in sichtbarlicher Erscheinung . - Doch , mein lieber Johannes , die herrlichsten göttlichsten Wunder geschehen in dem innersten Gemüt des Menschen selbst , und diese Wunder soll er laut verkünden , wie er es nur vermag , in Wort , Ton oder Farbe . So hat jener Mönch , der das Bild malte , das Wunder seiner Bekehrung herrlich verkündet , und so - Johannes , ich muß von Euch reden , es strömt mir aus dem Herzen - und so verkündet Ihr in mächtigen Tönen das herrliche Wunder der Erkenntnis des ewigen klarsten Lichts aus Euerm tiefsten Innern heraus . Und daß Ihr das vermöget , ist das nicht auch ein gnadenvolles Wunder , das die ewige Macht geschehen läßt zu Euerm Heil ? « Kreisler fühlte sich von des Abts Worten gar seltsam erregt ; so wie es selten geschehen , trat der volle Glaube an seine innere schöpferische Kraft lebendig hervor , und ihn durchbebte ein seliges Wohlbehagen . Nicht den Blick hatte Kreisler indessen abgewandt von dem wunderbaren Gemälde , aber wie es wohl zu geschehen pflegt , daß wir auf Bildern , vorzüglich wenn , wie es hier der Fall , starke Lichteffekte im Vor-oder Mittelgrunde angebracht sind , die in den dunklen Hintergrund gestellten Figuren erst später entdecken , so gewahrte auch jetzt erst Kreisler die Gestalt , die , in einen weiten Mantel gehüllt , den Dolch , auf den nur ein Strahl der Glorie der Himmelskönigin zu fallen schien , so daß er kaum bemerkbar blinkte , in der Hand , durch die Türe entfloh . Es war offenbar der Mörder ; im Entfliehen blickte er rückwärts , und sein Gesicht trug den furchtbaren Ausdruck der Angst und des Entsetzens . Wie ein Blitz traf es den Kreisler , als er in dem Antlitz des Mörders die Züge des Prinzen Hektor erkannte , nun war es ihm auch , als habe er den zum Leben erwachenden Jüngling schon irgendwo , wiewohl nur sehr flüchtig , gesehen . Eine ihm selbst unerklärliche Scheu hielt ihn zurück , diese Bemerkungen dem Abt mitzuteilen , dagegen fragte er den Abt , ob er es nicht für störend und anstößig halte , daß der Maler ganz im Vorgrunde , wiewohl im Schlagschatten , Gegenstände des modernen Anzuges angebracht und , wie er jetzt erst sehe , auch den erwachenden Jüngling , also sich selbst modern gekleidet . In der Tat war auf dem Bilde und zwar zur Seite des Vorgrundes ein kleiner Tisch und ein dicht daneben stehender Stuhl angebracht , auf dessen Lehne ein türkischer Shawl hing , so wie auf dem Tisch ein Offiziershut mit einem Federbusch und ein Säbel lagen . Der Jüngling trug einen modernen Hemdkragen , eine Weste , die ganz aufgeknöpft , und einen dunklen , ebenfalls ganz aufgeknöpften Überrock , dessen Schnitt aber einen guten Faltenwurf zuließ . Die Himmelskönigin war gekleidet , wie man sie auf den Bildern der besten alten Maler zu sehen gewohnt ist . » Mir ist , « erwiderte der Abt auf Kreislers Frage , » mir ist die Staffage im Vorgrunde sowie des Jünglings Überrock nicht allein keinesweges anstößig , sondern ich meine auch , daß der Maler nicht von des Himmels Gnade , sondern von weltlicher Torheit und Eitelkeit hätte durchdrungen sein müssen , wenn er auch nur in dem geringfügigsten Nebenpunkte von der Wahrheit abgewichen wäre . So wie es sich wirklich begab , getreu nach Ort , Umgebung , Kleidung der Personen u.s.w. mußte er das Mirakel darstellen , so sieht auch jeder auf den ersten Blick , daß sich das Mirakel in unsern Tagen begab , und so wird das Gemälde des frommen Mönchs zur schönen Trophäe der siegenden Kirche in diesen Zeiten des Unglaubens und der Verderbtheit . « » Und doch , « sprach Kreisler , » und doch ist mir dieser Hut , dieser Säbel , dieser Shawl , dieser Tisch , dieser Stuhl - ist mir das alles , sage ich , fatal , und ich wollte , der Maler hätte diese Staffage des Vorgrundes weggelassen und sich selbst ein Gewand umgeworfen statt des Überrocks . Sagt selbst , hochehrwürdiger Herr , könnt Ihr Euch eine heilige Geschichte denken im modernen Kostüm , einen heiligen Joseph im Flauschrock , einen Heiland im Frack , eine Jungfrau in einer Robe , mit umgeworfenem türkischen Shawl ? Würde Euch das nicht als eine unwürdige , ja abscheuliche Profanation des Erhabensten erscheinen ? Und doch stellten die alten , vorzüglich die deutschen Maler alle biblischen und heiligen Geschichten in dem Kostüm ihres Zeitalters dar , und ganz falsch möchte die Behauptung sein , daß sich jene Trachten besser zur malerischen Darstellung eigneten als die jetzigen , die freilich , bis auf manche Kleidung der Weiber , albern und unmalerisch genug sind . Doch bis ins Übertriebene , bis ins Ungeheuere , möcht ' ich sagen , gingen ja manche Moden der Vorzeit ; man denke an jene ellenhoch aufgekrümmte Schnabelschuhe , an jene bauschichte Pluderhosen , an jene verschnittene Wämser und Ärmel u.s.w. , vollends unausstehlich und Antlitz und Wuchs entstellend waren aber manche Weibertrachten , wie man sie auf alten Bildern findet , auf denen das junge blühende , bildschöne Mädchen bloß der Tracht halber das Ansehn hat einer alten grämlichen Matrone . Und doch sind gewiß jene Bilder niemanden anstößig gewesen . « » Nun , « erwiderte der Abt , » nun kann ich Euch , mein lieber Johannes , mit wenigen Worten recht den Unterschied der alten frommen und der jetzigen verderbteren Zeit vor Augen bringen . - Seht , damals waren die heiligen Geschichten so in das Leben der Menschen eingedrungen , ja , ich möchte sagen , so im Leben bedingt , daß jeder glaubte , vor seinen Augen habe sich das Wundervolle begeben , und jeden Tag könne die ewige Allmacht gleiches geschehen lassen . So ging dem frommen Maler die heilige Geschichte , der er seinen Sinn zugewendet , in der Gegenwart auf ; unter den Menschen , wie sie ihn im Leben umgaben , sah er das Gnadenreiche geschehen , und wie er es lebendig geschaut , brachte er es auf die Tafel . Heutzutage sind jene Geschichten etwas ganz Entferntes , das als für sich bestehend und in die Gegenwart nicht eintretend , nur in der Erinnerung ein mattes Leben mühsam behauptet , und vergebens ringt der Künstler nach lebendiger Anschauung , da , mag er es sich auch selbst nicht gestehen , sein innerer Sinn durch das weltliche Forttreiben verflacht ist . - Ebenso fade und lächerlich ist es aber hiernach , wenn man den alten Malern Unkenntnis des Kostüms vorwirft und darin die Ursache findet , warum sie nur die Trachten ihrer Zeit in ihren Gemälden aufstellten , als wenn unsere jungen Maler sich mühen , die abenteuerlichsten geschmackwidrigsten Trachten des Mittelalters in ihren Abbildungen heiliger Geschichten anzubringen , dadurch aber zeigen , daß sie das , was sie abzubilden unternommen , nicht unmittelbar im Leben anschauten , sondern sich mit dem Reflex davon begnügten , wie er ihnen im Gemälde des alten Meisters aufging . Eben daher , mein lieber Johannes , weil die Gegenwart zu profan , um nicht mit jenen frommen Legenden im häßlichen Widerspruch zu stehen , weil niemand imstande ist , sich jene Wunder als unter uns geschehen vorzustellen , eben daher würde allerdings die Darstellung in unserem modernen Kostüm uns abgeschmackt , fratzenhaft , ja frevelig bedünken . Ließe es aber die ewige Macht geschehen , daß vor aller unser Augen nun wirklich ein Wunder geschehe , so würde es durchaus unzulässig sein , das Kostüm der Zeit zu ändern , so wie die jungen Maler nun freilich , wollen sie einen Stützpunkt finden , darauf bedacht sein müssen , in alten Begebenheiten das Kostüm des jedesmaligen Zeitalters , so wie es erforschlich , richtig zu beobachten . - Recht , wiederhole ich noch einmal , recht hatte der Maler dieses Bildes , daß er die Gegenwart andeutete , und eben jene Staffage , die Ihr , lieber Johannes , verwerflich findet , erfüllt mich mit frommen heiligen Schauern , da ich selbst einzutreten wähne in das enge Gemach des Hauses zu Neapel , wo sich erst vor ein paar Jahren das Wunder der Erweckung jenes Jünglings begab . « - Kreisler wurde durch die Worte des Abts zu Betrachtungen mancherlei Art veranlaßt ; er mußte ihm in vielem recht geben , nur meinte er doch , daß , was die höhere Frömmigkeit der alten Zeit und die Verderbtheit der jetzigen betreffe , aus dem Abt gar zu sehr der Mönch spreche , der Zeichen , Wunder , Verzückungen verlange und wirklich schaue , deren ein frommer kindlicher Sinn , dem die krampfhafte Ekstase eines berauschenden Kultus fremd bleibe , nicht bedürfe , um wahrhafte christliche Tugend zu üben ; und eben diese Tugend sei keineswegs von der Erde verschwunden , und könne dies wirklich geschehen , so würde die ewige Macht , die uns aufgegeben und dem finstern Dämon freie Willkür gegönnt , uns auch durch kein Mirakel zurückbringen wollen auf den rechten Weg . - Alle diese Betrachtungen behielt indessen Kreisler für sich und betrachtete schweigend noch immer das Bild . Aber immer mehr traten auch , wie bei näherem und näherem Anschauen , die Züge des Mörders aus dem Hintergrunde hervor , und Kreisler überzeugte sich , daß das lebendige Original der Gestalt niemand anders sein könne als Prinz Hektor . » Mich dünkt , « begann Kreisler , » mich dünkt , hochehrwürdiger Herr , ich erblicke dort im Hintergrunde einen wackern Freischützen , der es abgesehen hat auf das edelste Tier , nämlich auf den Menschen , den er pirscht auf mannigfache Weise . Er hat diesmal , wie ich sehe , ein treffliches wohlgeschliffnes Fangeisen zur Hand genommen und gut getroffen , mit dem Schießgewehr hapert ' s aber merklich , da er vor nicht langer Zeit auf dem Anstand einen muntren Hirsch garstig fehlte . - In der Tat , mich gelüstet ' s gar sehr nach dem Curriculum vitae dieses entschlossenen Weidmanns , sei es auch nur ein epitomatischer Auszug aus demselben , der mir schon zeigen könnte , wo ich eigentlich meine Stelle finde , und ob es nicht geraten , mich nur gleich an die heilige Jungfrau zu wenden wegen eines mir vielleicht nötigen Frei- und Schutzbriefes ! « - » Laßt , « sprach der Abt , » laßt nur die Zeit hingehn , Kapellmeister ! mich sollt ' es wundern , wenn Euch nicht in kurzem so manches klar würde , das jetzt noch in trübem Dunkel liegt . - Es kann sich noch vieles Euern Wünschen , die ich erst jetzt erkannt , gar freudig fügen . Seltsam - ja , so viel kann ich Euch wohl sagen - seltsam genug scheint es , daß man in Sieghartshof über Euch im gröbsten Irrtum ist . Meister Abraham mag vielleicht der einzige sein , der Euer Innres durchschaut . « » Meister Abraham , « rief Kreisler , » Ihr kennt den Alten , hochehrwürdiger Herr ? « » Ihr , « erwiderte der Abt lächelnd , » Ihr vergeßt , daß unsere schöne Orgel ihre neue wirkungsvolle Struktur der Geschicklichkeit Meister Abrahams zu verdanken hat ! - Doch künftig mehr ! - Wartet nur in Geduld der Dinge , die da kommen werden . « - Kreisler beurlaubte sich beim Abt ; er wollte hinab in den Park , um so manchen Gedanken nachzuhängen , die ihn durchkreuzten ; doch als er schon die Treppe hinabgestiegen war , hörte er hinter sich herrufen : » Domine , domine Capellmeistere ! - paucis te volo ! « - Es war der Pater Hilarius , welcher versicherte , daß er mit höchster Ungeduld auf das Ende der langen Konferenz mit dem Abt gewartet . Soeben habe er sein Kellermeisteramt verrichtet und den herrlichsten Leistenwein abgezogen , der seit Jahren im Keller gewesen . Ganz unumgänglich nötig sei es , daß Kreisler sogleich einen Pokal davon leere zum Frühstück , um die Güte des edlen Gewächses zu erkennen und sich zu überzeugen , daß es ein Wein sei , der , feurig , geist- und herzstärkend , für einen tüchtigen Kompositor und echten Musikanten geboren . Kreisler wußte wohl , daß es vergeblich sein würde , dem begeisterten Pater Hilarius entgehen zu wollen , und es war ihm selbst recht , bei der Stimmung , in die er sich versetzt fühlte , ein Glas guten Wein zu genießen , er folgte daher dem fröhlichen Kellermeister , der ihn in seine Zelle führte , wo er auf einem kleinen , mit einer saubern Serviette bedeckten Tischchen schon eine Flasche des edlen Getränks sowie frisch gebacknes Weißbrot und Salz und Kümmel vorfand . - » Ergo bibamus ! « rief Pater Hilar , schenkte die zierlichen grünen Römer voll und stieß mit Kreislern fröhlich an . » Nicht wahr , « begann er , nachdem die Pokale geleert , » nicht wahr , Kapellmeister , unser hochwürdiger Herr will Euch gern in den langen Rock hinein vexieren ? - Tut ' s nicht , Kreisler ! - Mir ist wohl in der Kutte , ich möchte sie um keinen Preis wieder ablegen , aber distinguendum est inter et inter ! - Für mich ist ein gut Glas Wein und ein tüchtiger Kirchengesang die ganze Welt , aber Ihr - Ihr ! Nun , Ihr seid noch zu ganz andern Dingen aufgehoben , Euch lacht noch das Leben auf ganz andere Weise , Euch leuchten noch ganz andre Lichter als die Altarskerzen ! - Nun , Kreisler , kurz von der Sache zu reden - stoßt an ! - Vivat Euer Mädel , und wenn Ihr Hochzeit macht , so soll Euch der Herr Abt , alles Verdrusses unerachtet , durch mich von dem besten Wein senden , der nur in unserm reichen Keller befindlich ! « Kreisler fühlte sich durch Hilarius ' Worte berührt auf unangenehme Weise , so wie es uns schmerzt , wenn wir etwas Zartes , Schneereines erfaßt sehn von plumpen ungeschickten Händen . » Was , « sprach Kreisler , indem er sein Glas zurückzog , » was Ihr nicht alles wißt , nicht alles erfahrt in Euern vier Mauern . « » Domine , « rief Pater Hilarius , » Domine Kreislere , nichts für ungut , video mysterium , aber ich will das Maul halten ! Wollt Ihr nicht auf Euer - Nun ! Laßt uns frühstücken in Camera et faciemus bonum cherubim - und bibamus , daß der Herr uns hier in der Abtei die Ruhe und Gemütlichkeit erhalten möge , die bisher geherrscht . « » Ist , « fragte Kreisler gespannt , » ist denn die jetzt in Gefahr gekommen ? « - » Domine , « sprach Pater Hilarius leise , indem er Kreislern vertraulich näher rückte , » Domine dilectissime ! Ihr seid lange genug bei uns , um zu wissen , in welcher Eintracht wir leben , wie sich die verschiedensten Neigungen der Brüder in einer gewissen Heiterkeit einigen , die von allem , von unserer Umgebung , von der Milde der Klosterzucht , von der ganzen Lebensweise begünstigt wird . - Vielleicht hat das am längsten gedauert . Erfahrt es , Kreisler ! eben ist Pater Cyprianus angekommen , der längst erwartete , der von Rom aus dem Abt auf das dringendste empfohlen wurde . Es ist noch ein junger Mann , aber auf diesem ausgedörrten starren Antlitz ist auch nicht eine Spur eines heitern Gemüts zu finden , vielmehr liegt in den finstren abgestorbenen Zügen eine unerbittliche Strenge , die den bis zur höchsten Selbstqual gesteigerten Asketiker verkündet . Dabei zeugt sein ganzes Wesen von einer gewissen feindseligen Verachtung alles dessen , was ihn umgibt , die vielleicht wirklich dem Gefühl einer geistlichen Übermacht über uns alle ihren Ursprung verdanken mag . - Schon erkundigte er sich in abgebrochenen Worten nach der Klosterzucht und schien großes Ärgernis an unserer Lebensweise zu nehmen . - Gebt acht , Kreisler , dieser Ankömmling wird unsre ganze Ordnung , die uns so wohlgetan , verkehren ! Gebt acht , nunc probo ! Die Strenggesinnten werden sich leicht an ihn anschließen , und bald wird sich eine Partei wider den Abt bilden , der vielleicht der Sieg nicht entgehen kann , weil es mir gewiß scheint , daß Pater Cyprianus ein Emissar Sr. päpstlichen Heiligkeit ist , dessen Willen sich der Abt beugen muß . - Kreisler ! was wird aus unserer Musik , aus Eurem gemütlichen Aufenthalt bei uns werden ! - Ich sprach von unserm wohleingerichteten Chor , und wie wir die Werke der größten Meister recht wacker auszuführen imstande , da schnitt aber der finstre Asketiker ein entsetzliches Gesicht und meinte , dergleichen Musik sei für die profane Welt , aber nicht für die Kirche , aus der sie der Papst Marcellus der Zweite mit Recht ganz verbannen wollen . - Per diem , wenn es keinen Chor mehr geben soll und man mir vielleicht auch den Weinkeller verschließt , so - doch vor der Hand bibamus ! - Man muß sich vor der Zeit keine Gedanken machen , ergo - gluc-gluc . « Kreisler meinte , daß es sich wohl mit dem neuen Ankömmling , der vielleicht strenger schiene , als er es wirklich sei , besser fügen und er seinerseits nicht glauben könne , daß der Abt bei dem festen Charakter , den er stets bewiesen , so leicht dem Willen eines fremden Mönchs nachgeben werde , zumal es ihm selbst an wichtigen , erfolgreichen Verbindungen in Rom gar nicht fehlte . In dem Augenblick wurden die Glocken gezogen , ein Zeichen , daß die feierliche Aufnahme des fremden Bruders Cyprianus in den Orden des heiligen Benedikt vor sich gehen solle . Kreisler begab sich mit dem Pater Hilarius , der mit einem halbängstlichen » bibendum quid « noch die Neige seines Römers schnell hinunterschluckte , auf den Weg nach der Kirche . Aus den Fenstern des Korridors , den sie durchschritten , konnte man in die Gemächer des Abts hineinschauen . » Seht , seht ! « rief Pater Hilar , indem er den Kreisler in die Ecke eines Fensters zog . Kreisler schaute hinüber und gewahrte in dem Gemach des Abts einen Mönch , mit dem der Abt sehr eifrig sprach , indem eine dunkle Röte sein Antlitz überzog . Endlich kniete der Abt nieder vor dem Mönch , der ihm den Segen gab . » Hab ' ich recht , « sprach Hilarius leise , » hab ' ich recht , wenn ich in diesem fremden Mönch , der mit einem Mal hinabschneit in unsre Abtei , etwas Besonderes , Seltsames suche und finde ? « » Gewiß , « erwiderte Kreisler , » gewiß hat es mit diesem Cyprianus eine eigne Bewandtnis , und mich sollt ' es wundern , wenn nicht gewisse Beziehungen sich sehr bald kundtun sollten . « Pater Hilarius begab sich zu den Brüdern , um mit ihnen in feierlicher Prozession , das Kreuz vorauf , die Laienbrüder mit angezündeten Kerzen und Fahnen an den Seiten , in die Kirche zu ziehen . Als nun der Abt mit dem fremden Mönch dicht bei Kreisler vorüberkam , erkannte dieser auf den ersten Blick , daß Bruder Cyprianus eben der Jüngling war , den auf jenem Bilde die heilige Jungfrau aus dem Tode zum Leben erweckte . - Doch noch eine Ahnung erfaßte Kreislern plötzlich . Er rannte herauf in sein Zimmer , er holte das kleine Bildnis hervor , das ihm Meister Abraham gegeben ; kein Zweifel ! er erblickte denselben Jüngling , nur jünger , frischer und in Offizieruniform abgebildet . - Als nun - Vierter Abschnitt Erspriessliche Folgen höherer Kultur Die reiferen Monate des Mannes ( M.f.f. ) Hinzmanns rührenden Sermon , das Trauermahl , die schöne Mina , Miesmies ' Wiederfinden , der Tanz , alles das hatte in meiner Brust einen Zwiespalt der widersprechendsten Gefühle erregt , so daß ich , wie man im gewöhnlichen Leben gemeinhin sagt , mich eigentlich gar nicht zu lassen wußte und in einer gewissen trostlosen Bangigkeit des Gemüts wünschte , ich läge im Keller in der Grube wie Freund Muzius . Das war nun freilich sehr arg , und ich wüßte gar nicht , was aus mir geworden wäre , lebte nicht der wahre , hohe Dichtergeist in mir , der sofort mich mit reichlichen Versen versorgte , die ich niederzuschreiben nicht unterließ . - Die Göttlichkeit der Poesie offenbart sich vorzüglich darin , daß das Versemachen , kostet auch der Reim hin und wieder manchen Schweißtropfen , doch ein wunderbares inneres Wohlbehagen erregt , das jedes irdische Leid überwindet , sowie man denn wissen will , daß es sogar oftmals schon Hunger und Zahnschmerzen besiegt hat . Jener soll , da der Tod ihm den Vater , die Mutter , die Gattin raubte , zwar bei jedem Todesfall , wie billig , ganz außer sich , aber doch bei dem Gedanken an das herrliche Trauer-Carmen , das er nun im Geist zu empfangen gedachte , niemals untröstlich gewesen sein und bloß noch einmal sich verheiratet haben , um die Hoffnung abermaliger tragischer Begeisterung derselben Art nicht aufzugeben . - Hier sind die Verse , die meinen Zustand , sowie den Übergang von Leid zur Freude mit poetischer Kraft und Wahrheit schildern . » Was wandelt , horch ! durch finstre Räume , In öder Keller Einsamkeit ? Was ruft mir zu : Nicht länger säume ! Wes Stimme klagt ein herbes Leid ? Dort liegt der treue Freund begraben , Nach mir verlangt sein irrer Geist . Mein Trost soll ihn im Tode laben , Ich bin ' s , der Leben ihm verheißt ! Doch nein ! - das ist kein flücht ' ger Schatten , Der solche Töne von sich gibt ! Sie seufzen nach dem treuen Gatten , Nach ihm , der noch so heiß geliebt ! In alte Liebesketten fallen , Rinaldo will ' s , er kehrt zurück , Doch wie ! - schau ' ich nicht spitze Krallen ? Nicht eifersücht ' gen Zornes Blick ? Sie ist ' s - die Frau ! - wohin entfliehen ! - Ha ! welch Gefühl bestürmt die Brust . Im keuschen Schnee der Jugend blühen Seh ' ich des Lebens höchste Lust . Sie springt , sie naht , und immer heller Wird ' s um mich Hochbeglückten her . Ein süßer Duft durchweht den Keller , Die Brust wird leicht , das Herz wird schwer . Der Freund gestorben - sie gefunden - Entzücken ! - Wonne ! - bittrer Schmerz ! Die Gattin - Tochter - neue Wunden ! - Ha ! - sollst du brechen , armes Herz ? Doch kann den Sinn wohl so betören Ein Trauermahl , ein lust ' ger Tanz ? Nein - diesem Treiben muß ich wehren , Mich blendet nur ein falscher Glanz . Hinweg , ihr eitlen Truggebilde , Gebt höherm Streben willig Raum ! Gar manches führt die Katz im Schilde , Sie liebt , sie haßt und weiß es kaum . Kein Ton , kein Blick , senkt eure Augen , O Mina , Miesmies , falsch Geschlecht ! Verderblich Gift , nicht will ich ' s saugen , Ich flieh ' , und Muzius sei gerächt . Verklärter ! - ja , bei jedem Braten , Bei jedem Fisch gedenk ' ich dein ! Denk ' deiner Weisheit , deiner Taten , Denk ' Kater ganz wie du zu sein . Gelang es hünd ' schem Frevelwitze Dich zu verderben , edler Freund , So trifft die Schmach blutgier ' ge Spitze , Es rächet dich , der um dich weint . So flau , so jammervoll im Busen War mir ' s , ich wußte gar nicht wie , Doch hoher Dank den holden Musen , Dem kühnen Flug der Phantasie . Mir ist jetzt wieder leidlich besser , Spür ' gar nicht g ' ringen Appetit , Bin Muzius gleich ein wackrer Esser Und ganz in Poesie erglüht . Ja Kunst ! du Kind aus hohen Sphären , Du Trösterin im tiefsten Leid , O ! - Verslein laß mich stets gebären Mit genialer Leichtigkeit . Und : Murr , so sprechen edle Frauen , Hochherz ' ge Jünglinge , o Murr ; Du Dichterherz , ein zart Vertrauen Weckt in der Brust dein süß Gemurr ! « Die Wirkung des Versleinmachens war zu wohltätig , ich konnte mich nicht mit diesem Gedicht begnügen , sondern machte mehre hintereinander mit gleicher Leichtigkeit , mit gleichem Glück . Die gelungensten würd ' ich hier dem geneigten Leser mitteilen , hätte ich nicht im Sinn , dieselben nebst mehreren Witzwörtern und Impromptus , die ich in müßigen Stunden angefertigt , und über die ich schon beinahe vor Lachen bersten mögen , unter dem allgemeinen Titel : » Was ich gebar in Stunden der Begeisterung « herauszugeben . - Zu meinem nicht geringen Ruhm muß ich es sagen , daß selbst in meinen Jünglingsmonaten , wenn der Sturm der Leidenschaft noch nicht verbraust ist , ein heller Verstand , ein feiner Takt für das Gehörige die Oberhand behielt über jeden abnormen Sinnenrausch . So gelang es mir auch , die plötzlich aufgewallte Liebe zu der schönen Mina gänzlich zu unterdrücken . Einmal mußte mir denn doch bei ruhiger Überlegung diese Leidenschaft in meinen Verhältnissen etwas töricht vorkommen ; dann erfuhr ich aber auch , daß Mina , des äußern Scheins kindlicher Frömmigkeit unerachtet , ein keckes eigensinniges Ding sei , die bei gewissen Anlässen den bescheidensten Katerjünglingen in die blanken Augen fahre . Um mir aber jeden Rückfall zu ersparen , vermied ich sorglich Mina zu sehen , und da ich Miesmies ' vermeintliche Ansprüche und ihr seltsames überspanntes Wesen noch mehr scheute , so hielt ich mich , um ja keiner von beiden zu begegnen , einsam im Zimmer und besuchte weder den Keller , weder den Boden , noch das Dach . Der Meister schien dies gern zu sehen ; er erlaubte , daß ich , studierte er am Schreibtisch , mich hinter seinem Rücken auf den Lehnstuhl setzen und mit vorgestrecktem Halse durch den Arm in das Buch gucken durfte , welches er eben las . - Es waren ganz hübsche Bücher , die wir , ich und mein Meister , auf diese Art zusammen durchstudierten , wie z.B. Arpe , » de prodigiosis naturae et artis operibus , Talismanes et Amuleta dictis , « Beckers » bezauberte Welt « , Francisci Petrarka » Gedenkbuch « u.a.m. Diese Lektüre zerstreute mich ungemein und gab meinem Geist einen neuen Schwung . - Der Meister war ausgegangen , die Sonne schien so freundlich , die Frühlingsdüfte wehten so anmutig zum Fenster hinein ; ich vergaß meine Vorsätze und spazierte hinauf auf das Dach . Kaum war ich aber oben , als ich auch schon Muzius ' Witwe erblickte , die hinter dem Schornstein hervorkam . - Vor Schreck blieb ich regungslos stehen wie eingewurzelt ; schon hörte ich mich bestürmt mit Vorwürfen und Beteuerungen . - Weit gefehlt . - Gleich hinter her folgte der junge Hinzmann , rief die schöne Witwe mit süßen Namen , sie blieb stehen , empfing ihn mit lieblichen Worten , beide begrüßten sich mit dem entschiedenen Ausdruck inniger Zärtlichkeit und gingen dann schnell an mir vorüber , ohne mich zu grüßen oder sonst im mindesten zu beachten . Der junge Hinzmann schämte sich ganz gewiß vor mir , denn er senkte den Kopf zu Boden und schlug die Augen nieder , die leichtsinnige kokette Witwe warf mir aber einen höhnischen Blick zu . Der Kater ist , was sein psychisches Wesen betrifft , doch eine gar närrische Kreatur . - Hätte ich nicht froh sein können , sein müssen , daß Muzius ' Witwe anderweitig mit einem Liebhaber versehen , und doch konnte ich mich eines gewissen innern Ärgers nicht erwehren , der beinahe das Ansehen hatte von Eifersüchtelei . - Ich schwor , niemals mehr das Dach zu besuchen , wo ich große Unbill erlebt zu haben glaubte . Statt dessen sprang ich nun fleißig auf die Fensterbank , sonnte mich , schaute , um mich zu zerstreuen , auf die Straße hinab , stellte allerlei tiefsinnige Betrachtungen an und verband so das Angenehme mit dem Nützlichen . Ein Gegenstand dieser Betrachtungen war denn auch , warum es mir noch niemals eingefallen , mich aus eignem freien Antriebe vor die Haustüre zu setzen oder auf der Straße zu lustwandeln , wie ich es doch viele von meinem Geschlecht tun sah , ohne alle Furcht und Scheu . Ich stellte mir das als etwas höchst Angenehmes vor und war überzeugt , daß nun , da ich zu reiferen Monaten gekommen und Lebenserfahrung genug gesammelt , von jenen Gefahren , in die ich geriet , als das Schicksal mich , einen unmündigen Jüngling , hinausschleuderte in die Welt , nicht mehr die Rede sein könne . Getrost wandelte ich daher die Treppe herab und setzte mich fürs erste auf die Türschwelle in den hellsten Sonnenschein . Daß ich eine Stellung annahm , die jedem auf den ersten Blick den gebildeten , wohlerzogenen Kater verraten mußte , versteht sich von selbst . Es gefiel mir vor der Haustüre ganz ungemein . Indem die heißen Sonnenstrahlen meinen Pelz wohltätig auswärmten , putzte ich mit gekrümmter Pfote zierlich Schnauze und Bart , worüber mir ein paar vorübergehende junge Mädchen , die den großen , mit Schlössern versehenen Mappen nach , die sie trugen , aus der Schule kommen mußten , nicht allein ihr großes Vergnügen bezeugten , sondern mir auch ein Stückchen Weißbrot verehrten , welches ich nach gewohnter Galanterie dankbarlichst annahm . - Ich spielte mehr mit der mir dargebotenen Gabe , als daß ich sie wirklich zu