken vom 27. August . Anstatt nun also Dir zu sagen , wie es mir geht , wovon nicht viel zu sagen ist , so bring ich eine freundliche Bitte an Dich . Da Du doch nicht aufhören wirst , mir gern zu schreiben , und ich nicht aufhören werde , Dich gern zu lesen , so könntest Du mir noch nebenher einen Gefallen tun . Ich will Dir nämlich bekennen , daß ich im Begriff bin , meine Bekenntnisse zu schreiben , daraus mag nun ein Roman oder eine Geschichte werden , das läßt sich nicht voraussehen , aber in jedem Fall bedarf ich Deiner Beihilfe . Meine gute Mutter ist abgeschieden und so manche andre , die mir das Vergangne wieder hervorrufen könnten , das ich meistens vergessen habe . Nun hast Du eine schöne Zeit mit der teuern Mutter gelebt , hast ihre Märchen und Anekdoten wiederholt vernommen und trägst und hegst alles im frischen belebenden Gedächtnis . Setze Dich also nur gleich hin und schreibe nieder , was sich auf mich und die Meinigen bezieht , und Du wirst mich dadurch sehr erfreuen und verbinden . Schicke von Zeit zu Zeit etwas und sprich mir dabei von Dir und Deiner Umgebung . Liebe mich bis zum Wiedersehn . Weimar , am 25. Oktober 1810 G. Am 4. November Du hast doch immer eine Ursache , mir zu schreiben , ich hab aber nichts behalten , noch in Betracht gezogen als nur das Ende : » Liebe mich bis zum Wiedersehn . « Hättest Du diese letzten Worte nicht hingesetzt , so hätt ich vielleicht noch Rücksicht genommen aufs Vorhergehende ; diese einzige Freundlichkeit hat mich überschwemmt , hat mich gefangen gehalten in tausend süßen Gedanken von gestern abend an bis wieder heut abend . Aus dem allen kannst Du schließen , daß mir Dein Brief ungefähr vor vierundzwanzig Stunden frische Luft ins Zimmer gebracht hat . Nun war ich aber seitdem wie ein Dachs , dem die Winterwelt zu schlecht ist , und habe mich in den warmen Boden meiner eignen Gedanken vergraben . Was Du verlangst , hat für mich immer den Wert , daß ich es der Gabe würdig achte ; ich gebe daher die Nahrung , das Leben zweier regen Jahre gern in Dein Gewahrsam , es ist wenig in bezug auf viel , aber unendlich , weil es einzig ist ; Du selber könntest Dich vielleicht wundern , daß ich Dinge in den Tempel eintrug und mein Dasein durch sie weihte , die man doch allerorten findet ; an jeder Hecke kann man in der Frühlingszeit Blüten abbrechen ; aber wie , lieber Herr ! So unscheinbar die Blüte auch ist , wenn sie nun nach Jahren immer noch duftet und grünt ? - Deine Mutter gebar Dich in ihrem siebzehnten Jahr , und im sechsundsiebzigsten konnte sie alles noch mitleben , was in Deinen ersten Jahren vorging , und sie besäte das junge Feld , das guten Boden , aber keine Blumen hatte , mit diesen ewigen Blüten ; und so kann ich Dir wohl gefallen , da ich gleichsam ein duftender Garten dieser Erinnerungen bin , worunter Deiner Mutter Zärtlichkeit die schönste Blüte ist , und - darf ich ' s sagen ? - meine Treue die gewaltigste . - Ich trug nun schon früher Sorge darum , daß , was bei der Mutter so kräftig Wurzeln schlug und bei mir Blüten trieb , endlich auch in süßer Frucht vom hohen Stamm an die Erde niederrollen möchte . Nun höre ! - Da lernte ich in München einen jungen Arzt kennen , verbranntes , von Blattern zerrissenes Gesicht , arm wie Hiob , fremd mit allen , große ausgebreitete Natur , aber grade darum in sich fertig und geschlossen , konnte den Teufel nicht als das absolut Böse erfassen , aber wohl als einen Kerl mit zwei Hörnern und Bocksfüßen ( natürlich an den Hörnern läßt sich einer packen , wenn man Courage hat ) , der Weg seiner Begeisterung ging nicht auf einer Himmels- , aber wohl auf einer Hühnerleiter in seine Kammer , allwo er auf eigne Kosten mit armen Kranken darbte und freudig das Seinige mit ihnen teilte , seine junge , enthusiastische Kunst an ihnen gedeihen machte ; - er war stumm durch Krankheit bis in sein viertes Jahr , ein Donnerschlag löste ihm die Zunge , mit fünfzehn Jahren sollte er Soldat werden ; dafür , daß er des Generals wildes Pferd zähmte , gab ihn dieser frei , dadurch , daß er einen Wahnwitzigen kurierte , bekam er eine kleine unbequeme Stelle in München , in dieser Lage lernte ich ihn kennen , bald ging er bei mir aus und ein , dieser gute Geist , reich an Edelmut , der außerdem nichts hatte als seine Einsamkeit ; nach beschwerlicher Tageslast , aus hilfreicher Leidenschaft lief er oft noch abends spät meilenweite Strecken , um die gefangnen Tiroler zu begegnen und ihnen Geld zuzustecken , oder er begleitete mich auf den Schneckenturm , wo man die fernen Alpen sehen kann , da haben wir überlegt , wenn wir Nebel oder rötlichen Schein am Himmel bemerkten , ob ' s Feuer sein könnte , da hab ich ihm auch oft meine Pläne mitgeteilt , daß ich hinüber möchte zu den Tirolern , da haben wir auf der Karte einen Weg ausstudiert , und ich sah es ihm auf dem Gesicht geschrieben , daß er nur meiner Befehle harre . So war ' s , da in Augsburg die pestartigen Lazarette sich häuften und in kurzer Zeit die Ärzte mit den Kranken wegrafften ; mein junger Eisbrecher wanderte hin , um Last und Gefahr einem alten Lehrer abzunehmen , der