Frau aus dem Fenster an den Bettüchern herunter ; am Morgen entdeckte der Herr , was vorgegangen , es war aber keiner von beiden zu erforschen . Der Herr war sehr wild , denn die Frau war ihm viel schuldig geblieben . « » Nun wohlan « , meinte Anton , » mein gutes Susannchen , so sei denn zum letztenmal so genannt ; Kurt heißt du nun , und Gott segne unsern Feldzug ; so bring ich dich zu meiner Frau , da sollst du gute Tage leben und wie mein eignes Kind gehalten werden . « Susanne lachte : » Wie Euer Kind ? Ihr kommt mir gar nicht vor wie mein Vater ; vielleicht scheint Ihr mir , ob Ihr gleich so groß und stark seid , jünger wie ich ; seht , ich möchte Euch immer unterweisen und beraten . « Anton war durch diese Rede in neue Verlegenheit gesetzt ; er glaubte sein Verhältnis zu ihr durch den Ausdruck » väterlich « gut festgesetzt zu haben ; er sprach , ohne recht zu wissen warum : » Ich könnte freilich manches lernen von dir , abgehauene Finger in einer Nacht anzuheilen . « » Ach denkt der Kleinigkeit nicht ; es war gut , daß ich mein sympathetisches Mittel brauchen konnte , ich habe wohl größere Kuren damit vollbracht , hier wo selten der Tanzboden ohne Raufereien leer wird ; doch es wird schon hell in den Gängen , sie könnten mich erkennen ; zahlt Eure Zeche . « Anton stand jetzt auf , dehnte sich mit allen Gliedern , sah noch einmal in das wunderliche Schlafkämmerlein und weckte dann den Wirt , der entsetzlich das verfluchte Susannchen schimpfte , die noch auf der faulen Haut liege . Er machte ihm eine teure Rechnung ; und als er wissen wollte , wofür , sagte er : » Ich habe Euch so hoch aufgeschrieben , als Ihr hereingetreten ; Ihr hättet das Doppelte verzehren können , ich hätte Euch nicht mehr abgefordert . Was habt Ihr da für einen feinen Burschen bei Euch ? « » Er ist mein Troßbube « , sagte Anton sehr verlegen und schob ihn zur Tür hinaus . » Da habt Ihr Euer Geld , lebt dafür als ein schlechter Kerl wie bisher , und dann segne Euch der Teufel mit allen seinen Gaben . « Er wollte unter dem Toben des Wirtes fortgehen , als Seger an der Leiter gebunden hereinsprang , den Wirt umrannte und flink voran zur Tür hinauslief ; wie ein tollgewordenes Schaltier schleppte er die breite Wagenleiter , die sich an der Tür festhakte . Susanna , die jetzt die Hemmung fürchten mußte , kletterte über ihn hinaus , Anton ihr nach ; der Wirt wollte wieder aufstehend beiden hitzig nach , er stieg die Leiter hinan , da ließ aber Seger dieselbe los und lief davon , so daß der Wirt sehr unsanft über seine Treppe hinaus auf das Straßenpflaster fiel . Die drei Flüchtigen hatten nicht Lust abzuwarten , bis der Wirt mit seinen zahlreichen Prügelknechten ihnen nachgekommen ; sie liefen schnell vor Schärtlins Haus , wo immer eine Zahl Landsknechte versammelt war . Einige , die gestern bei dem Streite zwischen Seger und Anton gegenwärtig gewesen , fragten ihn , ob er nicht seinen Finger mit dem Degen rächen wollte . Anton zeigte ihnen den Finger , daß er wieder angeheilt , dann ging er aber , weil er sich in seiner Ehre gekränkt glaubte , ganz trotzig auf Seger los und fragte ihn , wie er das gestern gemeint habe . Seger , an welchem ein paar andere gehetzt hatten , meinte , er wäre zwar betrunken gewesen , wenn er ' s aber so gar ernstlich nehmen wolle , so könne er ... und dabei drehte er sich um und bleckte mit seiner langen Zunge aus dem magern gelben Gesichte heraus . Der Feldwebel nahm jetzt Anton bei Seite , als er eben auf jenen losschlagen wollte , und sagte ihm , daß er ihn auf den Rosengarten vor der Stadt herausfordern sollte . Das sei Gebrauch unter den Landsknechten . Susanna hatte sich bei diesem Verhalten ängstlich dem Anton angeschmiegt ; das rührte ihn , er bat sie , wenn er fiele , nach Waiblingen zu seiner Frau zu gehen und ihr zu sagen , daß er an einer Krankheit gestorben . Susanna versprach es , sagte ihm aber , er möchte nur erst zu Gott beten , so stürbe er selig . Diese Fassung in dem Mädchen , ihn sterben zu sehen , brachte in seine Seele ein ganz neues Gefühl ; sein Zorn gegen Seger war längst veratmet , er war zu gutmütig , um ihn länger zu hassen , als die Bewegung im Blute dauerte ; er war wohl schon auf einigen Fehdezügen und Gefechten gewesen , aber da waren viele mit ihm , jeder war mit sich auch beschäftigt ; so war es auch bei manchem Zusammenlauf in Weinkellern und Gelagen , da war nichts Vorbereitetes , nichts Feierliches . Jetzt aber konnte ihm der Feldwebel nicht genug erzählen von allen Regeln , wie er sich stellen , wie er die Gänge endigen müsse , was er sprechen , wie er um sich blicken sollte ; er sah , wie alles auf ihn blicken würde , welches Zutrauen sie dabei auf seine Größe , auf seine Stärke setzten , wie lächerlich es sich ausnehmen würde , wenn er sich feige zeigte , oder nur linkisch erschiene . Vom Gebete hatte ihm der Feldwebel nun gar nichts berichtet ; er fragte ihn , ob es im Gebrauch . » Nein « , sagte jener , » das ist abgekommen , aber tüchtig Fluchen , das hilft . « » Vergiß nicht zu beten « , sagte Susanna ; und schon gelobte er sich mit großer Inbrunst , daß er nicht möchte zu Schanden werden . Es wurde sehr heiß ; sie gingen am sandigen Ufer des Wassers , einer nach dem andern , herunter , und Anton sah im Spiegel , daß Seger mehrmals nach Kräutern am Boden griff , nach Kletten und Stechapfel und damit seinen Degen rieb ; er fragte den Feldwebel , was das solle . » Fest soll es machen « , sagte er , » aber ich halte nichts darauf ; wer sich brav wehrt , ist am festesten . « Unter solchen Reden kamen sie an das frische Grün des Rosengartens , der mit gar nichts als mit einer dünnen seidenen Schnur umzogen war , die aber keiner von allen Soldaten zu überspringen wagte , vielmehr rückte jeder seine Kleider in Ordnung und trat mit gemessenen Schritten auf den Eingang zu , wo die zwölf alten Ritter , die den Rosengarten in Worms verteidigten , in Stein gehauen standen . Sie grüßten alle ehrerbietig , dann gingen sie vor den weißen Rosen vorüber in den Kreis , wo die roten Rosen in höchster Fülle zu einem hohen Zelte geflochten schattend dufteten . Seger und Anton warfen ihre Mäntel ab ; jener bewegte sich ungeduldig hitzig , dieser , wie er ihn so ungeduldig vor sich sah , spürte eine Art Mitleid . Susanna schlich sich in diesem Augenblicke an ihn und flüsterte ihm zu : » Lieber Herr ! « - Anton blickte auf und bezeichnete seine Brust mit dem Kreuze ; dabei zitterte Seger , dann aber sprang er auf Anton tückisch ein , der seine ersten Stöße , weil er sie noch nicht erwartete , nur mühsam abwenden konnte . In diesem Augenblicke sprangen die beiden Frauen Dido und Semiramis , die eigentlich an dem Ausbruche des Streites schuld gewesen waren , mit einem lauten » Halt ein ! « nicht ohne Gefahr zwischen die Klingen der Kämpfenden . Dido war meergrün und Semiramis kornblumenblau gekleidet . » Hört « , rief Semiramis , » wie großmütig eine liebende Frau sein kann ; ihr wißt , wir haben uns um Anton gestritten , aber sein Leben ist mir lieber als meine Liebe , und so warf ich meine ganze Liebe auf dich , Seger ; dich aber Anton , muß ich der Dido überlassen ; so seid ihr beide versöhnt . « Seger umfaßte sie und kniete nieder , hob sie dann auf seine Schulter und rief : daß solch ein Edelmut unerhört sei ; sie beide dankten ihnen das Leben . Anton stand in sich gekehrt und wußte gar nicht , was er sagen sollte . Dido hatte , ohne daß er es bemerkt , ihm den Degen abgenommen , sie küßte ihn , und er merkte nichts . Susanna war von ihm getreten und hielt sich unter den Soldaten versteckt . Jetzt erscholl ein lieblicher Tanz von gedämpften Trommeln , Pfeifen und Fagotten . Dido ergriff Anton zum Reihentanz , Semiramis führte Seger . Der Tanz verschlang sich immer mehr , und immer tiefer gingen seine Gedanken unter , immer mehr traten die Sinne hervor ; bald tanzte er mit einer Anmut , die er sich einst erworben , den einzelnen Locktanz . Dido flüchtete scheinbar vor ihm und von ihm in das dichte Holz ; er tanzte trauernd und suchend , daß alle Rosen sich auf ihn niedersenkten und seine Lippen kühlten ; er rief , aber sie kam nicht , aber alle wurden durch ein nahes Waffengeklirr erschreckt . Alle liefen nach dem Orte , auch Anton und Seger , aber alle kamen zu spät , um das schreckliche Ereignis zu hindern . O Jammer , daß die Zeit immer umwendet , das Geschehene zu verwandeln nach dem Rate der Klugheit . Über das meergrüne Kleid Didos , über das blaue Gewand der Semiramis flossen zwei rote Ströme zusammen und mischten das feindliche Blut der beiden streitenden Weiber ; sie hatten einander mit den abgenommenen Degen der Kämpfer durchbohrt . Semiramis rief zu Anton : » Siehe , Unglückseliger , zwei Opfer deiner göttlichen Schönheit ; ich konnte nichts als sterben , seit ich dir entsagt ; o Amor ! wie hat deine Flamme mich verzehrt , daß ich mein eignes Haus angezündet habe ; wisset , es ist meine Zwillingsschwester , die ich zum Gefechte gezwungen , meine Zwillingsschwester , mit der ich einträchtig zusammen ruhte im Leibe der Mutter , die ich zur ewigen Ruhe niedergestreckt ; es ist meine Zwillingsschwester , die mich mitnimmt in die grausenden Lieblichkeiten des Venusberges , in welchem wir bis zum jüngsten Tage schmachten müssen nach dem Genusse , in dem wir hier uns übernahmen . « » Schweige , du arme Schwester « , rief Dido mit schwacher Stimme , » ich bin deiner Leiden , deiner Sünde Anfang und Ende ; das Eis , auf welchem du zu Falle gekommen . Hört es ihr harten Kriegesseelen , und ihr werdet sie jammervoll anblicken und für sie beten ; sie war zu stolz , zu edel für die Sünde , mich aber ergriff sie in wilder Lust , doch wollte sie mich nicht verlassen , so war sie geschändet vor der Welt und doch ohne Schuld ; sie sorgte nur für mich , freute sich meines Glückes , sie aber empfand keine Liebe . « » Ach « , seufzte Semiramis , » die Liebe ist ein guter Jäger , sie lädt uns die Freiheit , wie den wilden Vögeln , bis wir erwachsen sind und in voller Schönheit des Gefieders prangen , da schießt sie uns mit Pfeilen des Todes in einer Stunde ungewarnt darnieder ; wehe mir des letzten Tages , wo ich dich Anton erblickt ; da ging meine Freiheit verloren und mein Edelmut und meine Schwestertreue . « » Jammer , unendlicher Jammer schlägt an meine Brust mit todespochender Hand « , rief Dido , » du hattest so viel für mich getan , und konnte dir nicht opfern dies eine Glück . O du doppelsinnige Liebe , ich kannte deine Tücke , deine Unersättlichkeit , darum wollte ich dich bewahren , o meine Schwester , vor ihrem ersten Handgelde , denn niemand dient bei ihr aus , immer neue Dienste weiß sie aus den alten zu erzwingen . « » Reiß nicht so schmerzlich in meinem Hirn , Schauder der Liebe « , klagte schwächer Semiramis , » wie hat dein Hauch alle Rosen des Gartens verwelkt , wie ein giftiger Tau , wie ein glühender Wind der Wüste . Es ist heller Mittag , aber doch seh ich schrecklich rasende Sternbilder am Himmel , greulich wüten die Wesen in einander , Menschen und Tiere vermischt . Geliebter Anton , könnte ich den reinen Himmel nur sehen , wie ich ihn noch gestern gesehen ; o halte mich fest , geliebter Anton ! wer läßt den Boden unter mir gleich Korn durch den Mühlstein gehen , er sinkt , er sinkt ! schon faßt mich der rollende Mühlstein ; mein Vater , warum hast du deine Mühle angelassen und deiner Kinder nicht gedacht . « Und die andere schrie : » Vater , warum hast du den Strom angelassen , er treibt mich in das Rad ; das Bad war mir so kühl und lieblich . « » Ja , ja « , sagte der Feldwebel , » werdet den Vater schon wieder finden in der Hölle ; seid doch zu beklagen , was konntet ihr dafür , daß er mit euch sich Mahlgäste lockte , ihm hat ' s auch nicht geholfen , wie gewonnen , so zerronnen . « Aber die armen Müllertöchter hörten nicht mehr diese kalte Rede , ihr Jammer endete für diese Welt und ging in jener auf , und Anton lief in seiner Herzensangst , die Ursach ihres Todes zu sein , von einer zur andern ; aber die toten Leiber erkannten nicht mehr seine Liebkosungen , die noch vor wenig Augenblicken sie zu tausend Freudensprüngen belebt hätten . So sah er der irdischen Liebe Tod , und wie ein Vogel , der aus dem Nest ausgestoßen , zuerst seiner Flügel Schwingkraft kennen lernt , so wurde es ihm nun zu Mute , als er überdachte , was er in den Gemütern der Menschen gewirkt ; sein Gemüt selbst erkannte sich in einer Freiheit von dem Boden des Jammers , und er hörte auf , ein Leibeigner seines Bedürfnisses zu sein ; er kam sich vor , als gehöre er zu Susannen , und mit dem Gedanken erinnerte er sich , wie wunderbar sie seinen Finger geheilt . » Kurt « , rief er , » wenn du mir wirklich treu bist , tue diesen armen Frauen wie du mir getan und heile ihre Wunden . « » Herr , « sagte sie , » das sind Wunden der Gerichte Gottes , über die vermag alle Sympathie nichts ; ich werde tun nach Eurem Befehle , aber ich meine , daß alles vergebens . « Bei diesen Worten ergriff sie ein Holz und legte es unter Gebeten im Kreuze auf die Wunden , und die armen Mädchen öffneten die Augen ; da faltete ihnen Susanna die Hände und betete ein Vaterunser , da verschieden sie , und das Schrecken ihrer Gesichter schien gemildert , als wäre ein Jahrhundert abgebüßt . Neue Wildheit durchströmte jetzt den Garten , der Wirt des Frauenhauses kam mit seinen Knechten , um die entlaufenen Mädchen zurückzurufen ; da er mit Beschimpfungen von den Soldaten empfangen wurde , so hieb er mit seinen Leuten , die in größerer Zahl waren , auf diese ein . Hier zeichnete Anton sich zuerst vor ihnen aus , er tat Wunder ; aber Susanna war an ihn gebannt wie ein Waffenzeichen und hielt manchen Hieb ab , der ihn treffen sollte . Von beiden Seiten waren schon mehrere schwer verwundet , als endlich der Wirt durch einen Hieb Antons mit gräßlichem Geschrei fiel , worauf seine Knechte entliefen . Im Triumphmarsche zogen nun die Knechte in die Stadt ; es wirrte Anton im Kopfe . Seger trat zu ihm und sagte , er müsse sich an dem Wirte rächen . Jetzt sprach Anton von nichts als Zusammenschlagen des Frauenhauses ; er ging so stolz einher wie ein Hauptmann , so folgte ihm jeder und keiner wußte warum . Es sammelten sich zu ihm noch mehr Soldaten in der Stadt , und sie gingen im Sturmmarsche auf das Frauenhaus , erbrachen die verschlossenen Türen , ergriffen die Feuerbrände am Herde , durchsuchten das Haus und schlugen die Hüter aus allen Ecken heraus . Die Frauen flüchteten jubelnd heraus , ihre Sündenrechnungen waren zerrissen , denn die Flamme wirbelte schon aus einem Fenster heraus , als sie noch Tisch und Bänke und alles Geräte zerschlugen . Draußen waren indessen durch die Sturmglocken viel Bürger versammelt , die aus Ärger über den Frevler in die Flammen zurücktrieben , aus denen sie sich jetzt auf die Straße zu flüchten suchten . Die Menge dieser Feinde war groß , aber Anton verlor den Mut nicht ; er nahm die Muskete eines Soldaten , legte an und schoß los , daß die Kugel über die Häupter der Bürger hinsauste , da wußten die Hintersten nicht , daß ihrer Feinde so wenig nur waren , sie sprangen in Eile über eine Kirchhofsmauer , die ihnen im Rücken lag , die andern sprangen nach , wie wir bei Schafen sehen ; wenn eins emporgesprungen ist , so springen da alle nach . Die Vordersten , die hinter sich plötzlich das Geschrei hörten und die Flocht wahrnahmen , meinten , ihnen sei ein unbekannter Feind in den Rücken gekommen , und fürchteten sich vor zwei Feuern und liefen nach allen Richtungen . Die mächtige Stadt wäre in dieser blinden Furcht vor wenigen Menschen leicht zu plündern gewesen , aber die Landsknechte verachteten das ; vielmehr sammelten sie sich in Reih und Glied vor Schärtlins Hause , der sie mit Weisheit und Entschlossenheit sogleich aus der Stadt führte . Anton sah in dem Gerassel der Waffen , in dem gleichen Schritt , von dem die Erde bebte , mit einer wunderlichen Schwermut nach den Feuerwolken , die über der Stadt durch die Nacht schienen ; erst jetzt dachte er , wie viele Unschuldige sein blinder Eifer vielleicht in vieljähriges Verderben gestürzt . Susanna , die still neben ihm gegangen war , seufzte und sagte , daß sie versinke in Müdigkeit . Da nahm er sie in seine Arme , und als der Mond aufging , da schien sie ihm bleich wie eine Tote , und der milde Tau seiner Tränen fiel auf die Schläfe der Müden , daß sie erwachte , die Augen aufschlug und betete : » Herr vergib ihnen , denn sie wissen nicht , was sie tun . « Das Wort drückte sich in das tiefste Gedächtnis Antons ; er fühlte , daß er nie gewußt , was er getan , sondern daß der Zufall mit ihm gespielt ; und vor dem Mädchen faßte ihn eine heimliche Scheu , wie vor einem Engel . Sie sprang erfrischt auf den Boden und marschierte an seiner Seite weiter fort , bis der Haufen Halt machte und sich über den grünen Boden streckte ; da sank ein hoher Federbusch nach dem andern ins Gras , sie aber sang noch im frischen Morgenwinde : Herr der Müden , Herr der Schwachen , Nach dem Wachen Schenke uns des Schlafes Frieden ; Daß wir ruhen von Beschwerde , Daß kein Feind uns mag beschleichen . Decke uns mit Palmenzweigen , Decke uns mit kühler Erde . Während sie so sang , heulte der Wolf im dichten Forst . Anton war der Gesang ganz unbehaglich ; er setzte sich zu Seger und fragte ihn : » Wo mag das Feuer eigentlich ausgekommen sein ? « - Seger lachte und sprach : » Ich warf einen Feuerbrand in einen Haufen alter Lumpen ; das war ein Spaß , anzusehen , wie das alles in die Höhe flammte und das unverbrannte Zeug mit sich riß , als wären es Brandbriefe , die überall ausfliegen sollten ; dann schloß ich das Zimmer zu , damit niemand zum Löschen herein konnte . « » Pfui Teufel ! « sagte Anton , » das Zerschlagen habe ich wohl geraten , aber das Verbrennen war schlecht , denn das Feuer hat seinen eigenen Weg , und keiner weiß , wen es erreicht . « Bei diesen Worten beorderte die Trommel alle in den Ring . Schärtlin sah sehr ergrimmt aus und hielt in der Mitte zu Pferde . Es traten zwei Abgeordnete des Augsburger Rates auf und baten ihn um Bestrafung der Frevler , die Brand in ihrer Stadt gestiftet hätten . - Schärtlin versprach ihnen das und hielt bei dieser Veranlassung eine Rede über das unnütze Gesindel , das ein Verderben ihrer Kameraden sei . » Es gibt « , sagte er , » solche Federhansen , Eisenbeißer und Spitzknechte ; die halten sich zusammen , prassen , schlemmen , demmen und verspielen ihre Besoldung bei Zeiten , schlagen sich dann bei andern ehrlichen Gesellen zu . Wo man ihnen den Kragen nicht füllt , suchen sie Gelegenheit durch Spiel oder Balgen andere zu überrumpeln , ziehen im Lager um oder von einem Haus zum andern , schreien Mum , Mum , tragen Würfel in der Hand , haben etwa den Degen oder Wehr am Arm oder Hals hangen , sind gleich bös und freudig mit dem Maul ; was sie im Wege sehen , fallen sie an , durchstreichen die Dörfer ; da kann kein Armer ein Hühnlein vor ihnen behalten , jagen sie wohl gar zum Hause hinaus , stecken ihnen wohl gar das Haus an ; aber solcher Frevel soll gestraft werden . « Nach diesen Worten gab er Befehl zur Untersuchung . Ein paar Zeugen , des Augsburger Wirts Knechte , sagten auf Anton aus , daß er in das Haus gedrungen ; er leugnete nichts , sondern erzählte , wie alles sich verlaufen , daß er aber am Feuer unschuldig sei . Schärtlin sah ihn aufmerksam an und sprach : » Schade , daß ich dich so bald verliere , aus dir hätte was werden können . « Die drei Richter waren nach dem ersten Verhöre gleich einig , daß er sein Leben verwirkt habe , doch solle ihm aus besonderer Gnade des Feldmarschalls keine schimpfliche Strafe angetan werden , sondern er durch drei Musketenschüsse seiner Kameraden fallen . Anton stand da verwundert , aber nicht erschüttert ; es kam ihm alles wie ein elendes Spielwerk vor ; er fragte : Wie bald er denn solle der Welt absagen . » In einer Stunde « , antworteten die Richter . » Wohl denn « , sprach er , » so will ich noch einen guten Trunk tun . Wein her für mich und für meinen Knaben . « Seger trat jetzt zu ihm und dankte ihm , daß er ihn nicht verraten ; zugleich riet er ihm , er wolle ihm heimlich einen Dolch zustecken , damit möchte er nur den Steckenknecht , der ihn bewachte , niederstoßen und davonlaufen ; er könne ihm schwören , daß keiner der Landsknechte umher ihm nachsetzen würde , vielmehr wären sie alle schon in Aufruhr , daß einer von ihnen wegen einer Ehrensache des ganzen Haufens zum Tode verurteilt werden sollte . Anton dankte ihm und nahm den Dolch ; jetzt aber redete ihn Susanna an , die den Vorschlag vernommen hatte : » Herr , laßt keinen Unschuldigen Euretwegen sterben . « Anton ward dadurch ernst und gerührt ; er tat nichts zu seiner Befreiung , sondern dachte so in sich , was nun in wenig Augenblicken aus ihm werden würde , wer ihn in der Welt vermissen , und daß sich alle so wohl befinden würden wie vorher ; aber da sah er Susanna , die mit jammervollem Blicke betete , und betete auch . Die Gedanken gingen ihm immer höher , als ihn Schärtlin aus seinem Traume erweckte und laut sprach , er wolle doch hören ob er noch was auf Erden zu bestellen . Dann sprach aber der Feldmarschall leise zu ihm : » Ich habe dich lieb gewonnen wegen deines tapfern Angesichts , ich will ein Großes für dich tun , meine Schützen sollen die Kugeln wegbeißen ; stell dich , als wärst du getroffen ; der Nachrichter soll dich gleich forttragen , lauf dann , so weit du kommen kannst , dein Handgeld sei dir geschenkt . « - Anton sah ihm mit gerührtem Blicke in das große ernste Gesicht , und Schärtlin blieb ihm unvergeßlich ; er glaubte noch vor ihm zu stehen , als er längst fortgeritten war . Die Anstalten zur Hinrichtung wurden gemacht ; feierlich nahmen alle Spießgesellen von ihm Abschied und schwuren ihm sie hätten ihn zum Rittmeister erwählt , wäre er leben geblieben . Der Ernst dieser Reden durchzog endlich Anton mit dem Gedanken , was Schärtlin ihm gesagt , habe ihm wohl nur die Furcht ersparen sollen ; das erregte seinen Stolz , und mit Kühnheit kniete er auf dem Sandberge nieder , seiner selbst gewiß , uneingedenk des Ausgangs . Als aber der erste Schütze geschossen und er nichts als den Luftzug und die Blendung empfunden , da bereitete er sich umzustürzen , wie Schärtlin ihm befohlen . Der zweite , ein alter Schütze , sah ihn grimmig an , zielte langsam , dann blitzte das Pulver auf , und Anton streckte sich zusammenstürzend über den Sandhaufen . Gleich bedeckten ihn ein paar Steckenknechte mit einem roten Mantel und trugen ihn ins Gehölz . Der Marsch wurde geschlagen , und die Gegend verödete sich mit jedem Schritte . Anton mußte noch immer tot scheinen , aber fast ertrug er den Zwang nicht länger , als er Susanna mit so beweglicher Stimme um ihn klagen hörte . - » O Vater im Himmel ! « rief sie , » was soll ich auf Erden , wo mich keiner liebt , da du ihn zu dir genommen hast , den ich liebte auf Erden ; wo soll ich einen Trost finden , da sein fröhliches Angesicht mir nicht mehr leuchtet ; wem gehöre ich an auf dieser Welt als ihm , der mich nicht mehr hört ; er ist mir Mutter und Vater , Bräutigam und Mann , Vaterland und Unterhalt . Hier will ich bleiben , bis meine Klagen mit dem letzten Atem verseufzen ; hier will ich beten und verhungern , denn seines toten Angesichts bleiche Lieblichkeit ist die einzige Nahrung , wonach ich verlange . « Bei diesen Worten zog sie den Mantel hinweg , und Anton hielt sich nicht länger , hätte es ihm auch das Leben gekostet ; er umfaßte sie mit beiden Armen , und sie stürzte von dem Erschrecken tot in seine Arme . An seinem Herzen erwärmte er ihr Herz , an seinen Lippen ihre Lippen , in seinen Händen ihre Hände , und als sie erwachte , da füllte die Röte der Scham ihre Wangen ; sie gab einen leisen Schlag mit der Hand auf seine Brust , machte ein Kreuz über die ihre und sprach : » Du verdirbst mir die Freude . « Anton , der das alles in seiner bittersten Not getan , konnte ihren Mißmut nicht begreifen : » Mädchen , du bist zweiköpfig , wie man die Zeit malt ; jetzt eben zeigtest du mir das verkehrte Antlitz , was nicht einsieht , wie es voraus in der Welt aussieht ! « - Sie aber sprach : » Ich dachte nie , daß mir das begegnen sollte - aber du bist hart wie alle Männer . « - » Was ist dir geschehen « , fragte Anton erstaunt , » wie könnte ich , kaum aus den Klauen des Todes und des Teufels erlöst , dir liebes Kind ein Unrecht tun wollen , tun können ? « - » Aber wer erlaubte dir mein Wams zu lüften ? « - » Die Not zwang mich , du starrtest zum Paradiese hinüber , und was sollte ich hier auf dürrer Heide ? « Susanna ging vor sich und sah ihn nicht an ; dabei befiel ihn eine Langeweile , eine Lust zu essen und zu trinken , daß er sich von ganzem Herzen zu seinen Kamera den zurückwünschte . Langsam ging er so übers Feld , als ihm eine bekannte Stimme aus der Ferne rief ; er sah sich um , es war Seger , der in vollem Laufe zu ihm eilte und ihm außer Atem herstammelte , wie er es ohne ihn unter den Landsknechten nicht mehr aushalten könne ; er habe den Betrug beim Totschießen wohl bemerkt , habe bald unter einem Vorwande der Notdurft sich in einen Graben gesetzt und sei hinter Bäumen immer fort glücklich bis zum Schießplatze gekommen , von wo er seinen Schritten gefolgt . Nach diesen Worten warf er seine Feldtasche und Feldflasche an den Boden , trank Anton eine gute Gesundheit in altem Sekt zu , worauf ihm dieser guten Bescheid tat und die Flasche dann Susannen reichte , die aber alles verschmähte . » Halt dich hier nicht auf « , sagte sie zu Anton ; » die Augsburger sind uns noch nahe , ein Zufall könnte uns in ihre Hände bringen . « Aber Anton hörte nicht bei der Flasche und bei den Butterbroten . Seger riet ihm , den Kurt zur Wacht in einiger Entfernung in die Tiefe zu stellen , und Anton , indem er Susannen alles aufnötigte , was er eben mit großer Lust zum Munde fahren wollte , bat sie um diesen Liebesdienst . Susanna gehorchte stillschweigend , Seger sah ihr ungeduldig nach . Als sie ihn nicht mehr hören konnte , sprach er zu Anton : » Hört Anton , Euretwegen ist nun schon so groß Unglück geschehen , Mord und Brand haben jeden Eurer Schritte gezeichnet ; Ihr seht , daß Ihr zum Unglück geboren seid ; Ihr wollt nichts Böses tun , aber das Böse läßt nicht von Euch