welche Weise der alte Baron im Geisterreiche , dem er doch lebend schon halb angehört habe , eine Indiskrezion über diesen Punkt aufnehmen dürfe . Dieser Bewegungsgrund wirkte mehr als alle übrigen , Moritz erbleichte und blickte sehr bedenklich zu den grauen alten Thürmen und zackigen Mauern hinauf , welche wie aus dem Felsen , der sie trug , hervorgewachsen , bei einer Biegung des Weges jetzt zum erstenmal sichtbar wurden . Auch auf Hippoliten machte der Anblick des alten Gebäudes einen tiefen Eindruck , das ihm , wie von einer unersteiglichen Höhe , entgegenstarrte . Und als er nun vollends Gabrielens Wagen vor sich , in der alle Gegenstände verwirrenden Dämmerung , auf dem steilen Wege sich hinaufwinden und dann zum düstern Außenthor hineinfahren sah , da ward ihm , als versänke sie in einem offnen Grabe . In der hochgewölbten Eintrittshalle , beleuchtet vom schwankenden Schimmer vieler Fackeln , hatten sich die verlebten Gestalten der einst hier im Dienst von Gabrielens Vater ergrauten alten Diener zum Empfange versammelt . In ihren nach der Farbe des Wappens auf das strengste gewählten altmodischen Galla-Livreen standen sie ehrfurchtsvoll in eine Reihe geordnet ; Frau Dalling an ihrer Spitze . Auch das Haar dieser war weiß geworden und ihre Gestalt hatte sich gebeugt . Gabriele schwang sich , so wie sie ihrer gewahr ward , ganz allein aus dem Wagen , beinahe ehe er noch hielt , warf sich der geliebten mütterlichen Frau in die Arme , und begrüßte sie mit tausend sonst gewohnten kindlichen Schmeichelnamen . Dann wandte sie sich an die alten Diener mit den allerfreundlichsten Worten ; sie reichte ihnen die Hände und alle drängten sich , zum Theil knieend , um sie her und küßten unter verworrnen freudigen Ausrufungen bald ihren Shawl , bald den Saum ihres Kleides . Moritz trat mit dem erhabensten Anstande , den er aufzubringen wußte , herein , aber die freudige Gruppe ward seiner nicht gewahr . Hippolit schauderte zurück , da er Gabrielen von alle den greisen bleichen Gestalten umgeben sah , die kaum noch dem Leben anzugehören schienen ; er glaubte die geliebte Gestalt schon im Gebiete der Unterirrdischen zu erblicken , während Ida und Bella in einiger Beklommenheit seinen Arm ergriffen , als würde es ihnen so besser gelingen , das Grausen zu bekämpfen , welches der erste Eintritt in das alte wunderlich-dunkle Schloß in ihnen erregte . Unter Gabrielens sorgfältiger Leitung ward indessen gar bald alles zu Jedermanns Zufriedenheit geordnet . Die Fräulein kamen unter den Schutz der Frau Dalling , und vergaßen dort alles Grauen , obgleich das Schloß Ubaldo und andre Reminiszensen aus ihren Romanen , ihnen oft genug in den Sinn kamen . Gabriele bezog wieder die einfachen Zimmer , welche sie von jeher im Schlosse bewohnt hatte . Gute Geister , von denen einst ihre harmlose Kindheit beschützt worden , umwehten sie auch jetzt dort , und hauchten in seligen Träumen ihr Ruhe und Hoffnung in die jetzt nicht weniger als damals schuldlose Brust . Auch Hippolit war mit seiner Wohnung zufrieden , denn aus einer Fensterecke derselben konnte er zu Gabrielen hinüber sehen , und Abends zuweilen ihren Schatten belauschen , wenn dieser an den heruntergelaßnen Vorhängen vorüberstreifte . Nur Moritz befand sich in einer trübseligen Lage . Er hatte es seiner Würde angemessen erachtet , die alten Prunkgemächer zu beziehen , welche von seinem Vorfahren zuletzt bewohnt worden waren , und nun ergriff ihn jedesmal eine unüberwindliche Gespensterfurcht , wenn er , besonders Nachts , sich dort allein fand . Ueberall vernahm er ein geisterartiges Rauschen und Rascheln , von den Ruinen der Brandstätte tönten wunderliche Klänge zu ihm herüber , und ein paarmal glaubte er sogar im hellen Dämmerlichte der Sommernacht den alten Baron auf seinem gewohnten Platz im Lehnstuhl am Fenster , den Ruinen gegenüber , zu erblicken . Wie alle , die mit sich nicht im Klaren sind , war auch Moritz ein wunderliches Gemisch von Freigeisterei , Vernünftelei und ganz gemeinem Aberglauben . Vergeblich strebte er diesen wegzuspötteln und wegzuraisonniren , immer und ehe er sich dessen versah , übte derselbe seine Gewalt über ihn aus , aber um aller Güter der Welt willen hätte er dieses nicht eingestanden . Deshalb konnte er sich auch nicht entschließen , die ihm so furchtbaren Zimmer mit andern zu vertauschen , obgleich er beinahe in keiner Nacht eines ruhigen Schlafs sich in ihnen erfreute . Am Tage ging es nicht viel besser , denn da marterte ihn der Anblick der seinen Fenstern gegenüberliegenden Brandstelle . Die Lust , etwas ganz Unerhörtes , nie Gesehenes hier aus der Asche entstehen zu lassen , regte sich um so unwiderstehlicher , je enger ihm in dieser Hinsicht die Hände gebunden waren . Sogenannte Nachbarn , von der Neugier meilenweit zu ihm geführt , machten ihm durch ihre Aufforderungen und Vorschläge zum Bauen die Entsagung noch schwerer ; denn er mochte nicht gestehen , was ihn eigentlich zurückhielt . Unzähligemal nahm er den Bauriß , der einst des alten Barons Zorn so heftig erregt , zur Hand , betrachtete ihn mit sehnsuchtsvollen Blicken , und legte ihn mit ängstlichem Frösteln wieder hin . Endlich kam es so weit , daß er sogar Gabrielen fast nie ohne eine geheime widerwärtige Regung anblicken mochte , denn alles erinnerte ihn daran , daß er ohne sie hier als unumschränkter Gebieter nach Belieben würde schalten und walten , einreißen und bauen dürfen . Gleich allen erklärten Günstlingen des Glücks war es ihm unmöglich , nicht gerade das Einzige , was ihm versagt war , für das Allerwünschenswertheste zu achten . Dieses ärgerliche Empfinden verleitete ihn nicht selten zu Ungleichheiten im Betragen und ungeduldigen Ausfällen , wie er sich früher deren nie gegen seine Gemahlin erlaubt hatte . Gabriele wußte indessen diesem allen mit so edler Gelassenheit zu begegnen , ohne sich ihrer Würde im mindesten dabei zu vergeben , daß Moritz gewöhnlich im nächsten Moment über seine eigne Unart erschrak und sich sichtbar schämte , doch ohne es anerkennen zu wollen . Niemand beschreibt den wilden Schmerz Hippolits bei solchen Anlässen . Seit er als Hausgenosse Gabrielen in ihren häuslichen Verhältnissen genauer beobachten konnte , stieg sein Gefühl für sie bis zur Anbetung ; er hätte sein Leben hinbluten mögen , um ihr einen frohen Augenblick zu erkaufen . Keins der unzähligen Opfer , welche sie ihrer Pflicht täglich brachte , entging seinem Scharfblick . Und wenn sie dann mit ihrem schuldlosen Lächeln , in milder Heiterkeit vor ihm stand , mit Leichtigkeit und Sorgfalt nur auf das Vergnügen ihrer nächsten Umgebungen bedacht schien , so hätte er vor ihr in den Staub sinken mögen , wie vor einer himmlischen Erscheinung . » Nein ! sie ist nicht von dieser Welt ! « rief er oft in die schweigende Nacht , wenn er mit sich allein den eben verlebten Tag überdachte , » sie gehört nicht zu uns . Sie ist ein Engel , der , uns zum Vorbild , einige Zeit unter uns wandeln muß ; weder Wonne noch Schmerzen , wie wir sie empfinden , können das Gemüth dieser Heiligen berühren ! « Aengstlicher als je zuvor bewachte er den Sturm in seiner Brust , kein Wort , kein Blick durfte ihn verrathen . Nur wenn er ganz unbeachtet sich glaubte , wagte er es zuweilen , ihr Kleid zu berühren , eine Blume aufzunehmen , welche sie achtlos liegen ließ , oder an den Platz sich hinzuwerfen , den sie eben verlassen hatte . Wenn sie auf Spaziergängen ihren Schawl ihm anvertraute , oder wenn er vollends ihren Gesang mit seiner Flöte begleitete ; und ihr Hauch an seiner Wange streifte , dann erbebte er in Seligkeit , aber er schwieg und wagte nicht , die Augen zu erheben , damit sie nicht an ihm zu Verräthern würden . So vergingen einige Wochen . Am Ende derselben sah Gabriele sich mit ihren beiden jungen Gesellschafterinnen und Hippoliten fast immer allein , denn Moritz , der noch nie eine der unzähligen Thorheiten seines Lebens so schmerzlich bereut hatte , als den Entschluß , nach Schloß Aarheim zu gehen , schämte sich doch , durch seine Abreise vor der dazu bestimmten Zeit , dieses einzugestehen . Er wählte lieber einen Mittelweg , der seiner Schwäche besser zusagte . Er war nie zu Hause , machte Besuche zehn Meilen in die Runde , suchte die in der Umgegend wohnenden Mineralogen auf , und unternahm mit ihnen kleine Reisen ; denn für dieses Lieblingsfach seines Wissens blieb seine Vorliebe beständig sich gleich . Hippolit begleitete ihn selten , seine Unwissenheit im mineralogischen Fache diente ihm meistens zur Entschuldigung , und da Moritz die gewohnte Erheiterung in seiner Gesellschaft jetzt weder suchte noch fand , so erlaubte er ihm recht gern , zum Schutz und Zeitvertreib der Damen zu Hause zu bleiben . Er that sich noch dabei auf seinen Scharfblick etwas zu gute , der ihm eine entstehende Leidenschaft Hippolits zu der schönen Ida entdecken ließ . In besonders aufgeweckten Momenten ermangelte er auch nicht , seinen jungen Freund mit dieser Vermuthung zu necken , und dessen aus andern Gründen sehr verlegnes Läugnen bestärkte ihn in dem Glauben daran , statt ihm denselben zu rauben . Ruhig von innen und außen , sahe Gabriele den Herbst herannahen . Moritzens Gegenwart trat jetzt sehr selten störend ein und sie zählte wirklich Tage und Wochen , die ihr ein recht anmuthiges Bild der früher an der Hand der Mutter verlebten glücklichen Jugend gewährten . Das Schloß war voll Reliquien jener Zeit . Zeichnungen , Bücher , Musikalien , was nur die geliebte Verklärte berührt hatte , ward von Gabrielen zusammengetragen , aufbewahrt , in ihrem Geiste benutzt . Musikalische Uebungen , gemeinschaftliches Zeichnen , geistige Beschäftigungen aller Art , ließen dem kleinen Kreise keine rauschendern Freuden vermissen . Ida und Bella wurden gar nicht gewahr , in welcher fast gänzlichen Einsamkeit sie sich eigentlich befanden . Ihre Begriffe , ihr Wissen , ihre Ansichten von der Welt und über das Leben erweiterten sich mit jedem Tage , sie wußten nicht wie ? Denn sie erhielten keinen eigentlichen Unterricht , der in der Stadt im Hause ihrer Mutter sie oft bis zum Sterben langweilte . Auch Hippolit , obgleich er im eigentlichen geordneten Wissen sich über Gabrielen erheben durfte , fühlte dennoch , wie im Umgange mit ihr alles , was er jemals gelernt hatte , ihm erst zur Wahrheit wurde , weil es in das wirkliche Leben verflochten ward , statt daß es sonst nur kalt und todt ihm eben zur Hand gewesen war , wie etwa ein Lexikon , in welchem man aufsucht , was man für den Augenblick braucht . Hätte Gabriele jemals ahnen können , wie schwer der junge Freund , an dessen geistigem Entwickeln sie so innig sich freute , für jede selig mit ihr verlebte Stunde in der Einsamkeit unter den wüthendsten Qualen glühender , hoffnungsloser Leidenschaft büßen mußte ! Aber ihrem unbefangnen Sinn kam nie ein solcher Gedanke . Sein durchaus vorsichtiges Benehmen hatte längst jede Erinnerung an jenen unbewachten Augenblick in der Laube verlöscht , und wenn auch in seltnen Momenten ein Wort , ein Blick ihm entschlüpfte , der sie daran hätte erinnern können , so war Gabriele weder eitel noch argwöhnisch genug , dieses zu bemerken . Er ward ihr mit jedem Tage lieber , wie aller Frauen wird , was sie sorgsam pflegen und erziehen . Die sichtbare Veredlung seines Wesens , sein eigentliches Selbst war ihr Werk , das mußte sie mit freudigem Stolz sich gestehen , und dabei pries sie dankbar die Gelegenheit , die ihr ward , ihm so zu vergelten . Freilich vergingen Tage , in denen auch Hippolit der Gegenwart sich hingab wie ein Kind , ihm genügte dann , sie zu sehen , zu hören , von ihr angelächelt zu werden . Aber wenn nun Moritz nach einiger Abwesenheit zu Hause kam , wenn dieser es wagte , Gabrielen vertraulich zu begrüßen , und nun plötzlich der Dämon der tollsten Eifersucht Hippoliten zuflüsterte : sie ist sein , des mißgeschaffnen , lächerlichen Alten , sein , ganz sein , auf immer ! Dann stürmte er fort , hinaus in den Wald , in Klüfte , zwischen Felsen , wie ein gejagter Hirsch , der den Pfeil in der wunden Brust mit sich trägt . Oft irrte er in tiefer Nacht zwischen den Ruinen der Brandstelle , kletterte mit Lebensgefahr über die morschen Mauern und suchte die verschütteten Eingänge zu den Gewölben . Ganz verwilderten Sinnes , wollte er schlechterdings die ihm oft beschriebne Riesengestalt des alten Barons dort erblicken . » Steig herauf ! « rief er in halbem Wahnsinn , » steig herauf aus Deinem Steinhaufen , dem Du die Tochter opfertest ! Libertade e morte ! Gieb uns Leben und Freiheit im Tode ! Zieh uns beide hinab ! Was soll sie hier mit leerer , kalter Brust länger einsam umherwandeln ? Dort wird sie lieben , dort drüben , auf ihren heimathlichen Sternen . Mich wird sie lieben , sie muß es , denn ich gehöre zu ihr . Mein ganzes Daseyn ist ein Strahl , ein Abglanz ihrer Herrlichkeit , den sie ins Daseyn rief , der ohne sie auf ewig verlosch ! « Moritz hörte ihn oft , und verwachte dann eine Angstnacht , die ihn gewöhnlich bewog , mit Sonnenaufgang wieder von dannen zu ziehen . Einst hatte Hippolit die halbe Nacht so in fast wahnwitziger Raserei vertobt . Es war weit nach Mitternacht . An allen Kräften erschöpft , sank er zwischen dem Gemäuer der Brandstelle hin ; seine Wildheit löste sich plötzlich in unsägliche Weichheit auf ; ihm war , als zerflösse sein Daseyn in diesem stillen Weh ; er mochte sich nicht regen , sondern überließ sich fast gedankenlos dem angenehmen Gefühl gänzlicher Ermattung , bis ihm die Sinne schwanden und der Schlaf ihn überschlich . Die ersten Strahlen der aufgehenden Sonne erweckten ihn wieder ; der kühle Morgenhauch wehte beruhigend ihn an , er starrte auf seine wunderliche Ruhestätte hin , und begriff nicht sogleich , was ihn hieher gebracht haben könne ? Dann begann er , wie immer bei kühlerem Bewußtseyn , sich seines leidenschaftlichen Unmuths recht herzlich zu schämen , nannte ihn unmännlich , und versprach sich selbst , sich künftig Gabrielens würdiger zu betragen . Noch nie hatte Hippolit sich zu so früher Tageszeit zwischen den Ruinen befunden . Er blickte um sich , und ihn ergötzte das Spiel der fast noch horizontal fallenden Sonnenstrahlen , die hin und wieder , durch Lücken und Mauerspalten dringend , in einzelnen feurigen Lichtern durch das tiefste Dunkel auf den vom Rauch geschwärzten Mauern glänzten . Er stand in dem Theil des Flügels , der zur Zeit des Brandes , um das Hauptgebäude zu schützen , größtentheils eingerissen ward , dicht vor einem der gewölbten Eingänge , welche einst zu den Souterrains führten . Einige ziemlich erhaltene steinerne Stufen führten noch in die Tiefe des kellerartigen Gewölbes hinab , doch nur wenige Schritte weiterhin war alles verschüttet . Hippolit blickte in die Tiefe , wo ein bläulich glänzender Punkt seine Aufmerksamkeit erregte ; es war als ob der Reflex eines einzelnen Sonnenstrahls dort von einer metallnen Fläche zurückgeworfen würde . Je länger er hinsah , je wunderlicher schien ihm das seltsame Blinken . Endlich bahnte er sich , nicht ohne Gefahr , den Weg zum Gegenstand seiner Neugier , und stand bald vor einer , in den Fels , welcher dem Gebäude zur Grundlage gedient hatte , eingehauenen kleinen Vertiefung . Spuren einer eisernen Thüre , die einst sie verschlossen haben mochte , waren noch sichtbar . Unter Ueberbleibseln zerbrochner Gläser , vermoderter Schriften und Pergamente , welche die Vertiefung anfüllten , glänzte noch immer der Schein hervor , und Hippolit zog endlich eine kleine Kapsel von weißem Metall aus dem Wuste . Schmutz und Staub verhinderten ihn , die darauf eingegrabnen Charaktere zu lesen , bis er , in seinem Zimmer angelangt , den sonderbaren Fund bequemer untersuchen konnte . Das Metall , aus welchem die Kapsel bestand , erkannte er für Platina . Liberorum Salus stand darauf eingegraben . Von sonderbarem Schaudern ergriffen , schob er sie weit von sich weg , aber die Neugier siegte , er ergriff sie wieder , und ruhte nicht , bis es seinem Bestreben gelang , sie zu öffnen . Ein ganz kleines , hermetisch verschlossnes Fläschchen von Bergkrystall funkelte ihm aus dem schwarzen Sammt , mit dem die Kapsel gefüttert war , entgegen ; es war wit wenigen ganz hellen Wassertropfen angefüllt . Sein Haar sträubte sich bei dem Anblick . Alles , was Moritz ihm auf dem Wege vom Eisenhammer nach dem Schlosse vertraut hatte , trat plötzlich in furchtbarer Lebendigkeit vor seine Seele . Ihm war zu Muthe , als stände der beunruhigte Geist hinter ihm , den er im wilden Wahn so oft zur nächtlichen Stunde herbeirief , als beuge die Riesengestalt sich über ihm weg , um ihm hohnlachend ins Antlitz zu starren . Mit abgewandtem Blick schloß er die Kapsel wieder , vergrub sie tief im verborgensten Fach seines Schreibtisches unter Papieren , und eilte dann hinaus , als folge das Verderben ihm auf dem Fuße . Alles in Schloß Aarheim gewann eine andre Gestalt , so wie der Herbst näher herankam . Gabrielens Zeitordnung ward verstört , zwischen den alten Mauern wimmelte es von modernen geputzten Herren und Damen , lustige Tanzmusik wirbelte Abends durch die hochgewölbten Säle und laute Freude hallte durch alle Gemächer . Die rückkehrenden Brunnengäste aus Böhmen stellten sich weit zahlreicher ein als man es erwartet hatte , jeder Tag führte neue Besuche herbei , während die früher Angekommnen sich wieder entfernten . Auch ältre Bekannte Gabrielens aus der nächsten Stadt fanden sich ein . Es war ein Leben , ein Treiben , ein Lachen , eine Lustigkeit unter den Leuten , über die Hippolit zuweilen von Sinnen hätte kommen mögen , der er aber auch in andern Stunden sich wieder recht jugendlich-theilnehmend hingab . Auch Moritz war mit der neuen Gestaltung der Dinge in seinem Schlosse wohl zufrieden . Wo es so geräuschvoll herging , meinte er , hätten die Geister wohl , wenigstens fürs erste , ihre Macht verloren , und so wagte er es , wieder mehr zu Hause zu seyn , um seine Gäste zu empfangen und zu unterhalten . Ein glänzendes Fest , welches auf einem , ein paar Meilen weit entferntem Gute gefeiert werden sollte , hatte am Vorabende desselben eine ungewöhnlich zahlreiche Gesellschaft auf Schloß Aarheim versammelt , die von dort aus in Begleitung der Bewohner desselben sich mit dem frühesten auf den Weg zum bestimmten Versammlungsorte machen wollte . Gräfin Eugenia , der Professor und der sogenannte Antonius , lauter alte Bekannte aus dem Hause der Gräfin Rosenberg , kamen spät Abends noch ganz unerwartet an . Eugenia warf sich mit lauten , freudigen Ausrufungen in Gabrielens Arme und betheuerte : seit sie der Letztern Ankunft auf Schloß Aarheim erfahren , habe sie ihrem Gemahl keine ruhige Stunde gegönnt , bis sie ihn bewogen , sie zu ihr zu führen . Dann stellte sie den wie gewöhnlich verlegen lächelnden Antonius in dieser Qualität vor . Dieser fing mit vielem Anstand eine schöne Rede an , in der er aber unglücklicher Weise sich so verwickelte , daß er zuletzt nicht mehr wußte , wie er daran war und mitten in einem Paragraphen endete ohne zu schließen . Gabriele achtete nicht sonderlich darauf , und begrüßte indessen mit recht herzlicher Freundlichkeit den Professor , den sie schon im Hause ihrer Tante ausgezeichnet hatte . Moritz bemächtigte sich des Antonius als eines alten Bekannten , um ihm , Gott weiß welche Raritäten zu zeigen . Einige der Anwesenden folgten ihnen , andre , unter ihnen Eugenia , ordneten sich in einem geräumigen Pavillon von neuem um den geselligen Theetisch . Gegen ihre Gewohnheit sah sich indessen Gabriele bald darauf genöthigt , ihr wirthliches Amt an diesem Tische an Fräulein Ida abzutreten und die Gesellschaft auf eine kleine Weile zu verlassen . Die Zahl der Fremden im Schlosse war nämlich durch den neuen Zuwachs so groß geworden , daß die gute Frau Dalling , trotz der vielen Zimmer in dem weitläufigen Gebäude , sich dennoch , ohne den Rath ihrer Herrin , nicht zu helfen wußte , um jedermann anständig und würdig für die Nacht unterzubringen . Mit leichtem Schritt eilte Gabriele , ihrem Rufe folgend , durch den hohen Lindengang , der vom Pavillon zum Schlosse führt , und die Zurückgebliebnen blickten ihr mit heiterem Wohlgefallen nach . An der Thüre des Pavillons stand Hippolit , die blitzenden Augen in sprachlosem Entzücken auf die schöne Gestalt geheftet , die leicht , wie eine Silfide , vor ihm hinschwebte . Ihr weißes Gewand ward durch das Dunkel des hochgewölbten Bogenganges erhoben , die hie und da durch die Blätter dringenden Sonnenstrahlen bestreuten es mit einzelnen in Rosenglanz brennenden Sternen ; die lichten , blonden Locken , goldig im Abendroth schimmernd , umgaben ihr Haupt mit der Glorie einer Heiligen . Zuweilen verschwand sie im tiefern Dunkel vor den sie verfolgenden Blicken , und bald darauf glänzte sie wieder im vollen Sonnenschein wie eine Verklärte , bis sie sich endlich in der düstern Vorhalle des Schlosses völlig verlor . » Aus Kindern werden Leute , das habe ich lange schon gewußt , « rief jetzt Gräfin Eugenia , » und doch , « fuhr sie fort , » würde es mir nie einfallen , die kleine , blasse , zimperliche , etwas alberne Gabriele der Gräfin Rosenberg in dieser schönen , eleganten Frau von Aarheim wieder zu erkennen , wenn nicht die unwidersprechlichsten Beweise mich überzeugten , daß sie es wirklich ist . Wie die Frau sich ausgebildet hat , so etwas ist mir noch in meinem Leben nicht vorgekommen , es gränzt an Wunder . Erinnern Sie sich noch , lieber Professor ! wie sie vor sieben oder acht Jahren zitternd , und knixend und halbweinend dazu , bei der Gräfin Rosenberg erschien ? Sie fiel gerade in die famose Tableaugeschichte hinein , die Sie unmöglich können vergessen haben . « » Ja wohl erinnere ich mich dessen genau , « erwiderte der Professor , auch kann ich noch immer nicht ohne Bewunderung des Muths gedenken , mit dem das sonst so übermäßig blöde Kind sich erdreistete , das ihm Heilige gegen alle Angriffe standhaft zu vertheidigen ; ich meine die Trauer um die jüngst verstorbne Mutter . « » Der lange schwarze Schlepp , die Pleureusen , die häßliche Schneppe und der Schleier , mit dem sie aussah wie eine Nachteule , das war ja eben der Gipfel aller Abgeschmacktheit , « antwortete lachend Eugenia . » Alle zivilisirten Völker legen um ihre verstorbnen Verwandten Trauer an , « sprach der Professor , » und sogar unter den Wilden finden sich Spuren dieses Gebrauches , der denn doch wohl eines tiefern Ursprungs seyn mag , als blos der Mode . Doch davon ist hier nicht die Rede , Gabriele soll in der Sache selbst Unrecht gehabt haben , ihr Wollen war dennoch rein . Ich behaupte nur , daß , so wie sie damals stand , ihre Weigerung , das eigne Gefühl des Schicklichen dem Willen der Tante zum Opfer zu bringen eine Heldenthat war , deren Werth aber vielleicht nur der ganz zu übersehen vermag , der einst wie sie , ängstlich beklommen und allein , in die ihm fremde Welt geworfen ward . « Die Neugier der Gesellschaft war rege geworden , und Eugenia mußte erzählen was sie selbst nur vom Hörensagen kannte , denn sie war bei Gabrielens Ankunft im Zimmer der Tante nicht mehr gegenwärtig gewesen , wohl aber der Professor , der als strenger Censor über die Erzählerin wachte , und jede Uebertreibung oder Unwahrheit ohne Gnade rügte und berichtigte . Hippolit hörte Beiden mit der gespanntesten Aufmerksamkeit zu . » Nun wohl , Sie mögen Recht haben , « schloß endlich Eugenia , des Streitens müde , » Sie mögen Recht haben , und Gabriele äußerte schon damals Spuren jener Festigkeit , überhaupt jenes vernünftigen Ueberlegens , das sie später bewieß , als sie drei Monate , nachdem sie aus Schmerz über die Trennung von einem gewissen Herrn hatte sterben wollen , sich plötzlich eines andern bedachte , der Auszehrung , in die sie zu verfallen drohte , und überhaupt der ganzen traurigen Liebesgeschichte den Abschied gab , und kurz und gut diesen etwas poßirlichen Herrn Vetter heirathete , der sie bei alle dem zur reichsten Frau im Lande machte , und auch sonst , wie ich höre , sich ziemlich lenken läßt . « » Gräfin ! Gräfin ! « unterbrach sie unwillig der Professor . » Stille , stille , lieber Freund ! « erwiderte Eugenia und drückte ihre Hand auf seine Lippen , » ich weiß was ich weiß , und behaupte nichts , als was ich mit Beweisen belegen kann . Ich war mit dem Rosenbergischen Hause zu genau liirt , als daß mir diese Geschichte hätte verborgen bleiben können . « Gabrielens Rückkehr zur Gesellschaft zwang Eugenien mitten im Strome ihrer Rede zu verstummen . Alles brach auf um die letzten Stunden des milden Herbstabends noch im Freien zu genießen . Doch mochte das , was Eugenia noch etwa zu erzählen haben konnte , nicht für alle verloren gehen , denn einige der im Pavillon gegenwärtig gewesnen Damen bemächtigten sich ihrer mit ungemeinem Eifer , um ihr noch bei Mondenschein die Schönheiten des altvätrischen Schloßgartens zu zeigen . Auf Hippoliten hatte niemand geachtet ; ausser sich vor Zorn über die Erzählerin , deren unverkennbare Bosheit seine ganze Verachtung erregte , unfähig ihr zu glauben , und doch von ihr tief in der Seele verwundet , war er auf seinem Platze stehen geblieben , bis der Professor , der letzte welcher den Pavillon verließ , an ihm vorüberging . Mit einem freudigen Auffahren ergriff er diesen am Arm , und zog ihn mit sich fort , ins Schloß hinein . Ein Blick in Hippolits bittendes Auge , und einzelne abgebrochene Worte bewogen den freundlichen Mann , sich ihm unbedingt hinzugeben , und , freilich etwas verwundert über sein seltsames Benehmen , ihm zu folgen , wohin er ihn führen möchte . So wie sie in Hippolits Zimmer angelangt waren begann dieser , noch athemlos von äußerer und innerer Bewegung , dieses sein unziemend erscheinendes Betragen gegen seinen Gast so gut er es vermochte zu entschuldigen . » Es war mir unmöglich , « sprach er , » eine Frau welche die Anbetung der ganzen Welt verdient , so lästern zu hören « - » Dann bedürfen Sie bei mir keiner Entschuldigung , Herr Graf , « unterbrach ihn der Professor ; » konnte ich selbst es doch auch nicht , und ließ mich , wie Sie werden bemerkt haben , dadurch verleiten , mitten unter mir ganz Unbekannten als ihr Vertheidiger aufzutreten . Und doch habe ich sie nur als ein halbes Kind gekannt . Jetzt stehe ich wirklich geblendet vor ihr . « » O könnten Sie jetzt erst sie recht kennen lernen ! Würde es Ihnen vergönnt wie mir , ein Augenzeuge ihres Lebens zu seyn ! « rief Hippolit , von seinem Gefühl hingerissen , und der eben aufgehende Mond spiegelte sich in seinem glänzenden , himmelwärts gerichtetem Auge . Es entstand eine kleine Pause , während welcher der Professor Hippoliten aufmerksam und mit Wohlgefallen betrachtete . Dann nahm dieser gefaßter wieder das Wort . » Mag denn die freudige Empfindung , mit der ich Ihnen zuhörte , mir und meinem Ungestüm das Wort reden , « sprach er , » und mich auch entschuldigen , daß ich Sie , mit dem ich so zusammentraf , nicht gleich wieder verlassen kann ; daß ich sogar es wage , Sie als einen längst gekannten Freund zu betrachten , und mit vielleicht zu jugendlicher Zutraulichkeit Sie um die Gewährung einer Bitte zu ersuchen . « » Es sollte mich in Erstaunen setzen , wenn ich im Stande wäre Ihnen eine zu gewähren , Herr Graf ! obgleich ich fühle , daß ich Ihnen schwerlich eine abschlagen könnte , « erwiderte der Professor , indem er Hippoliten freundlich die Hand bot . » Die Macht der Verläumdung ist groß , « sprach Hippolit verwirrt nach Worten suchend , und mit abgewendetem Gesicht ; » sie ist darum so über allen Ausdruck entsetzlich , weil sie unser Heiligstes untergräbt , ohne daß es möglich wäre , ihr entgegen zu arbeiten . Man glaubt ihr nicht , man bauet fest auf seinen Freund , man stößt mit Abscheu jeden aufkeimenden Verdacht von sich , und doch bleibt ein geheimer Stachel tief im Verborgensten der Brust zurück , und gräbt und gräbt leis ' und unmerklich , bis das alte Vertrauen wankt . « - » Versteh ' ich Sie , Herr Graf ? « unterbrach ihn der Professor , und sah mit weniger freundlichem Blick ihn forschend an . » Wäre es möglich ? Sie ? Wie ! Sie ? der Sie Gabrielen genau zu kennen vorgeben , Sie könnten die Möglichkeit sich denken , daß elendes Berechnen von Rang und Vermögen sie dahin bringen konnte , sich diesem Herrn von Aarheim zu verkaufen ? « » O sprechen Sie das entsetzliche Wort nicht aus ! « rief Hippolit , » schon dieß allein ist ein Verbrechen gegen jenes himmlisch reine Wesen ! Wie konnten Sie mich so mißverstehen ! Ich , der ich , und vielleicht besser als sie selbst den schauerlich-dunkeln Weg kenne , den das Schicksal mit Gabrielen nahm , um sie in dieses Elend zu führen , ich - « » Ich weiß nichts von den nähern Umständen , die bei der Vermählung der Frau von Aarheim sich zugetragen haben mögen , auf die Sie anzuspielen scheinen , und verlange auch nichts davon zu wissen , « unterbrach der Professor ihn