verschiedenen Geruche , dann auch aus dem eigentümlichen Klange eines Namens vorgefaßt hat . Das erstere kann man ihm noch hingehn lassen , der Zufall tut viel , und wirklich hat er es einigemal bei sehr unbekannten Blumen auffallend getroffen . « » Wäre aber « , sagte Agnes , » doch etwas Wahres daran , so sollte man auch wohl die Gabe haben können , etwa aus der Stimme eines Menschen auf sein Wesen zu schließen , wenn auch nicht auf den Namen , denn gesetzt , man schöpfte diesen für die Blumen wirklich aus einem bestimmten Gefühl , oder , wie soll ich sagen ? aus einer natürlichen Ähnlichkeit , so kämen wir auf jeden Fall zu kurz neben diesen Frühlingskindern , die man doch gewiß erst , nachdem sie vollkommen ausgewachsen waren , getauft hat , um ihnen nicht Unrecht zu tun mit einem unpassenden Namen , während wir den unsrigen erhalten , ehe wir noch den geringsten Ausdruck zeigen . « Margot war über diese artige Bemerkung erfreut und Nannette erinnerte gelegentlich an die sogenannte Blumensprache , woraus man seit einiger Zeit ordentlich kleine Handbücher mache . » Was mir an dieser Lehre besonders gefällt , das ist , daß wir Mädchen bei all ihrer Willkürlichkeit doch gleich durch die Bedeutung , die dem armen nichtswissenden Ding im Buche beigelegt ist , unser Gefühl bestimmen und umstimmen lassen können , weil wir dem Menschen , der sich untersteht , so was ein für allemal zu stempeln , doch einen Sinn dabei zutrauen müssen , oder weil eine gedruckte Lüge doch immer etwas Unwiderstehlicheres hat als jede andere . « » Oder « , versetzte Margot , » weil wir ängstlich sind , durch unser vieles Um- und Wiedertaufen eine böse Verwirrung in das hübsche Reich zu bringen , so daß uns die armen Blumen am Ende gar nichts Gewisses mehr sagen möchten . « » Wie närrisch ich früher über Namen der Menschen gedacht habe und zuweilen noch denken muß , kann ich bei der Gelegenheit nicht verschweigen « , sagte Agnes . » Sollten denn , meint ich , die Namen , welche wir als Kinder bekommen , zumal die weniger verbrauchten , nicht einen kleinen Einfluß darauf haben , wie der Mensch sich später sein innerliches Leben formt , wie er andern gegenüber sich fühlt ? ich meine , daß sein Wesen einen besondern Hauch von seinem Namen annähme ? « » Dergleichen angenehmen Selbsttäuschungen « , erwiderte das Fräulein , » entgeht wohl niemand , der tiefern Sinn für Charakter überhaupt hat , und da sie so gefahrlos als lieblich sind , so wollen wir sie uns einander ja nicht ausreden . « Nannette war beiseite getreten und kam mit einem kleinen Strauß zurück . Während sie ihn in der Stille zurechtfügte , schien ihr ein komischer Gedanke durch den Kopf zu gehn , der sie unwiderstehlich laut lachen machte . » Was hat nun der Schelm ? « fragte Margot , » es geht auf eins von uns beiden - nur heraus damit ! « » Es geht auf Sie ! « lachte das Mädchen , » ist aber nichts zum Übelnehmen . Ich suchte da nach einer Blume , die sich für Ihren Sinn und Namen passen könnte , nun heißt doch wohl Margot nicht weniger noch mehr als Margarete , natürlich fiel mir also ein , wie leichtfertig es lassen müßte , wie dumm und ungeschickt , wenn Ihnen jemand hier dies Gretchen im Busch verehren wollte . « Alle lachten herzlich über diese Zusammenstellung , die freilich nicht abgeschmackter hätte sein können . » Im Ernst aber « , sagte Nannette und sprach damit wirklich ihres Herzens Meinung aus , » für Sie , bestes Fräulein , könnte ich wohl einen Sommer lang mit dem Katalogen in der Hand durch alle Kaisergärten suchen , eh mir endlich das begegnete , was Ihrer Person , oder weil dies einerlei ist , Ihres Namens vollkommen würdig wäre . « » So ? « lachte Margot , » also bleib ich , eben bis auf weiteres brav Gretel im Busch ! Zum Beweis aber « ( hier stand sie auf und trat vor ein Rondell mit blühenden Stöcken ) » daß ich glücklicher bin im Finden als Sie , Böse und Schöne , steck ich Ihnen gleich diese niedliche Rose ins Haar , Agnes hingegen diese blauliche Blüte mit dem würzigen Vanilleduft ! « Man ging nun scherzend weiter und das Fräulein fing wieder an : » Vom guten Henni sind wir ganz abgekommen , so heißt der Blinde , eigentlich Heinrich . Weil seine vorhin genannten Talente einigermaßen zweideutig sind , so muß man ihm bei den andern desto mehr Gerechtigkeit widerfahren lassen . Er hat viel mechanisches Geschick und seltne musikalische Anlagen . In einer leeren Kammer des linken Schloßflügels , welche vor nicht sehr langer Zeit noch zur Hauskapelle der frühern Besitzer eingerichtet war , steht eine Orgel , die lange kein Mensch ansah . Sie befand sich im schlechtesten Zustande , bis Henni vor anderthalb Jahren sie entdeckte . Er hatte nun nicht Rast noch Ruhe , das verwahrloste staubige Werk , Klaviatur , Pedal und Blasbälge , samt den fehlenden und zerbrochenen Stäbchen , Klappen und Drähten , deren Zahl beiläufig hundert und eines sein mag , wieder ordentlich herzurichten . Oft hörte man ihn bei Nacht operieren , klopfen und sägen , und es war sonderbar , ihn dann so ohne alles Licht in der einsamen Kammer bei seiner Arbeit zu denken . Was ihm aber kein Mensch geglaubt hätte : nach weniger als vier Wochen war er wirklich mit allem zustande gekommen . Sie müssen ihn einmal , und ohne daß er ' s weiß , auf der Orgel phantasieren hören ; er behandelt sie auf eine eigene Art und nicht leicht würde ein anderes Instrument das eigentliche Wesen dieses Menschen so rein und vollständig ausdrücken können . Ich hätte billig unter seinen Vorzügen zuerst von seiner Frömmigkeit gesprochen , doch wird Ihnen diese nach dem bisher Gesagten um so wahrer und zärter erscheinen , und ich brauche jetzt desto weniger Worte davon zu machen . - Klavierspielen hatte er schon früher ohne Anleitung auf einem schlechten Pantalon gelernt , mein Vater versprach , ihm auf seinen Geburtstag ein ordentliches Instrument zu schenken . Solange wir in der Stadt wohnen , laß ich auch wohl zuweilen den Schlüssel in dem meinigen stecken und mag mir gerne denken , daß er sich ein Stündchen nach Herzenslust darauf ergehe , derweil seine Mutter die Zimmer reinigt . Er lobte mir neulich den Ton des Flügels mit solchem Feuer , daß er sich mit seinem Geheimnis verschnappte , er wurde plötzlich blutrot und ich hätte fürwahr viel gegeben , um einen Augenblick selbst zu erblinden und kein Zeuge dieser Beschämung zu sein . Es blieb nichts übrig , als ihn aufzufordern , sogleich eine Sonate mit mir zu probieren , die er mir und meinem Bruder abgehört hatte . Nichts geht ihm über das Vergnügen , vierhändig zu spielen . Das Stück , wovon ich rede , ist eines von den schwerern , allein es ging durchweg fast ohne Anstoß . « Der Präsident stand eben mit dem Maler auf der rechten Seite des Schlosses , als die Mädchen gegen den Hof herkamen ; sie sprachen dort über eine gewisse Baukuriosität , der wir gelegentlich auch einen Blick schenken müssen . Es endigte sich nämlich jener Flügel mit einer breitstufigen Steintreppe , welche vor den Fenstern des oberen Stocks ein Belvedere ansetzte und , hüben und drüben mit einem Geländer versehen , auf steinernen Bogen herablief . Mit der letzten Stufe an der Erde trat man in ein niedliches Rosengärtchen , welches im Viereck von einer niedern , künstlich ausgehauenen Balustrade umgeben , einerseits auf den Abhang des Schloßbergs hinuntersah , andererseits durch ein eisernes Gatter in die Allee einführte . Alles das fand sich in den gleichen Verhältnissen auch auf der entgegengesetzten Flanke des Gebäudes , jedoch meist nur von Holz und auf den Schein berechnet . Altan und Treppe waren dort verwittert und ohne Gefahr nicht mehr zu betreten . Die Gesellschaft begab sich ins Innere des Hauses , und bis zum Abendessen trieb ein jedes was ihm beliebte . Der Präsident ließ seinen Gästen Zeit , es sich bequem zu machen . Gleich anfangs hatte er den Grundsatz erklärt , es müsse neben den Stunden der gemeinsamen Unterhaltung und des unmittelbaren Beieinanderseins durchaus auch eine Menge Augenblicke geben , die , sozusagen , den zweiten und indirekten , gewiß nicht minder lieblichen Teil der Geselligkeit ausmachen , wo es erfreulich genug sei , sich miteinander unter einem Dache zu wissen , sich zufällig zu begegnen und ebenso nach Laune festzuhalten . Unseren beiden Frauenzimmern , welche dem Hausherrn gegenüber doch immer etwas von Schüchternheit bei sich verspürten , kam eine solche Freiheit zu ganz besonderm Troste , dem Maler war sie ohnehin Bedürfnis , und sogleich gab der Präsident das Beispiel , indem er sich noch auf ein Stündchen ins Arbeitskabinett zurückzog . Die Tischzeit versammelte alle aufs neue , und als man sich zuletzt gute Nacht sagte , trat jedem der Gedanke erstaunend vor die Seele , durch was für eine ungeheure Fügung sich die fremdesten Menschen dergestalt haben zusammenfinden können , daß es schon heute schien , als hätte man sich immerdar gekannt , als wäre man zusammengekommen , um niemals wieder Abschied zu nehmen . Nachdem wir von der Stellung der Personen , sowie von deren häuslicher und ländlicher Umgebung insoweit den Begriff gegeben haben , besorgen wir noch kaum , daß unsre Leser ein vollständiges Journal von den Unterhaltungen der nächsten Tage von uns erwarten möchten . Was außerhalb des Schloßbezirks nur immer Anlockendes zu Pferd und Wagen zu erreichen war , und was das Eigentum des Präsidenten , zumal eine sehr reichhaltige Bibliothek , zur Unterhaltung darbot , ward abwechselnd genossen und versucht . Der Präsident liebte die Jagd , und obgleich Theobald weder die mindeste Übung , noch auch bis jetzt einigen Geschmack daran hatte , so war ihm in seiner gegenwärtigen Verfassung der Vorteil dieser Art sich zu bewegen , wobei sowohl Leib als Seele in kräftiger Spannung erhalten wird , gar bald sehr fühlbar und bei einigem Glück mit den ersten Versuchen sogar ergötzlich geworden . Er kehrte an so einem Abend auffallend erheitert und lebhaft nach Hause . Auch hatten die Mädchen bereits ihren Scherz mit ihm , indem Margot behauptete : es könnte wohl nicht leicht ein Maler die schönste Galerie der seltensten Kunstwerke mit größerem Interesse durchlaufen , als er die Gewehrkammer ihres Vaters , worin er wirklich stundenlang verweilte . Gewiß aber war auch weit und breit eine solche Sammlung nicht anzutreffen . Gewehre aller Art , vom ersten Anfang dieser Erfindung bis zu den neuesten Formen des englischen und französischen Kunstfleißes , konnte man hier aufs schönste geordnet in fünf hohen Glaskästen sehen . Die Freunde bemerkten mit Lächeln , wie Nolten jedesmal eine andere Flinte für sich aussuchte , denn mit jeder hoffte er glücklicher zu sein , und endlich griff er gar nach einem alten türkischen Geschoß , welches zwar prächtig und gut , doch für den Zweck nicht passend und deshalb von dem schlechtesten Erfolg begleitet war . Besonders angenehm erschienen immer nach dem Abendessen die ruhigen gemeinschaftlichen Lesestunden . Der Maler hatte anfangs unmaßgeblich eine Lektüre vorgeschlagen , welche man in doppelter Hinsicht willkommen hieß . Unter den schriftlichen Sachen , die er vorläufig aus Larkens ' Nachlasse an sich gezogen , befand sich zufälligerweise ein dünner , italienischer Quartband , die » Rosemonde « des Ruccelai enthaltend , wovon ihm der Schauspieler , teils wegen der Seltenheit der alten ursprünglichen Venezianer-Ausgabe , teils weil eine angenehme Erinnerung für ihn dabei war , vormals mit besonderer Liebe gesprochen und gelegentlich erzählt hatte , daß er als fünfzehnjähriger Knabe das Buch aus der Sammlung eines Großonkels nebst einigen andern Werken verschleppt habe , natürlich ohne es zu verstehen , nur weil die schön vergoldete Pergamentdecke ihn gereizt . Einige Zeit hernach habe von ungefähr ein Kenner es bei ihm erblickt und es für einen außerordentlichen Schatz erklärt ; hiedurch sei er auf den Inhalt neugierig worden , um so mehr , da seine Neigung zu Schauspielen und Tragödien schon damals bis zur Wut entzündet gewesen . Nun habe er der Rosemonde - der unbekannten Geliebten - zu Gefallen mit wahrhaft ritterlichem Eifer sich stracks dem Italienischen ergeben , und nachdem er die Süßigkeit der Sprache erst verschmeckt , für gar nichts anderes mehr Aug und Ohr gehabt , in kurzem auch , ein zweiter Almachilde ( so hieß Rosemondens Liebhaber und Retter ) , der armen Königstochter sich völlig bemächtigt . War aber dieses Stück , als ein verehrter Zeuge der schönen Kindheit des tragischen Theaters der Italiener schon an und für sich merkwürdig genug , so setzte sich nun unser Zirkel , des Mannes eingedenk , von dem es herkam , mit einer Art von Andacht zu dem Trauerspiel , wiewohl es während des Lesens und Verdeutschens an munteren Bemerkungen nicht fehlte , entweder weil die Übersetzung zuweilen stocken wollte , oder weil man nicht umhin konnte , die im ganzen herrliche Charakteristik in der Dichtung mitunter etwas hart und holzschnittartig zu finden . Außer Agnes und Nannetten war allen die Sprache bekannt ; man übersetzte wechselsweise , am liebsten aber sah man immer das Buch in Margots Hände zurückkehren , welche mit eigener Gewandtheit die Verse in Prosa umlegte und meistens ein paar Szenen im voraus zu Papier gebracht hatte , da denn wirklich der Ausdruck an Kraft , Erhabenheit und Rundung nichts mehr zu wünschen übrig ließ , so daß man , obgleich alles sehr treu gegeben war , etwas ganz Neues zu hören glaubte und den Dichter in seiner ursprünglich grandiosen Natur vollkommen gerechtfertigt sah . Dem in gewisser Hinsicht unbefriedigenden Schlusse der Handlung half das Fräulein , einem glücklichen Fingerzeig ihres Vaters folgend , durch Einschaltung einer kurzen Szene auf , worin die Vereinigung des liebenden Paares , welche der Dichter nur anzudeuten , bei seinem höhern Zwecke kaum für der Mühe wert gehalten , zum Troste jedes zart besorgten Lesers klärlich motiviert war . Man bedauerte nur , mit der Lektüre so schnelle fertig geworden zu sein , und weil jedermanns Ohr nun schon von den südlichen Klängen gereizt und hingerissen war , so brachte der Präsident einen italienischen Novellisten hervor , indessen der Maler gereimte Gedichte gern vorgezogen hätte , aus einem Grunde zwar , den er nicht allzu lebhaft geltend machen wollte : er war entzückt , wie Margot Verse las ; er glaubte einen solchen Wohllaut kaum je von Eingeborenen gehört zu haben , und wenn es manchen Personen als ein liebenswürdiger Fehler angerechnet wird , daß sie das R nur gurgelnd aussprechen können , wie denn dies eben bei dem Fräulein der Fall war , so schien diese Eigentümlichkeit der Anmut jenes fremden Idioms noch eine Würze weiter zu verleihen . Agnes entging es nicht , mit welchem Wohlbehagen Freund Theobald am Munde der Leserin hing , allein auch sie vermochte demselben Zauber nicht zu widerstehen . Überhaupt lernten die Mädchen nach und nach immer neue Talente an dieser Margot kennen ; das meiste brachte nur der Zufall an den Tag , und weit entfernt , es auf eine falsche Bescheidenheit anzulegen , oder im Gefühl ihrer Meisterschaft den Unkundigen gegenüber die Unterhaltung über gewisse Gegenstände vornehm abzulehnen , teilte sie vielmehr die Hauptbegriffe sogleich auf die einfachste Weise mit und machte durch die Leichtigkeit , womit sie alles behandelte , den andern wirklich glauben , daß das so schwere Sachen gar nicht wären , als es im Anfang schien ; sogar legte sie einmal das liebenswürdige Geständnis ab : » Wir Frauen , wenn uns der Fürwitz mit den Wissenschaften plagt , krebsen mitunter bloß , wenn wir zu fischen meinen , und freilich ist es dann ein Trost , daß es den Herren Philosophen zuweilen auch nicht besser geht . - Sehn Sie aber « , rief sie aus und schob die spanische Wand zurück , die in der Ecke ihres Zimmers einen großmächtigen Globus verbarg , » sehn Sie , das bleibt denn doch eine Lieblingsbeschäftigung , wo man auf sicherem Grund und Boden wandelt . Der Vater hat mich drauf geführt , er ließ die hohle hölzerne Kugel mit Gips und feiner Farbe weiß überziehen , ich zeichne die neuesten Karten darauf ab und mache ohne Schiff und Wagen mit Freuden nach und nach die Reise durch die ganze Welt . Die eine Hälfte wird bald fertig sein , und hier die neue Welt steigt auch schon ein wenig aus dem leeren Ozean . « Agnes bewunderte die Schönheit und Genauigkeit der Zeichnung , die zierliche Schrift bei den Namen , die breit lavierte Schattierung des Meers an den Küsten herunter ; Nannette aber rief : » Will man den Weibern einmal nichts anderes lassen , als das beliebte Nähen , Stricken , Bandmalen oder Sticken , und was damit verwandt sein mag , so sollte man mir gegen eine Arbeit wie diese , wenn ich es je bis dahin brächte , die Nase wahrhaftig nicht rümpfen , denn die Strickerin wollt ich doch sehen , die schönere Maschen und künstlichere Filets vorweisen könnte , als Sie , mein Fräulein , hier bei diesen Linien und Graden gemacht haben ! « Sofort erklärte Margot dies und jenes , und wenngleich Nannette immer diejenige war , welche die Sachen am begierigsten auffaßte , am schnellsten begriff , und am besten zu schmeicheln verstand , so blieb doch Margots Aufmerksamkeit , obwohl nicht unmittelbar , denn sie fürchtete durch eine direkte und vorzugsweise Belehrung Agnesen zu verletzen , dennoch am ersten auf diese gerichtet . Überhaupt hatte ihre Neigung zu dem stillen Mädchen etwas Wunderbares , man darf wohl sagen , Leidenschaftliches . Man sah sie , zumal auf dem Spaziergange , nicht leicht neben Agnes , ohne daß sie einen Arm um sie geschlagen , oder die Finger in die ihrigen hätte gefaltet gehabt . Zuweilen machte diese Innigkeit , dies unbegreiflich zuvorkommende Wesen das anspruchlose Kind recht sehr verlegen , wie sie sich zu benehmen , wie sie es zu erwidern habe . Inzwischen hatte man die Nachbarschaft des Guts ziemlich kennengelernt , die Stadt ohnehin schon mehrmals besucht . Unter anderm rief Theobalden die Publikation des Larkensschen Testaments dahin . Es fand sich ein bedeutendes Vermögen . Ohne alle Rücksicht auf entferntere Familienglieder ( nähere aber lebten überall nicht mehr ) , hatte der Verstorbene vorerst einige öffentliche Benefizien zumal für seinen Geburtsort gestiftet ; sodann betrafen einzelne Legate nur eine kleine Zahl von Freunden , darunter eine Dame , deren Name und Charakter außer dem Maler niemand erfuhr . Der letztere selbst und seine Braut waren keineswegs vergessen . Bemerkenswert ist die ausdrückliche Verfügung des Schauspielers , daß niemand sich beigehen lassen solle , sein Grab - gleichgültig übrigens wo es sei - auf irgendeine Weise ehrend auszuzeichnen . Am Abende desselben Tags , da diese Dinge in der Stadt bereinigt werden mußten , gab ein Konzert , von welchem alle Freunde der Musik lange vorher mit großer Erwartung gesprochen , einen höchst seltenen Genuß . Es war der Händelsche Messias . Der Maler , dem ein hiesiger Aufenthalt oft eine Art von Überwindung kostete , weil er sich eine reine Totentrauer durch unvermeidliche Zerstreuung fast jedes Mal vereitelt und zersplittert sah , fand heute in dem frommen Geist eines der herrlichsten Tonstücke den übervollen Widerklang derjenigen Empfindungen , mit denen er vom Grabe des Geliebten kommend unmittelbar in den Musiksaal eintrat . Er hatte sich etwas verspätet und mußte ganz entfernt von seiner Gesellschaft , in einer der hintersten Ecken sich mit dem bescheidensten Platze begnügen , den er jedoch mit aller Wahl nicht besser hätte treffen können . Denn ihn verlangte herzlich , die süße Wehmut dieser Stunde bis auf den letzten Tropfen rein für sich auszuschöpfen , er sehnte sich , dem Sturme gottgeweihter Schmerzen den ganzen Busen ohne Schonung preiszugeben . - Spät in der Nacht fuhr er mit den drei Frauenzimmern ( der Präsident war diesmal nicht dabei ) im schönsten Mondenschein nach Hause . Es hatte jenes Meisterwerk dermaßen auf alle gewirkt , daß es in der ersten Viertelstunde , wo sie sich wieder im Gefährt befanden , beinahe aussah , als hätte man ein Gelübde getan , auf alles und jedes Gespräch darüber zu verzichten ; und als das Wort endlich gefunden war , galt es dem teuren Larkens fast ausschließlich . Das Fräulein offenbarte sich bei der Gelegenheit zum erstenmal entschiedener von seiten des Gefühls , was wenigstens dem Maler gewissermaßen etwas Neues war , da es ihn manchmal deuchte , als stünde diese Eigenschaft bei ihr unter einer etwas zu strengen und jedenfalls zu sehr bewußten Vormundschaft des mächtigern Verstandes . Das Wahre aber ist : Margot verbot sich , bei aller übrigen Lebendigkeit , von jeher den kecken Ausdruck tieferer Empfindung , vielmehr - er verbot sich von selber bei ihr , da sie ihr Leben lang nie einen Umgang gehabt , wie ihn das Herz bedurfte . Es wäre nicht leicht zu bezeichnen , was es eigentlich war , das einem so trefflichen Wesen von Kindheit an die Gemüter der Menschen , oder doch ihres Geschlechts , entfremden konnte . In der Tat aber , so wenig kannte sie das Glück der Freundschaft , daß sie ihre eigene Armut auch nur dunkel empfand , und daß ihr von dem Augenblick ein durchaus neues Leben , ja ein ganz anderes Verständnis ihrer selbst aufgegangen zu sein schien , da sie in Agnesen vielleicht die erste weibliche Kreatur erblickte , welche sie von Grund des Herzens lieben konnte und von der sie wiedergeliebt zu werden wünschte . Nolten las heute recht in ihrer Seele , obgleich auch jetzt noch ihre Worte etwas Gehaltenes und Ängstliches behielten , so daß sie , was niemals erhört gewesen , mitten in der Rede ein paarmal stockte , oder gar abbrach . Zu Hause angekommen , glaubten alle aus der lichten Wolke eines frommen und lieblichen Traumes unvermutet wieder auf die platte Erde zu treten , doch fühlte jedes im sanft und freudig bewegten Innern , daß dieser Abend nicht ohne bedeutende Spuren , sowohl in dem Verhältnis zueinander als im Leben des einzelnen werde bleiben können . Der Präsident nahm dieser Tage eine Reise vor , und in Geschäften , wie er sagte ; doch eigentlich war seine Absicht , dem bevorstehenden Geburtsfeste seiner Frau auszuweichen . Der Maler mit den Mädchen war anstandshalber gleichfalls geladen und diese Höflichkeit mußte angenommen werden . Der Präsident war schon fort , als die Botschaft einlief , die Feier unterbleibe wegen Unpäßlichkeit der Frau . Vermutlich lag nur eine Empfindlichkeit gegen den Gatten zugrunde . Margot indes fuhr am Morgen allein nach der Stadt , verhieß jedoch , am Abend wieder hierzusein . So blieben unsre Leute einen vollen Tag sich selbst überlassen , was zur Abwechslung vergnüglich genug schien . Sie konnten sich so lange als die Herren dieser Besitzung denken ; Nannettens rosenfarbener Humor erfreute sich einmal wieder des freiesten Spielraums , selbst Agnes behauptete , so behagliche Stunden in langer Zeit nicht mehr gelebt zu haben , Nolten bemühte sich zum wenigsten , einen unzeitig auf ihm lastenden Ernst zu verleugnen . Nach Tische schickten sich die Mädchen an , Briefe nach Haus zu schreiben . Der Maler aber nahm eine Partie hinterlassener Schriften seines Freundes in den Garten . Es war ein schwüler Nachmittag . Nolten trat in ein sogenanntes Labyrinth . So heißen bekanntlich in der altfranzösischen Gartenkunst gewisse planmäßig , aber scheinbar willkürlich ineinandergeschlungene Laubgänge , mit einem einzigen Eingang , welcher sich schwer wiederfinden läßt , wenn man erst eine Strecke weit ins Innere gedrungen ist , weil die grünen , meist spiralförmig umeinander laufenden und durch unzählige Zugänge unter sich verbundenen Gemächer fast alle einander gleichen . Die Wege sind sehr reinlich gehalten , die Wände glatt mit der Schere geschnitten , ziemlich hoch und oben gemeiniglich offen . Der Maler schritt in diesen angenehmen Schatten , seinen Gedanken nachhängend , von Zelle zu Zelle , und nachdem er lange vergeblich auf das Zentrum zu treffen gehofft hat , verfolgt er endlich eine bestimmte Richtung und gelangt auch bald in ein größeres rundes Gemach , worauf die verschiedenen Wege von allen Seiten zuführen ; es ist oben bis auf eine schmale Öffnung überwölbt , und diese sanfte Dämmerung , die Einsamkeit des Plätzchens , wo kaum das Summen einer Fliege die tiefe süße Mittagstille unterbrach , alles stimmte vollkommen zu den Gefühlen unseres Freundes . Er setzte sich auf eine Bank und schlug die Mappe auf . Verschiedene Aufsätze fanden sich da , meistens persönlichen Inhalts , Poesien , kleine Diarien , abgerissene Gedanken . Sehr viel schien sich auf Theobald selbst zu beziehen , anderes war durchaus unverständlich , auf frühere Lebensepochen hindeutend . Besonders anziehend aber war ein dünnes Heft mit kleinen Gedichten , fast lauter Sonette » an L. « , sehr sauber geschrieben . Nolten erriet , wem sie galten , denn der Verstorbene hatte ihm selbst von einer frühen Liebe zu der Tochter eines Geistlichen gesprochen . Es war allem nach ein höchst vortreffliches Mädchen , das in der schönsten Jugend gestorben . Wahrscheinlich fiel das Verhältnis in den Anfang von Larkens ' Universitätsjahren ; wie heilig ihm aber noch in der spätesten Zeit ihr Andenken gewesen , erkannte Theobald teils aus der Art , wie Larkens sich darüber äußerte ( er sprach ganz selten und auch dann nie ohne Rückhalt von der Sache ) , teils auch aus andern Zeichen , die er erst jetzt verstand . So lag z.B. in den zierlich geschriebenen Blättern ein hochrotes Band mit schmaler Goldverbrämung , das der Schauspieler von Zeit zu Zeit und , wie Nolten sich bestimmt erinnerte , immer nur an Freitagen , unter der Weste zu tragen pflegte ; der Maler legte die Gedichte zurück , um sie später mit Agnes zu genießen . Jetzt aber ward er durch die Aufschrift einiger andern Bogen aufs äußerste frappiert und eigentlich erschreckt . » Peregrinens Vermählung mit * . « Eine Note am Rand sagte deutlich , wer gemeint war ; er blätterte und entdeckte im ganzen eine unschuldige Phantasie über seine frühere Berührung mit Elisabeth . - Von jeher war es dem Schauspieler gewohntes Bedürfnis gewesen , alles , was ihn auf länger oder kürzere Zeit interessierte die Eigentümlichkeiten seines nächsten Umgangs , das ganze Leben mancher Freunde , durch Zutat seiner Einbildung mit einem magischen Firnis aufzuhöhen , sich näherzubringen und so alles auf zweifache Art zu genießen . Er trieb diesen idealen Unterschleif nicht leicht in solchem Maße , daß ihm dadurch die natürliche Ansicht von Dingen und Personen verrückt oder unschmackhaft geworden wäre , er beurteilte namentlich Theobalds Wesen bei alledem auf die nüchternste Weise und pflegte jener phantastischen Neigung so wenig auf Kosten der Freundschaft , daß er vielmehr mit ängstlicher Sorgfalt alles und jedes vor ihm versteckte , was auf die Gesundheit seines Gemüts irgend nachteilig von dorther hätte wirken können . So ließ er sich denn insbesondere von seiner Vorliebe für Elisabeth nichts gegen Theobald merken . Er beschäftigte sich lange Zeit mit dem Schicksale dieser Person , doch außer den getreu nach der Wahrheit verfaßten Memoiren , welche der Leser längst kennt , kam Nolten keine Zeile von den dahin einschlagenden Versuchen zu Gesicht . Ohne Zweifel hatte Larkens einmal die Absicht gehabt , die Geschichte mit der Zigeunerin für sich zu erweitern und ins Fabelhafte hinüberzuspielen ; dasjenige , was der Maler in Händen hielt , waren teils Fingerzeige zu Gedichten , teils ausgeführte Stücke , welche in loser und schwebender Verknüpfung , wie es der mythischen Komposition angemessen schien , zuletzt einen gewissen Lebenskreis erschöpfen sollten . Freilich geschah diese wunderliche Amplifikation der an sich schon wunderbaren Tatsachen mehr in seiner eignen als Noltens Sinnesweise . Der Maler konnte sich an der Fiktion als solcher ergötzen , doch brachte diese Reihe von seltsamen Bildern alsbald eine solche Beklemmung , Unruhe und Schwere über ihn , daß er die Blätter mehr als einmal ungeduldig wegwarf . Indem hier einige Stücke ausgehoben werden mögen , ist zum Verständnis des ersten Gedichts einer Randbemerkung zu erwähnen , wodurch auf eine gewisse Zeichnung hingewiesen wird , welche von Nolten zur Zeit , als er die Schule zu * * besuchte , entworfen , Elisabeths Gestalt in asiatischem Kostüm , mit Szenerie im ähnlichen Geschmack , darstellte ; später sah Larkens das Blatt und bat sich ' s aus , doch lag es nicht hier bei . Die Hochzeit4 Aufgeschmückt ist der Freudensaal ; Lichterhell , bunt , in laulicher Sommernacht Stehet das offene Gartengezelte ; Säulengleich steigen , Reichlich durchwirket mit Laubwerk , Die stolzen Leiber Sechs gezähmter , riesiger Schlangen , Tragend und stützend das Leicht gegitterte Dach . Aber die Braut noch wartet bescheiden In dem Kämmerlein ihres Hauses . Endlich bewegt sich der Zug der Hochzeit , Fackeln tragend , Feierlich stumm . Und in der Mitte , Mich an der linken Hand , Schwarzgekleidet geht einfach die Braut ; Schöngefaltet ein Scharlachtuch Liegt um den zierlichen Kopf geschlagen , Lächelnd geht sie dahin ; Das Mahl schon duftet . Später , im Lärmen des Fests , Stahlen wir seitwärts uns beide Weg , nach den Schatten des Gartens wandelnd , Wo im Gebüsche die Rosen brannten , Wo der Mondstrahl um Lilien zuckte , Wo die Bäume vom Nachttau troffen . Und nun strich sie mir , stillestehend , Seltsamen Blicks mit dem Finger die Schläfe : Jählings versank ich in tiefen Schlummer . Aber gestärkt vom Wunderschlafe Bin ich erwacht zu glückseligen Tagen , Führte die seltsame Braut in mein Haus ein . Warnung Der Spiegel dieser