ja nur alle Jubeljahre einmal . Kommen aber wird sie und zur rechten Zeit auch , darauf verlasse Dich , denn sie hat es mir versprochen . Wir können schon warten bis sie Zeit dazu hat , denke ich ; ein Paar Wochen oder Monate sind ja keine Ewigkeit . « Während dieses Streites hatte Vicktorine ein Zeitungsblatt ergriffen das zufällig dalag , und studirte es sehr emsig und zwar nach ächter Mädchenart nur die letzte Seite desselben , denn um politische Angelegenheiten bekümmerte sie sich nach geschlossenem Frieden nur wenig . Doch seit Raimunds Entfernung interessirten sie die Schiffsnachrichten ungemein , die gewöhnlich am Ende der Zeitungen neben den übrigen Bekanntmachungen ihren Platz finden . » Meine gute liebe Agathe , « sprach Vicktorine jetzt , indem sie das Blatt niederlegte und die kleine Braut recht herzlich umarmte , » liebes , liebes Kind , glaube mir , wir sind beide vergessen . Ich weiß jetzt , daß wichtigere Dinge , Ereignisse , die ihr weit näher am Herzen liegen , die Tante so beschäftigen , daß wir die Hoffnung aufgeben müssen , sie sobald wiederzusehen . Flechte Dir selbst Deinen Kranz und drücke ihn Dir schnell in die Locken , ehe der Sturm ihn Dir entführt . Baue in Zukunft auf niemand als auf Gott und auf Dich selbst . « » Und das alles steht da in der Zeitung ! « rief Agathe voller Erstaunen . » Und obendrein in einer uralten , sieh ' nur selbst , vom siebenzehnten April , « setzte Horst lächelnd hinzu , der indessen das Blatt aufgenommen hatte . Er fing nun an , es leise zu durchlaufen . » Schiffe angekommen - ausgelaufen - wir bitten um stille Theilnahme - « murmelte er lesend . » Unsre gestern gefeierte Verbindung - ja wer erst so weit wäre ! - einem gesunden Mädchen beschenkt - Hm ! da finde ich doch auf Ehre nichts . Doch halt , da ganz unten steht noch etwas mit lateinischen Lettern , das wird es seyn . « Mit lauter Stimme las er nun eine jener an Albert und Raimund von Leuen gerichteten Aufforderungen , Nachricht von ihrem Leben und Aufenthalt zu geben , welche Baron Meinau in allen Zeitungen hatte einrücken lassen . Der Inhalt derselben schien ihm aufzufallen , denn er las sie noch ein paar mal vor sich mit großer Aufmerksamkeit durch , ehe er das Blatt wieder hinlegte . » Ich verstehe Sie noch immer nicht , liebe Vicktorine , « sprach er endlich . » Daß es mehr Leute in der Welt giebt , die Raimund getauft sind , ist längst bekannt , das Einzige auffallende dabei ist nur , daß auch der Vorname des Vaters zutrifft . Vor ein paar Tagen habe ich diesen auf dem Denkmal gelesen , das sein Sohn ihm auf seinem Grabe hat errichten lassen , und dessen schöne einfache Form mir im Vorübergehen auffiel . Die Leute sagen : der alte Holm sey ein sonderbarer , sehr ernsthafter Mann gewesen , der etwas eignes , geheimnißvolles in seinem Wesen gehabt habe . Aber mein Gott , Kusinchen , wie bleich Sie werden ! habe ich Ihre eignen Gedanken nicht getroffen , so ist ja alles was ich sagte nur ein wunderlicher Einfall , auf den Sie gewissermaßen mich selbst gebracht haben . « Vicktorine antwortete wenig , das Gespräch nahm eine andere Wendung , Horst entfernte sich bald darauf , um nach Hause zu reiten , und Agathe begleitete ihn , um ihn zu Pferde steigen zu sehen . » Angelika , « rief Vicktorine , sobald sie mit dieser allein war , » liebe Angelika , welchen Sturm hat dieser Scherz in mir aufgeregt . Mehr als Scherz konnte Horst mit dem , was er sagte , nicht meynen ; da er die Geschichte der Tante nicht kennt , so fielen ihm nur die Vornamen derer , welche gesucht werden , und nicht der Name von Leuen auf . Und doch hat er , ohne es zu beabsichtigen , mich in ein Meer von Zweifeln gestürzt . Ahnungen erstehen in mir , denen meine Vernunft sich vergebens widersetzt . Dieses Blatt ist vom siebenzehnten April . Am nämlichen Tage erhielt die Tante Raimunds Brief , am nämlichen Tage kündigte sie uns ihre schon auf den nächsten Morgen bestimmte Abreise an . War es dieses Blatt , in welchem die Verwandte Ihres Bernhard gesucht werden , oder war es der Brief , was sie zu jenem schnellen Entschlusse bewog ? oder errieth Horst , ohne es zu ahnen , die Wahrheit , und Brief und Blatt wirkten vereint zum nämlichen Zwecke ? Ist Raimund der , den man sucht , - und tausend früher nicht beachtete Umstände drängen sich mir jetzt entgegen , um mich in dieser Ahnung zu bestärken , - ist er ein Edelmann , so wird mein Vater bei seinen uns bekannten Grundsätzen um so weniger in unsre Verbindung einwilligen wollen , und ist er es nicht , und kehrt er glücklich zu mir zurück , wer wird uns dann in Schutz nehmen , wenn Anna es nicht thut ? wer bei meinem Vater uns so vertreten , wie sie allein es kann ? Sie bleibt uns fern , Anna wird den Bruder , den Neffen ihres Bernhards wiederfinden , die ihrem Herzen weit näher stehen als wir . Wir sind vergessen ! « » Armes , liebes , unruhiges Herz , wie sinnreich bist Du , zu Deiner eigenen Quaal ! « unterbrach sie Angelika . » Anna vergißt Dich nicht , das glaube fest . Wie konnte nur je in Deinem eignen treuen Gemüth ein so frevelhafter Gedanke aufkommen ? « Jeder Trost , den Angelika aufbringen konnte , ging indessen an Vicktorinen verloren , denn zufolge ihrer ungeduldigen Natur konnte diese eher alles andere ertragen als Ungewißheit . Die Tante war ihr von jeher der sichtbare Schutzgeist ihrer Liebe gewesen , von ihrer Gegenwart unterstützt , war Vicktorine fähig zu hoffen ; doch nun war nicht nur sie , sondern zugleich mit ihr jede Spur von Raimunds jetzigem Leben ihr verschwunden , und sie fand eine Art grausamer Freude darin , sich ihrem Kummer und jeder Besorglichkeit ohne Schonung gegen sich selbst hinzugeben . Auch die gegenwärtige Stimmung ihres Vaters trug in dieser Zeit nicht wenig dazu bei , sie in Angst und Unruhe zu versetzen . Dieser war freilich weit milder und freundlicher gegen sie geworden , als er es bald nach der Auflösung ihres Verhältnisses zu Sir Charles gewesen war ; die Liebe zu seinem einzigen Kinde schien nicht nur in dem Gemüthe des Alten wieder erwacht , sondern sie äußerte sich zuweilen ganz eigen , auf eine Weise , die bei seiner gewohnten Heftigkeit um so rührender erschien , je mehr sie gegen die rauhe Behandlung abstach , die Vicktorine früher von ihm zu erdulden gehabt hatte . Eben diese Veränderung in seinem Wesen , deren Grund sie vergebens zu errathen suchte , erweckte aber in Vicktorinens , dem Vater kindlich ergebenem Gemüthe Besorgnisse , die nicht ganz ungegründet zu seyn schienen . Kleeborn war viel bleicher und dabei viel stiller als sonst , auch oft in Gedanken versunken und dabei recht von Herzen betrübt . Der alte Müller kehrte noch immer nicht von Amsterdam zurück und Vicktorine glaubte zu bemerken , daß ihres Vaters trübe Stimmung mit der verlängerten Abwesenheit desselben in Zusammenhang stünde ; doch aus leicht zu errathenden Gründen vermied sie es , hierüber eine Frage zu wagen . Die drückendste Schwüle hatte einen ganzen langen Sommertag hindurch auf der Natur gelastet , schwere Ungewitter stiegen im Laufe desselben aus allen Himmelsgegenden auf und standen , oft kämpfend , einander gegenüber . Die hohen Linden vor dem Hause beugten sich krachend vor des Sturmes Gewalt , vom schwarzumzogenen Himmel stürzten Wolkenbrüchen ähnliche Regenströme herab , gelbe Blitze umspielten die hohen Wipfel der uralten Bäume , und die Erde schien in ihren Vesten vor der lauten Stimme des Donners zu erzittern . Dann ward es wieder Friede in der Natur , die kämpfenden Elemente schienen versöhnt bis neue Wolkengebürge sich aufthürmten , neue Donner diese zerrissen und der eben beendete Kampf sich noch furchtbarer von neuem entflammte . Doch die Strahlen der dem Untergange sich nahenden Sonne zertheilten endlich den Wolkenschleier , der sie fast den ganzen Tag über verhüllt hatte . Zurückgerollt zu beiden Seiten , bildete er ein hochgewölbtes , in den glühendsten Farben prangendes Flammenthor , in dessen Mitte die Siegerin sich langsam dem Horizonte zuneigte . Jede einzelne Woge des breiten majestätisch hinrollenden Stromes prangte in goldigem Purpur , Myriaden zerstreuter Edelsteine blitzten auf der grünen Erde , jedes Blatt , jede Blume , jeder Grashalm glänzte in mehr als königlicher Pracht , berauschende Düfte entströmten den blühenden Orangenbäumen auf der Terrasse , den Levkoyenbeeten , den dunkeln Nachtviolen , und drüben im Osten strahlten drei Regenbogen dicht neben einander , in so hoher seltner Farbenpracht , daß man nicht unterscheiden konnte , welcher der Abglanz des andern sey . Es war als wollten sie mit jenem westlichen , immer glühender sich wölbenden Thore wetteifern , unter welchem die Sonne immer tiefer sich senkte . » O welch ein Abend ! « sprach tiefaufathmend Angelika , indem sie , auf Vicktorinens Arm gelehnt , unter die hohen Säulen vor dem Hause hinaustrat . » Laß mich hier Luft schöpfen , ich habe den Tag über ihrer so wenig gehabt , die Brust war mir so enge . Laß mich jetzt in langen Zügen die balsamisch erquickende Kühle trinken . « Sorgsam führte Vicktorine die aetherisch verklärte Gestalt einem bequemen Sitze unter den Säulen zu und nahm schweigend ihr zur Seite Platz . In Andacht und stiller Bewunderung versunken , blickten beide eine Weile hinaus in die wundervolle Pracht , welche sie umgab . » Siehst Du im Osten den Bogen des Friedens ? der ewigen Hoffnung ? « sprach endlich Angelika , » und täuscht mein Auge mich vielleicht - es thut es jetzt zuweilen - oder sind es wirklich ihrer drei ? « » Es sind ihrer drei , « erwiederte Vicktorine , die jetzt mit immer steigender Besorgniß den ungewöhnlich strahlenden Glanz der Augen ihrer Freundin gewahr wurde , welche den ganzen Tag über von der schwülen Luft sehr bedrückt gewesen war . » Es sind wirklich ihrer drei , « wiederholte Anlika . » Wunderbar ! nie zuvor habe ich diese seltne Pracht gesehen . Und dort die Sonne ! Liebe Vicktorine , welch ein Bild meines kurzen Lebens war dieser Tag . Immer mußte ich daran denken . Zuerst der trübe beklemmende Morgen . Dann die kurzen Sonnenblicke , der Regen , das Ungewitter , und nun die köstliche himmlische Ruhe dieses glanzerfüllten Abends ! Sieh ' , Liebe , ist es nicht als wolle dort im Westen der Himmel sich öffnen , und uns einen Blick in das Reich seiner Herrlichkeit gewähren ? und die untergehende Sonne , will sie uns nicht nach Osten hinweisen , wo sie noch immer wieder aufgehen wird , wenn sie mir schon lange nicht mehr leuchtet ? Nach dem Osten , den sie jetzt , indem sie von uns Abschied nimmt , so überherrlich mit dem tröstlichen Bilde schmückt , das Gott einst der vor seinem Zorne zagenden Erde gab , und dem Menschen dabei zu hoffen gebot . Und nun kommt bald die milde ernste Nacht mit ihren Sternen am Himmel heraufgezogen . Dann schlummern wir in Frieden - und träumen auch wohl . « » Sprich nicht so viel , meine Angelika , « bat Vicktorine , » komm , Liebe , komm ins Haus , Du bist matt und erschöpft . « » O nein ! o nein ! « rief Angelika mit ungewohnter Lebhaftigkeit . » Mir ist wohl , unbeschreiblich wohl , mir ist wie noch nie in meinem Leben . Sey nicht besorgt um mich , « setzte sie schmeichelnd hinzu , indem sie Vicktorinens Aengstlichkeit bemerkte . » Meynst Du , ich sehe nicht was jetzt Dein liebes Herz beklemmt ? Aber lass ' Dir nicht bangen , wenn nun jetzt wohl bald auch mein Abend kommt ; bangt es mir doch auch nicht , und möge er nur diesem Abende so gleichen , wie mein Leben diesem Tage glich . Ich habe noch nie mit Dir davon gesprochen , doch heute geht mir in Wonne das Herz auf . Bringe der geliebten Anna meinen letzten Gruß und meine gute Nacht , wenn es so weit seyn wird . Sage ihr , daß ich mich nicht gefürchtet habe allein einzuschlafen , sage ihr , daß ich beim Entschlummern mich nicht nach ihr gesehnt habe , denn ich kenne keine Sehnsucht mehr auf Erden . Aber ich freue mich , daß ihre Abwesenheit den einzigen Schmerz mildern wird , den ich mir bewußt bin , ihr jemals gegeben zu haben . Sage ihr auch noch , daß ich sie dort jubelnd empfangen werde , denn wahrscheinlich ist sie die erste unter meinen Lieben , die mir nachfolgen wird . « » Angelika , Du zerreißest mir das Herz , « rief Vicktorine , und sank vor ihr hin , und verbarg das von Thränen überströmte Gesicht in ihrem Schooße . » Liebes , liebes Herz , was bewegt Dich denn so ? « sprach Angelika und strebte liebkosend , Vicktorinen zum Wiederaufstehen zu bewegen » Was fürchtest Du denn heut ? Ich sage Dir ja und gewiß es ist so , mir ist in diesem Augenblick so unaussprechlich wohl , wie noch nie in meinem Leben . Ich fühle wie von Engelsflügeln mich gehoben , als wäre die Last des Lebens schon von mir genommen , als brauche ich gar nicht mehr zu athmen , so leicht ist es mir in der Brust , die mir den ganzen Tag über so enge war . Kannst Du denn wirklich mir nicht wünschen , daß mir immer so seyn möge ? kannst Du , Du Herz voll Liebe , Dich freuen , wenn ich noch lange jeden Athemzug mit stechendem Schmerz erringen muß , kannst Du es mir mißgönnen daß ich nun bald dort , dort - - - « Angelika verstummte und sah süß lächelnd mit träumerischen Blick in die goldene Abendpracht hinaus ; Vicktorine weinte still und von ihr unbemerkt , ihr zur Seite . » Es ist seltsam , « fing Angelika nach einer kleinen Pause wieder an , » oder ist Dir vielleicht auch so ? Mir ist als müste ich etwas hier erwarten - jemanden - als stände etwas Großes , Erfreuliches , mir ganz nahe bevor , als - Horch ! « rief sie , plötzlich von ihrem Sitze sich erhebend , » horch ! hörst Du nicht ? Hörst Du die Stimme ? « » Ich höre nichts , « erwiederte Vicktorine , » aber Du machst mir unaussprechlich bange ; komm liebe Angelika , komm hinein , die Abendluft muß Dir schaden . « » Wunderliches Kind , « rief Angelika ein wenig heftig , » ich sage Dir ja , mir ist wohl . Aber den Wagen hörst Du doch ? « » Nein - doch ja - « antwortete Vicktorine , » es ist als käme ein Wagen ganz von ferne den Hügel herab . Aber Du weist , von hieraus können wir die Landstraße nicht sehen , so nahe sie auch am Garten vorbeigeht . Jetzt höre ich das Fahren deutlicher , komm ins Haus , im vorderen Salon , da können wir - - « » O nein , o nein , « rief Angelika sie festhaltend . » Wieder ! - die Stimme ! o mein Gott ! Hörst Du die Stimme denn nicht ? ganz nahe . Die Stimme , die ich nie wieder zu hören meynte . Ganz deutlich - hörst Du ? hörst Du ? « » Es ist mein Vater , « erwiederte Vicktorine . » Jetzt höre ich es recht gut , der Wagen fährt in den Hof . Was kann so spät noch ihn aus der Stadt herführen ? und heut ' am Posttage , da pflegt er nie zu kommen . « » Hörst Du die Tritte nicht ? näher und immer näher - und wieder die Stimme ! « flüsterte athemlos und zitternd Angelika . » Stille , stille , - die Tritte - die Stimme - sein Gang , seine Stimme ! « » Es ist der Vater , « sprach Vicktorine . » Ich bringe Euch einen Fremden , der nach der Tante fragt , « sagte Kleeborn , indem er aus dem Hause hervortrat . » Es schien ihm viel daran gelegen , ihren Aufenthalt auf der Stelle zu erfahren , er hat sie in ihrem Stifte aufgesucht und nicht gefunden . Du , Vicktorine , als ihre fleißige Correspondentin , kannst ihm die beste Auskunft geben . Der Abend machte sich schön , die Post hatte nicht viel gebracht , da entschloß ich mich kurz , und fuhr noch mit ihm hinaus . « Während Kleeborn so sprach , trat eine schlanke blasse Gestalt hinter den Säulen hervor . Des Fremden erster Blick fiel auf Angelika . Weit vorgebogen erröthend , erbleichend , im schnellsten Wechsel , mit starr auf ihm gehefteten Auge , hielt diese sich zitternd an der Bank fest , von der sie eben aufgestanden war . Alle Stufen die vom Hause hinabführten mit Blitzesschnelle überspringend , stand der Fremde im nächsten Momente dicht vor ihr . Ohne Laut , ohne sich zu regen , betrachteten beide einander , all ' ihr Leben war in diesem Blick ! » Angelika ! « rief der Fremde , und , fest umschlungen , sanken beide , eins in den Arm des andern auf die Knie . Angelika schien ohnmächtig zu werden . Der Fremde hielt sie in seinen Armen , als wolle er nimmer und nimmer sie lassen . » O tragt sie hinein ! « rief Vicktorine mit gerungenen Händen in tödlicher Angst . » Sie stirbt ! sie stirbt ! o tragt sie ins Haus . « Kleeborn trat jetzt hinzu und nahm die leichte Last in seine starken Arme . Der Fremde erhob sich mit ihr , aber er ließ sie nicht los . Der sehr bewegte Alte trug sie mit der größten Sorgfalt ins Haus und legte sie auf einen Sofa . Sie lag da wie ein schlafender Engel , keine Spur von Schmerz in den schönen Zügen . Ferdinand von Klarenau , er war der Fremde , kniete neben ihr , wechselnd im Ausdruck furchtbarer Angst und entzückender Freude hielt er sprachlos den Blick auf sie geheftet . » Sie regt sich , sie schlägt die Augen auf ! « rief Vicktorine . Der letzte Strahl der sinkenden Sonne umfloß in diesem Augenblicke Ferdinanden und verklärte ihn wunderbar . Angelika betrachtete ihn mit festem ernsten Blick . » Todesengel , « flüsterte sie , » schöner ernster Bote , kommst Du mich abzurufen in dieser geliebten Gestalt ? « » Angelika , Du lebst ! ich lebe ! wir haben uns wieder und können glücklich noch seyn , « rief Ferdinand und drückte sie an seine ungestüm wogende Brust . » Ferdinand ! « rief Angelika fast überlaut . » Mein , mein Ferdinand , ja Du bist es , ja Du lebst . Sie richtete sich auf , sie legte das schöne todtenbleiche Gesicht auf seine Schulter , sie umschlang seinen Nacken , fest , fest , mit beiden Armen . Du lebst Ferdinand , Du lebst ! Die Wonne - o nein sie tödtet uns nicht - nein , nein , niemand stirbt vor Freude - nein man stirbt vor Freude nicht - Ferdinand ! « hauchte sie zuletzt fast unhörbar . Ihr Haupt sank tiefer , ihre Arme hielten ihn noch immer . » Sie wird wieder ohnmächtig , « rief Vicktorine , und legte mit Hülfe ihres Vaters sie in die Sofakissen zurück . Vicktorine versuchte alle Mittel , die ihr zu Gebote standen , um Angelika ins Leben zu rufen ; Kleeborn eilte hinaus , um den Wagen nach einem Arzte auszuschicken . » Erwache , Angelika , erwache ! « rief Ferdinand mit furchtbarem Tone in Todesangst . Angelika erwachte nie wieder . Der unglückliche Klarenau war , so wie er Deutschlands Gränze erreichte , zu Angelikas Oheim , dem Baron Sternwald hingeeilt , bei dem er die Geliebte noch zu finden hoffte . Die schlecht verhehlte Verlegenheit , mit der er dort empfangen ward , schien ihm gleich auf nichts Gutes zu deuten ; sie entsprang indessen doch nur aus dem beschämenden Gefühle der Nachlässigkeit , mit der man sich seit langer Zeit um das Geschick einer so nahen Verwandten gar nicht weiter bekümmert hatte . Es währte lange , ehe man unter einem Haufen alter Papiere die Adresse der Pröbstin von Falkenhayn auffinden konnte , bei der , wie man versicherte , Angelika sich in diesem Augenblick nur zum Besuche aufhielt . Klarenaus liebevolle Ungeduld ließ ihm nicht Zeit , das unwürdige Benehmen von Angelikas Verwandten weiter zu ahnden , er eilte unaufhaltsam den Wohnort der jetzigen Beschützerin seiner Geliebten aufzusuchen , doch leider fand er Anna nicht daheim , sie war gerade in dieser Zeit in der Residenz , um Raimunds Angelegenheiten zu fördern . Der einzige Bediente , den Klarenau in ihrer Wohnung zu Gesicht bekam , wußte ihm den Ort nicht mit Bestimmtheit zu nennen , wohin sie gereist sey . Er meinte sie würde wohl nach * * zu ihrem Schwager , dem reichen Herrn Kleeborn gegangen seyn , denn sein Kamerad , der lange mit ihr dort gewesen sey , habe ihm gesagt , daß sie versprochen habe , im Sommer zur Hochzeit einer ihrer Nichten wiederzukommen . Von Angelika wußte der Bediente gar nichts zu sagen , er war erst seit kurzen in Annas Dienst , und hatte jene weder gesehen noch von ihr gehört . Die Ungeduld , welche Klarenau immer vorwärts zu eilen trieb , ward heftiger ; böse Ahnungen kamen hinzu , und so hielt er sich nicht damit auf , an einem Orte , mit dessen Einrichtungen er völlig unbekannt war , nähere Nachrichten einziehen zu wollen . Er schrieb sich Kleeborns Namen auf und reiste Tag und Nacht bis er * * erreichte . Der fernere traurige Erfolg seiner Nachforschungen ist dem Leser bekannt . Nach Angelika hatte er Herrn Kleeborn gar nicht gefragt , denn die Möglichkeit , sie hier zu finden , fiel ihm nicht ein , und Kleeborn war schon zu gewohnt , sie als ein Mitglied seiner Familie zu betrachten , als daß es ihm hätte in den Sinn kommen können , ihrer besonders zu erwähnen . In unentweihter Schönheit , lächelnd wie ein schlummerndes Kind , mit dem die Engel spielen , lag Angelika von Rosen umgeben , in ihrem Sarge . Tag und Nacht blieb Ferdinand ihr zur Seite , so lange die holde Gestalt noch die Erde schmückte . Er folgte ihr in stummer Trauer , als sie endlich nach einem ihrer Lieblingsplätze , in einen abgelegenen Theil des Gartens , getragen ward . Unter jungem Rosengebüsch und uralten Cypressen hatte ihr Kleeborn hier , auf Vicktorinens inständiges Bitten , die letzte Ruhestätte bereiten lassen . Ferdinand blieb die Nacht hindurch allein an ihrem Hügel . Am folgenden Tage bezog er ein kleines Haus , dicht neben demselben , das sonst wegen seiner herrlichen Aussicht zuweilen zu ländlichen Festen gedient hatte , und das Kleeborn ihm willig einräumte . Dort wohnte Klarenau von nun an in ungestörter Einsamkeit , er fühlte seine in den unerhörten Stürmen seines Lebens erschöpften Kräfte mit jedem Morgen tiefer sinken , und freute sich der ihm immer näher tretenden Hoffnung , bald neben der Geliebten auszuruhen . Sein Schmerz gewann dadurch jenen stillen rührenden Ausdruck , der , weit entfernt von Bitterkeit und Hadern mit Gott und der Welt , auf ein fromm ergebenes Gemüth deutet . Er floh die Gesellschaft , doch nicht die Menschen ; oft saß er Stundenlang mit Vicktorinen an Angelikas Hügel und ließ sich von dem schönen Zusammenleben der beiden Freundinnen erzählen , oder er sprach zu Vicktorinen von Raimund und seiner Errettung durch diesen , und von dem sehnlichen Wunsche , ihn noch einmal im Leben zu sehen , dessen Gestalt nur wie ein dunkles Traumbild aus seinen Fieberphantasien ihm vorschwebte . Den wackern Horst und dessen fröhliche Braut sah er ebenfalls gern und freute sich des frisch erblühenden Lebens dieser Beiden ; sogar der alte Kleeborn war ihm lieb geworden , denn dieser fühlte das tiefste Mitleid für den Armen und trat immer so leise an ihn heran , als befände er sich in einer Kirche . So ward er allen ein lieber milder Gefährte , und jeder ehrte seinen Schmerz , weil er auf so edle Weise ihn zu tragen wußte und niemanden durch denselben lästig fiel . Sie besuchten ihn gern an seinem stillen Hügel , zwischen dessen dunklen Cypressen sich unter seiner Leitung ein großes einfaches Kreuz von weißem Marmor erhob . Nur Babet ging ihm aus dem Wege , aber sie ließ es dennoch an schönen rührenden Redensarten nicht fehlen , wenn sie so glücklich war , durch Erzählung seiner traurigen Geschichte die Aufmerksamkeit der Gesellschaft sich zuwenden zu können . Horst hatte den schweren Auftrag erhalten , der Tante den Verlust ihrer Angelika zu melden , denn Vicktorine vermochte es in den ersten Tagen nicht die Feder zu führen . Er suchte auf die schonendste Weise ihr die traurige Nachricht zu verkünden , aber Annas Herz blutete dennoch bei dieser Botschaft aus tausend Wunden . Mein süßes Kind ! meine holde weiße Rose ! ach warum mußte ich fern von Dir seyn , als Du das schöne Haupt zum ewigen Schlummer neigtest , schrieb Anna in ihrer Antwort an den Rittmeister . Jetzt erst verstehe ich , was mich immer so vorahnend ergriff , wenn ich den Namen Klarenau nennen hörte . Immer mußte ich denn aufzufinden suchen , wo ich früher ihn gehört , was mir ihn merkwürdig gemacht haben könne , und doch kam ich nie darüber zum klaren Bewußtseyn . Ganze Nächte hindurch hat dieser Name mich verfolgt , jetzt weiß ich , daß Baron von Sternwald ihn mir einmal genannt hat , als er Angelikas hartes Geschick mir vertraute . Sie selbst nannte den Geliebten nie so , sie sprach immer nur von Ferdinand , und war von seinem Untergange so fest überzeugt , daß auch in mir kein Zweifel daran aufkommen konnte . Hätte man mir in dieser Zeit , da ich wegen einer Angelegenheit , in die auch ich verwickelt bin , ihn oft nennen hörte , nur ein einzigesmal als Ferdinand von Klarenau ihn bezeichnet , und dabei die lange Reihe seiner übrigen Vornamen weggelassen , die mich irre machten , ich glaube , daß mein Gedächtniß wieder erwacht wäre . Dann hätte ich die arme Angelika auf das Glück vorbereiten können , das ihr so nahe bevorstand , und die überraschende Freude hätte das weiche , nur an Leiden gewohnte Herz nicht gebrochen . Angelika lebte noch - ach wahrscheinlich doch nur , um einige Wochen oder Monate später die Welt mit bangem Widerstreben , im harten Kampfe zu verlassen , die Ferdinands Liebe ihr erst zum Paradiese umgewandelt hätte ! O meine Angelika ! im höchsten Lichtpunkt Deines sonst immer trüben Lebens , dem kein zweiter in solcher Herrlichkeit folgen kann , schlang Dein reiner Geist sich hinauf , Dein Herz brach in Wonne ! Wer möchte nicht sterben wie Du ? Nach dem , was Sie , lieber Horst , von des armen Klarenau jetzigem Zustande mir schreiben , und dem , was ich sonst noch von seinem frühern Geschicke erfuhr , darf er hoffen , nicht lange mehr über den Hügel zu trauern , unter dem das Leben seines Lebens ruht . Seine Leiden während der fürchterlichen Gefangenschaft , in der er Jahre lang schmachtete , mußten seine Lebenskraft ohne Rettung untergraben . Ach , ich weine um meine Angelika und dennoch fiel ihr auch in dieser Hinsicht ein glückliches Loos . Du weiche sanfte Seele , wie hättest Du es tragen wollen , den Geliebten zweimal zu überleben . Der Winter kam heran , doch weder Bitten noch Vorstellungen vermochten es , den armen Klarenau zu bewegen , sich von seinem Cypressenhügel und der kleinen Wohnung in der Nähe desselben zu trennen ; seine Freunde mußten sich entschließen , ihn einsam zurückzulassen , als sie ihr Haus in der Stadt wieder bezogen . Agathens Hochzeit war durch den Tod der von allen betrauerten Angelika verschoben worden , selbst Horst hatte sich mit guter Art darin ergeben , denn die ihm eigne Gutmüthigkeit erlaubte ihm nicht , in der Nähe eines so Unglücklichen , wie Klarenau , ein fröhliches Fest zu begehen . Jetzt aber wurde , zu Anfange des Winters , der feierliche Tag von Herrn Kleeborn unwiderruflich bestimmt , so viel auch Agathe dagegen einwenden mochte , die durchaus erst die Ankunft der Tante abwarten wollte . Selbst am Hochzeitsmorgen war indessen Agathe noch fest überzeugt , daß Anna sich zur rechten Zeit einstellen werde ; » denn , « sagte sie , » sie hat es einmal versprochen und den Tag weiß sie auch . Glaubt mir nur , sie kommt gewiß und daher könnt ihr es mit dem Anziehen noch immer anstehen lassen , ihr versteht es doch alle nicht wie sie , und wenn die Tante mich heute nicht anziehen soll , so braucht meinetwegen gar nichts daraus zu werden , heute . « Jedoch die Zeit verging , die Stunde der Trauung rückte immer näher , das um Agathen versammelte Heer der Jugendfreundinnen , das nicht minder zahlreiche der Kammerjungfern wurde immer dringender in seinen Ermahnungen . Schon griff Babet mit sauersüßer Miene