christlicher Geburt . « Am Abend des eingehenden , so wie am Abend des ausgehenden Festes sah ich den Knaben nicht , denn ich lag darnieder an einer Wunde , die mir böse Menschen geschlagen hatten . Ben David sagte mir mit keinem Worte von dem Kinde , und nicht Esther , seine Tochter , und Jochai war der Einzige , dem in der Geschwätzigkeit seines Alters die Kunde entschlüpfte gegen mich , es befinde sich im Hause ein Knabe , den der Herr geführt habe , man wisse nicht von wannen , und bringen wolle , man wisse nicht , wohin . Von dem Schmerz meiner Wunde geplagt , achtete ich auch nicht auf des Alten Geplauder . Da aber nach dem Habdalah mein Leib wundersam schnell wieder genesete , und ich am folgenden Tage blos um zu ruhen , zu Bette lag in meiner einsamen Kammer , da trat dieser Greis Jochai , als es schon wieder zu dämmern begann , zu mir , und sprach : » Steh auf , Zodick , so Du ein guter Knecht meines Sohns bist , und Deines Leibes Schmerzen er vertragen , und folge mir eiligst mit Schaufel und Haue . « - » Sogleich , Raaf , « antwortete ich dem Alten gehorsam , denn zu der Zeit ehrte ich ihn , wie alle Juden zu thun pflegen , da er das Gesetz kennt und auslegt . Ich stand auch alsobald auf , nahm nach seinem Willen Schaufel und Haue , und folgte ihm , der trotz seinen blöden Augen rüstig voranschritt über die dunkeln Stiegen zu dem Keller ; in dessen Gewölbe , das unter dem Hinterhause fortläuft , und durch einen Verschlag geschieden ist , von dem Vordern , wo man Holz und Wintergemüse aufbewahrt , rastete der Alte , und befahl mir , Feuer anzuschlagen und die Leuchte anzuzünden , die er unter seinem Rocke hervorzog . Dieses geschah . Run setzte sich der Alte auf einen Stein , und sprach : » Jetzo , mein guter Knecht , nimm die Werkzeuge zur Hand , und haue hier vor meinen Füßen eine Grube von anderthalb Schritten in der Länge , und von der Breite eines Ellbogenmaaßes . « Ich zögerte nicht , mich an die Arbeit zu machen , in der Meinung , man wollte hier Kostbarkeiten vergraben , wie die Juden gar oft zu thun pflegen , denn sie hegen Verdacht gegen Alles , was sie umgibt , und besitzen gar häufig Dinge , die nicht kommen dürfen sobald an den Tag . Da mir nun aber Jochai ferner gebot , die Tiefe von zwei Ellbogenlängen zu nehmen , und säuberlich geräumig zu machen die Grube , ward ich doch stutzig . » Raaf ! « sagte ich , kopfschüttelnd : » Ihr müßt viel köstliche Habe zusammenbringen , um dies Loch nur zur Hälfte auszufüllen . « - Er hieß mich jedoch einen fürwitzigen Mancher , und befahl mir , zu fördern die Arbeit . Ich that es nun auch , und während dessen begann der Alte eitel verdächtige und seltsame Reden , und fragte mich , ob ich etwas verstände von Zauberei und geheimen Mitteln . » Gott soll hüten ! « versetzte ich hierauf , und fluchte den Zauberern . Der Raaf sah mich , schnell an , und sprach : » Verflucht seyen die Schedim , aber heilig die Zauberer , die den Schemhamphorath verstehen , und damit die Sprache der Thiere , der Teufel und die Kenntniß der Mittel , die groß machen Israel in Edom . Hast Du nie davon gehört , fuhr er fort , daß eines unmündigen , vom Berge Seir1 stammenden Knaben Herz , in der Nacht des Amalekitischen Sabbats von gesegneten Händen ausgerissen , zu Staub verbrannt , und am Abend des Festes Haman in geheiligtem Weine genossen , Glück , bringt und großen Reichthum ? Ich schaute dem Raaf bestürzt in ' s Gesicht , und habe nicht erwiedert ein Wort . Nachdem ich aber die Grube vollendet , und den Grund geschaufelt auf einen Haufen , mußte ich noch verstopfen mit Stroh und Holz die Luftlöcher des Gewölbes , und wurde von dem Alten angewiesen , mich zu begeben hinauf , und dem Herrn zu sagen ; es sey geschehen im Namen des Propheten Elias . « - So wie ich nun aber an des Kellers Thüre gelange , kommen mir Schritte entgegen , und herab steigt bereits der Herr , und trägt auf der Schulter einen Knaben , in Schlummer versunken . Er stutzte sehr , da er mein wurde ansichtig , und der Raaf sprach zu ihm wie im Zorne : » Warum kommst Du geschlurft zur Unzeit ? Der Knecht sollte Dir erst sagen , war ' s beschlossen .... « - » Ben David stotterte ein Paar unverständliche Worte , und hieß mich gehen von bannen mit der Lampe , so er mit sich gebracht ; und mich legen zu Bette , ohne zu verweilen . Ich ging , und hinter mir schlossen sie die Thüre zu mit allen Riegeln . Da ich nun aber die Stiege emporging , ließ mir ' s nicht Rast und nicht Ruh , und ich mußte sehen , was da unten vorging , und hätte ich fürchten sollen , zu werden blind , wie Einer , der die Scheching , das heißt , die Herrlichkeit Gottes anschaut , wenn sie gerade auf den Fingernspitzen des Cohen ' s sitzt , welcher segnet . Ich zog daher aus die Schuhe , und blies aus die Lampe , und tappte in finstrer Nacht in das Höflein , und sah hinunter in den Keller durch eine Ritze , die ich mit Vorbedacht gelassen hatte in einer der Fensterverkleidungen . Ich muß geworden seyn kalt wie Eis , da ich gewahrte , was vorging im Gewölbe . Ben David hatte den Knaben entkleidet , und die Kälte den Armen geweckt . Zu dem leise Wimmernden trat der Raaf , und fragte ihn , wie die Juden zu fragen pflegen am Feste Jom Kippur2 , das da fällt im Monde Tisri : Jüngelchen , über welches der Mohel3 nicht gekommen . Willst Du seyn mein Kappora ? 4 - Das Büblein machte Ben David nicken mit dem Haupte , und plötzlich stopfte ihm der Raaf einen Knebel in den Mund , daß es nur leise und dumpf stöhnen konnte , während dessen seine Augen hervortraten aus den Höhlen , wie die eines Lamms , das man schächtet . Und herbei aus dem Winkel schleppte der Raaf ein roh gezimmertes Kreuz ; Ben David streckte darauf den Gepeinigten aus , und voll zitternder Begierde , mit vor Alter bebenden Händen , nagelte ihn der Raaf auf das Leidensholz , indem er das Gebet murmelte , das leider unter den Juden heimisch ist , und also lautet : Dies Opfer soll mir dienen als Wechsel und Tausch ; es komme an meine Statt ; es gehe in den Tod und ich mit allem Volke ! Israel in ' s ewige Leben ! Furcht und Angst komme über die Gojim ! Verflucht , seyen die Wohnungen des Berges Seir ! Verflucht und vertilgt die Hütten Amaleks ! Verflucht und vertilgt Ammon , Edom und Moab Offenbart und endlich geschenkt deinem Volke seine Erlösung ! « - » Während dieses Gebets hat Ben David dem zuckenden Würmlein gespieen in ' s Angesicht , und gerufen mit Hohn : Gegrüßt seyst Du uns , König in Israel ! Herrlich und gesegnet seyst Du , Fürst der Juden ! - Darauf hat er die Lampe ergriffen und bedeutet dem Raaf , er möge ein Ende machen denn der Knabe drohe schon jetzo zu verscheiden . Und der Raaf ergriff ein blank geschliffen Messer , und heiligte es in den von den Gliedern des Opfers rinnenden Tropfen , und näherte sich damit her Stelle , wo das ängstliche Herzlein pickte , und zeichnete hier ein blutiges Kreuz ...... « » Ersticke , und verdammt seyst Du , verfluchter abtrünniger , Sohn des Leviathan ! « kreischte hier der alte Jochai , und sank unter Zuckungen zur Erde nieder . Ben David stand ihm , obwohl selbst kraftlos taumelnd , bei , und wandte zum Himmel die trocknen Augen , in welchen eine wilde , verzweiflungsvolle Frage an das Verhängniß lag . Der Oberstrichter nahm jedoch keinen Antheil an Jochai ' s Zustand , und gebot dem fürchterlichen Kläger zu enden . Mit tückischer Behaglichkeit ging auch Zodick zu Ende . » Das Büblein ist verschieden unter dem Messer des Raaf , und sein weitres Schicksal weiß ich nicht ; « schloß er . Ob sie das Körperlein vergraben , - ob sie es geworfen in den Fluß , weiß ich nicht , da ich mich entfernte , während sie noch darüber gestritten . Der Raaf war für das Erstere , und Ben David für das Zweite ; denn er hat mir nicht getraut , da ich ihn kommen gesehen mit den Knaben . Ich aber konnte nicht mehr aushalten in Ben Davids Nähe , und habe benützt die erste Gelegenheit , um aus der Gemeinschaft zu treten mit dem Raaf und seinem Sohne . Das ist , so wahr mir helfe der Barmherzige , der mich gerettet von der Ketzerei , die reine , lautre Wahrheit ; Amen . - Ein tiefes Schweigen beherrschte den düstern Schauplatz . Jochai lag bewußtlos , Ben David war zu Stein geworden , - Grete betete in Gedanken ihren Rosenkranz zum Heil der hingeopferten Seele ; - Zodick rastete von der Anstrengung seiner Rede , und selbst der Oberstrichter und sein Gehülfe , gewöhnt an Schrecknisse und Frevelklagen , erholten sich von den unerhörten Gräueln , die sie vernommen . - Endlich faßte sich der Richter , und wendete sich mit donnernder Stimme an Ben David : » Du hast gehört , Abscheulicher , « sprach er : » wessen man dich anklagt . Ein Genosse Deines Hauses , Dein ehemaliger Glaubensbruder , Dein getreuer Knecht ist es , der den Schleier von dem ungeheuern Verbrechen zieht , das Du mit Deinem Vater begingst . Wirst Du ferner läugnen , und dadurch das Schwert der Vergeltung schärfen ? Wirst Du verharren in dem giftigen Groll Deiner irrgläubigen Verstocktheit ? « » Herr ! « antwortete Ben David mit frostklappernden Zähnen : » Ich soll reden , und kann kaum finden ein Wort auf meiner Zunge . Ich könnte Euch zuschwören unsre Unschuld bei dem heiligen , hochgelobten Gott , den Gräbern unsrer Voreltern , und Allem , was uns heilig ist in Israel , - Ihr würdet uns aber nicht glauben , denn wir sind schlechte Juden , - ich könnte herbeibringen das Zeugniß meiner unschuldigen Tochter Esther , - aber Ihr würdet sagen , es gelte nicht , weil es meine Tochter gab . - Warum jedoch glaubt Ihr dem abtrünnigen Knecht , der gegen uns zeugt , warum der Magd , die in ihrer Stumpfheit Alles bejaht , was man ihr vorsagt ? Unschuldig sind wir , unschuldig , unschuldig an dem gräßlichen Frevel , den man uns auflügt . Fünf Monden sollen seyn verflossen seither , und nun erst kommt der gottlose Bube hier vor Eure Bank , und schreit Zeter über uns ? Warum hat er nicht alsobald aufgerufen zur Rache Himmel und Erde , nachdem , - wie er lügt - die Unthat geschehen ? « - » Wirst Du schweigen , verfluchter aussätziger Jude ! « zürnte der Oberstrichter , indem er heftig aufsprang : » Sollte sich der arme Mann Eurer Rache aussetzen ? Ihr Judengeschmeiß klebt an einander wie Kletten , und dieser hier wäre nicht der Erste , den ihr erschlagen habt , um seine Geständnisse zu verhindern , oder zu bestrafen . Ehe er mit Euch in ' s verdiente Gericht ging , mußte er aufhören in Eurer höllischen Mitte zu leben . Er that ' s , er hat sich dem Himmel , dem allbarmherzigen Schooß des wahren Glaubens zugewendet , und kann nun offen gegen Euch auftreten , von unsrer Macht geschützt . Noch mehr , die Seele des unschuldigen Knäbleins , das Ihr unserm Heilande zu schmählichem Spott zu Tode gemartert habt , ist diesem neuen Christen zu wiederholten Malen im Traume erschienen , und hat ihn aufgefordert bei seiner eignen Seele Heil und Frieden , die Gräuelthat offenkundig zu machen , und zu rächen schon , in dieser Welt . Blutdürstiges Schelmenvolk ! Deine Bosheit liegt am Tage , und noch in dieser Stunde lasse ich euch Beide in Eures Hauses Keller führen , der noch bis jetzt mit meinem Siegelring verpetschirt liegt . Ich will mir ein Fest daraus machen , durch eigne Untersuchung des Klägers Angaben zu beglaubigen , und am letzten Tage der Leidenswoche unsres Herrn zwei Mörder und Gotteslästerer zu entlarven , die mit seinem Namen und seinem Erlösungswerke todeswürdigen Spott getrieben . « Die Schelle erklang von Neuem , und Rathsdiener erschienen . » Reißt den alten Bösewicht von der Erde auf ; « befahl der Oberstrichter , dessen blinde Hitze im Steigen war : » es ist eitel Lug und Trug mit seiner Hinfälligkeit . Die Wahrheit , die er nicht läugnen kann , hat ihn umgeworfen . Schleift ihn an Stricken mit euch . Den andern Höllenhund werft wieder in seine Fesseln . Der Stöcker soll herbei mit seinen Knechten , und das Gezücht nach der Judengasse bringen , denn keinem ehrlichen Manne steht ' s zu , seine Hand an den Ungeheuern hier zu verunreinigen . Ich folge alsobald . « Der gestrenge Herr warf den Mantel über , winkte dem Schreiber , dem Zodick und der stummen Magd , ihm nachzukommen , und ging aus der Kammer . Ben David hatte keine Augen für das tückische Lächeln , mit welchem Zodick an ihm vorüberstrich , sondern lauschte sorgsam auf die Athemzüge seines sich erholenden Vaters , von welchem er sich nicht trennte , obgleich man ihn neben demselben in Ketten schlug . Einer der Rathsknechte lief , befohlnermaßen , nach dem Stöcker und seinem Geleite , der Andre ging vor die Thüre , um den Wachen und neugierigen Gaffern redselig zu beschreiben , in welcher Wuth der Oberstrichter von dannen gegangen , und welche Worte er drohend und zürnend gesprochen . Die Gefangnen blieben einige Augenblicke allein , und Ben David küßte mit Entzücken die Hände seines erwachenden Vaters . » Ach ! « seufzte dieser ermattet : » so war es kein Traum ! O Herr in Israel ! wie kannst Du dulden solche Nichtswürdigkeit ! Ich bin zu alt , um machen zu können Anspruch auf ' s Leben , denn ich habe gelebt für zwei Menschen auf der Erde , aber ... Du - mein Sohn - und Esther , das Enkelchen ! Weh mir ! was soll das noch werden , wenn Du bestehst darauf , zu schweigen , und nicht zu sagen , wo Du hingeführt den Knaben aus Edom . « - » Ich darf nicht , Vater , « versetzte Ben David fest : » ich würde machen unglücklich , die jetzt glücklich sind . Ich habe versprochen , zu schweigen , und will halten , was ich versprochen . « » Und wenn Du hättest geschworen , « fiel Jochai eifrig ein : » so gilt der Schwur nichts , da es geht an den Hals . Ich will Dich entbinden Deines Gelübdes , wie ein rechter Lehrer in Israel . Ungültig soll seyn der Schwur , den man geleistet an die Männer und Frauen von Amalet . Wir wollen beten das Gebet Col niddre , und Dein Schwur soll Dir erlassen seyn . « » Vater ; « antwortete Ben David ernst : » Du magst mich entbinden des Eids , doch nicht der Zusage , so ich geleistet als redlicher Mann . Wenig Gewinn würde entstehen aus meinem Bekenntniß ; es würde mir kosten den Kopf , und Estherchen Hab und Gut , und Dir Schande bringen und den Bettelstab . « » Weh mir ! « jammerte der Alte : » In welchen Handel hast Du Dich begeben ? unbesonnener Mann ; Geld ist gut , doch besser das Leben . So Du aber sterben mußt , und Esther verarmen , begehre ich auch nicht länger zu athmen . Denn mehr als todt ist ein Alter von hundert Jahren , das in Kummer und Hunger versiegt . « - » Beruhige Dich , Vater ; « versetzte David : » wir werden nicht sterben , Du sollst nicht hungern . Die Leute , die da wissen , daß ich reden könnte , werden schon helfen , ehe es seyn wird zu spät . Verlasse Dich darauf ! « » Und wenn sie uns peinigen ? « klagte der Greis mit wachsendem Eifer : » Wenn sie uns tödten , schnell wie die Hand des Herrn ? Sohn , Sohn ! traue nicht auf der Gojim Hülfe und Versprechen ! traue nicht auf das Wort , es komme aus der Erde , oder falle vom Himmel ! Beten wir nicht täglich : Herr , bau Zion wieder , die Gottesstadt und ihren Tempel ? Laß ihn geboren werden und kommen den Messias , den man nennen wird gleich Dir , den Sohn Davids ? Und noch ist Zion nicht gebaut , und noch der Messias nicht gekommen ; und also werden wir von bannen genommen seyn , ehe Hülfe kommt und Rath ; als Opfer Deines unseligen Handels , und Deines Eigensinns . « » Verzagst Du denn so ganz an der Hülfe des hochgelobten Gottes ? « fragte Ben David , den Alten , der zwischen Wahn , Glaube und Unglaube ängstlich schwankte , wehmüthig bei der Hand ergreifend : » Vertraust Du denn nicht auf unsre Unschuld selbst , deren Stimme endliche uns frei sprechen wird von dem teuflischen Lügengewebe ? « » Ach , « seufzte der Alte , zweifelnd und befangen : » fünf Stimmen gibt ' s , die nicht hörbar von einem Ende der Welt zum andern gehen ; aber die Stimme der Unschuld ist nicht darunter . Sie ist nicht die Stimme des fruchtbaren Baums , den man fällt , - nicht die Stimme der Schlange , die man schindet , nicht die eines vom Manne erkannten , von einem Manne geschiednen Weibes ; nicht die Stimme des neugebornen Kindes .... ! « » Besinne Dich , Raaf ! « unterbrach ihn Ben David sanft : » Ist das Kind nicht das Bild der Unschuld ? Halte Dich am Glauben , und laß uns vertrauen . « - Mit vielem Geräusch trat die Wache ein , die ohne Schonung den Greis mit Stricken band , und ihn neben seinem Sohne durch das wilde Volksgedränge hindurch , an die Pforte des Römers führte , wo auf den Stufen der Nachrichter mit seinen Knechten die Ärmsten erwartete , die er im geheiligten Rathhause selbst nicht abholen durfte . Fußnoten 1 Bezeichnender Name der Christenheit , gleich Edom , Amalek etc. 2 Der lange Tag - Fest der Versöhnung . 3 Der , welcher die Beschneidung verrichtet . 4 Opfer . Viertes Kapitel . Wo ist das Auge , das schärfer sähe , als das der Liebe ? Wo die Hand , die kräftiger schirmte , als die des Liebenden ? Er hütet sein Kleinod mit freudigem Muthe , und nimmt es auf mit einer Welt , die ihm widerstrebt ! W. Dagobert war noch immer nicht einheimisch in seines Vaters Hause geworden . Diether hatte zwar viel von seinem mürrischen Wesen abgelegt , aber seine Freundlichkeit war Novembersonne . Er schien den Sohn eher zu meiden , als zu suchen , und der fröhliche Ostersonntag war vor der Thüre , ohne daß er seinem Dagobert nur ein einzigmal gesagt hätte , ob es ihn freue , daß ihn der Papst freigesprochen , - ob nicht . Der Sohn blieb daher ungern in dem Hause , wo er nur trübe Gesichter sah , denn auch Margarethe war von einer unbeugsamen Schwermuth befallen . Die zwei Tage , die er bei den Eltern zugebracht , waren ihm schneckenlangsam hingekrochen , und Zerstreuung zu suchen , befahl er seinem Vollbrecht , - der ' s vorgezogen hatte , bei dem leutseligen Herrn zu verbleiben , - die Pferde zu satteln , und einen Lustritt mit ihm zu machen . Der lange Knecht war ' s wohl zufrieden , und bald trabten sie im Freien . » Ei , welches ist denn jenes Gebäude dort an der Anhöhe ? « fragte Vollbrecht , da sich zu ihrer Linken ein Haus zeigte mit einem Thürmlein dessen farbig Ziegeldach lustig leuchtete im Mittagstrahl . Dagobert blickte hin , und hielt sein Roß an . » Sieh doch , « sprach er : » das ist der Schellenhof , der meinem Vater zusteht . Eine Meierei , auf welcher ich als Knabe manch heitern Tag verlebt . Es ist schon recht lange her , seit ich das wohnliche Haus zum Letztenmale gesehen , und ich verspüre eine Lust in mir , die alte Crescentia zu begrüßen , die dort als unsre Schaffnerin haust , und manch liebes Mal meinen Gaumen mit einem Becher Milch , oder mit saftigen Kirschen erquickt hat . Da wir eben keinen absonderlichen Zweck vor Augen haben , dächte ich , wir ritten an den Hof hinan . « - Gesagt , gethan . In kurzer Frist hatten die Pferde den breiten Landweg , der zum Gebäude führte , gemessen , und die Reiter stiegen an der mit Reben umkränzten Pforte ab . Zwei krummbeinige Dachshunde , die im warmen Sonnenscheine auf den Stufen lagen , umkreisten bellend die Pferde , und über die Halbthüre des Hauses lehnte sich ein altes aber freundliches Gesicht , den Ankömmling mit Vergnügen bewillkommend . » Grüß Dich Gott , alte Magd ! « sprach Dagobert treuherzig , und reichte ihr die Hand : » Sieh , es freut mich in der Seele , daß ich Dich lebendig und munter antreffe , wie einen rüstigen Wächter . Kennst Du mich denn noch ? « - » Ei , wie sollte ich nicht ? « antwortete die Frau mit vieler Rührung , und die Pforte weit öffnend : » An meinem alten Körper sind die Augen noch das Beste . Ein Gesicht , wie das Eure vergißt sich auch nicht so leicht . Tretet ein , lieber Junker Dagobert , tretet nur einen Augenblick ein in meine Klause . « - Der Jüngling folgte ihr bereitwillig und ließ sich ' s in dem engen Stüblein gefallen , wo Crescentia mit Schürze und Borstwisch Ordnung schaffte , den Tisch rein machte , die Katze vom Ofen , die Lieblingshenne vom Fensterbrett jagte , und einen ledernen Sorgenstuhl herbeischleppte für den lieben Gast . Dagobert sah sich , der Knabenzeit eingedenk , in dem kleinen Gemache um , das ihn heimisch ansprach mit Allem , was darinnen stand und lag . Da waren noch die alten Schränke zu schauen , und der mächtige Tisch mit dem knaufigen Gestell , und die bunte Truhe , und das Himmelbett mit den blau und weiß geflammten Vorhängen , und der Weihkessel an der Thüre , und das Kruzifix zwischen den Fenstern , und selbst die Dreikönigskreuze über dem Eingang standen wieder da , mit Kreide angemalt , wie vor Zeiten . - » Hier war ich glücklich ! « sprach Dagobert , all die veralteten Herrlichkeiten musternd : » Glücklicher als jetzt , und jene Glückseligkeit verdankte ich Dir , gute Frau . « - » Ei , warum solltet Ihr denn jetzt nicht eben so viel und doppelt so viel Freude haben , denn sonst ? « fragte Crescentia , ihm gutmüthig auf die Hand klopfend : » Ihr verdient ' s ja , glücklich zu seyn ; das sagt mir Euer gesundes und wackres Angesicht , und gewißlich seyd Ihr brav geblieben , wie Ihr ' s wart . Ach , sagte oft mein Seliger : wenn ich ' s nur erleben könnte , den kleinen Junker als unsern Herrn zu sehen . Sein Vater ist zwar gut , aber zehnmal besser würde der Sohn . Nun freilich , « fuhr sie fort mit einem Seufzer : » diese Zeit hat mein Alter nicht erlebt ; er würde sie auch nicht erlebt haben , wenn er noch so alt geworden wäre ; wir wußten damals noch nicht , daß Eure Mutter , der Gott gnädig seyn wolle , Euch der Kirche verlobt habe . « - » Gott erhalte Euch meinen Vater noch lange , « erwiederte Dagobert : » einen bessern Gebieter findest Du schwerlich wieder . « - » Mag seyn , « versetzte Crescentia trocken : » das Bessre , sagt ein Sprichwort kömmt nicht immer nach . - Eure Schwester , das Fräulein Wallrade , war kürzlich hier . « - » So ? « fragte Dagobert gleichgültig : » Wie kam ' s , daß sie sich hieher verirrte ? « - » Ei , « fuhr die Schaffnerin fort : » in solchen Angelegenheiten mag sich ' s wohl der Mühe verlohnen , auch dem kleinen Schellenhof einen Besuch zu schenken . Das Fräulein hat alle Baulichkeiten und Ländereien betrachtet , Stall und Garten besichtigt , und nach allen Einkünften und Zinsen des Guts gefragt . Das ist eine genaue Herrin , und wird Vieles ändern , wenn sie den Hof antritt . « - » Wallrade ? « fragte Dagobert , mit mehrerer Theilnahme schon : » Wallrade ? Ei , wie käme sie dazu ? « - » Sie hat mir versichert , « sprach die Alte , » daß sonder Zweifel die Meierei an sie fallen würde ; und sich überhaupt so herrisch und stolz betragen , als ob Euer Vater schon auf dem Schragen läge , und sie die einzige Erbin sey . « - » Hm ! « schaltete Dagobert ein : » Nicht übel . Es dürfte aber leicht anders kommen , gute Crescenz . Laß uns von andern Dingen reden , denn - Du weißt wohl - Geschwister hören nicht gerne von Geschwistern sprechen . - Ich bin gekommen , Eins mit Dir , zu plaudern , gute Seele , von Deinen kleinen Sorgen , von Deinem bescheidnen Wohlstande , von Deinen Leiden und Freuden , mit einem Worte . « - » Ach , « versetzte die Alte lächelnd : » was soll ich Euch denn sagen , lieber Junker , das Euerm gelehrten Verstande nicht langweilig vorkommen sollte ? Der Leiden habe ich , dem Himmel sey Dank , nur wenig . Die Vergangenheit hatte mir deren mehr bescheert . Die wenigen Freuden schaffe ich mir selbst , oder die Jahreszeit bringt sie . Damals war eine böse Zeit , als mein Wolfram starb . Euer Vater hatte just zum zweiten Male gefreit , und Eure Stiefmutter war eingezogen in aller Pracht und Herrlichkeit , aber auch mit allem Übermuth einer leichtsinnigen Jugend . Da sollte Alles neu erstehen und aufgeputzt werden ; da war Alles zu alt und zu verjährt . Das alte Geräthe aus dem Hause , und die alten Diener hinterdrein , hieß es damals . Ich hatte das Unglück , den Groll der schönen Frau auf mich zu ziehen , weil ich ihr nicht den gehörigen Reverenz erwiesen , da sie den Schellenhof zum Erstenmal besucht . Aber , Du lieber Gott , - mein Wolfram war gerade gestorben , - im Hause Alles drunter und drüber ; ich fand kaum ein Wort für mich , geschweige denn für die gestrenge Frau . Sie zürnte deßhalb auf mich , und ich war die Erste , die aus Euers Vaters Dienst entlassen wurde , - eine arme Wittib , ohne Habe , und Mutter eines noch unerwachsnen Mägdleins . Zudem hatte mein Alter noch Schulden hinterlassen , die ich nicht tilgen konnte , und schon wollte ich , das Kleid , das ich auf dem Leibe trug , allein behaltend , meinen Rosenkranz auf meines Mannes Grab legen1 und dann mit meinem Kinde betteln gehen , als ein Menschenfreund durch seine unvermuthete Hülfe uns von der bittersten Armuth rettete . Wir zogen auf das nahe Dorf , und lebten von der Unterstützung des biedern Helfers . Meiner Hände Arbeit versorgte den Mund , die Milde jenes Edeln half unsern übrigen Bedürfnissen ab . Indessen hatte hier ein Gärtner aus Wälschland sein Wesen getrieben , des Meierhofs Nutzen verkleinert , die Herrschaft betrogen . Durch unsern Freund kam die Schelmerei an den Tag , durch unsers Freundes Fürbitte wurde ich wieder hier eingesetzt , nachdem ich sechs Monden lang dies Haus hatte meiden müssen . Die gestrenge Frau , die ihre Voreiligkeit in ihrer Herzensgüte gerne wieder verbesserte , hat mich seither gut behandelt , und vor zwei Jahren meine Else zu sich als Gürtelmagd genommen . So gut ich meiner Else Arme hier im Hause hätte brauchen können , so wollte ich doch ihre Dienste einer Gebieterin nicht weigern , die mit einer alten Frau menschlich umgeht . Von jener Zeit an lebe ich hier allein und einsam . Der Lenz erfreut mich mit seinen Blumen , der Sommer mit seinen Garben , im Herbste breche ich die Früchte der Bäume , ... « - » Und im Winter ? « fiel Dagobert ein : » im Winter ? Wie steht es da ? Nicht dem Sturme des Nords allein bist Du Preis gegeben , sondern auch dem Muthwillen , der Raublust böser Gesellen , denen Du in Deiner Einsamkeit nicht widerstehen könntest . « - » Ei warum denn nicht ? « fragte Crescentia lächelnd : » Glaubt ja nicht , daß ich so ganz Mutterseelen allein sey . Mit nichten . Ein Paar rüstige , Knechte sind immer hier zur Hand . Nicht