Traum , dann führt man sie zu dem entscheidenden Punkte heran . Ich war , ich versichere Sie , auf gutem Wege . Ich sagte ihr immer dasselbe , zuletzt hätte sie sich an die Worte gewöhnt , die ihr anfangs sehr dreist und lächerlich vorkamen . Das Zweitemal klingt so etwas schon besser , und in der Einsamkeit , wo kein Anderer spricht - ! Nun , Eitelkeit bleibt Eitelkeit , und wer ihr schmeichelt , behält doch am Ende recht ! Soll ichs Ihnen aufrichtig gestehen , so ist es mir um Elise noch mehr leid , als um mich selber , daß sie sich wieder in die Welt wagt . Sie kann nicht allein darin bestehen . Ich hätte sie wahrhaftig mit Anstand wieder hineingeführt . Es giebt gewisse Beschwörungsworte , die die Menschen erstaunt respektiren , und die Urtheile und Meinungen ganz merkwürdig im Zaume halten . Nun geht die alte Geschichte wieder los , das ist klar , und wer wird sie denn öffentlich vertreten ? wem giebt sie ein Recht dazu ? Ganz und gar lächerlich kann man sich doch auch nicht machen , und als ihr Peladin auftreten , und eine Lanze für sie brechen . Sie würde es Einem noch dazu schlecht danken , und sich einbilden , es verdürbe ihren Handel mit dem Grafen . Ja der ! - Nun , ich habe den vornehmthuenden , abweisenden , unzusammenhängenden , kalten Menschen nie leiden können , und führt uns der Zufall einmal an einander , ich würde es ihm beweisen , was ein ordentlicher , vernünftiger Haß und ein tüchtiger Kerl ist . Letzthin begegnete ich ihm auf der Straße . Er grüßte flüchtig . Ich dankte eben so . Als ich eine Strecke an ihm vorüber war , drehte ich mich um . Ich wollte sehen , wohin er hier , wo ihn kein Mensch leiden kann , seinen Weg nehmen würde . Er war stehen geblieben . Ein beißender Zug spielte ihm um den Mund , da er meinem Blick begegnete . Ich hatte Lust , gleich auf ihn zuzufahren und ihn zur Rede zu stellen . Aber was wäre daraus geworden ? Nichts ! in der Welt Gottes Nichts ! Er hätte halb freundlich , halb verwundert gelächelt , gethan , als wäre ich ihm nicht auf tausend Meilen in die Gedanken gekommen , er würde das höflich und gelassen erklärt , und mich , wie einen tölpischen , rohen Burschen vor mir selbst roth gemacht haben . Er vermeidet gern Aufsehen , und hat es eigentlich Elisen niemals vergeben , daß sie den Lärm veranlaßte . Wenn es ihm nach ginge , so stände noch Alles wie es stand , der Roman spielte sich langsam fort . Während er seine Verpflichtungen gegen die Eine auf leichte Achseln nahm , legte er sich keine neuen für die Andere auf . Er hat sich verrechnet , und darum sieht er jetzt aus , wie ein Halbgott incognito . Die schlechte Laune und das stumme , verdrießliche Wesen , das legt er wie altes , graues Civilzeug auf . Innerlich kitzelt er sich mit dem Gedanken , daß die Welt nicht im Stande ist , den großen Mann in ihm zu erkennen . Das Stück hat schon gar zu oft gespielt , damit macht er Keinen dumm . Ich breche hier ab , liebe Mutter ! ohne den Brief zu schließen . Mir liegt eigentlich erschrecklich viel auf dem Herzen . Ich schreibe gern Alles gleich frisch weg herunter . Aber die Gräfin Ulmenstein schickt nach mir , mit der dringenden Bitte , eilig zu ihr zu kommen . Was kann die wollen ? - - - - Da haben wir ' s ! ich dachte es gleich ! Es war wegen Elisen . Die alte , boshafte Elster mußte ja auf der Stelle ausschwatzen , was ihr zu Ohren gekommen war . - Verwünscht ! wie sie das einkleidet ! so theilnehmend , so entschuldigend , so natürlich ! Und dabei lügt sie wie gedruckt . Schon lange war sie davon unterrichtet , daß Elise ihren bisherigen Aufenthalt verlassen hatte . Schon lange ? Dumme Lüge ! Erst vor ein Paar Stunden kam die Post hier an . Freilich , was zwischen dem Tage der Abreise und heute liegt , das mögen ihre Zuträger wohl bald genug ausgekundschaftet haben . Und das eben , was dazwischen liegt , das ist zum toll werden ! » Da sind Sie ja ! « rief mir die Gräfin entgegen . Man sah es ihr an , sie hatte auf Kohlen gesessen , bis ich wirklich da war , und sie ihr Müthchen kühlen konnte . » Ich glaubte schon , « fuhr sie sogleich fort , Sie wären bei Ihrer armen Cousine . « » Bei meiner armen Cousine ? « fragte ich halb ärgerlich , halb erschrocken , da ich nicht wußte , ob ich das Beiwort auf vergangenes oder neues Unglück beziehen sollte . » Ja , wahrhaftig ! « entgegnete sie , indem alle Züge ihres Gesichts herunter hingen , und die Stimme fiel . » Sein Sie versichert , daß ich den innigsten Antheil nehme . « » Gnädige Frau ! « sagte ich jetzt , kaum meiner Ungeduld Herr , » ich verstehe nicht ein Wort von dem , was Ihre Güte mir wahrscheinlich nur verbergen will . « Mutter und Tochter sahen einander hier mit bedeutendem Blick und mitleidigem Lächeln an . » Gott ! er weiß es nicht ! « bedauerte die Letztere . » Nein ! nein ! « fuhr ich rasch dazwischen . » Auf Ehre ! ich weiß nichts . Was ist denn Neues vorgefallen ? « » Sie wissen es nicht ? « dehnte die Mutter ihre Frage , als besinne sie sich eines Bessern . » Nun , dann ist es auch nicht so arg , « setzte sie , wie ermuntert und getröstet , hinzu . » Ich habe einen tödtlichen Schreck gehabt , man sagte mir , die kleine , allerliebste Frau sei wahnsinnig geworden , in diesem Zustande zu Fuß hierher gekommen , zu dem Sachwalter des Präsidenten eingedrungen , habe von ihm die Revocation des Scheidungsprozesses gefordert , und erklärt , sie wolle nicht geschieden sein , und werde deshalb ihrem Manne folgen , wo er sich auch befinde . « Ich unterbrach hier die Gräfin durch lautes Lachen . Diese Fabel kam mir doch zu kindisch vor . Sie machte ein empfindliches Gesicht . » Nun ! « meinte sie , » lächerlich ist bei der Sache nichts . Sie müßten es denn komisch finden , daß Ihre Cousine unterwegs in der fameusen Waldschenke , den Ort ihrer früheren Zusammenkünfte , einen ärgerlichen Auftritt mit einer lustigen Punschgesellschaft hatte , und höchst derangirt dort auftrat , denn hier ist sie gewesen , « betheuerte sie feierlich , » sur cela , je vous engage ma parole d ' honneur . Sie wurde am Ende halb mit Gewalt nach dem Amthause gebracht , nachdem sie auf öffentlicher Landstraße des histoires d ' autre monde aufführte . Wenn Sie das so sehr amüsirt , mein lieber Rittmeister ! mache ich Ihnen einen Knix , und sage kein Wörtchen mehr . « Die französischen Floskeln verriethen mir die hämische Absicht und die zügellose Bosheit , mit der mich die Gräfin beleidigen wollte , denn sie redet nur modern , ( wie sie reines Deutsch nennt ) wenn sie sich bewacht und verbindlich sein will . Ich strich daher einen guten Theil von dem Inhalte ihres Berichtes . Doch auch so mußte ich mich zusammennehmen , um dem Geschwätz mit Fassung auf den Grund zu kommen . Eine Zeitlang spielte die ungezogene Frau , die mich eigentlich in der nächsten Anverwandtin impertinent beleidigt hatte , die Empfindliche . Sie wollte mit keiner ihrer tausend Anekdoten , von denen ich eigentlich mehr Licht über die Sache zu erhalten dachte , herausrücken . Zuletzt brannten sie ihr aber doch auf der Seele . Sie konnte es nicht über sich gewinnen , zu schweigen . Ich erfuhr genug , um anderwärts nähere Erkundigungen einzuziehen . Ich kann nur so viel mit Bestimmtheit sagen , daß Elise wirklich Schritte gegen Eduard gethan haben soll , daß diese aber auf Rechnung einer ausgebrochenen Krankheit geschoben werden , welche sie dem Tode nahe brachte . Sie liegt in ihrem ehemaligen Wohnort , im Hause des Amtmanns , ohne alle Hoffnung . Hugo verläßt sie keinen Augenblick , und die Stiftsdame Sophie wird sie ohnfehlbar , wenn nicht dem Grabe , doch dem Traualtare zuführen . Das kommt von dieser unseligen Reise , die Sie hintertreiben mußten , wenn Sie Ihren Sohn nicht über die verzogene Nichte vergaßen . Unsere Hoffnungen , gute Mutter ! sind nun auf die eine oder die andere Art dahin ! Noch zittre ich für Elisens Leben . Aber es kann ein Augenblick kommen , wo ich sie lieber todt , als in den Armen des verhaßtesten aller Menschen wissen möchte ! Im Grunde meiner Seele fürchte ich diesen Augenblick am meisten ! Ich sage Ihnen heute ein trauriges Lebewohl . Arme Mutter ! Sie werden sehr betrübt sein . Ich bin es auch ! Ich will hinaus zum Förster . Wir jagen zuweilen mit einander , vielleicht erfahre ich da etwas von ihr . Nächsten Posttag schreibe ich wieder . Sophie an den Comthur Ich habe Ihnen , lieber Freund ! heute viel , sehr viel zu sagen ! Sie erwarten Nachricht von unserer Kranken . Walter wartet darauf , sie Ihnen zu bringen . Ich bin hierdurch , wie durch die Ungeduld , Ihnen Alles mitzutheilen , was mir das Herz erfüllt , gedrängt , und doch kann ich meiner Gewohnheit nach , nur gesammelt und nach einander meine Berichte machen . Zügeln Sie also Ihre Ungeduld ein wenig . Auch unser flinker Bote muß sich gedulden . Ohne daß ichs Ihnen erst melde , sehen Sie es diesem Briefe schon an , daß Elise seit dem entscheidenden neunten Tage in der Besserung vorschreitet . Sie hatte , wenn auch eine schlaflose , doch eine ruhige Nacht . Allein , eben von der Nacht habe ich Ihnen zu erzählen . Ich durchwachte sie mit Hugo im Nebenzimmer . Er war wie ein Mensch , an dem ein großes Unglück vorüber gegangen ist , weich , dankbar , inniglich , bis auf den Laut der Stimme und den schwimmenden Glanz des Auges . Gang und Sprache , Alles war leise . Es bebte noch die heftige Erschütterung hindurch . Selige , unaussprechliche Stimmung , in der sich der niedergebeugte Geist schüchtern und ehrfurchtsvoll zur Hoffnung erhebt . Hugo sah die Welt in anderer Gestalt . Die Freude färbte ihm das Leben heller . Auch auf mich trug er einen Theil der größern Wärme über . Wir saßen neben einander , wir sprachen so tonlos , daß kein Wispern und Flüstern die gereizten Nerven der Kranken berührte . Das matte Lämpchen , noch durch einen Schirm geschwächt , schimmerte ganz fahl . Wir hörten jeden Athemzug unserer Freundin . Er war gleichmäßig , und würde uns über ihre Schlaflosigkeit getäuscht haben , wenn das Rascheln der seidenen Decke und die Bewegung der Gardinen es nicht verrathen hätten , daß sie wache . » Sie erkannte Sie gleich , als ihr das Bewußtsein wiederkehrte ? « fragte ich Hugo . Er bejahte es mit sichtbarer Rührung . » Was sagte sie denn ? « hub ich nach einer Pause wieder an . » Sie nannte meinen Namen , « entgegnete er . » Und - « er stockte einen Augenblick . » Dann , « fuhr er fort , » hob sie beide Arme zum Himmel hinauf , und begleitete diese Bewegung mit einem langen Blick , den sie lächelnd auf mich niederfallen ließ . « » Ja , « erwiederte ich , » sie wäre auch wohl nicht erwacht , hätte sie Ihr schmerzlicher Ruf nicht geweckt . « Er sah lange schweigend vor sich hin . » Ich also , meinen Sie , « nahm er endlich das Wort , » habe sie ins Leben zurückgerufen ! Wie wird das Leben für sie aussehen ? « Er lächelte auf seine schmerzliche Weise . Mich erschreckte das . Ich wollte es zu keinem innern Verlieren bei ihm kommen lassen . » Seh ' n wir nicht weiter , « bat ich , » als der Augenblick es uns gestattet . Wir haben noch keine Sicherheit für die nächste Zukunft . « Er sah mich erschrocken an . » Wie ? « fragte er , » Sie fürchten noch ? « Ich drückte ihm stumm die Hand , denn die Kranke schien sich im Bette zu erheben . Er sah unruhig nach ihr hin . » Sophie ! « rief sie schwach . Ich eilte zu ihr . Sie gab mir die Hand . Ich mußte mich auf einen Stuhl neben sie setzen . » Er schläft wohl ? « fragte sie . Ich nickte ihr zu , und wendete mich so , daß sie Hugo nicht sehen konnte , der in der offnen Thüre stehend , ängstlich auf jede ihrer Bewegungen sah . » Das ist mir lieb , « versicherte sie . » Ich will , ich muß mit Ihnen reden . « » Jetzt nicht , « bat ich sie . » Sein Sie unbesorgt , es ist nöthig , gewiß , liebe Sophie ! « fuhr sie dringend fort , » ich werde gefaßter sterben , wenn ich dies vom Herzen habe . « » Sie werden jetzt nicht sterben , « unterbrach ich sie , von dem Ernst und der Feierlichkeit ihres Wesens peinlich erschreckt . » Es kann sein , « sagte sie , » es kann auch anders sein ! « Sie sah in die Höhe . Ihr liebes Auge war von dem Flor der Krankheit noch nicht befreit , es dämmerte so umwölkt , und hatte dadurch etwas unbeschreiblich Zärtliches . » Schreiben Sie , « hub sie gleich darauf an , » auf jeden Fall an Eduard , Liebste ! Sagen Sie ihm , daß ich jetzt nichts , als seinen gestörten Frieden vor Augen hätte , und Alles darum geben möchte , ihn glücklich zu wissen . Bitten Sie ihn , mir zu verzeihen , daß ich seine Ruhe leichtsinnig durch unsere Verbindung aufs Spiel setzte . Das ist mein größtes Unrecht ! « seufzte sie . » Ich liebte ihn nicht . Guter Gott ! ich wußte nicht , daß es anders sein könnte ! « Sie sank matt auf ihre Kissen zurück . Ich wollte nichts mehr hören ; ich beschwor sie , alle Anstrengung zu vermeiden . Sie lächelte . » Was sind Sie so ängstlich ? « fragte sie . » Der Tod ist nicht das Schlimmste , was mir droht . « Ich that nicht , als ob ich sie verstehe . Hugo hatte sich indeß leise hereingeschlichen . Er stand mit dem Haupt seitwärts gegen den Schirm gelehnt , der das Bett der Kranken theilweise umgab . Diese , einmal den Gegenstand berührend , der sie wohl meistens beschäftigte , achtete nicht auf mein Schweigen , sondern sagte : » Denken Sie doch nur , Sophie ! wie jung ich bin , drei und zwanzig Jahr , und schon mit dem Leben abgeschlossen ! Nichts , nichts mehr darin , was mir gehört ; keine Pflichten ! kein Beruf ! kaum ein Plätzchen , das mir vergönnt , den langen , unfruchtbaren Weg , ohne Unterbrechung , ohne Schatten und Licht , kahl und grau , bis an ' s Ende zu übersehen . Und ich war so froh wie Emma , « klagte sie , » so recht jugendfroh . Was nimmt mir jetzt der Tod ? Nichts ! wahrhaftig nichts ! « Ich erinnerte sie an Georg , der ihr doch immer bliebe , den sie auch aus der Ferne begleiten könne . » Aus der Ferne ! « wiederholte sie schmerzlich . » Ja , fern ! fern ! das paßt auf Alles , was mir angehört . Es bleibt mir nichts nahe . O bitte ! « rief sie , nach meiner Hand fassend , » beziehen Sie ' s nicht auf sich , Liebste ! Denken Sie nicht , ich sei ausgeartet genug , um Ihre Freundschaft mit Undank zu lohnen . Ich fühle sie , ach , ich fühle sie ! Aber - ! « Sie stockte . » Und ? « fragte ich . » Sie haben auch eine Andere in mir geliebt , Sophie , als ich bin , « erwiederte sie sinnend . » Das ist wohl Vielen so gegangen , « setzte sie hinzu , » auch Hugo ! Er hat recht , ich kenne mich selbst nicht mehr ! « Dieser , vielleicht mehr durch Elisens klagende Stimme , als durch den Sinn ihrer Worte getroffen , mochte einer unwillkührlichen Bewegung nicht Herr sein . Ein leises Geräusch verrieth seine Nähe . Die Kranke fuhr in die Höhe . Sie fragte . Sie rief ihn . Er trat zu ihr . Thränen bedeckten sein Gesicht . Er war sichtlich in großer Erschütterung . So ergriff er ihre Hand , so gelobte er mit leisen , heißen Worten , sie nie zu verlassen , sein Geschick unwiederruflich an das ihrige zu knüpfen , und ihrer Verbindung die Heiligkeit auch äußerlich zu geben , die sie für ihn ewig habe . Lieber Freund ! das war es , was ich Ihnen in seinem unwillkührlichen Kommen und Geschehen hinstellen wollte . Sie haben es in Ihrer Klarheit begleiten können . Der Eindruck ist frei , durch Nichts vorher bestimmt . Sie werden in sich fühlen , wie viel Raum wir der Freude geben dürfen ! Beide sind jetzt glücklich ! Elise ist in der Genesung wie durch einen Zauberschlag vorgerückt . Nur eins hätte mich fast diesen Morgen hierüber irre gemacht . » Sagt mir doch , « hob sie nach kurzem Schlafe an , » was ist denn das für ein graues , verschleiertes Geschöpf , das während meiner Krankheit Nachts immer durch das Fenster dort herein sah ? « Ich erschrack . Ich fürchtete , sie rede aufs neue im Fieber . Ich entfernte deshalb jene Vorstellung , ohne sie zu bestreiten . Sie lachte . » Ich weiß wohl , was Sie denken , Sophie , aber es ist ganz bestimmt , wie ich es Ihnen sage , « versicherte sie . Ich war verlegen , auf welche Weise ich es ihr ausreden sollte . Zum Glück erinnerte mich Madame Lindhof an die Italienerin . Ich schwieg davon , doch Johanna wußte hierüber noch manche Anekdote , was zu meinem Verdruß , Elise nachdenkend machte . Es war wohl die Erinnerung an die fremde Bewohnerin ihres Hauses , denn sie sagte bald darauf : » also auch eine ruhelose Unglückliche ! « Wir ließen es dabei . Sie aber fragte noch mehrmals nach der Unheimlichen . Nun , der Eindruck wird sie weiter nicht stören . Sie ist zu glücklich ! Elise an die Tante Wie soll ich es denn anstellen , recht aus dem Herzen , recht frei , ganz wie ich bin und denke , zu Ihnen , meine Wohlthäterin , meine beste , liebste , mütterliche Beschützerin , zu reden , ohne Sie zu betrüben , ohne Ihnen von einer Seite wehe zu thun , wo ich Sie immer mit Besorgniß verletzlich fand . Ich weiß wohl , daß Sie himmlisch gut sind , daß Sie Ihr eigenes Interesse willig für Andere opfern . Allein , gute , arme Tante , Sie haben nur den einen Sohn , Sie dachten , Sie hofften für ihn , und machten es , wie man es immer thut , wenn man hofft . Sie waren Ihrer Sache im Stillen gewiß . Es hat mich sehr gequält , Sie in dem Irrthum , dreister als Sie es sonst pflegen , der Zukunft vorauseilen zu sehen . Sie ließen mich es merken , und wenn ich Ihnen widersprach , lächelten Sie mit einer Ruhe , die so aussah , als hätten Sie Gründe und Mittel , meinen Entschluß zu bestimmen , die Sie nur noch geheim hielten . Ich wurde ganz irre an mir , an Ihnen , an meinem Geschick . Die Angst , liebe Tante , hat mich auch aus Ihrem Hause getrieben . Nachher bin ich tödtlich krank geworden . In der Zeit ist Vieles vorgefallen . Jetzt bin ich mit Hugo verlobt ! - O sein Sie nicht böse ! Entziehen Sie mir Ihre Liebe nicht . Ich bin so glücklich ! wie könnte ich es bleiben , wenn ich Ihren Unwillen zu fürchten hätte ? Sehen Sie , meine beste Tante ! mit Curd und mir wäre es doch in meinem Leben zu keiner Verbindung gekommen . Wir passen wirklich nicht für einander . Ich bin ihm gut ! O Gott , ja , recht herzlich gut ! Aber - nein ! - das war unmöglich ! Ach , Sie sehen das auch im Grunde wohl ein . Ich bin zu alt für ihn , und dann , eine geschiedene Frau ! - Sagen Sie , was Sie wollen , Curd dünkt Ihnen wohl gut genug für eine bessere , die nicht den Tadel der Welt auf sich lud , Niemand erst zu vergessen hat , und froh und stolz an seiner Seite in Gesellschaften auftreten , den Blicken der Menschen gern begegnen mag . Was hätte er nicht Alles meinetwegen bekämpfen müssen ! Und wie peinlich wäre Ihnen das gewesen , Sie , gute , sanfte Tante ! Ich darf hoffen , daß ähnliche Vorstellungen Ihnen nach und nach kommen , und Sie über meinen Verlust trösten werden . Allein , es ist noch etwas dabei , was Sie und auch Curd nicht verschmerzen werden ; das ist der Mann , dem ich meine Hand gebe . Sie haben ihn nie leiden mögen , und wenn ich späterhin seiner erwähnte , so hörten Sie mir stets mit verbissenem Aerger zu . Das kommt aber nicht aus Ihrem guten Herzen . Sie sind weit entfernt , irgend ein Geschöpf Gottes zu hassen , geschweige denn einen Menschen , den Sie niemals mit Augen sahen . Ich will es ununtersucht lassen , weshalb Sie , zum erstenmale in Ihrem Leben , unbillig erscheinen ? das ist eine kitzliche Frage , die zwischen uns unbeantwortet bleiben muß . Allein , weil Ihr Herz doch eigentlich von dem Widerwillen nichts weiß , so schmeichle ich mir , die Zeit und meine Bitten werden ihn überwinden . Sie werden Ihre arme Elise , die soviel litt , soviel bei Ihnen geweint hat , die Sie nicht weinen sehen konnten , Sie werden ihr keine neuen Thränen auspressen wollen ! Nun , ich will Sie auch nicht bestürmen . Ich will geduldig warten , bis Sie mir ' s endlich einmal sagen : » Sei nur ruhig , Kind . Ich sehe es nun wohl ein , er ist ein braver Mann , und ich wünsche Dir aufrichtig Glück zu der Heirath mit ihm . « Ach gute Tante ! wenn Sie das sagen wollten , Aber Sie können es jetzt noch nicht . Und darum fürchte ich unbescheiden zu sein , wenn ich Ihnen alle Umstände auseinandersetzen , wenn ich Ihnen erzählen wollte , wie es eigentlich so anders , so entscheidend gekommen ist . Zuweilen ist es mir selbst wie ein Traum ! Was Sie doch einigermaßen beruhigen sollte , ist , daß der alte , würdige Comthur so aufrichtigen Antheil an unserm Geschick nimmt , daß er schon lange den Wunsch hegte , ja selbst ihn aussprach , es so versöhnt zu wissen . Er und die Freundin , deren Briefe Ihnen , gute Tante ! immer so viel Achtung für die Schreiberin einflößten , die sind es , welche jetzt Hugo ' s und meinen Frieden mit den unversöhnlich Gesinntesten machen . Der vortreffliche Oheim hat Eduard geschrieben , ihm in die Seele geredet , und mir wenigstens eine verzeihende Aeußerung von ihm gewonnen . Auch in der Stadt , am Hofe , zeigte sich der würdige Mann unsertwegen . Ihm ward eine lange Unterredung mit der Fürstin Mutter , in welcher diese zuletzt eingestand : Es sei so viel für die Bewahrung der Sitten gewonnen , daß nun jedes andere Gerücht zum Schweigen gebracht werde . Auch hat sie mich grüßen lassen , und geäußert : Der Zutritt an Hof stehe mir frei , wenn ich ihn suchen wollte . Alles dies schreibe ich Ihnen , weil es auch Sie vielleicht gütiger stimmt . Werden Sie mir wohl antworten ? Und sollte ich diese Antwort fürchten müssen ? Oder - ich weiß es nicht , aber ich denke manchmal , mein Glück muß Sie rühren ! und am Ende , wenn Alle aufhören , mich zu schelten , wollen Sie , die früher Andere , ihrer Strenge wegen , tadelte , jetzt erst anfangen , es diesen gleich zu thun ? Geben Sie mir Ihre Hand , lassen Sie mich sie küssen . Sein Sie wie immer , die Gütige , die nicht zürnen kann . Hugo an Elise Der Einfall , den schönen Frühlingstag in Wehrheim zubringen zu wollen , ist vortrefflich . Wissen Sie , daß der gestrige , warme Regen alle Knospen der Mandelblüthen geöffnet hat ? Wie ein rothes Wölkchen zieht es sich unten an den Bergen hin ! Und am Boden , der frische Rasenteppich ! und darüber , den Glanz der klaren , milden Merzsonne ! Ich sage Ihnen , Elise ! das helle Wehrheim tritt wie ein Zaubergarten aus den blauen Wellen unsers Stroms herauf . Nun , Sie werden ja sehen ! Ich kam eben von dort , als ich Ihr Billet fand . Wir hatten einen Gedanken ! Es ist sonderbar , sagen Sie mir , wie die Natur oft in so frappantem Zusammenhange mit dem Geschick der Menschen zu stehen scheint ! Dieses hat auch seine Abschnitte , und nicht selten correspondiren Jahreszeiten und Lebensepochen höchst wunderbar ! Ich erinnerte mich auch heute der starren , verwilderten Stimmung , in der ich den lieben Ort , unter Winterstürmen und Eisnebeln , vor wenigen Monaten durchstrich , und freute mich , den schönen Frühling in ruhiger Brust aufnehmen zu können . Lassen Sie es uns vergessen , daß die Stunden zeitlich und auch der Frühling vergänglich ist ! Wir wollen heute thun , als könne weder ihm noch uns der Wechsel etwas anhaben ! Sophie begleitet Sie doch ? Sie gehört so sehr zu uns . Der Oheim kommt auch , vielleicht später ! immer indeß vor Abend . Sie haben auch die Nachtluft zu scheuen . Ob mir gleich nichts über das Hineindämmern in die geheimnißvollen Dunstbilder des Thaues und die breiter fallenden Schatten geht . Könnten wir die Rückfahrt nicht zu Wasser machen ? Aber ich besinne mich ! Nein ! Nein ! Sie scheuen das . So fahren Sie mit dem Oheim , und ich bringe Ihnen Sophie nach . Guten Morgen , Liebe ! Elise an Hugo Welch ' einen Tag haben wir verlebt ! Ich kann noch nicht schlafen gehen . Es ist Alles wach in mir ! Haben Sie es denn empfunden , wie mir ward , als mich der Comthur die Treppe zum Schlosse hinauf führte ? Und ich nun eintrat , nun da war , da sein durfte , in der neuen Heimath . - Ich hatte früher das nie gedacht , nie geträumt , die Empfindung überwältigte mich , man ist sich fremd in den ganz neuen Lebensbeziehungen , ich zitterte , ob aus Schwäche , aus Freude oder einer höhern Macht , die mich bis hierher führte ? ich weiß es nicht zu sagen . Mein sanfter Begleiter schien mir über alles , so wie über die Stufen der Treppe weg , und nur vorwärts helfen zu wollen . Dann ließ er mich , und trat einige Schritte seitwärts , als wir innerhalb standen , und ich gleichsam eingeweiht war , und Besitz von meiner künftigen Wohnung genommen hatte ! Hugo ! wie ist es denn möglich , daß plötzlich alles so anders werden , die Vergangenheit versinken , und eine Gegenwart da sein kann , die mit dem schon gelebten Theil des Daseins in keiner äußern Verbindung steht , und doch ganz da ist , vollständig , bindungslos , wie die Ewigkeit ihr unbegreifliches Leben um uns verbreitet ? Ich habe den ganzen Tag über diese Frage nicht hinausgekonnt . Daß ich das nur fragen mußte ! Es waren überschwengliche Stunden , in denen ein Menschenherz brechen könnte , weil es das nicht faßt , was es zu reich beseligt ! Sehen Sie , wie wir nun nach und nach häuslicher in dem unbewohnten Schlosse wurden , wir bei einander saßen , das Auge mit allen Gegenständen außer uns vertraut ward , Niemand gerade sprechen mochte , der Fluß so eintönig rauschte , als sage er uns seit Jahren dasselbe , unsere Hände in einander lagen , die Blicke über die Landschaft hinglitten , die Mandelbäume ihre rothen Kronen leise bewegten , und das Wasser frische Lüftchen heraufschickte , um uns den milden Blüthenduft näher zu bringen , ich hätte denken können , es sei immer so gewesen ! Und dann erschrack ich doch wieder , und fragte mich , ist es denn nun erlaubt , daß ich hier bin ? daß ich seine Hand in die meine schließe ? daß ich es zeige und sage , wie ich ihn liebe ? Diese innere Ruhe , diese Sicherheit ist kein Traum ! Hugo , lieber Hugo ! Der Himmel hat mir viel Muth , und durch lange Zeit Kraft im Unglück gegeben