meine unheilige Uhr zum Glauben gezogen . Ich rief , es ist gestohlen ! und wäre dafür von meinen Dieben beinahe noch arretiert worden . « - LEONA : » Beten Sie künftig , statt sich umzusehen nach schlechten Menschen , und niemand wird so frech sein Sie zu bestehlen . « - FRANK : » Ich will beten , daß Sie nicht zu klug und ich nicht zu dumm werde . « - LEONA : » Kommen Sie zurück in die Kirche , demütigen Sie sich vor dem Bilde des Gekreuzigten . « - FRANK : » Kommen Sie ins Museum , erheben Sie sich vor Apollos Bilde , es haben wahrlich schönere Hymnen davor geklungen , als Ihre Gemeine singt ; sagen Sie den Gläubigen , daß in der Oper viel besser gesungen wird . « - LEONA : » Sind Sie jetzt ein Heide , das ist mir neu . « - FRANK : » Sie sind jetzt eine Katholikin , das hätte Sie selbst sonst verwundert . « - LEONA : » Ich habe Gnade gefunden ; suchen Sie Gnade . « - FRANK : » Es kann kein Mensch aus seiner Haut heraus , meine Ungnädige , und jeder ist der Schönste in seiner Haut ; des Menschen Wille ist sein Himmelreich , aber der ist unabhängig vom Zufalle . Mein Streben ein Loyola zu werden , wenn ich mich auf Ihre Ermahnung dazu entschlösse , und wenn ich auch zwanzig Nachtwachen vor dem Bilde der Maria aushielte , würde eben so leer sein und zu nichts führen , als wenn ich witzig wie Voltaire eine neue Pucelle über die Neureligiösen Frankreichs schreiben wollte , oder einen Thyrsus vor der Statue des Bacchus schwänge . « - LEONA : » Es muß aber Ihre Schuld sein , wenn Sie bei aller Wahrheitsliebe , die Sie mir immerdar zu einem ehrwürdigen Freunde macht , von Gott so verlassen bleiben . « - FRANK : » Nein , es ist nicht meine Schuld , es ist die Schuld meiner Mutter , wie mir noch gestern ein Schüler Galls erklärt hat ; sehn Sie , da hat sie mir mit einem segnenden Kusse eine Vertiefung oben ins Haupt gedrückt , wo das theosophische Organ als ein Hügel saß ; sehen Sie wohl die Stelle , denn mein Scheitel ist kahl . Und noch eins wollte ich Ihnen berichten : ich habe keine von allen in Kirchen , oder Tempeln verehrte Religion , aber ich habe doch eine , und wir wollen einmal uns wieder fragen , ob es nicht die allgemeine wird . Merken Sie wohl auf , ich habe politische Gesinnung , Enthusiasmus , Glauben : diese Religion zählt schon viele Märtyrer ; Sie kennen mich , ich lüge nie , auch ich werde als Republikaner fallen . « - LEONA : » Gott bewahre Sie davor , was wollen Sie in der Welt wirken , der Sie nicht mehr zu der Welt gehören , gehen Sie in eine Wüste , vielleicht wird Ihnen da die Gnade . « - Frank und Leona blieben getrennt . So wunderbaren Mißverständnissen sind oft die besonnensten , verständigsten Menschen unterworfen . Wir dürfen sie nicht immer den mannigfaltigen Lebensverhältnissen der gebildeten Klassen zuschreiben ; gleich werden wir ein Beispiel in der unteren Klasse finden , das uns schon aus der gewohnten Neugierde , gern von einem Menschen zu hören , den wir in einer Glückszeit gesehen haben , willkommen ist . Lorenz und Rosalie , deren Hochzeit wir beiwohnten , die wir nachher in einigem Mißvergnügen mit einander verließen , hatten sich wieder ganz ausgesöhnt , nachdem Rosalie , dem Rate des Grafen folgsam , ihrem Hauswesen ordentlich vorstand ; was aber beiden sehr leid tat , sie hatten nach mehreren Jahren ihrer Ehe keine Kinder . Rosalie betete zu allen Heiligen , machte Gelübde und brauchte altherkömmliche Mittel des Wolff ; endlich ward sie von einem Kinde entbunden . Lorenz jubelte , aber nach wenigen Tagen wurde er finster ; die Leute sagten : er hätte allerlei Zauberwesen in dem Kasten seiner Frau gefunden ; genug , er behandelte sie seit der Zeit grausam und hart , er schimpfte und schlug sie öffentlich , und sie litt das ohne darauf zu antworten . Ein Kantor der Gegend , der die Geschichte zu wissen behauptete , verfaßte ein Lied , worin die beiden Zwillingsbrüder Otto und Lorenz als Ost und West bezeichnet sind ; wir überlassen es dem guten Glauben die Wahrheit davon durch Feuerprobe zu beweisen . Die Hexe Luft und die beiden Jäger Ost und West , die Zwillingssöhne Buhlten um ein Jungfräulein , Ähnlich klangen ihre Töne Vor der Schönen Fensterlein . Luft hieß ihre leichte Schöne , Federn trug sie auf dem Haupt , Daß sie ew ' ge Myrte kröne , Ist ihr Fenster myrtumlaubt . Lange steht sie so im Glanze Ihr sind beide einerlei , Sie verwechselt beid im Tanze , Also ähnlich sind die zwei . Und so weit wird es noch kommen , Daß sie stiftet Bruderzwist ; Ihren Zweifeln zu entkommen , Denket sie auf eine List . Einen Mann , den muß ich haben , Denkt das arme Jungferlein , Der mir kann das Herz erlaben , Denn ich bin nicht gern allein . Zweifelnd denkt sie an die Künste , Die ihr Mutter Feuer lehrt , Macht am Freitag Weihrauchdünste , Kocht den Zaubertrank am Herd . Deckt dann vor dem Bett ein Tischlein , Setzt zwei blanke Teller drauf , Und zwei Gläser und zwei Fischlein , Gleich als käm ein Gast ins Haus . » Wer dann zu dir kömmt von allen « , Hat die Mutter ihr gesagt , » Ist der Stärkste im Gefallen , Und der sei dir zugesagt . Der sei deiner Liebe Meister , Mächtig deiner Schönheit Kraft , Denn es wollen stets die Geister , Daß das Mächtigste sich schafft . « Es ist Nacht , die beiden Lauten Klingen vor dem Fensterlein , Und dann schaut sie ihren Trauten ; Schweigend tritt er zu ihr ein . Ob es Ost , ob ' s West gewesen , Denket sie vergebens nun , Gleicher waren nie zwei Wesen , Dieser Zweifel will nicht ruhn ! Spricht er nicht , er kann doch sehen , Wie sie ihn zum Tische winkt , Und sie fühlt des Atems Wehen , Wie er aus dem Becher trinkt . Wie er ' s Tüchlein wohlgefalten Nimmt vom blanken Teller ab , Läßt die Speisen doch erkalten , Und verschmähet ihre Gab . Dennoch muß sie nun empfangen Eh ' er sie ins Bette führt , Eine Gabe ohn Verlangen , Die als Zeichen ihr gebührt . Abgebrannt sind beide Lichter , Und der Freund sitzt noch bei ihr , Macht so drohende Gesichter , Daß sie flieht zur Kammertür . Er das Messer aus dem Gürtel Ziehet , und ganz stille sitzt , Und der Mond aus seinem Viertel Schauet , wie es herrlich blitzt . Nein , sie wagt es nicht zu nehmen , Wie ihr vorgeschrieben ist , Sei es Schrecken , sei es Schämen , Sie verwünschet jetzt die List . Sie entschlüpfet in die Kammer , Er , das Messer wirft nach ihr ; Als er flieht mit schwerem Jammer , Steckt das Messer in der Tür . Morgens kommen beide Brüder , Sie zu grüßen , doch dem West Fehlt das Messer , seine Lieder Klagen ein gestörtes Fest , Das im Traume ihn gequälet Und vergangen ist zu nichts , Weil sich alles hat verfehlet In dem Schrecken des Gesichts . Tröstend gibt sie ihm die Hände , Küsset ihm die müde Brust , Und es drehen sich die Wände Bald in hoher Hochzeitlust . Doch kein Kind will ihn erfreuen Und er wünschet es so sehr , Bis sie sich mit Zaubereien Setzt in schrecklichen Verkehr . Könnte sie ' s voraus nur wissen , Irrwisch , heißt des Zaubers Kind , In dem Kindbett muß sie büßen Ihres Zaubers schwere Sünd . In ein Tuch das Kind zu schlagen , Tritt der Mann zum Schrank der Frau , Hat ihn eilig eingeschlagen , Und es liegt da viel zur Schau . Alles , was sie ihm verborgen , Doch er schauet nicht danach , Reißet nur in großen Sorgen Weiche Tücher aus dem Fach ; Sieht das Messer draus entfallen , Das sie heimlich drin bewahrt , Das in jener Nacht voll Qualen Er verlor durch Zaubers Art. Jener Traum , der ihm vergessen , Denn der Zauber ist vorbei , Tritt ins Leben ; wie besessen Fühlt er sich durch Zauberei ; Alles glaubt er schon erlebet , Was ihm jetzo erst geschieht , Und die Qual ihn neu umschwebet , Die ihn jene Nacht durchglüht . » Also du bist es gewesen , Die mich jene Nacht geplagt , Daß ich nie vom Schreck genesen , O , das sei hier Gott geklagt . Hast du mich voraus gequälet , Lang im schweren Liebesdienst , Straf ich dich , nun wir vermählet , Und ich zahl , wie du ' s verdienst ; Hab ich auch nicht wollen speisen Von der Fische Zauberei , Ist gehärtet doch dies Eisen In dem Trank und macht mich frei . « Ihre Brust will er durchstechen , Doch das Kindlein schreit hellaut , Und die kleinen Augen sprechen , Haben sich rings umgeschaut . Blinde Wut ist ihm verschwunden , Aber nicht der harte Zorn , Als des Herzens Riß verwunden , Schmerzt im Fleische ihm der Dorn . Wenn sie weint bei seinen Schlägen , Zeigt er ihr das Messer nur , Spricht dann : » Ohne Lieb kein Segen , Und du bist die ärgste ... « Kamen so fremdartige Erzählungen in das ruhige Schloß und die älteren Kinder des Grafen verwunderten sich darüber und fragten den alten Bedienten , als er noch lebte : da pflegte er ihnen eine schöne alte Fabel zu erzählen , die wir hier , wo wir mit allen früheren Verhältnissen abschließen , als den Sinn unseres Buches nacherzählen . Die Schule der Erfahrung Ein Sperling hatte vier Jungen in einem Schwalbenneste . Wie sie nun flügge waren , stießen böse Buben das Nest ein , sie kamen aber alle im Windsbraus davon . Nun war dem Alten leid , weil seine Söhne in die Welt kommen , daß er sie nicht zuvor gegen allerlei Gefahr verwarnet , und ihnen gute Lehren dafür gesagt habe . - Auf dem Herbste kamen in einem Weizenacker viel Sperlinge zusammen ; allda traf der Alte seine vier Jungen , die führet er mit Freuden zu sich heim und sprach : » Ach , meine lieben Söhne , was habt ihr mir den Sommer über für Sorge gemacht , dieweil ihr ohne meine Lehre von mir weg in den Wind gekommen ; höret meine Worte und folget eurem Vater , und sehet euch wohl vor ; kleine Vögel haben große Gefährlichkeiten auszustehen . « - Darauf fragte er den Ältesten , wo er sich den Sommer über aufgehalten , und wie er sich ernährt habe . » Ich habe mich in den Gärten gehalten « , antwortete der Älteste , » Raupen und Würmer gesucht , bis die Kirschen reif wurden . « » Ach , mein Sohn « , sagte der Vater , » die Schnabelweide ist nicht bös , aber es ist große Gefahr dabei ; darum habe forthin deiner wohl acht , und sonderlich wenn Leute in den Gärten umhergehen , die lange grüne Stangen tragen , so inwendig hohl sind und oben ein Löchlein haben . « - » Ja , mein Vater , besonders wenn dann ein grünes Blatt vors Löchlein mit Wachs geklebt wäre , da sieht man es kaum , und es trifft doch . « - » Wo hast du das gesehen ? « - » In eines Kaufmanns Garten « , sagte der Junge . » O , mein Sohn « , sprach der Vater , » Kaufleute , geschwinde Leute ; bist du bei diesen Weltkindern gewesen , so hast du Weltgescheitigkeit genug gelernet ; siehe und brauch ' s nur recht und wohl , und traue dir nicht zu viel . « Darauf befragte er den andern : » Wo hast du dein Wesen gehabt ? « » Zu Hofe « , sprach der Sohn . » Sperlinge dienen nicht an Höfen « , sprach der Vater , » wo viel Geld , Sammet , Seiden , Wehr und Harnisch , aber wenig zu essen , viel Sperber , Kauzen und Falken sind , die dich fressen ; halt du dich zum Roßstall , da man den Hafer schwingt , oder da man drischet , da kann dir ' s Glück mit gutem Frieden auch dein täglich Körnlein bescheren . « » Ja , Vater « , sprach der Sohn , » wenn aber die Stallbuben ihre Schlingen und Sprengsel im Stroh aufstellen , da bleibt auch mancher hängen . « » Wo hast du das gesehen ? « fragte der Alte . » Zu Hof bei den Roßbuben . « » O , mein Sohn , Hofbuben , böse Buben ; bist du zu Hof bei den Dienern gewesen und hast da keine Federn gelassen , so hast du ziemlich gelernet ; du wirst dich in der Welt wohl wissen durchzufressen ; doch siehe dich um , die Wölfe fressen auch oft die gescheiten Hunde . « Der Vater nahm den dritten auch vor sich : » Wo hast du dein Heil versucht ? « » Auf den Fahrwegen und Landstraßen hab ich bisweilen ein Körnlein oder Brotkrümlein angetroffen . « » Dies ist ja « , sagte der Vater , » eine feine Nahrung ; aber merk gleichwohl auf , sonderlich wenn sich einer bücket und einen Stein aufheben will , da ist dir nicht lange zu bleiben . « - » Wahr ist ' s « , sagte der Sohn , » wenn aber einer zuvor einen Handstein im Busen oder Tasche trägt ? « » Wo hast du dies gesehen ? « » Bei den Bergleuten , lieber Vater ; wenn sie ausfahren , dann führen sie gemeiniglich Handsteine bei sich . « » Bergleute , Werkleute « , rief der Vater , » anschlägige Leute ; bist du um Bergburschen gewesen , so hast du was gesehen und erfahren , fahr hin und nimm deiner Sache gleichwohl gut acht ; Bergbuben haben manchen Sperling mit Kobalt niedergeschmissen . « Endlich kam der Vater an den jüngsten Sohn : » Du mein lieber Geckennestle , du warst allzeit der albernste und schwächste , bleib du bei mir auf dem wüsten Bauerhofe , den die Feinde abgebrannt haben ; die Welt hat viele grobe und böse Vögel , die krumme Schnäbel und lange Krallen haben , und nur auf arme Vöglein lauern , und sie verschlucken ; halt dich zu mir und lies die Spinnen und Raupen hier von Baum und Haus ; hier ist kein Blaserohr , keine Schlinge , kein Steinwurf und keine Fuhrmannspeitsche zu fürchten ; hier haben wir beide so eben genug für uns , und so bleibst du lange zufrieden . « » Du mein lieber Vater « , antwortete der jüngste Sohn , » wer sich nähret ohne anderer Leute Schaden , der kommt lange hin , und kein Sperber , Habicht , Aar oder Weihe wird ihm schaden , wenn er zumal sich und seinen ehrlichen Namen Gott alle Abend und Morgen treulich befiehlt , welcher aller Wald- und Dorfvöglein Schöpfer und Erhalter ist , der auch der jungen Raben Geschrei und Gebet hört ; ohne seinen Willen fällt auch kein Sperling auf die Erde . « » Wo hast du das gelernt ? « Darauf antwortete der Sohn : » Als mich der große Windsbraus von dir weg riß , kam ich in eine Kirche ; da speist ich im Sommer die Fliegen und Mücken , die den frommen Leuten um die Ohren summen , und las die Spinnen von den Fenstern , die ihnen das Licht mit ihren staubigen Netzen verhalten , dann hörte ich diese Sprüche predigen ; da hat mich der Vater aller Wesen den Sommer über ernähret , und vor allen grimmigen Vögeln behütet . « » Traun , mein lieber Sohn , fliegst du in die Kirchen und hilfst Spinnen und Fliegen aufräumen , und singst in deiner Einsamkeit zu Gottes Ehre , so wirst du wohl und unverletzt bleiben , und wenn die ganze Welt voll wilder und tückischer Vögel wäre . Denn wer dem Herrn befiehlt seine Sache , schweigt , leidet , wartet , braucht Glimpf und Klugheit , Mut und Ergebung , Ernst und Güte , bewahrt Glauben und Gewissen rein , dem will Gott Schutz und Helfer sein . « Sechstes Kapitel Ritter Brülar . Die Päpstin Johanna . Johannes . Deutschland Der gute alte Bediente blieb , so lange er lebte , der Schutzgeist dieser Kinder , die alle , wie es in kräftigen Familien gewöhnlich , in großer Eigentümlichkeit , in wechselnder Leidenschaft und Feindschaft zu einander , eine kleine Welt in sich begründeten . Das fremdartigste Kind unter allen war der kleine Johannes , der schon vor seiner Geburt so gewaltsame Verwirrung in seiner Welt gestiftet hatte ; er war durch jenes Ereignis beiden Eltern , was sie sich nicht eingestehen wollten , eine unangenehme Erinnerung geworden ; sie ließen es ihn nie fühlen , aber Kinder fühlen die innere Gesinnung der Menschen gegen sie sehr leicht , sobald sie nicht absichtlich hintergangen werden . Wenn die Gräfin von allen andern Kindern sich umklettern ließ , und ihnen die Freude machte zu sagen , jetzt tue es ihr hier oder da weh , und die Kinder eifrig streichelten , gleich endete sie das Spiel , wenn der kleine Johannes es den andern nachmachen wollte ; ich führe nur den einen Fall an , aber es gab unzählige dieser Art , während in allen bedeutenderen ein völlig gerechtes , gleiches Verhältnis zwischen den Kindern beobachtet wurde . Wir wissen , der alte Bediente starb ; der Graf war nach allen Seiten beschäftigt , und die älteren Kinder in einem Alter von acht und sieben Jahren , bedurften nach dem Urteile Kleliens und des Grafen einer eignen Aufsicht , eines männlichen ernsten Unterrichts . Der Krieg hatte die Wege nach Deutschland gesperrt , es mußte daher ein Fremder gewählt werden : man schwankte zwischen verschiedenen Sizilianern ; endlich machte auf dem Schlosse ein französischer Ausgewanderter , der Ritter Brülar , durch Empfehlung der Obristin aus Palermo , seine Aufwartung , und erbot sich zum Hofmeister . Die Obristin wußte nichts von den Leuten , als was sie ihr von sich erzählten , und wie sie sich ihr gefällig zu machen wußten , durch Lustigkeit und gesellige Unterhaltung . Lustig war der Ritter nur in seinem Äußeren , aber das unterschied sie nicht ; sein Inneres war von der Zeit fürchterlich zerrissen , die ihn mit Anlagen , Kenntnissen und Geschicklichkeiten , welche zu den ersten Stellen führen konnten , plötzlich arm gemacht und in Länder verbannt hatte , deren Sprache er nicht einmal hören , vielweniger lernen mochte , von deren Treiben er gar keinen Begriff hatte , und sie darum in sich verspottete , während er sich der Leute durch Artigkeit zu bemächtigen wußte . Seiner politischen Meinung hing er mit ganzer Seele an ; man lobte sie , aber nirgend sah er sie mit Ernst durchgeführt , obgleich manche den Schein davon annahmen ; aus Überdruß und um davon zu leben , überließ er sich der Bekanntschaft reicher Frauen , doch eben der Überdruß , und endlich die Erschöpfung trieben ihn auch hievon zurück ; er wollte ein Philosoph sein und heißen , und dieses Spekulieren brachte ihn wieder ganz in die Gewalt seines politischen Elements . Da er nirgend seine Gedanken in Ausübung bringen konnte , was er den Fürsten und Regierungen sehr übel deutete , so machte er sich , unabhängig von allen bestehenden Staaten , eine eigene politische Einwirkung und Verbindung ; Völker hatte er nie geachtet , nur Systeme und Grundsätze ; er vertraute sich so wenig wie möglich , er wollte die Menschen ohne ihr Mitwissen zum Glücke hinbetrügen . Seine Pläne waren weit aussehend : zuerst mußte er den Menschen die Künste verleiden , damit sie sich der Verzweifelung ganz hingeben , und dem blinden Wirken ; zu diesem Zwecke stiftete er unter andern mit seinen Gleichgesinnten kritische Blätter , die jedem aufstrebenden Talente dreist in die Augen sagen mußten , es vermöge nichts ; es sei überhaupt jetzt die Zeit nicht für Kunst ; insbesondere suchte er sich aber die Kinder anzueignen . Zu seinen entscheidensten Unternehmungen suchte er die ausgezeichneten Kinder zu entführen ; auch war ihm das schon mit mehreren gelungen , die er in einem sardinischen Kloster untergebracht hatte . Wir können nur aus Gerüchten über diese seine Verhandlungen sprechen , seine Sache ist in der Untersuchung wegen der vielen bedeutenden Menschen , die darin verwickelt waren , ganz unterdrückt worden ; wir wissen nur bestimmt von ihm seit seinem Eintritte in das befreundete Haus des Grafen . Er wußte den Grafen durch seinen Ernst , durch seinen Anstand und seine Geschicklichkeiten zu gewinnen ; er focht herrlich , war der beste Schwimmer , ritt wie ein Zentaur ; durch seine Art des Absprechens , das meistens aus tieferer Kenntnis zu kommen schien , imponierte er ihm sogar . Dem Grafen waren die leeren Hülfsmittel des Streits ganz unbekannt ; er konnte sich nicht denken , daß ein Mensch über etwas reden könne , ohne das Streben zu haben es recht eigentlich zu erfassen oder um darüber aus innerer Lustigkeit zu scherzen ; wo er daher den Brülar nicht begriff , da dachte er sich eine höhere Verbindung in ihn hinein . Brülar wurde als Hofmeister der älteren Kinder angenommen ; Vater und Mutter geboten den beiden Knaben unbeschränkte Folgsamkeit gegen ihren Führer . Diese Ermahnung war überflüssig ; in jedem edlen Gemüte ist eine Ergebenheit gegen ausgezeichnete Menschen , die leicht gefährlich werden kann ; wirklich war der Ritter in allem , was sie verstanden , ausgezeichnet : beide überließen sich ihm ganz ; insbesondere schwebte aber Johannes an seinem Blicke , auch er zeichnete den Kleinen durch Härte und Güte aus . Es wurde ihm zuweilen ein leiser Vorwurf von den Eltern gemacht , daß sich dieses Kind gar nicht mehr um sie bekümmere , aber eigentlich war es beiden lieb , denn sie waren durch diese von ihm ausgehende Entfremdung des Scheins überhoben , als liebten sie ihn den andern Kindern gleich . Klelia hatte ihr Bedenken dagegen ; aber sie sah die ausgezeichneten Fortschritte des Kindes , das mit liebevoller Anstrengung aller Kräfte beinahe allen Kindern seines Alters und manchen ältern , auch seinem Bruder überlegen war , und sie teilte mit allen im Schlosse die Achtung gegen den Ritter , der mit seinem ganzen Leben in einer fast schlaflosen Tätigkeit den Kindern anzugehören schien . Er war ungefähr ein Jahr im Schlosse , als die Herzogin mit den Ihren zu einer großen Tragödie eingeladen wurde , die in der Fastnacht in einem Kloster des heiligen Laurentius durch Veranstaltung der Mönche aufgeführt werden sollte . Brülar machte erst einige Einwendungen , ob man Kinder in solche törichte ungeregelte Possen bringen könne ; aber die Gräfin verlangte es und er gab nach , wollte aber selbst wegen eines heftigen Kopfschmerzes nicht mitgehen . Die Fahrt war fröhlich ; die vornehmen Gäste wurden von dem Prior und den ältesten Mönchen des Klosters mit großer Behaglichkeit empfangen ; eine nahrhafte Bewirtung , ein reichliches Trinken war ihnen bereitet . Niemand weiß so zu genießen wie die Mönche , das Essen und Trinken treiben sie wie eine heilige Pflicht . Bald nachher wurden sie in einen großen Eßsaal gebracht , wo das Theater aufgeschlagen war : sie erhielten eigene abgesonderte Sitze ; die Volksmenge lärmte unter ihnen ; die Kinder hatten noch nie etwas der Art gesehen , und meinten , das sei schon die Komödie . Der Prior entschuldigte sich , daß sein Vorschlag ein neueres gutes italienisches Stück des Metastasio zu spielen nicht hätte durchgesetzt werden können , weil das Volk nach alter Gewohnheit durchaus die » Päpstin Johanna « verlangt habe ; der Graf versicherte , das sei ihm auch viel lieber . Unterdessen begann die schlecht zusammengespielte musikalische Vorbelustigung , das Volk sang mit ; endlich ging der Vorhang auf . Der Teufel in grimmigster Gestalt , schwarz , mit rotem Mantel , mit dem Pferdefuße , der Hahnenfeder , erscheint in einer wüsten Gegend und beklagt sich schmerzlich , was ihm durch den Papst für Abbruch geschehe ; er wird dabei von Oferus unterbrochen , der ihm seine Dienste anbietet weil er dem Mächtigsten zu dienen entschlossen sei , und der Heidenkönig , dem er bis dahin gedient , sich vor dem Teufel gefürchtet habe . Der Teufel nimmt ihn mit Freuden an ; er will ihn gleich gegen Rom und gegen den Papst führen , da müssen sie aber bei einem Kreuze vorbei ; das will der Teufel umgehen ; Oferus merkt ' s aber , und der Teufel gesteht seine Furcht , gleich sagt ihm Oferus seine Dienste auf , und will diesem Mächtigeren dienen . Vergebens ruft der Teufel : » Den du da siehst , der ist von Stein ; da ist nicht Geist , da ist nicht Bein , den hat ein Steinmetz ausgemeißelt , mit roter Farbe ist er gegeißelt . « Oferus antwortete ihm : » Wie mächtig ist der Herre mild , daß er im schlechtesten Abbild dich wilden Teufel kann erschrecken ; das muß den Glauben mir erwecken . « - Nach diesen Worten verläßt er ihn , und der Teufel beschließt seinen Plan gegen des Kindes Mutter Maria und gegen das Papsttum auf andere Art durchzuführen ; er spricht : » Durch eine andere Jungfrau , die ganz mein , will ich verdunkeln jenes Thrones Schein . Ich zieh durch meinen Diener Spiegelglanz , ( er kennt mich nicht , darum ist er mir treu ) ein Mädchen auf , als wär ' s ein Knabe ganz , daß sich ' s am Wissen leer und eitel freu . Durch eitles Wissen steigt sie auf den Thron , auf dem einst Petrus auch gesessen schon , und spricht dem alten Christen Hohn , und achtet nicht auf Gottes Straf und Lehr , und jenes Papsttum , das in Schimpf vergangen , wird dann nach meinem Geist ganz neu anfangen ; dies Kind soll sein der Antichrist , der alles zwingt mit seiner List , und die ihn hassen , selbst verführt , nach seiner Pfeif die Welt regiert , daß sie vergehet im Verderben , so will ich für die Hölle werben . « - Hierauf erzählt er , daß er in Mainz ein Mädchen als einen Knaben aufziehen lasse durch den gelehrten Spiegelglanz ; es sei dieses das Kind eines Mönchs und einer Nonne , die mit einander gesündigt hätten , um ungeheuer büßen zu dürfen ; er gehe jetzt hin unter der Gestalt eines großen italienischen Philologen Chrysoloras , dem Unterrichte eine feste Richtung zum Bösen zu geben . Das Theater verändert sich in einen Garten mit einem Lusthause ; er tritt leise in den Garten , wo Johanna , so hieß das Mädchen , mit einer sehr schweren Arbeit beschäftigt war , die biblische Schöpfungsgeschichte in richtigen Alexandrinern zur Preisbewerbung auf der Klosterschule , deren erster Lehrer Spiegelglanz ist , zu erzählen und aufzuschmücken . Nun hatte sie den Tag über in der Bibel mit großer Freude gelesen und nicht davon kommen können ; jede Stunde hatte sie sich der Arbeit erinnert , aber weder die Feder noch die Zeitmessung der deutschen Sprache angerührt , die ihr Spiegelglanz als sein Lieblingsbuch zur Seite hingelegt hatte ; noch konnte sie sich entschließen , in dem Reimwörterbuche und in der Poetik zu lesen , die Spiegelglanz ihr besonders empfohlen hatte . Das gefiel dem Teufel gar nicht ; er beschloß , durch die Stimmen aller in der Sommerluft schwärmenden , singenden , rauschenden Wesen , die kleine Johanna von der Arbeit zu rufen , die eben wieder aus dem Psalter nach der Schöpfungsgeschichte zurück geblättert hatte , ihre Arbeit endlich ganz ernstlich zu beginnen . - Wir wollen hier ihr ganzes Selbstgespräch mitteilen . Gartenhaus mit offenen Türen Johanna an einem Tische mit Büchern und Schriften liest und schreibt abwechselnd , dann liest sie vor : Und Gott sprach : » Es werde Licht « , und es ward Licht ... Die Blumen im Fenster Wir welken im Licht Begießt du uns nicht , Wir schließen uns bald , Es dunkelt im Wald . Johanna liest weiter : Und Gott sprach : » Es sammle sich das Wasser unter dem Himmel an abgesondertem Orte , daß man das Trockne sehe . « Und Gott sehe , daß es gut war . Der Röhrbrunnen vor der Türe Ich laufe über , Komm her , du Lieber Und schöpf mich aus , Sonst lauf ich ins Haus . Johanna liest weiter : Und Gott machet die Tier auf Erden , ein jeglichs nach seiner Art , und das Vieh nach seiner Art , und allerlei Gewürm auf Erden nach seiner Art. Und Gott sahe , daß es gut war . Der Vogel auf dem Baume am Fenster Hör wie die Raupen Fressen im Laub ; Mußt ' s nicht erlauben , Strafe den Raub , Liebliches Kind , Hilf mir geschwind . Johanna liest weiter : Und Gott sprach : » Lasset uns Menschen machen , ein Bild , das uns gleich sei ; die da herrschen über die Fische im Meer und über die ganze Erde und über alles Gewürm , das auf Erden